Die ewige Frage: Gotik – Kunst der Goten oder französische Kunst? Ein Versuchvon Yann Geurmonprez, erschienen am 15.07.09
Am Stadtrand von Straßburg oder Köln ist der Reisende beeindruckt durch das »Herauswachsen aus dem Boden und Emporsteigen in die Höhe« der gotischen Kathedrale. Die Vertrautheit dieses Bildes kann die symbolische Bedeutung nicht verhehlen. Der Blick, den der Reisende auf die Silhouette dieser im Herzen der Stadt verwurzelten, nach dem Unendlichen strebenden Türme richtet, spiegelt nicht nur die Arbeit der gotischen Baumeister wieder, sondern auch die Blicke derjenigen, die denselben Weg gegangen sind, die denselben Boden schon früher betreten haben: Den fruchtbaren Boden aus dem die Meisterwerke des »Zeitalters der Kathedralen« gesprossen sind. Aber welcher Boden ist das? Französischer Boden, deutscher Boden? Ist die Gotik deutsch? Französisch? Ist sie französisch in Chartres und deutsch in Köln? Und was ist mit dem Straßburger Münster?
Schon 1770 fragt sich Goethe, wo die Gotik ihren Ursprung hat. Als er damals Straßburg besucht ist er begeistert vom Straßburger Münster. Zwei Jahre später veröffentlicht er einen kurzen, aber pathetischen Text, in dem er das Werk des Dombaumeisters Erwin von Steinebach (1244–1318) würdigt, der lange Zeit als Urheber des Doms galt. Der Titel des Buches selbst »Von deutscher Baukunst« ist ein echtes Manifest. An den Baumeister gerichtet ruft Goethe aus: »Und nun soll ich nicht ergrimmen, heiliger Erwin, wenn der deutsche Kunstgelehrte (…) dein Werk mit dem unverstandnen Worte 'Gotisch' verkleinert? Da er Gott danken sollte, laut verkündigen zu können: Das ist deutsche Baukunst, unsre Baukunst, da der Italiener sich keiner eignen rühmen darf, viel weniger der Franzos.«
Wenn der junge Goethe in der gotischen Baukunst eine typisch deutsche Kunstform sieht, nimmt er lediglich wieder die Bezeichnung (tedesco) auf, die die Gelehrten der italienischen Renaissance ihr verliehen hatten. Allerdings kehrt er ihre Bedeutung um. Die Feder der Männer des 16. Jahrhunderts, die den Kanon der Antike nicht kannten, hatte aus ihr eine barbarische Kunst gemacht, die sie den Goten zuschrieben. Zweihundert Jahre später wird Goethe hier zum Wegbereiter und beteiligt sich an der Rehabilitierung des mittelalterlichen Zeitalters und der sogenannten »gotischen« Kunst.
In Deutschland wie in Frankreich geht das neu erwachte Interesse am Mittelalter einher mit dem Erwachen des nationalen Bewusstseins im modernen Sinn. Die Romantiker schwärmen für die Kunst der Kathedralen. Sie sehen darin einen vom Volk kommenden Ausdruck christlichen Glaubens. Zu diesem Zeitpunkt entsteht der Mythos der durch den Eifer der Volksmassen errichteten Kathedralen. Beiderseits des Rheins versucht man, sich diese Baukunst anzueignen und aus ihr ein Symbol des nationalen Geistes zu machen. Der katholische Schrifsteller und Historiker Ernest Renan beschreibt die Gothik noch 1878 als »eine rein französische Kunst«. Und doch ist dieser nationale Anspruch in Deutschland am stärksten vertreten.
1814 ruft der rheinländische Schrifsteller Joseph Görres zur Vollendung des Kölner Doms auf. Dieser wird zur Inkarnation eines leidenden Volkes, das sich vom napoleonischen Joch befreit. Seine Erbauung war im 13. Jahrhundert begonnen worden und dauerte bis 1560. Dann wurden die Bauarbeiten aus Geldmangel eingestellt. Napoleons Armee nutzt ihn 1794 als Getreidespeicher. Ganz Deutschland setzt sich schließlich für den Weiterbau ein und Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV finanziert ihn schließlich selbst (1842–1880).  |  | |
Frankreich, dessen Territorium schon lange vereinigt ist, braucht ein solches Sinnbild weniger. Nichtsdestotrotz begeistert man sich für »seine« Kathedralen. Ein Großteil von ihnen ist während der Revolution umgestürzt oder verstümmelt worden. Notre-Dame de Paris entgeht nur knapp der Zerstörung. Die Statuen von Königen und Heiligen sind hinabgeworfen worden. Als Victor Hugo aus der Kathedrale die Hauptfigur seines Romans macht, ist sie in einem jämmerlichen Zustand. Der Erfolg des Werkes von Hugo löst eine Welle der Begeisterung aus, die zu ihrer Restaurierung durch Viollet-le-Duc und Jean-Baptiste Lassus führt.
Von nun ab zählt die »Kunst von Frankreich« viele Befürworter. »Francigenum opus«, so nennt man die neue Kunst im 12. Jahrhundert. Die neue Bauweise wird durch Suger eingeführt – der Abt von Saint-Denis war eine wichtige Persönlichkeit am kapetingischen Königshofs – und ist mit der Bestätigung der königlichen Macht eng verknüpft. Es handelt sich im Besonderen um die Erfindung einer Baukunst, die einen Kontrast zur mit einer kaiserlichen und »germanischen« Symbolik verbundenen Romanik bildet. Während das ottonische Reich auseinander gerissen wird und zerfällt, erlebt das französische Königreich eine Blütezeit. Die Städte und ihre Messen entwickeln sich, die französiche Monarchen festigen ihre Macht und schaffen allmählich eine richtige Verwaltung. Paris wird erneut Hauptstadt. In der Picardie und der Île-de-France erleben die Kathedralen eine Glanzzeit. Die von Baustelle zu Baustelle reisenden Baumeister vollbringen beachtliche, technische Wunder.
Mehr brauchte man nicht, um aus dieser »Kunst des Frankenreichs« eine französische Kunst zu machen. Auf die Gefahr hin, einem Anachronismus zu erliegen sei angemerkt: Aus Frankreich sein bedeutet im 12. Jahrhundert etwas Anderes als französisch sein im 19. oder 20. Jahrhundert. Wiederum auf die Gefahr hin, den Raum und die Dauer der Gotik zu vergessen: Die neue Kunst hat sich weiterentwickelt, sich verbreitet und zur Entstehung zahlreicher regionaler Ausprägungen geführt.
Der Fall des Doms zu Straßburg ist interessant. Zur Zeit seiner Erbauung (1275) befand er sich auf kaiserlichem Gebiet, heute ist es eine Kathedrale in Frankreich. Er gehört gewiss zu den bekanntesten Kathedralen in Frankreich. Wer eine Rundreise zu den Kathedralen Frankreichs unternimmt, wird es sicher nicht versäumen, auch nach Straßburg zu fahren. Gehört der Dom aber in eine Geschichte der französischen Kunst? Die Wahl eines Kunststils muss im Hinblick auf den Kontext getroffen werden. In der Folge muss man ihn in Zusammenhang mit seiner jeweiligen Interpretation betrachten.
Die Errichtung eines gotischen Doms geht auf den Wunsch des Straßburger Bischofs zurück, sich angesichts der Unruhen im Kaiserreich dem französischen Reich zuzuwenden. Doch die Ausführung des Baus unterscheidet sich grundlegend von der anderer gotischer Bauten. Der Fassadenquerbau beispielsweise schließt sich an die ottonische Tradition des »Westwerks« an, einen vom Rest des Gebäudes unabhängig konstruierten Raum, wo doch die Baumeister von Paris oder Chartres um die Einheit des Raumes bemüht waren. Steht man hier vor einer deutschen Ausprägung der Gotik? Einer deutschen oder einer elsässischen?
»Das ist deutsche Baukunst.« Heute ist es sicherlich ebenso schwer, Goethes Enthusiasmus für die Straßburger Kathedrale nicht zu teilen, als ihm in seinen Schlüssen zu folgen. Aber beruht die Bedeutung der Frage nach der Zugehörigkeit der Gotik nicht vielmehr in dem, was sie über die Epoche Goethes und seiner unmittelbaren Nachfolger aussagt? Die Rezeption eines Werkes in den unterschiedlichen Epochen trägt wesentlich dazu bei, diejenige unserer Zeit zu prägen. Und der Reisende, der das Kirchenschiff von Chartres betritt, kann die Mäander dieser Geschichte nach Herzenslust erforschen. Er kann auch, ganz einfach, den Umrissen des Labyrinthes auf dem Boden des Doms folgen und in seine verschlungenen Gedankengänge eintauchen. 
Asterix' Erben: Die unbeugsame Bretagnevon Matthias Bunk, erschienen am 01.04.2009
Wo ist eigentlich Asterix zu Hause? Ein Blick in den Comic verrät, dass das Dorf des kleinen Galliers im Nordwesten Frankreichs in der Provinz Armorica liegt, heute bekannt unter dem Namen Bretagne. Laut Asterix-Erfinder Albert Uderzo purer Zufall, aber beim genaueren Hinsehen ergeben sich erstaunliche Parallelen zwischen den unbeugsamen Galliern und den Bretonen. Ähnlich wie die Bewohner des kleinen Dorfes gehören auch die Nachfahren von Asterix einem besonders freiheitsliebenden Menschenschlag an. Während erstere allerdings den Römern die Stirn bieten, stritten die Bretonen lange für die Selbstständigkeit ihrer Region, die über Jahrhunderte weitgehende Autonomie von Frankreich genoss. Um die Hintergründe dieses Kampfes zu verstehen, muss man weit in der Geschichte zurückreisen, zwar nicht bis zu den Galliern, aber bis ins ausgehende Mittelalter.
Mitte des 15. Jahrhunderts ist die Bretagne ein nahezu unabhängiges Herzogtum. Die bretonischen Herzöge haben das durch den Hundertjährigen Krieg entstandene Machtvakuum geschickt ausgenutzt, um ihren Einfluss zu stärken. Während Frankreich darbt, floriert die Bretagne. Das Selbstbewusstsein der Herrscher ist dementsprechend groß. Sie halten einen prächtigen Hofstaat, der dem des französischen Königs kaum nachsteht, lassen eigene Münzen schlagen und tragen den Titel eines »Herzog von Gottes Gnaden«. Dieses goldene Zeitalter endet jedoch, als im Jahre 1461 Ludwig XI. den französischen Thron besteigt. Frankreich hat den Hundertjährigen Krieg gewonnen, aber das Land ist in zahlreiche kleinere Territorien zersplittert, die von adeligen Feudalherren beherrscht werden. Der neue Monarch, ein intelligenter aber auch intriganter und machthungriger Mann, ist jedoch fest entschlossen, sein Land zu zentralisieren und sich selbst als unumstrittenen Herrscher Frankreichs zu etablieren.
Die Bretagne gerät schnell ins Blickfeld der königlichen Expansionsbemühungen. Der junge bretonische Herzog Franz II. gebietet nicht nur über ein äußerst wohlhabendes Land, er ist auch einer der mächtigsten Vasallen des französischen Königs – tatsächlich sieht er sich als Nachfahre jener Könige, die Jahrhunderte zuvor die Bretagne beherrschten. Doch Ludwig, der den bezeichnenden Beinamen »die Spinne« trägt, ist weit davon entfernt, seinen blaublütigen Kollegen als gleichrangig anzuerkennen. Um die Kontrolle über die Bretagne zu erlangen, knüpft er ein dichtes Netz aus Intrigen und Verrat. So zahlt er beispielsweise einem hochrangigen bretonischen Adeligen die unglaubliche Summe von 12.000 Livres, damit dieser die Seite wechselt. Sogar die Amme der Kinder des Herzogs lässt er bestechen.
Franz II. versucht seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, indem er sich mit anderen Fürsten verbündet. Doch der bretonische Herrscher verliert immer mehr an Boden. Am Ende einer langen Reihe militärischer und diplomatischer Auseinandersetzungen steht schließlich die totale Niederlage der Bretagne (1488). Unter dem Druck des bretonischen Adels, der größtenteils von der französischen Krone gekauft worden ist, ist Franz' Tochter Anne gezwungen, Ludwigs Nachfolger Karl VIII. zu heiraten, und die Bretagne wird Territorium der französischen Krone.
Als Karl im Jahre 1498 stirbt, steht Anne jedoch vor einem Dilemma. Gemäß dem bei der Heirat geschlossenen Vertrag gewinnt die Bretagne ihre Unabhängigkeit zurück, und Anne wird erneut Herzogin. Gleichzeitig ist sie jedoch gezwungen, den neuen König Ludwig XII. zu heiraten, der in der Folge systematisch versucht, die Ländereien seiner Frau für Frankreich zurück zu gewinnen. Die unterschiedlichen Pläne des Paares münden schließlich in einem handfesten Ehestreit. Bis an das Ende ihres Lebens wird Anne versuchen, die Unabhängigkeit ihrer Heimat aufrecht zu erhalten. Letztlich vergeblich: Im Jahr 1532, 18 Jahre nach Annes Tod, wird die Bretagne endgültig an das französische Königreich angeschlossen. Die Linie der bretonischen Herzöge erlischt.
Die Vereinigung mit der französischen Krone ist jedoch eher ein Segen denn ein Fluch für das Land, das schwer unter den Unruhen gelitten hat. Die Bevölkerungszahl steigt stark an, der Handel boomt und der Wohlstand wächst. Obwohl die Bretagne jetzt unbestritten ein Teil Frankreichs ist, genießt sie eine umfassende Autonomie. Der Vertrag von 1532 gewährt der Provinz weitreichende Freiheiten und Privilegien. Im Jahr 1554 schenkt der französische König den Bretonen sogar einen eigenständigen Gerichtshof – das Parlement de Bretagne.  |  | |
Mit dem Auftauchen des Absolutismus im 17. Jahrhundert jedoch büßt die Bretagne an Selbstständigkeit ein. Der königliche Hof wird zum Mittelpunkt des Reiches – zum Schaden der Provinzen. Um seine zahlreichen Kriege sowie seine kostspielige Hofhaltung zu finanzieren, verlangt der »Sonnenkönig« Ludwig XIV. immer neue Abgaben. Die Bretonen fühlen sich in ihrer Autonomie bedroht. Verletzt der König nicht schamlos ihre Privilegien? Tatsächlich legt der Vereinigungsvertrag von 1532 fest, dass die königlichen Steuergesetze vom Parlement de Bretagne abgesegnet werden müssen. Die adeligen Mitglieder des Parlements und die »kleinen Leute«, die die Hauptlast der Steuern tragen müssen, sind gleichermaßen empört über die Rücksichtslosigkeit von Ludwig XIV. Die allgemeine Unzufriedenheit mündet schließlich in einem gewalttätigen Volksaufstand im Jahr 1675, der freilich blutig niedergeschlagen wird. Mehr als ein Jahrhundert nach dem Ende ihrer Unabhängigkeit werden die stolzen Bretonen also erneut gedemütigt. Ihre Autonomie besteht fortan nur noch auf dem Papier. Die Provinz jedoch kommt auch in der Folgezeit nicht zur Ruhe, im Gegenteil: Der Hass auf die königliche Zentralgewalt verstärkt sich noch und entlädt sich in zahlreichen kleineren Revolten.
Es ist daher wenig überraschend, dass die Französische Revolution in der Bretagne zu Beginn auf fruchtbaren Boden fällt. Die bretonischen Abgeordneten in der verfassungsgebenden Nationalversammlung schließen sich sogar zu einem Klub zusammen, aus dem später die Jakobiner hervorgehen werden. Allerdings weicht der anfängliche Enthusiasmus schnell herber Enttäuschung. Gemäß dem Leitspruch der Revolution »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« werden auch die Vorrechte der Provinzen abgeschafft. Am 6. September 1790 schließlich wird das Parlement, Symbol der bretonischen Souveränität, aufgelöst.
Heute, mehr als 200 Jahre nach der Französischen Revolution, ist die Bretagne ein fester Bestandteil Frankreichs. Ihre Einwohner fühlen sich in erster Linie als Franzosen. Wirklich alle? Nicht wenige Bretonen treten zumindest für eine kulturelle Autonomie ihrer Region ein. Sie stehen in der Tradition der bretonischen Nationalbewegung Emsav (bretonisch für »sich erheben«), die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat und sich der Rettung der bretonischen Sprache sowie der regionalen Traditionen verschrieben hat. Eine kleine Minderheit tritt sogar für die Unabhängigkeit ihrer Heimat von Frankreich ein. Asterix und seine Gallier hätten ihre helle Freude an diesen unbeugsamen Erben.
Zur weiterführenden Lektüre:
Cornette, Joël : Histoire de la Bretagne et des Bretons. Tome 1 et 2. Le Seuil 2005. Croix, Alan : La Bretagne. Entre histoire et identité. Gallimard 2008. Tourault, Philippe : La résistance bretonne du XVe siècle à nos jours. Perrin 2002.
Anne de Bretagne Obwohl sie mit drei Königen verheiratet war, gilt Anne (1477–1514) als Symbolfigur des Kampfes für die Unabhängigkeit des Landes. Dafür hat sie sich Zeit ihres Lebens eingesetzt – zumeist gegen die Interessen ihrer Ehemänner, ob sie nun Maximilian (der spätere deutsche Kaiser), Karl VIII. oder Ludwig XII. hießen.
Auch wenn Anne letztlich scheiterte, ist ihr Andenken in der Bretagne heute noch lebendig. Ihr Name schmückt unzählige Straßen, Plätze und Hotels. Sogar eine Biersorte und ein Musikfestival sind nach ihr benannt. Ihr Herz ruht in der Kathedrale von Nantes, der alten Residenzstadt der bretonischen Herzöge. |
Zeitleiste851–907: Die Bretagne ist ein unabhängiges Königreich
913–937: Normannische Besetzung
937: Errichtung eines bretonischen Herzogtums
1458–1488: Franz II. bretonischer Herzog
1488: Schlacht bei St.-Aubin, faktisches Ende der bretonischen Unabhängigkeit
1532: Unionsvertrag von Vannes, die Bretagne wird französische Provinz
1554: Der französische König Heinrich II. lässt das Parlement de Bretagne einrichten
1675: Die Einführung einer »Stempelsteuer« löst blutige Aufstände auf
4. August 1789: Abschaffung der im Vertrag von 1532 festgehaltenen Privilegien
6. September 1790: Auflösung des Parlement de Bretagne |
Nantes und Rennes – die beiden Hauptstädte der BretagneDie historische Bretagne verfügte gleich über zwei Zentren. Zur Zeit Franz II. zählten beide Städte jeweils mehr als 12.000 Einwohner, enorm für diese Epoche.
In Rennes befand sich seit 1561 das Parlement de Bretagne, das auch administrative Aufgaben wahrnahm. Ab 1655 tagte es im prunkvollen Palais du Parlement, der 1994 bei einem Brand beschädigt wurde, nach einer umfangreichen Restaurierung heute jedoch wieder zu besichtigen ist.
Nantes war lange Zeit die Residenzstadt der bretonischen Herzöge. Hier ließen sie ein prächtiges Schloss errichten, das unter Franz II. umgebaut und erweitert wurde.
Infolge mehrerer Gebietsreformen liegt Nantes heute nicht mehr in der Bretagne. Für viele Bretonen allerdings bleibt die Stadt weiterhin ein fester Bestandteil ihrer Region. |
Das BretonischeDas Bretonische (bretonisch Brezhoneg) gehört zur keltischen Sprachfamilie und ist daher eng mit dem Walisischen verwandt. Tatsächlich waren es britische Einwanderer, welche die Sprache im fünften Jahrhundert auf das europäische Festland brachten. Ursprünglich im gesamten Westen der Bretagne verbreitet, nimmt die Zahl der Sprecher bis ins 20. Jahrhundert kontinuierlich ab. Gleichzeitig wird das Bretonische aber zu einem Symbol für die kulturelle Identität der gesamten Region. Heute sind nur noch rund 240.000 Menschen des Bretonischen mächtig. In den Liedern vieler bretonischer Musiker, wie zum Beispiel des Liedermachers Alan Stivell, bleibt die Sprache jedoch noch immer lebendig. |
Fotos
1. Die Wappen der Bretagne
2. Ludwig XI.
3. Das Parlement de Bretagne
4. Anne de Bretagne 
Paris-Berlin: zwischen den Linienvon Yann Geurmonprez, Übersetzung Yann Geurmonprez, erschienen am 01.02.2009
Auf dem Boden: eine Linie. Eine Linie, die etwas unterstreicht? Eine trennende, eine verbindende Linie? Wie um die Geschichte zu umreißen? Ich bin ein Pariser auf dem Potsdamer Platz. Wohin führt mich diese Linie wohl? Ich folge ihr mit dem Blick, bis sie in der Ferne verschwindet. Diese Linie war eine Mauer, die Berliner Mauer. Ich mache einen Schritt nach vorn. »Sie verlassen jetzt West-Berlin.« Innerlich fühle ich den Drang, schnell wieder über die Grenze zurückzugehen. Fast hätte ich das verschwundene Mauerwerk berühren können. Ein seltsames Gefühl. So etwas hatte ich in Paris noch nie erlebt.
Dabei haben auch wir so eine Linie: Auf einer Seite des Place de la Bastille sind die Umrisse der ehemaligen Pariser Festung gezeichnet worden. Zwei sich ähnelnde Linien, niedergerissene Mauern, historische Symbole: Hier und dort werden Geschichte, Demokratie und Freiheit thematisiert. Trotzdem sind die beiden Umrisse auf den Pflastersteinen, die sich so sehr ähneln, für mich zwei Ereignisse, die nichts miteinander zu tun haben.
Die Berliner Luft ist von erstickten, aber lebendigen Schreien erfüllt, die mir den Atem verschlagen. Etwas umgibt mich, das ich als eine historische Präsenz empfinde, aber nicht als „Vergangenheit“ bezeichnen würde. Die Rede ist hier nicht von Gespenstern. Die Geschichte, die so weit zurückzuliegen schien, dringt plötzlich in mein Leben ein. Gewaltsam. Und stellt mein Zeitempfinden auf den Kopf.
Ich wusste natürlich, dass der Zweite Weltkrieg zur jüngsten Geschichte gehörte. Dabei handelte es sich aber nur um Wissen. Heute verwandelt sich mein Wissen in echtes Bewusstsein. Das Gedächtnis, dieses manchmal recht abgenutzte Wort, nimmt Gestalt an, findet seinen Sinn auf fast schmerzliche Art wieder. Ich ahne, dass ich so etwas wie eine Entromantisierung dieses Begriffs erlebe. Hier geht es um Gegenwart, um Verantwortung. Ohne Selbstgefälligkeit.
In diese Gedanken vertieft, setze ich meinen Weg fort. Bis zum labyrinthähnlichen Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Ich betrete es ganz langsam. Mit jedem Schritt wachsen die grauen Steinblöcke, die in stillen Reihen angeordnet sind und mich nun wie ein Wald umgeben. Ein Wald, in dem man sich demütig, aber doch frei fühlt. Die Stadt, die Außenwelt verschwinden. Ich nähere mich dem Unvorstellbaren. Was mich aber ganz unerwartet wieder einholt, ist Leben. Das Überleben, das vernichtete Leben der Opfer, aber auch das der Kinder, die zwischen den Blöcken herumrennen, spielen, und lachen sowie mein eigenes Leben. Ein Gefühl von Versöhnung, das fortan eine Geschichtsanschauung geprägt von Verantwortung ermöglicht.
Niemals hat mir Paris unser historisches Schicksal auf so lebendige Art erzählt. Paris sieht für mich wie ein riesiges Schmuckkästchen aus. Eine fein ausgearbeitete Schatulle, in der man vergilbte Fotos, Edelsteine jeder erdenklichen Farbe sowie mehrfach gelesene Bücher findet. Die Rufe der Sansculotten, ungestüme Musketiere, Spitze und Reifrock. Eine stumpf gewordene Guillotine. Alexandre Dumas, Balzac, Zola. Die Figur Gavroche aus Les Misérables. Romanhafte, malerische, manchmal melancholische Schwärmerei. Das flüstern mir die Pariser Straßen ins Ohr.
Doch ich bin dort nur ein unbeteiligter und zielloser Beobachter. Ein Passant auf einer am Ufer der Seine gekauften Postkarte. Ich reise in vergangenen Zeiten und empfinde dabei soviel Freude, als ob ich einen alten Koffer auf einem vergessenen Dachboden gefunden hätte. Und wenn ich die Linie des Place de la Bastille überschreite, höre ich festliches Feuerwerk und fröhlichen Gesang. Ich berausche mich daran.
Es geht auch um “Gedächtnis“, aber ich würde eher von Andenken sprechen. Somit habe ich die Möglichkeit, der großen Verantwortung, welche die historische Erinnerung mit sich bringt, zu entwischen. Auch der Zweite Weltkrieg wird hier dargestellt. Geehrt werden jedoch die Helden. In Paris haben die Images d’Épinal, diese außerordentlich naiven Darstellungen, unsere Geschichtsanschauung geprägt. Die „Erinnerung“ haben wir feinsäuberlich in Museen untergebracht. Bedeutet das Vergessenheit? In Frankreich gibt es jedoch auch Debatten über die Beziehungen zwischen Politik und Geschichte. Warum befragen mich die Pariser Straßen nicht dazu? Oder wenn, warum dann nur so leise? Warum erlebe ich die Geschichte in Paris und in Berlin ganz unterschiedlich?
Die Gedächtniskirche in Berlin hat mir eine Antwort gegeben. Die Schwarz-Weiß-Fotos der 1945 in Trümmern liegenden Stadt bedrücken mich. Berichte über den Krieg fallen mir wieder ein, der Lauf der Geschichte nimmt wieder Gestalt an. Ich erinnere mich an eine Epoche, die ich nicht erlebt habe. Und doch. Ich erinnere mich an die Zeit, da der Krieg mir ganz nah schien. Ich denke an die Zeit, da ich zum ersten Mal der Geschichte im Sinne von Gedächtnis und Verantwortung gegenüberstand. Diese seltsame Erfahrung, dass zwei Völker dieselbe Geschichte nur auf unterschiedliche Weise erleben können, ist gewiss eine derjenigen, die das Bewusstsein eines aufmerksamen Bürgers formt. Die Auseinandersetzung mit genau diesem Unterschied bereitet den Weg für ein gemeinsames Schicksal.
Ich bin ein Pariser auf dem Potsdamer Platz. Ich schaue die Linie an, die damals trennende Linie. Sie scheint mir jetzt ganz anders. Diese Linie ist wie ein Leitfaden meines eigenen Lebens. Von nun an kann ich meine beiden Linien zusammenknoten. Sie zeichnen zwei andersartige Erfahrungen ein und derselben Geschichte auf den Boden von Paris und Berlin. Beide handeln von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Verantwortung. Gemeinsame Erinnerungen. Eine geeinte Gegenwart. Einst hat die Geschichte uns getrennt. Das Gedächtnis führt uns zusammen. Das können wir zwischen den Linien der Vergangenheit lesen.
| Der Potsdamer PlatzDer Potsdamer Platz ist einer der berühmtesten Plätze Berlins. Vor dem zweiten Weltkrieg war er ein sehr belebter Treffpunkt der Berliner Gesellschaft. 1945 lag er in Trümmern. Die Errichtung der Berliner Mauer hat ihn geteilt. Heute wird der Platz von modernen Hochhäusern gesäumt. Die alleinigen Spuren seiner rühmlichen und schmerzlichen Vergangenheit sind ein 1924 gebauter Signalturm, ein Stück der Berliner Mauer und ihr Umriss auf dem Boden. www.potsdamer-platz.net |
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| La BastilleAm Ende des Mittelalters gebaut. Das befestigten Tor «la Bastille» ist dann ein Pariser Gefängnis und ein Sinnbild der königlichen Willkür geworden. Seine Erstürmung am 14. Juli 1789 ließ die französische Revolution beginnen. |
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| Die GedächtniskircheEin Bombenangriff hat die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche 1943 zerstört. Nach dem Krieg wird diese Ruine zum Symbol der Zerstörung von Berlin. Die Frage wird gestellt, ob man die Kirche wieder bauen oder so behalten würde. Heute bleibt diese Ruine ein Plädoyer für Frieden. www.gedaechtniskirche-berlin.de |
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| Das Holocaust-MahnmalDas Denkmal für die ermordeten Juden Europas wurde 2005 eingeweiht. Im Berliner Zentrum hat der Architekt Peter Eisenmann 2711 Stelen errichtet, zwischen denen man spazieren kann. Dieses monumentale Bauwerk bildet eine ganz neue Auffassung der Gedächtnisarchitektur. www.holocaust-mahnmal.de
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| Die Images d’ÉpinalAm Anfang des 19. Jahrhunderts hat ein Druckereibesitzer aus Épinal (im Osten Frankreichs) volkstümliche Bilder verbreitet. Die Themen waren oft historisch oder religiös und in einem sehr naiven Stil dargestellt. Das Renommee dieser Bilderbogen war so groß, dass der Ausdruck «images d’Épinal» in die Alltagssprache eingetreten ist. So benennt man heute zu einfache Begriffe, besonders wenn sie Geschichte betreffen. www.epinal.fr |
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Fotos 1.Der Potsdamer Platz 1945, National Archives of Canada, Michael M. Dean 2.Die erste Ampel in Deutschland, de:User:AlterVista, unter den Bedingungen der GNU-Lizenz für freie Dokumentation 3.La Bastille (Paris) vor seiner Zerstörung, musée de la tour Montparnasse 4.Die Gedächtnis-Kirche, Yann Geurmonprez 5.Blick vom Mahnmal auf die Bäume des Tiergartens, Mario Duhanic, unter den Bedingungen der Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 6.Images d’Épinal : Histoire de M. Rallié 
Schweine, Regen und der Kaiser – die deutsch-französische Geschichte der Stadt Münstervon Anika Bethan, erschienen am 15.12.2008
Bouletourniere, französische Vorlesewettbewerbe und bretonische Tanzabende kann man nicht nur westlich des Rheins erleben – auch die Stadt Münster in Westfalen bietet ein reichhaltiges französisches Kulturprogramm, Indiz einer ausgeprägten Frankophilie der Stadtbewohner. Und die kommt nicht von ungefähr. Schließlich gehörten die Münsteraner von 1810 bis 1813 selbst einmal zu Frankreich, genauer gesagt zum napoleonischen Kaiserreich. Eine historische Episode, die auch heute noch das Münsteraner Leben zu prägen scheint. Wer Münster verstehen will, sollte also einen Blick in die Geschichte wagen.
Das beginnende 19. Jahrhundert war für Münster eine Zeit des Wandels: Vom eigenständigen Fürstbistum (1801) wurde die Stadt zum Hauptort der preußischen Provinz Westfalen (1815). Die dreijährige französische Herrschaft erscheint da auf den ersten Blick lediglich wie ein kurzes Zwischenspiel. Und doch sind es gerade diese Jahre, an die man sich in Münster auch heute noch gern erinnert.
Zwischen Frankreich und Preußen – Frankophilie aus Tradition? Die traditionell frankophile Haltung der Münsteraner lässt sich zunächst mit einer tiefen Abneigung gegen alles Preußische erklären. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bezeichnete Johann Hermann Hüffer diese Antipathie in seinen Lebenserinnerungen gar als »angeborenen Hass«. Wenn es auch heute schwer fällt, genaue Ursprünge für solche Animositäten auszumachen, so kann doch der Siebenjährige Krieg (1756–1763) als eine der Ursachen angesehen werden. Gegenüber der preußischen Besatzung wurden die Franzosen als »Befreier« wahrgenommen.  |  | |
Münster und Napoleon Als das Bistum Münster nach dem 2. Koalitionskrieg 1803 erneut unter preußische Herrschaft fiel, schien sich die Geschichte zu wiederholen. Dass die neue Landesmacht als Fremdherrschaft empfunden wurde, hatte seine Gründe vor allem in der Säkularisierung, die im Reichsdeputationshauptschluss des gleichen Jahres festgelegt war. Im streng katholischen Münster identifizierte man sich eher mit dem konfessionellen Bruder Frankreich als mit dem lutherisch-protestantischen Preußen. Hoffnungsvoll sah man daher von münsterscher Seite den Veränderungen nach Napoleons Sieg über die preußische Armee bei Jena und Auerstedt (1806) entgegen. Ein Indiz dieser Zuversicht waren beispielsweise die im August 1806 abgehaltenen Feiern zu Ehren des Kaisers der Franzosen. Als zentrale westfälische Stadt richteten sich Münsters Erwartungen besonders an das in den Tilsiter Friedenschlüssen (1807) von Napoleon neu geschaffene Königreich Westphalen. Man hoffte, hier eine entscheidende administrative Rolle spielen zu können.
Doch es kam anders. Statt den Hauptstadtstatus im neuen Königreich zu erhalten, wurde Münster ins benachbarte Großherzogtum Berg eingegliedert. Dort stand es an Bedeutung hinter Düsseldorf zurück. 1810 nahm Napoleon weitere territoriale Vergrößerungen vor und so wurde Münster letztlich Teil des französischen Kaiserreichs. In diesem hatte es nur noch eine vergleichbar marginale administrative Funktion als Arrondissementhauptort, was die Einwohner der früheren westfälischen Metropole schwer traf. Die Säkularisierung wurde unter den französischen Landesherren zudem nicht nur beibehalten, sondern sogar verschärft. Hinzu kamen hohe finanzielle Lasten für die Stadt in Form von Abgaben und Steuern und Belastungen durch die anhaltenden Kriege, die schnell zu Ernüchterung und Missstimmung gegen die Franzosen führten. Zwar gab es keinen öffentlichen Widerstand, doch als 1813 erneut preußische Soldaten in die Stadt einmarschierten, wurden diese als Befreier begrüßt, und gerade in Münster und seiner Umgebung erschienen zahlreiche Spottschriften über den zurückweichenden Napoleon und die eilige Flucht der französischen Beamten.
»Befreier« heißt jedoch noch lange nicht Landesherr und so trat die bis heute spürbare Kluft zwischen Westfalen und Preußen rasch wieder hervor. Bereits unter dem Eindruck starker Einquartierungen alliierter Heere von 1813 bis 1815 änderte sich die Meinung schnell. Angesichts eines anhaltenden Souveränitätsverlusts durch den »natürlichen Feind« Preußen waren Bedeutungslosigkeit, hohe Abgaben und Säkularisierung in der französischen Zeit wieder vergessen. Man begann dem Glanz des Kaiserreichs nachzutrauern.  |  | |
Der französische Blick auf Münster Eine der ersten und nachhaltigsten Erfahrungen für Frankreich waren die Verhandlungen zum Westfälischen Frieden 1644 bis 1648. Um es in der Stadt auszuhalten, in der es nur »Schweine und Regen« gab, sahen es die französischen Abgesandten als notwendig an, mit einem Gefolge aus Ballettlehrern, Köchen, Schauspielern, Bäckern zu reisen – insgesamt etwa tausend Mann. Dieser Eindruck der Rückständigkeit und mangelnden Aufgeklärtheit der Münsteraner sollte sich in Frankreich noch mehr als 100 Jahre halten. So spottet beispielsweise Voltaire in einer seiner berühmtesten Erzählung Candide oder der Optimismus über die veraltete Lebensweise der westfälischen Nachbarn.
In den folgenden 50 Jahren begannen viele Reisende, insbesondere vor der Revolution fliehende Adlige aus Frankreich, sich ein eigenes Bild vom Land der naturverbunden Romantiker und Philosophen, wie es nun hieß, zu machen. Besonders beliebtes Reiseziel waren dabei die westlichen Territorialstaaten und – im Zuge der Rückbesinnung auf das Mittelalter in der Romantik – die Umgebung des Rheins mit ihren vielen alten Kirchen. Auch Jacques Claude Beugnot (1761–1835), der Verwalter des Großherzogtums Berg und Berater Napoleons kam nach Reisen in die Stadt und Umgebung zu einem positiven Urteil. Westfalen und im Speziellen Münster besaßen in seinen Augen ein großes kulturelles Potential. Diese interessierte Haltung der Franzosen blieb nach 1813 trotz der preußischen Besetzung Westfalens zunächst bestehen und schlug letztlich erst mit der stärkeren Nationalbewegung der »Deutschen« in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts um.
Heute scheint die positive Bewertung der deutsch-französischen Stadtgeschichte nicht nur die Meinung der Münsteraner wiederzugeben. Die vielen französischen Besucher, die man in den Straßen der Stadt antrifft, zeugen von einem regen Interesse der Nachbarn. Mit gemeinsamen bilingualen Projekten unterstützen vor allem die Partnergesellschaften Münsters und Orléans weiterhin den kulturellen Austausch. Münster ist sicher nicht die einzige deutsche Stadt mit französischer Vergangenheit, aber eine, in der es auch gegenwärtig viel Engagement für das frankophile Leben gibt.
Zum Weiterlesen:
Beugnot, A. (Hg.), Mémoires du Comte Beugnot, ancien ministre, 1783–1815, publiées par le Comte Beugnot, son petit-fils, 3e éd., 1889.
Dumas, Alexandre; Nerval, Gérard de, verschiedene Veröffentlichungen zum Rhein.
Fabio Chigi, der spätere Papst Alexander III, päpstlicher Abgesandte in Münster, in: Hans Galen (Hg.): Münster und Westfalen zur Zeit des Westfälischen Friedens: geschildert durch den päpstlichen Gesandten Fabio Chigi, Münster 1997.
Hüffer, Johann Hermann, Lebenserinnerungen, Briefe und Aktenstücke, unter Mitwirkung von E. Hövel bearb. u. hrsg. Von W. Steffens, Münster 1952.
Huyskens, V., Franzosenfeste in Münster vor hundert Jahren, in: Westfälische Zeitung 65, 1907, I.
Lahrkamp, Monika, Münster in napoleonischer Zeit 1800–1815. Administration, Wirtschaft und Gesellschaft im Zeichen von Säkularisation und französischer Herrschaft (Diss.), Paderborn 1975.
Leiner Wolfgang, Das Deutschlandbild in der französischen Literatur, Darmstadt 1989.
Staël, Germaine de, De l’Allemagne, Paris 1803/4.
Link: www.muenster.org
Großherzogtum Berg (1806–1813): Das G.B., von Napoleon 1806 gegründet, umfasste im Wesentlichen die Gebiete des vormaligen Herzogtums Berg mit der Hauptstadt Düsseldorf. 1806 setzte Napoleon seinen Schwager Joachim Murat als Regenten ein. Schon zwei Jahre später übernahm der Kaiser aber selbst die Regierungsgeschäfte. Nach einigen territorialen Veränderungen unter der französischen Herrschaft, wurde das Gebiet im Wiener Kongress 1815 Preußen zugesprochen.
Das Königreich Westphalen (1807–1813): Das K.W. wurde von Napoleon im Tilsiter Frieden am 9. Juli 1807 geschaffen. Es bestand vorwiegend aus dem ehemaligen Kurfürstentum Hessen-Kassel und dem Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel sowie aus Teilen des Kurfürstentums Hannover und des Königreichs Preußen. Als Regent setzte Napoleon seinen jüngsten Bruder Jérôme ein. Dennoch erhielt das K.W. nur eine formale Souveränität und war de facto ein Satellitenstaat des französischen Kaiserreichs. 1813 wurde es mit dem Sieg der Alliierten aufgelöst. |

»Wir haben abgetrieben!« Die Geschichte eines französisch-deutschen Transfersvon Raphael Rauch, erschienen am 15.08.2008
Am 6. Juni 1971 schreibt das deutsche Wochenmagazin Stern Geschichte. Auf dem Titelblatt bekennen 28 Frauen: »Wir haben abgetrieben!« Im Innenteil wird ein von 374 Frauen unterschriebenes Manifest mit der Kernaussage »Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder!« veröffentlicht. Durch die Veröffentlichung gewinnen sowohl die Abtreibungsdiskussion als auch die Frauenbewegung in Deutschland an Dynamik. An der Spitze der Bewegung steht Alice Schwarzer. Sie lanciert die Aktion, schreibt Aufruf und Artikel. Ihre eigene Erfindung ist die Kampagne jedoch nicht: Grundlage der Stern-Proklamation ist eine Ausgabe der französischen Wochenzeitschrift Nouvel Observateur, die bereits am 5. April 1971 titelte: »Die Liste der 343 Französinnen, die den Mut haben, das Manifest ‚Ich habe abgetrieben!’ zu unterschreiben«
Etwa acht Monate zuvor, im September 1970, war Alice Schwarzer zur Pariser Frauenbewegung gestoßen und hatte sich dort als Aktivistin beteiligt. »Wir lancierten eine spektakuläre Kampagne nach der anderen, unter anderem die gegen das Abtreibungsverbot. Und ich exportierte die Idee von Frankreich nach Deutschland«, schreibt Schwarzer rückblickend in der Emma.
Die Initialzündung für die französische Initiative gab, entgegen weit verbreiteter Annahmen, jedoch keine Frau. Es war Jean Moreau, Journalist beim Nouvel Observateur, der die Kampagnenidee an die französischen Emanzipationsbewegung Mouvement de libération des femmes (MLF) herantrug. Simone de Beauvoir – seit der Veröffentlichung ihres Bestsellers »Das andere Geschlecht« 1949 quasi der intellektuelle Kopf der Frauenbewegung – nahm die letzten Korrekturen vor.
Die Titelgeschichte im Nouvel Observateur spricht eine deutliche Sprache: »Eine Million Frauen treiben jedes Jahr in Frankreich ab. Sie begeben sich dabei in Gefahr, da sie im Verborgenen abtreiben müssen. Mit ärztlicher Hilfe wäre eine Abtreibung nur ein einfacher Eingriff. Man schweigt über diese Millionen von Frauen. Ich bekenne, eine von ihnen zu sein. Ich gestehe: Ich habe abgetrieben!« Ebenso deutlich ist die Forderung: »So wie wir freien Zugang zu Verhütungsmitteln fordern, so fordern wir die Legalisierung der Abtreibung.«
Mit der Selbstbezichtigung gelingt den Frauen eine Provokation par excellence und ein Tabubruch, über den bald nicht nur Frankreich spricht. Die Verfasserinnen machen die Abtreibung zum Symbol für weibliche Selbstbestimmung. Die Abtreibungsfrage wird so zur Folie feministischer Gesellschaftskritik: »Feministin zu sein bedeutet, für die legale und kostenlose Abtreibung zu sein.« Damit distanzieren sich die MLF-Frauen auch von konservativeren Feministinnen, die zwar die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau fordern, Abtreibungen jedoch ablehnen. Zugleich betonen die MLF-Aktivistinnen in ihrem Aufruf, dass die Abtreibungsfrage nicht »das Endziel des Frauenkampfes« sei; sie würden damit lediglich »die minimalste Forderung« artikulieren.  |  | |
Das Abtreibungs-Manifest sorgt weltweit für Aufsehen. Das deutsche Magazin Jasmin zeigt Interesse daran, die Kampagne in Deutschland zu wiederholen. Doch Alice Schwarzer will ein seriöseres Magazin und ergreift deshalb selbst die Initiative. Auf ihrer Website erinnert sich die deutsche Feministin: »Bei meinem Kollegen hatte sich eine Zeitschrift aus Deutschland gemeldet, um die ganze Aktion ‚nachzumachen’: Jasmin, ein bonbonrosa Partnerschaftsmagazin aus der Retorte. Meinem französischen Kollegen war die Anfrage nicht geheuer, er fürchtete um die Seriosität und den politischen Gehalt der Aktion. Ob ich da nicht etwas tun könnte? Ich überlegte nur kurz – griff zum Telefon und rief den Stern an.«
Alice Schwarzer hatte schon mehrmals für den Stern geschrieben und verfügt daher über die notwendigen Kontakte. Sie wird an Carola Heldt, die Leiterin des Ressorts Familie, verwiesen. Ein Glücksgriff, denn in ihr findet Alice Schwarzer eine glühende Mitstreiterin für die Streichung des im Paragrafen 218 des Strafgesetzbuches verankerten Abtreibungsverbots. Heldts Biographie ist unmittelbar mit der Abtreibungsproblematik verbunden. Ihre Mutter hatte einst bei einem, wie sie selbst sagt, »Kurpfuscher« eine Abtreibung vornehmen lassen und ist seitdem körperbehindert. Deshalb setzt die Ressortleiterin alle Hebel in Bewegung, um die Geschichte im Stern unterzubringen.
Um den französisch-deutschen Transfer zu realisieren, reist Alice Schwarzer von Paris nach Deutschland, recherchiert und baut sich ein deutsches Netzwerk auf. Hauptakteur ist die Frankfurter Frauenaktion 70, eine Gruppierung, die sich im Januar 1970 gegründet hat und auch gegen den Paragrafen 218 kämpft. Zusammen mit Teilnehmerinnen der Frauenaktion 70 formuliert Schwarzer einen Appel, der über weitere Netzwerke, Frauengruppierungen und Studenteninitiativen deutschlandweit vertrieben wird.
Die Übertragung ist aber nicht unproblematisch, denn sicher sind sich die deutschen Frauen ihrer Sache keineswegs. Sie wissen nicht, wie geeignet die Schärfe der französischen Kampagne für die politische Kultur in Deutschland ist. Hierzu bekennt Renate Scheunemann, eine der Teilnehmerinnen, später im Stern: »Deutsche Frauen, die sich selbst bezichtigen? Niemals! Die machen das nie mit, die gehen höchstens artig im Ministerium fragen, ob man das Gesetz nicht ändern will.« Doch die Skepsis siegt nicht: Die Frauen entschließen sich zum Kampf und am Ende erreichen Alice Schwarzer 374 unterschriebene Appelle.  |  | |
Inzwischen ist bekannt, dass die meisten der damaligen Unterzeichnerinnen gar nicht abgetrieben hatten. Nori Möding, eine der Frauen auf dem Stern-Titel von 1971, erzählte vor drei Jahren der Süddeutschen Zeitung (SZ): »Die meisten von uns hatten gar keinen Schwangerschaftsabbruch hinter sich.« Und auch Alice Schwarzer bestätigte unlängst der SZ, dass sie nicht abgetrieben hatte und fügte hinzu: »Aber das spielte keine Rolle. Wir hätten es getan, wenn wir ungewollt schwanger gewesen wären.«
Schwarzer bleibt bis zum Redaktionsschluss der aufsehenerregenden Ausgabe in Hamburg, wo der Stern seinen Sitz hat, und fährt erst dann wieder nach Frankreich. Rückblickend schreibt sie dazu auf ihrer Website: »Als am 6. Juni 1971 der Stern erschien, war ich schon längst wieder in Paris, wo meine Arbeit und mein Leben mich erwarteten. Unter dem Bericht im Stern stand zwar mein Name, aber ansonsten wusste niemand etwas von meiner Rolle bei der Aktion, ich hatte sie auch in meinem Text bewusst verschleiert, denn ich begriff mich nur als Vermittlerin der Frauen zwischen zwei Ländern. Wer das Ganze initiiert hatte, das schien mir ohne Bedeutung – dass es passierte, war wichtig.«
Am 6. Juni 1971 erscheint schließlich der Abtreibungsappel und löst landesweit Diskussionen um den Paragrafen 218 und die Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs aus. Henri Nannen muss sich als Stern-Verleger für die Veröffentlichung in einer Pressekonferenz rechtfertigen. Erwartungsgemäß verurteilen die Kirchen die Kampagne und sprechen sogar von einem »neuen Euthanasieprogramm«. Die Süddeutsche Zeitung wertet die Aktion als »Exhibitionismus«, räumt aber ein: »Unbehagen bereitet freilich vor allem der Zustand einer Gesellschaft, in der solche Proteste offenbar nötig sind.« Sogar die konservative Welt am Sonntag stellt die Frage: »Warum aber soll der Paragraf 218 nicht ersatzlos gestrichen werden?« Und in der Bild-Zeitung gesteht ein Arzt anonym: »Ich habe 120 Mal abgetrieben und würde es immer wieder tun.«
Die Selbstbezichtigungsaktion entfaltet somit eine starke Dynamik: Sie stärkt die deutsche Frauenbewegung nach innen und außen. Und das Echo in der Presse mobilisiert neue Unterstützerinnen und Sympathisanten. Der Transfer von Frankreich nach Deutschland ist erfolgreich.
Weiterführende Lektüre
Schulz, Kristina (2002): Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt am Main: Campus Verlag. Dieser Artikel als PDF in beiden Sprachen abtreibung.pdf (AdobeReader»Download)
Alice SchwarzerGeboren 1942, gilt Alice Schwarzer als Kopf der feministischen Bewegung in Deutschland. Bekannte Bücher von ihr sind: »Frauen gegen den § 218« (1971), »Der kleine Unterschied und seine großen Folgen« (1975), »Der große Unterschied. Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen« (2000). 1977 gründete sie die Frauenzeitschrift Emma (http://www.emma.de) und gab damit der deutschen Frauenbewegung ein eigenes publizistisches Organ. |

Die Guillotine: das erste Symbol der Gleichheit in der RepublikVon Céline Moison, Übersetzung Sina Lebert und Johanna Kantimm, erschienen am 14.07.2008
Mit ihren vier Metern Höhe, ihrem scharfen Fallbeil und den blutigen Bildern, die wir heute damit verbinden, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass die Guillotine mehr als das furchterregende Instrument darstellt, dessen sich Robespierre bediente, um jeden zu enthaupten, der nicht absolut seiner Meinung war. Als Kind der Revolution, Symbol der Schreckensherrschaft und Instrument der Todesstrafe, das in Frankreich bis Mitterrand eingesetzt wurde, hat die Guillotine zahlreiche Kapitel der französischen Geschichte begleitet und geprägt.
Während des Ancien Régime hängt die Art der Hinrichtung vom begangenen Verbrechen ab: Diebe werden am Galgen gehängt, Häretiker sterben auf dem Scheiterhaufen, Falschmünzer werden in siedendes Öl getaucht, Wegelagerer gerädert und Königsmörder gevierteilt. Aber das Verbrechen dient nicht allein als Kriterium: die Adligen kommen in den Genuss einer – wie man sie fast nennen könnte - bevorzugten Behandlung: sie werden enthauptet – mit dem Schwert oder dem Beil.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Guillotine für alle zum Tode Verurteilten
Der Arzt Guillotin, Abgeordneter des dritten Standes, schlägt im Oktober 1789 vor, dass das Gesetz für alle gleich sein und ein neuer Hinrichtungsapparat geschaffen werden solle, um die Qualen der Verurteilten zu verkürzen. Zwei Jahre später legt ein Dekret fest, dass „jeder zum Tode Verurteilte enthauptet wird“.
Guillotin wird vom Nationalkonvent damit beauftragt, einen zuverlässigeren und schnelleren Apparat zu entwickeln, der mangelhafte Republikaner enthaupten soll. Er beauftragt seinerseits den bekannten Chirurgen Antoine Louis mit dem Projekt. Louis entwirft gemeinsam mit dem in Paris lebenden preußischen Klavierbauer Tobias Schmidt einen Prototyp der künftigen Guillotine. Dieser erste Entwurf ist mit einem horizontal angebrachten Fallbeil ausgestattet, das später durch ein schiefwinkliges Fallbeil ersetzt wird, um einen glatteren Schnitt zu gewährleisten. Kleine Anekdote am Rande: die Idee, das horizontale durch ein schiefes Fallbeil zu ersetzen, stammt angeblich von Ludwig XVI. selbst, der sich für Schlosserei interessierte und von Mechanik begeistert war.
Im April 1792 werden im Hôpital de Bicêtre mit Schafen und Kadavern erste Versuche durchgeführt. Die Ergebnisse sind überzeugend. Die erste Hinrichtung findet am 25. April 1792 auf der Place de Grève in Paris statt. Das menschliche Versuchskaninchen, Nicolas-Jaccques Pelletier, ist ein Raubmörder. In Anlehnung an den Namen seines Erfinders, des Chirurgen Antoine Louis, wird der neue Apparat zunächst „Louison“ oder „Louisette“ genannt. Aber die Parlamentarier und Journalisten geben ihm schnell den Beinamen „Guillotine“ - zu Ehren von Louis Guillotin, der von dieser neuen Namensgebung persönlich wenig angetan ist. Im Volksmund kursiert lange Zeit die Bezeichnung „die Witwe“. In Frankreich finden die Hinrichtungen öffentlich statt, und das bis 1939.
Die Guillotine dringt bis nach Bayern vor
Die Armeen der Revolution und des Empire tragen zur Verbreitung der Guillotine bei. In einigen deutschen Bundesländern, so zum Beispiel in Bayern, ist die Guillotine bis Mitte des 20. Jahrhunderts als Hinrichtungsinstrument in Gebrauch. Die meisten Menschen verbinden mit der Guillotine die Jakobinermützen der Revolutionäre und die gepuderte Perücke Robespierres. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass die Guillotine zur Vollstreckung der Todesstrafe in Frankreich noch 1977 verwendet wird. 1981, vier Jahre nach der letzten Hinrichtung, wird die Todesstrafe unter Mitterrand endgültig abgeschafft.
Die Guillotine wird nun zu einem Museumsobjekt. Im Jahr 1996 erlebt sie jedoch beinahe eine Renaissance: Ein amerikanischer Abgeordneter schlägt vor, sie als Ersatz für die als unmenschlich angesehene Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl einzuführen. Die Guillotine führe schneller zum Tode, der Verurteilte müsse weniger leiden und käme außerdem als Organspender in Frage. Der Vorschlag wird abgelehnt; diese blutige Hinrichtungsmethode erscheint zu grausam. Fünf Jahre später wird in den USA die Hinrichtung durch die Giftspritze als allgemeine Methode zur Vollstreckung der Todesstrafe eingeführt. Die Guillotine hat endgültig ausgedient.
Zur weiterführenden Lektüre:
Daniel Arasse: Die Guillotine. Die Macht der Maschine und das Schauspiel der Gerechtigkeit. Rowohlt, Reinbek 1988.
Chronologische Darstellung zur Geschichte der Guillotine: http://www.linternaute.com/histoire/motcle/125/a/1/1/guillotine.shtml
Berühmte Opfer der GuillotineLudwig XVI. Der König von Frankreich (1774-1789) wird des Hochverrats angeklagt und am 21. Januar 1793 im Alter von 39 Jahren auf dem Revolutionsplatz, dem heutigen Place de la Concorde, enthauptet.
Marie Antoinette Auch die Königin von Frankreich und Gattin Ludwig XVI. wird vom Revolutionstribunal des Verrats bezichtigt und am 16. Oktober 1793 auf dem Revolutionsplatz mit der Guillotine hingerichtet.
Louis-Philippe Joseph, Herzog von Orléans, genannt Philippe-Egalité Der Vetter Ludwig XVI. stirbt am 6. November 1793 unter dem Fallbeil. Man bezichtigt den leidenschaftlichen Befürworter der Revolution, die Monarchie wieder einführen zu wollen. Sein Sohn wird 1830 als Louis-Phillippe I. den französischen Thron besteigen.
Danton und Camille Desmoulins Die beiden großen Wegbereiter der ersten französischen Republik werden am 5. April 1794 guillotiniert. Mit ihrer Hinrichtung wollen Robespierre und Saint-Just, einflussreiche Mitglieder des Nationalkonvents, moderate Tendenzen in den Kreisen der Macht beseitigen.
Maximilien de Robespierre und Louis Saint-Just Vor dem Schafott scheint niemand sicher, und dieses Mal werden die Henker selbst gerichtet. Am 28. Juli 1794 werden Robespierre und Saint-Just auf dem Revolutionsplatz ohne Prozess enthauptet. Ihr Tod setzt der blutigen Zeit der Schreckensherrschaft ein Ende.
Die Weiße Rose Am 22. Februar 1943 werden drei junge Deutsche, darunter Hans und Sophie Scholl, im Gefängnis München-Stadelheim hingerichtet. Die Anklage lautet auf Hochverrat und Mitgliedschaft in einer geheimen Widerstandsbewegung.
Hamida Djandoubi Am 10. September 1977 findet die letzte Hinrichtung in Frankreich statt. Djandoubi wird wegen Folter und Mord an einem jungen Mädchen zum Tode verurteilt. |
Der Namensgeber der Guillotine – Joseph-Ignace GuillotinDer Arzt und Abgeordnete der verfassungsgebenden Nationalversammlung schlug 1789 eine neue, einheitliche Hinrichtungsmethode vor, die schneller zum Tode führen sollte und keine Standesunterschiede mehr kannte. Bei der nach ihm benannten Apparatur handelt es sich allerdings mitnichten um seine Erfindung.
Der 1738 in Saintes geborene Joseph-Ignace Guillotin war Freimaurer und Menschenfreund. In einer 1788 veröffentlichten Petition forderte er, dass die Zahl der Abgeordneten aus dem dritten Stand um das Doppelte erhöht werden soll. 1789 schlug er in den Generalständen die Abstimmung nach Köpfen (und nicht mehr nach Ständen) vor.
Während der Schreckensherrschaft kam Guillotin ins Gefängnis, wurde 1794 jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt. Er kehrte daraufhin der Politik den Rücken und widmete sich der Medizin. Zu seinen Verdiensten gehören die Verbreitung der Pockenschutzimpfung sowie der Aufbau einer ersten öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Er gründete außerdem eine renommierte Ärztegesellschaft, Vorläufer der heutigen Académie de médecine. Guillotin stirbt 1814, nicht auf dem Schafott, sondern an Milzbrand in der linken Schulter. |

»Des dicken Korsen dünner Bruder« Jérôme Napoleon und das Königreich Westphalen
von Anika Bethan, erschienen am 15.05.2008
»Des dicken Korsen dünner Bruder Kam über’n Rhein zu uns geflogen, Ergriff Westphalens neues Ruder; Ihm ward die Macht klein zugewogen.«
Diese Zeilen eines Spottgedichts mit dem Titel »Jerömchen« stammen etwa aus dem Jahr 1813 und beziehen sich auf Jérôme Bonaparte, den jüngsten Bruder Napoleons.
Während der Kaiser der Franzosen auch in der deutschen Geschichte seinen Platz gefunden hat, ist sein »dünner Bruder« eher in Vergessenheit geraten. Dies aber zu Unrecht. Fast sieben Jahre lang lenkte er die Geschicke des Königreichs Westphalen, das im Herzen des deutschen Bundes 1807 neu konstituiert worden war.
Die Bezeichnung »Westphalen« ist dabei irreführend, denn das Königreich hatte nichts mit dem gleichnamigen Landstrich in Deutschland gemein. Vielmehr umfasste es die Gebiete Kurhessens, des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel sowie Teile des Kurfürstentums Hannover und des Königreichs Preußen. Die ursprünglich landesherrliche Bindung der Bewohner wurde aufgehoben, alle sollten sich als »Westphälinge« verstehen. Mit der ersten geschriebenen, modernen Verfassung auf deutschem Boden und der Einführung des Code Napoléon sollte das Königreich nicht nur als Vorbild für andere deutsche Staaten des Rheinbundes dienen. Napoleon beabsichtigte auch, das Volk moralisch zu erobern, um langfristig eine beständige und feste Bastion gegen Preußen zu errichten. Konkret bedeutete das die rechtliche Gleichheit aller Untertanen, die Aufhebung des feudalen Systems, Gewerbefreiheit, Gewaltenteilung und offenen Zugang zu Ämtern in Militär und Administration.
Als Jérôme im November 1807 in seine neue Residenz- und Hauptstadt Kassel einzog, gab es daher viele optimistische Stimmen, die sich von ihrem neuen König viel versprachen. Das Schloss Wilhelmshöhe, nun in Napoleonshöhe umbenannt, wurde Sitz des westphälischen Hofes. Für die Ausstattung seines neuen Heimes scheute Jérôme keine Kosten. Das zuvor von den Franzosen unter Vivant Denon um seine kostbarsten Gemälde und Kunstgegenstände beraubte Schloss dekorierte der neue König mit Werken der gefragtesten französischen Künstler. Repräsentation, Feste und Geschenke an seine Hofbeamten waren für Jérôme sehr wichtig, und so floss ein Großteil des Geldes nach Kassel. Hier entstand neben vielen baulichen Veränderungen, die noch bis heute zu sehen sind, ein neu florierendes Wirtschaftsleben. Viele deutsche Adlige und avancierte Bürger zog es ins Umfeld des jungen Königs, der mit gerade mal 20 Jahren seine neue Aufgabe angetreten hatte.
Jérôme schien zunächst seine Rolle als König sehr ernst zu nehmen. Er besuchte regelmäßig die Sitzungen der Ständeversammlung und informierte sich über sein neues Volk. Dennoch sollte es ihm während seiner Regierungszeit nicht gelingen, Deutsch zu lernen. In seinen privaten wie offiziellen Entscheidungen blieb Jérôme stets vom Bruder Napoleon abhängig. So musste er seine erste Ehe mit der Amerikanerin Elizabeth Patterson annullieren lassen, um Katharina von Württemberg zu heiraten. Gesandte am Kasseler Hof, wie beispielsweise Graf von Reinhard, berichteten zudem über die personellen und politischen Entscheidungen Jérômes ständig nach Paris. Oft zeugen die Korrespondenzen zwischen Napoleon und seinem jüngeren Bruder daher auch von großen Spannungen.
Insbesondere im wirtschaftlichen Bereich gab es häufig unterschiedliche Interessen zwischen dem westphälischen König und dem Kaiser. Napoleon behielt sich für seine Militärs Ländereien in den eroberten Gebieten vor. Diese »Domainen« sollten als Belohnung für geleistete Dienste vergeben werden. Auch die Hälfte aller Krongüter des Königreichs Westphalen waren für diesen Zweck bestimmt. Damit wurde dem Staatsschatz ein Großteil seiner Einnahmen entzogen. Hinzu kam, dass zur Gewährleistung der domainialen Abgaben die Bauern in ihren alten Verhältnissen blieben und von den Einführungen des Code Napoléon real kaum profitierten. Für seine Kriege forderte Napoleon zudem nicht nur hohe westphälische Truppenkontingente sondern auch umfangreiche Geldzahlungen. Die daraus resultierende finanzielle Misslage war das größte Problem des jungen Königreichs. Vor allem 1809 kam es auch aus diesem Grund zu einigen größeren Aufständen der Bewohner gegen die als solche empfundene Fremdherrschaft. Es gelang der westphälischen Regierung zwar, diese »Insurrektionen« niederzuschlagen, aber die Diskrepanzen blieben bestehen. Die moralische Eroberung war Napoleon und seinem Bruder nicht gelungen, denn zu tief klafften theoretische Modernisierung und Realität des hoch verschuldeten Staates auseinander. Dennoch bestand das Königreich weitere vier Jahre, bis die Franzosen mit der Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug 1812/13, an dem auch zahlreiche westphälische Truppen teilnahmen, und den darauf folgenden Befreiungskriegen zurückgedrängt wurden.
Die Hauptstadt Kassel wurde im Oktober 1813 von kosakischen Verbänden erobert. Bereits einige Tage zuvor waren Jérôme und viele hohe westphälische Beamte geflohen. Sie hatten fast alle transportablen Kunst- und Wertgegenstände mitgenommen.  |  | |
Was blieb nun von diesen sieben Jahren französischer Herrschaft auf deutschem Terrain? Vor allem juristische Fragen beschäftigten weite Bereiche der Gesellschaft noch mehr als 50 Jahre nach Ende des Königreichs. Unklarheiten gab es hier besonders bei der Frage, wie man mit westphälischen Bestimmungen und daraus erwachsenen Ansprüchen umgehen sollte. Daneben erfolgte eine Erinnerung und Bearbeitung der westphälischen Zeit auch im literarischen Gebiet. Gegenstand in Spottgedichten und Schmähschriften, die nach der Befreiung zahlreich publiziert wurden, war der junge Jérôme. Ihm warf man meist seine Verschwendungssucht sowie sein ausschweifendes Leben am Kasseler Hof vor. Dieses Bild des »König Lustik« hielt sich über das Jahrhundert hinaus und ist Kasselern noch heute ein Begriff.
Obwohl Jérôme unter seinem Neffen Louis-Napoleon, dem späteren Napoleon III., seine politische Karriere wieder aufnahm und bis zum Marschall Frankreichs und Präsident des Senats aufstieg, haftet ihm auch in der französischen Erinnerung der Ruf des leichtlebigen, unreifen Ex-Königs an, der eben nur der kleine Bruder Napoleons war.
Und so endet auch das kurze Gedicht nicht positiv für den französischen König:
»Er wollte sein ein Henri quatre, Wie er, liebt Weiber und die Jagd. Zu sein des Volkes guter Vater – Ach, das stand nicht in seiner Macht.«
Zum Weiterlesen
Berding, Helmut: Napoleonische Herrschafts- und Gesellschaftspolitik im Königreich Westphalen 1807-1813, Göttingen 1973.
Burmeister, Helmut (Hg): König Jérome und der Reformstaat Westphalen. Ein junger Monarch und seine Zeit im Spannungsfeld von Begeisterung und Ablehnung, Hofgeismar 2006.
Eissenhauer, Michael und Museumslandschaft Hessen Kassel (Hg): König Lustik!? Jérôme Bonaparte und der Modellstaat Königreich Westphalen, München 2008.
Huber, Jörg Adrian: König Lustik – 200 Jahre Königreich Westphalen, 2007.
Owzar, Armin: Das Königreich Westphalen und das Großherzogtum Berg, 2004.
Die hessische Landesausstellung »König Lustik!? Jérôme Bonaparte und der Modellstaat Königreich Westphalen« ist noch bis zum 29. Juni im Museum Fridericianum Kassel zu sehen. Friedrichsplatz 18 34117 Kassel Öffnungszeiten: Di–So: 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr www.koenig-lustik.de 
Aus unserer fünfzehnten Ausgabe – 15. Januar 2008Geschichte zum AnfassenEin Besuch im wiedereröffneten Historischen Museum der Stadt Straßburg
von Juliane Seifert, erschienen am 15.01.2008
»Ça décoiffe« (etwa: »Das haut Sie um«; Anm. d. Red.) – mit diesem ungewöhnlichen Slogan werben die Straßburger Museen in diesem Jahr um die Gunst der Besucher. Der Star der aktuellen Saison ist das Historische Museum der Stadt. Nachdem es 20 Jahre lang aufgrund seiner über die Jahrhunderte morsch gewordenen Bausubstanz geschlossen bleiben musste, wurde seine Wiedereröffnung am 30. Juni 2007 als großes Ereignis gefeiert.
In den Räumen des 1587 ursprünglich als Schlachthof errichteten Gebäudes erwartet den Besucher eine regelrechte Entdeckungsreise. Die Geschichte der Stadt wird auf einem chronologischen Rundgang vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert in vielfältiger Art und Weise inszeniert: Gemälde, Zeichnungen, Gravuren und Lithographien gehören ebenso zu den Exponaten wie Waffen und Uniformen oder Kleidung, Alltagsgegenstände und Kunsthandwerk. Glanzstück der Ausstellung ist ein 77 Quadratmeter großes, vollständig restauriertes Stadtmodell, das 1725 von Ludwig XV. für militärische Zwecke in Auftrag gegeben wurde. Mittels einer Hologrammprojektion wird es dem Besucher quasi von seinem Erbauer, dem Militäringenieur La Devèze, selbst mit viel Witz und Esprit erläutert.
Der mit großem Geschick auf relativ kleinem Raum gestaltete Ausstellungsparcours bindet den Betrachter gezielt ein. Schilder mit der Aufschrift »Bitte nicht berühren« gibt es nicht. Ganz im Gegenteil: Einzelne Museumsstücke fordern sogar dazu auf, sie in die Hand zu nehmen. So kann man zum Beispiel ausprobieren, wie einem ein echter Ritterhelm steht und wie wenig man damit eigentlich noch sieht. Immer wieder wird zur spielerischen Wissensaneignung eingeladen, sei es anhand eines Nachdrucks der 1628 publizierten »Policeyordnung der Stadt Straßburg«, der richtig gefaltet die papiersparendste Möglichkeit des Buchdrucks offenbart oder durch interaktive Hörstationen mit nachgestellten historischen Debatten. Abgerundet wird das Angebot durch einen hervorragenden Audioguide.  |  | |
Kurzum: Das wiedereröffnete Historische Museum der Stadt Straßburg bietet Geschichte zum Anfassen und Mitmachen. Mit diesem Konzept einer »pädagogischen und die gesellschaftliche Entwicklung erklärenden Institution« (Joëlle Pijaudier-Cabot, Direktorin der Mussen der Stadt Straßburg in einer anlässlich der Einweihung des Historischen Museums erschienen Broschüre) unterscheidet es sich klar von seinem Vorgänger: Das 1920 gegründete Historische Museum stellte zunächst hauptsächlich die militärische Geschichte Straßburgs anhand von Waffen, Uniformen und später auch mehr als 6.000 Miniatursoldaten dar.
Erst 1969 wurde der thematische Schwerpunkt neu bestimmt, und der Fokus richtete sich nun auf das Alltagsleben der Straßburger und die Zeit vor dem Anschluss der Stadt an das Französische Königreich im Jahr 1681. Nach wie vor ging es jedoch hauptsächlich darum, die kollektive Erinnerung mittels der Exponate zu bewahren. Der pädagogische und erklärende Ansatz kam erst bei der Neukonzipierung des Museums nach der Gebäudesanierung zum Tragen. Ihren Reichtum und ihre Vielfalt verdankt die heutige Ausstellung vor allem den während der 20-jährigen Schließung durchgeführten Ausgrabungen und Forschungsarbeiten, die viel zum Verständnis der Stadtgeschichte beigetragen haben.
Insgesamt steht das Historische Museum durch seinen farblich strukturierten, chronologischen Aufbau und seinen leicht zugänglichen, interaktiven Ansatz dem Deutschen Historischen Museum in Berlin wohl näher als dem zukünftigen Musée de l'Histoire de France in Paris (siehe dazu rencontres.de Ausgabe 12: »Museen auf den Spuren der Geschichte« von Anne-Solène Rolland). Als »dreidimensionales Geschichtsbuch« möchte die Kuratorin Monique Fuchs ihr Museum jedoch nicht verstanden wissen. Die Rolle eines historischen Museums – im Unterschied zu einem Geschichtsbuch – besteht für die Kunsthistorikerin darin, die Geschichte über greifbare Gegenstände zu vermitteln: »Wir interessieren uns dafür, was ein Gegenstand zum Geschichtsverständnis beitragen kann. Deshalb behandeln wir nur die Themen, zu denen wir auch Ausstellungsstücke haben.« Über die Erklärung der vorhandenen Exponate hinausgehende Texte sucht man aus diesem Grund vergeblich.
Hierin besteht eindeutig auch die Schwäche des Straßburger Museums. Denn diese starke Objektbindung führt zwangsläufig zu Lücken in der Darstellung. Das Museum läuft damit Gefahr, gerade diejenigen Ereignisse, die schon einmal aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden sollten, einem erneuten Vergessen auszuliefern. So verliert die Ausstellung nur wenige Worte über das Valentinsmassaker, eines der ersten und größten Pogrome des Mittelalters, das am 14. Februar 1349 stattfand und bei dem – je nach Quelle – mehrere hundert oder sogar bis zu 3000 Straßburger Juden öffentlich verbrannt wurden. Die Überlebenden wurden der Stadt verwiesen und noch bis Ende des 18. Jahrhunderts war es Juden bei Todesstrafe untersagt, sich nach 22 Uhr innerhalb der Stadtmauern aufzuhalten. Die einzigen Gegenstände, die an die Judenverfolgung erinnern können, sind einige Stelen aus ehemals jüdischem Besitz, die von der Weiterverarbeitung verschont blieben.
Johannes Tauler, der im 14. Jahrhundert in Straßburg lebte und wohl zu den berühmtesten Söhnen der Stadt gehört, wird gar nicht erwähnt. Der 1301 in Straßburg geborene Theologe und Mystiker genoss in kirchlichen Kreisen auch über seinen Tod hinaus ein hohes Ansehen. Seine deutschsprachige Predigtsammlung, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts erstmals gedruckt wurde, hat wahrscheinlich auch den jungen Martin Luther maßgeblich beeinflusst. Ob der zweifellos große Lernwert, der durch die Betonung der Anschaulichkeit erreicht wird, diese »blinden Flecken« aufwiegen kann, bleibt fraglich. Ein bereicherndes Erlebnis ist der Besuch des Historischen Museums der Stadt Straßburg aber allemal. Denn wer weiß schon, dass Gutenberg in Straßburg an der Erfindung des Buchdrucks arbeitete oder dass sogar die Marseillaise aus der elsässischen Metropole stammt?
Zum Weiterlesen:
Musée Historique de la Ville de Strasbourg, 2, rue du Vieux-Marché-aux-Poissons, 67000 Strasbourg: www.musees-alsace.org
www.mcsinfo.u-strasbg.fr (französischsprachiger Artikel zu den Hintergründen der langen Sanierungsarbeiten)
Musées de Strasbourg (Hg.): »Ça décoiffe. Einweihung des Historischen Museums der Stadt Straßburg«, 2007.
Schreiber, Hermann: »Straßburg. Zwischen den Zeiten, zwischen den Völkern«, Gernsbach: Katz Verlag, 2006.
Straßburger Geschichte – Hätten Sie’s gewusst?1434–1444 arbeitet Gutenberg in Straßburg an der Erfindung des Buchdrucks
1770-1771 kommt Goethe zum Jura- und Medizinstudium nach Straßburg
1792: Am 26. April komponierte Claude Joseph Rouget de Lisle anlässlich der Kriegserklärung an Österreich ein Stück mit dem Titel »Kriegslied für die Rheinarmee«. Als republikanische Soldaten aus Marseille es bei ihrem Einzug in Paris singen, wird es in Marseillaise umgetauft und am 14. Juli 1795 unter eben diesem Namen zur französischen Nationalhymne erklärt. |

Dossier zum Mauerfall 9.11.1989
Der Mauerfall im französischen Fernsehenvon Felicitas Schwarz, Übersetzung Manuela Wolter, erschienen am 01.11.2007
»Den 9. November 1989 werden wir für immer in Erinnerung behalten. Die Berliner Mauer ist zwar noch da, aber irgendwie existiert sie nicht mehr. Der Eiserne Vorhang, der 28 Jahre lang die beiden Deutschlands, und wie eine alte Wunde die beiden Europas teilte, ist heute zerrissen worden. Der Druck eines Volkes, dessen politisches System am Ende ist, hat ihn niedergerissen.«
Mit diesen Worten eröffnete die Nachrichtensprecherin Christine Ockrent am 9. November 1989 die 20-Uhr-Nachrichten auf Antenne 2 (A2). Die französischen Fernsehzuschauer konnten in den folgenden Tagen ein Stück deutsche Geschichte live am Bildschirm mitverfolgen. Deutschlandkorrespondenten und Sondergesandte berichteten rund um die Uhr von der Berliner Mauer, unter ihnen Dominique Bromberger (TF1), Pascal Guimier (A2), Philippe Rochot (A2), und Pierre Thivolet(TF1). Felicitas Schwarz traf sich mit den vier französischen Journalisten in Straßburg und Paris, um mit ihnen die Ereignisse aus französischer Sicht zu rekonstruieren.
Gab es vor dem Fall der Berliner Mauer viele französische Journalisten in Deutschland?
Rochot: Ich schätze, dass damals etwa 20 französische Korrespondenten dort waren, während es etwa 40 bis 50 deutsche Korrespondenten in Frankreich gab. Es herrschte ein Ungleichgewicht, das heute übrigens noch immer besteht. Guimier: Meines Wissens behandelte man das deutsche Tagesgeschehen vor dem Fall der Mauer eher stiefmütterlich und man kam fast nie auf die DDR zu sprechen – ganz einfach, weil es schwer war, einzureisen und dort zu arbeiten. Thivolet: Wenn wir aus Ostdeutschland berichten wollten, war das in der Tat immer sehr kompliziert, aber nicht unmöglich, natürlich unter strenger Bewachung. Obwohl ich fließend Deutsch spreche, mussten wir immer einen Dolmetscher dabei haben, der nach den Interviews eine Stunde am Telefon verbrachte. Sehr wahrscheinlich arbeitete er für die Stasi. Wir mussten alles sechs Monate vorher vorbereiten. Aber ich habe es als meine Pflicht angesehen, auch aus der DDR zu berichten.
Herr Thivolet, Sie waren am 9. November 1989 in Ostberlin?
Thivolet: Ja, Günter Schabowski hat diese Pressekonferenz gegeben, während der er nichts Eindeutiges gesagt hat. Das war so gegen 19 Uhr und es passierte erstmal gar nichts. Niemand war auf der Straße. Um 20.30 Uhr habe ich mit meinem Team eine Runde gedreht. Unter den Linden war kaum etwas los. Ich habe dann mit einigen Passanten gesprochen und gefragt, ob sie die Neuigkeit schon gehört hätten. »Ach, das ist ein Witz«, antwortete man mir. Ich erwiderte: »Entschuldigen Sie, wir sind vom französischen Fernsehen und wir haben unsere Quellen.« Dann sind wir zum Checkpoint an der Invalidenstraße gegangen, aber auch dort war es zunächst noch sehr ruhig. Nur einige Trabis waren da. Ab zehn Uhr ging dann alles ganz schnell. Auf einmal waren es nicht mehr nur ein, zwei Leute sondern viele Menschen. Die Soldaten waren sehr nervös und haben ständig telefoniert und dann haben sie plötzlich die Tore geöffnet. Herr Rochot, wie haben Sie den Mauerfall erlebt?
Rochot: Wir waren nicht auf der Pressekonferenz von Herrn Schabowski. Ich wurde gegen 19 Uhr von meiner Pariser Redaktion informiert. Da war es natürlich schon viel zu spät, um eine Reportage zu produzieren. Mit blieb nichts anderes übrig als eine Direktübertragung per Telefon mit der Nachrichtensprecherin. Erstaunlich war, dass ich während dieser Livesendung nicht das Gefühl hatte, dass die Mauer gefallen war. Ich spürte, dass etwas passierte, dass sich die Situation entspannte, dass die Leute leichter auf die andere Seite konnten. Damals sagten die ostdeutschen Behörden, dass die Ostdeutschen natürlich die Grenze überqueren durften, jedoch nur mit Visum. Die Stunden vergingen und schließlich haben die Menschen, die an den Grenzposten anstanden, das Prinzip der Visa vom Tisch gefegt. Das war der Startschuss für Tage voller Arbeit, an denen wir nur vier Stunden pro Nacht schliefen. Es gab einfach so viel zu berichten.
Herr Guimier, Sie sind zum Zeitpunkt des Mauerfalls nach Deutschland gekommen, oder?
Guimier: Ja, als es im Jahr 1989 losging, haben sie überlegt, mich dorthin zu schicken, weil ich die Sprache beherrschte. Wir sind dann an die innerdeutsche Grenze gefahren, um Reportagen zu machen. Dort haben wir Ostdeutsche beim Anblick ihrer ersten Banane gesehen – mit Augen so groß wie Untertassen. Bananen waren damals in der DDR nämlich fast nicht zu bekommen.
Wie haben Sie den Mauerfall erlebt, Herr Bromberger?
Bromberger: Am Morgen des 10. November wurde uns ein Flugzeug von Bouygues (eine französische Unternehmensgruppe, Anm. d. Red.) zur Verfügung gestellt. Die Maschine ist mit mir, meinem Team und den Übertragungsgeräten gestartet. Ich bin also am 10. November 1989 gegen 9 Uhr in Berlin angekommen. Das war ein außergewöhnliches Schauspiel. Politisch gesehen war das für mich der schönste Tag meines Lebens, weil ich mir sagen konnte, dass Europa sich vielleicht endlich wiedervereinigen würde. Aber die Übertragung war ein Albtraum. Ich erinnere mich, dass mir am ersten Abend die Übertragung gelang, weil ich France 3 den Platz geklaut hatte. Das war jedes Mal ein Kampf, ein hartes Ringen. Mein Hotelzimmer diente als Hauptquartier für Westberlin. Wie verlief die weitere Berichterstattung?
Thivolet: Berlin war zwischen Donnerstag und Montag ein einziger Stau. Ich kann mich nur noch erinnern, dass wir eine Woche lang pausenlos gearbeitet haben. Wir haben ein Mofa gemietet. Ich saß hinter dem Mofafahrer mit der Kassette für den Schnitt. Drehen, Schnitt, Beitrag und so weiter, ständig, ohne Pause. Das normale Telefonnetz war völlig zusammengebrochen und ich konnte weder in Paris, noch in Bonn oder in Westberlin anrufen.
Welcher Moment hat Sie besonders geprägt?
Rochot: Als mir während einer Liveübertragung des 13-Uhr-Magazins mit Daniel Bilalian plötzlich gemeldet wurde, dass Rostropovitsch (russischer Violoncelist, Anm. d. Red.) sich direkt vor die Mauer gesetzt hat, um für den Frieden, die Wiedervereinigung und die Freundschaft zwischen den Völkern zu spielen. Das hat mich wirklich berührt. Ich glaube er wusste, dass wir dort waren, anders kann ich es mir nicht erklären: Er hat sich nur drei Meter von uns entfernt direkt an der Bühne, von der aus ich die Liveübertragung brachte, aufgestellt und zu spielen begonnen. Wir haben die Übertragung natürlich gleich abgebrochen, um seiner Hymne für die Wiedervereinigung zu lauschen. Als die Mauer in Berlin fiel, herrschte große Freude in Frankreich. Aber es gab auch eine gewisse Beunruhigung?
Bromberger: Ja, hören Sie, ich habe einen Großvater, der nach dem Krieg 1914 gestorben ist. Dann kam die Besetzung durch die Nazis. Es gab noch viele Leute, die diese Zeit miterlebt hatten. Die Besorgnis war daher nur allzu verständlich. Meiner Meinung nach war das ein Fehler, da Deutschland bereits demokratisch war. Aber es stimmt, dass es eine Mischung aus Freude und Beunruhigung herrschte. Ich glaube, das ist weitestgehend eine Generationenfrage. Leute wie ich, die das Auseinanderbrechen Europas aber nicht den Krieg miterlebt hatten, konnten sich viel eher freuen als diejenigen, die einen oder sogar beide Kriege miterlebt hatten. Welche Beziehung hatten Sie zu Deutschland bevor Sie über den Fall der Berliner Mauer berichteten?
Guimier: Ich habe einen französischen Vater und eine polnische Mutter. Sie haben sich in einem Arbeitslager in Deutschland, in der Nähe von Leipzig, kennen gelernt. Sie haben mir viel vom Krieg erzählt. Ich habe mich immer sehr dafür interessiert. Außerdem war ich ein guter Schüler, und wenn man in Frankreich in den Jahren 1972/73 ein guter Schüler war, hat man automatisch Deutsch als erste Fremdsprache gelernt.
Rochot: Als ich nach Deutschland ging, wusste ich sehr wenig über Deutschland. Ich war zuvor zwei- oder dreimal als Tourist dort gewesen. Es verblüffte mich, dass wir unsere eigenen Nachbarn nicht kannten. Ich konnte dann schließlich feststellen, dass Deutschland keineswegs meiner ursprünglichen Vorstellung entsprach. Unser Bild von Deutschland stammte noch aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs.  |  | |
Bromberger: Ich habe eine sehr alte Beziehung zu diesem Land. Ich stamme aus einer elsässischen Familie, die das Elsass um 1870 verlassen hat. Meine Großmutter hat uns Zeichnungen von »Hansi« gezeigt. Für uns waren die Deutschen Leute, die den Rhein überquerten, um unsere elsässischen Uhren zu klauen.
Thivolet: Ich bin ein Sohn der deutsch-französischen Freundschaft. Es besteht eine Städtepartnerschaft zwischen meiner Heimatstadt Lyon und Frankfurt am Main. Ziemlich früh hatte ich also die Möglichkeit nach Deutschland zu reisen. Mein Vater hatte sehr gute Kontakte zu Kollegen in Hamburg und Bremen. In meiner Familie gab es keine Vorurteile gegenüber Deutschland.
Betrachten Sie die Zeit, in der Sie als Deutschlandkorrespondent gearbeitet haben, als einen Höhepunkt Ihrer Karriere?
Rochot: Ja, denn erstens handelte es sich um den Niedergang des Kommunismus und den Anfang eines neuen Europas und zweitens fiel diese Periode in die Zeit des Kalten Krieges. Aus historischer Sicht sind dies Schlüsselmomente. Ich hatte das Glück, sie miterleben zu dürfen.
Bei dem Artikel handelt es sich um eine Zusammenstellung von vier unabhängig voneinander geführten Interviews.
Philippe Rochot wurde während des Libanonkrieges 1986 entführt. Nach seiner Befreiung beschloss er, einen Korrespondentenposten in Europa anzunehmen und wurde nach Bonn entsandt. Er arbeitet nach wie vor als Reporter für France 2 (ehemals Antenne 2). 2007 ist er nach sechsjähriger Tätigkeit als Asienkorrespondent an den Hauptsitz nach Paris zurückgekehrt.
Pierre Thivolet war 1989 ständiger Korrespondent für TF1 in Bonn. Nachdem er anschließend für Arte sowie die französischen Radiosender RTL und Europe 1 gearbeitet hat, ist er derzeitig als freier Autor und Journalist für unterschiedliche Medien tätig.
Pascal Guimier wurde 1989 als Sonderkorrespondent für Antenne 2 nach Bonn geschickt. Anschließend war er als Reporter und Korrespondent unter anderem in Berlin tätig, bevor er die Leitung der Nachrichtenredaktion von France 2 übernahm. Heute ist er Chefredakteur von Arte-Info.
Dominique Bromberger war 1989 verantwortlich für die Auslandsberichterstattung von TF1 und begab sich anlässlich des Mauerfalls persönlich nach Berlin. In den Neunzigerjahren war er kurzzeitig für Arte tätig, bevor er 1999 die Radiosendung Regards sur le monde auf France Inter übernahm. |
»Neue teutonische Hegemonialgelüste?«Deutschland, Frankreich und die Wiedervereinigung
von Christoph Sanders, erschienen am 01.11.2007
Als es 1989 zur Wiedervereinigung Deutschlands kam, war es gerade einmal fünf Jahre her, dass Helmut Kohl und François Mitterrand Hand in Hand in Verdun gestanden und gemeinsam der Opfer beider Weltkriege gedacht hatten. Nun kam es zwischen dem vorbildlichen deutsch-französischen Tandem erstmals zu schweren Unstimmigkeiten. Wie erlebte Frankreich den politischen Prozess der Wiedervereinigung und was waren die Folgen für die deutsch-französische Freundschaft?
Die deutsch-deutsche Verbrüderung strapazierte die Nerven so mancher französischer Bürger und Politiker. Eine absehbare Vereinigung ließ bei vielen Franzosen reflexartig altes Misstrauen aufkommen. Die Geschichte hatte oft genug gelehrt, dass ein wiedererstarkendes Deutschland besser mit Vorsicht zu genießen sei. Somit konnte ein Ereignis solchen Ausmaßes nicht mit Gleichmut verfolgt werden.
Trotz einer Vertiefung der Kooperation in den Achtzigerjahren grassierte beim französischen Volk die »Furcht vor neuen teutonischen Hegemoniegelüsten«. Das Wort des französischen Literaturnobelpreisträgers François Mauriac wurde offenbar in gewissen Kreisen allzu ernst genommen. Dieser sagte einst, er liebe Deutschland so sehr, dass er zwei davon vorziehe. Die Bundesrepublik versuchte, Frankreich zu überzeugen, dass auch ein wiedervereinigtes Deutschland eine friedliche Außenpolitik betreiben werde. Das war umso wichtiger, da Frankreich wegen der Vorbehaltsrechte ein Veto aussprechen und somit die Pläne der Regierung Kohl zunichte machen konnte. Generell empfand Staatspräsident François Mitterrand »das Streben der Deutschen nach Einheit« als durchaus legitim, wobei es sich jedoch »nur demokratisch und friedlich vollziehen« könne, so sagte er bei einem Treffen mit dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow. Jedoch war Mitterand um das Mächtegleichgewicht in Europa im Falle der Wiedervereinigung besorgt.
Die Befürchtungen bezogen sich einerseits auf einen Machtzuwachs Deutschlands im europäischen Staatengefüge und den damit einhergehenden Verlust der eigenen Mentorenrolle. Andererseits ging es der französischen Regierung um die allgemeine Stabilität zwischen den immer noch bestehenden Blöcken. Verkörpert wurden diese Bedenken zum einen durch der Möglichkeit, dass Deutschland neutral zwischen NATO und Warschauer Pakt stünde. Andererseits bestand die Forderung Frankreichs nach Anerkennung der der Oder-Neiße-Linie als Grenze zu Polen. Die französische Regierung sah die Entwicklungen im Nachbarland auch aus dem Blickwinkel der europäischen Integration. Schließlich betrachtete Mitterrand die »Entwicklung und Stärkung der Europäischen Gemeinschaft, als die wesentliche Achse […] der französischen Politik«. Damit die Wiedervereinigung genau im Rahmen dieser Integration stattfinde, das heißt letztlich als europäische Schöpfung erscheine, setzte er alles daran, möglichst viel Einfluss auf den Vereinigungsprozess zu nehmen. Ziel war es, dass Deutschland tatsächlich an der bestehenden Westbindung festhalte.
Das Verhalten Deutschlands und des Bundeskanzlers führte angesichts der bestehenden Sorgen zu erheblichen Irritationen – nicht nur bei den französischen Nachbarn. Kohls zeitweilige Weigerung während der Verhandlungen zum Zehn-Punkte-Plan, die Oder-Neiße-Linie vor der Wiedervereinigung selbst anzuerkennen, wurde in Europa missbilligend aufgenommen. Ähnlich waren die Reaktionen als der Kanzler sich für die Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR einsetzte, ohne dies vorab mit den Bündnispartnern abzusprechen, und somit die Vereinigung faktisch irreversibel machte. Die Franzosen reagierten kritisch und verstimmt. Mitterrand stellte beispielsweise die Vereinigung für eine kurze Zeit grundsätzlich in Frage und auch die Resonanz auf das deutsche Verhalten der französischen Presse ist ähnlich einzustufen, wenn Le Point von einem »Blitzkrieg« und Le Monde von einem »beunruhigenden Pangermanismus« schreibt.
Trotz aller Turbulenzen und der starken Abkühlung des zwischenstaatlichen Verhältnisses erfuhr die deutsche Regierung dank der deutsch-französischen Freundschaft die volle Unterstützung Frankreichs, nachdem die Probleme aus der Welt geräumt waren. Zum einen wurde schnell klar, dass sich Deutschland nicht von der NATO-Mitgliedschaft verabschieden würde. Zum anderen mussten die Franzosen einsehen, dass die deutsche Einheit ohnehin nicht mehr aufzuhalten war. Michel Vauzelle, französischer Sozialist und Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses artikulierte dies in einer Rede in der Nationalversammlung sehr treffend: »Es wäre vergeblich und gleichzeitig verhängnisvoll, wenn wir dem neuen Deutschland gegenüber eine ängstliche Haltung einnehmen würden, denn es gibt keine Alternative.« Zum Zeitpunkt dieser Rede war Deutschland bereits vereinigt.
Die Turbulenzen um die Wiedervereinigung haben am Image der deutsch-französischen Freundschaft gekratzt. Doch langfristig war die von Adenauer und de Gaulle im Élysée-Vertrag besiegelte Partnerschaft das Netz, das die Talfahrt der zwischenstaatlichen Stimmung auffing.
Zur weiterführenden Lektüre:
»Der Weg zur deutschen Einheit« – Sammlung der Bundeszentrale für politische Bildung von Aufsätzen verschiedener Autoren: www.bpb.de
Kimmel, Adolf und Pierre Jardin (Hg.): »Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1963«, Opladen 2002.
Bizeul, Yves und Matthias Schulz: »Die deutsch-französischen Beziehungen – Rückblick und aktueller Stand«, Rostocker Informationen zu Politik und Verwaltung, Heft 13, Rostock 2000.
Woyke, Wichard: »Die deutsch-französischen Beziehungen seit der Wiedervereinigung«, Opladen 2004.
InformationenZehn-Punkte-Plan Der Zehn-Punkte-Plan der deutschen Bundesregierung war der Entwurf einer Wiedervereinigung in Stufen. Der Plan machte konkrete Vorschläge hinsichtlich der Föderation der beiden deutschen Staaten und umfasste Sofortmaßnahmen. Zudem wurde ein Zeitplan von mehreren Jahren ins Auge gefasst. In Deutschland war die Resonanz auf den Plan durchweg positiv. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs kritisierten zum Teil stark, dass sie nicht konsultiert wurden, was zu erheblichen Verstimmungen führte.
Vorbehaltsrechte Die Alliierten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg Kontrollrechte über Deutschland inne. Dieses Besatzungsstatut wurde mit der Ratifizierung des Deutschlandvertrags ungültig. Die Siegermächte behielten Vorbehaltsrechte. Im Artikel II des zweiten Deutschlandvertrages heißt es dazu: »Im Hinblick auf die internationale Lage, die bisher die Wiedervereinigung Deutschlands und den Abschluss eines Friedensvertrags verhindert hat, behalten die Drei Mächte die bisher von ihnen ausgeübten oder innegehabten Rechte und Verantwortlichkeiten in Bezug auf Berlin und auf Deutschland als Ganzes einschließlich der Wiedervereinigung Deutschlands und einer friedensvertraglichen Regelung.«
Zwei-plus-Vier-Vertrag Der Vertrag wurde zwischen der BRD, der DDR und den Siegermächten Sowjetunion, Frankreich, USA und Großbritannien geschlossen. Er ebnete den Weg zur deutschen Einheit und umfasste deren Regelungen und Bedingungen. Erst mit diesem Vertrag erhielt Deutschland seine volle innen- und außenpolitische Souveränität.
Warschauer Pakt Der Warschauer Pakt war ein 1955 zunächst nur auf 20 Jahre angelegtes vertragliches Bündnis von sieben osteuropäischen Ländern über Freundschaft, Beistand im Angriffsfall und Zusammenarbeit. De facto diente der Pakt als Gegenpol zur NATO und wurde anfangs als Kontrollinstrumentarium vom Kreml benutzt. Auch später war die sowjetische Militärdoktrin vorherrschend. Ein Beitritt zu einem anderen Bündnis war den Paktstaaten nicht erlaubt. Erst in den Achtzigerjahren regte sich der Widerstand gegen die sowjetische Stellung und die Paktstruktur. |

Kleiner Korse, große Geschichtevon Thomas Körbel, erschienen am 01.08.2007
Als Napoleon Bonaparte am 15. Oktober 1815 nach 15 Jahren Herrschaft auf die Gefängnisinsel St. Helena verbannt wird, nimmt er förmlich und vor allem unfreiwillig Abschied von einer Welt, die er zuvor so fest in seinen Händen zu halten glaubte. Doch weit entfernt davon, dies wahrhaben zu wollen, war er noch lange von seiner baldigen Rückkehr nach Europa überzeugt. Sogar das Kommando über die französischen Truppen glaubte er zeitweise noch inne zu haben.
Als Johannes Willms 185 Jahre später, im Sommer 2000, auf St. Helena an Land geht, begibt er sich auf die Spuren des Herrschers in seinem letzten Exil. In St. Helena – Kleine Insel, großer Wahn schildert der Autor die letzten Tage des »Gefangenen Europas« abgeschieden in einem kleinen Paradies im atlantischen Ozean, das Napoleon in einen regelrechten Wahn fallen ließ.
Der Historiker und Journalist Willms geht darüber hinaus mit verherrlichenden Darstellungen des Korsen hart ins Gericht, verurteilt jede »Vergöttlichung« und Romantisierung. Letztlich gibt er seinem Werk durch den leicht lesbaren Stil eine besondere Note, die es aus der breiten Masse historischer Kaiser-Monographien herauslöst: Seine Reise nach St. Helena gleicht dabei einer Expedition in einen verflochtenen Dschungel aus Vergangenheit und Gegenwart, sein Bericht liest sich wie ein Spaziergang durch lebende Geschichte an einem Ort, an dem »die Zeit stillzustehen« scheint. Deshalb ist das Buch nicht einfach in die Abteilung historischer Abhandlungen einzuordnen. Auch ist es kein oberflächlicher Reisebericht. Willms hat vielmehr einen Essay geschrieben, in dem er detaillierte historische Hintergründe mit farbenfrohen Momentaufnahmen verknüpft.
St. Helena ist bereits das dritte Napoleon-Buch von Johannes Willms. Zuvor verfasste er eine umfangreiche Biographie über den Korsen (2005). Sein neuestes Buch sieht der Autor gewissermaßen als Epilog zu seinen vorherigen Arbeiten. Vielleicht reagiert Willms damit auch auf die Kritik, seiner Napoleon-Biographien fehlten Vor- und Nachwort, sein Vorgehen gleiche dem eines »realistischen Romanciers des 19. Jahrhunderts«. Das bemängelte zumindest Peter Schöttler in der Zeit vom 17. März 2005.
Doch mit seinem aktuellen Buch muss sich Willms nichts Derartiges vorwerfen lassen. St. Helena – Kleine Insel, großer Wahn ist keine wissenschaftliche Studie. Das Werk gleicht vielmehr einem Spaziergang durch einen Park lebendiger Geschichte. Die geschilderten Ereignisse und Erlebnisse des Exilanten Napoleon auf der beschaulichen Insel St. Helena geben Eindrücke wieder, regen zu Spekulationen über die Gefühlslagen der historischen Protagonisten an und werden sicher Urteile über das Verhalten von einstigen Regierungen und Regierungsvertretern provozieren. Der Autor versucht dabei einen sich entwickelnden Napoleonkult zu erklären, ihn aber im gleichen Atemzug durch unmissverständliche Wortwahl als falsche »Theologie« zu diskreditieren, wodurch sich diese subjektive Herangehensweise von wissenschaftlichen Standards differenziert.  |  | |
Für den nichtfrankophonen Leser könnte Willms’ Wortwahl an manchen Stellen seltsam erscheinen. Sichtlich gerne verwendet der Autor französische Eindeutschungen, die im allgemeinen Sprachgebrauch entweder veraltet oder zumindest befremdlich wirken dürften. Vielleicht möchte er der deutschen Sprache damit einen edleren Klang verleihen oder gar dem ehrwürdigen französischen Imperator huldigen, frei nach dem Motto Noblesse oblige?
Obwohl bei Willms kein Platz für Heroisierung und Mythospflege der »Napoleonologie« ist, zeigt er sich in einem Punkt auch als Schwärmer: »Wer sein Sehnen nach Heimat im Lebensgefühl einer versunkenen Epoche zu stillen versucht, der wird ausgerechnet hier, an diesem weltverlorenen Ort […] Befriedigung finden, den überfällt in Longwood Old House (das Haus Napoleons auf St. Helena) unweigerlich das Erlebnis einer Gleichzeitigkeit in der Ungleichzeitigkeit, das ihm in keinem Goethe-Haus in Frankfurt am Main oder in Weimar so recht sinnfällig werden will.«
Kleine Insel – großer Wahn ist ein großartiges Werk, das sich sinnvoll mit derzeitigen Napoleon-Biographien ergänzt. Johannes Willms nimmt seinen Leser mit in ein kleines Paradies, das gottverlassen »am Ende der Welt« liegt. Eine solche Schwärmerei sei jemandem, wie er von sich behauptet, »dem das Fernweh unterm Älterwerden nicht ganz abhanden gekommen ist«, vergönnt.
Johannes Willms, St. Helena – Kleine Insel, großer Wahn,Marebuchverlag, 216 Seiten, gebunden, mit zwei Karten, Preis: 18 Euro [D], ISBN 978-3-86648-060-5
Fotos:
Napoleon von profzucker unter http://www.flickr.com/photos/profzucker/3670847020/
Buchcover: Marebuchverlag
Napoleons Grab von spbutterworth unter http://www.flickr.com/photos/spbutterworth/4061727426/
Über den AutorJohannes Willms (*1948) leitete zwischen 1988 und 1992 die Redaktion des Kulturmagazins aspekte beim ZDF. Später war er für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung verantwortlich. Heute berichtet er als Kulturkorrespondent der SZ aus Paris. Als Historiker hat er sich mit Veröffentlichungen zur deutschen und französischen Geschichte einen Namen gemacht, darunter auch seine Arbeiten über Napoleon. Für St. Helena – Kleine Insel, großer Wahn ist der Autor auf die abgelegene Insel im Südatlantik gereist. |
Zeitleiste – Napoleon Bonaparte15.8.1769: geboren in Ajaccio, Korsika
9.11.1799: Staatsstreich Napoleons am 18. Brumaire VIII.
25.12.1799: Napoleon wird für zehn Jahre zum ersten Konsul gewählt
2.12.1804: Napoleon krönt sich in Anwesenheit von Papst Pius VII. selbst zum Kaiser
2.12.1805: Napoleons Armeen gewinnen die Schlacht bei Austerlitz, womit er die französische Vorherrschaft auf dem Kontinent besiegelt
7.7.1807: Frieden von Tilsit zwischen Frankreich, Russland und Preußen
24.6.1812: Französische Truppen überschreiten die Memel; der Russlandfeldzug beginnt
11.4.1814: Napoleon dankt ab, nachdem alliierte Truppen Paris eingenommen haben
4.5.1814: Napoleon landet im Exil auf der Insel Elba
1.3.1815: Rückkehr nach Frankreich; Herrschaft der hundert Tage
18.6.1815: Schlacht bei Waterloo
15.10.1815: Napoleon landet in seinem letzten Domizil auf St.Helena
5.5.1821: gestorben in Longwood House, St. Helena |

Museen auf den Spuren der Geschichtevon Anne-Solène Rolland, Übersetzung Sina Tschacher, erschienen am 01.04.2007
Ein historisches Museum? Was ist der Zusammenhang zwischen einem Museum und einer Geschichtsstunde? Da Paris und Berlin derzeitig ihre historischen Museen erneuern, stellt sich die Frage nach der Rolle dieser speziellen Einrichtungen. Im Juni 2006 wurden die ständigen Ausstellungssäle des Deutschen Historischen Museums in Berlin eingeweiht, in Paris eröffnet gerade die Nationalstätte der Geschichte der Immigration (Cité nationale de l’histoire de l’immigration) und demnächst wird das Museum der Geschichte Frankreichs (Musée de l’histoire de France) in den französischen Staatsarchiven eröffnet. Alle diese Einrichtungen zeigen den Besuchern die Geschichte ihres Landes. Wie und warum tun sie das? Gibt es Unterschiede zwischen Paris und Berlin hinsichtlich der Geschichtsdarstellung?
Auf den Spuren der deutschen Geschichte im Deutschen Historischen Museum Das Deutsche Historische Museum (DHM) öffnete im Juni 2006 die Säle seiner ständigen Ausstellung. Gegründet wurde das DHM 1987, reif für Besucher wurde es allerdings erst nach dem Jahr 2000. Ab 2003 zeigte es zunächst wechselnde Ausstellungen. Seit Juni 2006 ist nun seine ständige Ausstellung von Neuem für die Öffentlichkeit zugänglich. Der erste Teil vermittelt unter dem Titel »Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen« auf zwei Etagen einen Überblick über die deutsche Historie, von der Frühgeschichte bis zur Wiedervereinigung. Eine räumliche Installation, in warmen Farben gehalten, bezieht den Besucher manchmal mit ein – lädt ihn ein, zusätzliche Informationen oder Gegenstände in Schubladen zu entdecken, Reden anzuhören, sowie Filmausschnitte, Kunstwerke, Alltagsgegenstände und Archivdokumente zu betrachten. So werden die großen Etappen der deutschen Geschichte nachgezeichnet. Beim Gang durch die verschiedenen Säle sieht man die Geschichte, wie in einem Geschichtsbuch, nur eben dreidimensional, an sich vorbeiziehen. Man erfährt hier vor allem viel über die Entstehung der Nation und der deutschen Identitäten im Laufe der Jahrhunderte sowie über den Platz Deutschlands in Europa und der Welt. Scheinbar hat man leicht zugängliche Objekte für die Ausstellung ausgewählt: Modelle von mittelalterlichen Städten, Malereien von Schauplätzen des Dreißigjährigen Krieges, dreidimensionale Gegenstände wie etwa die Skulpturen bedeutender Persönlichkeiten oder deren Besitztümer, führen den Besucher durch die deutsche Geschichte. Jeder kommt auf seine Kosten. Man wollte hier kein Museum ausschließlich für Historiker schaffen, sondern die Geschichte eines Landes, seiner Kultur und seiner Einwohner für jedermann, ob Deutscher oder Ausländer, verständlich darstellen.
Der Historiker und Schriftsteller Golo Mann (1909–1994) sagte: »Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht in den Griff bekommen.« Diese Geschichte lebendig werden zu lassen, ist also eine wichtige Aufgabe, die die Museen erfüllen müssen. Durch die Ausstellungsstücke ist das Museum in der besonderen Lage, die Geschichte sichtbar und greifbar zu machen. Ebenso wenig wie ein Historiker darf ein Museum sich mit einer linearen und lediglich die Ereignisse schildernden Darstellung der Geschichte zufriedengeben. Daher stellt das DHM in seiner chronologischen Darstellung eine gewisse Anzahl an Fragen und schneidet heikle Themen an: Die Texte über den Imperialismus des Deutschen Reichs am Ende des 19. Jahrhunderts sind sehr deutlich und schrecken nicht davor zurück, von dem Völkermord an den Hereros 1905 in Namibia zu berichten. Auch der Expansionswille Napoleons wird nicht ausgespart. Es geht darum, dem Besucher zu zeigen, dass Geschichte nicht nur aus Fakten besteht, sondern abhängig ist von der jeweiligen Deutung, die man aus ihr zieht und dem Blickwinkel, aus dem man sie betrachtet. Es ist also jedem selbst überlassen, über die bloßen Fakten hinauszugehen, ihren Sinn zu hinterfragen und manchmal eine bestimmte Sicht der Dinge anzuzweifeln. Ein historisches Museum darf Themen, die verärgern, nicht umgehen. Mit der Eröffnung eines Rundgangs zum Thema Zeiten und Territorien versucht das zukünftige Musée de l’histoire de France in Paris eben diesem Anspruch gerecht zu werden.  |  | |
Im künftigen Museum der Geschichte Frankreichs: Frankreich, was ist das? Das Museums der Geschichte Frankreichs wird voraussichtlich 2008 oder 2009 erneut seine Türen inmitten der französischen Staatsarchive öffnen. So wie der Geschichtsunterricht auf beiden Seiten des Rheins unterschiedlich ist, wählte auch das Pariser Museum eine andere Herangehensweise an die Geschichte als das DHM in Berlin. Ariane James-Sarazin, Direktorin des Museums der Geschichte Frankreichs, erklärt, dass es eher darum ginge, die Archivdokumente und die Arbeit der Historiker zur Geltung zu bringen, als in linearer Weise die französische Geschichte zu erzählen. Eine thematische Darstellung werde daher bevorzugt. Die erste Abteilung »temps et territoires« (»Zeiten und Territorien«) setzt sich mit dem Begriff der französischen Identität auseinander, die zweite befasst sich mit den »mémoires« (»Erinnerungen«) und nationalen Mythologien rund um Figuren und sinnbildliche Gegenständen aus Frankreich. (Man findet hier vor allem Marianne, Jeanne d’Arc, Vercingetorix, den Bezwinger der Römer.) Schließlich wird in einer letzten Abteilung, der »fabrique de l’histoire« (»Geschichtsfabrik«), auf die Arbeit der Historiker und die Bedeutung der geschichtlichen Quellen eingegangen.
Dieser Ansatz wurde gewählt, da das Museum zu den Staatsarchiven gehört und die Bedeutung der Archive illustrieren soll. Auf diese Weise will man einem breiten Publikum die Rolle und den Wert einer derartigen Einrichtung, die oft als verstaubt angesehen wird, verständlich machen. Ariane James-Sarazin betont, das Museum solle zeigen, dass die Archive nicht nur ein Ort der Aufbewahrung alter Dokumente seien, sondern einen zentralen Platz in der Forschung und dem Wissen über die französische Geschichte und Identität einnehmen. Es handelt sich also, im Gegensatz zu dem Berliner Museum, um einen sehr dokumentarischen Ansatz. Historiker würden sicherlich eher für die zweite Herangehensweise Partei ergreifen, da diese besser mit den geschichtswissenschaftlichen Problematiken und dem aktuellen Stand der Forschung zu verbinden ist. Dem DHM könnte man vorhalten, dass es eine sehr banale Annäherung an die Geschichte zeige und sie als eine unabänderliche Tatsache präsentiere, die sich nur wenig dem aktuellen Forschungsstand anpasse. (Nach der Eröffnung des DHM kritisierten tatsächlich einige Historiker und Journalisten diesen Punkt.) Vom Standpunkt des Publikums aus erscheint dieser lineare Ansatz jedoch leichter zugänglich. Er basiert auf den Kenntnissen der Geschichte. In beiden Fällen wurde die Aufgabe erfüllt, den Besucher für seine eigene Geschichte zu sensibilisieren. Die Geschichte aus der Sicht Frankreichs und Deutschlands Die unterschiedliche Herangehensweise sollte jedoch nicht als typisch französisch oder typisch deutsch gewertet werden. Es handelt sich vielmehr um zwei unterschiedliche Ansätze von Museumskundlern, Historikern und jenen, die ein Museum konzipieren. Die beiden Institutionen sind Teil zweier ganz unterschiedlicher Museumslandschaften. Das DHM in Berlin ist von einer Fülle von Museen und Gedenkstätten umgeben, die sich mit der einen oder anderen Seite der Geschichte befassen. Die meisten widmen sich dem 20. Jahrhundert, was in einer Stadt wie Berlin absolut selbstverständlich ist. Wer sich also über die Geschichte informieren will, kann dies in der deutschen Hauptstadt ohne Probleme tun.
In Frankreich dagegen widmete sich lange Zeit keine einzige Einrichtung der Geschichte selbst. Einige Museen zeigen zwar spezifische Aspekte der französischen Geschichte, wie etwa das Armeemuseum in Paris oder die Gedenkstätte in Caen. (Sie beschäftigt sich mit der Landung der Alliierten in der Normandie im Zweiten Weltkrieg, Anm. d. Übers.) Keine Institution hat jedoch bisher die Geschichte Frankreichs in ihrem Ganzen dargestellt. Auf einmal wurde nun das Fehlen historischer Museen als untragbar empfunden. Neben dem Musée de l’histoire de France öffnet die Cité nationale de l‘histoire de l’immigration, die sich der französischen Identität aus dem Blickwinkel der Vielfältigkeit widmet.
Was sagt uns dieser Unterschied über die beiden Länder? Dass Deutschland, insbesondere in Berlin, einen sehr starken Bezug zu seiner Geschichte hat, und mit allen Mitteln zu zeigen versucht, dass es diese schmerzhafte Geschichte reflektiert. Was nicht heißen soll, dass es nicht manchmal heikel ist, gewisse Themen einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren, wie etwa die Geschichte der DDR (mit der sich die Museen oft nur teilweise auseinandersetzen) oder die schwere Zeit des Terrorismus der Roten Armee Fraktion. Demgegenüber ist Frankreich eventuell weniger empfindlich, solange es um seine jüngste Geschichte geht und heikle Themen ausgespart werden, die Frankreich nur ungern erörtert. Dennoch umfasst die Illustration der französischen Geschichte in einem historischen Museum auch notwendigerweise die Erwähnung der Kolonisierung, des Algerienkrieges und der Kollaboration mit den Nazis. Bleibt zu hoffen, dass dies die Cité nationale de l‘histoire de l’immigration und das Musée de l’histoire de France nicht versäumen werden.
(Dank an Ariane James-Sarazin, Konservatorin des Kulturerbes, Direktorin des Musée de l‘histoire de France der Archives nationales, für die wertvollen Informationen über das künftige Museum.)
Weitere Informationen:
In Berlin Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin www.dhm.de, sehr informative Seite (siehe vor allem die Rubrik über die Ausstellungen) Der Ausstellungskatalog: Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen, auch auf Französisch erhältlich.
Denkmal für die ermordeten Juden Europas: http://www.stiftung-denkmal.de/www.stiftung-denkmal.de
In Paris Musée de l‘histoire de France, 60 rue des Francs-Bourgeois und 87 rue vieille du Temple, im dritten Arrondissement www.archivesnationales.culture.gouv.fr Rubrik »Kulturelle Veranstaltungen und Bildung« (»action culturelle et éducation«). Bis zu seiner vollständigen Wiedereröffnung zeigt das Museum wechselnde Ausstellungen über Aspekte der französischen Geschichte; siehe dazu die Rubrik »expositions« (»Ausstellungen«) auf der Homepage.
www.histoire-immigration.fr, die Homepage der Nationalstätte der Geschichte der Immigration
www.memorialdelashoah.org
Fotos:
DHM von Mazbln unter http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutsches_Historisches_Museum.JPG
Musée d'histoire de France von fredpanassac unter http://www.flickr.com/photos/10699036@N08/2300140845/ 
Die Multiperspektivität der Geschichtevon Thomas Körbel, erschienen am 15.02.2007
Geschichte als wissenschaftliche Disziplin ist nicht bloß eine auf Daten und Fakten basierende Lehre, sondern immer auch eine Frage der Perspektive, stets beeinflusst von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen. So hat der französische Kaiser Napoleon Bonaparte einmal gesagt: »Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.« Dahinter verbirgt sich der Gedanke, dass Geschichte in der oftmals kriegerisch geprägten Vergangenheit immer eine Darstellung der Sieger auf der einen Seite und der Verlierer auf der anderen Seite enthält. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Wahrnehmung der Geschichte und ihre Auslegung so vielfältig sind wie die nationalen Gesellschaften, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet haben.
Genau an diesem Punkt hat das Deutsch-Französische Jugendparlament angeknüpft, als es im Rahmen der Feierlichkeiten des 40-jährigen Bestehens des Elyséevertrages 2003 per Resolution die Idee eines Deutsch-Französischen Geschichtsbuches einbrachte. Bis heute ist es der einzige Vorschlag des Jugendparlaments, der in die Tat umgesetzt wurde. Im Juli 2006 ist das Buch Histoire/Geschichte – Europa und die Welt 1945 im Klett- beziehungsweise im Nathanverlag beiderseits des Rheins erschienen und wird seit Beginn des laufenden Schuljahres im Unterricht eingesetzt.
Laut Gérald Chaix, Mitglied der Expertenkommission, die sich mit der inhaltlichen Erarbeitung des Buches befasst hat, gibt es vier Dimensionen, die das Projekt zu einem »erfolgreichen und bemerkenswerten Geschichtsbuch« machen: eine politische, eine historische, eine organisatorische und eine pädagogisch-didaktische. Politisch gesehen ist das Geschichtsbuch zweifellos ein Pilotprojekt. Die Idee entstand 2003, als sich die aus rund 30 Schülerinnen und Schülern bestehende Bildungskommission des Deutsch-Französischen Jugendparlaments fragten, wieso jedes Land die europäische Geschichte aus einer individuellen Perspektive darstelle. »Einige von uns waren Schüler eines deutsch-französischen Gymnasiums«, erzählt Damaris Braun, die damals dabei war. »Wir hatten immer integrierten Unterricht, hatten aber nie ein passendes Buch dafür. Das war für beide Seiten schwierig«, erklärt sie.
Doch das Einsatzgebiet von Histoire/Geschichte geht klar über vereinzelte deutsch-französische Gymnasien hinaus. Möglichst viele Schüler sollen von dem vergleichenden Ansatz des Lehrbuches profitieren. In allen 16 Bundesländern wie auch in ganz Frankreich wird es angeboten. Das ist ein Novum. Dass stellvertretend die Länder Bayern, Nordrhein Westfalen und Sachsen die Verhandlungen für alle deutschen Bundesländer führen, sei vor allem der Initiative der Franzosen zu verdanken, betont Rudolf von Thadden aus der Expertenkommission.
Ähnliche binationale Ansätze gab es in der Vergangenheit bereits. In den frühen 1930er-Jahren traten daher zunehmend deutsche und französische Intellektuelle in Kontakt miteinander. Unter der Leitung des lothringischen Grafen Jean de Pange (1881–1957) und seines deutschen Historikerkollegen Fritz Kern wurde ein gemeinsames Lehrbuch der deutsch-französischen Beziehungen geplant. »Nachdem zunächst finanzielle Probleme die Planungen verzögert hatten, wurde das Vorhaben 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aufgegeben«, erklärt Privatdozent Dr. Thomas Raithel vom Institut für Zeitgeschichte in München.
In erster Linie sei vor allem eines im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Tatsache gewesen, erläutert Rudolf von Thadden: Zwischen Deutschland und Frankreich herrschten Hass und Feindschaft. Die ist insbesondere auf die Kriegsniederlage Frankreichs gegen Deutschland 1871 zurückzuführen. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich die politischen Rahmenbedingungen geändert. Nach 1945 könne man jedoch nicht von souveränen deutsch-französischen Beziehungen sprechen, meint der emeritierter Professor für neuere deutsche Geschichte an der Universität Göttingen, sondern man müsse die Beziehungen beider Länder eingebettet in einen internationalen Kontext sehen. Beide Länder waren umringt von wahren Siegermächten, vor allem von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. In diesem Zusammenhang hat sich die deutsch-französische Freundschaft entwickelt.  |  | |
Daher sei die Erarbeitung des vorliegenden Bandes, der sich mit der Zeit von 1945 bis zur Gegenwart befasst, verhältnismäßig einfach gewesen. »Der zweite Band wird viel schwieriger, weil es mehr Konflikte zu verarbeiten gibt«, glaubt der Historiker. In diesem Band wird es um das 19. Jahrhundert und die Weltkriege gehen. Für den letzten geplanten Band, der den Zeitraum von der Antike bis zur Französischen Revolution abdecken wird, sieht von Thadden wieder weniger Probleme. »Diese Themen sind zeitlich weit genug entfernt, darüber kann man nüchtern reden«, sagt er.
Für alle drei Bände gilt der gleiche pädagogische Ansatz. Durch Multiperspektivität, durch den Vergleich deutscher und französischer Sicht- und Herangehensweisen, soll bei den Schülern das Bewusstsein für kulturelle und historisch hergebrachte Unterschiede verfeinert werden. Zum Beispiel werden im zweiten Band über das 19. Jahrhundert die radikale Trennung von Kirche und Staat auf französischer Seite sowie das konfessionell stark bipolar geprägte Deutschland ein wichtiges Thema sein. »Wegen dieser unterschiedlichen Entwicklungen ist zum Beispiel die ganze Islamdiskussion anders in beiden Ländern«, begründet der Professor. Hier wird deutlich, wie grundlegend wichtig Histoire/Geschichte für aktuelle Debatten in der Europäischen Union ist.
Ob Histoire/Geschichte eines Tages zu einem Modell für andere länderübergreifende Projekte oder gar für ganz Europa wird, ist ungewiss. Fest steht, dass das Projekt eine Lücke füllt, die bislang schwer zu überwinden schien. Histoire/Geschichte liefert die Erkenntnis, dass es zwar nur eine Geschichte gibt, aber mehrere Herangehensweisen und vermag damit Brücken zu schlagen, die für das Verständnis zweier Völker wie für das Entstehen einer europäischen Öffentlichkeit im habermassschen Sinn richtungweisend sind.
Siehe auch den Artikel der Rubrik Gesellschaft » Bildung 
Zur weiterführenden Lektüre
Jean-Claude Delbreil; Les catholiques français et les tentatives de rapprochement franco-allemand (1920-1933); Metz; 1972
Dossier : Gemeinsames Geschichtsbuch ; in: Dokumente, Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog; Ausgabe 5; Bonn; Oktober 2006
Internetlinks
Auftritt des deutsch-französischen Geschichtsbuches im Klettverlag www.histoiregeschichte.com mit einem Forum zum Austausch über das Werk. | Dieser Artikel als Hördatei (2,5MB) (QuickTimePlayer»Download), (WindowsMediaPlayer»Download) |
Die Entstehungsgeschichte des deutsch-französischen GeschichtsbuchsIdee: Initiative des deutsch-französischen Jugendparlaments anlässlich des 40. Jubiläums des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags (Elysée-Vetrag)
Deutsch-französische Projektleitung: Dr. Ilas Körner-Wellershaus, Ernst Klett Schulbuchverlag und Françoise Fougeron, Nathan
Herausgeber: Guillaume Le Quintrec, Dr. Peter Geiss
Autoren: Ludwig Bernlochner, Lars Boesenberg, Michaela Braun, Dr. Peter Geiss, Claus Gigl, Daniel Henri, Enrique Leon, Mathieu Lepetit, Guillaume Le Quintrec, Bénédicte Touchebœuf
Organisation: Arbeit in deutsch-französischen Zweierteams
Datum Start / Ende der Redaktion: Erstes Treffen der Autoren und Herausgeber am 16. April2005 in Paris. Jeweils zwei Kapitel wurden gemeinsam erstellt. Die Kapitel wurden von jeweils einem Autoren verfasst und vom Tandempartner beratend korrigiert – und anders herum. Im Dezember 2005 wurde die erste Fassung der eigens für das Projekt gebildeten deutsch-französischen Expertenkommission vorgelegt.
Erscheinungstermin: 10. Juli 2006
Zielgruppe: Gymnasiale Oberstufe (11.–13. Klasse) auf deutscher Seite und Classe de terminale auf französischer Seite
Auflage: Die erste Auflage bestand aus 30.000 deutschen und 20.000 französischen Exemplaren und war schnell vergriffen; seit Dezember 2006 ist die zweite Auflage auf dem Markt.
Kosten: in Deutschland: 25 Euro, in Frankreich: 26 Euro – im Buchhandel erhältlich
Fotos: Ernst Klett Schulbuchverlag |

Am Anfang war es Käsevon Thomas Körbel, erschienen am 01.01.2007
Gründungstag: Ein schweres Gewitter überzieht am 2. April 1970 die Gemeinde Rosendahl in Westfalen. Nasskalt peitscht der Schneeregen über die Felder. Trotz des Unwetters begibt sich eine kleine Gruppe Männer hinaus auf ein weites Feld, unter ihnen vier Franzosen: ein Bürgermeister, ein Vertreter einer Käsefabrik und zwei Mönche vom Orden der Trappisten. Nichts Besonderes scheint sie hier zu erwarten, doch andächtig pilgert der Trupp an die Stätte, die sie verbinden soll. Rosendahls Bürgermeister Alfons Hullermann reicht in diesem Moment dem französischen Abt Alain Christiaen die Hand: »Eure Väter sind durch jede der Straßen dieser Dörfer gegangen, wisst Pater, Ihr seid hier bei Euch.« »Das Andenken an Rosendahl ist in meinem Kloster immer lebendig geblieben«, entgegnet Abt Christiaen auf die freundliche Geste des Bürgermeisters. »In der klösterlichen Sprache sagen wir, dass die Abtei Port-du-Salut Tochter von der in Rosendahl ist. Durch die freundschaftliche Vereinigung von Entrammes und Rosendahl werden wir Brüder. Das ist eine große Familie, finden Sie nicht?« Gemeinsam begründen sie an diesem stürmischen Tag im Jahre 1970 die Städtepartnerschaft zweier Orte: dem westfälischen Rosendahl und dem nord-west-französischen Entrammes, gelegen in der Region Pays de la Loire. Heute, 36 Jahre später, führt diese Städtepartnerschaft jedes Jahr immer noch hunderte Deutsche und Franzosen zusammen und betreibt dabei auch einen regen Jugendaustausch. Das Besondere: Rosendahl und Entrammes haben im Jahre 1970 nicht nur offiziell, wie so viele andere, eine deutsch-französischen Städtepartnerschaft geschlossen. Es ist auch die allererste, die auf Grundlage einer historischen Verbindung zu Stande kam, die darüber hinaus bereits mehrere Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückreicht, urteilt 1973 Robert Clément, Direktor des Deutsch-Französischen Jugendwerks.
Doch wie fing alles an? Und welche Rolle spielen hierbei die französischen Mönche und der Käse? Zu verdanken ist die Schließung der Städtepartnerschaft vor allem dem Engagement und den historischen Nachforschungen eines Rosendahler Dorfschullehrers, Franz Allkemper. Auslöser für seine Reise in die Vergangenheit war ein Artikel, der 1968 im Käseblatt erschien, das, wie der Name besagt, für Käse wirbt. Darin war von den Ursprüngen des Rezepts des in Rosendahl beliebten französischen Käses Port Salut die Rede. Die darauf folgenden Erkundungen des Dorflehrers auf den Spuren des Käses führten 216 Jahre zurück in die Wirren der französischen Revolution: Es ist die Geschichte des katholischen Mönchsordens der Trappisten, heute des Ordens der Zisterzienser von der strengen Observanz (OCSO). Diesem französischen Orden, der sich in Rosendahl niederließ und dabei auch den Käse Port Salut in den Ort brachte, ist die historische Verbindung der zwei Gemeinden, die zu der heutigen deutsch-französischen Städtepartnerschaft führte, zu verdanken
So ähnlich wie der französische Abt Christiaen den Ort Rosendahl bei der zu Anfang beschriebenen Szene der Städtepartnerschaftsbeschließung im Jahre 1970 vorfand - eine weite Wiese mit ein paar Bäumen auf einer hügeligen Erhebung - müssen ihn auch seine Vorgänger vor über zweihundert Jahren zum ersten Mal erblickt haben. Hier erbauten drei Trappisten unter der Führung von Eugène Bonhomme de Laprade ein Kloster. Sie nennen es Maison-Dieu de Notre Dame de la Trappe de l’Eternité – gebaut für die Ewigkeit nach jahrelanger Fahrt und Flucht. Es ist die allererste französische Ordensnierderlassung der Geschichte in Deutschland. Welche verschlungenen Pfade führten den Mönch Laprade und seine Gefolgsleute nach Westfalen?  |  | |
Der 19. Februar 1790, im Folgejahr der Revolution, ist ein schicksalsträchtiger Tag für die französische Geistlichkeit. Per Gesetz verbietet die französische Nationalversammlung klösterliche Gelübde. »Es war das Ende der religiösen Orden im revolutionären Frankreich, Klosterinsassen sollten säkularisiert werden«, erklärt Gérard Dubois, Archivist des OCSO. Rund 70.000 Angehörige des Klerus begeben sich auf die Flucht. Auch das Kloster La Trappe in der Normandie bleibt nicht verschont. Novizenmeister Augustin de Lestrange erkennt die Gefahr und erhält 1791 die Erlaubnis, mit 24 Mönchen – keinem mehr – ins Asyl in das leer stehende Kloster La Valsainte im Schweizer Kanton Freiburg, zu ziehen. Da sich die Kunde von dem sicheren Hafen schnell herumspricht, wächst die Gemeinde, und das einzige Mittel, die Schweizer Behörden zu beruhigen, ist die Gründung neuer Niederlassungen im Ausland. Lestrange schickt im August drei Mönche nach Kanada aus, unter ihnen Eugène de Laprade. Niemals gelangen die drei Mönche nach Kanada. Stattdessen gründen sie 1794 bei Westmalle das erste Trappistenkloster in Flandern »Dort konnten sie aber nur drei Wochen bleiben«, so der Archivist des OCSO Dubois. Als französische Truppen in Belgien vorrücken, fliehen sie nach Westfalen, wo ihnen Freiherr Adolf Heidenreich Droste zu Vischering mit einer Schenkung die Möglichkeit einer Bleibe in Rosendahl gewährt.
Das Kloster wächst und gedeiht. Abhängig von Lestrange und seinem Schweizer Kloster La Valsainte wird es zu Lestranges Aushängeschild und Geldquell, das die Rosendahler Mönche vor allem durch die Herstellung von Käse und durch die Gründung einer Internatsschule verdienen. Politik und Volk in Westfalen tolerieren das Rosendahler Kloster über die Jahre, wenn auch mit wenig Enthusiasmus, »nicht zuletzt aufgrund der Lehrtätigkeit der Trappisten«, begründet Wilhelm Knoll, lokaler Fachmann in Klostergeschichte. Laprade, seit 1808 offiziell Abt des Rosendahler Klosters, führt es mit Besonnenheit und Herz. »Von einer Güte ohne Beispiel lebte er nur für seine Mönche, die er liebte mit aller Zärtlichkeit einer Mutter«, charakterisiert ihn Baron Ferdinand de Géramb, ein französischer Adeliger und Mönch, der 1815 einige Monate in Rosendahl verbringt.
Allerdings geht es nicht allen Trappisten so gut wie denen in Rosendahl. Als im Januar 1798 französische Truppen auch in die Schweiz einziehen, bietet ihnen La Valsainte kein sicheres Asyl mehr. Lestrange führt 254 Menschen quer durch Europa, bis er für sie ein neues Asyl in Russland findet. Doch auf Drängen Napoleons weist Zar Paul I sie bereits ein Jahr später wieder aus, und die Suche nach einem Zuhause geht weiter. Schließlich findet eine Gruppe von Ordensschwestern aus La Valsainte bei ihren Ordensbrüdern in Rosendahl Zuflucht. Ein Nonnenkloster wird gegründet: die Maison-Dieu de Notre Dame de la Miséricorde und Rosendahl wächst weiter.  |  | |
Einige Jahre währt das Glück. Der endgültige Sturz Napoleons 1815 bringt die Wende. Erfüllt vom Wunsch, wieder in Frankreich in Freiheit leben und glauben zu können, brechen sie ihre Zelte in Rosendahl ab. Laprade erhält das Angebot aus der französischen Stadt Laval, ein ehemaliges Priorat im nahe gelegenen Dorf Entrammes am Ufer der Mayenne neu zu begründen. Am 21. Februar 1815 ziehen neun Mönche, geführt von Bernard de Girmont, einem Freund Laprades, in das erste Kloster auf französischem Boden seit der Revolution ein und nennen es Maison-Dieu de Notre Dame de Port-du-Salut – der rettende Hafen. Seitdem leben und arbeiten die Mönche in Entrammes, und geblieben von ihrer westfälischen Vergangenheit sind ihnen nur die Erinnerung und ein Käserezept, das Rezept des bekannten Port Salut, dem Urkäse der Trappisten. Das Kloster in Rosendahl jedoch fällt an den Schenker zurück, der es 1825 leider dem Erdboden gleich macht.
»Die Geschichtsschreibung zeigt, dass die Rosendahler schon wenige Monate später die Anwesenheit der Trappisten vollkommen verdrängt hatten«, erläutert Knoll, vom Katasteramt des Kreises Coesfeld in Westfalen. Und so denkt in Rosendahl 160 Jahre später niemand mehr an dieses Kapitel der Vergangenheit. Erst der Artikel im Käseblatt ruft die Erinnerung wach. Dorflehrer Franz Allkempers Bemühungen tragen schließlich Früchte und schon bald steht die Abordnung aus Entrammes an dem Ort, an dem unsere Geschichte im nasskalten Schneeregen begann. Am 4. Oktober 1970 kam es zur feierlichen Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages im Rosendahler Schloss der Familie Droste zu Vischering. Im vergangenen Jahr 2005, zum 35jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft, betraten erstmals seit Vertragsunterzeichnung wieder Rosendahler das Kloster Port-du-Salut, im französischen Entrammes, in dem die historischen Wurzeln der Städtepartnerschaft schlummern.
Zur weiterführenden Lektüre
Comitée du Jumelage Entrammes; Histoire de 30 ans de jumelage; Entrammes; 2001
Garwers; Chronik der Gemeinde Darfeld; Coesfeld; 1982; S.180ff
Knoll, Wilhelm; Zur Geschichte der Darfelder Trappistenklöster; in: Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld 7; 1982; S.55ff
Laffay, A.-H.; Dom Augustin de Lestrange et l'avenir du monachisme; Cerf; 1998
Monasticon Westfaliae (Westfälisches Klosterbuch); Band I; 1988
www.ocso.org
www.portdusalut.com
www.abbaye-coudre.com
www.abbayes.net
www.rosentrammes.fr
Die TrappistenDer Orden der Trappisten ist ein im 17. Jahrhundert entstandener Reformzweig des Zisterzienserordens. Seinen Anfang nahmen diese Reformen im Zisterzienserkloster La Trappe in der Normandie. Armand Jean Le Bouthillier de Rancé, seit dem 14. Juli 1664 Abt von La Trappe, trieb die Reformbewegung in dem Bewusstsein der Notwendigkeit der Buße voran. Selbstverleugnung, Demut und Askese lauteten die Grundprinzipien de Rancés, die sich unter anderem in Abstinenz- und Schweigeregeln, harter Arbeit und Ablehnung wissenschaftlicher Studien äußerte. Andere Klöster übernahmen diese Regeln.
Als die Mönche 1791 aus La Trappe unter der Führung des Novizenmeisters Augustin de Lestrange vor der Französischen Revolution in die Schweiz flüchteten, begannen sich die Regeln de Rancés auch in Europa weiter auszudehnen. Lestrange selbst führte aus dem Schweizer Exil im Kloster La Valsainte die Reformbewegung fort und veröffentlichte 1794 die Règlements de la Valsainte, die die Lebensgewohnheiten der Mönche in La Valsainte beschrieben. Mit der Gründung neuer Klöster und der Flucht quer durch Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts breiteten sich auch die Regeln Lestranges aus.
1847 teilt Papst Pius IX. die Reformierten Zisterzienser in zwei Kongregationen auf: eine folgte den Regeln de Rancés und die andere den Grundsätzen Lestranges. 1892 führte Papst Leo XIII. beide Kongregationen in einem gemeinsamen Orden zusammen, dem Orden der Reformierten Zisterzienser. Seit 1903 lautet die offizielle Bezeichnung Orden der Zisterzienser von der strengen Observanz (OCSO für lateinisch Ordo Cisterciensis Strictioris Observantiae). Im Volksmund nennen sie sich weiterhin Trappisten in Erinnerung an das Kloster La Trappe, in dem alles begann.
Heute zählt der Orden 2248 Brüder und 1758 Schwestern in 173 Klöstern. Ihre Ordenskleidung besteht aus einem weißen Gewand mit Ledergürtel und schwarzem Schulterkleid sowie einer weißen Mönchskutte. |
ZeittafelEnde 17. Jh. Ein reformierter Zweig des Zisterzienserordens entsteht unter der Leitung von Armand Jean Le Bouthillier de Rancé, Abt im Kloster La Trappe, Normandie.
19.2.1790 Die französische Nationalversammling erlässt ein Dekret, das klösterliche Gelübde verbietet
Mai 1791 Augustin de Lestrange zieht mit 24 Mönchen aus La Trappe ins Asyl
1.6.1791 Einzug der 24 Mönche in das ehemalige Karthäuserkloster La Valsainte, Schweiz
August 1793 Auszug dreier Mönche aus Valsainte zur Neugründung in Kanada, darunter Eugène Bonhomme de Laprade
6.6.1794 Gründung von Notre Dame de Sacré Cœur de Jezus bei Westmalle, Flandern
26.6.1794 Einmarsch französischer Truppen in Belgien und Flucht der Trappisten
16.10.1795 Gründung des ersten Trappistenklosters in Deutschland in Rosendahl, Westfalen
Januar 1798 Einzug französischer Truppen in die Schweiz; Trappisten verlassen La Valsainte in Richtung Russland
März 1800 Zar Paul I. weist sie aus dem neuen Asyl aus; Flucht nach Amerika und Rosendahl
28.12.1800 Gründung der Maison-Dieu de Notre Dame de la Miséricorde in Rosendahl
6.6.1806 Laprade wird Abt des am 21.8.1808 offiziell aus der Anhängerschaft Valsaintes erhobenen Klosters in Rosendahl
24.7.1811 Aufhebung aller Trappistenklöster im napoleonischen Herrschaftsgebiet
1813 Münsterland frei von französischer Herrschaft; kurze Rückkehr Laprades
21.2.1815 Laprade gründet erstes Kloster in Frankreich seit der Revolution in Entrammes
16.6.1816 Tod Laprades
1816 Gründung des Nonnenklosters St. Cathérine in Laval durch Rosendahler Schwestern; Name heute: Abbaye de la Coudre
1825 Abriss des ehemaligen Klosters in Rosendahl
bis Juli 2005 Der Käse Port Salut erfreut sich großer Popularität und wird in der Klosterfabrik am Ufer der Mayenne hergestellt
seit 1903 Umbenennung in Orden der Zisterzienser von der strengen Observanz
Fotos: Thomas Körbel, Archiv der Gemeinde Rosendahl |

Die Frauenkirche wird wieder eröffnetvon Charlotte Noblet, Übersetzung Hermann Grampp, erschienen am 01.11.2005
Nach 13 Jahren des Wiederaufbaus hat der religiöse Bau, der nach dem Luftangriff auf Dresden im Februar 1945 ausgebrannt war, seine einstige Silhouette wieder erhalten und appelliert nun an Frieden und Vergebung.
Einige 100 000 Besucher fanden sich am Sonntag, den 30. Oktober 2005, in Dresden ein, um der Wiedereröffnung der wichtigsten protestantischen Kirche Deutschlands beizuwohnen. Empfangen wurden sie von der Sächsischen Posaunenmission aus Radeberg, die von der Kuppel herab ihre Instrumente erklingen ließ. Seit den frühen Morgenstunden haben sich die Besucher um die Frauenkirche versammelt, auf dem Marktplatz, der immer noch weitestgehend Baustelle ist. »Wir haben die Wiederaufbauarbeiten von Anfang an verfolgt und wollten bei der Weihe der Kirche unbedingt dabei sein«, kommentiert eine Familie aus Frankreich, die aus diesem Anlass eigens aus Straßburg angereist ist. »Wir haben die Hotelzimmer ein Jahr im Voraus reserviert. Da war einiges an Planung notwendig!«, erklärt die Mutter der Familie.  |  | |
Die einen sind gekommen, um den Verantwortlichen der Bombardierung von Dresden zu verzeihen, welche in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 die Altstadt in ein Ruinenfeld verwandelt hatte. Die anderen sind gekommen, um den Urhebern des Wiederaufbaus dieses Meisterwerks der Barockarchitektur zu danken. Gemeinsam haben sie dem Weihegottesdienst beigewohnt, die meisten durch Übertragung auf eine Großleinwand, da die Kirche lediglich 1800 Privilegierte aufnehmen konnte. »Es waren viele namhafte Persönlichkeiten anwesend, es herrschte jedoch vor allen Dingen eine besinnliche Stimmung«, verrät eine Bayerin beim Verlassen der Kirche. »Ich bin sehr glücklich, hier zu sein, weil ich nicht glaube, dass ich noch einmal die Gelegenheit haben werde, an der Weihe einer solchen Kirche teilzunehmen«, fügt die junge Frau hinzu. Sie hatte Glück und gewann einen der so begehrten Plätze bei der Verlosung, die für die Spender des Wiederaufbaus organisiert worden war.
Nach der Zeremonie belebte ein kleiner Gospelsong die von Kälte und Emotion leicht benommene Masse wieder, während die Worte des Bundespräsidenten noch in den Köpfen widerhallten: »Hatte nicht Ostdeutschland Straßen, Dächer, Fabriken nötiger als einen teuren Kirchbau? Aber eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürger sagte: Dresden braucht mehr! Und spätestens heute erkennen wir: Diese Bürger hatten Recht!«, unterstrich Horst Köhler.  |  | |
Erst heute, nach dreizehn Jahren des Wiederaufbaus, hat die Dresdner Kirche ihre Silhouette von einst wieder gefunden. Nachdem sie nahezu 40 Jahre lang zur Erinnerung an die »Feuernacht« im Ruinenzustand belassen worden war, wurde sie in den 80er Jahren ein Symbol des Widerstandes gegen das DDR-Regime. Bei der Wiedervereinigung gerieten die etwa 20 000 Kubikmeter Ruinen abermals in die Diskussion: sollten diese verschwinden? Eine Handvoll Dresdner wandte sich entschlossen gegen diese Lösung. So geschah es, dass einer unter ihnen, der virtuose Trompeter Ludwig Güttler, im Jahre 1990 den »Ruf aus Dresden« in die Welt sandte und damit die erste Initiative ins Leben rief, die öffentlich den Wiederaufbau der Frauenkirche forderte.
Ein verrücktes Abenteuer begann: Es mussten nun die Gelder für den Wiederaufbau herbeigeschafft werden. An Einbildungskraft mangelte es den Initiatoren nicht: Niemand hat die Seidentücher mit dem Motiv der von Rosen umrankten Frauenkirche von Frau Biedenkopf vergessen, der Ehefrau des von 1990 bis 2002 amtierenden sächsischen Ministerpräsidenten. In Erinnerung an die Rosen, die auf die Ruine gepflanzt worden waren, um diese zu verschönern bzw. sie unzugänglich zu machen, bot Frau Biedenkopf ihre »Rosentücher« bei jeder Veranstaltung der CDU an. Seit 1997 hat sie auf diese Weise 1,3 Millionen Euro gesammelt, also nahezu ein Prozent der 130 Millionen Euro an privaten Spenden, die für den Wiederaufbau verwendet wurden. Insgesamt waren 180 Millionen Euro notwendig, von denen nur ein Drittel durch öffentliche Gelder abgedeckt war. Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ist daher vor allen Dingen der Initiative der Bürger zu verdanken.
»Es ist beeindruckend, wenn man bedenkt, dass dieses gewaltige Gebäude durch den Willen von Ehrenamtlichen erstanden ist«, freut sich die Großmutter der Straßburger »Wenn man weiß, dass sie bei der Grundsteinlegung nicht einmal sicher sein konnten, ob das Gebäude irgendwann fertig gestellt werde würde, so erscheint nichts mehr unmöglich.«  |  | |
Eine Ausstellung des Dresdner Stadtmuseums zeichnet die Geschichte der Dresdner Frauenkirche nach. Dort erfährt man unter anderem, dass die Kuppel nach den ersten Plänen (1726) aus Holz und nicht aus Stein gebaut werden sollte, da der verantwortliche Architekt des Baus, George Bähr, gelernter Zimmermann war. Aus Sparsamkeitsgründen zog es letzterer jedoch vor, auf Sandstein zurückzugreifen, ein Material aus der Region, das damals nicht viel Geld kostete. Die Bauarbeiten wurden 1743 den Wünschen des fünf Jahre vorher verstorbenen Architekten entsprechend vollendet: Die Frauenkirche schien wie aus einem einzigen Steinblock gefertigt, von den Fundamenten bis zur Spitze. Der Maler Canaletto verewigte ihre Silhouette einige Jahre später. Man nahm unter anderem auch die Gemälde Canalettos zur Hilfe, um die Kirche so wahrheitsgetreu wie möglich zu rekonstruieren. Durch Simulationen der Bombardierung vom Februar 1945 ließ sich weiterhin der ursprüngliche Standort vieler Steine bestimmen, die sich in dem Ruinenschutt befanden. Mehrere Steine des ersten Gebäudes konnten so in die neue Fassade und den Altar eingefügt werden, wodurch dem Gebäude seine Kriegswunden erhalten bleiben. Man sagt sogar, dass ein Mauerstück leicht geneigt sei, wodurch an das Bombardement von 1945 erinnert werde.  |  | |
Die Besucher geben sich nicht damit zufrieden, das Äußere des Gebäudes zu bewundern, sie wollen auch die Innenausstattung entdecken. „Die Anbringung des von den Engländern gestifteten Kreuzes im Scheitelpunkt des Glockenturms im Juni 2004 war ein sehr emotionaler Moment. Dies war bereits ein Appell an Vergebung und Versöhnung“, erklärt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche. Seit eineinhalb Stunden steht die etwa 70-Jährige in der Schlange, um das Innere der Kirche sehen zu können. Alle 20 Minuten betreten mehr als 400 Personen die Kirche, doch die Nachfrage ist groß. »Ich hoffe, ich komme vor der ökumenischen Messe in die Kirche, an der auch der Bischof von Coventry, der englischen Partnerstadt Dresdens, teilnimmt.« Und sie fügt hinzu: »Für mich ist dies alles sehr wichtig, es hilft mir, mit der Geschichte abzuschließen.«
Die Familie aus Straßburg hat ihrerseits beschlossen, ihr Glück in der Nacht zu versuchen, nach einem Konzert in der Semperoper. »Wir hätten sehr gerne am Orgelkonzert in der Frauenkirche am Abend der Weihe teilgenommen, aber alle Karten waren längst ausverkauft«, erzählt die Mutter der Familie. »Das wäre die Gelegenheit gewesen, die neue elsässische Orgel zu hören, die die Dresdner so kritisiert haben, weil die meisten von ihnen einen Nachbau der alten Silbermann-Orgel vorgezogen hätten«, fügt der Vater der Familie mit Nachdruck hinzu.  |  | |
Wie viele Besucher, die eigens wegen der Einweihungszeremonie angereist sind, spaziert die Familie in den Straßen der Stadt, die einst »Elbflorenz« genannt wurde, und erfreut sich an den am Sonntag geöffneten Läden, ein seltenes Ereignis in Deutschland. »Die Anzahl der Baustellen ist beträchtlich. Wir hoffen, dass die Stadt Dresden bereit sein wird, im nächsten Jahr ihre 800-Jahr-Feier zu begehen«, kommentiert die Großmutter. Hier wieder mit von der Partie zu sein, gefiele ihr gar nicht schlecht. Dieser Artikel als Hördatei (3,9MB)

Widerstand im Exil. Die deutschen Widerstandskämpfer in Frankreich während des Zweiten WeltkriegesPauline Grison, Übersetzung Hermann Grampp, erschienen im Juni 2005
Nach einer langen Zeit der Vernachlässigung hat der deutsche Widerstand während des Dritten Reiches seit einigen Jahren einen festen Platz in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkrieges. Und dennoch, die Widerstandsaktivitäten deutscher Staatsangehöriger im Exil, insbesondere im französischen Exil, sind kaum bekannt.
In diesem Jahr der Gedenkveranstaltungen werden aufs Neue zahlreiche Dokumentationen, Reportagen oder Sondersendungen über den Zweiten Weltkrieg ausgestrahlt. Wie stets ist die Themenwahl selektiv und der Diskurs festgefahren. Die Pflicht zur Erinnerung erhebt sicherlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, dies entspricht auch nicht ihrem Wesen. Die Erinnerungsarbeit könnte jedoch andererseits dazu beitragen, einige Aspekte dieses Krieges zu erhellen, die nur selten in den Handbüchern der Geschichte behandelt werden. Zum Beispiel das Schicksal von Deutschen, die in der französischen Résistance aktiv gewesen waren.
Die Vielfältigkeit der Aktionen, die durch die deutschen Emigranten zwischen 1939 und 1944 durchgeführt wurden, ist keineswegs zu vernachlässigen: Militärisches Engagement an der Seite der französischen Widerstandskämpfer, anti-Nazi-Propaganda in literarischen Zeitschriften oder Vereinigungen sowie die Schaffung von politischen Gruppierungen, die eine Alternative zum Dritten Reich darstellten. Von 1933 an wählten zahlreiche deutsche Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler Frankreich als das Land ihres erzwungenen Exils. Die Verteidigung des kulturellen Erbes Deutschlands und die Aufrechterhaltung der von den Nazis mit Füßen getretenen Werte waren das einigende Element, das so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger oder Anna Seghers zusammenbrachte.
Zwei Vorzeige-Organisationen, der Schutzverband deutscher Schriftsteller und der Freie Künstlerbund, unternahmen Informationskampagnen in der französischen Bevölkerung: Dies geschah durch die Schaffung einer Deutschen Freiheitsbibliothek, die die am 10. Mai 1933 von den Nationalsozialisten verbrannten Werke vereinigte, durch die Konzeption einer Ausstellung in Paris über das Dritte Reich, durch die Verteilung von antifaschistischen Flugblättern und Broschüren sowie mit Inszenierungen von in Deutschland verbotenen Theaterstücken.
Die politischen Emigranten wiederum, vor allem der KPD und der SPD, versuchten, aus der Ferne den innerdeutschen Widerstand zu organisieren, indem sie sich an ihre in Deutschland verbliebenen Mitbürger mit Hilfe von »Tarnschriften« wandten, jenen Druckerzeugnissen mit unscheinbarem Titel, die Aufrufe zur Revolte sowie wertvolle Informationen über die Politik des Reiches enthalten.
Der intellektuelle und politische Kampf für das Wiedererstarken eines vom Joch des Nationalsozialismus befreiten Deutschland weitete sich während des Krieges aus, wie das Beispiel Heinrich Manns zeigt, der im September 1939 schrieb: »Meine Erniedrigung ist vollständig, da ich mein Ziel und das der aktiven Opposition nicht erreicht habe, welches in der Beseitigung Hitlers bestand, ehe er seinen Krieg entfachen konnte. (…) Gleichfalls habe ich mich bereit erklärt, meine Aktivität zu intensivieren, im Dienste der französischen Propaganda.« Die antifaschistische Bewegung der deutschen Emigranten in Frankreich wurde hiermit zum Widerstand. Die Kriegserklärung veränderte die Situation der deutschen Emigranten vollständig, da diese als »Bürger eines Feindstaates« nun verdächtig wurden. Während die Festnahmen und Internierungen von Deutschen in den französischen Lagern zunahmen, schwächte ihr Kampf jedoch nicht ab.
Geheime Netzwerke wurden geschaffen, die Aktionen nahmen zu. Das Beherrschen der Sprache der Besatzer machte das Engagement von Deutschen in den geheimdienstlichen und den Propaganda-Tätigkeiten außerordentlich wertvoll. Im Jahre 1940 gründeten die politischen Emigranten die Organisation Travail allemand (TA; Deutsche Arbeit), die für die französische Résistance Spionagemissionen unternahm und innerhalb der Besatzungstruppen anti-Hitler-Propaganda betrieb. Das C.A.L.P.O., Comité Allemagne Libre pour l’Ouest (Komitee Freies Deutschland für den Westen), 1943 von Emigranten jeglicher politischer Couleur gegründet, schuf eine Art subversiver Bewegung inmitten der Truppen des Reiches, informierte die Soldaten dank der Veröffentlichung von geheimen Flugblättern und Broschüren über die tatsächlichen Absichten Hitlers und forderte diese dazu auf, sich für die Befreiung des Vaterlandes zu engagieren. »Franzosen, gebt dieses Flugblatt an einen deutschen Soldaten weiter«, dies waren die Worte, die man auf der zweiten Seite der geheimen Schrift Der Führer spricht lesen konnte.  |  | |
Um den Razzien der französischen Polizei zu entgehen, schlossen sich einige tausend deutsche Emigranten dem Maquis an (Südfranzösische Buschwälder, die den Partisanen der Résistance als Basis dienten) und engagierten sich so im bewaffneten Widerstand. Die ersten Gruppen von Maquisards (Kämpfer im Maquis) in den Cevennen bestanden sogar ausschließlich aus Deutschen, während die Franzosen erst hinzu stießen, als der 1942 in Kraft getretene Service du travail obligatoire (S.T.O.; Obligatorischer Arbeitsdienst ) sie zur Flucht zwang. Sie lernten nun also, gemeinsam zu kämpfen, wobei die Erfahrung der Deutschen, die in ihrer Mehrheit bereits im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten, den jungen französischen Bauern, die im Kampf weniger geschickt waren, zugute kam. Die Rolle der Deutschen im Maquis war fundamental, ebenso in der Geheimorganisation der Franc-Tireurs Partisans – Main d’Oeuvre Immigrée (F.T.P.-M.O.I.; Freischärler Partisanen – immigrierte Arbeitskräfte ). Zusammen mit anderen ausländischen Widerstandskämpfern intensivierten sie Sabotageakte, Munitionsplünderungen sowie Attentate gegen die Wehrmacht.
Man muss sich für einen Moment die Situation dieser Männer vor Augen halten, die hier als Feinde, dort als Verräter betrachtet wurden. Während die Franzosen hoffen durften, im Falle einer Verhaftung zu überleben, so gab es für die Deutschen keinerlei Hoffnung. Ein jeder kannte das Schicksal, das einem Vaterlandsverräter vorbehalten war. Wo die Franzosen sich für die Befreiung ihres Landes einsetzten, so kämpften die Deutschen gegen ihr Heimat. In Nîmes waren es drei Deutsche, die im Maquis der Cevennen gekämpft hatten und anlässlich der Befreiung der Stadt im Jahre 1944 den Festzug anführten. Das C.A.L.P.O. wurde im Frühling 1944 als Organisation des französischen Widerstands anerkannt. Zu Recht, denn wenn die Anzahl ihrer Mitglieder auch gering war, so war der Symbolwert groß.
In einer Nationalgeschichte werden bedeutende Leistungen von ausländischen Bürgern nur selten berücksichtigt. Endlich die Geschichte der Deutschen anzuerkennen, die von Frankreich aus für die Rettung ihres eigenen Vaterlandes gekämpft haben, ebenso aber diejenige der Österreicher, der Italiener, der Spanier oder der Polen, die sich in der französischen Résistance engagiert haben, hieße die Normen einer nationalen Geschichtsschreibung zu sprengen, um sich letztendlich auf den Weg zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur zu begeben. Dies kann nur allzu entschlossen unterstützt werden.
Zur weiterführenden Lektüre Badia G., Joly J-B et alii, Les bannis de Hitler, accueil et lutte des exilés allemands en France, 1933–1939, Presses universitaires de Vincennes et Etudes et Documentation Internationales, Paris, 1984. ISBN : 2-85139074-0. Grandjonc J., Grundtner T., Zone d’ombre (1933-1944), Editions Alinéa, Aix-en-Provence, 1990. ISBN : 2-90463193-3. Joutard P., Marcot F. (dir.), Les étrangers dans la Résistance en France, catalogue de l’exposition du Musée de la Résistance et de la déportation, 1992. ISBN : 2-906778-01-X. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, www.gdw-berlin.de, http://resistanceallemande.online.fr
Foto von Paris, August 1944, Befreiung, collection André Gandner, Mémorial Leclerc/Musée Jean Moulin, Ville de Paris, www.paris.fr Fotos von Aufmarsch in Nîmes, Broschüre Der Führer spricht, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin: www.gdw-berlin.de; Dieser Artikel als PDF in beiden Sprachen Exil.pdf (AdobeReader»Download)
Die Résistance in Abkürzungen:F.T.P.-M.O.I.: Franc-Tireurs Partisans – Main d’Oeuvre Immigrée (Freischärler Partisanen – immigrierte Arbeitskräfte), eine Geheimorganisation, die im Jahre 1941 zum großen Teil von Kommunisten aus verschiedenen Teilen Europas gegründet wurde; Engagement in der französischen Résistance, insbesondere durch Sabotageakte
TA: Travail allemand (Deutsche Arbeit), eine Organisation, die Deutsche und Österreicher jeder politischen Richtung vereinigte und als Vorgehensweise hauptsächlich die geheime Aktivität im Innern der deutschen Truppe betrieb
C.A.L.P.O.: Comité Allemagne Libre pour l’Ouest, (Komitee Freies Deutschland für den Westen), die im Zuge des Moskauer Comité National de l’Allemagne Libre (Nationalkomitee des Freien Deutschland) im Jahre 1943 gegründet wurde; hauptsächlich Verbreitung von geheimen Schriften, Zeitungen und Flugblättern, nach dem Krieg Teilnahme an der politischen Umerziehung in den deutschen Kriegsgefangenenlagern |

»Ich hatte mich dafür entschieden, für die mir anvertrauten Menschen da zu sein«Interview von Johanna Heinen, erschienen im Juni 2005
Der heute 94-jährige Dr. phil. Walter Dietsch ist ein sehr lebensfroher Mann. Stets verbirgt sich ein kleines Schmunzeln auf seinem faltigen Gesicht. Trotz seines hohen Alters ist er immer noch sehr aktiv in der Bremer St. Petri Gemeinde, in der er 35 Jahre lang als Dompfarrer tätig war. Zudem hat er die Gabe, sein Umfeld durch seine Erzählkünste zu begeistern. Dennoch war das Leben für ihn meist nicht einfach. In seiner Amtszeit hat er die Schrecken des NS-Regimes miterlebt. Sehr nachdenklich und schwermütig wird er, als er aus seinen Erinnerungen erzählt. Dennoch ist es für ihn sehr wichtig, als einer der wenigen Überlebenden seiner Generation zu berichten, was damals geschah.
Herr Dietsch, für junge Menschen ist es sehr schwierig, sich das Leben unter dem NS-Regime vorzustellen. Inwieweit war eine offene Kritik oder gar ein Widerstand überhaupt möglich?
Ich selbst wurde zwei Jahre lang jeden Sonntag von der Gestapo im Dom observiert, die meine Predigt genau verfolgte und sich Notizen machte. Kritik auszuüben war äußerst heikel, denn sie konnte das Leben kosten. Zum Beispiel saß ein Bekannter von mir in einer Kneipe, als ein SA-Mann hereinkam und mit »Heil Hitler« grüßte. Anstatt den Gruß zu erwidern, sagte dieser: »Ist er denn krank?« Tags darauf kam er in ein Arbeitslager, wo er einige Monate später erschossen wurde. Für einen kleinen Scherz – das machte schon sehr Angst. Kurz bevor er in die Kneipe ging, war er noch bei mir gewesen, um die Taufe seines Kindes zu besprechen. Der Vorfall war mir eine Warnung. Ich hatte also die Wahl, offen meine Meinung zu äußern und ebenfalls in irgendein Lager oder KZ zu verschwinden, ohne dass man mit der freimütigen Meinungsäußerung irgendetwas bewirkt hätte, oder für die mir anvertrauten Menschen weiterhin da zu sein, wofür ich mich entschied. Zum Glück musste ich mich nicht in meinen Predigten für das Naziregime aussprechen
Wussten Sie von den Verbrechen, die an den jüdischen Mitbürgern verübt wurden?
Jeder wusste, dass es Verbrechen gab, denn alles, was jüdisch war, wurde abgelehnt und bekämpft. Jüdische Literatur wurde öffentlich verbrannt und jüdische Geschäfte geplündert. So wurden auch, um ein konkretes Beispiel zu nennen, nach der Reichskristallnacht im November 1938 in meiner damaligen Bremer Vorstadtgemeinde die Bewohner eines jüdischen Altersheim von SS-Leuten aus ihren Zimmern und Betten geholt und in zum Teil unzulänglich bekleidetem Zustand in das Bremer Gefängnis getrieben. Meine Frau, die diesem menschenunwürdigen Zug auf der Straße begegnete, erlitt daraufhin eine Frühgeburt. Nur mit Mühe und Not hat unser Sohn überlebt. Die Bremer Juden wurden alle nach und nach verhaftet und in Arbeitslagern untergebracht. In einem Traugespräch mit einem jungen SS-Offizier, der in einem solchen Arbeitslager angestellt war, versuchte ich beiläufig zu erfragen, was dort vor sich ginge. Die Antwort fiel recht karg aus: Die Juden würden dort arbeiten, das Essen wäre ziemlich dürftig, aber ansonsten ginge es ihnen recht gut. Man hatte also nicht viele Möglichkeiten, etwas Eindeutiges herauszufinden.  |  | |
Gegen wen richtete sich das Naziregime außerdem?
Auch geistig-seelisch Erkrankte waren in Gefahr, da sie für »lebensunwert« angesehen wurden. Ein Mitglied meiner Gemeinde lieh sich bei mir öfters Bücher nach dem Gottesdienst aus. Als er längere Zeit ausblieb und sein Bruder mich bat, Nachforschungen anzustellen, suchte ich die psychiatrische Klinik auf, in der er untergebracht war. Eine mir bekannte Krankenschwester erzählte, dass wöchentlich mehrere Patienten in eine Klinik ins Riesengebirge transportiert würden. Unter dem Versprechen der Verschwiegenheit ließ sie erkennen, dass man um das Leben dieser Menschen fürchten müsse. Auffällig war auch, dass in der Bremer Tageszeitung oftmals Todesanzeigen von Menschen erschienen, die in jenem Gebirgsort umkamen und dies stets unter Angabe ähnlicher Todesursachen: Herzinfarkt, Lungenentzündung etc. Das war in den Jahren 1940 und '41. Natürlich habe ich meinen Bekannten nie wieder gesehen.
Ab wann wussten Sie vom eigentlichen Ausmaß der Verbrechen?
Dass Juden, Zigeuner oder einfach auch dem NS-Regime widersprechende Deutsche – und dies oft ohne ein gefälltes Gerichtsurteil – umgebracht wurden, erfuhr ich erst eindeutig in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester 1944, also fünf Monate vor Kriegsende. An jedem dieser Tage hatte ich im hiesigen Krematorium um acht Uhr früh eine Trauerfeier zu halten, da um diese Tageszeit die Gefahr eines Luft-Alarms sehr gering war. An jedem Tag stand im Morgengrauen ein Lastwagen mit mehreren Leichensärgen vor dem Gebäude, die abgeladen und entleert wieder aufgeladen wurden. Als am dritten Tag ein mir bekannter Mitarbeiter der Strafvollzuganstalt dabei stand, fragte ich ihn, was es damit auf sich habe. Unter der Bedingung der Verschwiegenheit erzählte er mir, dass täglich 15 politisch Gefangene erschossen würden. Vier Monate vor Kriegsende war das meine erste klare Einsicht in das Ausmaß der Verbrechen, die vom NS-Regime begannen wurden.
Finden Sie es wichtig, dass meine Generation den Dialog mit der Ihrigen sucht, um die Ereignisse der Zeit verstehen zu können?
Meine Generation, also die Generation der Zeitzeugen, stirbt dahin. Daher ist es von eminenter Wichtigkeit, dass die Generationen so weit wie möglich noch miteinander reden. Meine Erfahrung über das Gespräch mit den jungen Erwachsenen heute lehrt mich aber, dass es ein schwieriges Gespräch ist, das viel Geduld und unvoreingenommenes Zuhören voraussetzt.
Dachten Sie je daran, während des NS-Regimes oder nach Kriegsende Deutschland zu verlassen?
Ein Hirte verlässt nicht seine Herde. 
Germanophobie in Paris: der Erste Weltkrieg und die Umbenennung von MetrostationenDelphine Cheveau-Richon, Übersetzung Barbara Kramer, erschienen im März 2005
Wenn Sie in Paris wohnen, lautet Ihre Adresse vielleicht rue Goethe, rue Beethoven, rue Bach, rue Leibnitz (mit t geschrieben) rue Henri (auf Französisch) Heine oder rue Thomas Mann... Die bedeutendsten deutschen Künstler werden so in der Pariser Straßen-Topographie geehrt. Falls man aber Straßennamen oder Metrostationen sucht, die nach deutschen Städten benannt wurden oder den Namen des großen Nachbarlandes tragen, gestaltet sich die Suche schon etwas schwieriger.
Man findet zwar eine Place d’Iéna, aber sie erinnert an den Sieg Napoleons 1806 über … die Preußen. Das Gleiche gilt für die Metrostationen. Der so deutsch klingende Name Wagram erinnert ebenfalls an einen Sieg Napoleons 1809 in Österreich. Christophe-Philippe Oberkampf war zwar ein deutscher Industrieller, erhielt aber die französische Staatsbürgerschaft und ist dafür bekannt, dass er 1759 die erste Stoffmanufaktur in Jouy-en-Josas gegründet hat, bekannt unter dem Namen Toiles de Jouy.
Immerhin gibt es in der Gegend des Bahnhofs Saint-Lazare (8. und 9. Arrondissement) ein Viertel, dessen Straßen nach Hauptstädten und großen europäischen Metropolen benannt wurden. Rues de Budapest, de Londres, de Madrid, de Copenhague … Wenn man aber eine rue de Berlin sucht: Fehlanzeige! Hingegen findet man in den Straßennamen Florenz, Neapel, Lüttich, Edinburg … und das sind nicht mal Hauptstädte!
In den Zeiten der deutsch-französischen Freundschaft wirkt dieses Vergessen befremdlich. Und dennoch: es geschah aus Absicht, wenn auch vor langer Zeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Germanophobie in Frankreich sehr weit verbreitet, eine Germanophobie, die insbesondere auf den verlorenen Krieg von 1870–1871 und dessen unmittelbare Folgen zurückzuführen ist: den Verlust Elsass-Lothringens und die Zahlung einer Kriegsentschädigung in Höhe von fünf Milliarden Francs.
Meistens sind die Metrostationen nach den Orten benannt, an denen sie sich befinden: Straßen, Plätze, Tore oder verschiedene Bauwerke. Sie spiegeln die Auswahl wider, welche die Stadtverwaltung und die Compagnie du Chemin de Fer Métropolitain (städtische Eisenbahngesellschaft), Vorgängerin der RATP (Régie Autonome des Transports Parisiens, Organisation der öffentlichen Verkehrsmittel in Paris), getroffen haben.
Ungefähr 50 Namensänderungen hat es seit 1907 gegeben, meistens aufgrund der historischen Umstände, manchmal aber auch auf Anfrage von Abgeordneten, von Vereinigungen, ja sogar von Einzelpersonen.
Drei Stationen, deren Namen auf Deutschland verwiesen oder die zu deutsch klangen, wurden umbenannt.
So nannte sich die Station Liège (Lüttich) früher Berlin, ebenso die rue de Liège. Aber 1914 wurde Berlin plötzlich die Hauptstadt eines feindlichen Landes, mit dem Frankreich sich im Krieg befand. Der Kampf in Belgien wurde nun durch Lüttich symbolisiert. In der Tat kämpften vom 5. bis zum 16. August die 12 Forts von Lüttich gegen die deutsche Armee. Der Widerstand der Stadt wurde als eine glorreiche Episode des 1. Weltkriegs gefeiert. So vereint sich in dieser Namensänderung der Ausdruck von Germanophobie mit der Ehrung einer befreundeten Stadt, die durch den Krieg zerstört wurde.
Das Gleiche wiederholte sich bei der Station Allemagne die sich in der rue d’Allemagne befand und die heute station und rue (Jean) Jaurès heißen. Der Abgeordnete Jean Jaurès, der Chef der Sozialistischen Partei (SFIO) und ein großer Pazifist war, wurde am 31. Juli 1914 im Café du Croissant, rue Montmartre, von Raoul Villain, einem Nationalisten und Mitglied der "Liga der jungen Freunde Elsass-Lothringens", ermordet. Die Station Allemagne wurde aus den gleichen Gründen umbenannt wie die Station Berlin und man gab ihr den Namen des Kriegsgegners Jaurès, auch wenn er niemals in dieser Straße gelebt oder gearbeitet hatte.
Zu guter Letzt noch die Station Eglise d’Auteuil (Kirche von Auteuil). Sie hieß bis zum 15. Mai 1921 "Wilhem", gemäß dem Pseudonym des französischen Musikers Guillaume-Louis Bocquillon. Aber ein Stadtrat war überzeugt davon, dass dieser Name eine Ehrung des ehemaligen deutschen Kaiser Wilhelm II. sei, und setzte eine Namensänderung der Station durch.
Die Germanophobie war in Frankreich bis in die zweite Hälfte des XX. Jahrhunderts hinein sehr stark verbreitet. Sie machte sich bemerkbar in der Politik, sie zeigte sich im Alltag, oder aber sie trat in geschlosseneren Kreisen hervor: so empfahl z. B. die französische Armee im Ersten Weltkrieg, eher belgische als deutsche Schäferhunde einzusetzen.
Foto: Metroplan von 1911, Autorisierung durch www.sprague-thomson.com 
Verschwundene Geschichte – die Montagne Sainte-GenevièveHermann Grampp, erschienen im März 2005
Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Pariser die links hinter dem Pantheon stehende Kirche fälschlicherweise als Église Sainte-Geneviève bezeichnen. Wenn der schlaue Hinzugereiste nun mit erhobenem Finger darauf hinweist, dass es sich bei der Kirche um Saint-Étienne-du-Mont handelt, hat er natürlich Recht – andererseits auch wieder nicht.
Dieses vermeintliche Detail einer Alltagsdebatte des fünften Arrondissements von Paris weist auf einen größeren, bedeutenderen Zusammenhang hin, der weit über den Streit um Kirchennamen hinausgeht. Es gab in der Tat eine Église Sainte-Geneviève, die Jahrhunderte lang rechts neben Saint-Étienne-du-Mont stand, und deren Ursprünge in die Zeit der Franken vor 1500 Jahren fallen. Doch was ist aus dieser einst so bedeutenden Kirche geworden? Und was hat es mit dieser eigenartigen Verwechslung der Einheimischen auf sich?
Die Anfänge: Chlodwig und Genovefa Der Ursprung dieser Verwirrung fällt in die Zeit von Chlodwig I., König der Franken, der Paris im Jahre 508 zur Hauptstadt seines Reiches machte und somit den Ausgangspunkt einer genuin fränkisch-französischen Geschichte begründete. Er wünschte zudem, nach seinem Tod 512 in derjenigen Kirche bestattet zu werden, die er als Grabstätte der wenige Jahre zuvor verstorbenen heiligen Genovefa (Sainte-Geneviève) errichtet hatte - eine Entscheidung, die weit reichende Folgen hatte und den Namen der Heiligen auf das gesamte Quartier übertrug, die heutige Montagne Sainte-Geneviève.
Genovefa war eine Adelige der Pariser Gesellschaft des fünften Jahrhunderts, die für die damalige Zeit eine beachtliche Rolle in der noch gallorömisch regierten Stadt spielte. Insbesondere ihr Einsatz bei der Verteidigung der Stadt gegen hunnische und heidnisch-fränkische Invasoren brachte ihr den Ruf einer Verteidigerin der Christenheit ein. Chlodwigs Bestattung in der ihr gewidmeten Kirche hat neben der Katalysator-Wirkung für den Genovefa-Kult eine weitere, fundamentale Bedeutung: Der Ursprung von Paris als Hauptstadt des Frankenreiches und des späteren Frankreich ist gewissermaßen auf der Montagne Sainte-Geneviève gelegen, zwischen der Kirche Saint-Étienne-du-Mont und dem Lycée Henri IV. Denn dort, in der Öffnung der heutigen rue Clovis, befand sich einst die der heiligen Genovefa geweihten Kirche Sainte-Geneviève.
Die Abtei Sainte-Geneviève und das Lycée Henri IV Der Gipfel des linken Seineufers, der Rive gauche, war im Laufe der Jahrhunderte nahezu vollständig von den Besitzungen der Abtei abgedeckt, die aus der ursprünglichen Kirchengründung Chlodwigs hervorgegangen war: der Abbaye Royale Sainte-Geneviève. Diese Abtei hatte bis zur Revolution eine tragende Bedeutung im religiösen Leben der Hauptstadt inne, sie galt als Symbol des christlichen Glaubens in Paris sowie der Stärke der französischen Monarchie.
Im 13. Jahrhundert wurde neben der Abteikirche Sainte-Geneviève die Kirche Saint-Étienne du Mont errichtet, um auf die seelsorgerischen Bedürfnisse einer ständig wachsenden Bevölkerung zu reagieren. Diese Kirche, deren Neubau aus dem 16. Jahrhundert bis heute existiert, stand über fast 600 Jahre Seite an Seite neben der Église Sainte-Geneviève und wurde im Gegensatz zur Hauptkirche nach der Revolution nicht zerstört. Im Grunde blieb selbst die Abtei erhalten, sie wurde lediglich in eine neue Funktion überführt: Im Jahr 1796 wurde in den Gemäuern der Abtei ein Gymnasium gegründet, das heute den Namen Lycée Henri IV trägt. Das berühmteste Relikt der alten Abtei auf dem Gelände von Henri IV ist zweifelsohne der alte Glockenturm der Abteikirche, fälschlicherweise Tour Clovis genannt (dieser Turm stammt aus dem zwölften Jahrhundert, nicht aus der Zeit Chlodwigs). Das Lycée Henri IV zeigt sich in jeder Hinsicht der bedeutenden Vergangenheit der Vorgänger-Institution würdig, gilt es doch als das beste Frankreichs.
Der Neubau der Nouvelle Église Sainte-Geneviève: das Pantheon Das einzige Gebäude aus diesem Kirchen- und Abtei-Ensemble, das nach der Revolution tatsächlich niedergerissen wurde, ist die alte Église Sainte-Geneviève (im Jahr 1807). In einer gewissen Weise existiert dieses Gebäude beziehungsweise sein Nachfolgebau jedoch bis heute: Ab 1754 ließ König Ludwig XV. aus Dank für seine Genesung von einer schweren Krankheit anstelle der alten, heruntergekommenen Kirche eine neue Église Sainte-Geneviève errichten. Nach den Plänen des Bauherrn Jacques-Germain Soufflot wurde die Nouvelle Église Sainte-Geneviève schließlich im Jahr 1790 feierlich eröffnet. Allerdings diente sie nicht sehr lange ihrer eigentlichen sakralen Bestimmung. Bereits 1791 beschloss die verfassungsgebende Nationalversammlung, die Kirche in einen Tempel, in ein Pantheon nach römischem Vorbild umzufunktionieren, in dem die großen Männer Frankreichs begraben werden sollten: Mirabeau, Voltaire, Marat und Rousseau waren die ersten, die im neuen Panthéon beigesetzt wurden. Nach einigem Hin und Her zwischen den Funktionen als Kirche und als Tempel (je nach politischer Konjunktur) wurde der Charakter des Baus als patriotisches Pantheon schließlich durch die Überführung der sterblichen Überreste von Victor Hugo am 18. Mai 1885 manifestiert, den er bis heute beibehalten hat.
Im Jahre 1803, vier Jahre vor der Schleifung der alten Hauptkirche, wurden die Reliquien der heiligen Genovefa nach Saint-Étienne-du-Mont übertragen, der Kult der Sainte-Geneviève demnach in diese heute noch bestehende Kirche verlagert. Nur diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass selbst alteingesessene Pariser die Kirche Saint-Étienne-du-Mont für Sainte-Geneviève halten, obwohl eigentlich, historisch genau betrachtet, das Pantheon der Nachfolgebau der Église Sainte-Geneviève ist. Heute ist es jedoch Inbegriff des republikanischen Nationalstolzes und beherrscht mit der 83 Meter hohen Kuppel sein Quartier, die Montagne Sainte-Geneviève.
Zur weiterführenden Lektüre
Alexandre Gady, La Montagne Sainte-Geneviève et le Quartier Latin. Guide historique et architectural, Höbeke, Paris, 1998. ASIN: 284230067X.
Quellen, mit denen gearbeitet wurde
Danielle Chadych et Dominique Leborgne, Atlas de Paris. Évolution d’un paysage urbain, Parigramme, Paris, 1999. ISBN: 2-84096-249-7. € 45,43.
La Montagne Sainte-Geneviève. Deux mille ans d’art et d’histoire. Exposition organisée par le Comité des fêtes de la mairie annexe du 5e arrondissement et par le Musée Carnavalet , Paris, 1981.
Michel Le Moël, Vie et histoire du Ve arrondissement, Hervas, Paris, 1987.
Foto: Aquarell des Pantheons von Jean-Baptiste Hilaire, 1794/95, Autorisierung durch: www.paris-pittoresque.com 
Berlin, Berlinvon Mona Hornung und Hilka Dierker, erschienen im Dezember 2004
Die heutige Hauptstadt Berlin kommt ganz ungeniert als das genaue Gegenteil von Paris und dessen pompöser Selbstinszenierung angeschlendert. In Paris wird man auf Schritt und Tritt mit der großen Vergangenheit der Stadt und der gesamten französischen Nation konfrontiert. Überall stolpert man über Denkmäler und Gedenktafeln, historische Plätze und Cafés. Und das Stadtbild wirft geradezu um sich mit den schmucken Häusern, die im neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erbaut wurden. Nicht, dass das nicht schön wäre, im Gegenteil. Wenn man durch Paris stromert, ist man sich an jeder Ecke bewusst, dass man auf historisch bedeutsamem Pflaster wandelt. Und über kurz oder lang wird man sich dabei ertappen, die Arroganz der Pariser zu teilen und sich selbst für etwas Besonderes zu halten.
Berlin ist da anders. Die Spuren der Geschichte lassen sich zwar an etlichen Orten aufspüren, aber sie drängen sich nicht auf, sind von der Gegenwart oftmals völlig verdeckt. Man muss den auswärtigen Besuch schon drängen, sich die Häuser bewusst anzuschauen, um unter den Graffiti die kleinen, durch Bombensplitter und Schusswaffen verursachten Löcher zu erkennen. Man muss als Einheimischer eine touristische Bootsfahrt auf der Spree mitmachen, um sich der Berliner Geschichte durch verwunderte "Ach, sieh mal einer an!" bewusst zu werden. Ganz unaufgeregt wird hier mit der Vergangenheit umgegangen. So muss man ziemlich angestrengt suchen, wenn man mal eben den Verlauf der ehemaligen Mauer nachvollziehen will, und manch einer wurde schon fast plattgerollt bei dem Versuch, der Linie aus Kopfsteinpflaster zu folgen, die in der Nähe des Brandenburger Tors noch den Verlauf angibt, sich aber unter Massen von rollenden Autos vor den Blicken Neugieriger davonschleicht.
In Berlin grinst einem eben das Heute ins Gesicht, während in Paris die Vergangenheit ein wenig von oben herablächelt. Und dennoch stellt sich auch in der deutschen Metropole die Hauptstadt-Arroganz ein, wenn man erkennt, dass es genau dieses breite Grinsen, diese ständige Untertreibung ist, die Berlin zu einer ganz besonderen Stadt machen, in der man leben kann. Ohne sich verstellen zu müssen. Und in der die Vergangenheit gestern war. Für junge (Neu- und Schon-immer-)Berliner, die die große Umwälzung der Wende als Kind kaum bewusst miterlebt haben und für die der Osten der Stadt nichts anderes ist als eine Spielwiese mit coolen Clubs, Secondhandläden und Billig-Wohnungen mit Kohleofenheizung, ist es daher manchmal nicht einfach, das Gesicht der Vergangenheit hinter dem breiten Grinsen der Stadt zu erkennen.
Deshalb soll in dieser Rubrik immer ein Stück Berliner Geschichte beleuchtet werden, an deren Anfang wir uns zuerst auf die Spuren Frankreichs begeben. 
Das französische Vermächtnis in BerlinBegibt man sich auf Spurensuche nach dem französischen Einfluss in Berlin, so wird man von hör- und sichtbaren Zeichen geradezu überflutet. Und doch weiß kaum ein Berliner um die geschichtlichen Hinweise, die seine Stadt für ihn bereithält. Wer ist sich schon bewusst, das Erbe der französischen Hugenotten anzutreten, während er mutterseelenallein in Moabit eine Bulette verschlingt?
"Und am Anfang war Moabit ..." beschreibt tatsächlich sehr passend die Ansiedelung der Hugenotten in Berlin zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Nachdem Ludwig XIV. in Frankreich 1685 das Edikt von Nantes aufhob, was für die protestantischen Hugenotten das faktische Verbot der Religionsausübung und die ständige Bedrohung durch die Staatsmacht bedeutete, sahen sich Hunderttausende zur Emigration gezwungen. Friedrich Wilhelm von Brandenburg erkannte die Gunst der Stunde und erließ noch im selben Jahr das Edikt von Potsdam, um den Hugenotten die Ansiedelung in Preußen schmackhaft zu machen. Tatsächlich nutzten Tausende diese Gelegenheit, und eine Volkszählung um das Jahr 1719 stellte einen Anteil von zwanzig Prozent Hugenotten am Berliner Volk fest. Das Hauptsiedlungsgebiet bildete damals der heutige Stadtteil Moabit, der den französischen Einwanderern seinen Namen zu verdanken hat. Der genaue Ursprung des Wortes ist zwar mit der Zeit im Nebel der Vergangenheit verschwunden, wird aber meist in "terre de moab" vermutet, was sich vom alttestamentarischen Moabiterland ableitet, das den Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten Zuflucht gewährte. Eine andere Erklärung führt die Bezeichnung schlicht auf die Sprachverwirrung der Berliner zurück, die das französische "moi, j'habite…" (ich wohne…) kurzerhand zu "Moabit" machten. Das sollte aber nicht die einzige französische Hinterlassenschaft bleiben, die die Hugenotten in den Berliner Sprachgebrauch schmuggelten. So essen die Berliner noch heute Bouletten (vom französischen "boule", Kugel) oder sind mutterseelenallein, was sich aus "moi tout seul" (ich ganz allein) ergab, bei dessen Gebrauch gleich die Übersetzung mitgeliefert wurde, so dass die Berliner aus "moi tout seul-allein" einfach ein neues Wort kreierten.
Wesentlich gepflegter ging dagegen Friedrich der Große (1740-1786) mit der französischen Sprache um. Bereits im Alter von 24 Jahren begann der als glühender Verehrer der französischen Literatur bekannte Thronfolger mit dem aufklärerischen Dichter und Philosophen Voltaire zu korrespondieren. Eine Beziehung, in deren 42-jährigem Verlauf nicht nur 654 Briefe gewechselt wurden, sondern die Voltaire auch das seltene Privileg eines Aufenthalts auf Schloss Sanssouci bescherte. Architektonisch dem Versailler Schloss nachempfunden, fungierte es für Friedrich den Großen ausschließlich als Privatresidenz und war daher kaum jemandem zugänglich.
Die französische Präsenz in Berlin verstärkte sich schlagartig, nachdem napoleonische Truppen auf ihrem Siegeszug am 27. Oktober 1806 auch das preußische Berlin besetzten. Die in Zelten untergebrachten Soldaten fanden nicht selten Gefallen an jungen Berlinerinnen und luden diese teilweise recht ungalant zu einem Besuch ein. "Visite ma tente!" wurde schnell zum sprachlichen Feindbild der Berliner Mütter, die ihren Töchtern daraufhin einschärften nur ja keine "Fisimatenten" zu machen.
Mit Beginn der Befreiungskriege hatte auch die Besetzungszeit ein Ende und brachte den Berlinern 1814 nicht nur die von Napoleon nach Paris verschiffte Quadriga zurück auf ihr Brandenburger Tor, sondern bescherte ihnen vier Jahre später auch den Kreuzberg. Zum Andenken an die siegreichen Schlachten, die 1815 in Waterloo gipfelten und endgültig die Niederlage Napoleons besiegelten, ließ Friedrich Wilhelm III. auf dem Tempelhofer Berg ein Denkmal errichten und den Berg nach dem Kreuz auf der Spitze fortan "Kreuzberg" nennen. Nicht zu unrecht bezeichnen die scharfäugigen Berliner dieses Denkmal gerne als "abgebrochenen Kölner Dom", da Friedrich Schinkel diesen tatsächlich als Vorlage für seinen Entwurf benutzte.
Nachdem Preußen seine Machtstellung in Europa durch die siegreichen Kriege gegen Dänemark und Österreich (1864 und 1866) ausbaute, plante auch Wilhelm I. diesen Erfolgen einen dauerhaften Platz im Berliner Stadtbild zu sichern und ließ den Entwurf für eine "Siegessäule" anfertigen. Napoleon III., der die Kräfteverhältnisse in Europa wieder zugunsten Frankreichs verschieben wollte und in dem starken Preußen eine Bedrohung sah, nahm den Anspruch seines Verwandten Wilhelms I. auf den spanischen Thron als Anlass zur Provokation Preußens, die schließlich in der Kriegserklärung Frankreichs endete. Erst nachdem die deutschen Staaten unter preußischer Führung den Krieg gewannen und Wilhelm I. sich in Versailles zum deutschen Kaiser krönen ließ, verwirklichte er seine Pläne und ließ endgültig den Grundstein für die Siegessäule legen, die noch heute auf dem Großen Stern weithin sichtbar an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erinnert. Die vergoldete Bronzeskulptur in luftigen 67 Metern Höhe symbolisiert Victoria mit dem Siegeskranz, wurde im Berliner Sprachgebrauch allerdings recht schnell zur "Goldelse" degradiert.
Im 20. Jahrhundert standen sich Deutschland und Frankreich erneut kriegerisch gegenüber. Nachdem Deutschland gegen Ende des Zweiten Weltkrieges eine totale militärische Niederlage erlitten hatte, kapitulierte die damalige Reichshauptstadt Berlin schließlich am 3. Mai 1945 - nur fünf Tage vor der Gesamtkapitulation Deutschlands. Wie bereits auf der Konferenz von Jalta beschlossen, teilten die Siegermächte Deutschland nach Kriegsende in vier Besatzungszonen auf. Berlin fiel dabei in den sowjetischen Einflussbereich, erhielt jedoch einen Sonderstatus und wurde als Viersektorenstadt unter die Verwaltung aller Siegermächte gestellt.
Erst mit dem Fall der Mauer 1989 bahnte sich der komplette Rückzug der Alliierten aus Berlin an. Nach anfänglichen Irritationen auf Seiten Frankreichs, über die Dynamik der deutschen Wiedervereinigung und die Möglichkeit eines neuerlichen Hegemonialstrebens Deutschlands, unterzeichnete auch Frankreich 1990 den Zwei-plus-Vier-Vertrag in dem Deutschland nach 45 Jahren Besatzungszeit die volle Souveränität zuerkannt wurde. Mit Verabschiedung der westalliierten Stadtkommandanten wurde schließlich am 2. Oktober 1990 offiziell der Besatzungsstatus Berlins beendet.
In all diesen politischen Wirren und Zeiten der beginnenden Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich noch ein weiteres französisches Vermächtnis ausmachen, zu dem auch die Berliner ihren Teil beitrugen. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges wurden knapp 30.000 deutsch-französische Ehen getraut, die meisten davon mit Angehörigen der französischen Besatzungsmacht. Die wichtigste Verbindung, die im Laufe dieser Zeit entstanden ist, ist jedoch sicherlich die deutsch-französische Freundschaft, die nicht ohne Grund oft als eheähnliches Verhältnis beschrieben wird.
Fotos von Marie Lesage
BerlinBerlin ist mit 889 Quadratkilometern und knapp 3,4 Millionen Einwohnern die größte und einwohnerreichste Stadt Deutschlands (zum Vergleich: Paris hat eine Fläche von 105 Quadratkilometern und 2,1 Millionen Einwohner). Die Einwohnerdichte liegt damit bei 3000 Menschen pro Quadratkilometer, während sich in Paris durchschnittlich 20.000 auf gleichem Raum befinden. Dieser Unterschied liegt zum großen Teil auch daran, dass Berlin mit 17,6 Prozent Waldfläche eine der grünsten Städte ist. Allein die Zahl von rund 400.000 Straßenbäumen wird in keiner anderen Stadt erreicht.
Berlin ist seit der Verwaltungsreform in zwölf statt ehemals 23 Bezirke aufgeteilt. Diese rein administrative Zusammenlegung ändert jedoch nichts an dem Bezirkspatriotismus der Berliner, die ihre nähere Umgebung häufig auch als "Kiez" bezeichnen.
Seit 1991 ist Berlin die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands und hat zugleich den Status eines Bundeslandes. Die Landesgesetzgebung erfolgt durch das Abgeordnetenhaus, die Exekutive wird vom Senat ausgeführt, an dessen Spitze der Regierende Bürgermeister (zur Zeit Klaus Wowereit, SPD) steht. Seit 2001 regiert in Berlin eine rot-rote Koalition aus den Sozialdemokraten der SPD und den Sozialisten der PDS. Sitz des Bürgermeisters ist das Rote Rathaus unweit des Alexanderplatzes in Berlin-Mitte. Seit der Wiedervereinigung wird Berlin, genau wie die neuen Bundesländer im Rahmen des 1991 beschlossen Solidarpakts von den alten Bundesländern finanziell unterstützt. Dadurch soll den neuen Bundesländern der wirtschaftliche Aufschwung ermöglicht und der so genannte "Aufbau Ost" vorangetrieben werden. Zurzeit kämpft Berlin allerdings noch mit rund 18 Prozent Arbeitslosigkeit.
Als Bundeshauptstadt beherbergt Berlin auch den Sitz der Regierung und fast alle Bundesbehörden, die nach der Wiedervereinigung ebenfalls in die neue Hauptstadt zogen. In der Nähe des Brandenburger Tors entstand das Regierungsviertel mit dem restaurierten Reichstagsgebäude als Sitz des deutschen Bundestages, dem Abgeordnetenhaus und dem Kanzleramt, das noch unter dem vorigen Bundeskanzler, Helmut Kohl, geplant wurde. Aufgrund seiner gewöhnungsbedürftigen Architektur gaben die Berliner ihm den Name "des Kanzlers Waschmaschine". In Namensgebungen sind die Berliner übrigens Meister, so wird das Haus der Kulturen der Welt, ein Veranstaltungsort in der Nähe des Kanzleramtes aufgrund seiner Architektur "schwangere Auster" genannt und die im Krieg zerstörte Kaiser–Wilhelm-Gedächtniskriche am Kürfürstendamm ("Ku´damm") wird gerne als "hohler Zahn" bezeichnet. Die Kirche wurde bewusst nicht restauriert und fungiert so als deutlich sichtbare Spur der Berliner Geschichte. |
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