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von Odile Zeller, Übersetzung von Berit Reimann, erschienen am 22.09.2008, Reihe Alte Socke Kennen Sie Marianne? Kommen Sie schon, in jedem französischen Rathaus steht doch eine. Der Michel, ihr deutsches Pendant, taucht in Karikaturen auf. Diese sinnbildliche Figur – Pfeife rauchend und mit einer Zipfelmütze auf dem Kopf – kennt man in Frankreich nicht. Marianne kommt eher sexy daher, während Michel nur ein etwas einfältiger Bauer ist. Vornamen nehmen in der Sprache einen besonderen Platz ein. Wüssten Sie vielleicht, wie man eine Madeleine mit einem Dietrich trauen sollte? Das ist doch unmöglich. Was würde Prousts Lieblingsbiskuit mit einem Hauptschlüssel anfangen, mit dem sich allerhand Schlösser öffnen lassen? Und wie sieht es mit diesen Gegenständen aus: Berthe, Charlotte, Marise – eine harte Nuss für Nichtfrankophone? Die Charlotte aux pommes (Charlotte mit Äpfeln) ist bei den Gastronomen bekannt, ihre glockenartige Form erinnert an die Kopfbedeckung der unglückseligen Charlotte Corday, einer Figur der französischen Revolution. Mit der marise kratzt man den Kuchenteig zusammen, bevor sich Kinderfinger darüber hermachen und mit einer berthe aus Aluminium ging man frische Milch vom benachbarten Hof holen. Männliche Vornamen können auch zur Beleidigung werden: Der Jules bei Edith Piaf beispielsweise, ein wahrer Schuft, der Julot, ein Zuhälter von Beruf, und der Jean-foutre, ein Nichtsnutz, sind keine gute Gesellschaft. Und faire le Jacques oder le Mariolle, also herumzukaspern, ist in der Schule verboten. Die Mode hat den Marcel hervorgebracht, das Unterhemd jener starken Männer, die in Lager- und Markthallen die Fracht von LKWs entluden. Die deutschen Arbeiter tragen einen Blaumann, auch blauer Anton genannt. Die Philippine, eine doppelkernige Frucht, die Anlass für ein Spiel ist, hat nichts mit Philippe zu tun. Ihr Ursprung liegt im deutschen »Vielliebchen«, und so bezeichnet Philippine beispielsweise eine Mandel, in deren Schale zwei Kerne wohnen. Ein Rémy ist für Jugendliche ein Spielverderber, der keine Freunde hat. Ein Jacky fährt in einer kleinen Limousine umher, mit offenen Fenstern und voll aufgedrehter Musik. Ist das Lenkrad obendrein mit Plüsch überzogen, so ist der Fahrer ein Jean-Michel. In Deutschland ist Werner also etwa eine Art Jacky. Zudem bringen gängige Rufnamen weitverbreitete Redewendungen hervor. Monsieur tout le monde ist der Otto-Normalverbraucher; Germanisten stehen der »Gretchenfrage« ratlos gegenüber. Jean qui rit hat sein Pendant auch östlich des Rheins: Hans im Glück, eine Art Candide. Jean qui pleure ändert in Deutschland das Geschlecht und wird zur Heulsuse. Ihr ähnelt die Meckerliese – im Französischen »râleuse« genannt. Ein August ist jedoch beiderseits des Rheins ein Weißclown. Wenn bei jemand »Matthäi am letzten« ist, steht ein Mensch kurz vor dem Ende seines Lebens, weisen diese Redewendungen doch auf die Passage der Bibel hin, welche Sterbenden vorgelesen wird. Um nicht mit dieser traurigen Anmerkung zu schließen, bieten wir Ihnen nun ein kleines Rätsel an. Finden Sie die Bedeutung dieser Vornamen, die in die Alltagssprache eingegangen sind. Viel Glück.
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von Céline Moison, Übersetzung Saskia Schuster, erschienen am 22.08.2008, Reihe Alte Socke
Oft ertappe ich Freunde aus Deutschland oder anderen Ländern bei einem Lächeln, wenn Franzosen zu einem englischen Wort ansetzen, leider tatsächlich oft mit miserablem Akzent. Und dann läuft die Unterhaltung unweigerlich auf den Sprachpurismus der Franzosen hinaus, die besorgt darum seien, ihre edle Sprache, die Sprache Molières von Einflüssen derjenigen Shakespeares, Goethes oder Cervantes’ reinzuhalten. Schließlich beruft man sich auf die wohlbekannte Loi Toubon von 1994, ein Gesetz, das den obligatorischen Gebrauch des Französischen insbesondere im öffentlichen Dienst, in Rundfunk und Fernsehen regelt. Dieses Argument ist unfehlbar. Lieber Herr Toubon, wissen Sie eigentlich, dass Sie in der ganzen Welt berühmt sind? Nicht etwa, weil Sie Justizminister waren oder derzeit Abgeordneter des Europäischen Parlaments sind. Nein, Ihr internationaler Erfolg beruht auf diesem Gesetz, das auf so einfache Weise das Klischee des typischen Franzosen bedient, der sich ausschließlich auf seine eigene Kultur, seine Sprache und seine jahrhundertelangen Traditionen berufe. Auch wenn es wahr ist, dass Franzosen ein wenig dazu neigen, einen Nationalstolz zu pflegen, der, wäre er auf der anderen Seite des Rheins zu finden, jedermann erschaudern ließe, sollten wir uns durch solch eine Vereinfachung nicht in Versuchung führen lassen. Angesichts dieses Schubladendenkens möchte ich das Ganze etwas nuancieren.
In den Brasserien (Gaststätten) bestellt man eher ein »sandwich« als ein »casse-croûte«. Die Jugendlichen fahren mit dem »scooter« oder »roller« zum »club de foot« (Fußballverein). Am »Week-end« feiert man bei einem der »raves«, bei denen der »DJ« an den »turntables« steht.
Man isst »cakes«, »brownies«, »cookies« (übrigens sehr lecker) und »muffins«. Der nicht mehr ganz so hippe »walkman« wurde inzwischen durch einen »player mp3« ersetzt. Man schaut eine »DVD« (manchmal sogar auf Englisch).
Aber die französische Sprache entlehnt nicht nur Worte aus der Sprache jenseits des Ärmelkanals. Was ist eigentlich mit »wagon«? Hört sich nicht sehr französisch an. Oder mit dem kleinen »schnaps«, den man nach dem Essen genießt? Ohne die schönen »edelweiss« zu vergessen, die in den Bergen blühen, oder das »leitmotiv« im Literaturunterricht.
Setzen wir die Reihe mit Einflüssen aus dem Arabischen fort, kennt die französische Sprache außerhalb des Hexagons keine Grenzen mehr. So sagt man auch: »Es war einmal in einem kleinen ‚bled’ (Kaff) in der Normandie. Dort hielt sich der Sohn des ‚toubib’ (Arzt) für einen ‚caïd’ (Gangster).« Man könnte Stunden damit verbringen, alle Entlehnungen in der französischen Sprache aufzulisten. Denn wie für jede andere Sprache gilt auch für das Französische: Die Sprache ist ein getreuer Spiegel der Geschichte, wird aber gleichzeitig von zeitgenössischen Einflüssen durchdrungen und verändert sich ständig – heute vor allem im Zug der Globalisierung.
Also, liebe Freunde, auch wenn wir Franzosen »kek« sagen, »möfin«, »sandouidsch« und »Mikael Dschacksonn« – erzählt mir nicht, dass die Sprache, die wir in Frankreich sprechen, völlig veraltet ist, »saperlipopette« (zum Donnerwetter noch mal)!
Gesetzestext der Loi Toubon auf: www.culture.gouv.fr (auf Deutsch)
Knuspriger Wortschatz
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von Odile Zeller, Übersetzung Sina Lebert, erschienen am 22.07.2008, Reihe Alte Socke
Die Kochkunst, die Tischsitten, die Zubereitung der Mahlzeiten und die Kochrezepte sagen viel über ein Volk aus. Zum Beispiel das Brot. Viele Zivilisationen wissen nichts über seinen Gebrauch. Wie sollte man Brot mit Stäbchen essen? Rund um dieses Grundnahrungsmittel hat sich im Französischen ein eigenes Wortfeld entwickelt – egal ob es sich um die Bestrafung eines aufsässigen Kindes (être mis au pain sec, wörtl. »zu trocken Brot verdonnert werden«) oder um einen erfolgreichen Anfänger (manger son pain blanc, »weißes (d.h. aus raffiniertem Mehl hergestelltes) Brot essen«) handelt. Der Arbeitende »verdient sein tägliches Brot« (gagner son pain), er ist mit Arbeit überhäuft und hat viel zu tun (avoir du pain sur la planche, »viel Brot auf dem Brett haben«), wenn er entlassen wird, entzieht man ihm die Lebensgrundlage (retirer le pain de la bouche à qn, »jemandem das Brot aus dem Mund nehmen«). Er hat seinen »Broterwerb« (gagne-pain) verloren. Und um am Leben zu bleiben, sollte man »nicht den Geschmack am Brot verlieren« (ne pas perdre le goût du pain) – man sollte sich nicht umbringen.
Durch das Teilen des Brotes entsteht eine Brüderlichkeit zwischen Gefährten, zwischen Freunden, die dann endet, wenn man beginnt, an der Ehrlichkeit des Gegenübers zu zweifeln. Je ne mange pas de ce pain là! - Ich billige dieses Vorgehen nicht! (wörtl. »von diesem Brot esse ich nicht«)
Ebenso erscheint der finanzielle Aspekt des Bäckerhandwerks in der Sprache. Auf Deutsch wie auf Französisch verkauft sich ein kommerzieller Erfolg »wie warme Semmeln«. Mit den steigenden Lebenskosten ist eine Redensart von 1690 wieder in Mode gekommen: Ça ne mange pas de pain (»das frisst kein Brot«) sagt man, um darauf hinzuweisen, dass etwas günstig ist oder eine geringe Ausgabe darstellt. Wenn Sie ausdauernd suchen, ergattern Sie bei Ihrem Einkauf ein Schnäppchen (payer l'achat une bouchée de pain, »einen Happen Brot für etwas bezahlen«).
Alle Arten von Brot füllen die Regale und Körbe der Bäckerin: baguette, pogne (kranzförmige Brioche), pain battu (»geschlagenes Brot«), miche (runder Brotlaib), bâtard (breiter und dafür kürzer als ein Baguette), ficelle (schmaler als ein Baguette und nur etwa halb so schwer). Eine Brotscheibe endet zuweilen als Paniermehl, Semmelmehl oder armer Ritter.
Jenseits des Rheins ist die Wortfamilie Brot ebenso reich. Der Arbeitgeber ist der Brotherr, der Arbeitslose brotlos, arbeiten ist ebenso wie im Französischen gleichbedeutend mit sein Brot verdienen. Der mittellose Student nimmt ein Brotstudium auf und ernährt sich von Brotsuppe. Allerdings ist die Brotmaschine, mit der das Brot geschnitten wird, in Frankreich unbekannt. Statt das Brot auf diese Art zu schneiden, benutzt man ein Messer oder bricht das Brot mit der Hand.
Rezept zum 14. Juli
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Von Anne-Laure Edoh, Übersetzung Helene Greubel, erschienen am 14.07.2008
Um diesen Feiertag einwandfrei zu gestalten, befolgen wir ein klassisches Rezept. Stimmen Sie ihre Gäste mit den herrlichen Paraden ein, die in jeder kleinen und großen Gemeinde Frankreichs zum Rhythmus der Blaskappellen stattfinden, die – wie soll es anders sein - die Marseillaise spielen. Auch wenn die jungen Leute von heute diese Tradition ziemlich altmodisch finden, bleibt ein Großteil der Franzosen diesem Ritual sehr verhaftet.
Danach wird auf dem dörflichen Fußballplatz traditionellerweise ausgiebig gegrillt, wobei natürlich die berühmten Zaubertränke nicht fehlen dürfen, die je nach Region variieren: im Süden hängt man der Süße und Frische eines „Jaune“ an, besser bekannt unter dem Namen Pastis, im Norden und im Zentrum von Frankreich geht nichts über ein Bier oder ein gutes Glas Rotwein.
Gewürzt wird das Ganze mit herrlichen Feuerwerken und der Warmherzigkeit und Geselligkeit der Volksbälle. Geben Sie – damit der Schmaus eine offizielle Note erhält – eine Prise der Glückwünsche des Präsidenten hinzu, der flatternden bunten Fähnchen, der Imbissbuden, Liegestühle und Konzerte und lassen Sie alles einen Abend lang marinieren – Sie werden sehen, es ist das ideale Rezept, wie Sie den 14. Juli ohne große Umstände nach allen Regeln der Kunst feiern können!
»Die Leviten lesen« oder: Die guten alten Strafen aus dem Mittelalter
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von Céline Moison, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.06.2008, Reihe Alte Socke
Als ich an der Uni Deutsch studierte, habe ich mir eines Tages ein Buch über deutsche Redewendungen gekauft, in dem ich den merkwürdigen Ausdruck »jemandem die Leviten lesen« gefunden habe, übersetzt mit »sermonner, remonter les bretelles à quelqu’un« (wortwörtlich: jemandem die Hosenträger hochziehen, sprichwörtlich: jemandem eine Strafpredigt halten). Damals sagte ich mir, dass es sich nicht lohnt, ihn mir zu merken, ich dachte, es sei eine jener Redewendungen, die man in der Schule lernt, die sowieso total veraltet sind und die - schafft man es, sich an sie zu erinnern und sie voller Stolz in eine Unterhaltung einfließen zu lassen - ein kurzes Schweigen hervorrufen, dem ein allgemeiner Lachanfall folgt. Beispielsweise würde auch niemand sagen: »Ja, genau, du hast ganz Recht. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.« (Regel Nummer eins für Unterhaltungen: Sprichwörter vermeiden!) Außerdem hat mich »jemandem die Leviten lesen« an Levitation, also Schwerelosigkeit erinnert, so dass ich mir jedes Mal die getadelte Person vorstellte, wie sie durch die Lüfte schwebt wie in der Red-Bull-Werbung.
Aber nach mehreren Jahren in Deutschland musste ich mich eines Besseren belehren lassen. Der Ausdruck ist zwar nicht der meist verwendete, aber geläufig ist er schon noch. Sein Ursprung geht zurück ins Mittelalter – und jetzt wird es wirklich interessant.
Damals waren die Mönche nicht gerade berühmt für ihren exemplarischen Lebensstil, da sie es mit Gebeten, Arbeit und Sittenstrenge nicht allzu genau nahmen. Chrodegang, Bischof von Metz und eine hohe politische und religiöse Persönlichkeit des achten Jahrhunderts war empört über dieses den Grundsätzen der Kirche kaum angemessene Verhalten und setzte eine Reform des Klosterlebens in Gang. Dabei ließ er sich von den religiösen Regeln der Benediktiner inspirieren, die unter anderem besondere Andachtsübungen und Strafpraktiken vorsahen. Insbesondere ließ Chrodegang seinen Mönchen einen Auszug aus dem Dritten Buch Mose, Levitikus, vorlesen. Nun ist aber Levitikus nicht gerade das witzigste Buch der Reihe: seitenweise religiöse Vorschriften über die verschiedenen Arten von Opfern, die ein Priester darbringen muss. So ist verständlich, warum es für die getadelten Mönche eine Tortur war, die Leviten zu lesen.
Im Laufe der Jahrhunderte ist daraus die Redewendung »Dem werde ich die Leviten lesen« entstanden und 1200 Jahre später sind die Torturen von Chrodegangs Mönchen genauso präsent wie damals.
Hat man den tieferen Sinn und die Herkunft eines Ausdrucks einmal verstanden, sei es einfacher - so sagt man -, diesen zu verwenden. Die Bilder, die ich jedoch mit »jemandem die Leviten lesen« assoziiere, sind einfach nur lächerlich: Ich sehe einen strengen Bischof, ein altes verstaubtes Buch und jemanden mit hochgezogenen Hosenträgern, der in der Luft schwebt. Na, dann sagen Sie mir einmal, in welcher Situation ich diese Mischung wohl verwenden könnte.
»Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei«
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von Ariane Kujawski, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.05.2008, Reihe Alte Socke
»Das ist schon seltsam, diese Leidenschaft der Deutschen für die Wurst«, sagte vor Kurzem eine französische Freundin zu mir. Auch wenn ich sie darauf aufmerksam machte, dass das Wort »Leidenschaft« hier vielleicht etwas übertrieben sei, muss ich zugeben, dass sie im Grunde nicht ganz Unrecht hat. Die Wurst, zubereitet auf der Grundlage von Fleisch, Speck, Salz und Gewürzen, begleitet die Deutschen durch ihren Alltag. Es gibt sie in allen Formen und Größen, von der Wurst als Aufschnitt zum Frühstück bis zur Bratwurst oder Currywurst als kleiner Snack im Laufe des Tages, nicht zu vergessen die Leberwurst. Und der letzte Schrei: die Wurst für Kinder, geschnitten in der Form kleiner, lächelnder Tiere, um sie appetitlicher zu machen.
Mit weltweit mehr als 1500 Sorten gibt es also nicht eine sondern viele Würste; in Deutschland finden sich etwa 50 verschiedene. Jede Region hat eine eigene Spezialität, wobei die berühmtesten aus Thüringen und Nürnberg stammen. Die Wurst ist ganz und gar Teil des deutschen gastronomischen Erbes: vom Abendbrot bis zum Weihnachtsessen hat sie östlich des Rheins eine unbestreitbare Tradition.
So ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass man das, was schon beinahe ein Markenzeichen von Deutschland ist, im alltäglichen Wortschatz wieder findet. Dennoch muss ich jedes Mal schmunzeln, wenn ich ihr in einer Unterhaltung begegne. Fragen Sie einen Deutschen, ob er lieber Nudeln oder Reis zum Abendessen möchte, dann antwortet er vielleicht »Das ist mir Wurst« (gesprochen Wurscht), was auf Französisch « ça m’est égal » bedeutet. Sie verlassen eine Stadt, die Sie mögen, Ihre Freunde und Ihre Arbeit, und man wird mit Mitgefühl für sie summen: »Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.« Dieses Sprichwort ist 1987 sogar Titel eines Liedes von Stephan Remmler geworden. Man macht sich über Sie lustig, Sie sind beleidigt? Sie sind also eine »beleidigte Leberwurst«. Dieses alte Sprichwort stammt aus der Zeit, als man dachte, dass jedes Gefühl von der Leber herrührt.
Es ist unbestreitbar: Die Wurst hat ein sicheres Plätzchen im deutschen Alltag jenseits des schlichten gastronomischen Bereichs ergattert. Was die genauen Zutaten der besagten Würste angeht, so bleibt die Frage offen. Und manchmal ist es besser, nicht zu wissen, woraus sie gemacht sind, damit man nicht um den Appetit gebracht wird – oder sogar um den Schlaf. Selbst Bismarck hat einmal gesagt: »Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie.«
Die Ribisel – eine Beere made in Austria
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von Aurélie Daoulas, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.04.2008, Reihe Alte Socke
Im Deutschen mag ich das Wort »Ribisel«. Ich finde es lustig, niedlich, farbenfroh und süß. Im Grunde genommen ist es Österreichisch oder Deutsch, das man in Österreich spricht, wenn Ihnen das lieber ist. Und auf Französisch bedeutet es »groseille«. Dieses Wort hat den Vorteil, dass es sehr praktisch ist, wenn Sie in Österreich einkaufen gehen. Sie müssen zugeben, dass man sich »Ribisel« (wissenschaftlicher Name Ribes) viel einfacher merken kann als … Wie hieß doch gleich »groseille« auf Hochdeutsch?
Die Erdbeere ist »la fraise«. Himbeere? Nein, das ist »la framboise«. Brombeere ? Das ist »la mûre«. Bleibt uns also nur die Johannisbeere. Da die schwarze Johannisbeere bereits mit dem Wort »cassis« belegt ist, bleibt also nur die rote Johannisbeere, die – endlich haben wir’s – »la groseille« ist! Und wenn Sie auf der Durchreise in Wien sind, werden die Österreicher Ihnen mit Sicherheit ihren Ribiselwein empfehlen, den man sehr gut an einem Sommerabend auf einer Terrasse trinken kann. In Maßen natürlich…
»Mach keine Fisimatenten!«: Napoleon und die heißblütigen Franzosen
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von Ariane Kujawski, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.03.2008, Reihe Alte Socke
Es gibt nichts Besseres, als mit drei Deutschen zusammenzuwohnen, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern und vor allem um zu erfahren, was unsere Nachbarn jenseits des Rheins von uns halten. Als wir eines Abends über den Ruf des heißblütigen Liebhabers diskutierten, der den Franzosen in Deutschland anhängt, habe ich zum ersten Mal den Ausdruck »Mach keine Fisimatenten« gehört. Die Sprachwissenschaftler streiten sich noch über die genaue Herkunft dieses Ausdrucks. Die wissenschaftlich am meisten kritisierte Erklärung ist gleichzeitig die beliebteste. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, sie Ihnen zu erläutern.
Leipzig, Oktober 1813. Die Völkerschlacht zwischen Napoleon und einem antifranzösischen Bündnis, das unter anderem aus Großbritannien, Russland, Spanien, Preußen und Österreich besteht, ist in vollem Gange. Napoleon hofft, Deutschland endgültig beherrschen zu können, und hat zu diesem Zweck eine starke Armee hinter sich versammelt. Aber es ist nun mal so, dass die Soldaten seit einer gewissen Zeit im Krieg sind und Lust haben, sich ein bisschen zu amüsieren. Hingerissen von den jungen Mädchen aus Leipzig machten sie diesen angeblich Avancen, indem sie diese einluden, ihr Zelt zu besichtigen (»visiter ma tente«) – ein Ausdruck, dessen phonetische Entsprechung im Deutschen »fisimatenten« wäre. Die jungen Mädchen, die den Avancen der französischen Soldaten nachgaben, wurden anschließend von ihren Müttern streng zurechtgewiesen. Diese gewöhnten sich daher an, ihre Töchter mit erhobenem Zeigefinger zu ermahnen, das nicht noch einmal zu tun: »Mach keine Fisimatenten!« Seitdem ist dieser Ausdruck das deutsche Äquivalent unseres »Ne fais pas de bêtises!« (»Mach keine Dummheiten!«) geworden.
Wie man sieht, ist der Ruf der »french lover« gar nicht so neu. Aber in Deutschland scheint er heute mehr geschätzt zu werden als im 19. Jahrhundert.
Von Polen, Holland und alten Socken
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von Céline Moison, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.02.2008, Reihe Alte Socke
Wie sehr ich diese kleinen, witzigen Redewendungen im Deutschen doch liebe. Jeden Monat suche ich mir eine besonders schöne aus und stelle mich der Herausforderung, sie mindestens einmal täglich zu benutzen. Von »du alte Socke« bis »treulose Tomate« – es ist eine wahre Wonne. Dieses Wochenende hat mich jedoch ein Ausdruck, vielmehr gleich zwei, in Erstaunen versetzt. Zuerst einer von Kathrin: »Oh nein, mein Lieber. Ich sag dir, wenn du das machst, dann ist Polen offen.« Bitte? »Dann ist Polen offen« – wäre das nicht schon fast an der Grenze des politisch Korrekten, wenn man sich auf die Öffnung der Grenzen im Rahmen des Schengener Abkommens bezieht oder auf den Einmarsch der Nazis in Polen? Wegen meines Stirnrunzelns setzt Jan noch eins drauf: »Wenn dir Ausdrücke dieser Art gefallen, habe ich hier noch etwas für dich: Dann ist Holland in Not.« Und dennoch, obwohl es so scheint, ist keine dieser Redewendungen Überbleibsel eines alten SS-Witzes.
»Jetzt ist Polen offen« geht nämlich viel weiter zurück, nämlich bis in die Zeit, in der Polen, eines der mächtigsten Reiche Europas war, vor allem durch die Kriege zwischen seinen kleinen Herzogtümern in viele Teile zersplitterte, bis das Gebiet schließlich zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt wurde. Das große und mächtige Polen wurde somit eine Region ohne wirkliche Grenze, »offen« für Invasionen. Daher rührt die Verwendung des Ausdrucks »Jetzt ist Polen offen« im Sinne von »Wenn das so ist, dann kann wirklich alles Mögliche passieren«, dann »Wenn das wirklich so ist, dann knallt’s«.
Was Holland in Not betrifft, so sind die Spuren undeutlicher, aber man vermutet, dass der Ausdruck von der geographischen Lage der Region und den schweren Naturkatastrophen, die diese erlebt hat, herrührt. Das Bild von Holland oder den Niederlanden im Allgemeinen in Not drückt im Deutschen ein extremes Bedrängnis aus und ähnelt damit der heutigen Bedeutung von »Polen ist offen«. Ich hätte gern einen solchen Ausdruck im Französischen, etwas in der Art wie « Si tu ne me rends pas mes chaussettes, ça va être la Belgique sans frites ». (»Wenn du mir meine Socken nicht zurückgibst, dann gibt’s in Belgien keine Pommes mehr.«). Das wär’ doch was, oder?
Sonderausgabe zum deutsch-französischen Tag
Unsere Reihe Alte Socke
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Jemanden »durch den Kakao ziehen«, eine »Kirchenmaus« oder eine »beleidigte Leberwurst« sein, sich »einen Keks freuen« – was wären die deutsche und die französische Sprache ohne ihre Redewendungen, »ohne Hand und Fuß«, an die man sich komischerweise oft viel besser erinnert als an die Konjugation unregelmäßiger Verben? Ihre Extravaganz macht sie unvergesslich, und das hervorgerufene Bild prägt sich in unser Gedächtnis ein. Jeder Sprachwissenschaftler schwärmt von diesen irrsinnigen Wendungen, die ebenfalls auf ihre Weise die Fremdsprache wiedergeben, die wir uns zu lernen bemühen. Sie ahnen es bereits, das Thema ist spannend, witzig und wert, ganz allein eine neue Rubrik zu füllen.
Anlässlich des Deutsch-Französischen Tages 2008 hat rencontres die neue Serie »Alte Socke« ins Leben gerufen, die am 22. eines jeden Monats im Ressort Lebensart/Momentaufnahme erscheinen und burleske oder ungewöhnliche Redewendungen der deutschen Sprache vorstellen wird. Der Titel lehnt sich an die nette kleine Beleidigung »du alte Socke« an, Lieblingsausdruck von Céline Moison, der Initiatorin dieser neuen Reihe.
»Durch den Kakao ziehen«
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von Céline Maurice, Übersetzung Christina Felschen, erschienen am 22.01.2008, Reihe Alte Socke
Ein französischer Freund hat mich eines Tages damit beauftragt, einen Artikel aus einer deutschen Musikzeitschrift für ihn zu übersetzen. Ich habe mich mit Begeisterung an die Aufgabe gemacht und tapfer mit der sehr speziellen Sprache der Fachpresse gekämpft. Am Ende dieses erbitterten Kampfes blieb ein Satz mysteriös: Beim Kommentieren der Liedtexte wies der Journalist darauf hin, dass die amerikanische Gruppe nicht zögere »den Präsidenten George Bush durch den Kakao zu ziehen«. Wie bitte? Warum um alles in der Welt würde eine Hardcore-Band aus New York, die man zuvor kaum einer konservativen Regung hätte verdächtigen können, »Double U« mit einer so sympathischen Sache wie einem Weihnachtstrüffel vergleichen? Und dann hüllte sich mein Langenscheidt auch noch in unbarmherziges Schweigen über das Thema. Ich habe mir also das Hirn zerbrochen, um mit viel Kreativität eine nicht allzu widersprüchliche Übersetzung zu basteln.
Kurz bevor ich meine Arbeit abgab, eröffnete ich meine gastronomisch-politische Sorge dennoch meinem freundlichen Mitbewohner. Ich muss gestehen, dass es immer eine Freude ist, seinen Freunden eine gute Gelegenheit zum Lachen zu bieten. Zumal das diesen hilfsbereiten, jungen Mann nicht davon abhielt, mich, nachdem er seine Freudentränen abgewischt hatte, von meinen linguistischen Kopfzerbrechen zu befreien: jemanden durch den Kakao ziehen bedeutet jemanden verspotten, auf Französisch casser du sucre sur le dos de quelqu’un, (wortwörtlich Zucker auf dem Rücken von jemandem brechen) was schließlich im gleichen süßen Register bleibt.
Ohne diese rettende Erklärung wäre ich Schokolade gewesen (être chocolat), wie der französische Sänger Bobby Lapointe sagen würde – das heißt, ich hätte mich geirrt.
Berlin, ein grauer Sommermorgen.
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Florence Knosp, Übersetzung Barbara Kremer, erschienen am 15.07.2008
Ich gehe aus dem Haus und schreite durch die Straßen. Der Himmel ist grau. Die Luft ist kühl und verbreitet eine vorzeitige Herbststimmung. Die Stadt ist lebendig, Wochenmitte in einer westlichen Großstadt. Züge, Straßenbahnen, Menschen kommen und gehen. Einige warten geduldig an den Straßenecken, um ungehindert die Straße überqueren zu können, gehen je nach Lust und Wachheitsgrad mit energischem oder zögerlichem Schritt voran. Einige schlürfen einen heißen Kaffee, den Retter brutaler Morgen, ihre Hände umklammern den kleinen Pappbecher.
Andere beeilen sich lieber, um nicht zu spät zu kommen. Ich ernte Stirnrunzeln von braven Passanten, da ich mich dem bedrohlichen Ampelmann widersetze. Sobald dieser grün wird, drängeln und schubsen sich die Leute, um so schnell wie möglich in einen der roten oder gelben Wagen zu springen, der sie weiter bringt. Der Geruch von Frittierfett und Würsten, der die Imbisse umhüllt, schwebt bereits hier und da in den Straßen, wo sich die Arbeiter ein paar Minuten Pause gönnen. Einige junge Mädchen sehen sich ein Schaufenster an und werfen begierige Blicke auf die Accessoires, die nötig sind, um aus ihnen die Königinnen des Schulhofes zu machen.
Der feuchte Morgendunst verleiht diesem Tag etwas Befremdliches. Ich atme tief ein und reise in Gedanken bis ans Ende der Welt. Plötzlich drängt die Zeit. Ich werde schneller, habe Angst, einen Anschluss zu verpassen, der plötzlich lebenswichtig erscheint. Städtische Sorgen.
Hackescher Markt. Ein Blick auf die Bahnhofsuhr vom gepflasterten und ungleichförmigen Platz aus. Der heisere und konstante Lärm der einfahrenden S-Bahn. Der Fernsehturm zeichnet sich im Nebel ab, er ist Zeuge der morgendlichen Betriebsamkeit. Ich muss mich beeilen, den Markt überqueren, am einzigen Baum vorbei, eine, zwei, drei Treppenstufen, der Atem geht schneller, das Signal der Türen, die sich schließen. Geschafft.
Der Zug nimmt Fahrt auf. Ich komme wieder zu Atem und schlängele mich durch die dichte Menschenmenge, versuche mich mehr schlecht als recht an den kalten Metallstangen festzuhalten, zwischen den Armen, Körpern und Fahrrädern, die mir den Weg versperren, bis ich schließlich einen Sitzplatz ergattere, der unerklärlicherweise frei geblieben ist. Ich zögere und betrachte die verschwommene Landschaft, die am Fenster vorbeizieht. Ich überlege, ob ich meine Hand in die Tiefe meiner alten, unordentlichen Tasche stecken und das Buch hervorholen soll, das mich diese Tage begleitet, doch dann entscheide ich mich, von diesem Schwebezustand zu profitieren, zwischen zwei Zielen, zwei Anderswo. Ich lasse meine Gedanken schweifen und betrachte die Menschen um mich herum.
Auf der anderen Seite des engen Ganges, der die pastellfarbenen und leicht verblassten Sitzreihen trennt, lehnt ein Arbeiter am Fenster und schläft friedlich in seinem mit bunten Farbspritzern befleckten Blaumann inmitten des relativen Chaos der Hauptverkehrszeit. Ihm gegenüber sitzt eine ältere Frau, in ein Sensationsblatt vertieft, die Beine überkreuzt, bemüht, niemanden zu berühren. Ihr Lippenstift glänzt und ihr altrosa Karo-Kostüm scheint sie etwas einzuengen. Ihre Augen schweifen in neugieriger und unersättlicher Gier über die Zeilen und Skandalphotos.
Hinter Ihrem Rücken wirft ein schwarz gekleideter Jugendlicher seinen Kopf ruckartig hin und her. Das Zirpen von elektronischen Zikaden dringt aus seinen Ohren und erfüllt seine Umgebung mit rhythmischer Musik. Neben ihm verzieht eine alte Dame das Gesicht, betrachtet ihn aus den Augenwinkeln, murmelt mit zitternder und fast unhörbarer Stimme einige Worte, die ihre Missbilligung und ihr Unverständnis über die Jugend von heute auszudrücken scheinen.
Markante Punkte in gelb und schwarz folgen einander in dichter Abfolge, vor den grauen Mauern der Stadt, die Silhouette des gespenstischen Monsters aus Stahl und Glas des neuen Bahnhofs, der alte Zoo und seine gequälte Kirche, die den Verkehr dominiert und dahinter die letzten Wohnungen und Zeugen des Urbanismus, bevor man den riesigen Wald durchfährt. Kulissen der täglichen Strecke mit derart bekannten Details. So viele gekreuzte Leben, die nicht mehr als ein Bild, einen Eindruck oder manchmal einen Blick teilen. In einer der Metropolen am Ende der Welt, wo alles davon abhängt, woher man kommt, wohin man geht und wie wir Entfernungen bewerten.
Der Zug fährt weiter und die Gesichter, die ihn füllen entschwinden zu ihren geheimnisvollen Zielen. Der nächste Tag wird ähnlich, falls nicht ein Detail zur Szenerie hinzukommt und die Ordnung der Dinge durcheinander bringt.
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Schmeiß es besser weg
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von Dominik Haile, erschienen am 15.03.2007
Eigentlich sollte der Raum am Ende des Flures als kleine Werkstatt genutzt werden. Deshalb habe ich eine Werkbank eingebaut und meine Werkzeuge ordentlich in Kisten einsortiert. Inzwischen sind Hammer, Schleifpapier und Schraubenzieher kaum mehr erreichbar. Alles was ich wegschmeißen will, landet hier: Der kleine Brockhaus von 1950 in zwei Bänden. Ein Meterstab, auf dem geschichtliche Epochen verzeichnet sind, unter anderem die Hurenherrschaft: »896 n. Chr.: Pornokratie in Rom.« Ein Wasserkocher mit Wackelkontakt – nein: zwei Wasserkocher, einer mit Wackelkontakt, einer mit Kurzschluss. Nichts wird weggeschmissen. Alles könnte irgendwann zu irgendetwas nützlich sein. Ein Irrsinn.
Wer anderen mal beim Umzug geholfen hat, weiß, dass die Anhäufung von unnützem Mist keine Macke eines Einzelnen sondern ein Massenphänomen ist. Unmengen von defekten Waffeleisen, Bleistiftsammlungen und Stoffresten alter Couchgarnituren schleppe ich in unregelmäßigen Abständen für meine Bekannten durch Berlin. Alles unbrauchbare Staubfänger.
Zur Lösung dieses Problems hat der Deutsche den Sperrmüll ersonnen. So sollte er sich ganz einfach von den erwähnten Gütern trennen. Alles vor die Haustür stellen und warten, bis die Müllabfuhr zum Einsammeln vorbeikommt. Aber die Seuche des Sammelns ist zu komplex, um mit solch einfachen Lösungen beseitigt zu werden. Zwar stellt der Deutsche seinen Mist vor die Tür um davon Abschied zu nehmen, schnappt sich jedoch kurz darauf einen Handwagen – den er mal auf dem Flohmarkt ergattert hat – und durchwühlt den Sperrmüll seiner Nachbarn. Im Saldo schleppt er mehr Sachen an, als er losgeworden ist.
Schmeißen die Franzosen eigentlich auch nichts weg? Doch, sicherlich, denn die verstehen zu leben. Der alte Mist verträgt sich nicht mit dem Savoir-vivre. Das ist schon am täglichen Bedarf erkennbar: Der Franzose kauft sich dreimal am Tag Baguette, lässt es hart werden und schmeißt das Meiste davon weg. Ich hingegen muss mich zwingen, den halben Laib Roggenbrot nicht in einem Aktenordner abzuheften. Ordner L für Lebensmittel, Abteilung B für – nein, nicht Brot – Backwaren, Register R für Roggen, zwischen D und W, Dinkel und Weizen. Es ist ein Fluch.
Obwohl: Gestern habe ich ein kurzes Stück Kabel gebraucht. Da war ich heilfroh, den defekten Wasserkocher auf meiner Werkbank zu entdecken. Ich habe ein Stückchen von seinem Kabel abgeschnitten und wieder ein paar Cent gespart. So rechtfertige ich, ein 15 Quadratmeter großes Zimmer nicht mehr nutzen zu können. Zum Glück hebe ich alles auf.
Alle Jahre wieder …
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von Maja Langhammer, erscienen am 01.12.2006
Jetzt ist es wieder einmal so weit: Diese verdammt kurzen Dezembertage ersticken jede Erinnerung an Sommer, an Urlaub, an meine Freunde in der Heimat, an Deutschland. Paris, die Stadt der Lichter, der Liebe, im Sommer meine Lieblingsresidenz, im Winter mein Ort des Heimwehs. Deutsch-französische Freundschaft hin oder her, in der Weihnachtszeit bekomme ich die sonst so bereichernden kulturellen Unterschiede schmerzhaft zu spüren. Mit jedem Kalendertürchen, das ich öffne, wächst meine Sehnsucht nach der wohlbekannten Heimat. Adventszeit, alle Jahre wieder die schlimmste Zeit in der Ferne, die Zeit des Heimwehs.
Bin ich denn so sehr den Traditionen verhaftet, dass mir jetzt nur noch Schwippbogen, Pyramide und Nussknacker in den Sinn kommen? Kann ich denn wirklich an nichts anderes mehr denken als Weihnachtsbaum, Weihnachtsschmuck und Weihnachtslieder?
Traurig wandere ich durch die Pariser Nacht, versuche sehnsüchtig Blicke in die erleuchteten Wohnzimmer zu erhaschen, doch was sehe ich: keine leuchtenden Sterne, keine goldgelockten Engelchen, keine Kerzen. Auch ein traumhaft funkelnder Eiffelturm und das Lichtermeer der Champs-Elysées können da kaum helfen. Unweigerlich denke ich an die Weihnachtstradition in Deutschland. Wie schön war sie doch, die Adventszeit zu Hause in Sachsen: hell erleuchtete Fenster, geschmückte Tannenbäume in den Vorgärten, die große Pyramide auf dem Marktplatz und erst der Weihnachtsmarkt, der Weihnachtsmarkt. Zu Stille Nacht und Jingle Bells schunkelten wir hin und her, den heißen Glühwein in der einen, den Bratapfel in der anderen Hand.
Und nun? Wo finde ich Trost fern von der Familie, in meiner Wahlheimat in Paris? Ich steuere den nächsten Supermarkt an und zu meiner großen Freude finde ich dort neben dem guten alten Schoko-Weihnachtsmann echte Lebkuchen. Vive la France! Aber wo sind die Dominosteine, wo der Spekulatius?
Ich eile nach Hause zum Lebkuchen-Test. Resultat: quadratisch, praktisch, lecker. Doch leider hält die französische Art des Gewürzkuchens dem Vergleich mit Nürnberger Lebkuchen oder anderen mit Marmelade gefüllten Köstlichkeiten deutscher Weihnachtsbäcker nicht stand.
Also sehe ich der Wahrheit ins Gesicht: Ich bin in der Fremde, weit weg von Freunden und Familie und mein sentimentales Adventszeitgerede macht mir die Lage nicht erträglicher. Verdränge ich also jegliche Gedanken an meine deutschen Traditionen, an die Lebkuchen meiner Oma? Nein, so geht das auch nicht. Vorweihnachtliche Gedanken ade? Weit gefehlt. Aus den Augen, aus dem Sinn? Nicht zu Weihnachten. Nicht dieses Jahr. Nicht mit mir. Denn zum Glück gibt es die Post, und die sendet mir Omas Plätzchen, Lebkuchen und Spekulatius direkt nach Paris. Was werden meine französischen Freunde wohl zu all den Leckereien aus Deutschland sagen? Weihnachtszeit, du kannst kommen – dieses Jahr und auch alle Jahre wieder. Vorfreude, schönste Gaumenfreude.
Foto Weihnachtsmarkt Leipzig © LTS Leipzig
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Ein neuer Virus greift um sich – auf der Suche nach unsterblichen Ahnen
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von Manuela Wolter, erschienen am 15.04.2006
Sind es tatsächlich nur die Franzosen, die sich in den so genannten »centres de généalogie« auf die Spuren ihrer Vorfahren begeben? Oder ist dieser Aktensport auch bei anderen Nationen anzutreffen, mir bisher nur vollkommen verborgen geblieben? Schon möglich, denn ich habe mich mit diesem Thema noch nie beschäftigt und gebe mich mit dem Wissen zufrieden, dass der Ursprung meiner Familie mütterlicherseits im »mafiosen« Süditalien zu finden ist. Somit reicht mein Erkenntnisschatz gerade einmal bis zu meinem Großvater zurück – nicht gerade weit. Eigentlich schade. Wäre es nicht schön, behaupten zu können, die Ur…großnichte da Vincis zu sein?
So erzählte mir ein französischer Freund bereits vor Jahren, dass er mit dem berühmten Literaten Sainte-Boeuf verwandt sei und dass sein Großvater allwöchentlich das nächstgelegene »centre de généalogie« aufsuche, um weitere Erkenntnisse über seine Ahnen zu erlangen. Bis vor kurzem war ich noch der Überzeugung, dass der gute Herr eine Ausnahme darstellt. Ich nahm an, dass er sich mit unserer modernen Zeit nicht so recht anfreunden kann oder will und sich aus diesem Grunde ein nostalgisches Hobby gesucht hat.
Heute denke ich anders darüber. Spätestens seit mir während meines Einkaufs bei Carrefour in Lyon ein Stapel diverser Gebrauchsanleitungen in Form von CD-Roms zum »In-der-Vergangenheit-stöbern« in die Arme fiel. Und dabei war ich doch nur auf der Suche nach einer kompakten französischen Grammatik – davon hingegen war im gesamten Haus keine Spur zu finden. Dass auch die Regale der französischen Buchläden von Généalogie-Werken nahezu überquellen, brauche ich nun kaum noch zu erwähnen. Doch dass auch das Internet von Tipps und Tricks rund um die Ahnenforschung übersät ist, fand ich schlicht faszinierend. Dank dieses Mediums könnte diese französische Leidenschaft zu einem internationalen Hobby avancieren. Dadurch würde die Welt noch ein Stückchen näher zusammenrücken…
Na ja, bleiben wir zunächst auf dem Boden der Tatsachen und begnügen uns erst einmal damit, die Geburtstage unserer lebenden Verwandten auswendig zu lernen. Derweilen pack ich schon mal meine Koffer für Italien…
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Woanders leben und manchmal zurückkehren – Entzweit.
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Florence Knosp, Übersetzung: Manuela Wolter, erschienen am 15.11.2005
Die Lichter der Stadt. Gleich dem Gefühl, Erinnerungen an ein halb vergangenes Leben zu begegnen. Wieder jene Strassen überqueren, die jahrelang das Lachen und die kleinen Sorgen trugen. Diese Pflastersteine, diese Gassen. All diese Menschen, die einem so vertraut erscheinen. Das allgegenwärtige Gemurmel der verschiedensten Erinnerungen. Jedes Detail ein Gedanke, eine Minute, die aus der Vergangenheit wieder auftaucht, ein Gewirr von Gefühlen, von gemischten Empfindungen. Die Stadt, die ich so oft verlassen habe, um dann nach Monaten und ohne Ankündigung als Fremde zurückzukehren, um ihre Schönheit und ihre Atmosphäre zu genießen. Ich komme gerne zurück. Erneut ihre Mauern zu berühren, mich zu erinnern, mich noch einmal ein bisschen daran festhalten, um dann sanft wieder Abschied zu nehmen. Ohne diese befremdliche Schwere zu stark in mich eindringen und auf mich wirken zu lassen. Ihr liebevolles Lächeln, eine angenehme Überraschung. Die Wärme tief im Herzen. Ich verspüre den Drang, jeden Einzelnen in meine Arme zu schließen. Für die Gebliebenen, für diejenigen, die immer dort sind, ein merkwürdiger Gefühlsausbruch. Für all jene, die nicht alles hinter sich gelassen haben, um anderswo von Neuem zu beginnen. Für all jene, die immer in Gesellschaft waren, nie allein. All jene, die nicht oder nicht mehr wissen, was es bedeutet, alleine aufzubrechen und nach Monaten wieder zurückzukehren und all die vertrauten Gesichter von damals wieder zu erblicken.
Die Welt spaltet sich. Ein Leben hier, ein Leben dort. Fast ebenso unzertrennlich wie gegensätzlich. Wie die besten Feinde. Ganz wie die Zeit. Die Vergangenheit, die Gegenwart. Eine Vermischung der Leben, der Länder. Wenn man nicht mehr oder noch nicht sagen kann: »Mein Leben ist hier« oder »Mein Leben ist anderswo.« Wenn man noch ein bisschen zögert und das Herz noch umherschweift. Der Drang, all jenen, die man zurückgelassen hat, die dort geblieben sind, von seinem anderen Leben zu erzählen. Das Bedürfnis zu sagen: »Ich habe es geschafft. Ich habe mich losgemacht und das Leben ist wirklich schön – dort unten.« Doch ihr fehlt. Als würde die Ironie des Schicksals flüstern. Man kommt von irgendwo her. Es gibt immer Menschen, die man verlässt, die nicht aufbrechen oder mitkommen. Menschen, die dableiben, egal wo unser Ziel ist. Man wähnt sich also in der egoistischen Hoffnung, dass sie wirklich in unserem zurückgelassenen Leben bleiben, damit sie da sind, wenn unsere Seele betrübt ist und wir das Bedürfnis verspüren, unser vertrautes Leben, unsere Wurzeln wieder zu finden – damit die Worte »ich komme von dort« ein bisschen Sinn behalten.
Nicht wirklich wissen, ob man zurückkehren, ob man wieder aufbrechen wird, aber den Zufall und die Gelüste entscheiden lassen, wie auch immer der Kompromiss, den man wird eingehen müssen, und die zukünftigen Überraschungen aussehen mögen.
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Ohne Zidane ist alles nichts …
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von Günter Rohrbacher-List, erschienen am 01.06.2005
»Diese Mannschaft ist auf Jahre hinaus unschlagbar«, rief der damalige Teamchef des Deutschen Fußballbunds, Franz Beckenbauer, 1990 nach dem Gewinn des Weltmeistertitels in Italien. Doch die Realität war eine andere. Im Juli 2000, nach dem Gewinn der Europameisterschaft gegen die Italiener, tönte der französische Abwehrspieler Frank Leboeuf, nun seien die Franzosen die Deutschen im Fußball. (Fast) unschlagbar, dominant, konstant und zuverlässig. Doch auch er irrte.
Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft 2006, die in zwölf deutschen Städten, darunter im Frankreich nahen Kaiserslautern und in Stuttgart ausgespielt wird, wankt die Équipe Tricolore, die von 1995 bis 2003 die führende Nationalmannschaft Europas, zeitweise gar der Welt war. Warum? Die großen Gestalten des Welt- und Europameisters von 1998 und 2000 sind abgetreten: Thuram, Desailly, Lizarazu, Petit, zuvor schon Djorkaeff, Blanc und Deschamps. Vor allem aber hat Zinedine Zidane, der geliebte Zizou, den Blauen adieu gesagt und fehlt nun als Schaltstelle all überall auf dem Spielfeld.
Seit der damalige Nationaltrainer Jacques Santini vor der WM 2002 seinen Abschied von les Bleus verkündete, weil ihm eine frühzeitige Verlängerung seines Vertrages verweigert wurde, und seit der raubauzige Raymond Domenech nach dem katastrophalen Abschneiden der Mannschaft im Fernen Osten neuer Trainer wurde, läuft nicht mehr viel rund. Es werden keine Spiele mehr gewonnen, weil die Stürmer das Tor nicht treffen. Trotzdem glaubt die Grande Nation unverdrossen daran, dass ihr Team 2006 im Nachbarland dabei sein wird. Dabei sieht es duster aus, denn gegen Irland, Israel und die Schweiz hat man im Stade de France jeweils nur 0:0 gespielt, dazu 1:1 in Israel und lediglich gegen die beiden Zwerge der Gruppe – die Färöer-Inseln und Zypern – gewonnen.
Ab September wird es sich zeigen, wer Recht behält, die 41 Prozent, die immer noch an die direkte Qualifikation glauben, oder die 48 Prozent, die den Umweg über die »barrages«, also das Stechen der Zweitplatzierten befürchten. Am 3. September geht es in Saint-Denis gegen die Faroer, und vier Tage später kommt es in Dublin gegen die Iren zum ersten großen Endspiel. Die endgültige Entscheidung fällt im Oktober, wenn es am 8. in die Schweiz geht und wiederum vier Tage später die Zyprioten in Saint Denis auftauchen. Es könnte noch mal gut gehen mit zwei Siegen und zwei Unentschieden, wenn die anderen dabei mitspielen. Für les Bleus geht es jetzt um alles, aber ohne Zizou ist eben alles nichts.
Anders gleichartig
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von Nicole Schaar, erschienen am 01.03.2005
Tagtäglich begegnen wir einer Vielzahl unterschiedlichster Menschentypen. Intuitiv wird dabei sofort aussortiert und feinsäuberlich in Schubladen wieder eigenen Kriterien zugeordnet – sympathisch, ausgeflippt, langweilig, interessant … Angeblich entscheiden die ersten zehn Sekunden darüber, ob man den berühmten Draht zueinander findet oder die Wellenlängen doch gänzlich verschieden sind. Das Schubladendenken ist zwar nicht offiziell geregelt, wie etwa das Kastensystem in Indien, doch hängt der Zuteilungsprozess meist nur von einem Merkmal ab: den Äußerlichkeiten. Wie auch sonst soll man von seinen Mitmenschen Notiz nehmen? Heutzutage liegt die Priorität jedoch weitestgehend darin, bloß nicht normal zu wirken. Wir streben nach Individualität und gezielter Andersartigkeit. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die uns schon Auskunft über das Innenleben unserer Mitmenschen geben sollen: Schlüsselbänder, verfilzte Dreadlocks, die „Arschgeweih"-Tattoos knapp über dem Hosenbund, knallige Haarfarben, dicke Augenbemalungen oder auch Naturtypen. Einerseits will man nirgends reinpassen und andererseits doch Gleichgesinnte finden – ein Problem an sich, oder?
Vorurteile bestimmen unser Umgehen miteinander, denn wir leben in einer Ellbogengesellschaft. Wer sich von der Masse abhebt, ist erfolgreich. Doch zu sehr herausstechen ist auch wieder nicht gut. Und schon sind wir bei der unverbesserlichen Individualitätsfrage angelangt. Es ist eine wahre Gratwanderung.
„Du musst erst dich selbst finden und nicht in ausgelatschte Fußstapfen treten", bekomme ich da zu hören. Doch führt uns das nicht zu folgendem scheinbar unlösbarem Rätsel: Wie viele Individualisten bilden erneut eine Massen- beziehungsweise Mainstream-Generation? Schränkt das Schubladendenken die Kommunikation ein? Reden wir aneinander vorbei, weil wir entweder krampfhaft versuchen uns anzupassen oder aber extrem dagegen anzukämpfen? Könnten Ökofreak, Punk und Techno-Anhänger mit Buffalogirls und Wasserstoffblondinen in Ausnahmefällen sogar friedlich miteinander kommunizieren?
Nur gut, dass es diese eigenartigen und wundervollen Momente im Leben gibt, wo Mutter Erde auf den Kopf gestellt wird. Wo man mit einem Blick zu seinem Gegenüber die äußerlichen Unterschiede mal nicht wahrnimmt, und man sich schmunzelnd sagt: „Hm, wer hätte je gedacht, dass wir einmal befreundet sein würden?"
Grafik von Jon Monaghan, www.jonmdesign.net
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»Teutonische Tragödien«
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von Frédéric Peters, erschienen am 01.12.2004
Räumen wir auf mit den alten Vorurteilen, und schaffen wir neue. Was ist dazu besser geeignet als eine Kolumne, gnadenlos subjektiv? Nach 22 Jahren als franco-allemand unter Deutschen kann ich den Versuch unternehmen, einige unumstößliche Weisheiten zum Besten zu geben. Wanderer, kommst du nach Germanien, bereite dich darauf vor, mit dem Kopf voran zu laufen. Ich kenne kein anderes Land, in dem die Leute sich so sehr über ihren eigenen Kopf definieren wie in Deutschland. So bereite dich darauf vor, wenn du nach Deutschland kommst, zu diskutieren. Das vernünftig begründete Argument besitzt hier höchste Autorität. Und damit man zu einer, für alle Beteiligten akzeptablen Lösung kommt, darf jeder seinen Senf dazugeben. Bemerkenswert überzeugt vom eigenen Standpunkt wird abgewägt, widersprochen und aufgetrumpft, bis man schließlich zu dem Schluss gelangt, dass eben jeder seine eigene Meinung dazu hat, selbst die, die eigentlich dasselbe meinen und es unterschiedlich ausdrücken. Und das sei ja auch fein so.
Dieses allseits beliebte Gesellschaftsspiel hat natürlich verschiedene Nebenwirkungen. Aus demokratischer Sicht ist es traumhaft. Selbst wer nichts zu sagen hat, kommt mal zu Wort. Etwas schwieriger wird es, wenn eine Gruppe Freunde beschließen will, wohin sie am Freitagabend ausgeht. Spaß haben will ernsthaft geplant sein. Häufig sind wir nicht ohne stundenlanges Hin und Her losgekommen. Zumindest waren wir sicher, dass wir den kürzesten Weg zur Party nahmen. Und dass alle, die noch nicht während der Diskussion resigniert hatten, mit dem gemeinsam erarbeiteten Gruppenziel zufrieden waren. Einmal angekommen auf der Party sollte man nicht erwarten, sich immer gedankenlos vergnügen zu dürfen. Nicht, wenn man sich aus Versehen mit einem der zahlreichen Hobby-Philosophen unterhält. Im schlimmsten Fall kann es schon ein Fehler sein, ihn zu fragen, wer er denn sei. Schwierig, ihm danach noch verständlich zu machen, dass man an seiner Meinung über den Sinn des Lebens und diverse politische Fragen im Augenblick nicht interessiert ist. Am besten ein paar nicht wirklich vertretbare Standpunkte (»Amoklauf ist gut für den Blutkreislauf«) einbringen, bis der Gesprächspartner aufgibt und sich das nächste Opfer sucht.
Und Bier trinken. Dafür ist das Zeug da. Oh Wunder! Nach ein Paar Bierchen sind alle Menschen Freunde. Sie versuchen zwar weiter klug daherzureden, sie tanzen zwar nach wie vor mit dem Kopf und nicht mit dem Gesäß, aber es stört mich nur noch bedingt. Wo ist eine schöne Frau, der ich meine Sicht auf die Krise in der Geschlechterbeziehung im neuen Millennium darlegen kann?
Cartoon von Sibylle Möller
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Schrecklich: Der Sommer ist da
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von Dominik Rapp, erschienen am 01.09.2004
Nun scheint die Hoffnung des Jahres doch noch zerstört: Der Sommer hat lange auf sich warten lassen, aber schließlich doch noch Einzug gehalten. Das ist schlimm. Warum? Der Effekte wegen. Natürlich sind dreißig Grad warme Sonnentage etwas Wunderbares. Auch abends am Flussufer seinen Rotwein zu trinken, ist das Angenehmste überhaupt.
Aber die Ästhetik leidet. Nein, nicht Leute, die kurze Hosen tragen, obwohl sie Beine mit den so genannten Traummaßen 90-60-90 haben. Menschen, die nicht offensichtlich den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, ziehen wenig Aufmerksamkeit auf sich und stören daher auch kaum. Ich weiß das, ich bin einer von ihnen. Furchtbar sind schöne Menschen, bevorzugt bildhübsche Frauen im heißen Sommer. Viele davon tragen nämlich die ästhetische Grausamkeit an sich: Flip-Flops. Diese gummiartige Kunststoffplatte, deren oft nur zahnseidedünne Riemchen die große Zehe von deren Schwestern trennt.
Stellen Sie sich vor: Eine junge Frau von vielleicht gerademal neunzehn Jahren mit einer Figur, bei der sich der Gedanke aufdrängt: Gott wollte angeben, als er sie geschaffen hat. Dazu intelligent, witzig und schlagfertig. Und dann erwidert sie Ihr Lächeln und kommt auf Sie zu – und watschelt. Sie schlurft Ihnen entgegen wie eine Ente beim Marathonlauf.
Da ist es doch besser, diesem herrlichen Wesen in Sibirien zu begegnen, wo sie wie eine Zwiebel in eine Unmenge von Schalen gepackt ist. Dann lenkt ihr Äußeres auch nicht von ihrem Wesen ab, und sie wandelt wie eine Göttin. Macht’s gut. Ich gehe nach Sibirien. Wir sehen uns, wenn der Sommer vorbei ist.
Foto von Manuela Wolter
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Rauchän verursacht Kräbs
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Warum Frankreich toll ist, obwohl ich es eigentlich gar nicht kenne
von Dominik Rapp, erschienen am 01.06.2004
Ich habe es geschafft. Obwohl ich von den deutsch-französischen Beziehungen in etwa so viel Ahnung habe, wie von der Elefantenzucht im indischen Hinterland, hat mich die Redaktion auf dem komfortablen Sessel des Kolumnenschreibers Platz nehmen lassen. Ja, es gefällt mir hier.
Aber mit welchem Thema beginnen? Wer erst mal in den Duden gucken muss, um Elysée-Vertrag richtig zu schreiben, sollte die Sache nicht auch noch kommentieren. Er sollte sich zuerst schlau machen, und zwar so lange, bis er sagen kann, er sei zum Experten herangereift. Noch besser wäre es, wenn er von anderen als Experte bezeichnet würde. Das ist bei mir nicht der Fall. Aber vielleicht kann diese Zeitung sogar mir noch was beibringen.
Frankreich. Zu Frankreich fällt mir folgendes ein: Baguette, Ziegenkäse (den ich so sehr hasse, wie ihn mein Vater liebt), Baskenmützen, Froschschenkel. Aber über so etwas schreibt man nicht. Das ist zu stereotyp. Über Themen wie Froschschenkel kann man nur schreiben, wenn man sich darüber sprachlich aufregen will. Will ich aber nicht.
Meine jüngste Frankreich-Erfahrung liegt schon ein Jahr zurück. Sie hieß Blandine. Französische Erasmus-Studentin. Ich hatte gerade zwei Sätze mit ihr gewechselt, da hat sie mich schon als Schwaben entlarvt. "Da habe isch für ein dreiviertäl Jahr geläbt", erzählte sie. Und später unterhielt sie mich mit der Geschichte, dass sie in Berliner Apotheken das Problem hat, nicht verstanden zu werden, weil sie "Kügele" kaufen wollte, aber nicht wusste, dass die in Berlin Pillen heißen.
Ich hörte ihr stundenlang zu. Und wenn sie nichts mehr zu erzählen wusste, bat ich sie, mir die Warnhinweise von meiner Tabakpackung vorzulesen. Ein bildhübsches Mädchen, das nicht nur mit französischem Akzent spricht, sondern immer wieder mal schwäbische Wörter verwendet.
Frankreich ist toll und "Rauchän göfährdet die Gösundheit ihres Kindös böreits in där Schwongerschaft".
Foto von Dominik Rapp
Erasmus à la Carte – Geld verdienen für den Traum Paris
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Mit den Nebenjobs ist das so eine Sache als Student. Geld soll er bringen, Spaß noch dazu, Abwechslung bieten und sich im Lebenslauf nach Möglichkeit auch gut machen. Erfahrungsgemäß, kann ich aber sagen, ist es leichter einen Mann mit beschriebenen Eigenschaften zu finden als den richtigen Job. Dabei habe ich meinen Traummann längst gefunden: Er heißt Erasmus und bringt mich hoffentlich eines Tages nach Frankreich.
Da die moderne Studentin von heute jedoch emanzipiert ist und sich natürlich nicht ausschließlich auf fremde Unterstützung verlassen möchte, geht sie einer traditionellen Arbeit nach: Sie kellnert.
Aber auch hier gibt es wie immer im Leben große Unterschiede: Der kulturinteressierte, fremdsprachengewandte Student sollte sich – wenn möglich – auch ein entsprechend multinationales Arbeitsklima suchen. Ist erst einmal das passende Restaurant gefunden, sollte vor der Bewerbung noch ein Blick auf die Speisekarte geworfen werden. Ist das Tagesgericht Eisbein mit Sauerkraut und die Spezialität des Hauses Weißwürste bayerischer Art, rate ich den frankophilen unter uns dringend von dem Job ab. Kellnerkollegen inklusive Koch dürften in so einem Restaurant eher weniger zu einer gesamteuropäischen Arbeitsatmosphäre beitragen. Stimmt aber Koch und Küche, so steht dem Geld verdienen erst mal nichts im Wege, und der Traum vom Ausland rückt auch ein Stückchen näher.
So geschehen auch bei mir: Das Ziel Paris fest im Blick, trete ich täglich den Kampf mit den Gästen an. Mitten in Berlin gibt es ein Restaurant, in dem es sich so kellnert, wie ich mir das WG-Leben in Paris vorerst einmal vorstelle: international. Ich hatte Glück: Das Team deckt herkunftstechnisch den gesamten europäischen Kontinent ab. Der Kellner aus Portugal, der Barmann aus Italien und der Koch aus Frankreich. Fragen nach der Wohnungssuche in Paris, der französischen Grammatik, wie dem subjonctíf, oder die Verbesserung der französischen Aussprache sind so durchaus möglich. Ein Vorgeschmack auf zukünftige Mitbewohner ist gratis, da sich oft nachgesagte landestypische Verhaltensweisen bewahrheiten, und so einem möglichen Fiasko in Sachen Zusammenleben vorgebeugt werden kann. Zur Vorbereitung auf ein Jahr im Ausland ist also der Kellnerjob sehr zu empfehlen. Als letzter Trost für alle Jobbenden unter uns, die weniger Glück hatten als ich, sei am Ende gesagt, dass schließlich alle Wege nach Paris führen
Foto von Alexander Augsten
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Wie das Wort Fern Studium besagt, studiert der Student den größten Teil eigenverantwortlich zu Hause.
Ein Studium komplett von zu Hause als quasi Telestudium bildet hingegen das Onlinestudium.
Beide Varianten führen zu den klassischen Studienabschlüssen Bachelor oder Master.
Alle eingeschriebenen Studenten haben die Möglichkeit Studentenrabatte mittels eines Gutscheincode zu erhalten.









































