Der neue Trabant – ein viel beachtetes Comebackvon Sylvie Lagnous, Übersetzung Sina Lebert, erschienen am 1.1.2010
Er ist mutig und eigensinnig, zweifelt an nichts. Er trotzt den Zufällen der Geschichte und reckt nach einer Rundumerneuerung selbstbewusst seine Schnauze auf der Bühne der Frankfurter Automobilmesse. Einst in senfgelb, olivgrün, und schließlich einem schicken bonbonrosa gestrichen, präsentiert er sich heute neu aufgemacht in blauem Gewand mit grüner Tönung.
Er? Die Rede ist vom Trabant, von den Ostdeutschen auch liebevoll »Trabi« genannt. Dieses Jahr hat er auf der Frankfurter Automobilmesse als Elektroauto New Trabi nT sein großes Comeback gefeiert und für großes Aufsehen gesorgt.
Das kleine Auto aus schlechten Zeiten Seine Geschichte beginnt im Jahr 1957. Die VEB Sachsenring Automobilwerke in Zwickau, Sachsen – zu dieser Zeit Teil der sowjetischen Besatzungszone – beginnt mit dem Bau eines kleinen Standardautos für die breite Bevölkerung, des P50, der vier Bedingungen erfüllen soll: Er sollte Platz für vier Personen bieten, preisgünstig, robust und langlebig sein. Der Trabant wird von einem weniger als 20 PS starken Zweitaktmotor angetrieben, der quer eingebaut ist – eine Innovation, ob es den Erfindern des später entstandenen Minis, die für diese Idee die Urheberschaft reklamieren, gefällt oder nicht. Der Trabant existiert in vier Ausführungen: Kombi, Limousine, Cabriolet, und als für die NVA konzipierter Geländewagen. Er verändert sich bereits 1963 merklich und 1964 erscheint mit dem P601ein umgearbeitetes Modell, das seine Erscheinungsform bis 1994 behalten wird. Doch seine Tage sind gezählt!
Zwanzig Jahre sind seit dem Fall der Mauer vergangen, der Eiserne Vorhang ist gefallen, die DDR existiert nicht mehr, all dies gehört der Vergangenheit an, der Trabant jedoch rollt noch immer, trotz seines kleinen Motors, der nach stark verbranntem Öl stinkt, und trotz seiner übelriechenden Abgaswolken beim Anlassen. Und was soll man erst zu seiner wenig ästhetischen Karosserie sagen, die an eine Seifenkiste, eine »Rennpappe« erinnert, und Zeugnis ablegt von der damaligen Materialknappheit und … sehr beschränkt für die großen Maße ist. Dennoch ist es raffiniert, logisch, gewagt, dieses kleine sympathische Auto, aber auch …ziemlich pathetisch! Aufgrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs aus Duroplast, einem Kunststoff aus Phenolharz und Baumwolle, hergestellt, bietet es kaum mehr Sicherheit als ein Sarg auf Rädern. Hinzu kommt eine unzureichende Mechanik. Dennoch erreicht der Trabant bei Rückenwind eine Spitzengeschwindigkeit von 90 km/h. Sprechen wir gar nicht erst von dem »pet … pet … pet« des zweizylindrischen Zweitaktmotors, damals eine wahre Innovation, oder vom »Komfort« dieses Klapperkastens auf Rädern. Das kleine Auto ist leider sehr umweltschädlich, hat einen hohen Energieverbrauch gemessen an seiner eher durchschnittlichen Leistung. Gegen Ende des Kalten Krieges war es sogar notwendig, den zurückgelassenen Autowracks auf Schrottplätzen Bakterien »einzuimpfen«, um sie zum Verfall zu bringen. Bliebe noch hinzuzufügen, dass die Mechanik, so genial sie auch sein mag, zumeist schlecht altert.
Und trotz dieser großen Mängel, verkörpert dieses kleine Auto aus düsteren Tagen, das im Laufe der Jahre Opfer vieler Anzüglichkeiten geworden ist und amüsiertes Lächeln hervorruft, den Traum der Ostdeutschen, sich in der DDR und den Ostblockstaaten bewegen zu können. Einen Trabi zu besitzen bedeutete vor dem Fall der Mauer einen gewissen Wohlstand. Natürlich bedurfte es einer unendlichen Geduld, wenn man einen Trabant bestellte: teilweise vergingen bis zur Lieferung zehn Jahre, die Bezahlung erfolgte bei Bestellung. Der Trabi war alles, wonach die Ostdeutschen zu dieser Zeit streben konnten. Er kann sogar damit prahlen, als Gebrauchtwagen teurer gewesen zu sein als als Neuwagen. Ein Symbol der Ostalgie Heute gibt es noch etwa 500.000 glückliche Trabi-Besitzer in Deutschland, die anderen haben sich nach dem Fall der Mauer schnell ihres Autos entledigt – für viele auch Symbol einer schmerzhaften Vergangenheit. Einige Ostdeutsche realisieren jedoch, dass sich die deutsche Wiedervereinigung nicht ohne Schwierigkeiten gestalten wird. Es überleben die Nostalgie, das Bedürfnis, sich die ostdeutsche Identität wieder anzueignen. Gegen Ende der 1990er Jahre stehen DDR-typische Produkte im Mittelpunkt eines neubelebten Interesses: CDs, Möbel im DDR-Design, Fernsehserien, die auch Zeugen einer Epoche darstellen. Der Trabant, dieses kleine Auto »von der anderen Seite der Mauer« ist nach der Wiedervereinigung ein Kultobjekt und begehrtes Sammlerstück geworden. Nach dem Produktionsstopp eines letzten bonbonrosafarbenen Exemplars im April 1991 ist der Mythos Trabi geboren, aufrecht erhalten von leidenschaftlichen Anhängern und Nostalgikern, die sich in Vereinigungen und Vereinen organisieren, gegenseitig Ersatzteile austauschen, Zusammenkünfte und Besitzer-Treffen veranstalten. So ist das »kleine Auto aus harzgehärtetem Pappmaché« ein Identifikationsobjekt der bedingungslosen Ostalgiker, ähnlich wie der Käfer ein Wahrzeichen des Westens wurde.
Im Internet sind ihm ganze Seiten gewidmet, man kann ihn sogar für Hochzeiten mieten. Das alles überragende Symbol ist jedoch die Fahrt des kleinen knatternden Autos durch das Brandenburger Tor in den Westen am 9. November 1989 – ein Bild, das um die Welt gegangen und unsterblich geworden ist. Die Rückkehr als Trabi nT Mit seinem Auftritt als modernes Elektroauto NewTrabi nT auf der IAA Frankfurt 2009 sorgt der Trabant wieder für Schlagzeilen. Es handelt sich um einen vollständig überarbeiteten und nunmehr größeren Prototypen, der nur noch vage an das Original erinnert: der Trabi nT hat die zwei großen, kaum veränderten kulleraugenförmigen Scheinwerfer und die Kastenform, die gleichwohl mit schmeichelhaften Rundungen aufwartet, behalten. Doch hier endet die Ähnlichkeit bereits. Der alte Trabant und sein auf Nüchternheit bedachter Komfort entstammten der Geschichte einer Epoche, eines Volkes und eines Landes. Der neue Trabi nT ist nichts als ein schwaches Spiegelbild, er hat nicht mehr den Charme des damaligen Trabis, keine Reste des Veralteten. Dieses Auto ist kein »Volksauto«, auch nicht in finanzieller Hinsicht! Aber es entspricht den aktuellen ökologischen Ansprüchen.
Die Idee, den Trabant zwanzig Jahre nach dem Mauerfall wieder aufleben zu lassen, geht auf den Miniaturmodellhersteller Herpa zurück, der die Rechte an dem Automobil Trabant besitzt. Herpa wird von dem Designer Poschwatta und dem Automobilzulieferer IndiKar unterstützt. Der Erfolg der Miniaturmodelle hat die Initiatoren davon überzeugt, den modernisierten Trabi zu präsentieren. Wenn alles gut geht und die Suche nach Investoren erfolgreich verläuft, könnte diese Neuauflage des Trabant 2012 auf den Markt kommen, ebenso wie andere angekündigte Elektroautos. Aber die Initiatoren des Projektes, die auf nachhaltige Mobilität setzen, beklagen sich über die geringe Begeisterung, die ihnen von Seiten der Regierung entgegenschlägt.
Ist dieses Comeback eine günstige Gelegenheit, Kunden anzuziehen? Ein Mittel, die DDR-Nostalgie zu instrumentalisieren? Es ist zu erwarten, dass die neue Aufmachung des Trabant trotz des hohen Preises auf ein geteiltes Echo stoßen wird. Darüber hinaus wäre es erforderlich, dass die Investoren Interesse daran zeigten, dieses Auto aus stürmischen Zeiten eine Renaissance erleben zu lassen und sich für seine Kommerzialisierung einzusetzen. Auf jeden Fall wird dieser neue Trabi sehnsüchtig erwartet: 90% aller befragten Personen gaben an, die Rückkehr des Trabi zu begrüßen. 
Persönlichkeitsentwicklung und Karrieresprungbrettvon Kerstin Neuroth, erschienen am 01.10.2009
Eine Kultur war ihm nicht genug: Otto Theodor Iancu hat in Rumänien studiert, in Deutschland seinen Doktor gemacht und ging schließlich zum Arbeiten nach Frankreich. Weil er seine Erfahrungen, die er in beiden Ländern diesseits und jenseits des Rheins gemacht hat, auch anderen ermöglichen möchte, setzt er sich seit Jahren für die deutsch-französische Hochschulkooperation ein. Seit 1996 leitet der einstige Physikstudent und promovierte Ingenieur als Professor für Technik, Mechanik und Werkstoffkunde den Ingenieurstudiengang Fahrzeugtechnologie, den die Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft (HsKA) und die Ecole Nationale Supérieure des Mécaniques et des Microtechniques de Besançon (ENSMM) gemeinsam aufgebaut haben. Im Mai 2009 wurde er zum Vizepräsidenten der Deutsch-Französischen Hochschule und Präsidenten des Deutsch-Französischen Forums gewählt. Im Interview mit rencontres.de berichtet Prof.-Dr. Ing. Iancu von seinen Erfahrungen und wirbt dafür, dass gerade auch Studierende der Ingenieurswissenschaften den Blick über den eigenen Tellerrand wagen.
Herr Professor Iancu, Sie haben in Bukarest studiert und in Karlsruhe promoviert. Wann haben Sie angefangen, sich für die deutsch-französische Kooperation zu interessieren?
Schon auf dem Gymnasium war Französisch meine erste Fremdsprache. Nach meinem Studium war ich dann als Wirtschaftsvertreter für RWE in Frankreich tätig, bei einem europäischen Projekt, das von EDF (Électricité de France) in Lyon aus gesteuert wurde. So kam ich in den direkten Kontakt mit Frankreich, mit seinerMentalität und der Wirtschaft.
Was hat Sie daran besonders gereizt?
Es war eine sehr schöne Erfahrung für mich. Ich habe mich dort – auch sprachlich – sehr wohl gefühlt. Viele Erfahrungen waren komplementär zu dem, was ich in Deutschland kennen gelernt habe. Ich habe die Mentalität der Franzosen als gute Ergänzung zur deutschen wahrgenommen. Ich fand es sehr reizvoll, auf Dauer abwechselnd in beiden Ländern tätig zu sein. Deshalb habe ich daran festgehalten, als ich aus der Wirtschaft an die Hochschule gewechselt bin. In Karlsruhe wurde ein neuer Studiengang aufgemacht, der von Anfang an deutsch-französisch ausgerichtet war. Dort habe ich mich beworben und dann die Berufung angenommen.
Worin bestehen Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Ingenieurausbildung in Deutschland und Frankreich?
In unserem Fall handelt es sich um eine besondere Art von Kooperation. Sie müssen bedenken, dass die HsKA eine Fachhochschule und von daher sehr praxisorientiert ist. Die Hochschule in Besançon dagegen ist eine Grande Ecole sur classe préparatoire und von daher sehr theoretisch ausgerichtet. Es war nicht einfach, diese beiden Systeme miteinander zu verknüpfen.
Was ist das Beste, das die beiden Hochschulen voneinander gelernt haben?
Das ist eine sehr gute Frage. Zum ersten hat Besançon von uns gelernt, dass man die Praxis stärker einbeziehen muss. Zuvor war dort kein Praxissemester oder stage (Berufspraktikum, Anm. d. Red.) vorgesehen. Die Studierenden sind nur zwischen den Semestern für kurze Aufenthalte in die Unternehmen gegangen. Jetzt hat die ENSMM einen halbjährigen Praxisaufenthalt nach unserem Vorbild eingeführt. Zum zweiten fand das stage de fin d’études (abschließendes Berufspraktikum, Anm. d. Red.) in Besançon früher hauptsächlich in den Forschungslaboratorien an der ENSMM selbst statt. Bei uns in Karlsruhe gingen die Studierenden für ihre Diplomarbeiten zu über 90 Prozent in die Industrie. Der Austausch hat dazu geführt, dass unsere Studierenden nun auch Abschlussarbeiten in der Forschung, die französischen Studierenden auch in der Industrie machen. So haben beide voneinander gelernt.  |  | |
Lassen sich Unterschiede feststellen zwischen den Studierenden, die während ihres Studiums in Karlsruhe geblieben sind, und denen, die nach Frankreich gegangen sind?
Ja absolut. Zum ersten führt ein Aufenthalt in einem anderen Land dazu, dass sich die Persönlichkeit weiterentwickelt. Das ist bei den Studierenden, die in Frankreich waren, ganz deutlich zu sehen. Wenn sie nach zwei Jahren zurückkommen, haben sie eine viel breitere Sicht auf die Welt. Sie interessieren sich nicht nur für das Fach an sich, sondern zunehmend auch für das Zwischenmenschliche und das soziale Umfeld. Zum zweiten haben sie ein anderes System kennen gelernt und gehen oft Wege, die für FH-Absolventen nicht typisch sind.
Inwiefern verändern sich die Berufswege vor dem Hintergrund der deutsch-französischen Erfahrung?
Für unsere Studierenden hatte der französische Abschluss gegenüber dem normalen FH-Diplom den Vorteil, aufgrunddder fünfjährigen Studiendauer mit einem Universitätsabsolventen gleichgestellt zu sein. Das eröffnete ihnen den direkten Zugang zur Promotion. Auch sonst verändert der Abschluss das Berufsbild. Viele Unternehmen stufen unsere Absolventen mit deutsch-französischem Diplomvom Gehalt her höher ein. Sie bekommen größere Verantwortung, werden beispielsweise Projekt-, Gruppen- oder Abteilungsleiter und sind auch für das Management gut geeignet.
Sie sprachen von der positiven Erfahrung, in einer anderen Kultur zu leben. Glauben Sie, dass diese Erfahrungen auch über den deutsch-französischen Kontext hinaus tragen?
Absolut. Ich erlebe, dass die Fachkräfte mit deutsch-französischem Abschluss auch eher bereit sind, in ganz andere Länder zu gehen. Aktuell kenne ich zum Beispiel jemanden, der als Projektleiter nach China gegangen ist. Das heißt, wenn man einmal in ein anderes Land geht, öffnet sich sozusagen eine Tür und man ist auch für andere Länder leichter zu haben.
Wie wichtig ist es Ihnen, die Kooperationen der deutsch-französischen Hochschule auf andere Länder zu erweitern?
Das ist mir sehr wichtig. Wir haben bereits Programme, bei denen eine deutsche und eine französische Hochschule mit einem dritten Partner aus einem weiteren Land zusammenarbeiten. Es ist natürlich eine Frage der Organisation und der Sprachen. Zu viele Sprachen wären eine Überforderung für die Studierenden. So muss es – bis auf Ausnahmen im Fall von Englisch, das Sie heutzutage brauchen – bei Deutsch und Französisch als Unterrichtssprachen bleiben. Es ist schwer vorstellbar, eine andere Sprache, wie Rumänisch, Polnisch oder Russisch mit einzubeziehen. Was ich mir dagegen sehr gut vorstellen kann, ist, vermehrt Studierende aus anderen Ländern in unsere Studiengänge aufzunehmen.
Haben Sie eine Vision, die sie während Ihrer Vizepräsidentschaft vorantreiben möchten?
Wir sind in ständiger Beratung im Präsidium und in der Geschäftsleitung. Unsere Vision ist es, die Deutsch-Französische Hochschule in den nächsten zehn Jahren stark zu erweitern. Aktuell können wir die große Nachfrage gar nicht abdecken. Wir möchten mehr Studiengänge etablieren, den Forschungsbereich ausweiten, die Doktorandinnen und Doktoranden besser vernetzen und vermehrtStudierenden aus anderen Ländern den Zugang zu diesem Forschungsnetzwerk eröffnen.
Das Interview führte Kerstin Neuroth. 
Lebensgefährlich oder effizient? Kleiner Wegweiser durch den französischen Straßenverkehrvon Irina Mützelburg, erschienen am 15.06.2009
Der französische Straßenverkehr ist unter deutschen Touristen berüchtigt. Nicht wenige ziehen nach einem Frankreichurlaub den Schluss: »Franzosen fahren wie die Irren und gehen über die Straße, wann sie wollen.« Berechtigte Vorwürfe oder kulturell bedingtes Unverständnis? Es gibt jedenfalls einige Möglichkeiten, halbwegs sicher und schnell durch französische Städte zu kommen.
Lektion 1: Eine rote Ampel ist für französische Fußgänger kein Grund zum Stehenbleiben Wer in Deutschland an einer roten Ampel die Straße überquert, wird meist mit missbilligenden Blicken von anderen Passanten gestraft, zum Teil wird ein solcher »Revoluzzer« sogar von den Umstehenden zurecht gewiesen. Auch Polizisten halten sich zeitweise an deutschen Straßenecken auf, um »Bei-Rot-Überquerer« zu ermahnen und gegebenenfalls die Belehrung mit einem Bußgeld zu unterstreichen.
Franzosen hingegen scheinen eher tadelnd zur Kenntnis zu nehmen, wenn jemand nicht bei Rot über die Straße geht, obwohl keine Autos in Sicht sind oder diese still stehen. Der brav Wartende wird von den anderen Verkehrsteilnehmern kritisch betrachtet. Akzeptable Entschuldigungen sind nur: Die Person ist in Gedanken versunken, bepackt mit mindestens einem Klavier oder altersbedingt nur zur Fortbewegung im Schneckentempo fähig.
Dennoch ist das Verhalten weniger tollkühn als es vielen Deutschen auf den ersten Blick scheinen mag. Der französische Durchschnittspassant blickt aufmerksam nach links und rechts und mustert den wartenden Autofahrer. Sieht letzterer aus, als würde das Überfahren von Fußgängern zu seinen Hobbys zählen? In diesem Fall überlässt auch ein Franzose lieber dem Auto die Vorfahrt. Im Allgemeinen aber geht der französische Fußgänger nun entschiedenen Schrittes über die Fahrbahn. Lektion 2: Ein französischer Zebrastreifen ist keine Garantie für eine freie Fahrbahn Deutsche Passanten sind daran gewöhnt, dass ihre schiere Präsenz vor einem Zebrastreifen den Autofahrer zum Anhalten veranlasst. Laut der deutschen Straßenverkehrsordnung sind Autofahrer verpflichtet, Fußgänger am Zebrastreifen den Vortritt zu lassen. Franzosen überrascht dieses Verhalten sehr. Nicht erst in der Fahrschule lernen sie, dass das Auto nur unter bestimmten Umständen stoppen muss. »Was muss man tun, um einen Zebrastreifen passieren zu können?«, fragt der ratlose Deutsche. »Être engagé«, ist die Antwort Doch was bedeutet das?
Theoretisch genügt es, die Fahrbahn betreten zu haben. In der Praxis hingegen ist die Erklärung etwas heikler. Reicht es einen Fuß jenseits der Bordsteinkante aufzusetzen? Kann man so vorbereitet das herankommende Auto hoffnungsvoll ansehen und erwarten, dass es anhält? Die Antwort lautet nein. In der Praxis bedeutet das »Betreten« der Fahrbahn, energischen Schrittes über die Straße zu stapfen. Ängstliche Deutsche wenden hier gerne ein, man könne nicht vorher wissen, ob der Autofahrer bremsen werde. Man laufe also quasi auf gut Glück los, in der Hoffnung, der französische Autofahrer werde dieses Betreten der Fahrbahn als ausreichend »engagé« betrachten. Entgegen aller Befürchtungen funktioniert das französische System jedoch sehr gut. Als Fußgänger sollte man in Frankreich deshalb einfach zügig losgehen und dabei die Autofahrer im Blick behalten. Im Allgemeinen lassen diese einen dann anstandslos passieren. Sind die Deutschen zu folgsam oder die Franzosen zu wild? Das Bild der Deutschen, die ausschließlich bei grüner Ampel die Straße überqueren und selbst bei leerer Fahrbahn solange ausharren, bis sie die Erlaubnis erhalten, sich in Bewegung zu setzen, prägt das Image der Nation im Ausland. Der Deutsche, der regelgetreu und ohne selbst nachzudenken an der autoleeren Straße wartet, scheint das Stereotyp des obrigkeitsgläubigen Untertanen zu bestätigen.
Allerdings werden auch in Frankreich zunehmend Maßnahmen getroffen, um das Verkehrsverhalten der Franzosen zu zähmen. Die International Road Traffic and Accident Database (IRTAD) dokumentiert zwar für die vergangenen Jahre eine ähnliche Anzahl von Verkehrstoten in Deutschland und Frankreich. Auf die größere Einwohnerzahl umgerechnet, finden in Deutschland allerdings weniger Menschen den Tod im Straßenverkehr. Angesichts dieses höheren Prozentsatzes bemüht sich beispielsweise die Verwaltung in Nancy nun, die französische Gewohnheit des Tempoüberschreitens etwas einzudämmen. An vielen Straßen stehen Geschwindigkeitsmesser, die rot leuchten, wenn ein Fahrzeug zu schnell fährt. Ob sich die Franzosen von einem roten Lämpchen beeindrucken lassen, wird sich zeigen. 
Wider das VergessenEin Interview von Thomas Körbel, erschienen am 01.10.2008
Pierre Monnet* ist ein Deutschfranzose wie er im Buche steht. Geboren in Montreuil, zwei Monate nach der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags durch Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, ist er heute privat wie beruflich eng mit beiden Ländern verbunden. Unter Historikern gilt er als Deutschlandspezialist und hat unter anderem in Frankfurt, Göttingen und Paris mittelalterliche Geschichte gelehrt. Er ist Präsident des Deutsch-französischen Forums (DFF) in Straßburg sowie Vize-Präsident der Deutsch-französischen Hochschule (DFH). 2009 wird er das Amt des Präsidenten der DFH übernehmen. Rencontres.de hat er von seinen Zielen erzählt.
Herr Monnet, Sie sind seit Jahren im deutsch-französischen Milieu tätig. Woran denken Sie spontan beim Thema Deutschland?
An das Land, das in Europa am verschiedensten und zugleich am komplementärsten zu Frankreich ist. Was mich bei meiner Arbeit interessiert, ist nicht, Gemeinsamkeiten zu finden oder zu harmonisieren. Das wäre furchtbar langweilig. Es ist viel spannender, die Differenzen dergestalt zu verarbeiten, dass sie doch eine Bereicherung darstellen. Dabei denke ich zum Beispiel an verschiedene territoriale, politische und soziale Modelle. Es tut Franzosen immer gut zu wissen, dass es nicht nur das französische Modell gibt, Staat und Zentralismus, sondern dass Europa auch andere Traditionen kennt wie die föderalistische.
Sie haben zehn Jahre in Deutschland gelebt, studiert und gearbeitet. Wie hat das damals begonnen?
Das war, als ich meine Magisterarbeit über die deutsche Geschichte im Spätmittelalter geschrieben habe. Es fing mit einem langen Aufenthalt in Stuttgart an – auf freiwilliger Basis. Damals gab es noch keine integrierten, strukturierten Studiengänge. Das habe ich bedauert und umso mehr freue ich mich jetzt, dass wir mit der DFH solche Strukturen geschaffen haben.
Damit starteten Sie eine steile deutsch-französische Karriere. Ist das der übliche Weg?
Häufig, wenn Sie mit Leuten aus dem deutsch-französischen Milieu sprechen, ist der erste Schritt immer etwas kompliziert. Man muss ihn wagen. Aber hat man ihn einmal getan, bleibt man umso länger. Ich bin inzwischen mit einer Deutschen verheiratet und meine Kinder sind zweisprachig. Diese Art des »Feinschliffs« ist für viele ein ganz gängiger Weg.
Als zukünftiger Präsident der DFH haben Sie historisch gesehen eine einmalige Aufgabe in den deutsch-französischen Beziehungen inne. Muss man Historiker sein, um dieses Amt in all seiner Dimension begreifen und ausfüllen zu können?
Ich glaube, ohne Geschichte ist es gerade zwischen Deutschland und Frankreich sehr schwierig, Dinge zu verstehen. Was mich beunruhigt, ist, dass wir es nach einer Phase der Aussöhnung und des privilegierten Verhältnisses der beiden Länder heute mit einer gewissen Gleichgültigkeit zu tun haben. Da muss man sehr aufpassen. So eine Indifferenz kann sich dann einstellen, wenn zwei essentielle Dinge in Vergessenheit geraten, nämlich die Sprache und die Geschichte.
Wo kommt dieses Vergessen her?
Das hat mit dem Generationenwechsel zu tun. Das Deutsch-Französische erscheint einigen Menschen mittlerweile altmodisch. Für die jungen Menschen sind der Zweite Weltkrieg und der Wiederaufbau nur noch virtuell. Die familiären Erinnerungen verblassen allmählich, da die wenigsten den Krieg miterlebt haben. Zudem wächst an den deutschen Universitäten gerade eine Generation heran, die nicht einmal die DDR miterlebt hat. Das ist ein Novum für Deutschland. Was passieren kann, wenn nicht mehr lebendig gemacht wird, wie grausam es in Europa einst zugehen konnte, haben wir im ehemaligen Jugoslawien gesehen. Europa ist wirklich ein spannender Schauplatz, aber gerade aufgrund der Vielfalt auch sehr gefährlich. 45 Staaten, mehr als 70 Sprachen, fünf Religionen - da muss man sehr aufpassen, dass es nicht auseinanderdriftet. Deswegen ist dieser historische, bilaterale Kern umso wichtiger. Also ich verstehe gar nicht, wie man das als altmodisch abtun kann.  |  | |
Warum engagieren Sie sich im deutsch-französischen Milieu?
Weil ich glaube, dass es Zukunft hat, weil ich ein überzeugter Europäer bin, und weil ich denke, dass der Weg zu Europa über das deutsch-französische Verhältnis führt. Das kann von außen gesehen sicher als ein bisschen engstirnig interpretiert werden. Innerhalb Europas ist es jedoch noch immer die spannendste Beziehung, die man sich vorstellen kann. Das soll natürlich nicht heißen, dass die Beziehung zwischen Franzosen und Italienern nicht interessant wäre.
Sie werden am 1. Januar 2009 Präsident der DFH. Wie gelangt man in diese Position?
Im Grunde bewirbt man sich auf diesen Posten wie auf jeden anderen auch. Letzten Endes wählen dann alle 160 an der DFH beteiligten Hochschulen gemeinsam den Präsidenten.
Man muss sich also schon einen Namen gemacht haben.
Richtig. Damit man aber die Legitimität hat, mit allen Hochschulen auf gleicher Ebene zu sprechen, braucht man eine akademische Laufbahn. Für diese Stellen kommen daher nur Universitätsprofessoren in Frage und keine Manager. Zwar ist es wünschenswert, dass die Person Managerqualitäten mitbringt, denn es geht um Strategien und viel Geld. Aber ohne wissenschaftliche Legitimität geht es nicht.
Herr Leonhard, den Sie Anfang des Jahres ablösen werden, ist bereits Präsident der Hochschule Mannheim. Sehen Sie die DFH für sich als eine Art Karrieresprungbrett?
Das könnte man denken, zumal in den vergangenen zwei Jahren nicht nur die Präsidenten, sondern auch andere Mitarbeiter vermehrt höhere Stellenangebote bekommen haben. Dass die DFH ein Sprungbrett bilden kann, steht außer Zweifel, doch am Ende hängt es von jedem selbst ab, was sich der Betroffene für eine Karriere vorstellt - möchte er zurück in die Forschung, oder will er sich umorientieren und Hochschulpolitik betreiben.
Und welche Karriere stellen Sie sich vor?
Ich weiß noch nicht, ob ich nach diesem Mandat eine zweite Amtszeit anstreben werde oder ob es mich zurück in Lehre und Forschung zieht. Sicher ist, wenn ich zurück in die Forschung gehe, dann wird es weiterhin eine deutsch-französische Laufbahn sein. Wir sprechen häufig von einer europäischen Forschungslandschaft. Eigentlich denken wir dabei aber nur an Diplome und Studenten. Die nächste Stufe wird sein, Forschende und Lehrende zu qualifizieren, denn auch die müssen mobil und interkulturell bewandert sein. Sonst laufen wir Gefahr, dass in Zukunft die Studenten häufiger zweisprachig, interkultureller und mobiler sind als die Professoren, und das wäre eine gefährliche Kluft. Mich interessiert Mobilität zwischen beiden Ländern. Man muss vielleicht an neue Lösungen denken, wie zum Beispiel deutsch-französische Lehrstühle und Institute.
Binationale Doktorandenkollegs sind ein erster Schritt und in dem Bereich sind Sie ja bereits tätig.
Ja, ich habe ein Kolleg zwischen der Humboldtuniversität in Berlin und meinem eigenen Forschungsinstitut gegründet. Das läuft jetzt seit drei Jahren sehr gut. Inzwischen haben wir 20 Doktoranden und an der DFH gibt es mittlerweile 30 solcher Kollegien. Unsere institutionellen Partner, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Centre national de la recherche scientifique, sind sehr daran interessiert. Es ist mein strategisches Ziel, die DFH auf der Ebene der Doktorandenausbildung zu positionieren. Was sind außerdem Ihre Ziele als DFH-Präsident?
Erstens wollen wir die Zahl der Studenten in den kommenden zehn Jahren auf 10.000 verdoppeln. Ich glaube, das können wir schultern, und der Arbeitsmarkt kann es verkraften. Zweitens dringend die Mobilitätsbeihilfe erhöhen. Zurzeit beträgt sie 250 Euro pro Monat. Es ist höchste Zeit, sie auf 300 Euro zu erweitern, um konkurrenzfähig zu bleiben. Bei etwa 5000 Studenten geht es damit um Millionen. Aber beide Länder fahren zurzeit eine engagierte Hochschulpolitik. Es würde mich wundern, wenn das Deutsch-Französische noch eine Priorität in beiden Ländern darstellt, wenn sich nicht zwei oder drei Millionen Euro für die DFH finden ließen. Andernfalls muss man das begründen, und dann bin ich für diesen Dialog offen, und wir müssten über eine eventuelle Mischfinanzierung aus öffentlichen und privaten Geldern nachdenken. Drittens müssen wir uns überlegen, ob die DFH in Richtung Trilateralisierung gehen sollte. Ein denkbares Modell wäre zum Beispiel eine Erweiterung der Studiengänge auf die deutsch- und französischsprachigen Länder, das heißt Österreich, Schweiz, Luxemburg und Belgien. Oder, ob die DFH parallel eine thematische Entwicklung suchen und schauen sollte, wo wir noch Studiengänge schaffen können, zum Beispiel im Bereich der Nanotechnologie.
Sie haben schon früher die knappe Finanzlage der DFH beklagt. Ist Unterfinanzierung ein Zeichen mangelnden Interesses an der DFH von Seiten der beteiligten Regierungen?
Das ist die entscheidende Frage, und wir werden sie immer wieder stellen. Ich meine, das Interesse ist da, manchmal vielleicht unbewusst. Deswegen müssen wir weiter erklären, dass die DFH immer noch attraktiv ist, und es ist unsere Aufgabe zu formulieren, worin diese Attraktivität liegt. Ich erwarte nicht von den Ministerien, dass sie mich überzeugen. Ich muss das tun mit Ergebnissen und Ideen. Aber wir müssen zumindest wissen, ob das Deutsch-Französische noch Priorität hat.
Herr Monnet, wo fühlen Sie sich nach all den Jahren und Tätigkeiten in einer deutsch-französischen Welt am meisten zu Hause?
Bei meiner Familie, mit deutsch-französischen Kindern und einer deutschen Frau. Ansonsten ist es als Franzose immer interessanter, in Deutschland für eine längere Zeit zu arbeiten.
* Pierre Monnet lehrt neben seiner Tätigkeit an der DFH mittelalterliche Geschichte an der École des hautes études en sciences sociales in Paris. Dieser Artikel als PDF in beiden Sprachen monnet.pdf (AdobeReader»Download) 
Eine Hängematte auf Rädernvon Odile Zeller, Übersetzung Helene Greubel, erschienen am 15.09.2008
Der 2CV feiert seinen 60. Geburtstag. Nach 41 Jahren guter und redlicher Dienste pensioniert, war er jahrelang das Lieblingsauto der Franzosen.
Der »deuche« (eine Abkürzung für »deux chevaux«, »zwei Pferde«), das Markenzeichen einer ganzen Epoche, ruft Erinnerungen an Picknicks am Straßenrand und Ausflüge wach, bei denen die Insassen mit wehenden Haaren auf den Rücksitzen standen und vor Lebensfreude johlten. Mit ihm kommt man überallhin, er nimmt es mit jeder Landstraße auf und kehrt von Rallyes durch Afrika oder Asien stets siegreich heim.
»Vier Räder unter einem Regenschirm«: Dieser Scherz beschreibt die TPV (steht für Très Petite Voiture, zu deutsch: ganz kleines Auto), als 2CV vermarktet, sehr treffend. Sie wurde 1935 mit einem äußerst präzisen Lastenheft entwickelt: vier Sitzplätze, 50 kg Gepäck, 2CV (wobei CV für »Chevaux Vapeur« steht, zu deutsch »Dampfpferd«, der französischen Steuereinheit für Autos, und nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen wird, für die PS), eine Spitzengeschwindigkeit von 60 km/h, drei Gänge, eine einfache Wartung und ein Verbrauch von vier bis fünf Litern auf 100 Kilometer.
Der erste wurde 1938 angemeldet, deshalb feiert der 2CV eigentlich seinen 70. Geburtstag, in den Kriegswirren kommt die Serienfertigung jedoch erst 1948 in Gang. Drei Modelle, die in letzter Minute gerettet werden konnten, wurden in den Besatzungsjahren auf den Dachböden von Citroën in der Gemeinde Ferté-Vidame und den Kellern des Pariser Konstruktionsbüros in der rue du Théâtre versteckt. Die Anfänge sind schleppend, Spezialisten lassen kein gutes Haar an der »Sardinenbüchse«, dem »hässlichen kleinen Entlein« und bekritteln das Fehlen eines Anlassers und den spartanischen Komfort. Die Öffentlichkeit nimmt den 2CV jedoch sehr schnell an: Er ist das kleine, robuste und billige Auto der Nachkriegszeit. Mit ihm kann jeder eine ganz neue Freiheit und seinen bezahlten Urlaub genießen. Aufgrund der starken Nachfrage musste mit Wartezeiten von drei bis fünf Jahren gerechnet werden, wobei der 2CV damals gebraucht teurer war als neu, da ein Gebrauchtwagen sofort zu haben war. 1952 wird er auf dem Land als Postwagen eingesetzt. Landärzte, Pfarrer, Bauern und einkommensschwache Familien zählen zu seinen Hauptkunden. Sein Selbstkostenpreis beträgt jährlich knapp 1000 damalige Francs. In den Sechzigerjahren kostet er halb so viel wie sein deutscher Konkurrent, der Käfer.
Im Lauf der Jahre wurden am ursprünglichen Modell einige Verbesserungen vorgenommen: Es bekam einen elektrischen Anlasser, man verzichtete auf die so genannten selbstmörderischen Türen, die sich von vorne nach hinten öffneten, und optimierte die Blinker.
Seine Spitznamen wie »deuche«, »deudeuche«, »deux pattes« (Doppelpfote) oder »titine« (Kutsche, Wägelchen) lassen den 2CV zum Kult werden. Tapfer trägt er seinen drolligen Look zur Schau, obwohl er grau in grau und ohne jeglichen Luxus dahergewatschelt kommt. Citroën verkauft fünf Millionen Stück und Laurent Fabius, von 1984 bis 1986 französischer Premierminister, unterstützt den guten Ruf der »Ente«, indem er mit einem 2CV Charleston durch die Straßen von Paris fährt und so versucht, das Überleben dieses Wagens so lange wie möglich zu sichern. Obwohl er ein Kultwagen und ein Fahrzeug für jedermann ist, weist er natürlich kleine Mängel auf: Das Dachverdeck leckt bei starkem Regen und das Heizen wird bei Frost wegen fehlender Isolierungen zum Problem. Das Klappfenster, durch das im Sommer ein Schwätzchen gehalten oder Frischluft hereingelassen werden kann, sorgt jedoch manchmal für Überraschungen: Es kann klemmen oder mit einem Schlag auf die Hand eines unvorsichtigen Passagiers krachen. Mit der Ente kann man hingegen einen gepflügten Acker überqueren und gleichzeitig einen Korb Eier transportieren, ohne dass ein Ei kaputtgeht oder der Fahrer seinen Hut verliert.
Dank seines ausgeprägten Charakters stand dieser Wagen immer wieder im Rampenlicht und spielte in zahlreichen Filmen die Hauptrolle. Die Szene aus dem Streifen »Louis, das Schlitzohr« mit Louis de Funès und Bourvil beispielsweise, in der ein 2CV mit Hilfe von 350 elektrischen Schrauben in seine Einzelteile zerfällt, ist in die Annalen der Filmgeschichte eingegangen. Außerdem fuhr Louis de Funès auch in »Der Gendarm von Saint-Tropez« einen 2CV - und sogar James Bond.
Seine Konkurrenten, der VW Käfer und der Fiat 500 Topolino, machen ihm seine divenhafte Aura streitig. Dieses Startrio macht dank der Fanclubs, die es auf der ganzen Welt gibt, weiter Karriere. Topolino und Käfer haben jedoch kleine Brüder bekommen, die mit ähnlichem Aussehen und überarbeiteter Technologie die Straßen unsicher machen. Ist der Twingo vielleicht der neue 2CV? Zur Feier dieses legendären Autos und eines ganz eigenen Lebensgefühls ist ein Besuch der Cité des Sciences et de l’Industrie, dem Pariser Wissenschaftsmuseum, bis 30. November 2008 unausweichlich. 
Man ist, was man isstvon Isabel Hummel, erschienen am 15.07.2008Isabel Hummel
Die schönsten Klischees finden sich heute immer noch bei der Ernährung: Denkt der Franzose an die deutsche Küche, dann sieht er vor seinem inneren Auge einen großen, dampfenden Teller, auf dem sich Würstchen, Sauerkraut, Kartoffelbrei, Knödel und Schnitzel stapeln. Schnecken, Froschschenkel, Baguette, Käse und Wein zaubert die deutsche Fantasie auf den französischen Esstisch. Ginge man nach dem Sprichwort »Man ist, was man isst«, dann wäre der Deutsche nach diesen Vorstellungen wohl fett und einfach, der Franzose hingegen dürr und extravagant.
Doch der Lauf der Zeit, neue Lebensrhythmen und nicht zuletzt die Globalisierung sind an den landestypischen Ernährungsweisen nicht spurlos vorbeigegangen.
Vieles hat sich vereinheitlicht. Der Trend zu schnell zubereitbarem Essen – zum Convenient-Food – hat in Deutschland und Frankreich Einzug gehalten. Nichtsdestotrotz bleiben nationale und regionale Unterschiede bestehen.
Zwischen Tradition und Moderne Aus rein geografischen Gründen ist die deutsche Küche deftiger als die französische. Die nördlichere Lage zwang die Bewohner früher dazu, im Winter besonders reichhaltig zu kochen. Ihre Sättigungsbeilagen lieben die Deutschen auch heute noch sehr. Das Land ist allerdings zwiegespalten: während der Norden einig Kartoffelland ist, wird der Süden von Knödeln, Spätzle und anderen Nudeln regiert.
Traditionelle Restaurants muss man östlich des Rheins jedoch mittlerweile mit der Lupe suchen. Das reisefreudigste Land der Welt begibt sich auch in der Küche gerne in exotische Gefilde. Einzig Bayern zeigt sich konservativ und serviert weiter Weißwürste und Schweinshaxen.
Frankreich hingegen schätzt die Tradition. Egal ob auf dem Land oder in der Stadt: Ein gutbürgerliches Restaurant ist immer schnell gefunden und stets hoch frequentiert. Schnecken und Froschschenkel wird man allerdings auch hier nur selten auf der Speisekarte entdecken. Die klassische französische Küche ist einfach: Ein Ei mit Mayonnaise als Vorspeise, ein schönes Stück Fleisch als Hauptgericht und ein Früchtekompott zum Nachtisch – so sieht ein typisch französisches Menü aus. Alles Bio – oder was? Generell legen die Franzosen großen Wert auf gutes Essen und sind gerne bereit, dafür auch etwas mehr Geld auszugeben, während die Deutschen viel für wenig Geld vorziehen. Sobald die Finanzen knapper werden spart man östlich des Rheins zuerst bei den Lebensmitteln.
Etwas paradox wirkt dieses Verhalten angesichts des Bio-Booms, der in den vergangenen Jahren in Deutschland ausgebrochen ist. Selbst Supermarktgiganten wie Aldi und Lidl kommen nicht mehr um Bioprodukte herum. Erklären lässt sich dieser Trend vielleicht mit dem ausgeprägten Umweltbewusstsein der Deutschen und einem durch die Gemüse- und Fleischskandale der vergangenen Jahre geschärften Misstrauen gegenüber der Lebensmittelqualität. Mit dem Erfolg wandelte sich auch das Image der Ökoszene. War das Wort Bio früher Synonym für Birkenstocksandalen, Aussteiger und Hippies, setzen die heutigen Produzenten oft auf eine junge, coole Vermarktungsstrategie. Sie haben verstanden, dass auch das Auge beim Kauf mitentscheidet. Vor allem die jüngere Generation lässt sich von den optisch ansprechenden Produkten locken.
Trinken für eine bessere Welt Auf dem Getränkemarkt hat sich besonders viel getan. Bionade – eine Limonade aus rein biologischen Zutaten – ist hier der Spitzenreiter. Erfunden wurde sie in einer kleinen Brauerei in Unterfranken. Lange Zeit war diese Limonade in Bierflaschen ein Ladenhüter. Dann wurden die Szenegänger in den Großstädten wie Berlin und Hamburg darauf aufmerksam. Mittlerweile kann man Bionade in allen Supermärkten und selbst bei McDonald's kaufen. Das »offizielle Getränk einer besseren Welt« – so der selbstgewählte Werbeslogan – hat viel dazu beigetragen, Bio-Getränke salonfähig zu machen.
Heute geht der Trend hin zum perfekten Bioprodukt. Galt früher die Schrumpeligkeit von Obst und Gemüse als Ökogütesiegel, wählt der Kunde nun die Ware nach dem Motto: Bio innen, aber nicht außen.
In Frankreich ist die Nachfrage nach ökologischen Produkten dagegen bisher eher gering. In den Supermärkten lässt sich nur in den hintersten Ecken ein Bio-Siegel entdecken. Grund dafür ist vermutlich das Urvertrauen der Franzosen in ihre Lebensmittel. Sie gehen ganz einfach davon aus, dass die angebotene Ware qualitativ hochwertig und frisch ist. Supermarkt ist nicht gleich supermarché Qualität erwartet man in Frankreich ganz besonders von einem Produkt: dem Käse. Man ist stolz auf die große Vielfalt und mit ein wenig Ironie verkündete Charles de Gaulle einmal, es sei unmöglich, ein Land zu regieren, das mehr als 365 Arten Käse anbietet. Ganz so umfangreich ist die Auswahl an französischen Käsetheken dann zwar doch nicht, aber ausreichend, um einen deutschen Besucher in Entscheidungsnot zu bringen. Exotisch wirkt auch der obligatorische Meeresfrüchtebereich, in dem meist noch einiges krabbelt und zappelt. Und das Angebot an Milchprodukten ist für deutsche Verhältnisse ebenfalls beeindruckend.
In Deutschland dagegen sorgt das Müsliregal für staunende französische Augen. Während das Frühstück in Frankreich eher stiefmütterlich behandelt wird - ein Bol Kakao oder Kaffee und eventuell ein Croissant reichen aus - wird es in Deutschland oft als »wichtigste Mahlzeit des Tages« bezeichnet. Besonders am Wochenende versammelt sich die ganze Familie gerne zum ausgedehnten Schlemmen.
Gemeinsam genießen Auch wenn die amerikanische To-Go-Mentalität in Europa zunimmt, hat das gemeinsame Essen beiderseits des Rheins nach wie vor einen hohen Stellenwert.
In Frankreich spielt dabei der Aspekt des Teilens eine große Rolle. Es kommt nur ein Gericht auf den Tisch, das von allen gegessen wird. Mag man eine Zutat nicht oder ist man gar Vegetarier, wird es schwierig. Auch für die Kinder gibt es meist keine Ausnahme. Der Grundgedanke ist einfach: Essen soll Gemeinschaft und keine Unterschiede ausdrücken.
In Deutschland sind es laut einer im Dezember 2002 veröffentlichten Studie über Essgewohnheiten in Europa dagegen oft gerade die Kleinen, die den Speiseplan der Familie bestimmen. Sie haben einen großen Einfluss auf die Mahlzeiten und bekommen meist sogar ein separates, kindgerechteres Essen zubereitet.
Zwei warme Mahlzeiten am Tag sind in Frankreich keine Seltenheit, in Deutschland wird meist nur mittags warm aufgetischt. Ein paar Scheiben Brot, Wurst, Käse, manchmal ein wenig Gemüse – so einfach sieht das traditionelle Abendbrot einer Untersuchung des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) zufolge hierzulande meist immer noch aus.
Traditionelle Esskultur – quo vadis? Neue Lebensweisen oder die Arbeit lassen oft kein gemeinsames Essen mehr zu. Dies scheint bei der französischen Regierung große Sorge um die Esskultur ihrer Landsleute hervorzurufen. Im März kündigte Nicolas Sarkozy beim Salon de l'Agriculture sogar an, die französische Nationalküche bei der Unesco um die Anerkennung als Weltkulturerbe zu bewerben. Unter jedem Plakat und unter jedem Fernsehspot für verarbeitete Lebensmittel prangt zudem nun ein dicker Schriftzug, der die Franzosen daran erinnern soll, mindestens fünfmal am Tag Gemüse und Obst zu essen, Süßes nur in Maßen zu genießen und ausreichend Sport zu treiben. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, ließ sich Nicolas Sarkozy dann auch gleich beim Joggen fotografieren. Deutschland wartet bisher noch auf Ernährungstipps von Angela Merkel, aber die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zieht bereits mit Aufklärungskampagnen für gesünderes Essen durch das Land. Ein Umdenken ist dringend nötig - schließlich sind die Deutschen jüngsten Berichten der International Association for the Study of Obesity (IASO) zufolge Europas dickste Nation.
Zum Weiterlesen und -schauen
Gesundheitskampagne der franzöischen Regierung: www.mangerbouger.fr
Interview mit Claude Fischler und Estelle Masson, Autoren des Buches MANGER. Français, Européens et Américains face à l’alimentation: www.lemangeur-ocha.com
Studie zu Ernährungsstilen: www.isoe.de
Die Bio-Profis (SWR-Dokumentation im Rahmen der Sendereihe passe-partout): www.passe-partout.de
Martin Ktynek: Deutsche sind die dicksten Europäer (Süddeutsche Zeitung, 18.4.2007): www.sueddeutsche.de 
Welche Bedeutung hat der 14. Juli im Jahre 2008?Von Larissa Beutin, Anne-Laure Edoh und Céline Moison, Übersetzung Magali Breul, Sina Lebert und Barbara Kremer, erschienen am 14.07.2008
Der französische Nationalfeiertag erinnert an den Sturm auf die Bastille, eines der Schlüsselereignisse der Französischen Revolution und damit ein Meilenstein der französischen Geschichte. Mehr als 200 Jahre später begehen die Nachkommen der bonnets phrygiens (wörtlich die »phrygischen Mützen« wie die Revolutionäre aufgrund ihrer Kopfbedeckung genannt wurden) dieses nationale Ereignis auf mehr oder weniger feierliche Weise. Militärparaden, Jahrmärkte, Feuerwerke, Dorffeste – mit diesem Datum verbindet jeder etwas Anderes. Zwölf Menschen – Franzosen, die in Frankreich oder Deutschland leben, und Deutsche, die in Frankreich leben – schildern ihre Sicht des Nationalfeiertags und zeichnen damit ein vielfältiges und sehr persönliches Bild vom 14. Juli und seiner Bedeutung.  |  | |
Nathalie Valdenaire, 27, Französin, lebt in Paris Der 14. Juli ist die Gelegenheit, mit Freunden essen zu gehen, meistens in einem Restaurant in der Hauptstadt. Danach sehen wir uns das Feuerwerk an, genießen diesen magischen Augenblick, das Spiel der Lichter. Oft lässt man den Abend auf den Champs-Élysées ausklingen, wo Fröhlichkeit und Partylaune herrscht. Das ist die Gelegenheit, mit wildfremden Leuten unsere Liebe für das Herz Frankreichs zu teilen: Paris!  |  | |
Sophie Antunès, 36, Französin, lebt in Bar-Le-Duc Ich verbinde mit dem 14. Juli hauptsächlich Kindheitserinnerungen, denn ich bin nicht wirklich patriotisch. Wie heißt es in dem Lied von Brassens? »Am 14. Juli bleibe ich in meinem molligen Bettchen liegen, Musik im Gleichschritt, das ist nichts für mich.« Als ich klein war, verbrachten wir den Nationalfeiertag immer auf der Ile de Ré. Wir sahen uns mit einer Laterne in der einen Hand und einem Eis in der anderen das Feuerwerk im Hafen von Saint-Martin an. Und dann gingen wir zum Ball, meine Schwester und ich waren glücklich, mal etwas länger aufbleiben zu dürfen. Mein Mann ist bei der Feuerwehr, deshalb bin ich heute am 14. Juli meistens allein mit den Kindern, und mein Mann geht auf den Ball.  |  | |
Fabrice Poulain-Lemasson, 40, Franzose, lebt in Berlin Der 14. Juli steht für die Freiheit der Menschen. Es geht darum, das Verantwortungsgefühl des Volks zu wecken. Damals fand ein politischer Wechsel statt, das war die Geburtsstunde der Republik. Der 14. Juli bedeutet Gleichheit und Brüderlichkeit. Heutzutage haben diese Werte leider einen Teil ihrer Bedeutung eingebüßt. Mit dem Nationalfeiertag verbindet man mittlerweile vor allem den Feuerwehrball. Und für mich ist das der einzige Tag im Jahr, an dem ich in einem französischen Restaurant in Berlin esse. Geraldine Delrue, 24 Jahre, Französin, lebt in Lille Am 14. Juli feiere ich mit meinen Freunden. Abends essen wir gemeinsam und sehen uns das Feuerwerk an. Der 14. Juli, das ist der französische Nationalfeiertag, der Sturm auf die Bastille. Alain Moison, 54 Jahre, Franzose, lebt in Nantes In meiner Jugend (etwa 1965-1970) war der 14. Juli der Tag, an dem Frankreich im Mittelpunkt stand, da zwei Großereignisse an diesem Tag auf den Champs-Elysées in Paris stattfanden: morgens die Militärparade und nachmittags die Ankunft der Tour de France mit meinem damaligen, ganz persönlichen Champion, Anquetil. An diesem Tag verfolgte ich die Ereignisse mit brennender Neugier im Radio. Moïra Berger, 30 Jahre, Französin, lebt in Hamburg Da ich weder Patriotin bin, noch eine Vorliebe für nationale Gedenkfeiern habe, besaß der 14. Juli stets nur in seiner Eigenschaft als Feiertag eine Anziehungskraft für mich. Ich lebe mittlerweile in Hamburg, daher hätte ich nichts dagegen, wenn der 14. Juli auch in Deutschland ein Feiertag wäre. Der 3. Oktober ist für mich ein Feiertag wie jeder andere. Heike Huntebrinker, 33 Jahre, Deutsche, lebt in Straßburg Der 14. Juli ist für mich gleichbedeutend mit dem Beginn des großen Aufbruchs in die Ferien zwischen dem 14. Juli und dem 15. August. Alle Franzosen fahren gleichzeitig in Urlaub. In diesen vier Wochen sind die Büros leer. Einige Firmen schließen sogar ganz. Meine deutschen Geschäftspartner verstehen nicht, dass in dieser Zeit hier niemand erreichbar ist.  |  | |
Ludivine Ferry, 21 Jahre, Französin, lebt in Fürth (Deutschland) Dieser Nationalfeiertag hat sehr lange die Jahre meiner Kindheit begleitet. Jedes Jahr dasselbe Ritual: Mein Vater schaltete früh morgens den Fernseher ein, um auf TF1 die Reportagen über die Armee zu sehen, und anschließend durften wir die Übertragung der berühmten Parade auf den Champs-Élysées anschauen. Dann war das ganze Haus von Marschmusik erfüllt. In der Regel aßen wir bei meiner Großmutter. Die Frauen bereiteten das Essen vor, die Männer sahen die Soldaten defilieren. Meine kleine Schwester und ich warteten ungeduldig auf das Feuerwerk am Abend, denn wir bekamen Zuckerwatte und durften einmal Karussell fahren. Ebenso liebten wir es, die Menschen beim Tanzen zu beobachten. Für mich ist der 14. Juli ein Tag, an dem sich die große Langeweile der Militärparade mit der Zauberkraft des Feuerwerks mischt, aber die Saat der patriotischen Inbrunst scheint in mir nicht aufgegangen zu sein.  |  | |
Madeleine Méziane, 78 Jahre, Französin, lebt in Beaumont de Lomagne Als ich noch ein kleines Mädchen war, gab es am 14. Juli ein großes Fest auf den Straßen. Die Kinder spielten Spiele. Wir machten Sackhüpfen oder „Mât de Cocagne“. Man musste dazu auf einen Baumstamm klettern und ein Stück Papier ergattern. Das war gar nicht so einfach, denn der Stamm war voller Seife. Es gab noch ein anderes lustiges Spiel, bei dem man auf Töpfe schlagen musste, die in der Luft hingen. Derjenige, der einen Topf zerschlug, hatte entweder Glück und ein Geschenk fiel heraus oder er hatte Pech und wurde mit Wasser, Ruß oder Gipspulver überschüttet.  |  | |
Christoph Hermle, 20 Jahre, doppelte Staatsbürgerschaft, lebt im Département Cantal Für mich gibt es zwei Nationalfeiertage: den 14. Juli und den 3. Oktober in Deutschland. Beide Tage sind sehr wichtig, aber ich denke, dass der 3. Oktober der wichtigere Feiertag ist. Man fühlt sich betroffener, da die Wiedervereinigung noch nicht so lange her ist. Die Bedeutsamkeit des 14. Juli hingegen scheint im Lauf der Zeit nachgelassen zu haben. Lydia Beutin, 55 Jahre, Paris, Französin, lebt in Berlin Ich lebe seit 25 Jahren in Berlin, aber dennoch feiere ich eher den 14. Juli als den 3. Oktober. Ich denke, das kommt daher, dass ich schon lange im Ausland lebe und mich immer mehr meinem Heimatland verbunden fühle. Ich versuche, eine starke Verbindung zu Frankreich zu erhalten. Ich fühle mich in Deutschland mehr als Französin als in Frankreich. In Frankreich bin ich eine Französin von Millionen. In Deutschland bin ich etwas Besonderes. Carl Belin, junger Franzose, lebt in Berlin Am Morgen des 14. Juli gibt es ein großes Frühstück mit meiner Familie und vielen Gerichten, die wir nicht so häufig essen. Mittags versammeln wir uns zum Aperitif, laden andere französische Familien ein und schauen im Fernsehen zusammen den Aufmarsch an. Abends gibt es dann ein großes Abendessen und ins Bett gehen wir nicht vor drei Uhr morgens. 
Mai 1968 - Geburtstag einer Revolution - ein Blick auf Paris und Berlinvon Alain Le Treut, Übersetzung Helene Greubel, erschienen am 01.05.2008
Es war 1968: Eine ganze Generation junger Menschen, hervorgegangen aus den Baby-Boom-Jahren, löst weltweit soziale Unruhen aus. Obwohl ihre Forderungen extrem uneinheitlich sind, einigt sie allenthalben ein gemeinsamer Protestgeist. Die Ereignisse sollen die kulturelle Identität der europäischen Jugend zutiefst erschüttern und einen Wendepunkt in Denkarten und Sitten markieren.
Barrikaden und Banderolen, aufgerissene Straßenpflaster und Zusammenstöße mit der Polizei ließen das historische Zentrum der französischen Hauptstadt, das Quartier Latin, rasch zum zentralen Symbol der Revolte werden. Grund genug, der Ereignisse heute zu gedenken? Sicher ist zumindest, dass der Mai 68 in Frankreich viel bedrucktes Papier verursacht hat. Neben den etwa zwanzig in den vergangenen Monaten erschienenen Werken zum Thema, stöbert derzeit die gesamte französische Medienlandschaft in ihren alten Schubladen und gräbt in Chroniken die Vorkämpfer der Bewegung wieder aus. Selbst die französische Illustrierte Paris-Match hat kürzlich mehrere ehemalige 68er für einen Fototermin zusammengetrommelt. Doch jenseits des Medienhypes tut Frankreich herzlich wenig für das Jubiläum dieser studentischen Protestbewegung: Keine einzige »offizielle« Veranstaltung ist dem Jahrestag gewidmet. Dabei darf man nicht vergessen, dass der Präsidentschaftskandidat, der vor einem Jahr die »Liquidierung des 68er-Erbes« propagierte, heute im Elyseepalast sitzt. Daniel Cohn-Bendit, eine der charismatischsten Figuren der Revolte, bezeichnete den heutigen französischen Präsidenten daraufhin als authentischen 68er: »Hemmungslos genießen - das ist doch, was er tut“, verkündete er in der Sendung Riposte auf France 5, um gleich darauf – diesmal ernsthafter – zu betonen, dass die Sarkozys ein Beispiel für die Zersplitterung familiärer Strukturen seien.
Während man sich in der Presse des Anfangs der »Bewegung 22. März« erinnert, scheint der Campus in Nanterre, wo alles anfing, wie eine »Nicht Erinnerungsstätte«, um die in der französischen Tageszeitung Libération zitierten Worte eines heutigen Studenten aufzugreifen. Was man einst »Nanterre la rouge« (das rote Nanterre, Anm. d. Red.) nannte, scheint in den Köpfen der heutigen Studenten völlig in Vergessenheit geraten zu sein.
Jetzt sind unabhängige Organisationen und Vereine am Zug, die ein alternatives Programm anbieten. Die wichtigsten Ereignisse kann man zum Beispiel auf www.mai-68.fr zeitlich sortiert nachlesen. Um die Chronologie zu vervollständigen wird um die Hilfe der Besucher der Webseite gebeten.
Dass man den Aufruhr im studentischen Milieu in Frankreich relativ gut im Griff hatte, sollte in diesem Zusammenhang bedacht werden. Es gab zum Beispiel keine Toten. In anderen Teilen Europas war das anders. Neben dem Prager Frühling in der Tschechoslowakei oder der Besetzung der Universität von Rom in Italien wurden auch Aufstände in Westberlin organisiert, und zwar im Umkreis von Rudi Dutschke. Als am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg bei einer friedlichen Demonstration erschossen wurde, entwickelte sich der studentische Aktivismus gegen die weitgehend ablehnende Haltung der Presse plötzlich rapide.  |  | |
Die von der Bundeszentrale für politische Bildung organisierte Ausstellung »Brennpunkt Berlin« weilt bis 31. Mai 2008 im Herzen des ehemaligen Studentenviertels Charlottenburg und soll an den Sturm des Protestes erinnern, der hier einst wütete, allen Feindseligkeiten der deutschen Presse zum Trotz. Mit Fotos, Filmen, Musik, Plakaten, Ausschnitten aus der Presse und für diese Zeit typischen Objekten – wie beispielsweise einem auf der Hardenbergstraße ausgestellten Polizeiwagen - dokumentiert diese eintrittsfreie Ausstellung ausführlich den sozialen und kulturellen Kontext von 1968 in Westberlin. Das Amerikahaus, wo die Ausstellung stattfindet, war übrigens damals zur Zielscheibe geworden. Die Sammlung zeigt beispielsweise Bilder von Gegnern des Vietnamkrieges, die gerade das Sternenbanner herunterreißen.
Im kulturellen Programm, das Deutschland diesem Wendejahr widmet, sticht auch die Ausstellung »Die 68er« heraus, die ab dem 1. Mai 2008 im Historischen Museum in Frankfurt zu sehen ist. Die Stadt war Zentrum der studentischen Proteste in Deutschland.
Im Gegensatz zu Frankreich hat Deutschland das Gedenken an die Ereignisse jenes Jahres also weitgehend institutionalisiert. Erklären lässt sich dies durch historische Gewicht der Märtyrer: Benno Ohnesorf stirbt nach einem Polizeiangriff, Rudi Dutschke an den Folgen eines Attentats.
In Frankreichs Gedächtnis haben sich hingegen die Fotos eines Raymond Depardon, Henri Cartier-Bresson oder Gilles Caron unauslöschbar eingeprägt, die im Moment in zahlreichen Ausstellungen zu sehen sind. Es ist bedauerlich, dass Frankreichs Kulturprogramm – abgesehen von diesen Bildern – dem Gedenken an 1968 nicht mehr Platz einräumt, insbesondere da die Ereignisse aus deutscher Sicht zu den wichtigsten der Zeitgeschichte gehören.
Zum Weiterlesen:
www.paris.diplo.de
www.mai-68.fr
www.bpb.de
baron.phpnet.us
www.france5.fr
www.bpb.de
www.liberation.fr
Einen Einblick in die bemerkenswerten Fotos der Agentur Magmum erhält man unter:
www.brownsoundclothing.com 
Ein Platz an der Sonnevon Ariane Kujawski, Übersetzung Helene Greubel, erschienen am 15.02.2008
Weltweit wird der Umweltschutz zu einem der wichtigsten Themen unserer Zeit. In dieser allgemein doch alarmierenden Situation steckt manch einer angesichts des Ausmaßes dieser Aufgabe den Kopf in den Sand, andere dagegen engagieren sich. Der 25-jährige Student Florian Miller ist einer von jenen, die nicht abwarten sondern handeln. Von Umweltfragen begeistert, weltoffen und dynamisch wie er ist, hat er sich vergangenes Jahr entschieden, bei UniSolar mitzumachen.
Bei dem im November 2006 von einer Gruppe Studenten der Universität Leipzig ins Leben gerufenen Projekts UniSolar sollen die Dächer der Universitätsgebäude mit Solarzellen ausgestattet werden. Dank der Unterstützung verschiedener Partnerinstitutionen (unter anderem der Uni Leipzig, der Naturstiftung David und des Studentenwerks Leipzig) hat sich die Gruppe nicht nur konstituiert sondern auch an Wettbewerben und Ausschreibungen beteiligt, die derlei Initiativen fördern. So gewannen UniSolar 2006 beispielsweise den Leipziger Agenda-21-Preis.
Am 22. Juni 2007 feierte die Gruppe ihren ersten offiziellen Erfolg: die Installation von Solarzellen auf dem Dach des Geisteswissenschaftlichen Zentrums (GWZ), eines der Hauptgebäude der Universität Leipzig. Eine solche Aktion blieb nicht unbemerkt. UniSolar Leipzig weckte auch bei anderen Studenten Interesse und trug so zur Gründung von UniSolar Berlin und UniSolar Karlsruhe bei, die sich vor Ort mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ständig weiterentwickeln.
Über die konkreten Fortschritte dieser Initiative hinaus versucht UniSolar, die Öffentlichkeit durch verschiedene Kampagnen für Fragen des Klimawandels und Umweltschutzes zu sensibilisieren. «Zuerst einmal wollen wir in den Universitäten, bei den Studenten und den Institutionen ein bestimmtes Bewusstsein wecken«, erklärt Florian Miller. »Die Unis könnten viel mehr für den Umweltschutz tun. Wir wollen sie überzeugen, dass sie dabei auf alle Fälle gewinnen – sowohl finanziell, durch Einsparung von Stromkosten, als auch was ihren Ruf betrifft.« In Anbetracht der heutzutage zwischen den Universitäten herrschenden harten Konkurrenz kann ein ökologisches Engagement ein echter Pluspunkt sein und die entsprechende Einrichtung für zukünftige Studenten attraktiver machen.  |  | |
Die Universität steht im Zentrum des UniSolar-Projektes, denn sie bildet die Forscher der Zukunft aus, und hier findet ein Großteil der wissenschaftlichen Arbeit statt, besonders im Bereich Solarenergie. Aber auch wegen ihrer Stellung in der Gesellschaft dient die Universität in Sachen Umweltschutz als Modell: Schließlich ist sie eine öffentliche Einrichtung, in der mehrere Generationen verkehren, und wo Wissen und Wissensaustausch integraler Bestandteil des Alltags sind. Gibt es einen besseren Ort, um ein gesellschaftliches Thema unter die Leute zu bringen?
Über das Projekt reden und es zur Sprache bringen, informieren: eine Herausforderung, die Florian keine Angst macht. Als Student der Theater- und Kulturwissenschaften musste er sich erst in die technischen Aspekte des Projekts einarbeiten, bevor er sich selbst ins Abenteuer stürzte. Die Internetseite der Gruppe bietet dafür eine vollständige und regelmäßig aktualisierte Datenbank. Zudem werden zahlreiche Plakate aufgehängt und Prospekte verteilt, und eine Tafel vor dem GWZ zeigt den Passanten die durch die Solarzellen eingesparte Energie an. Zahlen, Schilder, Tafeln. Nichts bleibt unversucht, um Studenten, Professoren und Universitätspersonal zu informieren und zu interessieren.
Doch das ist nur der Anfang. Die Mitglieder von UniSolar möchten ihre Gruppe nicht nur auf lokaler Ebene weiterentwickeln, sondern auch an anderen deutschen Universitäten Sensibilisierungskampagnen starten, um letztendlich ein nationales Netzwerk mit größerem Einfluss auf die Beine zu stellen.
Dank des persönlichen Engagements von Florian und seinen Freunden erfuhr UniSolar einen enormen Aufwind und wird weitere ehrgeizige Projekte verfolgen. Ein beispielhaftes Engagement mit dem Ziel, die Denkweisen in Sachen Umweltschutz positiv zu verändern. Ein Engagement, von dem nicht nur die Gruppe selbst, sondern auch ihre Partnerinstitutionen zehren.
Jedenfalls gibt es an der Leipziger Universität noch viele weitere Dächer, die mit Solarzellen gedeckt werden könnten. Das erste Ziel der Gruppe ist es, diese Dächer zu erfassen und entsprechend auszustatten, um die Universität Leipzig zu einer Modelleinrichtung in Deutschland zu machen. Und natürlich, damit auch andere deutsche Universitäten ihren Platz in der Sonne finden.
Weitere Infos unter: www.unisolar-leipzig.de 
Sonderausgabe zum deutsch-französischen Tag 2008rencontres Jahresrückblick 2007von Juliane Seifert, erschienen am 22.01.2008
Januar
1.1. Für Deutschland beginnt das Jahr 2007 mit der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft für sechs Monate und des G8-Vorsitzes für ein Jahr. Innenpolitisch ist die Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent, die am 1. Januar in Kraft tritt, das wichtigste Thema zu Jahresbeginn. Mit dieser Anhebung erreicht die Mehrwertsteuer in Deutschland fast das französische Niveau von 19,6 Prozent. Der ebenfalls am 1. Januar erfolgte Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur EU wird aufgrund des Entwicklungsrückstandes der zwei neuen Mitgliedsstaaten beiderseits des Rheins kontrovers diskutiert.
Am 22.1. stirbt der unter dem Namen Abbé Pierre bekannte französische Armenpriester Henri Antoine Grouès im Alter von 94 Jahren. Der Gründer der Wohltätigkeitsorganisation Emmaüs, der durch einen eindringlichen Radiohilfsaufruf für Obdachlose anlässlich einer Kältewelle im Winter 1953/54 berühmt wurde, gehört zu den beliebtesten Persönlichkeiten Frankreichs. Sein Tod löst große Trauer und eine neue Debatte um soziale Ungleichheit in Frankreich aus. Februar
20.2. Airbus stellt sein Sanierungsprogramm »Power 8« vor. Mit dem Ziel der Kostensenkung sollen 10.000 Mitarbeiter entlassen und sechs Standorte in Frankreich, Deutschland und Großbritannien geschlossen werden. Die Entscheidung ruft heftige Proteste, nicht nur bei den betroffenen Mitarbeitern, sondern auch seitens der Politik hervor. Sowohl die französische als auch die deutsche Regierung sind stark in die Auseinandersetzung involviert. Es kommt zu Protektionismusvorwürfen und Verstimmungen auf höchster Ebene.
Am 25.2. wird das Stasi-Drama »Das Leben der Anderen« von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck in Los Angeles mit dem Oscar für den besten nichtenglischsprachigen Film ausgezeichnet. März
Am 5.3. wird in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, welches das Recht auf Wohnraum zu einem einklagbaren Recht macht (Loi sur le droit au logement opposable, kurz: DALO).
Jean Baudrillard, französischer Philosoph und Soziologe stirbt am 6.3. im Alter von 77 Jahren. Bekannt wurde der Kritiker und Theoretiker der Postmoderne vor allem durch seine Konsumkritik und seine medientheoretischen Schriften, in denen er die These vertritt, dass die durch die Medien simulierte Scheinwelt zu einer »Hyperrealität« wird, welche die reale Welt zunehmend verdrängt.
Am 9.3. beschließt die Große Koalition die Anhebung des Rentenalters in Deutschland auf 67 Jahre. Am gleichen Tag einigen sich die Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel auf verbindliche gemeinsame Klimaschutzziele zur Senkung des Kohlendioxidausstoßes und zum Ausbau erneuerbarer Energien. Zwischen Frankreich und Deutschland führt in diesem Zusammenhang die Atomenergiefrage immer wieder zu heftigen Debatten.
Am 23. März wird der am 5. Dezember 2006 im Zoologischen Garten Berlin geborene Eisbär Knut vom deutschen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei sind rund 500 Journalisten aus dem In- und Ausland anwesend. »Knuddel-Knut« beherrscht daraufhin monatelang die Schlagzeilen und erscheint im Mai 2007 sogar zusammen mit dem US-Schauspieler Leonardo di Caprio auf dem Titel-Cover der internationalen Ausgabe der Zeitschrift Vanity Fair.
25.3. Der 50. Jahrestag der die EU begründenden Römischen Verträge wird von der europäischen Institutionenkrise und von den Meinungsverschiedenheiten der Mitgliedsstaaten, unter anderem zur Frage des Türkeibeitritts, überschattet. April
Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 574,8 km/h stellt der französische Schnellzug TGV bei einem Test am 3.4. einen neuen Weltrekord auf.
11.4. Der französische Apnoe-Taucher Loïc Leferme stirbt im Alter von 36 Jahren beim Versuch einen neuen Rekord aufzustellen.
Der Kandidat der konservativen UMP, Nicolas Sarkozy, gewinnt am 22.4. mit 31,18 Prozent der Stimmen die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahlen. | Mai
Am 6.5. wird Nicolas Sarkozy in der Stichwahl gegen die Sozialistin Ségolène Royal mit 53,06 Prozent der Stimmen zum neuen französischen Präsidenten gewählt. |
Juni
Vom 6. bis 8.6. findet in Heiligendamm der G8-Gipfel statt. Die anwesenden Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industrienationen und Russlands einigen sich auf eine globale Klimaschutzstrategie, die von Umweltorganisationen jedoch als zu vage kritisiert wird.
16.6. Durch den Zusammenschluss von Linkspartei und WASG zur neuen Partei »Die Linke« verändert sich die deutsche Parteienlandschaft.
Nach Störfällen werden am 28.6. die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel in Schleswig-Holstein abgeschaltet. Der Vorfall löst in Deutschland eine neue Debatte um die Sicherheit der Atomenergie aus. Juli
7. bis 29.7. Die Tour de France wird von zahlreichen Dopingvorfällen überschattet. Nach einer positiven Dopingkontrolle beim Team Telekom brechen die deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF die Übertragung des Radrennens vollständig ab. Die Medien sprechen von einer »Tour de Farce«.
Am 15.7. wird in Paris das Leihfarradsystem Vélib eingeführt.
Am 22.7. stirbt der durch seine Rolle in »Das Leben der Anderen« international bekannte deutsche Schauspieler Ulrich Mühe im Alter von 54 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens.
August
Der US-Hypothekenmarkt befindet sich in einer anhaltenden Krise. Am 9.8. stellen die Europäische Zentralbank und andere Notenbanken kurzfristig mehr als 100 Milliarden Euro zur Überbrückung von Engpässen bei der Geldversorgung bereit. Die Krise führt jedoch weiterhin zu weltweiten Kursrutschen und ist auch Anfang 2008 noch nicht gelöst. Sowohl die französische als auch die deutsche Wirtschaft sind von den Vorgängen betroffen. September
12.9. Frankreich verschärft seine Zuwanderungsgesetze. Durch DNA-Tests soll der Nachzug Familienangehöriger begrenzt werden.
Am 22.9. stirbt der weltberühmte Straßburger Pantomimekünstler Marcel Marceau im Alter von 84 Jahren.
Am 24.9. nehmen sich der französische Sozialphilosoph André Gorz (84) und seine schwer kranke Frau Dorine (83) gemeinsam das Leben. Der langjährige Weggefährte Jean-Paul Sartres und Mitbegründer des Nachrichtenmagazins Le Nouvel Observateur war einer der führenden Vertreter der politischen Ökologie und setzte sich entschieden für die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ein.
30.9. Die deutsche Frauenfußballnationalmannschaft gewinnt die Weltmeisterschaft in Shanghai mit einem 2:0 gegen Brasilien. Die Fußballerinnen verteidigen damit ihren Titel aus dem Jahr 2003 und schreiben Sportgeschichte. Oktober
In Frankreich werden mehrere EADS-Führungskräfte des Insiderhandels beschuldigt. Der daraus entstehende Skandal betrifft auch den ehemaligen französischen Regierungschef Dominique de Villepin, der den Verkauf der Anteile genehmigt hatte.
5.10. Im Tarifstreit zwischen der Lokführergewerkschaft GdL und der Deutschen Bahn kommt es zu ersten Streiks. Der Schienennahverkehr in Deutschland wird für drei Stunden lahm gelegt. Die Lokführer fordern einen eigenständigen Tarifvertrag und Lohnerhöhungen im zweistelligen Bereich.
10.10. In Paris wird das französische Museum der Immigration (Cité nationale de l’histoire de l’immigration, kurz CNHI) eröffnet.
18.10. Nach wochenlangen Gerüchten, gibt der Elysée-Palast die Scheidung von Nicolas und Cécilia Sarkozy bekannt. Damit ist Nicolas Sarkozy der erste allein stehende Präsident Frankreichs. November
2.11. Im Tarifstreit zwischen deutscher Bahn und Lokführergewerkschaft GDL kommt es nach einer Gerichtsentscheidung zugunsten der Lokführer erneut zu Streiks. Diesmal sind auch der Güter- und Fernverkehr betroffen und der Schienenverkehr wird zweimal ganztägig lahmgelegt.
13.11. Der SPD-Politiker Franz Müntefering erklärt seinen Rücktritt als Vizekanzler und Bundesarbeitsminister zum 19.11., um sich besser um seine krebskranke Frau zu kümmern. Der bisherige Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Olaf Scholz wird neuer Arbeitsminister, und Außenminister Frank-Walter Steinmeier übernimmt den Posten des Vizekanzlers.
14. bis 22.11. In Frankreich legen SNCF und RATP nahezu den gesamten Schienenverkehr über eine Woche lang lahm, um gegen die geplante Abschaffung von Frühpensionen in Staatsbetrieben zu protestieren. Am 23. November werden die Streiks durch die Aufnahme von Verhandlungen zwischen Gewerkschaften, Transportunternehmen und Regierung beendet.
21.11. Der ehemalige französische Staatspräsident Jaques Chirac wird wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder während seiner Zeit als Bürgermeister von Paris angeklagt. Der Prozess gegen ein ehemaliges Staatsoberhaupt ist ein Präzedenzfall in der französischen Geschichte.
Am 25.11. kommt es in den Pariser Vorstädten erneut zu heftigen Unruhen, nachdem zwei Jugendliche von einem Polizeiwagen überfahren wurden und an den Folgen des Verkehrsunfalls sterben. Die Bilder brennender Autos und Gebäude erinnern an die Banlieue-Unruhen vom Oktober und November 2005, die eine heftige nationale Debatte um die Integration von Migranten ausgelöst hatte und auch in Deutschland ein großes Medienecho fand. Dezember
Vom 3. bis 14.12. findet auf der indonesischen Insel Bali die UN-Klimakonferenz statt. Es geht um einen Nachfolger für das Klimaschutzabkommen von Kyoto, das 2012 ausläuft. Auch in Frankreich und Deutschland ist der Klimaschutz mittlerweile zu einem der zentralen Themen des öffentlichen Diskurses geworden.
Bei einer Rede in Algier am 4.12. bezeichnet Nicolas Sarkozy das Kolonialsystem als »zutiefst ungerecht«. Während seines Besuchs macht sich der französische Staatspräsident auch erneut für die Gründung einer »Mittelmeer-Union« stark. Ein Vorschlag, der in Deutschland und der EU auf starke Kritik stößt.
7.12. Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürt »Klimakatastrophe« zum Wort des Jahres 2007.
10.12. Der Deutsche Peter Grünberg und der Franzose Albert Fert werden für die Entdeckung des GMR-Effekts, der zur Entwicklung von Computerfestplatten beigetragen hat, in Stockholm mit dem Physik-Nobelpreis geehrt. Auch der Chemie-Nobelpreis geht an einen deutschen Wissenschaftler: Gerhard Ertl wird für seine Arbeiten zu chemischen Reaktionen auf Oberflächen ausgezeichnet.
Am 13.12. unterzeichnen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union den Vertrag von Lissabon. Der vereinfachte EU-Vertrag soll die 2005 in Frankreich und den Niederlanden abgelehnte EU-Verfassung ersetzen und nach seiner Ratifizierung durch die 27 Mitgliedsstaaten am 1. Januar 2009 in Kraft treten.
25.12. Ende Dezember zeigt sich der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy ertsmals öffentlich mit seiner neuen Lebensgefährtin. Die Sängerin Carla Bruni begleitet ihn auf einer Reise nach Ägypten. Die Liaison stößt in Frankreich und Deutschland auf ein breites Medieninteresse. 
Dossier TeleVisionenDeutsch-französische TeleVisionenvon Isabel Hummel, erschienen am 15.12.2007
»In 40 Jahren wird das Fernsehen die Tapete der Gegenwart sein. Dank der neuen Technik kaufen wir uns die Fernseher bald im Baumarkt – in der Abteilung für Wandgestaltung.« So zynisch beschrieb der damalige Geschäftsführer des Fernsehsenders RTL, Helmut Thoma, einmal die Zukunft. Das war zwar etwas weit gegriffen, doch das Fernsehen nimmt tatsächlich einen immer prominenteren Platz im Alltag der Menschen ein. Franzosen und Deutsche lassen sich heute im Durchschnitt mehr als drei Stunden am Tag vom Fernsehprogramm unterhalten. Doch was genau schaut man auf den beiden Seiten des Rheins?
Die erstaunliche Antwort ist: gar nicht mal so Unterschiedliches.
In beiden Ländern gibt es die Teilung in öffentlich-rechtliche versus private Sender. In Deutschland gehören die Fernsehsender ARD, ihre regionalen Programme – auch dritte Programme genannt – und das ZDF zum öffentlichen Sektor. In Frankreich besteht der öffentlich-rechtliche Bereich aus den Sendern France 2, France 3 und France 5. Der gemeinsam mit der Schweiz und Österreich betriebene Kulturkanal 3sat und das deutsch-französisches Co-Projekt Arte werden auch aus öffentlichen Mitteln finanziert.
Seit Öffnung des Fernsehmarktes in den Achtzigerjahren gibt es in Frankreich und Deutschland zusätzlich eine Vielzahl an privaten Fernsehanbietern. Während den meisten Deutschen mittels Kabel oder Satellit eine große Programmvielfalt zur Verfügung steht, hat sich dieser Trend in Frankreich nicht durchgesetzt. Die meisten Haushalte begnügen sich weiterhin mit sechs terrestrischen Kanälen: dazu gehören die öffentlichen und die zwei privaten Sender TF1 und M6. Der Pay-TV-Kanal Canal+ kann auch empfangen werden, ist jedoch meist verschlüsselt.
Die geringere Programmauswahl mag erklären, wieso Arte in Frankreich wesentlich höhere Einschaltquoten besitzt. In Deutschland geht Arte in der Vielzahl empfangbarer Sender leichter unter.
Der quotenstärkste Sender Frankreichs ist TF1. Amerikanische Soaps, emotional aufgemachte Magazinsendungen, Spielfilme in Eigenproduktion und die Übertragung großer Sportereignisse machen den größten Teil seines Unterhaltungsprogramms aus. TF1 besitzt außerdem die Ausstrahlungsrechte für die Sendung Wer wird Millionär?, die von Jean-Pierre Foucault, der französischen Allzweckwaffe für große Fernsehereignisse, moderiert wird.
Neben der Unterhaltungsseite bietet TF1 auch seriöse Informationsvermittlung. Jeden Abend liefern sich France 2 und TF1 ein Duell um die besten Einschaltquoten der 20-Uhr-Nachrichten. Diese Abendausgabe ist eine fast schon religiöse Angelegenheit im französischen Fernsehen und wird daher salopp auch als »grande messe du 20 heures« bezeichnet. Unbestrittener Priester dieser allabendlichen Messe ist Patrick Poivre d’Arvor oder kurz PPDA, gefeierter Moderator von TF1, der neben seiner Fernsehkarriere mehr als 30 Bücher publizierte. Seine Marionettenabbildung moderiert zudem die äußerst beliebte Nachrichtenparodie Les Guignols (zu deutsch Die Kasper) auf Canal+.
Wer sich als deutscher Zuschauer schon immer gefragt hat, weshalb die Arte-Spielfilme erst um 20.40 Uhr beginnen, findet hier die einfache Antwort: die französischen Nachrichten dauern ganze 40 Minuten und der französische Zuschauer schaltet natürlich erst danach um.
Für deutsche Zuschauer recht unverständlich dürfte die Beliebtheit der Dictées de Bernard Pivot sein. Bernard Pivot ist eine französische Fernsehikone – vielleicht am ehesten mit Marcel Reich-Ranicki vergleichbar – und moderierte die wichtigsten französischen Literatursendungen. In den Achtzigerjahren begründete er zusammen mit einem Linguisten die »Championnat de France d'orthographe« (zu deutsch »Die französische Rechtschreibmeisterschaft«), die dann später zu den »Dicos d’or« (zu deutsch »Goldene Diktate«) wurden. Über mehrere Auswahletappen können sich Anwärter für das Finale qualifizieren, bei welchem als Aufgabe ein kompliziertes Diktat verlesen wird. Erstaunlicherweise kam dieses nicht gerade fernsehgerechte Konzept in Frankreich sehr gut an, weswegen alle Diktate bis zum großen Finale 2004 meist live im Fernsehen ausgestrahlt wurden.
Überraschend ist im deutsch-französischen Vergleich, wie viele deutsche Produktionen im französischen Fernsehen laufen. Während dem deutschen Zuschauer eigentlich nur die französische Serie St. Tropez bekannt ist, laufen in Frankreich deutsche Actionserien wie Der Clown und Alarm für Cobra 11, aber auch neuere Formate wie Berlin, Berlin und Mein Leben & ich im Fernsehen. Momentan verfolgt die französische Jugend gebannt Lisa Plönzkes Schicksal in der Sat.1-Telenovela Verliebt in Berlin.
Im Gegensatz zu Frankreich ist in Deutschland der Quotenanteil von öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern ausgeglichen. Die Informationsvermittlung ist jedoch die Königskategorie der Öffentlich-Rechtlichen, und das Flaggschiff der abendlichen Nachrichten ist die Tagesschau der ARD. Sie beginnt um 20 Uhr und läutet mit ihrem Ende um 20.15 Uhr die Primetime des deutschen Fernsehens ein. Für ausführlichere Informationen sind die Tagesthemen etwas später zuständig. Ihre Moderation ist ein Prestige-Job. Bekanntester »Mister Tagesthemen« ist unbestritten Ulrich Wickert, der nach mehr als 15 Jahren im August vergangenen Jahres seinen Abschied nahm. Wickert schloss jede Sendung mit den Worten: »…einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht.« Als er seine Abschiedsfloskel einmal ausließ, soll es Beschwerdeanrufe von Zuschauern gegeben haben, die nach der Sendung nicht gut schlafen konnten.
Ein fixes Rendezvous im deutschen Fernsehprogramm ist der Mord am Sonntag: die Krimiserie Tatort, die nach der Tageschau in der ARD läuft. Vor allem bei der jungen Generation gibt es mittlerweile einen regelrechten Tatort-Trend. In vielen großen Städten trifft man sich sonntags in angesagten Kneipen zum gemeinsamen Tatort-Schauen. Der Programmplatz danach ist traditionell politisch besetzt. Sabine Christiansen moderierte dort ihre gleichnamige Show, die sich zur bekanntesten politischen Talkshow entwickelte. Nach Christiansens Abschied im Juni 2007, hat nun die ehemalige Tagesthemen-Moderatorin Anne Will ihr Erbe angetreten. Ein Kuriosum im deutschen Fernsehen ist die Unterhaltungsshow Wetten, dass..? im ZDF. Regelmäßig knackt die Sendung die 40-Prozent-Zuschauerquote und ist damit die erfolgreichste Sendung in Europa.
Auf der großen Fernsehcouch des Moderators Thomas Gottschalk, der vor allem für seine lange blonde Mähne und seine extravaganten Anzüge bekannt ist, drängeln sich daher nationale und internationale Stars, um Werbung für sich zu machen. Das Prinzip der Sendung ist simpel: Kandidaten wetten, etwas Außergewöhnliches zu tun, ein Prominenter steht jeweils Pate und tippt auf den Ausgang der Wette. Liegt er falsch, muss er einen Wetteinsatz entrichten.
Die großen Privatsender in Deutschland, RTL, ProSieben, Sat.1, RTL2 und VOX, haben sich, den französischen ähnlich, dem Unterhaltungsfernsehen verschrieben und zeigen große Sportereignisse, Comedy-Sendungen, Spiel- und Quizshows. ProSieben importiert erfolgreich neue amerikanische Serien und RTL, der größte Privatsender, strahlt die beliebteste deutsche Soap Gute Zeiten, Schlechte Zeiten – kurz GZSZ – und die Quizshow Wer wird Millionär? aus. RTL versucht sich auch in der seriösen Informationssparte mit den RTL Aktuell-Nachrichten und ihrem Moderator Peter Kloeppel, kann jedoch gegen die übermächtige Tagesschau nicht ankommen und lässt die Sendung daher zu einem früheren Zeitpunkt laufen.
Trotz der Unterschiede im Detail scheint man in deutschen und französischen Wohnzimmern tatsächlich eine ganz ähnliche »Tapete der Gegenwart« zu betrachten.
Zum Weiterlesen
PPDAs Blog
www.tf1.lci.fr
Les Guignols mit Videoclips
www.programmes.canalplus.fr
Die Tagesschau
www.tagesschau.de
Frankreichs Man in Blackvon Isabel Hummel, erschienen am 15.12.2007
Vor etwa fünf Jahren hatte ich mir das Ziel gesetzt, durch fleißiges TV5 schauen mein Französisch aufzubessern. Doch französisches Fernsehen, das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt: aufregend und interessant. Ich erlebte eine herbe Enttäuschung. Nachdem mich eine nächtliche Doppelfolge Docteur Sylvestre, in etwa das Pendant zum deutschen Bergdoktor, schon in einen Halbschlaf versetzt hatte, wurde ich unsanft durch lautes Stimmengewirr aus den Fernseherboxen geweckt. Unglaublich, es tat sich tatsächlich etwas im französischen Fernsehen. Ich war, noch unwissend, mitten in einer Folge meiner zukünftigen Lieblingssendung gelandet: Tout le monde en parle mit Thierry Ardisson.
Im Prinzip handelt es sich bei der Sendung um eine klassische Unterhaltungsshow. Moderator Thierry Ardisson; auch der »Mann in Schwarz« genannt, da immer in Schwarz gekleidet; und sein Sidekick Laurent Baffie, welcher sich hauptsächlich mit sarkastischen Randbemerkungen zu Wort meldet, empfangen in ihrer Sendung eine Handvoll Gäste. Die bunte Mischung gibt der Sendung eine besondere Dynamik und löst zwischen den Eingeladenen oft lebendige Diskussionen aus. Ab und zu führte dies auch zu echten Auseinandersetzungen, so geschehen 2003 als Arno Klarsfeld dem Vorsitzenden von Reporter ohne Grenzen Robert Ménard mitten in der Sendung aufgrund einer Meinungsverschiedenheit ein Glas Wasser überschüttete.
Ardisson nimmt als Moderator kein Blatt vor den Mund, ungeniert fragt er seine Gäste auch gerne mal nach ihren sexuellen Vorlieben oder anderen persönlichen Angelegenheiten. Vom ehemaligen Premierminister Michel Rocard wollte er beispielsweise wissen: « Est-ce que sucer c'est tromper? ».(»Ist Lecken schon fremdgehen?«) Wer als Gast keine große Portion Selbstironie mit in Ardissons Sendung bringt, steht auf verlorenem Posten.
Tout le monde en parle wird auch von den kleinen Ritualen innerhalb der Sendung getragen. Bestimmte Gesten und Sätze werden von Thierry Ardisson in jeder Sendung wiederholt. Mit einem kleinen Keyboard kann Ardisson – ganz wie Stefan Raab im deutschen Fernsehen – je nach Situation bestimmte Musikfetzen oder Kultsprüche einspielen.
Jeder Gast muss sich in der Sendung einem extra auf ihn zugeschnittenen Fragequiz unterziehen. So soll der Befragte beim Interview Mensonge (zu deutsch Schwindel) seine eigentliche Einstellung verstecken und immer das Gegenteil behaupten. Thierry Ardisson ist ein markanter Kopf in der französischen Medienlandschaft. Auch wenn er mittlerweile nicht mehr so provokant wie in seinen Anfangsjahren ist, spaltet er immer noch die Meinungen. Sein Moderationsstil wird von vielen als extrem arrogant empfunden. Sein Ansehen in der Öffentlichkeit erhielt Kratzer als er nach der Veröffentlichung seines Buches Pondichery des Plagiats beschuldigt wurde und sich später auch dazu bekannte.
Nach einer Auseinandersetzung mit der Programmdirektion von France2, die ihn unter Exklusivvertrag nehmen wollte, entschied Ardisson, sich von Tout le monde en parle zu verabschieden. Die Sendung fand so ein abruptes Ende. In Québéc läuft jedoch weiterhin mit großem Erfolg die dortige Version von Tout le monde en parle, ein Ableger mit anderem Moderator.
Bis Juni dieses Jahres moderierte Thierry Ardisson seine Sendung 93, Faubourg Saint-Honoré auf ParisPremiere. Der Titel der Sendung ist gleichzeitig die Adresse des Appartements, in dem sie aufgezeichnet wird. Das Konzept ist einfach. Eine Anzahl verlesener Gäste wird zum gemeinsamen Abendessen im Appartement geladen. Nach und nach treffen die Gäste ein und werden erst einmal von Ardisson in der Küche empfangen. Inmitten der werkelnden Köche und den von ihnen servierten Appetithäppchen fängt die Unterhaltung an. Danach geht es in den großen Speisesaal, wo zusammen getafelt und heftig diskutiert wird.
Meist stehen die Abende unter einem bestimmten Motto. In der Sendung nach den Wahlen hatte Ardisson einige der bekanntesten französischen Journalisten und ausländische Korrespondenten geladen, um bei gutem Essen und reichlich Wein den Ausgang der Wahlen zu diskutieren.
Die räumliche Konzeption der Sendung gibt dem Zuschauer das Gefühl mit im Appartement zu sitzen, die Gäste wirken wesentlich ungezwungener als im üblichen Fernsehstudio und lassen sich zu Bemerkungen hinreißen, die man sonst so nicht von ihnen hören würde.
Den Nachbarn des Appartements war dies allerdings zu viel der Nähe, sie reichten eine Klage wegen Lärmbelästigung gegen Ardisson und seine Produktionsfirma ein, verloren jedoch vor Gericht.
Salut les Terriens, eine Art Wochenrückblick mit Gästen, ist seit November 2006 Thierry Ardissons neue Show auf Canal+. Sie erinnert leicht an Tout le monde en parle, allerdings ohne an den Unterhaltungswert der abgesetzten Show heranzureichen.
Das Schöne an einem Fernsehabend mit Thierry Ardisson ist, dass man seinen Verlauf nie vorhersagen kann und was auch immer man Ardisson sonst vorwerfen kann, seinen ganz persönlichen Stil muss man anerkennen.
Zum Weiterlesen
93, Faubourg Saint-Honoré mit Videoclips
www.paris-premiere.fr
Tout le monde en parle-Fansite
www.tlmp.net
Tout le monde en parle in Québéc
www.radio-canada.ca
Französische Moderatoren | Patrick Poivre d'Arvor * 20. September 1947 in Reims, im Departement Marne
Patrick Poivre d’Arvor (auch kurz PPDA genannt) ist Frankreichs Ulrich Wickert. Er moderiert die 20 Uhr Nachrichten auf TF1 und rangiert beim Publikum ganz oben auf der Beliebtheitsskala der französischen Moderatoren. Neben dem Fernsehen ist PPDA auch als Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Literaturpreise gewonnen. |
| Jean-Pierre Foucault * 23. November 1947 in Marseille
Frankreichs Allround-Moderator, am besten bekannt für Wer wird Millionär?. Jean-Pierre Foucault ist ein gefragter Moderator für die großen Samstagabend Fernsehgalas und er präsentiert jedes Jahr den Miss France-Wettbewerb. |
| Claire Chazal * 1. Dezember 1956 in Thiers
Claire Chazal ist schon seit über 15 Jahren Moderatorin der Wochenend-Nachrichten auf TF1, daher auch ihr Spitzname „princesse du JT“ (Prinzessin der Nachrichten). Sie moderiert ebenfalls die Talkshow Je/nous de Claire auf PinkTV; der erste französische Schwulen-Sender, von Claire Chazal mitgegründet. |
| Michel Drucker * am 12. September 1942 in Vire, Calvados
Michel Drucker moderiert seit 1998 die Unterhaltungssendungen Vivement Dimanche und Vivement dimanche prochain auf France 2 und ist vor allem beim älteren Publikum sehr beliebt. Als routinierter Moderator präsentiert er außerdem wichtige Fernsehereignisse wie die Cesars. |
| Marc-Olivier Fogiel * am 5. Juli 1969 in Neuilly-sur-Seine
Fogiel moderierte von 2000-2006 die erfolgreiche Talkshow On ne peut pas plaire à tout le monde auf France 3 und wechselte dann zu Canal +, wo er heute die fast identisch aufgemachte Sendung T'empêche tout le monde de dormir präsentiert. Obwohl seine Sendungen großen Erfolg haben, ist Marc-Olivier Fogiel laut Umfragen beim Publikum nicht sonderlich beliebt: viele halten ihn für kalt und arrogant. |
| Arthur * am 10. März 1966 in Casablanca (Marokko)
Arthur, der mit richtigem Namen Jacques Essebag heißt, moderierte über die Jahre erfolgreich verschiedene Unterhaltungssendungen in Radio und Fernsehen. Nach dem Aufkauf seiner Produktionsfirma Arthur Stephane Courbit Productions ( ASP ) 2001 ist er außerdem Vize-Präsident von Endemol Frankreich . |
| Jean-Luc Delarue * am 24. Juni 1964 in Paris
Ça se discute ist seine bekannteste Talkshow. Neben dem Moderieren ist Delarue auch noch sehr erfolgreich als Fernseh-Produzent tätig. Mit einem monatlichen Einkommen von 120 000 Euro gilt er als der bestverdienenste Moderator/Produzent im französischen Fernsehen. Er führt außerdem zwei erfolgreiche Restaurants, eines in Kooperation mit Robert De Niro. |
| Bernard Pivot * am 5. Mai 1935 in Lyon
Bernard Pivot ist eine Ausnahmeerscheinung in der französischen Literaturkritik, sozusagen Frankreichs Reich-Ranicki. Er moderierte verschiedene Literatur- und Kultursendungen im Fernsehen, ist jedoch am besten bekannt für die Einführung der Les Dicos d'or, der äußerst beliebten Rechtschreib-Wettbewerbe im französischen Fernsehen. |
| Arlette Chabot *am 21. Juli 1951 in Chartres
Seit 2004 leitet Arlette Chabot die Nachrichen-Redaktion von France 2. Sie moderiert auf dem gleichen Sender das politsche Magazin À vous de juger. 2007 moderierte sie gemeinsam mit Patrick Poivre d’Arvor das Fernsehduell zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal. |
| David Pujadas * am 2. Dezember 1964 in Barcelona (Spanien)
David Pujadas moderiert seit 2001 die 20 Uhr Nachrichten auf France 2. Er schaffte es zwar die Einschaltquoten der Sendung zu erhöhen, gegen die Konkurrenz-Nachrichten auf TF1 mit Patrick Poivre d’Arvor hat er jedoch weiterhin keine Chance. Er moderiert außerdem die Sendung Madame, Monsieur, bonsoir France 5. |
Das Urgestein der deutschen Late-Nightvon Miriam Koruschowitz, erschienen am 15.12.2007
Seit zwölf Jahren das Gleiche. Langweilig? Pas du tout: Es ist kurz vor 23 Uhr, die Band beginnt zu spielen, und unter kräftigem Applaus und fröhlichen Pfiffen der Zuschauer betritt Harald Schmidt mit einem verschmitzten Grinsen die deutsche Fernsehbühne. Er nimmt an seinem Schreibtisch Platz; rechts von ihm hat Manuel Andrack, der Sidekick der Sendung, bereits seinen Posten bezogen. Die ersten Lacher aus dem Publikum lassen nicht lange auf sich warten. Ob es der Schlagabtausch mit Manuel Andrack über das aktuelle Tagesgeschehen ist, oder ein kurioses Element der Sendung – zum Beispiel die legendären Playmobil-Episoden, in denen Schmidt mit den Spielfiguren unter anderem den Ödipus-Komplex erklärte – langweilig wird es bei Schmidt selten.
Dabei hatte Harald Schmidt zu Beginn seiner Laufbahn damit geliebäugelt, Priester zu werden. Er entscheidet sich dann aber für eine Ausbildung an der Staatlichen Schauspielschule in Stuttgart, danach arbeitet er zunächst an den Städtischen Bühnen Augsburg. 1984 startet Harald Schmidt seine kabarettistische Karriere als Ensemblemitglied auf der politisch-literarischen Bühne des Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Zeitgleich reift Schmidts Wunsch, zum Fernsehen zu gehen. 1990 gelingt ihm der Fernsehdurchbruch mit der Comedy-Sendung Schmidteinander, die er gemeinsam mit Herbert Feuerstein moderiert. Seitdem schmücken seine Shows das deutsche TV-Programm. Aber auch als er sich schon fest als Fernsehpersönlichkeit etabliert hat, zieht es ihn immer wieder zurück auf die Bühne. 2002 spielt er im Schauspielhaus Bochum in Samuel Becketts Warten auf Godot und tourt während seiner Kreativpause 2004 mit einem Kabarettprogramm durch einige deutsche Städte.
Seit 1995 ist Harald Schmidt mit seiner eigenen Late-Night-Show auf Sendung. Die jungen Jahre der Sendung begründen seinen Erfolg im deutschen Fernsehen. Als diese noch unter dem Namen Die Harald Schmidt Show auf Sat.1 läuft, fällt sie durch Schmidts charakteristische Kombination von Charme und bissigem Sarkasmus auf. Mehr als einmal bricht er mit seinen provokanten Späßen auf elegante Weise Tabus, man denke nur an seinen Kommentar zu den so genannten Ostalgie-Shows: In diesen Sendungen wurde an das tägliche, private Leben in der DDR erinnert, ohne auf die politischen Zustände einzugehen. Harald Schmidt kommt daher auf den Gedanken, eine Nazi-Show nach demselben Prinzip zu produzieren. Wahrscheinlich hätte jeder andere Moderator dafür vernichtende Kritik geerntet. Harald Schmidt hingegen heimst dafür mindestens ein Schmunzeln ein und verdankt solchen Aktionen seinen Spitznamen Dirty Harry.
Gewagte Provokation an der Grenze des guten Geschmacks ist noch längst nicht alles. In einem Auftritt bei der Nachrichtensendung heute-journal überzeugt Schmidt seine Fans mit einem souveränen Beitrag, den er humorvoll mit einer Imitation des Nachrichtensprechers Claus Kleber untermalte.
Legendär ist vor allem die Sendung, die Harald Schmidt 2002 volle 60 Minuten aus dem Stegreif auf Französisch moderiert – trotz mäßiger Kenntnisse der Sprache. Für seine »mutige Leistung«, dem »deutschen Publikum eine Stunde lang den französischen Nachbarn humorvoll, ehrlich und unterhaltsam« näher gebracht zu haben, erhält er im folgenden Jahr den Deutsch-Französischen Journalistenpreis. Wirft man einen Blick auf die Quoten der show en français, überforderte diese offensichtlich nicht nur Gast Barbara Schöneberger, sondern auch das deutsche Publikum. Im Juni wurde die Sendung daher auf Arte wiederholt – diesmal mit Untertiteln. Übrigens ist dies nicht der einzige Frankreichbezug der Sendung: Die charmante Französin Nathalie Licard, die ursprünglich als Empfangsdame in Harald Schmidts Produktionsfirma arbeitete, ist zu einem Markenzeichen der Show geworden. Mit ihrem unverwechselbaren französischen Akzent ist sie nicht nur in Außenreportagen zu sehen, sondern auch im Studio anwesend und dort zu einem zweiten Sidekick neben Manuel Andrack geworden.
Schmidts Entschluss gegen eine Verlängerung seines Vertrags bei Sat.1 und für eine Kreativpause, den er am 8. Dezember 2003 völlig unerwartet verkündet, ist ein Schnitt in Schmidts Late-Night-Karriere. Aber lassen kann er es dann doch nicht: Das Comeback seiner Late-Night-Show, unter dem neuen Namen Harald Schmidt, feiert er bereits ein gutes Jahr später auf dem öffentlich-rechtlichen Sender ARD. Das Konzept der Sendung bleibt erhalten, auch Manuel Andrack und Nathalie Licard finden ihren Platz beim neuen Sender. Dennoch gehen beliebte Elemente der Sendung verloren: Die Dynamik der Sendung, die durch Besonderheiten wie den Playmobil-Episoden oder der show en français erzeugt wurde, kann nicht wieder hergestellt werden. Gerade die jüngere Generation der Fernsehzuschauer schaltet daher lieber zu aktiveren Sendungen wie TV total mit Stefan Raab, der in seiner Late-Night-Show in rasanter Geschwindigkeit Stand-Up-Comedy, Spiele, Serien, Gäste und Musiker unter einen Hut bringt. Immer öfter war zu hören Harald Schmidt wirke seit dem Senderwechsel der Show müde und lustlos. Was Harald Schmidt seiner Konkurrenz aber immer noch voraus hat, ist sein beispielloser Sarkasmus.
In seiner Sendung am 1. Februar 2006 sagt Schmidt über die innenpolitische Debatte zur Rente ab dem 67. Lebensjahr: »Wir sagen bei der ARD nicht 67, wir sagen Zielgruppe.« Wie recht er damit behalten sollte, zeigt sich ein gutes Jahr später. Nachdem die Quoten in den vergangenen Monaten von Harald Schmidt keinen Programmdirektor mehr zufrieden gestellt hatten, reagiert die ARD mit dem Entschluss, Schmidt einen Gegenspieler an die Seite zu stellen. Die Wahl fiel auf den 29-jährigen Moderator und Schauspieler Oliver Pocher. Im deutschen Fernsehen ist er besonders durch seine Sendung Rent a Pocher bekannt, in der er sich für kuriose Jobs mieten ließ. Bei der ARD hofft man, mit Pocher ein jüngeres Publikum anzusprechen und der Sendung neue Impulse geben zu können.  |  | |
Am 25.Oktober 2007 ist es dann endlich soweit: Es ist kurz vor 23 Uhr, die Band beginnt zu spielen und unter kräftigem Applaus und fröhlichen Pfiffen der Zuschauer betritt Harald Schmidt mit einem verschmitzten Grinsen die deutsche Fernsehbühne. An diesem Tag aber sieht man viele angespannte Gesichter im Publikum. Die Unruhe löst sich erst auf, als nach 15 Minuten Oliver Pocher auftritt. Mit einem Moonwalk, stilecht unterlegt mit Michael Jacksons Billie Jean, nimmt der neue 29-jährige Co-Moderator Harald Schmidts seinen Platz neben dem Altmeister ein. Das ist also der Anfang der neuen Sendung Schmidt & Pocher, die Schmidts Alleingang ablöst – erfrischend amüsant.
Die erste Sendung verspricht zumindest Gutes. Obwohl viele Fans im Vorfeld ihre Enttäuschung über das neue Format geäußert hatten, kommen die Einschaltquoten von Harald Schmidt erfolgreich aus dem Keller, und auch die junge Zielgruppe wird erreicht. Offenbar soll an den Erfolg der Harald-Schmidt-Show auf Sat.1 angeknüpft werden: Pocher bringt die spielerische Leichtigkeit, der Sat.1-Bandleader Helmut Zerlett wird wieder eingesetzt und Einspieler wie das medizinische Kabarett mit Dr. med. Eckart von Hirschhausen oder die Parodie auf »Das große Promi-Pilgern« versuchen die alte Dynamik wieder herzustellen.
Die zweite Sendung hat jedoch bereits ein Drittel weniger Zuschauer. Schmidt selbst parodiert das krampfhafte Buhlen um junge Zuschauer, indem er in Babykleidung auftritt. Seine zynische Erklärung: »12-, 13-jährige Zuschauer genügen uns nicht, wir wollen ran an die Säuglinge.« Fragt sich nur, woher das mangelnde Zuschauerinteresse wirklich kommt. Die Teilung der Zuschauer in »mein Publikum« und »dein Publikum« erzeugt jedenfalls nur mäßige Begeisterung. Ein »unser Publikum« muss sich erst noch entwickeln, vielleicht weniger von Seiten der Zuschauer als von Seiten der Entertainer. Fraglich, ob sich das Urgestein des deutschen Fernsehens einem Kompromiss mit dem jugendlichen Pocher fügen wird.
Zum Weiterlesen
Die offizielle Seite von Schmidt & Pocher:
www.haraldschmidt.t-online.de
Infos zu Harald Schmidt:
www.schmidt-news.com
Über die show en français:
www.uebersetzerportal.de
Prominente Vertreter der deutschen Fernsehkultur:
www.whoswho.de
www.herbertfeuerstein.de
www.hapekerkeling.de
Die erfolgreichsten deutschen Entertainer und Shows der vergangenen 50 Jahre | Dieter Hallervorden *05.10.1935
Moderator, Kabarettist und Sänger. Hallervorden gründete 1960 das Berliner Kabarett Die Wühlmäuse, bis heute ist er Direktor. Die politisch-satirische Richtung des Kabaretts konnte er in seiner ARD-Sendung Hallervordens Spott-Light weiter verfolgen. Außerdem kennt man Hallervorden als Mitwirkenden von Shows mit versteckter Kamera: Er war Moderator der ARD-Sendung Verstehen Sie Spaß? und ist heute Mitglied der Comedy-Falle. Für Verstehen Sie Spaß? erhielt Hallervorden 1996 den Telestar, einen Vorgänger des Deutschen Fernsehpreises. Zudem trägt er seit 2005 den Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises.
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| Herbert Feuerstein *15.06.1937
Ehemaliger Chefredakteur des deutschen Satiremagazins MAD. Besonders populär waren seine Produktionen mit Harald Schmidt, so die Rateshow Pssst und Schmidteinander. Letztere gilt als der Vorläufer der Late-Night-Shows im deutschen Fernsehen. Die Sendung wurde 1994 sowohl mit dem Adolf-Grimme-Preis, als auch mit dem Bambi geehrt. |
| Jürgen von der Lippe *08.06.1948
Entertainer, Komiker, Musiker und Moderator. Seine erfolgreichste Sendung ist die Spielshow Geld oder Liebe?, die zwölf Jahre auf der ARD zu sehen war. In der jüngsten Zeit war er besonders als Moderator von Extreme Activity, einer Spielshow mit deutschen TV-Prominenten, präsent. Für beide Sendungen erhielt Jürgen von der Lippe den Adolf-Grimme-Preis – 1994 für Geld oder Liebe? und 2007 für Extreme Activity. |
| Hugo Egon Balder *22.03.1950
Zählt zu den ersten Größen des Privatfernsehens. Heute kennt man ihn hauptsächlich aus der Rateshow Genial Daneben, die 2004 den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie »Beste Unterhaltungssendung/Beste Moderation Unterhaltung« gewann. Übrigens waren Schmidt und Balder in den Achtzigern Kollegen im Düsseldorfer Kom(m)ödchen. |
| Thomas Gottschalk *18.05.1950
Wurde in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern besonders durch Spielshows und gemeinsame Kinofilme mit Mike Krüger bekannt. Seit 1986 ist er, mit zweijähriger Unterbrechung, Moderator der Spielshow Wetten, dass..?, die auch auf europäischer Ebene großen Erfolg hat. In der Sendung stellen Menschen aus der Bevölkerung aufsehenerregende Wetten auf. Die prominenten Gäste der Show werden dann zu Wettpaten. 1999 wurde Wetten dass..? mit dem Deutschen Fernsehpreis für die beste Show ausgezeichnet.
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| Mike Krüger *14.12.1951
Schauspieler und Komiker, der auch für seinen Gesang bekannt ist. Jeden Montag ist er in seiner wochenaktuellen Sitcom Krügers Woche auf Pro Sieben zu sehen. Weitaus bekannter war er aber als festes Mitglied der Sendung 7 Tage – 7 Köpfe, in der sieben Prominente im Gespräch das Tagesgeschehen humoristisch kommentieren. 1998 wurde die Sendung mit dem Bambi ausgezeichnet. Ihr Erfinder war Rudi Carrell, den Harald Schmidt in einem Interview mit der Zeit am 23.11.2006 ein Vorbild mit »Las-Vegas-Format« nannte.
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| Günther Jauch *13.06.1956
Eine der beliebtesten Persönlichkeiten im deutschen Fernsehen. Jauch moderiert nicht nur das Reportagemagazin stern-TV sondern auch seit 1999 die erfolgreiche Quizsendung Wer wird Millionär? Für seine Moderation erhielt Günther Jauch 2001 den Bambi, die Sendung selbst wurde unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, so 2000 und 2006 als beste Unterhaltungssendung. |
| Hape Kerkeling *09.12.1964
Entertainer und Schauspieler. Er moderierte die Shows Total normal, Cheese, und Darüber lacht die Welt. Legendär sind die verschiedenen Rollen, wie jene des Chefredakteurs Horst Schlämmer, in die er immer wieder schlüpft.Hape Kerkeling ist Träger von zwei Goldenen Kameras: Die erste erhielt er 1991 für Total normal, die zweite 2005 in der Sparte »TV-Entertainment«. |
| Anke Engelke *21.12.1965
Eine der wenigen Frauen in der Männerdomäne des Fernsehentertainments. Sie ist berühmt für ihre Sketchsendung Ladykracher. Als Harald Schmidt seinen Abschied vom Sender Sat.1 bekannt gab, wurde ihre Late-Night-Show Anke Late Night als Nachfolge für Schmidt ins Leben gerufen. Leider blieb der Erfolg der Sendung aus. |
| Stefan Raab *20.10.1966
Der Moderator und Musiker ist derzeit wohl die populärste und bekannteste Persönlichkeit im deutschen Fernsehen. Neben seiner eigenen Show TV total erhalten seine innovativen Spiel-, Sport- und Event-Shows mit Prominenten ein enormes Feedback der Zuschauer. 2004 wurde Stefan Raab als bester TV-Entertainer mit der Goldenen Kamera geehrt. Dieses Jahr wurde er für seine Spielshow Schlag den Raab mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Sparte »Beste Unterhaltungssendung/Beste Moderation Unterhaltung« ausgezeichnet. |

Euro-Islam oder die Summe einer schwierigen Gleichungvon Sophie Rudolph, erschienen am 01.09.2007
Ist Allah Europäer? Wer sich für das Konzept eines »Euro-Islam« ausspricht, müsste diese paradoxe Frage eigentlich mit »Ja« beantworten und verfängt sich damit schnell in Widersprüchen. Denn die Vision einer friedlichen Multikulti-Gesellschaft auf europäischem Boden hat sich seit dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, den Terroranschlägen von Madrid und London und nicht zuletzt dem Karikaturenstreit zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend verflüchtigt. Radikal religiöser Islamismus trifft auf radikal säkulare europäische Werte, zumal in Frankreich, wo die Trennung von Staat und Kirche seit 1905 gesetzlich verankert ist.
Hinter dem Schlagwort »Euro-Islam«, das von dem in Göttingen lehrenden Politikwissenschaftler Bassam Tibi in Umlauf gebracht wurde, versteckt sich der fromme Wunsch, die in Europa lebenden Muslime würden sich einfach so verhalten wie alle anderen Europäer und Demokratie, Menschenrechte und die Gleichheit von Mann und Frau in ihr Glaubensbekenntnis aufnehmen. Der Islam ist aber nicht nur eine Religion, sondern tritt mit dem Anspruch auf Einheit von Leben, Glauben, Gesetz und Politik an. Es mag daher nicht verwundern, dass viele Muslime einen so verstandenen »Euro-Islam« als Angriff auf ihre islamische Identität begreifen und zurückweisen.
Im immer wieder aufflammenden Kopftuchstreit zeigt sich der Konflikt zwischen Säkularismus und Religiösität besonders deutlich. Aus eurozentristischer Sicht erscheint das Kopftuch schnell als Symbol für die Unterdrückung der Frau im Islam und wird damit zum Politikum. Für viele Frauen und Mädchen bedeutet es jedoch die freie Ausübung ihres Glaubens.  |  | |
Ein anderes Modell des »Euro-Islam« vertritt der in Genf geborene Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, der für viele in Europa lebende muslimische Jugendliche zum Vorbild geworden ist. Er appelliert an die kollektive Verantwortung der Gesellschaft, den Argwohn gegen die wachsende Zahl von Muslimen in Europa zu überwinden und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Den Weg dorthin sieht er in der Staatsbürgerschaft, denn sobald man die Staatsangehörigkeit erlangt habe, gehöre man keiner Minderheit mehr an. Ramadan warnt eindringlich vor einer »Islamisierung« sozialer Probleme, wie sie insbesondere im Rahmen der Krawallnächte in den französischen Vorstädten von einigen Politikern und Intellektuellen ins Spiel gebracht wurde. Die Gesellschaft und die muslimischen Bürger müssten beide gleichermaßen aufeinander zugehen, um anstelle eines »wir gegen die« ein gemeinschaftliches »wir« entstehen zu lassen.
Auch bei den »westlichen« Intellektuellen herrscht Uneinigkeit. Der niederländisch-britische Autor Ian Buruma veröffentlichte im September 2006 das Buch »Murder in Amsterdam: The Death of Theo van Gogh and the Limits of Tolerance« lässt in Form einer Reportage alle Protagonisten zu Wort kommen, die zum Drama der Ermordung des niederländischen Filmemachers gehören.
Das Buch wurde zunächst von Timothy Garton Ash, Journalist und Professor für European Studies in Oxford, mit großer Zustimmung in der New York Review of Books besprochen, bevor der französische Romancier und Essayist Pascal Bruckner auf der Internetplattform »perlentaucher« und ihrem englischsprachigen Pendant »signandsight« verlauten ließ, der Multikulturalimus à la Buruma und Ash sei ein »Rassismus der Antirassisten«, da sie die unantastbare Andersartigkeit des Islam betonten und damit aufgeklärten Muslimen quasi das Recht verweigerten, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen.  |  | |
Der Aufhänger für Bruckners Kritik an Burumas Buch ist die ehemalige niederländische Abgeordnete somalischer Herkunft Ayaan Hirsi Ali. Sie war mit Theo van Gogh befreundet und hatte das Skript für den Dokumentarfilm Submission (Unterwerfung) geschrieben. In dem Film berichten vier Frauen von erlittenen Misshandlungen, auf vier durchsichtig bekleideten Frauenkörpern sind fünf Suren aus dem Koran geschrieben, die angeblich die Gewalt an Frauen rechtfertigen. Nachdem der Film im Sommer im niederländischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, ist Theo van Gogh nach mehreren Drohungen militanter Muslime am 2. November 2004 ermordet worden. An der Leiche hat der Mörder einen Drohbrief an Ayaan Hirsi Ali befestigt, auf dem auch zu lesen stand: »Europa, jetzt bist du dran«.
Bruckner wirft Buruma nun vor, er habe ein »furchterregend ambivalentes Porträt« der muslimischen Dissidentin gezeichnet, die seit mehreren Jahren mit wiederholten Morddrohungen leben muss und seit einiger Zeit an unbekanntem Ort in den USA lebt.
Es mag fragwürdig erscheinen, die Debatte um den Islam in Europa derart zu personalisieren. Pascal Bruckner geht es aber keinesfalls um eine Entscheidung des Einzelnen für oder gegen den islamischen Glauben. Vielmehr plädiert er für einen am französischen Modell des Laizismus orientierten »aufgeklärten europäischen Islam«, der als Modell für Muslime in der ganzen Welt dienen könne.  |  | |
Die säkularen Muslime, die auf der von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble einberufenen Deutschen Islamkonferenz von der Türkin Ezhar Cezairli vertreten werden, halten Religion für eine Privatangelegenheit, respektieren das Grundgesetz und setzen sich für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein. Die muslimischen Dachverbände äußerten im Vorfeld große Bedenken angesichts der Teilnahme säkularer und islamkritischer Muslime an der Konferenz. Insbesondere der deutschtürkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu tat sich in den Medien mit Beschimpfungen auf die ebenfalls deutschtürkische Frauenrechtlerin Necla Kelek und Ezhar Cezairli hervor, denen er Hysterie oder Rechtspopulismus vorwarf. Er forderte unlängst sogar die Teilnahme einer »Neo-Muslima«, die ihr Kopftuch freiwillig trage. Frauen wie Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek und Ezhar Cezairli öffentlich vorzuwerfen, sie hätten einfach ein »persönliches Problem«, zeugt wohl eher nicht von einem aufgeklärten Menschenbild. Bei der Frage nach der Ausgestaltung des religiösen Lebens innerhalb der europäischen Gesellschaft scheiden sich offensichtlich die Geister. So unterschiedlich die in Europa lebenden Anhänger des muslimischen Glaubens argumentieren, sind sie trotzdem immer beides: Europäer und Muslime. Die Gleichung »Europa + Islam = Euro-Islam« geht deswegen aber noch lange nicht auf.
Religiöse Toleranz und ParallelgesellschaftDas Prinzip der religiösen Toleranz ist eine Idee aus dem modernen Liberalismus, die nicht zuletzt als Reaktion auf die Reformation und die sich ihr anschließenden Religionskriege in Europa entwickelt wurde. Die europäischen Demokratien gründen sich auf dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit, das dem Individuum per Gesetz die größtmögliche Freiheit garantiert. Darin sieht der amerikanische Politologe Francis Fukuyama das grundlegende Problem der Integration des Islam in der europäischen Gesellschaft. Denn der moderne Liberalismus hat nie über die Rechte von Gruppen gesprochen. Wohl wurde klar durchgesetzt, dass der Staat keine religiösen Überzeugungen vorschreiben darf, aber die Frage, ob die individuelle Freiheit mit der Aufrechterhaltung einer bestimmten Tradition anderer Gruppen inner- oder außerhalb des Staates vereinbar ist, bleibt unbeantwortet.
Die in Deutschland lebende türkische Soziologin Necla Kelek, die zur islamisch geprägten Parallelgesellschaft forscht, macht auf die grundlegende Geschlossenheit des Menschen- und Weltbilds im Islam aufmerksam. Das höchste weltliche Gremium der Muslime ist die Organisation der Islamischen Konferenz, die am 5. August 1990 die »Kairoer Erklärung der Menschenrechte« verabschiedete, die von 45 Außenministern unterzeichnet wurde. Das Dokument hat zwar keinen völkerrechtlichen Charakter, stellt aber die globale Haltung des institutionalisierten Islam gegenüber der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen dar.
In der Präambel wird die kulturelle Rolle der islamischen Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, hervorgehoben. In seiner Grundkonzeption enthält der Islam einen weltumspannenden Staat, dessen einzig gültiges Gesetz die Scharia ist. Die Welt zerfällt in der islamischen Konzeption in Dar al-Islam, das Haus des Islam (die muslimischen Länder) in dem Frieden herrscht und das Dar al-Kufr, das Haus des Krieges (die Länder der Ungläubigen). Extremistische Islamisten argumentieren, dass es im Moment keinen wahren islamischen Staat gebe und erklären damit die ganze Welt zum Dar al-Kufr.
Der schwedische Romanautor und Professor für theoretische Philosophie Lars Gustafsson spricht von einer, von zukünftigen Philosophen noch auszuarbeitenden »Logik der Toleranz«, die er mit zwei kurzen Sätzen eindrücklich formuliert:
»Die Toleranz der Intoleranz führt zur Intoleranz« und »Die Intoleranz der Intoleranz führt zur Toleranz«.
Da die Unvereinbarkeit der Scharia mit den Grundsätzen der westlichen Demokratien im »multikulturellen Gespräch« nicht einfach wegdiskutiert werden könne, müsse das Individuum in Fragen der Freiheit und der Vernunft eine klare Entscheidung treffen – ob es Bürger eines Staates werden wolle oder als Einwanderer im kulturellen, ethnischen Ghetto verharren will.
Zum Weiterlesen:
Multikulturalismus-Debatte im »Perlentaucher«: www.perlentaucher.de
Deutsche Islam Konferenz: www.bmi.bund.de
Islam in Frankreich: www.botschaft-frankreich.de
Dossier Europäisch-Islamischer Kulturdialog: ww.cms.ifa.de |

Jeudi noir: Protest mit Sekt und Musikvon Jan Laboranowitsch, erschienen am 01.06.2007
Go-Ins und Sit-Ins waren früher: Mit »Blitz-Partys« bringt eine Gruppe junger Pariser zurzeit ihren Protest zum Ausdruck. Das besondere daran? Die Feten finden bei Besichtigungen für Mietwohnungen statt. Weit weniger spaßig dagegen ist für die Studenten der Initiative Jeudi noir der Grund ihrer Aktionen. Hinter fliegenden Konfetti, bunten Luftballons und lauter Musik steht der Protest gegen ein ernsthaftes Problem: Die Wohnungsnot in Paris lässt Mietpreise in Schwindel erregende Höhen steigen und stellt vor allem Studenten und junge Arbeitnehmer vor Schwierigkeiten.
Einzimmerwohnung, 20 Quadratmeter, sechstes Arrondissement, 800 Euro Miete. So oder so ähnlich lauten die Annoncen in der wöchentlich erscheinenden Zeitung De Particulier à Particulier, kurz PAP. Jeden Donnerstag erscheint die PAP und jeden Donnerstag bringen horrende Mietpreise zahlreiche Wohnungssuchende zum Verzweifeln. Denn auf dem Pariser Immobilienmarkt existieren durchaus noch höhere Mieten als die hier genannte ─ für viele junge Leute schlicht unbezahlbar. Darauf aufmerksam zu machen und die Politiker zum Handeln zu bringen, war der Plan einiger Studenten, als sie sich im Herbst vergangenen Jahres zusammenschlossen. Die jungen Pariser tauften daher ihre Initiative nach dem Erscheinungstag der PAP »Jeudi Noir« (»Schwarzer Donnerstag«), in Anlehnung an den Schwarzen Freitag von 1929, der mit dem Börsenkrach in New York die Weltwirtschaftskrise einläutete. Unter diesem Namen macht die Initiative seit einigen Monaten Schlagzeilen in ganz Frankreich und sogar im Ausland.
Kein Wunder, denn das Konzept von Jeudi noir ist wohl einmalig. Die Gruppe sucht sich ein besonders dreistes Angebot heraus und jemand vereinbart mit dem Vermieter einen Besichtigungstermin. Diesen trifft er zusammen mit einer Begleitperson. Erst wenn die beiden angeblichen Interessenten in der Wohnung sind, gibt einer von ihnen dem Rest der Gruppe per Mobiltelefon das Signal: Die Party kann beginnen. Es können schon mal 30 Jeudi-noir-Anhänger sein, die in schriller Kleidung, johlend und begleitet von lauter Musik in die Wohnung stürmen. Sekt, Luftballons, Flugblätter und Luftschlangen ergänzen die Aktion zu einer für die meist völlig überrumpelten Vermieter sicher unvergesslichen Spontanfete – auf die die meisten freilich gerne verzichten würden. Nach der Überraschungsaktion wird die Wohnung anständig sauber gemacht, die Truppe tritt den Rückweg an und für den Vermieter ist der Spuk so plötzlich vorbei, wie er begonnen hatte.  |  | |
Gleich drei Bedeutungen hätte das Mitmachen bei ihren Aktionen, werben die Mitglieder von Jeudi noir auf ihrer Internetseite: »Man reagiert sich ab, trifft Leute und macht auf die schwierige Lage Jugendlicher hinsichtlich der Unterkunft aufmerksam.« Diese Schwierigkeiten umfassen nicht nur die hohen Mietpreise. Damit die Mieten regelmäßig bezahlt werden, verlangen Vermieter bisweilen unverschämte Kautionen und Garantien, die die meisten Studenten und jungen Arbeitnehmer nicht erfüllen können. Zum Beispiel der Nachweis eines monatlichen Einkommens in Höhe von mindestens drei Mieten. Im oben genannten Fall müsste der Mieter für eine 20 Quadratmeter große Einzimmerwohnung demnach mindestens 2400 Euro monatlich verdienen, um den Vermieter zu überzeugen. Und ohne einen unbefristeten Arbeitsvertrag stehen die Chancen auf eine Mietwohnung sowieso mehr als schlecht. Den meisten Erwachsenen, die jünger als 30 sind, steht somit ein großer Teil des Immobilienmarkts gar nicht erst offen.
Mit ihren Spontanfeten haben die Aktivisten von Jeudi noir die drängenden Probleme auf dem französischen Wohnungsmarkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Neben zahlreichen Zeitungen berichteten schon die Fernsehsender Canal + und France 2 über Aktionen des Kollektivs. Politiker werden erfahrungsgemäß unruhig, sobald das Medieninteresse ein solches Ausmaß annimmt, besonders in Wahlkampfzeiten. Dies zeigte sich auch Anfang Dezember vergangenen Jahres, als der französische Minister für Arbeit, sozialen Zusammenhalt und Wohnungswesen, Jean-Louis Borloo, fünf Mitglieder von Jeudi noir zu einem Gespräch einlud. Einer seiner Vorschläge ist die »Garantie contre les Risques Locatifs«, eine Art staatliche Mietbürgschaft. Dadurch sollen in Notsituationen nicht bezahlte Mieten rückwirkend erstattet werden – bis zu zwei Jahre lang. Außerdem will der Minister neue Wohnungen bauen lassen. Mit über 400.000 neuen Appartements jährlich – etwa so viele Baubeginne gab es im vergangenen Jahr – würden die Preise schon bald wieder sinken.
Borloos Vorschläge würden das momentane, drängende Problem nicht lösen, entgegnen die Mitglieder von Jeudi noir. Schließlich bringe es den Menschen heute nichts, wenn in einigen Jahren die Mietpreise sinken würden. Zwei Millionen Unterkünfte in ganz Frankreich würden schon jetzt nicht bewohnt, beklagt das Kollektiv. Demgegenüber gäbe es 1,4 Millionen Franzosen, die eine Wohnung suchten. Eine Steuer, die auf leer stehende Wohnungen erhoben wird, hat laut Jeudi noir im vergangenen Jahr rund 20 Millionen Euro eingebracht. Ein Vorschlag der jungen Leute ist es, diese Steuer zu verdoppeln.  |  | |
Die Anregungen von Jeudi noir hatten jedoch bisher noch keine politischen Folgen, also führen sie ihren Protestzug hartnäckig fort. Ende vergangenen Jahres besetzte Jeudi noir zusammen mit den Gruppen Recht auf Unterkunft (Droit au logement) und Macaq (Bewegung zur kulturellen und künstlerischen Belebung von Stadtvierteln, Mouvement d’Animation Culturelle et Artistique de Quartier) ein leer stehendes Gebäude im zweiten Arrondissement. Den Ort für ihr neu gegründetes Ministerium für Wohnungsnot hätten sie kaum besser wählen können: Die Stadtguerilla für eine andere Wohnungspolitik hat sich genau gegenüber der Börse eingerichtet. Einige Politiker, darunter die Präsidentschaftskandidatinnen Marie-George Buffet, Dominique Voynet und Ségolène Royal, sprachen dort schon mit den Aktivisten über die Wohnungslage.
Das »Ministerium« wurde schnell zu einem medienwirksamen Repräsentationsobjekt der Bewegung. Die Veranstaltungen der modernen Hausbesetzer reichen von Debatten, Seminaren und Vorträgen bis hin zu Konzerten. In einem Teil des Hauses wurden obdachlose Familien untergebracht. Nachdem anfangs gedroht wurde, das Haus räumen zu lassen, verkündete schließlich die Stadt Paris, das Gebäude vom bisherigen Eigentümer, der Lyonnaise de Banque, kaufen zu wollen. Notfalls werde sie von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, um im Gebäude Nummer 24 in der Rue de la Banque Sozialwohnungen einzurichten. Das könnte für das »Ministerium« das Ende des derzeitigen Sitzes bedeuten. Vorerst jedoch muss es wohl nicht darum fürchten, da die Verhandlungen zwischen der Bank und der Stadt noch andauern.
Im Wahlkampfeifer wurde von französischen Politikern viel versprochen. Neben Jean-Louis Borloo sprach sich auch Ségolène Royal für den Bau neuer Sozialwohnungen und die Nutzung leer stehender Wohnungen aus. Premierminister Dominique de Villepin forderte ein einklagbares Recht auf eine Unterkunft. Was nach den Präsidentschaftswahlen von den Versprechen übrig bleibt, wird sich erst noch zeigen. Fest steht jedoch: Jeudi noir und das Ministerium für Wohnungsnot machen weiter. Bis sich etwas ändert.
Zur weiterführenden Lektüre:
Homepage der Initiative Jeudi noir: www.jeudi-noir.org
Das Ministerium für Wohnungsnot: www.ministeredelacrisedulogement.org
Die Organisation Droit au Logement: www.globenet.org
Mouvement d’animation culturelle et artistique de quartier: www.macaq.org
Im Kampf für anständige Wohnungen zu bezahlbaren Preisenvon Felicitas Schwarz, erschienen am 01.06.2007
Fanny ist 24 Jahre alt und wohnt in Paris. Vor anderthalb Jahren hat die zierliche junge Frau ihr Studium der Angewandten Sprachwissenschaft abgeschlossen. Seitdem ist sie auf der Suche nach einer festen Stelle und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Aufgrund ihrer Situation und der des Pariser Wohnungsmarktes ist für sie an eine eigene Wohnung nicht zu denken. Doch erstens kommt alles anders und zweitens als man denkt. Seit Ende vergangenen Jahres wohnt Fanny nun in einem Gebäude in der rue de la Banque Nr. 24 im Herzen von Paris. Alles fing mit der Besetzung dieses seit drei Jahren leerstehenden Bürogebäudes an, bei der Fanny die Leute des Kollektivs Jeudi noir traf. Die Idee, in den zu vermietenden Wohnungen gegen die zu hohen Mietpreise anzufeiern, gefiel ihr sofort, und so schloss sie sich der Gruppe an.
Warum engagieren Sie sich in dem Kollektiv Jeudi noir?
Ich persönlich habe Probleme, irgendwo unterzukommen. Im Moment habe ich kein festes Einkommen. Ich habe angefangen, mich bei Jeudi noir zu engagieren, als das Ministerium für Wohnungsnot gegründet wurde.
Welches Ziel verfolgt Jeudi noir mit den Feiern in überteuerten Mietwohnungen?
Unser Ziel ist, mit blubberndem Sekt die Blase zum Platzen zu bringen. Konkret heißt das, dass wir mit Sekt bewaffnet in die Wohnung kommen und feiern. Dabei versuchen wir, darauf aufmerksam zu machen, dass es ein großes Problem auf dem Immobilienmarkt gibt, wodurch es immer schwieriger wird, in den großen französischen Städten eine Unterkunft zu finden. Die hohen Mietpreise betreffen einen großen Teil der Gesellschaft. Die Aktionen von Jeudi noir richten das Augenmerk auf eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft: junge Berufstätige und Studenten. Selbst Angestellte, die zum Beispiel 1500 Euro netto verdienen, müssen etwa 50 Prozent ihres Gehalts für die Miete ausgeben und können sich dafür trotzdem meist nur eine 20 Quadratmeter große Wohnung leisten. Viele junge Berufstätige sind daher gezwungen, in Studentenbuden zu leben, obwohl sie arbeiten. Wie laufen die Aktionen ab?
Donnerstags kaufen wir das Anzeigenblatt De particulier à particulier und suchen besonders skandalöse Angebote raus. Wir kaufen Sekt und Luftschlangen, verkleiden uns ein bisschen und platzen dann mit lauter Musik in die Wohnungsbesichtigung, um sie ein bisschen aufzumischen. Dabei bleiben wir immer respektvoll und bevor wir gehen, räumen wir alles wieder auf. Wir amüsieren uns eine Viertelstunde und versuchen, mit dem Vermieter zu reden. Wir fragen ihn, ob er es nicht etwas dreist findet, ein zehn Quadratmeter großes Zimmer für 700 Euro im Monat zu vermieten. Oft kommen wir in Begleitung mehrerer Journalisten.
Wie reagieren die Vermieter?
Einige zeigen Humor und sind bereit, mit uns zu diskutieren. Andere wiederum haben sogar hysterisch reagiert. Ist ja auch verständlich, dass sie sich ein bisschen angegriffen fühlen, wenn wir da mit 30 Mann in einer zehn Quadratmeter großen Wohnung einfallen. Zweimal ist sogar die Polizei gekommen. Aber die konnte nichts machen, da wir ja nichts Böses anstellen. Die Beamten sagen uns dann höchstens: »Ja, das stimmt, das ist ganz schön teuer.«
Welche Aktion war für Sie besonders eindrucksvoll?
Na, die ersten auf jeden Fall als die Polizei anrückte. Das gibt immer so einen kleinen Adrenalinschub. Eine der besten Aktionen haben wir vor einigen Wochen auf der Immobilienmesse gebracht. Wir sind da mit echt vielen Leuten aufgetaucht, und es waren viele Journalisten vor Ort. Wir haben uns einen Vortrag über den Immobilienmarkt der Île-de-France (Region, zu der auch Paris gehört, Anm. d. Red.) angehört und sind langsam und allmählich Richtung Rednerbühne vorgerückt, wo die Immobilienmakler ihre Reden geschwungen haben. Als sie das Publikum zur Diskussion einluden, haben wir die Mikros an uns gerissen. Es war unglaublich, der ganze Saal hat uns applaudiert. Wir sind eine halbe Stunde auf der Bühne geblieben und haben Party gemacht. Das Schlimmste war, dass die Immobilienmakler noch nicht mal gekontert haben, die sind total passiv geblieben, sie hatten überhaupt keine Argumente gegen uns.
Haben die Aktionen schon zu konkreten Ergebnissen geführt?
Derzeitig sind die Reaktionen der öffentlichen Meinung auf unsere Aktionen sehr positiv, da das Problem sehr viele Menschen betrifft. Aber was konkrete Ergebnisse und politische Reaktionen angeht, haben wir unsere Ziel noch lange nicht erreicht. Wir starten also weiterhin regelmäßig Aktionen. Da es noch keine befriedigenden Ergebnisse gibt, müssen wir weitermachen. Es gibt noch keinen sichtbaren Fortschritt, und die Mietpreise steigen weiter.
Der erste Erfolg für Sie war, ein Zimmer in dem besetzten Bürogebäude gefunden zu haben, das bei der Gelegenheit Ministerium für Wohnungsnot getauft wurde. Wie lebt es sich in dem besetzten Haus?
Es läuft super. Wir sind so zwischen 35 und 40 Personen. Mehrere Künstler, acht Familien und wir, vier Mitglieder von Jeudi noir. Meine Eltern wohnen weit außerhalb, daher war das für mich ideal. Ich hatte gerade eine Arbeit gefunden und konnte dann gleich hier einziehen. Jeder hat sein eigenes Zimmer. Das ist echt verrückt. Wir sind zu viert und haben 120 Quadratmeter. Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir anklagen. Aber gut, das ist ein besetztes Haus, es ist also keine Dauerlösung. Aber wir haben Strom, fließend Wasser, eine Heizung und es ist sauber. Das ist fast besser als eine richtige Wohnung.
Droht nicht jeden Moment der Rausschmiss?
Ja natürlich. Es wurde ein Räumungsklage gegen uns eingeleitet. Wir warten darauf, dass man uns eine alternative Unterbringung anbietet. Alle haben einen Antrag auf eine Sozialwohnung gestellt, vor allem die Familien, die zum Teil schon lange auf eine solche Wohnung warten. Eine der Familien hat ihren Antrag vor bald zehn Jahren eingereicht. Das Ziel ist, dass alle eine neue Unterkunft bekommen. Dieser Artikel als Hördatei (4MB) (QuickTimePlayer»Download), (WindowsMediaPlayer»Download) 
Generation Pvon Sophie Rudolph, erschienen am 01.03.2007
Während des vergangenen Jahres wurden in fast allen deutschen und französischen Medien Erfahrungsberichte von Studenten veröffentlicht, die zeigen, dass immer mehr Studenten Praktika nicht nur während, sondern auch nach dem Studium absolvieren, um damit ihre Berufschancen zu verbessern oder der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen. Viele der Absolventen, die nach dem Studium als Praktikanten beschäftigt werden, fühlen sich dabei ausgenutzt, weil sie eigentlich nichts mehr lernen, sondern volle Arbeitsleistung gegen wenig oder kein Entgelt und ohne soziale Absicherung erbringen. Das Praktikumswesen wird dadurch von Arbeitgebern als eine Art »Probearbeitsmarkt« eingesetzt.
Handelt es sich wirklich um ein gesellschaftliches Problem oder um Einzelschicksale? Uta Glaubitz, Autorin des Buches »Generation Praktikum« gibt selbst unumwunden zu: »Die Generation Praktikum gibt es so nicht. Natürlich gibt es qualifizierte Praktikanten, die ausgebeutet werden. Aber das ist die Minderheit.« Ihr Buch ist somit auch kein politisches Pamphlet gegen böse Arbeitgeber, sondern vielmehr ein Ratgeber wie man das Beste aus einem Praktikum herausholen kann und in welchen Fällen man es lieber abbrechen sollte. Wichtig sei vor allem eine klare Zielsetzung, denn wer viele Hasen jagt, fängt am Ende keinen.
Die Absolventenforscher Dieter Grühn und Heidemarie Hecht haben im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung dieses Phänomen genauer untersucht. Anfang Februar wurde die erste, umfangreiche Studie zur »Generation Praktikum« in Deutschland präsentiert und offenbart für diejenigen, die sich davon betroffen fühlen, keine großen Neuigkeiten, aber zum ersten Mal »richtige« Zahlen:
Von den über 500 befragten Absolventen der Freien Universität Berlin und der Uni Köln, die im Wintersemester 2002/2003 ihren Abschluss gemacht haben, haben laut der Studie des DGB 37 Prozent nach dem Studium ein Praktikum absolviert, 19 Prozent ein unbezahltes. Das Horrorszenario des Dauerpraktikanten wird durch die Studie aber relativiert: nur vier Prozent der Befragten absolvierten drei oder mehr Praktika nach dem Studienabschluss.  |  | |
Dennoch: die zum Teil haarsträubenden Erfahrungen junger Menschen auf der Suche nach dem Traumjob bieten für die junge Autorin Nikola Richter bereits genug Stoff für einen Roman. In der fiktiven Geschichte »Die Lebenspraktikanten« porträtiert sie ihre eigene Generation und ist dabei von der Wahrheit nicht weit entfernt. »In einer Phase, in der Familiengründung und soziale Absicherung für das Alter ansteht, sind sie mit unsicheren, zeitlich befristeten und schlecht bezahlten Jobs konfrontiert«, meint auch die stellvertretendeDGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. »Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass gut ausgebildete, engagierte junge Menschen als billige Arbeitsmarktreserve verheizt werden. «
Dass der schwierige Berufseinstieg längst kein Einzelschicksal mehr ist, zeigen auch die Initiativen der Betroffenen, die sich zusammengeschlossen haben, um ihr Interesse an die Öffentlichkeit zu bringen.
Die deutsche Interessenvertretung für Hochschulabsolventen fairwork e.V. wurde im September 2004 in Berlin ins Leben gerufen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die deutsche Medienlandschaft und Vertreter aus Politik und Wirtschaft mit der Situation zu konfrontieren und stellt konkrete Forderungen wie einen Mindestlohn für Praktikanten in Höhe des aktuellen Satzes für Langzeitarbeitslose und die Beschränkung eines Praktikantenverhältnisses auf maximal vier Monate. Auf der Internetseite www.fairwork-verein.de werden Erfahrungsberichte und das »Abzocker-Praktikum« des Monats veröffentlicht. Kürzlich haben Frank Schneider, Bettina König und Susanne Rinecker einen Ratgeber »Vom Praktikum zum Job«herausgebracht, in dem auch die Fallstricke auf dem Weg in ein geregeltes Berufsleben nicht zu kurz kommen. Was ein faires Praktikum ist, kann man auch über die Seite der DGB-Jugend www.students-at-work.de erfahren, dort wurde ein Leitfaden »Faires Praktikum« entwickelt, an dem sich Unternehmen und Praktikanten orientieren können.  |  | |
Die französische Initiative »Génération précaire« besteht seit September 2005 und ist aus einem spontanen Aufruf zum Streik, der übers Internet versandt wurde, entstanden. Daraufhin hat sich in kürzester Zeit ein Netzwerk aus Praktikanten entwickelt, die gegen ihre Arbeitssituation protestieren. Im April 2006 wurde ein Buch mit dem Titel »Sois stage et tais-toi« (dabei wurde passender weise die französische Redensart »Sei brav (sage) und halt den Mund« in das fast gleichklingende »Sei stage (Praktikum) und halt den Mund« umgewandelt) herausgegeben, in dem Erfahrungsberichte gesammelt und Reformvorschläge unterbreitet werden. Eine Petition an das französische Arbeits- und Sozialministerium wurde von fast 15.000 Personen unterschrieben. Das Internetportal der Initiative www.generation-precaire.org bietet unter anderem Musterantworten auf »unverschämte« Praktikumsangebote an.
Trotz allem zählt die »Generation Praktikum«nicht unbedingt zu den Verlierern, bekommt dafür aber wesentlich mehr Aufmerksamkeit als andere benachteiligte Gruppen. Angesichts der hohen Jugendarbeitlosigkeit bei Haupt- und Realschulabgängern kann die prekäre Lageder Hochschulabsolventen, die wesentlich weniger von Langzeitarbeitslosigkeit und sozialem Abstieg bedroht sind, durchaus als »Luxusproblem« erscheinen.  |  | |
Drei Jahre nach Abschluss des Studiums sind »nur« vier Prozent der befragten Absolventen arbeitslos. Studieren lohnt sich also nach wie vor. Vielen Akademikern bietet sich als Alternative zur Festanstellung auch die Möglichkeit der Selbständigkeit, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Laut der Studie des DGB sind 16 Prozent der Absolventen freiberuflich tätig. Andererseits ist das Einkommen bei dieser Personengruppe besonders niedrig, und viele geben an, unter der Unsicherheit zu leiden. Einen unbefristeten Vertrag haben dreieinhalb Jahre nach dem Studium nur 39 Prozent der Befragten in der Tasche. Von daher ist nicht sicher, bei wie vielen das Übergangsstadium noch andauert.
Jammern und Klagen hilft den Absolventen, die sich auf einem schwierigen Arbeitsmarkt behaupten müssen, jedenfalls nicht weiter. Die Initiativen, die sich gegründet haben, zeigen, wie man sich auch in einer ausweglos scheinenden Situation helfen kann. Nicht, indem man für jedes gesellschaftliche Problem nach einem neuen Gesetz ruft, sondern indem man sich aktiv über seine Rechte informiert, und lernt, diese auch einzufordern und in der Öffentlichkeit für seine Interessen einzutreten. Damit das »P« nicht mehr nur für »prekär« und »Praktikum« steht, sondern auch für »Protest« und »Profil«.
Zum Weiterlesen:
Uta Glaubitz: Generation Praktikum, Heyne Taschenbuch 2006, 192 Seiten, kartoniert, 7,95 Euro (Ratgeber)
Nikola Richter: Die Lebenspraktikanten, Fischer Verlag 2006, 189 Seiten, kartoniert, 8 Euro (Roman)
Frank Schneider, Bettina König, Susanne Rinecker: Vom Praktikum zum Job, 1. Auflage 2006, Rudolf Haufe Verlag, Niederlassung Planegg bei München, 16,80 Euro. (Ratgeber)
Links:
Deutschland:
www.fairwork-verein.de Homepage der Interessenvertretung vonHochschulabsolventen
www.studentsatwork.org Studie »Generation Praktikum« zum Download, Leitfaden »Faires Praktikum« und viele weitere Informationen
Frankreich:
www.generation-precaire.org Interessenvertretung von Praktikanten in Frankreich
Europaweit:
www.generation-p.org Informationsmaterial in mehreren Sprachen, Dokumente und Studien zum Download
Praktikantenrechte in Frankreich und DeutschlandFranzösische Praktikanten sind anders als Deutsche in der Regel durch eine »convention de stage« (eine Praktikumsvereinbarung) zwischen Unternehmen, Praktikanten und in der Regel der Ausbildungsstätte abgesichert. Am 31. August 2006 wurde in Frankreich, nicht zuletzt aufgrund der Mobilisierung von »Génération précaire« ein Dekret im Rahmen des Artikels 9 des»Loi pour l’égalité des chances« (Gesetz über die Chancengleichheit) verabschiedet, das eindeutig festlegt, dass keine »convention de stage«abgeschlossen werden darf, um einen Mitarbeiter zu ersetzen, der reguläre Tätigkeiten ausführt, da dies einer Arbeitsstelle entspräche. Es gibt aber auch die – selten genutzte – Möglichkeit, ein so genanntes »stage hors-études«(außeruniversitäres Praktikum) zu absolvieren, für das, ähnlich wie in Deutschland, lediglich eine formlose Vereinbarung zwischen dem Unternehmen unddem Praktikanten getroffen wird. Für diese Praktika greift das Dekret nicht.
Spätestens mit der Petition 142 »Förderung der beruflichen Weiterbildung/ Praktikum: Hochschulabsolventen«, die am 14. Juni 2006 im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags eingereicht wurde, konnte auch die Bundespolitik nicht mehr an dem Problem vorbeireden. Der deutsche Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering hat in seiner Rede vom 7. September 2006 angekündigt, gegen den Einsatz von Praktikanten auf regulären Stellen vorzugehen und erwägt dabei eine Änderung des Berufsbildungsgesetzes. Seither hat sich noch nichts getan, der DGB klopft mit der neuen Studie aber wieder an die Tür und demnächst soll es eine öffentliche Anhörung im Bundestag geben. |
Der Berufseinstieg von Akademikern …… in Deutschland
Die genauen Zahlen der Akademikerarbeitslosigkeit zu ermitteln ist schwierig, da sich viele Hochschulabsolventen nicht arbeitslosmelden können: ohne vorherige versicherungspflichtige Tätigkeit haben sie keinen Anspruch auf Leistung und erscheinen daher auch nicht in der Arbeitslosenstatistik.
Die Studie »Generation Praktikum?«, die von der DGB-Jugend in Kooperation mit der Freien Universität Berlin und der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erstellt wurde, bietet erstmals empirische Daten, kann aber nicht als repräsentativ für die Bundesrepublik gelten, da sie nur die Absolventen der FU Berlin und der Uni Köln berücksichtigt. Von 1800 versendeten Fragebögen wurden wenig mehr als 500 beantwortet. Die Studie belegt, dass in den vergangenen zwei Jahren ein deutlicher Anstiegvon Praktika nach dem Abschluss stattfand.
Außerdem zeigt die Studie, dass bestimmte Personengruppen größere Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben als andere. Das ist abhängig vom Studienfach oder dem Berufsprofil, aber auch Frauen sind von den negativen Entwicklungen stärker betroffen. 44 Prozent der Frauen absolvieren nach dem Studium Praktika, hingegen »nur« 23 Prozent der Männer. Die durchschnittliche Entlohnung für Praktika beträgt etwa 600 Euro, bei Frauen 543 Euro, bei Männern 741 Euro. Die Ursachen hierfür sind aber im Rahmen der Studie nicht genau untersucht.
Zwölf Monate nach Ende des Studiums haben 93 Prozent der Befragten eine erste Beschäftigung gefunden oder sich selbstständig gemacht. Nach dreieinhalb Jahren sind nur noch vier Prozent arbeitslos. Im Zeitraum zwischen Studienabschluss und Befragung haben 28 Prozent der Absolventen jedoch in kurzer Folge verschiedene Lebens- und Arbeitsphasen durchgemacht: Praktika, Erwerbslosigkeit, Erwerbstätigkeit.
Über alle Fächer hinweg sagen aber 90 Prozent der Absolventen, dass sie wieder studieren würden, dasselbe Fach allerdings nur noch 60 Prozent. |
… in Frankreich
Postgraduelle Praktika scheinen in Frankreich weniger verbreitet zu sein als in Deutschland. Dafür zögern viele Studenten ihren Abschluss hinaus oder schreiben sich wieder ein, um weitere Praktika machen zu können. Vor allem Absolventen der Universitäten sind davon betroffen, Abgänger der Wirtschafts- oder Ingenieurhochschulen finden schneller eine Stelle. Eine 2006 erstellte Studie der APEC (Association pour l’emploi des cadres) über die berufliche Situation des Absolventenjahrgangs 2004 zeigt, dass zwei Jahre nach dem Studium 76 Prozent der Absolventen von mindestens vierjährigen Studiengängen (bac+4) eine Anstellung gefunden haben und zehn Prozent auf der Suche nach dem zweiten Arbeitsplatz waren. Im Durchschnitt fanden die Hochschulabgänger innerhalb von drei Monaten eine Stelle. Die meisten von ihnen haben während des Studiums mehrere Praktika absolviert. Der Anteil an unbefristeten Verträgen (CDI) ist bei Absolventen von Ingenieurshochschulen besonders hoch (87 Prozent), bei Wirtschaftshochschulen niedriger (63 Prozent), aber immer noch höher als bei Universitätsabsolventen (55 Prozent), die im Schnitt auch weniger verdienen als die Absolventen der »Grandes écoles«.
Der Jahrgang 2005 hat im Jahr 2006 von einem verbesserten Arbeitsmarkt profitiert. Von 4000 telefonisch befragten Absolventen, die ihr Studium 2005 beendet haben, waren im ersten Jahr nach Studienabschluss 57 Prozent in ihrem ersten Arbeitsverhältnis beschäftigt, fünf Prozent auf der Suche nach der zweiten Stelle und 38 Prozent auf der Suche nach einer Erstanstellung. Ingenieure und Informatiker fanden am schnellsten eine Stelle. Unter den noch suchenden waren vor allem Universitätsabsolventen der Fachrichtungen Biologie, Chemie, Physik, Rechts- und Humanwissenschaften.
Auch bei den Studienabgängern 2005 zeigte sich, dass mit jedem zusätzlichen Praktikum und Berufserfahrungen in Nebenjobs die Einstellungschancen steigen, also auch in Frankreich tendenziell immer mehr Praktika absolviert werden.
Mehr Infos:
Hans-Böckler-Stiftung: www.boeckler.de
APEC (Association pour l'emploi des cadres): www.recruteurs.apec.fr |

»Berühmt sein ist kein Verdienst«Ulrich Wickert im Gespräch
Ein Interview von Manuela Wolter, erschienen am 15.12.2006
Der diesjährige Ehrenpreisträger des deutsch-französischen Journalistenpreises und berüchtigte »007« der Tagesthemen gewährte der Redaktion von rencontres.de ein exklusives Interview im Berliner Maritim. Mit Manuela Wolter und Johanna Heinen sprach er über seine Erlebnisse mit dem Nachbarland Frankreich, seine Berufserfahrungen und Zukunftspläne.
Abgesehen von Esskultur und Motzerfahrungen¹ – haben Sie sonst noch etwas von den Franzosen gelernt?
Ich habe sehr viel von den Franzosen gelernt. Was ich bei den Franzosen im täglichen Umgang wunderbar finde, ist der trockene Humor. Den gibt es sogar zwischen Leuten, die sich gar nicht kennen. Zudem finde ich die Diskretion der Franzosen im Umgang mit anderen sehr angenehm. Es gibt auch inhaltliche Dinge, die ich schätze: etwa den Umgang der Franzosen mit der kollektiven Identität. Während Fernand Braudel ein Werk namens L’Identité de la France verfasst, trauen wir uns nicht einmal von einer kollektiven Identität zu sprechen, weil uns unsere Vergangenheit höchst unangenehm ist.
Haben Sie im Ausland, insbesondere in Frankreich, wegen ihrer Nationalität jemals Anfeindungen erlebt?
Ich habe keine Erfahrungen in dieser Richtung gemacht. Aber ich kenne solche Geschichten; etwa die eines deutschen Kollegen, den ein Verkäufer in der Normandie aufgrund seiner Herkunft nicht bedienen wollte. Und während des Barbie-Prozesses² habe ich mit vielen Betroffenen Interviews geführt. Allerdings wurden mir die Kontakte zu den Opfern immer über Anwälte vermittelt. Diesen wurde schon im Vorfeld versichert, dass ich ein »ordentlicher Mensch« sei. In dieser Zeit ist es mir mehrmals passiert, dass jemand sagte: »Sie sind der erste Deutsche, mit dem ich seit vierzig Jahren spreche.« Das macht einen dann nachdenklich.
Ihr Buch Vom Glück Franzose zu sein ist ein Kassenschlager in Deutschland und die Bibel der Frankophilen. Kommt ihr Buch Comment peut-on être allemand ? in Frankreich auch so gut an?
Das Buch wird in Frankreich auch in Schulen verwendet und ein Zitat wurde sogar als Prüfungsthema genommen. Es ist wahrscheinlich das einzige Buch auf dem französischen Markt das zeigt, wie die Deutschen mit ihrer Identität ringen. Pariser Freunde sagten mir jedoch, sie wollten nicht, dass ein Franzose ein derartiges Buch über Frankreich schreibt. Das war denen zu kritisch.
Gerade in den vergangenen Monaten waren Sie wieder verstärkt in den Medien. Wie ist es Ihnen dennoch möglich, Privatleben und Volksverbundenheit miteinander zu vereinen?
Aber ich gehöre doch auch zum Volk, ich bin ein Mitglied des Volkes, einer von 80 Millionen Deutschen. Es ist ja kein Verdienst, bekannt zu sein, sondern es liegt an dem Job, den ich gemacht habe. Wenn ich die Tagesthemen regelmäßig moderiere, ist mein Gesicht natürlich bekannt, aber das ist eine ganz normale Arbeit wie jede andere. Ein Chirurg hat viel verantwortungsvollere Aufgaben zu erfüllen. Er rettet Leben und trotzdem bleibt er hinter seiner OP-Maske versteckt und unbekannt. Bekannt sein an sich hat keinen Wert. Da denkt der Leser unweigerlich an die Schröder-Szene: Sie stehen vor laufender Kamera und beginnen gerade mit dem Interview, als Jacques Chirac vorbeiläuft. Plötzlich rufen Sie »Monsieur le président« und lassen unseren Bundeskanzler im Regen stehen.
Ja, denn ich dachte, dass Chirac kommen würde. Der kam dann aber nicht. Dafür lief dann Bill Clinton vorbei und ich habe mich prompt auf ihn gestürzt. Seine Leibwächter haben mich jedoch links und rechts genommen und einfach zur Seite gestellt.
Und hatte das Konsequenzen von Seiten Schröders?
Ne, wieso? Der Schröder ist ein völlig entspannter Mensch. Ich habe gestern und vorgestern gerade drei Stunden Interview mit ihm aufgenommen und über die Entscheidungen (Schröders politische Autobiografie, Anm. d. Red.) gesprochen.
Sie haben das Buch also schon gelesen. Wie lautet Ihr Urteil?
Ich halte es für ein politisch wichtiges Buch, denn er geht darin sehr selbstkritisch mit sich um. In Helmut Kohls Biographie habe ich keine Selbstkritik in der Form gelesen. Die Entscheidungen sind wichtig, da Schröder darin auch zugibt, wo die Regierung Fehler gemacht hat. Dabei geht er mit Leuten, denen er eigentlich nicht so gesonnen sein müsste, dennoch milde um. Besonders spannend ist das Buch aufgrund der hohen Aktualität: Die Agenda 2010 gilt immer noch. Man weiß auch schon, dass es relativ gut läuft und die Folgen des 11. September gehören ebenfalls weiterhin zur täglichen Debatte. Als Weltenbummler haben Sie viele Jahre in Frankreich und den USA verbracht. Wie schätzen Sie die Beziehung und die immer wiederkehrenden Dissonanzen zwischen den beiden Ländern ein?
Es gibt ein sehr tiefes Grundverständnis zwischen Amerika und Frankreich. Das rührt aus der Geschichte: Die Franzosen haben mit den Aufständischen gegen die Briten gekämpft. Der französische General Lafayette hat ihnen zur Unabhängigkeit verholfen. Daraus resultiert ein starker Grundkonsens. Frankreich ist für die Amerikaner der Hort der europäischen Kultur. Geschichten wie die Umbenennung von French Fries in »Freedom Fries« sind nur vorübergehende Unstimmigkeiten.
Ihr Beruf bringt zahlreiche Umzüge und Auslandsaufenthalte mit sich. Wie gelingt es Ihnen, Karriere und Privates zu verbinden?
Als Journalist geben Sie natürlich viel auf. Wenn Sie aber mit Haut und Haar Journalist sind, und die Redaktion sagt zu Ihnen: »Fahren Sie am zweiten Weihnachtsfeiertag nach Guadeloupe zu dem Gipfeltreffen von Deutschland, Frankreich, England und den USA« – Sie hatten jedoch eigentlich Skiferien mit der Familie geplant –, dann fliegen Sie trotzdem auf die Insel und freuen sich, dass Sie über so eine spannende Geschichte berichten dürfen. Doch die Familie akzeptiert die Entscheidung, denn sie wächst ja mit Ihnen in solch ein Leben mit hinein und weiß wie wichtig es für Sie ist.
Welches Land hat Sie am meisten beeindruckt?
Tibet. Tibet hat mich am meisten beeindruckt, weil es noch so mittelalterlich war. Ich war '79 dort, als noch keine Touristen hin durften, und das war absolutes Mittelalter – unglaublich. Es war faszinierend durch die Natur, aber eben auch durch die Religiosität, die man sich bei uns gar nicht mehr vorstellen kann.
Und wo fühlen Sie sich zu Hause?
Hier in Berlin. Ja, hier würde ich gerne wohnen. Aber es gibt mehrere Orte, an denen ich mich zu Hause fühle: neben Berlin Paris und Hamburg. Auch in New York fühle ich mich zu Hause. Eigentlich führe ich ein Zigeunerleben.
Sie sagten, Sie seien damals durch »einen Zufall« zu dem Politmagazin Monitor gekommen.
Ja, absolut. Um Geld zu verdienen, habe ich nach meinem Examen angefangen, für die Hörfunkprogramme des Hessischen Rundfunks Features zu schreiben. Dann sagte mir ein Studienkollege aus Bonn: »Du musst zum Fernsehen gehen. Wir machen da ein Programm für Studenten und da gibt’s viel mehr Geld.« Nachdem ich also einige Gespräche geführt hatte, landete ich schließlich bei Monitor. Der damalige Chef des Monitors erzählte mir von der Entsendung zweier Teams nach Finnland und Ägypten. Ich sagte ihm, in Ägypten sei ich schon als Student gewesen. Da fragte er mich, ob ich die nächste Woche noch Zeit hätte. Schließlich hat er mich als ortskundigen Kamelführer mit nach Ägypten geschickt. Zurück in Deutschland empfahl mich der Redakteur, mit dem ich mich in Ägypten ganz gut verstanden hatte, weiter. Als es kurz danach darum ging, ein Team nach Brüssel zu begleiten, durfte ich dank meiner Französischkenntnisse gleich mitfahren. Durch diesen Zufall wurde ich freier Mitarbeiter bei Monitor. Und dort habe ich dann wirklich das Handwerk gelernt.
Woher kommen Ihre ausgefallenen Ideen, wie der Gag mit dem Guide de l’emmerdeur, in dem Sie demonstrieren, wie man sich in Paris so richtig daneben benehmen kann?
Wahrscheinlich habe ich von diesem Buch in der Zeitung gelesen und mir gedacht, dass das eine gute Geschichte wäre. Dann beauftragte ich eine freie Mitarbeiterin damit, den Wälzer durchzuarbeiten und die besten Fälle auszuwählen. Das ist eine richtige Arbeit. Ich habe mir die ausgesuchten Artikel angesehen und begonnen, ein Drehbuch zu schreiben. Dann ging es mit der Organisation los: Sie müssen geeignete Lokalitäten finden und die Leute einweisen, damit sie auch ordentlich schimpfen. Solch eine Glosse ist zwar nur zwei Minuten lang, macht aber unheimlich viel Arbeit, weil die Vorbereitung wichtig ist, schließlich ist ja alles inszeniert. Dann müssen Sie es mit einem Tempo schneiden, bei dem Sie immer einen Tick schneller sind als der Zuschauer. Als Preisträger zahlreicher Auszeichnungen: Was ist für Sie guter Journalismus?
Guter Journalismus muss von einer extremen Genauigkeit ausgehen. Ich hasse im Augenblick die Leute, die über Gerhard Schröders Buch herfallen, zum Beispiel auf 3sat, ohne es überhaupt gelesen zu haben. Oder auch die Diskussion über das Buch von Günter Grass: Viele Journalisten schrieben über das Buch, ohne sich damit wirklich auseinander gesetzt zu haben. Die haben dann einfach noch mit drauf geschlagen. Das ist für mich schlechter Journalismus. Guter Journalismus hingegen bedeutet für mich auch, die Würde der Menschen zu wahren, über die man schreibt. Guter Journalismus zeichnet sich zudem dadurch aus, dass er den Zuschauer, Leser oder Hörer erreicht. Die Berichterstattung darf nicht trocken sein, denn ein guter Journalist muss auch vermitteln können.
Die geschichtsträchtige Thematik Ihres Kriminalromans Der Richter aus Paris lässt auf tiefgründige Recherchen schließen. Wie viel Zeit haben Sie in die Vorarbeit für das Buch investiert?
Für jedes Buch muss man tief in die Details gehen. Aber ich bin Journalist und finde es sehr spannend, wenn man beim Lesen viel lernt und mitbekommt. Ich selbst lese gerne Bücher, auch Krimis, von denen ich weiß, dass die Informationen stimmen. Speziell für den Richter aus Paris habe ich ewig Informationen gesammelt. Es geht in dem Buch ja auch um die Geschichte des französischen Indochinakrieges, und das ist eine wahre Geschichte. Ich wollte immer mal einen Krimi schreiben. Meine ursprüngliche Idee war also, dass sich die Hauptfigur eine andere Identität zulegt. Schließlich bin ich auf diese Dokumentation mit dem Franzosen gestoßen, der das nordvietnamesische Gefangenenlager geführt hat. Dann habe ich weiterrecherchiert, und es gibt tatsächlich einen Bericht aus Paris Match aus dem Jahr 1954. Der Bericht, den ich in meinem Buch auch zitiere, enthält Fotos der aus dem Arbeitslager zurückgekehrten Menschen. Da sehen 20-Jährige tatsächlich so aus wie 60-Jährige, ausgemergelt und plötzlich mit weißem Haar. Die Folgen des Schockerlebnisses. Da dachte ich mir »Das wird eine Erfolgsgeschichte« und habe angefangen, die Geschichte weiterzukonstruieren.
Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Das kann man so nicht sagen. Es kommen schließlich immer neue Bücher auf den Markt. Dennoch gibt es unterschiedliche Kategorien von Büchern: Zum einen sind da Bücher wie Sophie‘s Choice von William Styron, das von einer Mutter handelt, die im KZ über den Tod eines ihrer beiden Kinder entscheiden muss. Dieses Buch würde ich wahrscheinlich nicht wieder lesen. Seine Thematik und Dramatik hat mich jedoch so sehr beeinflusst, dass ich es nie vergessen werde. Der zweiteilige Roman Henri IV von Heinrich Mann hingegen, das sind zwei Bände mit jeweils fast 1000 Seiten, fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Im Abstand von 20 Jahren habe ich es zweimal gelesen: Beim ersten Lesen habe ich viel über die Geschichte Frankreichs gelernt. Als mich Elke Heidenreich dann in ihre Sendung einlud, wollte ich dieses Werk vorstellen. Beim erneuten Lesen habe ich dann neue interessante Aspekte entdeckt. Das Werk ist bereichernd und faszinierend. Wie war das Gefühl bei der letzten Moderation der Tagesthemen?
Die letzte Sendung war für mich eine besondere Situation, gar keine Frage: Die Sendung an sich war wie jede andere, nur dass ich mir ein paar abschließende Sätze für das Ende aufgeschrieben hatte. Ich wusste auch, dass vor dem Studio Leute auf mich warten, die ganz zum Schluss mit einem Blumenstrauß reinkommen. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte und was mich dann umso mehr freute, war die persönliche Danksagung von Außenminister Steinmeier.
Und wussten Sie zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon, »wo die Reise hingeht«?
Ja, denn die erste Buchsendung mit Günter Grass war schon gelaufen und ich wollte das so auch weitermachen. Im Moment schreibe ich übrigens selbst wieder an einem Buch. Ich hoffe, dass ich zu Weihnachten damit fertig bin. Außerdem hat sich der Richter wieder gemeldet. Wir arbeiten da an einem Fall … Das kann ganz spannend werden. Ich glaube, der kommt nach Deutschland. (Der Richter ist Jacques Ricou, die Hauptfigur in Wickerts Krimis, Anm. d. Red.)
Verraten Sie uns auch das Thema?
Die Leuna-Affäre. Aber mit der Veröffentlichung wird es sich sicher noch zwei Jahre hinziehen.
(26. Oktober 2006)
¹ Anspielung auf den Guide de l’emmerdeur (Führer für »Korinthenkacker«) von Thierry Crosson und Jean-Christophe Florentin
² Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in der von Vichy regierten Südzone im November 1942, wird Klaus Barbie zum Chef der Gestapo in Lyon ernannt. Seine grausamen Foltermethoden und gnadenlosen Deportationen lassen ihn als den Schlächter von Lyon in die Geschichte eingehen.
Wir danken Tobias Lill für die Unterstützung bei der Ausarbeitung dieses Interviews. Einige Höhepunkte des Interviews (QuickTimePlayer»Download), (WindowsMediaPlayer»Download)
• Die Wickerts – eine Zigeunerfamilie  • Der trockene französische Humor  • Der Guide de l’emmerdeur  • Der Schröder steht im Regen  • Bekannt sein ist kein Wert  • Interviews sind nicht langweilig  • Ein journalistischer Patzer 
PortraitWickert der Weltenbummlervon Manuela Wolter,erschienen am 15.12.2006
1942 als Sohn des deutschen Diplomaten Erich Wickert in Tokio geboren, verbrachten Ulrich und sein Bruder Wolfram die ersten Kindheitsjahre in einem idyllischen Dorf am Fuße des Fuji, während anderswo der Krieg tobte. Es folgte der Umzug nach Heidelberg, dann nach Paris, wo er den französischen Lebensstil kennen lernte und Freundschaft mit der Sprache Molières schloss. Der frühzeitige Kontakt mit dem interkulturellen Umfeld stellte die Weichen für Wickerts »Zigeuner-Dasein«, wie er sein damaliges Leben rückblickend bezeichnet. Bereits mit 14 Jahren verfasste Wickert einen Bericht über den Eiffelturm, dessen Veröffentlichung in der Rhein-Neckar-Zeitung ihm zum Erstauftritt als Nachwuchsjournalist verhalf. Auch in der Redaktion der Schülerzeitung übernahm er eine führende Rolle, doch sollte seine journalistische Tätigkeit zunächst eine reine Freizeitbeschäftigung bleiben. Eigentlich wollte er wie sein Vater eine Diplomatenkarriere einschlagen. So studierte Wickert Jura und Politikwissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn und an der Wesleyan University in Connecticut. Er musste sich jedoch bald eingestehen, dass dieser Beruf für seinen Geschmack zu viel Bürokratie und Rigidität mit sich brachte.  |  | |
Im Anschluss an sein erstes juristisches Staatsexamen begann Wickert 1968 seine Tätigkeit als freier Hörfunkautor bei der ARD. Als Kind der 68er-Generation war ihm die Leidenschaft, gesellschaftliche Grundsätze kritisch zu hinterfragen und soziale Missstände öffentlich zu machen, praktisch in die Wiege gelegt. Durch einen glücklichen Zufall kam er 1969 an den Posten als Mitarbeiter des politischen Fernsehmagazins Monitor. Was als ortskundige Reisebegleitung auf einer Ägyptenexkursion begann, sollte bald zu einer soliden Tätigkeit als Redakteur ausgebaut werden. Im Jahr 1977 startete Ulrich Wickert seine Karriere als Auslandskorrespondent der ARD zunächst in Washington und wechselte ein Jahr später nach Paris. Nur vier Jahre später übernahm er den Posten als ARD-Studioleiter zunächst in New York und setzte diese Tätigkeit ab 1984 in der französischen Hauptstadt fort. Im Sommer 1991 kehrte Wickert nach Deutschland zurück und wurde Moderator in den Hamburger ARD-Studios. Von dort aus beglückte er das deutsche Publikum mit 15 Jahren Tagesthemen und dem obligatorischen Abschiedsgruß, in dem er seinen Zuschauern »…einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht« wünschte.  |  | |
Am 31. August 2006 hat Ulrich Wickert seinen Moderatorenstuhl in den ARD-Studios seinem Nachfolger Tom Buhrow überlassen, von einem gesitteten Rentnerdasein will er jedoch lange nichts wissen. Und so widmet er sich seiner Leidenschaft: den Büchern. Neben der Moderation der Literatursendung Wickerts Bücher (ARD) setzt er auch seine Tätigkeit als Autor fort. Ein Blick auf Wickerts Bibliographie zeigt, dass er sich dabei nicht auf ein Thema und ein Literaturgenre festlegen lässt. Von der gesellschaftskritischen Analyse über Gespräche mit den Mächtigen bis hin zu ironischen Geschichten über das ARD-Wetter nimmt er nahezu alles ins Visier. Sein letztes Werk, Die Wüstenkönigin, in dem der Pariser Untersuchungsrichter Jacques Ricou ermittelt, ist im Sommer 2005 erschienen. Wickert arbeitet bereits am Konzept für einen neuen Kriminalroman, der aber voraussichtlich erst in zwei Jahren erscheinen soll.  |  | |
Als Urgestein der ARD hob sich Wickert nicht allein durch seine kritischen Interviews und hochkarätigen Reportagen von der Medienwelt ab, er erheiterte auch durch witzige Kurzbeiträge das Gemüt der Fernsehzuschauer. Dank Wickert konnten wir beispielsweise lernen, wie der Pariser Place de la Concorde lebend zu überqueren ist – nämlich ohne auf die Autos zu achten – oder wie man mit dem Guide de l’emmerdeur, dem »Motzführer«, bewaffnet garantiert die Sympathie seines französischen Gegenübers weckt. Die von Ironie geprägte Kurzgeschichtensammlung Vom Glück, Franzose zu sein dürfte jedem Frankreichfan ein Begriff sein, genau wie die 2004 erschienene Liebeserklärung Alles über Paris. Für seine Verdienste um die Deutsch-Französische Freundschaft erhielt Ulrich Wickert 2000 den Adenauer-de Gaulle-Preis und wurde vor einem Jahr zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. In diesem Jahr wurde ihm darüber hinaus der Ehrenpreis des Deutsch-Französischen Journalistenpreises verliehen. Gespannt warten wir nun, welche Wege das Vorbild vieler Jungjournalisten als nächstes einschlagen wird. Ein neues Buch zum brisanten Thema der Leuna-Affäre ist jedenfalls schon in Arbeit, wie er uns im Interview verriet. Man darf gespannt sein.
Zum Weiterlesen: Die Ulrich-Wickert-Homepage Tagesschau-Dossier über Wickert Multimedia-Dossier über Wickert
Wir danken Tobias Lill für die Unterstützung bei der Ausarbeitung dieses Portraits.
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Pressefreiheit kontra PrivatsphäreRegenbogenpresse und Persönlichkeitsschutz in Deutschland und Frankreich
von Liv Bahner, erschienen am 15.07.2006
Eine Vielzahl bunter Blätter, insgesamt etwa 25 verschiedene Boulevardzeitschriften, buhlen in Deutschland wöchentlich um die Leserschaft. Die wegen ihrer farbigen Aufmachung auch Regenbogenpresse genannten illustrierten Wochenzeitschriften locken ihre Leser mit emotional aufgeladenen Themen wie Liebesdramen, Hass- und Eifersuchtsgeschichten. Angereichert mit Fotos aus dem Alltagsleben des westeuropäischen Hochadels oder berühmter Leute aus dem Show-Business, erreichen diese Magazine hohe Verkaufszahlen. Zahlreiche Prominente, wie z.B. Claudia Schiffer oder Minu Barati, die Freundin des Ex-Außenministers Joschka Fischer, werden in privaten Situationen, bei Urlaubsausflügen oder in ihrem intimen Familienleben, fotografiert. Fraglich ist hierbei, inwieweit Personen des öffentlichen Lebens das Publizieren von Aufnahmen aus ihrem Privatleben dulden müssen, eine Frage die sehr stark von persönlichem Ermessen abhängt. Eine Grenzlinie kann nur gezogen werden, indem man zwischen höchstrangigen gesellschaftlichen Werten abwägt: der Pressefreiheit einerseits und der Achtung der Persönlichkeit und der Privatsphäre, insbesondere des Rechts am eigenen Bild andererseits. Werte, zwischen denen man in Deutschland anders abwägt als in Frankreich. Dies führt zu einer unterschiedlichen Boulevard-Berichterstattung, wie das »Caroline-Urteil« beispielhaft gezeigt hat.  |  | |
Für einige an Klatsch interessierte Leser werden die Wochenzeitschriften besonders attraktiv, wenn weibliche Prominenz aus dem europäischen Hochadel, zum Beispiel Caroline von Hannover, früher Caroline von Monaco, das Titelblatt schmückt. Ob beim Einkaufen, Reiten am Strand oder Tennisspielen mit ihrem Ehemann Prinz Ernst August von Hannover: Das Privatleben der Adligen aus dem monegassischen Fürstenhaus wurde in den Neunzigerjahren ohne ihre Erlaubnis minutiös von der deutschen Regenbogenpresse dokumentiert. Caroline von Hannover fühlte sich in ihrer Privatsphäre verletzt und klagte teilweise erfolglos vor den verschiedenen Instanzen bis hin zum Bundesverfassungsgericht. Dies entschied in seinem Urteil vom 15. Dezember 1999, dass die Bilder, die Caroline bei der Ausübung ihres Privatlebens an öffentlichen Orten zeigen, nicht in ihr Persönlichkeitsrecht eingreifen. Solange sich eine Person an einem öffentlichen Ort aufhält, werde kein Schutz der Privatsphäre gewährt.
Im Jahr 2003 zog Caroline von Hannover daher vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Fürstin beanstandete, dass der in Frankreich strenge Schutz des Persönlichkeitsrechts durch die Veröffentlichungen in Deutschland unterlaufen werde. Der Europäische Gerichtshof hatte daher zu prüfen, ob die staatlichen Maßnahmen zum Schutz des Privatlebens von Prominenten im deutschen Recht ausreichend sind. Gemäß dem Kunsturhebergesetz dürfen Privatpersonen, die als »absolute Personen der Zeitgeschichte« qualifiziert werden, ohne vorherige Einwilligung fotografiert und das Material verbreitet werden. Zu absoluten Personen der Zeitgeschichte zählen neben bedeutenden Politikern, hochrangigen Wirtschaftsführern, berühmten Künstlern und Sportlern auch Angehörige regierender Königshäuser. Caroline von Hannover stellt als Sprössling eines europäischen Fürstenhauses nach deutscher Auffassung also eine Person dar, an der ein öffentliches Informationsinteresse besteht. Der Schutz vor der Veröffentlichung unangenehmer Fotos aus dem Privatleben ist nur dann gewährt, wenn die Person sich »in örtlicher Abgeschiedenheit« aufhält. Örtliche Abgeschiedenheit bezeichnet nicht nur den eigenen häuslichen Bereich, sondern auch Orte, in denen die öffentliche Person objektiv erkennbar für sich allein sein will, und in denen sie sich in der konkreten Situation im Vertrauen auf die Abgeschiedenheit so verhält, wie sie es in der breiten Öffentlichkeit nicht tun würde.
Die Straßburger Richter teilten die Auffassung des Bundesverfassungsgerichts nicht und verwiesen in ihrem Urteil vom 24. Juni 2004 auf das Grundrecht auf Schutz des Familien- und Privatlebens (Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention). Prominente müssen sich danach nicht an einen abgeschiedenen Ort innerhalb der Öffentlichkeit zurückziehen, um den Schutz der Privatsphäre zu genießen. Auswirkungen hat das Urteil dahingehend, dass nun die Regenbogenpresse beweisen muss, dass sich eine prominente Person zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht in örtlicher Abgeschiedenheit aufhielt, während diese Beweislast vorher bei der betreffenden Person selbst lag. Dabei werden die Nationalität der betreffenden Person und der Ort der Aufnahme in der deutschen Rechtsprechung außer Acht gelassen, solange die Bilder in einem deutschen Medium veröffentlicht wurden.
In Deutschland begann man sofort um die Pressefreiheit zu fürchten. Das Urteil der europäischen Richter habe dramatische Folgen für die Demokratie, es bereite den Weg für eine weitgehende Zensur der Boulevard-Berichterstattung. Die allgemeine Stimmung in deutschen Redaktionen und Verlagshäusern brachte die FAZ auf den Punkt, indem sie titelte: »Europas Richter hebeln die Pressefreiheit aus«.  |  | |
Die Reaktionen in Deutschland auf das Urteil erscheinen aus französischer Sicht überspitzt. Medienanwalt Matthias Prinz bemerkt in einem Interview mit persoenlich.com: »Die französische Rechtslage entsprach schon immer derjenigen, die der Europäische Gerichtshof im Caroline-Urteil festgestellt hat.« Der entscheidende Unterschied zum deutschen Recht besteht darin, dass Bilder aus dem Privatleben öffentlicher Personen in Frankreich nur mit deren ausdrücklicher Zustimmung veröffentlicht werden dürfen. Die Schwester von Caroline, Stephanie von Monaco, klagte im Jahr 1999 mit Erfolg gegen die ungenehmigte Publikation von Bildern in Le Point, die sie im Beach-Club von Monte Carlo zeigten.
Die finanzielle Entschädigung richtet sich in einem solchen Fall nach der rechtlichen Grundlage, auf der das Urteil gefällt wird und kann sehr stark variieren. Abbildungen ohne Einwilligung des Prominenten sind jedoch auch in Frankreich zulässig, wenn sie die Person bei der Ausübung einer öffentlichen Funktion zeigen oder zur Information der Öffentlichkeit erforderlich sind. Jean-Paul Belmondo klagte somit im Jahr 2002 vergeblich gegen die Zeitschrift Paris Match, die Fotos veröffentlicht hatte, auf denen er kurz nach einer Herzattacke auf dem Weg ins Krankenhaus zu sehen war.
Eine Erklärung für das Festhalten an einem starken Schutz der Pressefreiheit in Deutschland findet sich möglicherweise in der Skepsis aufgrund der historischen Erfahrungen mit einem totalitären Regime. In Frankreich hingegen ist die Rechtsprechung liberaler und eine Einschränkung der Pressefreiheit zugunsten des Persönlichkeitsschutzes wird eher akzeptiert. Die unterschiedliche Gewichtung zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrecht in Deutschland und Frankreich erklärt sich zum Teil auch aus dem im Land herrschenden gesellschaftspolitischen Klima und dem Maß und der Bedeutung moralischer Normen, wie Loyalität und Ethik im Journalismus, die in Frankreich stärker ausgeprägt scheinen. Der tendenzielle Vorrang des Persönlichkeitsrechts in Frankreich spiegelt sich auch in der Möglichkeit der strafrechtlichen Regulierung der Konflikte wider, wobei in Deutschland bis 2004 allein zivilrechtliche Ansprüche, wie Gegendarstellung, Unterlassung und Schadensersatzanspruch, geltend gemacht werden konnten.Der Trend in der deutschen Rechtssprechung geht nun, nicht zuletzt aufgrund der Caroline-Entscheidung, in Richtung der Stärkung des Privatsphärenschutzes nach dem französischen Modell. Die Regenbogenpresse selbst sieht ihre Funktion jedoch weiterhin in der eines aufmerksamen Berichterstatters, aller moralischer Bedenken und anhaltender Klagen von Seiten der Prominenz zum Trotz.
Zur weiterführenden Lektüre Regenbogenpresse: de.wikipedia.org Boulevardmedien: de.wikipedia.org Caroline Urteil: de.wikipedia.org Interview mit Matthias Prinz: www.persoenlich.com Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte: www.egmr.org Deutscher Richterbund Brandenburg e.V zur Pressefreiheit: www.drb-brandenburg.de Prof. Dr. Andreas Hoyer, Die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs bei § 201a StGB: www.zis-online.com Prof. Dr. Ansgar Ohly, Caroline, die Paparazzi und die Pressefreiheit: www.uni-bayreuth.de Journalistenzeitung zu »Caroline Urteil«: www.mohr.de NDR Zapp-Magazin zu »Caroline Urteil«: www3.ndr.de 123recht.net zu »Caroline Urteil«: www.123recht.net
Fotos Magazine von Liv Balmer, Caroline v. Monaco von dpa, J.-P. Belmondo aus Projections privées von Image Patman, Karikatur von www.bpb.de Bundeszentrale für politische Bildung
Entwicklung des Persönlichkeitsschutzes und des Rechts am eigenen Bild in Frankreich und DeutschlandFrankreich
1858: Erste Schutzmöglichkeiten der Privatsphäre Recht am eigenen Bild auf der Grundlage des Art. 1382 Code civil anerkannt
17. Juli 1970: Einführung des Art. 9 Code civil Art. 9 Code civil regelt ausdrücklich das Recht auf Privatsphäre (droit au respect de la vie privée)
1993: Ergänzung des Art.9 Code civil durch Art. 9 – 1 Code civil Bestimmung eines zweiten subjektiven Persönlichkeitsrechts: der Schutz auf die strafrechtliche Unschuldsvermutung
Früher herrschende Meinung absoluter Schutz des Bildnisses, eingeschränkt nur durch »stillschweigende Einwilligung« Prominenter, die bei Ausübung ihrer Funktionen gezeigt werden
Mittlerweile herrschende Meinung Abwägung zwischen Persönlichkeitsschutz und Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit: Abbildungen zulässig, sofern zur Information der Öffentlichkeit erforderlich, im Zweifel Entscheidung zu Gunsten des Privatlebens
Beispiele Das Kriterium »zur Information der Öffentlichkeit erforderlich« ist erfüllt bei privaten Ereignissen von gesteigertem Nachrichtenwert. (CA Paris v.13.3.1986, Yannick Noah; TGI Nanterre v. 3.6.2002 – Jean-Paul Belmondo) Das Kriterium »zur Information der Öffentlichkeit erforderlich« ist nicht erfüllt bei Abbildung alltäglicher Ereignisse, insbesondere bei Freizeitverhalten. (CA Paris v. 12.5.1986, Farah Dibah; TGI Nanterre v. 10.9.1997 – Grimaldi)
Deutschland
1898: Einführung des Rechts am eigenen Bild durch den Fall Bismarck: Aufnahmen, die gegen den Willen seiner Kinder von dem Verstorbenen Otto von Bismarck auf seinem Sterbebett gemacht wurden. Es wurde in einer einzigen erstinstanzlichen Entscheidung in analoger Anwendung der vom Reichsgericht für das Namensrecht entwickelten und später in § 12 BGB normierten Grundsätze ein Recht am eigenen Bild angenommen.
1907: Einführung des Kunstschutzgesetz (KUG), später Kunsturhebergesetz Nach § 22 KUG dürfen Bildnisse nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. Die Einwilligung gilt im Zweifel als erteilt, wenn der Abgebildete dafür, dass er sich abbilden ließ, eine Entlohnung erhielt. Nach dem Tode des Abgebildeten bedarf es bis zum Ablaufe von zehn Jahren der Einwilligung der Angehörigen des Abgebildeten.
Ausnahmen (1) Ohne die nach § 22 KUG erforderliche Einwilligung dürfen verbreitet und zur Schau gestellt werden:
1. Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte; 2. Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen; 3. Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben; 4. Bildnisse, die nicht auf Bestellung angefertigt sind, sofern die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient.
(2) Die Befugnis erstreckt sich jedoch nicht auf eine Verbreitung und Schaustellung, durch die ein berechtigtes Interesse des Abgebildeten oder, falls dieser verstorben ist, seiner Angehörigen verletzt wird.
1995 und 1999: Die »Caroline«-Entscheidungen
Auffassung des Bundesgerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichts: Schutz auch bei »situativer Abgeschiedenheit« (BGHZ 131, 232 (1995)) Schutz auch gegen Abbildung der Kinder (BVerfG NJW 2000, 1021(1999))
25. Juni 2004: Verurteilung Deutschlands im Caroline-Fall durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
Grundrecht auf Schutz des Familien- und Privatlebens (Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention). Prominente müssen sich danach nicht an einen abgeschiedenen Ort innerhalb der Öffentlichkeit zurückziehen, um den Schutz der Privatsphäre zu genießen. So hatte Caroline von Monaco mit ihrer Beschwerde gegen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts schließlich Erfolg
06.08.2004: Inkrafttreten des §201a Strafgesetzbuch Strafbarkeit der Bildherstellung bei Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs.
(1) von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, unbefugt Bildaufnahmen herstellt oder überträgt und dadurch deren höchstpersönlichen Lebensbereich verletzt.
(2) Ebenso wird bestraft, wer eine durch eine Tat nach Absatz 1 hergestellte Bildaufnahme gebraucht oder einem Dritten zugänglich macht.
(3) Wer eine befugt hergestellte Bildaufnahme von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, wissentlich unbefugt einem Dritten zugänglich macht und dadurch deren höchstpersönlichen Lebensbereich verletzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft |
Regenbogenpresse in Deutschland und Frankreich Deutschland
Bunte (Bunte Entertainment Verlag, Hubert Burda Media) Auflage: 725.036 Leser: 4,39 Mio.
Freizeit Revue (Burda Senator Verlag, Hubert Burda Media) Auflage: 1.021.353 Leser: 3,47 Mio.
Gala (Gruner+Jahr) Auflage: 359.278 Leser: 1,94 Mio.
Frankreich
Paris Match (Hachette Filipacchi Associes) Auflage: 731.358 Leser: 4, 536 Mio.
Voici (Groupe Prisma Presse, Bertelsmann) Auflage: 512.946 Leser: 4,221 Mio.
Gala (Groupe Prisma Presse, Bertelsmann) Auflage: 324.682 Leser: 2,387 Mio.
Quellen: www.burda.de, www.guj.de, www.prisma-presse.com, www.observatoire-medias.info, www.ojd.com, www.paris-match.com |

Deutscher Nationalstolz und Völkerverständigung im Zeichen des Fußballs – und danach?von Céline Moison, Übersetzung Johanna Heinen, erschienen am 01.07.2006
Fuβballspiele als einfache Sportevents in Anwesenheit von Hooligans, die sich mit ihren Bierdosen die Köpfe einschlagen? Was sich derzeit in den deutschen Städten abspielt, beweist, dass es – im Gegensatz zu diesen Bildern – durchaus einen wahren »Sportsgeist« gibt. Vor dem Hintergrund der Fuβballweltmeisterschaft wohnen wir derzeit einer wirklichen Begegnung der Kulturen bei, die sich auf gegenseitigen Respekt und einer gemeinsamen Leidenschaft begründet, die jegliche sprachliche Hindernisse zu überwinden vermag – aber auch dem Auftritt eines neuen Deutschlands. Eines Deutschlands, das sich traut, seine Farben hochzuhalten und das »Lied der Deutschen«, die Nationalhymne, erklingen zu lassen – und dies nicht nur in den Stadien…
Dienstag, den 13. Juli, 20:00 Uhr. Frankreich, für das ich als gute Patriotin zum Anspornen hergekommen war, musste sich gerade mit einem Null zu Null gegen die Schweiz zufrieden geben. Ich habe das Spiel in einem Hamburger Beach Club gesehen, gedrängt zwischen Franzosen, Schweizern, Brasilianern, die viel zu früh schon für das folgende Spiel ihres Landes gegen Kroatien gekommen waren, und Deutschen, die mit ihren Tischnachbarn Französisch, Englisch und Spanisch sprachen. Die Weltmeisterschaft belebt nicht zuletzt auch die eigenen Fremdsprachenkenntnisse.  |  | |
Als ich die Reeperbahn hinuntergehe, um noch ein bisschen die warme Luft und die festliche Stimmung der Stadt zu genieβen, verfolgt mich die Weltmeisterschaft auf Schritt und Tritt. Überall Polizeifahrzeuge; aber ihre Insassen sehen einfach nur den Passanten zu. Alles ist ruhig. Alle warten auf das Spiel Brasilien gegen Kroatien. Auf der Straβe fahren Autos vorbei, die Menschenmenge auf den Bürgersteigen ist bunt gemischt: Viele haben sich in den Farben ihres Landes gekleidet oder in denen des Landes, das sie unterstützen wollen: Brasilien, Polen, die Tschechische Republik, Frankreich, Deutschland, England. All diese Nationen auf derselben Straβe – »die Welt zu Gast bei Freunden«, wie es der offizielle Slogan stolz verkündet, präsentiert Deutschland als ein gastfreundliches Land, das alle Besucher mit offenen Armen empfängt.
Die Fuβballweltmeisterschaft als Treffpunkt der Kulturen – welch merkwürdige Idee. Doch genau das erleben Berlin, Hamburg, Stuttgart und die anderen, von tanzenden und singenden Fans überlaufenden deutschen Städte alltäglich. Dieses Ereignis wird viel mehr von einer festlichen und multikulturellen Atmosphäre bestimmt, als von den Bierdosen, welche die Rinnsteine überquellen lassen und den unvermeidlichen Schlägereien. Die Fähnchen, welche auf zahlreiche Autodächer montiert wurden, erinnern an groβe internationale Kongresse, zu denen sich Staatschefs zusammenfinden, um wichtige Fragen und große Probleme zu erörtern. Auch hier, in den Bars der Schanze und der Reeperbahn, setzt man sich mit grundlegenden Fragen auseinander: Jemand von der Elfenbeinküste diskutiert mit einem Deutschen über Englands Spieltechnik. Oder: Was heißt »Schauspieler« auf Italienisch, wenn Totti sich hinwirft und ein Foul vortäuscht? Zwei Brasilianer erklären, was Ronaldo in ihrem Land repräsentiert und warum sie ihren Job gekündigt haben, um bei der Weltmeisterschaft vor Ort dabei sein zu können.  |  | |
Vor dieser festlichen Kulisse zeichnet sich allerdings noch ein ganz anderes Phänomen ab: Zahlreiche Autos tragen stolz die deutsche Fahne, Deutsche tragen Trikots, Strümpfe und Kappen in den Farben ihres Landes, in der U-Bahn wird die Nationalhymne geträllert. Vor den Augen der ganzen Welt tritt langsam ein neues nationales Selbstbewusstsein zum Vorschein, ohne dass die alten Ängste der Nachkriegszeit wieder auftauchen. Deutschland, vor allem seine junge Generation, traut sich, im Kontext des Sportes Patriotismus zu zeigen. Dieses Phänomen ist nicht neu. Im Laufe der letzten Jahrzehnte füllten sich die Fuβballstadien mit Trikots in den Nationalfarben und Tausende von Fans spornten ihre Nationalelf fieberhaft an. Diese Begeisterung hat sich dieses Jahr jedoch deutlich verstärkt, und zwar anlässlich einer Weltmeisterschaft, bei der nicht mehr bloß eingefleischte Fans die deutsche Fahne in den Stadien schwenken, sondern tatsächlich eine ganze Nation, deren Identität sich festigt – und dies vor allem als kosmopolitisches und gastfreundliches Land. Wieder einmal erweist sich der internationale Fuβball als verlässliches Spiegelbild der Entwicklung deutscher Geschichte und Mentalität, wie schon 1990, als die BRD einige Monate vor der Wiedervereinigung die Fuβballweltmeisterschaft in Italien unter Freudenschreien der Deutschen aus ganz Deutschland gewann. Eine Symbolik, bei der einem warm ums Herz wird, ganz gleich ob man nun für die Mannschaft von Ballack oder für die von Zidane ist.
Nur einige Monate nach der von groβen Medienkonzernen ins Leben gerufenen Werbekampagne »Du bist Deutschland«, welche mit der Unterstützung deutscher Persönlichkeiten aus allen Bereichen die Bevölkerung ermutigen sollte, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, um Deutschland eine neue Dynamik zu verleihen, gibt es nun genügend Anzeichen dafür, dass sich das Land in vollem Aufschwung befindet. In einem internationalen Kontext und insbesondere vor dem Hintergrund der Europäischen Union definiert Deutschland zur Zeit seine nationale Identität neu und präsentiert sich als eine selbstsicherere, vielseitige Nation, welche der Welt offen gegenübersteht.
Die Frage bleibt jedoch noch offen, ob sich die Deutschen auf lange Sicht, auch noch nach der Euphorie um die Weltmeisterschaft, diesen neuen patriotischen Elan zu Nutze machen können. Wer weiß, wenn Deutschland am 9. Juli in Berlin als Sieger hervorgeht, vielleicht könnte sich der Slogan »Du bist Deutschland« in ein noch viel positiveres »Wir sind Deutschland« verwandeln. 
Reiche Gesellschaft – Arme Kindervon Kerstin Gallmeyer, erschienen am 15.05.2006
In Ländern wie Deutschland gibt es zu wenige Kinder. Aber nicht nur das – die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, sind nicht immer ideal. Kinderarmut in den Industrienationen ist ein Problem, das erst in den vergangenen Jahren wirklich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist.
Die steigende Armut wird besonders bei wohltätigen Initiativen wahrgenommen: Nicht nur bei den französischen Restos du coeur oder den deutschen Tafeln steigt die Nachfrage nach warmen Mahlzeiten und Lebensmitteln auch für Kinder immer weiter an. Der evangelische Pfarrer Wolfgang Glitt aus Saarbrücken stellt fest: „Eltern sind zum Teil nicht mehr in der Lage, ihren Kindern feste Schuhe für den Winter zu kaufen.“ Glitt ist Vorsitzender des Vereins RADIO SALÜ - Wir helfen, ein Zusammenschluss eines privaten Saarbrücker Radiosenders und der Kirchen. Seit 2004 sammelt der Verein unter dem Motto Sternenregen Spenden für arme Kinder im Saarland.
Eine 2005 vom Kinderhilfswerk Unicef veröffentlichte Vergleichsstudie über Kinderarmut in den OECD-Ländern offenbart Erschreckendes: Die Armut bei Kindern und Jugendlichen steigt in den meisten Industrienationen stetig an. Deutschland trifft es dabei besonders hart: 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sind hier arm, das heißt etwa jedes zehnte Kind. In der Hauptstadt sind es sogar 18,5 Prozent. Die Einführung der Arbeitslosengeldregelung Hartz IV im Januar 2005 hat zu diesem Anstieg beigetragen.
Beim französischen Nachbarn sieht es nur wenig besser aus: Zwar hat die Zahl der armen Kinder leicht abgenommen, beläuft sich jedoch immer noch auf eine Million Betroffene, das heißt 7,5 Prozent aller jungen Franzosen unter 18. Armut bedeutet nach EU-Maßstab, mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens eines Landes auskommen zu müssen. Während die Armutsrate bei Minderjährigen mit unter drei Prozent in Dänemark und Finnland am geringsten ist, sind Großbritannien, Portugal und Irland mit über 15 Prozent die Spitzenreiter. Trotz großer Unterschiede wird klar: Kinderarmut ist ein europäisches Problem. Deshalb scheint hier auch eine europäische Strategie notwendig, so das Fazit der deutschen Arbeiterwohlfahrt und ihres französischen Pendants Francas, die sich im November 2005 zu einer Fachtagung über „Kindheit und Ausgrenzung in Deutschland und Frankreich“ trafen. Ziel war es, Stand und Strategien in punkto Kinderarmut in beiden Ländern zu vergleichen – und vom Nachbarn zu lernen. Und das sollte auch auf europäischer Ebene geschehen. Mit einer Kinderarmutspolitik auf EU-Ebene einerseits und einem Blick über die Grenzen hinweg andererseits. Denn von wirksamen Praktiken der Nachbarländer kann man selbst profitieren.
Drei Gruppen von Kindern trifft die Armut am stärksten: Kinder mit allein erziehendem Elternteil, Kinder aus Zuwandererfamilien sowie Kinder mit arbeitslosen Eltern. Westlich des Rheins kommen weitere Faktoren hinzu: Armut bei Kindern ist hier ganz besonders abhängig vom Bildungsabschluss der Eltern und vom Alter der Kinder selbst, denn die französischen Sozialleistungen und Wohnungsbeihilfen für Familien unterstützen in erster Linie Familien mit jüngeren Kindern. Außerdem gilt auf beiden Seiten: Je höher die Kinderanzahl pro Familie, desto größer auch das Armutsrisiko.  |  | |
Die Armut der Kinder hat viele Facetten und kann fatale Folgen für wichtige Lebensbereiche haben. Besonders gravierend sind dabei die Auswirkungen auf Bildung und Erziehung: „Armut verhindert die Chancen auf einen sozialen Aufstieg und kann stigmatisieren“, meint Christine Fellinger, Diplom-Sozialpädagogin aus Saarbrücken. Auch eine gesunde Ernährung bleibe oft auf der Strecke. Das fällt auch in den Kinderstationen der Krankenhäuser auf: „Arme Kinder sind oft schlecht ernährt und nicht gut gepflegt“, berichtet Christina Blume, Medizinstudentin in der Kinderklinik der Medizinischen Hochschule Hannover. Die mangelhafte Ernährung kann wiederum Auswirkungen auf die schulischen Leistungen haben. Und von kostspieligen Freizeitbeschäftigungen wie Klavierunterricht, Reiten oder Urlaubsreisen können arme Kinder nur träumen. »Sie haben eine geringere Lebenszufriedenheit, stärkere Einsamkeitsgefühle und massivere Ängste und Sorgen, da das Zusammenleben und die Atmosphäre in armen oder arbeitslosen Familien von extremem Stress und Druck geprägt ist. Außerdem sind arme Kinder Anfeindungen ausgesetzt und von Ausgrenzung betroffen, da sie in der Konsumgesellschaft nicht mithalten können«, unterstreicht Heinz Hilgers, der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes in einer Presseerklärung. Deshalb sind Aktionen wie »Sternenregen« gefragt: Im Jahr 2005 kamen rund 55.000 Euro zusammen. »Wir haben damit unter anderem ein Schulspeisungsprojekt in einer Gesamtschule auf die Beine gestellt. Die Kinder stehen dort wirklich Schlange«, erzählt Wolfgang Glitt. Der Pfarrer hat dabei zwei Anliegen: »Einerseits wollen wir den Betroffenen helfen. Aber wir wollen auch die Menschen darauf aufmerksam machen, dass Kinderarmut im Saarland existiert.« In Deutschland machen Experten seit Anfang der achtziger Jahre auf das Problem aufmerksam. Die Warnrufe wurden lange Zeit überhört. Mittlerweile setzen aber die Parteien den Kampf gegen Kinderarmut immer öfter auf ihre politische Agenda. Und auch Frankreichs Politiker wissen spätestens seit den Krawallen der Jugendlichen in den Großstadtvororten vom vergangenen Herbst, dass das Problem ernst zu nehmen ist und angepackt werden muss. Der Deutsche Kinderschutzbund bekräftigt: »Mit ernsthaftem politischen Willen ist es möglich, Kinderarmut maßgeblich zu reduzieren.«  |  | |
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Was ist Armut?Der Begriff Armut ist in der Theorie schwierig zu bestimmen, da er in Relation zu den jeweiligen Verhältnissen einer bestimmten Zeit und Gesellschaft gesehen werden muss. Deshalb gibt es verschiedene Arten, Armut zu definieren. Heutzutage wird meistens zwischen der absoluten und der relativen Armut unterschieden. Der Begriff der absoluten Armut wurde von der Weltbank entwickelt. In diese Kategorie fällt, wer nicht über die Mittel verfügt, seine elementaren Bedürfnisse zu befriedigen. Diese können materieller Art sein wie Nahrung, Kleidung und Hygiene, aber auch immaterieller Art wie die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eines Landes. Der von der Weltbank angewandte Maßstab liegt bei einem US-Dollar pro Tag in lokaler Kaufkraft. Absolute Armut betrifft etwa 1,2 Milliarden Menschen. Nimmt man zwei US-Dollar als Messlatte, so sind bereits etwa 2,8 Milliarden Menschen vom Kampf ums tägliche Überleben betroffen. Robert McNamara, ehemaliger Weltbank-Präsident, fasste das Konzept so zusammen:»Absolute Armut bedeutet Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere (...) Vorstellungskraft übersteigt.«In Wohlstandsgesellschaften wie Deutschland und Frankreich wird das Konzept der relativen Armut angewandt. Nach diesem seit 2001 in den EU-Ländern angewandten Konzept liegt die Armutsgrenze bei 50 oder 60 Prozent des mittleren Einkommens eines Landes (auch Median- oder Nettoäquivalenzeinkommen genannt), bei dem die Hälfte der Bürger eines Landes mehr verdienen und 50 Prozent weniger. Im Jahre 2003 betrug das monatliche Nettoäquivalenzeinkommen in Deutschland 1.564 Euro. Wer mit weniger als 938 Euro Einkommen – bei einer Grenze von 60 Prozent – zurechtkommen musste, galt somit als arm beziehungsweise als von Armut bedroht. In Frankreich lag diese Armutsgrenze 2003 laut des Statistikinstituts INSEE bei rund 650 Euro. |
Projekte gegen Kinderarmut – zwei Beispiele aus Saarbrücken |  | |
Saarbrücken, Stadtteil Unteres Malstatt. Die Arbeitslosen- und Sozialgeldempfängerquoten liegen bei 20,7 und 23,8 Prozent. Der Ausländeranteil ist besonders hoch. Zahlreiche Kinder leben mit nur einem Elternteil, viele müssen mit Sozialgeld auskommen, andere bekommen zu Hause häufige Streits, Partnerwechsel oder Umzüge mit, erzählt Carsten Freels, Leiter des Modellprojekts Kinderhaus Malstatt. Seit Mai 2003 ist die Einrichtung für von Armut betroffene Grundschüler und ihre Eltern gleichermaßen offen. Auf drei Pfeiler stützt sich die Arbeit von Freels und seiner Mitarbeiterin Inge Benteyn: Erstens eine Anlaufstelle mit gesundem Mittagessen, Spielen, Werken, Ausflügen und einem stets offenen Ohr für etwa 35 Kinder, zweitens Hausaufgabenhilfe und intensivere Familienarbeit mit Erziehungsberatung und Hilfe in vielen Lebenslagen für die Eltern. Letzteres ist für den Erziehungswissenschaftler eine besonders wichtige Sache: „Denn ohne die Arbeit mit den Eltern sind Erfolge bei den Kindern nicht möglich.“ Schließlich wird die Vernetzung mit Schulen, Ärzten und anderen sozialen Einrichtungen betrieben. „Wir haben nach ein paar Startschwierigkeiten einiges erreicht und sehen deutliche Erfolge“, sagt Carsten Freels. Die Kinder trügen ihre positiven Erfahrungen in die Familien hinein, und inzwischen kämen sogar auch schon andere Bürger mit ihren Problemen in das Kinderhaus.
Das Parallelprojekt zum Kinderhaus befindet sich in der Moltkestraße in Alt-Saarbrücken. Genauso wie das Untere Malstatt gilt das Gebiet traditionell als sozial benachteiligt. Fast jedes zweite Kind ist hier von materieller Armut und ihren Folgen betroffen. Hauptzielgruppe sind hier die Neun- bis Zwölfjährigen, die oft mit dem Wechsel auf eine weiterführende Schule große Schwierigkeiten haben. Schwerpunkt des Projekts Moltkestraße ist unter anderem das erlebnisorientierte Arbeiten mit den Kindern direkt im Stadtteil. Gleichzeitig richtet sich das Programm nach Lebenswelt und Ressourcen der Kinder. Zum Teil sind die Angebote geschlechtsspezifisch. „Die beiden Projekte haben zwar zwei unterschiedliche Ansätze, verfolgen aber die gleichen Ziele“, sagt Marco Meiser, Leiter des Projekts Moltkestraße.Seit Mai 2003 laufen die auf drei Jahre angelegten „Modellprojekte zur Bekämpfung der Auswirkungen von Kinderarmut“ unter der finanziellen Trägerschaft des Landes. Die Projektphase ist bald abgelaufen, jedoch hoffen die Mitarbeiter auf eine Verlängerung. Die finanzielle Seite ist bislang nicht gesichert.Doch allein Modellprojekte wie die zwei Saarbrücker Beispiele reichen nicht aus. „Unbedingt notwendig ist ein flächendeckendes Ganztagsschulenangebot und eine Förderung der Kinder nach oben hin“, so Projektleiter Freels. Kindern aus ärmeren Familien könnten so bessere Bildungschancen ermöglicht werden.
Spendenaufruf
Spendenkonto Diakonisches Werk an der Saar
Stichwort "Modellprojekte Kinderarmut"
Kontonr.: 71 71 71
BLZ: 590 920 00; Volksbank Dudweiler
Telefonische Kontakte über:
0681-947 13 42 Modellprojekt Kinderhaus Malstatt; Carsten Freels
06821-956 350 Frau Divivier; Diakonisches Werk an der Saar
0681-5 12 52 Modellprojekt Alt-Saarbrücken; Thomas Hippchen
Zur weiterführenden Lektüre:
Armuts- und Reichtumsbericht 2004/2005 der Bundesregierung
Erster Kinderbericht der Landeshauptstadt Saarbrücken – 2002 (Hrsg.: Landeshauptstadt Saarbrücken. Sozialdezernat, Amt für Kinder und Jugendliche)
2. Zwischenbericht der beiden Modellprojekte zur Bekämpfung der Auswirkungen von Kinderarmut (Hrsg.: iSPO-Institut Saarbrücken)
www.dksb.de
www.francas.asso.fr (colloque AWO – FRANCAS sur « Enfance et pauvreté. Evreux 8-9-10 novembre)
www.insee.fr
www.kinderschutzbund-saarbruecken.de
www.arte-tv.com/de
http://www.salue.de/helfen/
www.unicef.de |

Emanzipation nach PlanOstdeutsche Frauen vor und nach der Wende
von Romy Straßenburg, erschienen am 01.04.2006
Treffpunkt: eine stilvoll sanierte Altbauwohnung in Ost-Berlin. Hier lebt Sabine, 53 Jahre, die zu DDR-Zeiten Mathematik studierte. Nach der Wende bekam sie jedoch nur kleine Gelegenheitsjobs ohne Aussicht auf eine feste Anstellung, die ihrer Ausbildung entsprochen hätte. Der Singlehaushalt einer erstaunlich jung anmutenden Frau. Eine Ostfrau, die von sich sagt, sie möchte nach 15 Jahren im wiedervereinigten Deutschland nicht mehr den Ossi raushängen lassen: »Wir sind heute ein Stück in der Normalität angekommen, denn ob du willst oder nicht, 15 Jahre gelebtes Leben, das ist Normalität. « Sabine bemerkt, dass jeder Ostdeutsche seine eigene DDR hatte, die je nach Generation, sozialer und regionaler Herkunft, völlig unterschiedlich aussehen konnte. Wie sah ihre DDR aus? »Es war ein offenes, im großen Sinne humanistisch gebildetes Umfeld, geprägt durch Berlin und durch die Familie meines Mannes, eine Künstler-Theater-Film-Klientel. Da wurde über ganz andere Dinge gesprochen. Es wurden andere Bücher gelesen, die es nicht für jeden zu lesen gab. Irgendeiner brachte einmal einen Spiegel mit.« Es ging nicht einfach nur um die DDR, der Blick ging auch nach draußen. Vermutlich wurden in solch einem geistigen Klima, wie dem Umfeld, in dem Sabine wohnte, ähnliche gesellschaftliche Probleme reflektiert, wie seinerzeit im Westen. Dort war die Emanzipation ab den Siebzigerjahren einer der dominierenden Diskurse. In der DDR stand dieses Thema jedoch nicht zur Debatte: »Über Emanzipation und die Frauenbewegung habe ich erst nach der Wende bewusst nachgedacht. Ich habe mich zu Ostzeiten nicht damit beschäftigt, weil ich zunächst das Gefühl hatte, dass es für mich kein Thema war. Ich fühlte mich nicht anders behandelt als Männer.« Die Gleichstellung der Frau innerhalb der Gesellschaft wurde im Sozialismus zweitrangig hinter der Klassenfrage behandelt. Der Unterschied zwischen Kapitalist und Arbeiter erschien schwerwiegender als der zwischen Mann und Frau. Bei Gründung der DDR versuchten die politisch Verantwortlichen zumindest formal eine neue Gesellschaftsstruktur mit einer anderen Geschlechterauffassung zu etablieren. In der Verfassung wurde die Gleichberechtigung der Frau explizit festgeschrieben und politische Maßnahmen wie Qualifizierung und finanzielle Förderung von Frauen eingeklagt. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Protagonisten des Emanzipationsprozesses allesamt Männer waren – die Gleichstellung der Frau war eine Planvorgabe, die erfüllt werden »musste« und zum großen Teil erfüllt wurde. In den Achtzigerjahren waren rund 90 Prozent der arbeitsfähigen Frauen berufstätig, das Kinderbetreuungsnetz galt als das dichteste der Welt, mehr als die Hälfte aller Studenten waren weiblich. Angesichts der eingeschränkten Freiheiten aller Bürger war die DDR zwar kein Paradies, doch viele Frauen lebten und arbeiteten in der ostdeutschen Gesellschaft und fühlten sich als deren vollwertige Mitglieder. Was heute als beispielhaft an der französischen Gesellschaft gilt, dass dort nämlich fast alle Kinder zwischen drei und sechs Jahren in die école maternelle, die Kinderhorte gehen, und die Mütter nicht als »Rabenmütter« gelten, weil sie Vollzeit arbeiten, war in Ostdeutschland durchaus verwirklicht.  |  | |
Doch das heißt nicht, dass es in der DDR keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gab: »Spätestens, wenn du Kinder hattest, wurde dein Frausein zum Thema«, sagt Sabine, die zwei mittlerweile erwachsene Söhne hat. »Mir sind Dinge passiert, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Beim Einstellungsgespräch war z.B. die erste Frage: ›Ah, ein kleines Kind. Das ist doch auch oft krank, oder?‹ « Traditionelle Rollenmuster machten sich auch im Alltag bemerkbar: »Manchmal wurde uns unsere Emanzipation auch zur Falle, denn im alltäglichen Leben merkten wir umso deutlicher, an welchen Stellen die Gleichberechtigung nicht funktionierte.« Die völlige Gleichstellung beider Geschlechter existierte nur auf dem Papier, denn die Doppelbelastung von Beruf und Haushalt wurde für die wenigsten Frauen aufgehoben. Die Wende kam mit der Wiedervereinigung. Sabine erinnert sich: »Ich habe in einem Jahr so viel Geschichte erlebt, wie andere in einer ganzen Generation. Das muss erst mal verdaut sein, und das ist nicht einfach.« Für die Ost-Frauen, die sich auf dem Weg zur Gleichberechtigung ein Stück nach vorn bewegt hatten, schmerzt der Bedeutungsverlust in der neuen politischen Ordnung ganz besonders. Sie hatten zwar politische Freiheit gewonnen, doch ein Stück ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit verloren. Finanziell sind sie heute oftmals abhängig von ihrem Lebenspartner; persönliche Entscheidungen müssen wieder mit Blick auf den Geldbeutel getroffen werden. »Das fällt mir heute auf, wenn ich mit jungen Mädels zu tun habe«, berichtet Sabine von ihrer Arbeit als Nachhilfelehrerin. »Dann hört man: Ach, dann heirate ich einen reichen Mann! Da krieg ich 'ne Krise, denn es kann doch nicht wahr sein, dass all das, wofür auch ich stehe, umsonst gewesen ist. Dass die nächste Generation wieder auf das Muster unserer Mütter zurückfällt.« Trotz aller Schwierigkeiten sind Sabine und die meisten ihrer Freundinnen heute stolz auf ihre Ostbiographie: »Ich denke – so gesamtdeutsch einsortiert – dass ich eine interessante Frau bin, mit einer interessanten Denkeweise und einem interessanten Hintergrund, dass ich halbwegs aufrecht durch dieses Land gegangen bin, also nicht IM (Informelle Mitarbeiterin der Stasi, Anm. d. Red.) und keine wahnsinnigen Verstrickungen. Nicht immer glücklich mit der Gesellschaft aber glücklich im privaten Leben. Wenn Leute sagen: 40 Jahre geknechtet und immer nur gelitten, dann antworte ich: Hallo! Also, ich hatte hier meine beste Zeit, ich habe geliebt, Kinder und Freunde gehabt – es war mein Leben …« Dass Deutschland mittlerweile von einer Frau aus dem Osten regiert wird, beeindruckt Sabine wenig: »Frau Merkel hat bisher weder ihr Frausein noch ihre ostdeutsche Herkunft in den Mittelpunkt gestellt. Letztendlich zählt die Leistung. Und das ist es, was Emanzipation bedeutet: Dass wirklich nur die Leistung zählt und dass egal ist, ob man ein Mann ist oder eine Frau. Ich kann jeder Frau auf dieser Welt – egal wo und wie –nur mit auf den Weg geben: Mach' dich unabhängig!« Dabei lächelt Sabine ehrlich und selbstbewusst. »Mach' dein eigenes Ding, dann stehst du mit den Herren auf Augenhöhe.«
Literatur
Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen–Kunde von einem verlorenem Land. Berlin 1999
Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin 2002
Geißler, Rainer: Geschlechtspezifische Ungleichheit- Ostdeutsche Frauen. In: Informationen zur politischen Bildung, Heft 269.
Merkel, Ina: ... und Du, Frau an der Werkbank [die DDR in den 50er Jahren]. Berlin 1990
Merkel, Ina: Leitbilder und Lebensweisen von Frauen in der DDR. In: Kocka, J./Kaelbe H./ Zwahr.H.: Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994
Schwarz, Gislinde/ Christine Zenner (Hrsg.): Wir wollen mehr als ein „Vaterland“. DDR-Frauen im Aufbruch, Reinbek 1990.
Sachs Anne/Christine Lindecke (Hrsg.): Frauen zwischen Ost und West. Kassel 1991
Katrin Schäfgen/Kerstin Bast Haider u.a. Erwerbsmuster im Umbruch – Zur Umstrukturierung der Frauenerwerbsarbeit in den neuen Bundesländern
Ostdeutsche Frauen zwischen Verlieren und Gewinnen (Ursula Schröter) In: Sozialer und demographischer Wandel in den neuen Bundesländern (Hrsg.) Hans Bertram, Stefan Hradli, Gerhard Kleinhenz, Opladen 1996
Trappe, Heike : Emanzipation oder Zwang? : Frauen in der DDR zwischen Beruf, Familie und Sozialpolitik. Berlin 1995 Dieser Artikel als Hördatei (3MB)
Wie funktionierte in der DDR …… die Studienplatzvergabe? Die Zulassung zum Studium erfolgte nach dem Leistungsprinzip, den gesellschaftlichen Erfordernissen und unter Berücksichtigung der sozialen Struktur der Bevölkerung. Der Staatsführung war besonders daran gelegen, Kinder aus Arbeiter- und Bauernfamilien das Studium zu ermöglichen. Die Bewerbung zum Studium verschickte man bereits während der Schulzeit, so dass die Abiturienten bereits wussten, welche Universität und Studiengang sie bekommen hatten. Wenn außerordentliche Begabung vorlag, hatten die Lehrer auch die Möglichkeit die Schüler zu empfehlen. Allerdings stimmte der Studiengangwunsch des Bewerbers nicht immer mit der Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze überein. Meist wurde aber versucht, zumindest etwas Ähnliches anzubieten. Engagement in Oppositionsgruppen führte oft zur Verweigerung der Studienzulassung, gleichsam konnte sich regimekonformes Verhalten positiv auswirken. Studiengebühren wurden entsprechend der Verfassung der DDR nicht erhoben. Besonders die Quote weiblicher Studenten wurde massiv gefördert und lag ab den 80er Jahren über der Anzahl männlicher Studenten. Ein Beruf am Ende des Studium war somit zwar gesichert, dennoch wurde dieser nicht in jedem Fall der Qualifikation des Studienabsolventen gerecht. Eine Ablehnung des Studienplatzes oder ein Studiengangwechsel waren nur bedingt möglich. Die durchschnittliche Studienzeit lag bei 4–5 Jahren, so dass in der Regel die Studenten mit spätestens 24 Jahren die Universität verließen und ins Berufsleben eintraten.
… der Arbeitsmarkt/die Wirtschaft? Laut Verfassung der DDR hatte jeder Mensch das Anrecht auf einen Arbeitsplatz. Der Arbeitmarkt, das heißt Angebot und Nachfrage nach Arbeitkraft, wurde künstlich geregelt und war - wie alle wirtschaftlichen Vorgänge in der DDR- einer zentralistischen Planung und Leitung unterstellt. Alle Produktionsmittel im Sozialismus wurden zum Eigentum der Gesellschaft erklärt, Betriebe waren volkseigen (VEB), die Arbeitseinheiten nannten sich Kollektive und Brigaden. Somit gab es offiziell in der DDR keine Arbeitslosigkeit.
Die sozialistische Erziehung zielte darauf ab, seine Tätigkeit als Beitrag zur sozialistischen Gesellschaft aufzufassen, so dass die Verweigerung einer zugewiesenen Stellung eher die Ausnahme darstellte. Durch die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte vor dem Mauerbau, war die Wirtschaft der DDR stark beeinträchtigt. Zudem wirtschaftete sie durch unrealistische Planvorgaben an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vorbei und brach kurz nach der Wende wegen mangelnder Produktivität und der Konkurrenz aus den kapitalistisch produzierenden Ländern zusammen. Die Waren der DDR waren zuvor zum großen Teil ins sozialistische Lager importiert worden, auch der Export gerierte sich aus den Staaten des Warschauer Pakts, so dass mit dessen Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft der endgültige Todesstoß versetzt wurde. Zuvor konnte man lediglich in sogenannte Intershops Güter aus dem Westen in geringen Mengen und zu sehr hohen Preisen erwerben.
… die Kinderbetreuung? Das Durchschnittsalter für Geburten in der DDR lag bei 23 – 24 Jahren und war damit sehr niedrig. Somit war die Kinderbetreuung ein primäres Anliegen der Staatsführung, auch um die Frauen vollständig in das Erwerbsleben integrieren zu können.
Der Kindergarten und die Kinderkrippe gehörten zum Bereich der Vorschulerziehung. Sie waren in der DDR weit verbreitet und ermöglichten es, dass beide Eltern arbeiten konnten.
Es gab kommunale, betriebliche, genossenschaftliche und kirchliche Einrichtungen. Normal war die Tagesbetreuung. Es gab aber auch Wochen-Kindergärten- und -krippen, Saisonbetreuung und die dauerhafte Unterbringung in Heimen. Da trotz zahlreichen Einrichtungen nicht jedem Kind ein Platz gesichert werden konnte, wurden alleinstehende Eltern und Familien, in denen beide Eltern arbeiteten, bevorzugt. Die Kinderkrippe nahm Kinder schon mit wenigen Monaten und bis zum 3. Lebensjahr auf, anschließend war der Kindergarten für die Erziehung zuständig. 1982 waren ca. 91% aller 3–6 jährigen Kinder in Kindergärten untergebracht. Die Eltern zahlten 55 Pfennig pro Tag. Die Kinder sollten auf das »Leben in der sozialistischen Gesellschaft der DDR« und die Herausbildung der »sozialistischen Persönlichkeit« vorbereitet werden. Sie erlernten Verhaltensweisen, die der sozialistischen Norm entsprachen (Fleiß, Ordnungsliebe, Disziplin und Folgsamkeit) und wurden auf den Unterricht vorbereitet, indem sie spielerisch den Umgang mit Buchstaben und Zahlen lernten. |

Anerkennung per Gesetz?von Sophie Rudolph, erschienen am 01.02.2006
Auf dem Christopher Street Day (CSD) in Berlin, der letzten Sommer unter dem Motto »Unser Europa gestalten wir« an die 400.000 Teilnehmer anlockte, zeigt sich die queer community stark und selbstbewusst. Das Wort queer wurde aus dem englischen Sprachraum übernommen und dient als Dachbegriff für die unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen, die von der heterosexuellen »Norm« abweichen. Außer Schwulen und Lesben zählen hierzu auch transgender lebende Menschen, die ihr Geschlecht nicht als festgelegt empfinden oder Transsexuelle, die einen Geschlechtswechsel planen oder vorgenommen haben. Der CSD ist aber nicht nur ein Tummelplatz für schillernde Figuren, auch wenn man diesen Eindruck leicht gewinnen kann. Die Bewegung hat deutliche politische Ziele, wie grundgesetzlichen Schutz vor Diskriminierung und die rechtliche Gleichstellung von Lebenspartnerschaften. Auch viele Politiker, wie die Ministerin Renate Künast und der Bundestagsabgeordnete Volker Beck von den Grünen lassen sich hier blicken und zeigen ihr Engagement für die Gleichstellung homosexueller Paare.
Homosexualität stößt in der heutigen Zeit in einer breiten Öffentlichkeit auf Akzeptanz. Nicht erst seitdem Berlin von Klaus Wowereit und Paris von Bertrand Delanoë regiert werden- zwei Bürgermeister, denen nicht nur ihre Zugehörigkeit zu einer sozialdemokratischen Partei gemeinsam ist, sondern auch die offene Bekennung zu ihrer Homosexualität. Aber auch wenn Bertrand Delanoë selbstbewusst verkündet: »Natürlich bin ich schwul« – die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare ist weder in Deutschland noch in Frankreich selbstverständlich.  |  | |
Gleichgeschlechtliche Paare, die sich entscheiden, dauerhaft zusammenzuleben, hatten bis vor einigen Jahren keine Möglichkeit, ihrer Beziehung einen rechtlichen Rahmen zu geben. Das Europäische Parlament fasste 1994 eine Entschließung zur Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in der EG und forderte damit die Mitgliedsstaaten auf, Maßnahmen zur Gleichstellung aller Bürger, ungeachtet ihrer sexuellen Veranlagung, zu treffen. Bahnbrecher war Dänemark, ein Land in dem 1989 das weltweit erste Gesetz über eine eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare erlassen wurde, die mit Einschränkungen beim Adoptionsrecht grundsätzlich der standesamtlichen Ehe gleichgestellt ist.
In Frankreich verabschiedete die Nationalversammlung am 13. Oktober 1999 nach einer zehn Jahre andauernden, kontroversen Debatte den Pacte civil de solidarité (Pacs). Er gibt Paaren, die nicht heiraten wollen oder können, die Möglichkeit, ihre Lebenspartnerschaft eintragen zu lassen. Der dazugehörige Vertrag zwischen den zwei Partnern kann weitestgehend frei gestaltet werden. Die Frage nach einer »Sonderregelung« für homosexuelle Paare wurde in der französischen Gesetzgebung elegant umgangen, indem der Pacs jedem Bürger offen steht. Das resultiert aus der Auffassung, dass die sexuelle Orientierung der Bürger den Staat nichts angeht und deshalb eine gleiche Regelung für alle geschaffen werden soll. Nur direkte Verwandte dürfen keinen Pacs abschließen. Gleichzeitig hat die französische Regierung vermieden, homosexuelle Lebenspartnerschaften offiziell zu genehmigen - der Pacs ist sozusagen eine Notlösung auf dem Weg zu einer wirklichen Gleichstellung.
In Deutschland wurde das Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft, kurz: Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG) am 16. Februar 2001 vom Bundestag beschlossen und ist am 1. August 2001 in Kraft getreten. Das deutsche Gesetz gilt nur für gleichgeschlechtliche Paare, da es für verschiedengeschlechtliche die Ehe gibt. Das verabschiedete Gesetz greift jedoch in vielen Punkten viel kürzer als der geplante Gesetzesentwurf für gleichgeschlechtliche Ehen, da dieser von der Länderkammer abgelehnt wurde.
Die Gesetze sind in beiden Ländern nun schon einige Zeit in Kraft. Dennoch stoßen sie immer wieder auf heftige Kritik aus konservativen Reihen. Außerdem kämpft die katholische Kirche gegen die eingetragenen Lebenspartnerschaften. Papst Johannes Paul II. hatte alle katholischen Parlamentarier dazu aufgefordert, sich in ihren Ländern vehement gegen die Gesetze einzusetzen. Vom neuen Papst Benedikt XVI. gibt es in dieser Hinsicht nichts Neues, er setzt die Aktivitäten der katholischen Kirche gegen Homosexualität fort. Im Dezember 2004 meinte der konservative UMP-Abgeordnete Christian Vanneste in der französischen Nationalversammlung, Homosexualität sei eine Bedrohung für das Überleben der Menschheit (« L'homosexualité est une menace pour la survie de l'humanité »).
Sein deutscher Amtskollege Johannes Singhammer von der CSU hatte 2001 sogar gegen das Lebenspartnerschaftsgesetz vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe geklagt – jedoch ohne Erfolg. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 17. Juli 2002 bestätigte die Vereinbarkeit des Gesetzes zur Beendigung der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften mit dem deutschen Grundgesetz.  |  | |
Die größten Bedenken herrschen selbst bei Befürworten der Homo-Ehe bei der Frage nach der Elternschaft von homosexuellen Paaren. Kinder in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft stellen das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Modell in Frage und rufen deshalb Ängste und Vorurteile hervor. Immer wieder wird das Totenglöckchen der Familie geläutet, wobei diese sich auch bei verschiedengeschlechtlichen Paaren oft immer mehr zu einer modernen Zweckgemeinschaft entwickelt. Dennoch wird in die Diskussion um das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare immer wieder das Aussterben der Familie eingeworfen. Im Kern des Streits stehen dabei die persönliche Entwicklung des Kindes und die Eigenschaften der Eltern. In Frankreich wird das Familien- und Eherecht bisher durch den Pacs nicht angetastet. Pacs-Partner können also keine gemeinsame Adoption vornehmen, und das »Erwerben« eines gemeinsamen Kindes durch künstliche Befruchtung ist auch nicht möglich. In der aktuellen Fassung des Lebenspartnerschaftsgesetzes vom 12. Februar 2005 ist die Stiefkindadoption in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft möglich. Das heißt, dass der Lebenspartner ein Kind, das der oder die andere in die Partnerschaft mitbringt, adoptieren kann. Vom vollen Adoptionsrecht ist aber auch die deutsche Gesetzgebung noch weit entfernt.
Die Schwulen- und Lesbenbewegung in Europa hat auf dem Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz dennoch viel erreicht. In den Niederlanden, Belgien und seit diesem Jahr auch in Spanien steht die Ehe mittlerweile auch gleichgeschlechtlichen Paaren offen. Offenheit und Toleranz schreibt sich jede Regierung gerne auf die Fahne. Aber in der Gesetzgebung zeigt sich, dass es bis zur Gleichstellung aller Paare, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung, in Deutschland und in Frankreich noch ein langer Weg durch die Institutionen sein wird.
Zur weiterführenden Lektüre
Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport/ Berlin: Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen
www.frankreich-info.de, Michael Kuss-Setz, »Ehen« für Schwule, Lesben und »Heiratsmuffel« (...) Der neue PACS macht's in Frankreich möglich
Fotos von Oliver Elsner www.oliverelsner.de Dieser Artikel als PDF in beiden Sprachen Homo.pdf (AdobeReader»Download) Dieser Artikel als Hördatei (3MB)
Pacs und Lebenspartnerschaftsgesetz im VergleichPacte Civil de Solidarité (PACS) Kann zwischen Personen unterschiedlichen oder gleichen Geschlechts geschlossen werden. Direkte Verwandte dürfen keinen PACS untereinander abschließen.
Personen, die verheiratet sind oder einen PACS mit einem Partner vereinbart haben, dürfen keinen weiteren PACS abschließen.
Wird (anders als die Ehe) bei dem für den gemeinsamen Wohnbezirk zuständigen Amtsgericht (Tribunal d'Instance) geschlossen.
Vor- und Nachteile PACS Kein Adoptionsrecht durch die PACS-Partner, auch keine Stiefkindadoption durch einen der Partner.Sorgerecht für Minderjährige geht nicht auf den PACS-Partner über.
Homosexuelle Partner dürfen kein Kind durch künstliche Befruchtung erwerben.
Kein gemeinsamer Familienname möglich.
Pflichtanteile aus Familienerbschaft gehen nicht auf den PACS-Partner über.
Mietverträge des einen Partners gelten für beide.
PACS-Partner kann in die Pflichtversicherung mit aufgenommen werden und erhält soziale Leistungen (z.B.: Familienbeihilfe, Wohngeld).
Ab dem dritten Jahr können Einkommenssteuererklärungen gemeinsam veranlagt werden.
Arbeitgeber muss gemeinsame Urlaubswünsche berücksichtigen.
Umzüge und andere im Ehegesetz vorgesehen freien Tage gelten auch für PACS-Partner.
Binationale Partnerschaften: Ein Partner kann für den anderen eine Carte de séjour (Aufentahltsgenehmigung) beantragen.
(Voraussetzung: er/sie ist Franzose oder verfügt als (EU-)Ausländer bereits über eine eigene Carte de séjour.)
Auflösung des Pacs Unkomplizierter und kostengünstiger als Ehescheidung.
Drei Punkte, die den PACS beenden:
Gemeinsame Übereinkunft (schriftliche Erklärung beim Tribunal d'Instance (Amtsgericht), bei dem der PACS geschlossen wurde).
Freier Wille oder Heirat eines Partners (Verständigung des anderen Partners durch Gerichtsvollzieher).
Todesfall eines der beiden Partner.
Lebenspartnerschaftsgesetz (LpartG) Kann nur zwischen Personen gleichen Geschlechts geschlossen werden, die nicht direkt miteinander verwandt sind.
Verheiratete Personen können keine Lebenspartnerschaft mit einer anderen Person eintragen lassen. Es ist nicht möglich, Lebenspartnerschaften mit mehreren Personen abzuschließen.
Die Behördenzuständigkeit wird von den Bundesländern geregelt, SPD-regierte Länder bevorzugen das Standesamt (Ausnahme Rheinland-Pfalz, hier sind die Kreisverwaltungen zuständig), in Hessen und Saarland wird die Festlegung der zuständigen Behörde den Kommunen überlassen (von Standesamt über Ordnungsamt bis Bürgerbüro), in Bayern kann eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft nur bei einem Notar abgeschlossen werden, in Baden-Württemberg sind die Landratsämter zuständig.
Stiefkindadoption erlaubt, alle anderen Adoptionsformen nicht.
Vor- und Nachteile LPartG Kleines Sorgerecht für „Angelegenheiten des täglichen Lebens des Kindes", für Kind des Lebenspartners/der Partnerin.
Künstliche Befruchtung bisher nicht offiziell genehmigt, nur in Eigenverantwortung, d.h. ohne rechtliche Absicherung.
Auf Wunsch gemeinsamer Familienname (Lebenspartnerschaftsname).
Partner werden bei Pflichtanteilen aus Familienerbschaften wie Ehegatten behandelt.
Verpflichtung zur gemeinsamen Lebensführung.
Verpflichtung zum gegenseitigen Unterhalt.
Keine gemeinsame Steuererklärung möglich.
Bei Tod des einen Partners erhält der andere Witwenrente.
Binationale Partnerschaften Der/die ausländische Partner/in kann aus der Beziehung keinen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung herleiten. Allerdings hat die Ausländerbehörde eine Ermessensentscheidung über die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis, wobei das Bestehen einer eingetragenen Lebenspartnerschaft von Vorteil sein kann, da diese in den Schutzbereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts fällt.
Auflösung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft Trennung einer Lebenspartnerschaft läuft analog zu Ehescheidung.
Aufhebungsurteil der Lebenspartnerschaft durch Notar.
Eine bestehende eingetragene Partnerschaft kann nicht durch Heirat eines der Partner beendet werden.
Gesetzestexte im Internet:
Pacs: www.vie-publique.fr
LPArtG: www.dejure.org/gesetze/LPartG |

Regenbogenfamilien: die Sehnsucht nach Alltagvon Sophie Rudolph, erschienen am 01.02.2006
Anabel* (35) und Lisa* (27) sind Deutsche, Tim (30) kommt aus Österreich und Nic (30) ist Franzose und hat in Deutschland studiert. Die zwei Paare sprechen über die Anerkennung von »Regenbogenfamilien« (Familien mit einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar) und über Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen im Umgang mit alternativen Lebensweisen.
rencontres.de: Kinder in einer homosexuellen Lebensgemeinschaft sind einer der strittigsten Punkte in der Diskussion um das Lebenspartnerschaftsgesetz in Deutschland und den Pacs in Frankreich. Das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Modell wird dadurch in Frage gestellt.
Anabel: Das Wichtigste für ein Kind ist es doch, geliebt zu werden und mindestens eine (besser zwei) Vertrauens- und Bezugsperson zu haben. Meiner Meinung nach ist es für ein Kind gesünder, in einer harmonischen Beziehung aufzuwachsen als in einer kaputten, egal ob hetero oder homo.
Nic: Dieses Modell der Vater-Mutter-Kind-Familie ist gerade mal 150 bis 200 Jahre alt, davor wuchsen die Kinder in der Großfamilie auf. Moralisch finde ich die Argumente gegen diese Familienform also auch nicht greifbar. Ich habe aber den Eindruck, dass man mit dem Argument, es gebe keine Unterschiede bei der Erziehung durch Homo oder Heteroeltern, bei konservativen Leuten nicht weiterkommt, weil sie »Schein-Fakten« im Kopf haben. Besser also argumentiert man mit den geschichtlichen Tatsachen.
Tim: Es gab auch Untersuchungen, denen zufolge Kinder aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oft toleranter sind, aufgeschlossener. Ich finde es wichtig, dass es gesetzliche Regelungen gibt, ein Antidiskriminierungsgesetz, aber was man wirklich gegen Vorurteile machen kann, das weiß ich nicht.
Seht ihr im Umgang mit Homosexualität und Regenbogenfamilien Unterschiede zwischen Deutschen, Franzosen und Österreichern?
Tim: Meine Mutter ist immer noch der Meinung, dass zwei Frauen kein Kind zusammen groß ziehen sollten. Meine Eltern und auch viele andere Österreicher haben noch sehr traditionelle Vorstellungen. Als ich mal mit einer Freundin Händchen haltend durch die Straße gelaufen bin, sind wir dreimal angesprochen worden**: Ein Mann hat uns gefragt, ob wir mit ihm nach Hause kommen wollen. Ein anderer wollte wissen, wo der Platz ist, der genau hinter uns lag. Und die Leute am Taxistand haben riesige Augen gekriegt und uns aus dem Fenster raus angestarrt, total komisch.
Nic: In der Hunderttausendseelenstadt, in der ich in Deutschland studiert habe, gab es praktisch keine offenen Schwulen, nur in der nächst größeren Stadt. Aber die lesbischen Paare waren meistens sehr offensiv, fast schon aggressiv. Da hat zwar niemand was gesagt, aber es war irgendwie eine Feindseligkeit zu spüren. In Berlin kümmert es tatsächlich niemanden, und in Paris ist es wohl auf der einen Seite schwierig, auf der anderen einfacher. Zum einen sind die Franzosen diskreter mit ihrem Privatleben, zumindest ist das meine Erfahrung, so dass es natürlich schwierig ist, politische Dinge, die sich darauf beziehen, nach außen zu tragen. Man weiß also nicht genau, ob der Affront entsteht, weil es gleichgeschlechtlich ist, oder weil jemand sein Privatleben in die Öffentlichkeit trägt.
Eine Sache, an die ich mich erinnere: Auf dem Weg zum Montmartre küsste eine Frau ihre Freundin ziemlich intensiv. Es war eine sehr belebte Straße, und die vorbeilaufenden Leute kriegten natürlich alles mit und fingen an zu grinsen, weil es ganz offensichtlich war, dass da gerade ein bisschen was aus dem Ruder lief. Aber es war klar, dass sie deswegen grinsen und nicht, weil es zwei Frauen waren. So etwas habe ich in Deutschland noch nicht gesehen. Hier übergehen die Leute so etwas meistens, entweder aus Höflichkeit oder weil es ihnen peinlich ist. Wenn sie aber hingucken, dann nicht mit der Freude, dass da gerade was Nettes passiert – das ist in Frankreich irgendwie entspannter.
Lisa: Ich glaube, dass ein größerer Unterschied zwischen Großstädten und dem ländlichen Raum als zwischen Deutschland und Frankreich besteht, was die Lockerheit im Umgang mit anderen Lebensformen angeht. Innerhalb meiner Familie, die aus einem kleinen Ort stammt, stößt meine Homosexualität zwar auf Akzeptanz, aber auch auf ein gewisses Maß an Unverständnis und vor allem Angst vor Intoleranz beim weiteren Umfeld, weil Homosexualität auf dem Land schon viel weniger ein Thema ist, wohingegen Homosexualität in Metropolen wie Berlin oder Paris immer selbstverständlicher wird. Ich weiß nicht, ob der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich da so groß ist.
* alle Namen von der Redaktion geändert ** Tim ist transgender und wird öfter für eine Frau gehalten
Zum Weiterlesen http://www.undwassagendiekinderdazu.de/
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Krawalle: Zwei junge Marokkaner blicken auf die französischen VorstädteInterview von Bineta Diagne, Übersetzung Sophie Rudolph, erschienen am 15.12.2005
Itri Nhas und Amine Benjelloun sind Marokkaner. Sie sind in Casablanca aufgewachsen und haben den größten Teil ihrer Schulzeit auf einem französischen Gymnasium verbracht. Mit diesem kulturellen Doppelgepäck brachen sie in den Süden Frankreichs auf, um hier zu studieren. Weit entfernt von ihren Familien führen sie seit ungefähr fünf Jahren ein Studentenleben « à la française ». Amine studierte zwei Jahre in Montpellierund machte ein D.E.U.G. (die französische Zwischenprüfung) in Médiation culturelle (Kulturvermittlung) und Kommunikationswissenschaft bevor er sein Studium am Institut d’études politiques in Aix-en-Provence fortsetzte. Sein Weggefährte war hingegen an der Ecole supérieure de Commerce in Toulouse angenommen worden. Seit sie in Frankreich leben, haben beide eine kritische Sichtweise auf die beiden Gesellschaften gewonnen.
rencontres.de: Am 27. Oktober 2005 werden zwei Minderjährige auf der Flucht vor der Polizei durch einen elektrischen Schlag eines Stromtransformators in Clichy-sous-Bois getötet. Dieser Vorfall ist der Auslöser von heftigen Spannungen zwischen Jugendlichen und Ordnungskräften. Unter den Aufständischen befinden sich viele Kinder aus immigrierten Familien. Aufgrund des Ausnahmezustands hat die Regierung die Ausgangssperre in etwa vierzig Gemeinden um drei Monate verlängert. Wie beurteilt ihr den Umgang der Behörden mit der Krise?
Amine: Für die Behörden ist der Umgang mit dieser Krise sehr schwierig. Eigentlich müsste nämlich ein Gleichgewicht zwischen repressiven Maßnahmen und Dialog gefunden werden. Diese Regierung versucht jedoch vor allem zu unterdrücken. Ich weiß nicht, ob das die richtige Lösung ist. Die Ausgangssperre ist möglicherweise eine gute Sache, weil sie das Spiel entschärft: Die Eltern sind verpflichtet, das Ausgehen ihrer Kinder zu beschränken. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass diese Jugendlichen sich dadurch erst recht erniedrigt fühlen.
Itri: Ich befürchte, dass die Verbote die Leute erst recht dazu anstacheln, die Regeln zu brechen. Viele verurteilen die verbalen Entgleisungen von Nicolas Sarkozy: Meiner Meinung nach sprach er vor allem von einer bestimmten Gruppe von Jugendlichen. Den Ausdruck « racaille » (dt. etwa: Pack, Gesindel) hätte man vielleicht nicht verwenden sollen, denn damit fühlten sich alle Jugendlichen angesprochen. Und mit dem Unfall der beiden getöteten Jugendlichen hätte man natürlich besser umgehen können. Die Polizei hätte sich ihre Fehler eingestehen müssen. Ich glaube, dass es Polizisten gibt, die ihren Job gut machen und andere, die ihre Macht ausnutzen. Und genau das ist es, was die Jugendlichen zu dieser Gewalt führen kann. Ich verstehe ihre Reaktion, finde sie aber nicht richtig, auch wenn es für sie die einzige Möglichkeit ist, sich Gehör zu verschaffen.
Amine: Das Problem ist die Politik des Innenministeriums. Es hat die Krise überhaupt nicht im Griff. Dass wieder Ruhe einkehren muss ist klar. Die Frage ist nur, mit welchen Mitteln diese Jugendlichen am besten besänftigt werden können. Um eine Antwort darauf zu finden, braucht man einfach Zeit.
Manche amerikanischen Medien sprechen sogar von »muslimischen Aufständen«: Ist das auch in Marokko der Fall? Nehmen die Marokkaner die Gewalt in Frankreichs Städten zum Anlass, Frankreich zu kritisieren?
Amine: In Marokko wagt man sich an ein solches Thema nicht heran . Es ist total absurd von »muslimischen Aufständen« zu sprechen. Hier geht es nicht um Religion. Man kann nicht alles in einen Topf werfen.
Itri: In den USA ist das vor allem anti-französische Propaganda. In Marokko haben die Journalisten über diese Ereignisse ganz normal berichtet.
Wie werden die Aufstände in Marokko wahrgenommen?
Amine: Die marokkanischen Medien haben sehr ausführlich darüber berichtet. Sie orientierten sich an den französischen Nachrichten und berichteten über jeden einzelnen Vorfall. Sie betonten jedoch vor allem den Opferstatus der Unruhestifter. Zum Beispiel versuchten sie das Ausmaß der Diskriminierung zu erklären, der diese Personen ausgesetzt sind. In vielen Sendungen wurde auch die Frage gestellt, wie die Krise behoben werden könnte.
Welches Bild hattet ihr von den Vorstädten, bevor ihr zum Studieren nach Frankreich gekommen seid? Hat es sich seitdem verändert?
Itri: Ich hatte schon ein schlechtes Bild von den Vorstädten: Jedes Jahr sah ich junge Franzosen maghrebinischen Ursprungs, die ihre Ferien in Marokko verbrachten. Sie glaubten, sich einfach alles erlauben zu können. Deshalb nahm ich an, dass sie sich in Frankreich genauso verhielten. Man sollte die Jugendlichen, die versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen, jedoch nicht über denselben Kamm scheren. Im Grunde ist es nur ein kleiner Teil der Jugendlichen, die ein schlechtes Bild der Vorstädte prägen.
Amine: In Marokko haben die jungen Franzosen marokkanischer Abstammung, die in französischen Vorstädten leben einen sehr schlechten Ruf. Diese Jugendlichen fühlen sich in Frankreich nicht zu Hause. Wenn sie nach Marokko kommen, haben sie die Hoffnung, sich wenigstens hier zu Hause zu fühlen, aber auch das ist nicht der Fall. Ganz einfach weil die marokkanische Kultur ihnen ebenso fremd ist wie die französische. Dabei sind sie mehr französisch als marokkanisch: Ihr Verhalten verstößt gegen marokkanische Sitten. Vor allem was den Wert angeht, den sie auf ihre äußere Erscheinung legen, auf Autos, usw. …
Ich persönlich hatte nicht unbedingt ein negatives Bild. Meine Meinung hat sich nicht geändert. Die Vorstädte haben für mich keine großen Zukunftsperspektiven. Verglichen mit Marokko leben diese Leute an annehmbaren Orten. Aber das ist natürlich relativ: Ihre Vergleichssituation sind die anderen Wohnorte in »ordentlicheren« Vierteln, die sich außerhalb der Vorstädte befinden.
Itri: Ich glaube, das ist vor allem eine Frage der Erziehung. Die Wurzel des Problems liegt bei diesen Jugendlichen zum Teil in den Bildungslücken ihrer Eltern. Umgekehrt haben andere Jugendliche es dank der strengen Erziehung ihrer Familie und der Schule geschafft, die Vorstädte zu verlassen.
Amine: Wenn man die Eltern beschuldigt, macht man es sich zu einfach. Es muss ein angemessener Rahmen für die Erziehung ihrer Kinder geschaffen werden. Die Heranwachsenden sind verloren zwischen einer Schule, die sie kaum beansprucht und Eltern, die nicht immer französisch sprechen.
Die Krawalle erklären sich also zum Teil aus einem nicht funktionierenden Bildungssystem. Wie sieht es in Marokko aus? Wie beurteilt ihr das System im Vergleich zu Frankreich?
Amine: Man kann die beiden Schulsysteme nicht direkt miteinander vergleichen. Das marokkanische Bildungssystem hat so viele Nachteile. In Marokko kümmert sich einfach niemand um die Schwierigkeiten der Jugendlichen. Die Behörden vernachlässigen sie völlig. Im Gegensatz dazu hat die französische Regierung die zones d’éducation prioritaires geschaffen. Zwar hat ein Teil der Jugendlichen keinen Zugang zu einer guten Ausbildung, das betrifft aber nur einen Teil der Bevölkerung. In Marokko dagegen ist das ganze System defekt: Die Lehrpläne der öffentlichen Schulen sind oft mangelhaft.
Itri: Die einzigen vertrauenswürdigen Schulen sind die Privatschulen. Amine und ich hatten das Glück, unsere Schulzeit in einer seriösen Einrichtung verbracht zu haben (auf dem Lycée Lyautey in Casablanca). Das Niveau ist dort höher als an anderen Schulen, das habe ich bei meiner Ankunft in Frankreich festgestellt. Ich konnte dem Rhythmus an der französischen Uni ohne Probleme folgen. Und das verdanke ich diesem Unterricht. Dieser Artikel als PDF in beiden Sprachen Krawalle.pdf (AdobeReader»Download)
Was ist eine Z.E.P.?Réseaux und Zones d'éducation prioritaire (R.E.P. und Z.E.P., deutsch: »pädagogisch prioritäre Zonen« oder »Netze«)
Angesichts der anhaltenden Schwierigkeiten von Jugendlichen aus benachteiligten Gesellschaftsschichten hat das französische Bildungsministerium 1982 die zones d'éducation prioritaire geschaffen. Dieses System wurde von Alain Savary eingeführt. Die Z.E.P. werden vor allem in den collèges (Gesamtschulen der Sekundarstufe I) und den lycées (Gymnasien der Sekundarstufe II) eingesetzt. Sie verfügen über einen spezifischen Lehrplan und höhere staatliche Pro-Schüler-Zuwendungen, um ihre Ziele umzusetzen. Die Lehrer erhalten eine jährliche Aufwandsentschädigung in Höhe von 1100 Euro. Seit 1999 ergänzt das réseau d'éducation prioritaire (R.E.P.) dieses System. Innerhalb des R.E.P. werden zusätzliche Mittel bewilligt, aber die Lehrer erhalten keine Aufwandsentschädigung. 21, 4% der Oberschüler und ungefähr 18% der Grundschüler sind von dieser »prioritären Pädagogik« (Z.E.P. und R.E.P.) betroffen, während 1982 erst 10% bzw. 8,3% der Schüler in den Z.E.P. waren. Allein im Unterrichtsbezirk Créteil (Seine-Saint Denis, Val-de-Marne und Seine-Marne) sind 776 Einrichtungen als Z.E.P. eingestuft.
Centre de ressources sur l'éducation prioritaire : www.ac-creteil.fr/zeprep/indic_mode.html |

Bunker und Beaujolais – Auf dem Spicherer Berg bei SaarbrückenClaas Peters, erschienen am 01.11.2005
Beim Spaziergang auf dem Spicherer Berg bei Saarbrücken, dort wo der Weg in den Wald hineinführt, steht gleich links der erste Panzer. Und dann taucht rechts ein Bunker auf, halb vergraben, halb eingesunken im Boden. Man kommt an immer mehr Bunkern vorbei, leere Schießscharten und dicker, grauer Beton. Und vielleicht steigt dann dieses Gefühl in einem auf, gerade als man sich dabei ertappt, sich auf den Mauern nach Einschüssen umzusehen. Dieses Gefühl ist Erschrecken und Scham darüber, wie heiter man soeben von einem »Kommandobunker« gesprochen hat. Denn man kann es doch leicht, möchte es auch gerne, vergessen, beim Beaujolais-Fest etwa auf dem Saarbrücker Marktplatz, bei den deutsch-französischen Theatertagen, beim Chanson-Abend oder bei der Fahrt mit der Saarbahn über die nahe französische Grenze, dass die gemeinsame Geschichte von Kriegen bestimmt war.
1870 wird Saarbrücken zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges kurz von französischen Truppen besetzt, bevor es am Spicherer Berg zu einer entscheidenden Schlacht kommt, die von den preußischen Truppen gewonnen wird. Nach dem Ersten Weltkrieg wird das Saarland unter ein Sonderstatut gestellt. Der Franc wird einzig gültiges Zahlungsmittel und da die vormals preußischen Gruben des Saarlandes als Reparationszahlungen an Frankreich übergehen, wird der französische Staat für diese Zeit der wichtigste Arbeitgeber. Insgesamt befinden sich 60 Prozent der Industrie in der Hand französischer Aktionäre.
Dieser Zustand soll für 15 Jahre anhalten, bis es am 13. Januar 1935 zu einer Volksabstimmung darüber kommt, ob das Saarland entweder seinen Sonderstatus behalten, an Frankreich oder an das Deutsche Reich angegliedert werden soll. Vor der Abstimmung gibt es massive nationale Propaganda (»Wer seinem Vaterland die Treue bricht, der hält sie auch dem Herrgott nicht«, »Deutsche Mutter - Heim zu Dir«), und tatsächlich entscheiden sich die Saarländer trotz der 1935 in Deutschland herrschenden Diktatur zu 90,4 Prozent für eine Rückgliederung an Hitler-Deutschland. Am offiziellen Tag der Rückgliederung, dem 1. März, besucht Adolf Hitler Saarbrücken und lässt auf dem Rathausplatz feiern.
Ziemlich genau zehn Jahre später, nachdem 60 Prozent des Wohnraumes und 40 Prozent der öffentlichen Gebäude sowie über die Hälfte aller Brücken zerbombt wurden, endet am 21. März der Zweite Weltkrieg für das Saarland mit der Besetzung durch amerikanische Streitkräfte und am 3. Oktober ist es Charles de Gaulle, der auf dem Rathausplatz gefeiert wird. Das Saarland wird französische Besatzungszone, erhält aber 1948 einen autonomen Status, der jedoch weiter von einem starken französischen Einfluss geprägt ist. Dies führt unter anderem dazu, dass die junge Bundesrepublik ihr »Wunder von Bern« erlebt, während die Saarländer noch ihre Fußballniederlage gegen die deutsche Nationalmannschaft und damit ihr Ausscheiden in der Qualifikationsrunde zu verdauen haben. In der Folge entschließen sich die Saarländer erneut für eine Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik Deutschland, die am 1. Januar 1957 endgültig erfolgt.  |  | |
Vom Westwall zum Cora Auch wenn die Verflechtungen des Saarlandes mit Frankreich die Folge einer blutigen Geschichte sind, spürt man im Saarland heute etwas wie Freude und Stolz darüber, dass französischste aller Bundesländer zu sein. Die Jahre, in denen das Saarland eine Sonderrolle zwischen Deutschland und Frankreich hatte, haben dazu geführt, dass man sich im Saarland, stärker als in anderen Bundesländern, vor allem als Saarländer fühlt, und als solcher ist man »französischer« als der Rest Deutschlands. Natürlich führt dieses Selbstverständnis oft an den Rand von Stereotypen und Klischees; es geht auch um Rotwein und Baguette, um die größere Käse-, Gemüse- und Fischauswahl im Supermarkt Cora. Andererseits gehört dazu ebenso die freundliche Selbstverständlichkeit, mit der sich am 3. Oktober die Autoschlangen nach Frankreich bewegen und am französischen Nationalfeiertag sich die Saarbrücker Innenstadt mit französischen Autos füllt. Es geht dahin, dass man einmal die saarländisch-lothringische Grenze ebenso unbewusst überquert, wie die saarländisch-pfälzische.
Und am Spicherer Berg? Nach einer großen Runde, fast schon wieder zurück am Parkplatz, plötzlich, auf Baumstämmen neben dem Weg, drei deutsche junge Männer, vom Äußeren irgend etwas zwischen Informatiker und Rollenspielfans, die Bier trinken und in ein Buch schauen, das der mittlere von ihnen im Schoß hält. Titel: »Der Westwall«, gedruckt in roten Lettern. Da geht es dann wohl um militärischen Stellungen und Artillerie – dann schon lieber mit der Baskenmütze Käse, Rotwein und Baguette im Cora einkaufen.
Fotos von Claas Peters Dieser Artikel als PDF in beiden Sprachen Bunker.pdf (AdobeReader»Download) 
Neue Frauen – alte Normenvon Christiane Lötsch, erschienen im September 2004
Wenn berufstätige Frauen Kinder bekommen, werden die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland am offensichtlichsten.
Den Prototyp einer französischen Frau verkörperte zuletzt Julie Delpy im Film Before Sunset. Auf ihren zwei unendlich langen Beinen spazierte sie mit Ethan Hawke durch das pittoreske Paris, ihr besticktes Rüschenoberteil flatterte im Wind, die Frühlingssonne brach sich in ihren Haaren, ihr Lachen hallte in den kleinen Straßen. Nur mit viel Vorstellungskraft glaubte man ihr den Freund, der Kriegsfotograf war, und ihren anstrengenden Beruf als Umweltschützerin, so zart und grazil wirkte sie. Ihr deutsches Pendant, Franka Potente, die rothaarige Lola, kann von romantischen Spaziergängen durch Paris nur träumen. Zu harten Beats und die Zeit im Nacken rennt sie durch Berlin, um Geld aufzutreiben und ihrem Freund das Leben zu retten. Die französische Elfe versus die deutsche Powerfrau – so werden zumindest im Film länderspezifische Frauenbilder entworfen.
In der Realität hat sich nach dem Bruch 1968 der Alltag deutscher und französischer Frauen gleichermaßen verändert. Die radikale Infragestellung traditioneller, männlicher Strukturen und der Wunsch nach weiblicher Selbstverwirklichung haben an den zwischengeschlechtlichen Beziehungen gerüttelt, schreibt Mechthild Veil in ihrem Buch Kinderbetreuungskulturen in Europa. 36 Jahre nach diesen Umwälzungen hat sich das Leitbild des Zwei-Verdiener-Haushalts zwar weitestgehend durchgesetzt – zumindest wenn das Paar keine Kinder hat. Die Realisierung der eigenen Wünsche im Leben der "modernen" Frau hängt jedoch weiterhin von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ab. Die Familienpolitik, die vom Staat verfolgt wird, ist dabei ausschlaggebend und lässt den Alltag der Frauen in Frankreich ganz anders aussehen als den in Deutschland.
Im europäischen Vergleich besitzt Frankreich die größte Vielfalt an privaten und öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten für Kinder im Vorschulalter. Die Familienpolitik gilt hier als Staatsangelegenheit, so dass das gesellschaftliche Vertrauen in die staatliche Kinderbetreuung sehr hoch ist. Schon ein paar Monate nach der Geburt kann der Nachwuchs in eine der vielen Krippeneinrichtungen, les crèches, gegeben werden und ab dem dritten Lebensjahr die kostenlose Vorschule, école maternelle besuchen. Obwohl diese nicht verpflichtend ist, werden 99 Prozent der drei- bis sechsjährigen französischen Kinder in ihre Obhut gegeben. Beide Einrichtungen sind im Unterschied zu Deutschland ganztägig geöffnet und geben beiden Elternteilen die Möglichkeit zur vollzeitigen Berufsausübung.
Der Staat in der Rolle des Erziehers ist von der französischen Gesellschaft in so hohem Maße anerkannt, weil Kinder als Staatsbürger von morgen angesehen werden. So ist eine soziale Norm entstanden, die eine Familie mit zwei oder sogar drei Kindern vorgibt. Familienleben und Arbeitsalltag sind hier lediglich eine Frage der Organisation, die es der Mutter eines halbjährigen Babys erlaubt, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, ohne als verantwortungslos oder karrierebesessen angesehen zu werden.  |  | |
Diese Vorwürfe müssen sich Mütter vor allem in Westdeutschland anhören, wenn sie ihren Nachwuchs in jüngstem Alter beaufsichtigen lassen. Im Gegensatz zu Frankreich, wo so eine schnelle Integration der Kinder in die Gesellschaft gefördert wird, scheint es, dass man sie in Deutschland so lange wie möglich davor beschützen möchte. Bis zu drei Jahren kann der so genannte Elternurlaub dauern. Wegen der geringen finanziellen Leistungen, die man während dieser Zeit erhält, wird er praktisch zwangsläufig zum Mutterurlaub: Es ist meist der höher verdienende Partner, der weiterhin seinen Beruf ausübt, und das ist bis auf wenige Ausnahmen immer noch der Mann. Auf diese Weise muss die Mutter in ihrer Erziehung soziale Fähigkeiten vermitteln, die sich durch das Zusammensein mit anderen im Kindergarten eigenständig entwickeln würden.
Aufgrund der gegensätzlichen politischen Systeme der Vergangenheit verfügt Deutschland jedoch über kein kohärentes Leitbild für berufstätige Frauen mit Kindern. Die Gesellschaft spaltet sich zwischen der ostdeutschen Forderung nach dem Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung und dem Ruf der westdeutschen Bundesländer nach mehr finanzieller Unterstützung, um die meist privat organisierte Erziehung bezahlen zu können. Mit einem großen Teil der öffentlichen deutschen Gelder wird zwar die einzelne Familie finanziell unterstützt, der Ausbau einer staatlichen Betreuungskultur bleibt jedoch auf der Strecke, obwohl Kanzler Gerhard Schröder deren Bedeutung in seinem Leitprogramm Agenda 2010 immer wieder betont. Dieser Effekt erschwert die Rückkehr an den Arbeitsplatz für die Mütter: Was nützt eine Erhöhung des Kindergeldes, wenn man keinen Platz im Kindergarten bekommt und entweder den Beruf aufgeben oder ein Vielfaches in die private Kinderbetreuung investieren muss?
So sind es die Großunternehmen, die Betriebskindergärten für ihre Mitarbeiterinnen bereitstellen oder die privat organisierten Tagesmütter und Familienmitglieder, die sich um den Nachwuchs kümmern.
Die Frage der Kinderbetreuung ist entscheidend für die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt. Die meisten Frauen wählen weiterhin einen Beruf, der sich mit dem Familienleben vereinbaren lässt. Das hat eine hohe Konzentration weiblicher Arbeitskräfte auf wenige Berufszweige zur Folge, die zudem zu den niedrig bezahlten zählen und in denen die Aufstiegschancen begrenzt sind. Dank der guten Versorgung besetzen die Französinnen jedoch mit 20 Prozent mehr als doppelt so viele Führungspositionen wie in Deutschland. Dort entstand in den vergangenen Jahren ein Umkehrschluss: 40 Prozent der Akademikerinnen entschieden sich gegen Kinder, aus Angst ihren Arbeitsplatzes zu verlieren.
Es scheint also, dass Julie Delpy mit ihrer elfenhaften Art ihren anstrengenden Beruf als Umweltschützerin und ihre zukünftige vierköpfige Familie besser unter einen Hut bekommen wird als die hektische Lola – wenn die sich überhaupt dazu entschließt, ein Kind zu bekommen. 
Türken in Deutschland, Nordafrikaner in Frankreich: zwei verschiedene Integrationsmodelle der muslimischen Minderheitvon Mélodie Beaujeu, übersetzung Johanna Heinen, erschienen im Juni 2004
Vielleicht sind Sie schon einmal durch Kreuzberg mit seinem Landwehrkanal, seinem türkischen Markt, seinen zahlreichen Dönerläden, kurz gesagt durch das "kleine Istanbul von Berlin" spazieren gegangen. Im Vergleich zu Algeriern in Sarcelles oder Saint-Denis, zwei kleinen Vororten, fernab des brodelnden Zentrums der Metropole Paris, scheinen die Türken inmitten Berlins ihren Platz gefunden zu haben und bilden dort eine eigene Gemeinschaft. Auf den ersten Blick könnte man sagen, dass sich Frankreich von Deutschland hinsichtlich dessen offensichtlich wesentlich besser gelungenen Integrationsmodells inspirieren lassen sollte. Allerdings würde man dabei Gefahr laufen, sich zu voreilig einem so genannten "Europtimismus" hinzugeben: Denn das Integrationsmodell eines Landes ist nicht ohne weiteres auf die Gesellschaft eines anderen Landes und dessen Integrationsprozesse übertragbar. Zudem ist aufgrund der exotisch anmutenden Atmosphäre in Kreuzberg noch lange nicht gesagt, dass das deutsche Integrationsmodell wirklich Vorzeigecharakter besitzt. Deshalb werden wir zunächst einmal das deutsche Integrationsmodell muslimischer Minderheiten, genauer gesagt, der in Deutschland lebenden Türken untersuchen. Kann man überhaupt von einer gelungenen Integration der Türken in die deutsche Gesellschaft sprechen allein aufgrund der Tatsache, dass deren Kultur in der Öffentlichkeit präsent ist und gelebt wird?
Laut der Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien "Die Wirtschaftskraft der türkischen Selbständigen" hat sich die Anzahl türkischstämmiger Unternehmer deutschlandweit im Zeitraum von 1985 bis 2000 von 22000 auf 59500 sogar rapide erhöht, was für die gelungene Integration spricht. Dennoch macht dieser nur einem sehr geringen Anteil der in Deutschland lebenden Türken aus. Angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen dieser Volksgruppe von 20,2 Prozent der aktiven Bevölkerungsschicht und dem hohen Prozentsatz von 58,3 an jungen türkischen ungelernten Arbeitskräften zwischen 15 und 18 Jahren, ist das Argument, die türkische Bevölkerung sei besonders gut in die deutsche Gesellschaft integriert, höchst strittig. Laut der Statistik "Daten und Fakten zur Ausländersituation", welche im Februar des vergangenen Jahres von der Bundesbeauftragten für Integration veröffentlicht wurde, ist der türkische Anteil fünfmal höher als der an jungen deutschen ungelernten Arbeitskräften. Hinzu kommt, dass laut des Sprechers des Berliner Forschungszentrums, Ali Yumusak, "die Deutschen und die Türken immer noch in zwei verschiedenen Welten leben". Die Daten in dem Buch "das Schicksal der Immigranten" von Emmanuel Todd scheinen Yumusaks Eindruck zu bestätigen: Die Anzahl der Eheschließungen zwischen Deutschen und Türken ist weitaus niedriger als die zwischen Algerien und Franzosen. Demzufolge stieg die Geburtenrate von Kindern mit türkischem Vater und deutscher Mutter im Zeitraum von 1975 bis 1990 von einem auf nur 4,4 Prozent, während die Geburtenrate von Kinder mit algerischem Vater und französischer Mutter im gleichen Zeitraum von 12,5 auf 19,5 Prozent kletterte. Gleichermaßen stieg die Geburtenrate von Kindern mit türkischer Mutter und deutschem Vater von 0,5 auf 1,2 Prozent, während sich die Geburtenrate von Kindern mit algerischer Mutter und nicht-algerischem Vaters oder allein stehender Mutter von 6,2 auf 27,5 Prozent erhöhte.
Die Frage bleibt also offen: Kann man wirklich von Integration sprechen, wenn zwei Gemeinschaften nebeneinander leben, weitgehend aber keinen Kontakt zueinander haben? Es handelt sich bei den Türken in Deutschland und den Algerien in Frankreich also nicht um die Unterscheidung zwischen einem besseren oder besser gelungenen und einem schlechteren Integrationsmodell, sondern bei beiden um unterschiedliche gesellschaftliche Missstände – denn eine wirkliche Integration hat bislang bei keinem der beiden stattgefunden.
Die Geschichte der muslimischen Minderheiten in beiden Ländern hat jedoch ganz ähnlich angefangen: In den 60er-Jahren, der Zeit der großen Nachfrage nach Arbeitskräften in den westeuropäischen Industrien, kam es zu den ersten Einwanderungswellen von Türken nach Deutschland und von Algeriern nach Frankreich. Damals hatten die Immigranten vor, höchstens ein paar Jahre lang in Deutschland, beziehungsweise Frankreich, als Arbeitskräfte zu leben. Mit dem ersparten Geld wollten sie sich nach ihrer Rückkehr in der Heimat eine neue Existenz aufbauen. Doch es kam alles ganz anders: Weder hatten die Immigranten damals mit den Massenentlassungen in ihrem Gastland noch mit den politischen Unruhen in ihrer Heimat gerechnet. Infolge der Massenentlassungen konnte das erhoffte Kapital nicht zusammengespart werden und aufgrund der politischen Unruhen blieben sie bis auf weiteres erst einmal in der Fremde, wohin ihnen ihre Familien Mitte der 70er-Jahre folgten. Aus dieser Anfangszeit ist nur noch das damalige Vorhaben vieler Immigranten, "nach Hause zurückzukehren" übrig geblieben, sowie das allgemeine Bild der Türken aus deutscher Sicht und das der Algerier aus französischer Sicht, wenn auch in viel geringerem Maße ausgeprägt, als "Gäste auf Zeit".  |  | |
Allerdings ist trotz der Gemeinsamkeiten ein wesentlicher Unterschied zu betonen: Im Gegensatz zu Frankreich war Deutschland bereits seit 1918 keine Kolonialmacht mehr. Infolgedessen ist Deutschland mit der Türkei auch nicht im Sinne von Mutterland und ehemaliger Kolonie geschichtlich oder kulturell verbunden, was bei Franzosen und Algeriern hingegen der Fall ist. Aus diesem Blickwinkel betrachtet kann der Integrationsprozess algerischer Immigranten in die französische Gesellschaft als wesentlich schwieriger und schmerzhafter beurteilt werden, als dies bei den in Deutschland lebender Türken der Fall ist. Im Gegensatz zu Letzteren wurden die Algerier, da sie aus einem ehemaligem französischen Verwaltungsgebiet stammten, vor die Wahl gestellt, entweder gänzlich auf ihre Nationalität zu verzichten und Franzosen zu werden oder sich "für immer als Fremde" zu betrachten. Im Sinne des französischen republikanischen Prinzips kommt heutzutage der Bedeutung von Integration die der "Anpassung" gleich. Die jüngsten hitzigen Debatten um die Einführung eines Kopftuch-Verbots zeugen von der gespannten Lage zwischen Franzosen und algerischen Einwanderern, deren Ursprünge noch bis in die heutige Gesellschaft wirken und in ihr sichtbar sind. Diese Gründe reichen jedoch noch nicht aus, um aus dem deutschen Modell ein Vorbild für die Integrationsprozesse der muslimischen Minderheit in Frankreich zu machen. Das Nebeneinanderleben von Türken und Deutschen ist geschichtlich von relativer Gleichgültigkeit geprägt. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland mit 8,9 Prozent einen der größten Volksanteile an Immigranten aufzuweisen hat, wundert man sich über die Standhaftigkeit einiger konservativer Politiker, mit der diese im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder behaupteten, was wie ein Paradox erscheint: "Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland." Diese Äußerung, welche hartnäckig alle statistisch erfassten Tatsachen verleugnet, kann auf zweierlei Weisen erklärt werden: Aufgrund der Tatsache, dass die Immigranten als Gastarbeiter ins Land kamen, beruht ihre Anwesenheit und die ihrer Familien auf ihrer individuellen Entscheidung und liegt somit nicht in der Verantwortung der Behörden des Gastlandes. Andererseits, so heißt es, spiele die Immigration der Gastarbeiter, gemessen mit anderen geschichtlichen Ereignissen in Deutschland, für die allgemeine deutsche Bewusstseinsbildung keine große Rolle. In anderen Worten: Im Gegensatz zum Verhältnis, welches einst zwischen Franzosen und Algerien bestand und immer noch besteht, haben die Deutschen keine emotionale Bindung zu den Türken, womit man versucht, ihre soziale und politische Gleichgültigkeit gegenüber den Türken in Deutschland zu rechtfertigen. Aufgrund der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges stand die Frage nach der Integration von Immigranten aus den osteuropäischen Ländern, wie Polen, in die BRD stets im Vordergrund. Hinzu kam die Wiedervereinigung Deutschlands 1989/90, die Ali Yumusak sogar als das Ende des Integrationsprozesses der Türken in die deutsche Gesellschaft betrachtet. Durch die starke Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, die nach der Wiedervereinigung besonders im Gebiet der ehemaligen DDR aufkam, stellte der Mauerfall in den Augen vieler Ostdeutscher, die um ihre eigene Existenz fürchteten, die Aufforderung an die Türken und andere Immigranten dar, Deutschland zu verlassen. Traurigerweise kam es dabei zu vielen ausländerfeindlichen Übergriffen.
Unsere zwei großen europäischen Integrationsmodelle, wobei sich das eine durch Anpassung und das andere durch Gleichgültigkeit kennzeichnet, sind also beide letztendlich nicht besonders zufrieden stellend. Hinzu kommen eine aufstrebend islamistische und eine antiislamische Bewegung, welche sich innerhalb der vergangenen Jahre in beiden Ländern bemerkbar machten. Als Ursache dafür können eine Reaktion gegen die amerikanische Politik im Irak und die Auseinandersetzungen im Nah-Ost-Konflikt einerseits, und die Angst vor Terroranschlägen des islamistischen Netzwerks Al-Quaida andererseits, genannt werden. Gleichzeitig erscheint der Gedanke eines europäischen Integrationsmodells für eine gemeinsame Lösung durch die starken nationalen Eigenheiten und Unterschiede als recht unwahrscheinlich. Jedoch entwickelten sich zahlreiche Initiativen in den vergangenen Jahren, die alles andere als unbedeutend sind. Neben verschiedenen kulturellen Zentren und Vereinigungen sind es auch interessante Eigeninitiativen wie die deutsche Fernsehsendung von Kaya Yanar "Was guckst du?", die gleichermaßen großen Erfolg bei Türken wie auch bei Deutschen verzeichnet. Das Prinzip von Kaya Yanar ist einfach zu verstehen: Es geht darum, Menschen über das eigentlich schwierige Thema, dem "Leben in der kulturellen Vielfalt" zum Lachen zu bringen. Mit diesem Ziel und einer großen Portion Selbstironie, liebvoll und ohne dabei zu verletzen, imitiert der türkisch-arabische Künstler in seiner Show anhand von Sketchen und Nachahmungen die typischen Wesenzüge seiner Landsleute in Deutschland und spielt dabei mit den Nationalitäten.  |  | |
Was den wirtschaftlichen Aspekt angeht, muss zudem gesagt werden, dass die Türken Deutschland weitaus mehr als nur Döner zu bieten haben. Was Letzteres betrifft, ist es ebenfalls falsch zu glauben, dass die Türken ihre Waren nur an andere Türken verkaufen. Im Gegenteil: Laut einer Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien namens "Die Wirtschaftskraft der türkischen Selbständigen" vom Juli 2003, verkaufen 48 Prozent der türkischen Händler in Deutschland den Großteil ihrer Waren an deutsche Kunden. Dies bedeutet, dass die türkischen Unternehmer nicht nur ihre eigene Existenz in Deutschland sichern wollen, sondern dass sie in bedeutungsvoller Weise am wirtschaftlichen Leben des Landes teilnehmen. Wichtig ist auch die Tatsache, dass viele türkische Unternehmer nicht nur in Deutschland, sondern auch in ihr Heimatland investieren. Sie sind also nicht nur an den deutschen Markt gut angepasst, sondern bilden zudem eine Brücke zwischen den beiden Ländern. Ein Eintritt der Türkei in die EU würde die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder sicherlich noch verstärken. Auch auf politischer Ebene würde dies für die Integration der in Deutschland lebenden Türken von Bedeutung sein. Als Mitglieder der EU, würden sich diese vermutlich mehr am deutschen politischen Leben beteiligen und umgekehrt auch mehr Beachtung von den deutschen Politikern erhalten. Kürzliche Aussagen von Politikern wie die des Ex-Generalsekretärs der SPD, Olaf Scholz, gehen jedenfalls in diese Richtung.
Wie bereits angedeutet, handelt es sich bei den Algeriern in Frankreich und den Türken in Deutschland um zwei verschiedene Gruppen von muslimischen Minderheiten inmitten zweier ganz unterschiedlicher Integrationsmodelle, wodurch der Begriff der Integration also mehrere Bedeutungen erhält. Infolgedessen muss die Integrationspolitik den Gegebenheiten eines jeden Landes angepasst werden, daher kann Deutschland auch keinesfalls als ein Vorzeigemodell für Frankreich gelten. Jedoch könnte, wie bereits erläutert, ein Beitritt der Türkei in die EU für ein besseres gegenseitiges Verständigung zwischen Deutschen und Türken beitragen. Dies könnte sich auch positiv auf das Verständnis in anderen Gesellschaften zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen innerhalb Europas auswirken. Daher würde ich den Gedanken einer "Europäischen Perspektive", im Zusammenhang mit einem Beitritt der Türkei in die EU, dem Gedanken eines "Europäischen Integrationsmodells muslimischer Minderheiten" vorziehen, da sich Letzteres durch nationale Besonderheiten und Unterschiede nur schwer verwirklichen lässt.
Fotos Neue Moschee Berlin von Alexander Augsten
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