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Rückblick: sechs Fragen an die Redaktion

Wie viel Arbeit hinter einem zweisprachigen Magazin steckt, davon können unter anderem unsere Übersetzer ausführlich berichten. Dass sich diese Arbeit aber auch gelohnt hat und rencontres.de in sieben Jahren zu einem preisgekrönten Medium im deutsch-französischen Journalismus wurde, erklären uns diejenigen, die nicht als Redakteure die Feder schwangen, aber die Fäden in der Hand hatten. Ein Blick hinter die Kulissen.


Was macht rencontres.de für dich aus?

Magali Karee, Übersetzungskoordinatorin

Ein Paradox. Einerseits ist rencontres für mich immer etwas Abstraktes gewesen – weil ich erst nach Jahren mal zwei meiner Mitarbeiter persönlich kennen gelernt habe! Bei den beiden wird es jetzt wohl auch bleiben. Mit allen anderen stand ich mehr oder weniger häufig im E-Mail-Kontakt, und das Erstaunliche und Paradoxe daran ist, dass der Elan der Macher von rencontres groß genug war, um mich – und viele andere auch – aus der Ferne und sozusagen über rein elektronische Impulse zu motivieren. Das hat mir schon immer schwer imponiert.



Wie hat sich rencontres.de seit seiner Gründung 2003 verändert?

Céline Moison, stellvertretende Redaktionsleiterin, Mitherausgeberin

Ich hatte nicht das Glück, 2003 die eigentliche Entstehung von rencontres.de mitzuerleben, aber aus Erzählungen von Mitgliedern und Rubrikleitern aus der Zeit weiß ich, dass die ersten Redaktionstreffen auf den Fluren einer Berliner Universität stattfanden, Mitglieder wurden über Annoncen am Schwarzen Brett angeworben.

Die größte Veränderung vollzog sich 2006 als rencontres.de begann, sich in der deutsch-französischen Medienlandschaft zu etablieren. Auszeichnungen wie der Deutsch-Französische Journalistenpreis und das Europäische Sprachensiegel animierten unser Team, neue Konzepte zu entwickeln, um das Angebot erweitern zu können: Audiodateien, Ausgaben zu aktuellen Themen, Sonderausgaben, Quizfragen. Die Öffentlichkeitsarbeit entwickelte sich zusehends. Besuchern von Messen, bei denen wir vertreten waren, musste ich immer häufiger nicht mehr erklären, um was es sich bei rencontres.de handelt: Viele kannten das Magazin bereits.

Natürlich hat auch das Team Phasen der Veränderung erfahren, ist es doch das Prinzip von rencontres.de, als Karrieresprungbrett für junge Journalisten und Übersetzer zu dienen – und somit verlässt uns alle vier bis fünf Jahre eine Generation, um sich beruflich zu etablieren. Ich muss allerdings sagen, dass alle Redaktionsmitglieder heute wie früher eines gemeinsam haben: ein hervorragendes Engagement, eine fundierte mehrsprachige Erfahrung und Leidenschaft für den interkulturellen Austausch. Das macht das Wesen von rencontres.de aus.



Was war das größte Abenteuer, das du bei rencontres.de erlebt hast?

Odile Zeller, französisches Lektorat

Mein schönstes Abenteuer bei rencontres ist das Schreiben, das Lektorat von Texten, die immer interessant sind, oft neuartig, die von Talent zeugen und aktuelle Debatten aus einer doppelten, deutsch-französischen Perspektive aufgreifen. Als Mitglied von rencontres habe ich erlebt, wie Texte Form annehmen, mit Fotos illustriert werden, schließlich rechtzeitig erscheinen. Glücklich über die Möglichkeit selbst zu publizieren, habe auch ich mehrmals die Gelegenheit ergriffen zu schreiben – über Brot, Vornamen, die Ente und über Nolde.

Rencontres.de stand für originelle Themen über SPECQUE, eine Simulation des Europaparlaments durch junge Europäer, über den Bruder Napoleons, Döner, eine konkret fassbare, enthusiastische deutsch-französische Annäherung, die nicht im Dunstkreis der initiierten Projekte verharrt, sondern die Interkulturalität wahr werden lässt. Ich habe die zwei Jahre meiner Mitarbeit sehr genossen und bedauere das Ende dieses modernen, fassbaren und unentgeltlichen Abenteuers.



Welche war die schwierigste Übersetzung, mit der du je bei rencontres.de zu kämpfen hattest?

Andrea Razafintsalama, Übersetzungskoordinatorin

Diese Frage ist für mich nur schwer zu beantworten: Auch wenn ich zuweilen eine Übersetzung oder ein Lektorat übernommen habe, bestand meine Hauptaufgabe doch in der Koordinierung der Übersetzungen. Natürlich ist es nicht zu bestreiten, dass einige Artikel eine gründlichere Recherchearbeit erfordern als andere (bezüglich des Kontexts, des Jargons, der Titel bestimmter Werke etc.).

Was meine großartige Erfahrung als Koordinatorin der französischen Übersetzungen betrifft, muss ich zugeben, dass diese Aufgabe zwar immer sehr interessant, aber doch alles andere als ein Spaziergang war. Die Herausforderungen ließen sich jedoch bewältigen und am Ende überwiegt die Zufriedenheit. Einige Artikel erfordern deutlich kürzere Fristen als gewöhnlich, beispielsweise Artikel über eine Messe. Meine erste Erfahrung dieser Art habe ich mit Artikeln zu der Messe Expolingua gesammelt. Ich erhielt einen der Artikel zwei Tage vor dem Erscheinungsdatum, das hieß, dass er in dieser kurzen Zeitspanne übersetzt werden musste, diese beiden Texte mussten von einem deutschen und einem französischen Muttersprachler gegengelesen und von Odile überprüft werden, die für das Endlektorat verantwortlich ist. Normalerweise nehmen diese Vorgänge drei bis vier Wochen in Anspruch, uns jedoch ist es gelungen, in einigen durchgearbeiteten Nächten die Veröffentlichung aller vorgesehenen Artikel vorzubereiten – wenn endlich alles online ist, dann kann man echt zufrieden sein!



Als Kommunikationsbeauftragte und Netzwerkkoordinatorin hattest du den intensivsten Kontakt zu den Partnerinstitutionen von rencontres.de. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit ihnen?

Agathe Kiel-Demartial

Das Netzwerk von rencontres ist allmählich entstanden, dank der zunehmenden Akzeptanz des Magazins im deutsch-französischen Milieu, durch Institutionen wie auch durch das breite Publikum und die Medien. Viele deutsch-französische Akteure haben das Magazin genutzt, um sich zu präsentieren, als Gegenleistung präsentierten sie unsere Zeitschrift oder umgekehrt. Ein großer Vertrauensbeweis und die Anerkennung der Qualität unserer Arbeit etablierten sich so zwischen Partnern. Danach hat die Mund-zu-Mund-Propaganda im Internet das Übrige dazu getan.

Wo steht rencontres.de heute in den deutsch-französischen Beziehungen? 

Angesichts der großen Anzahl an Anfragen mit der Bitte um Informationen oder Unterstützung, die ich täglich per Mail erhalte, erscheint mir rencontres in der deutsch-französischen Landschaft unumgänglich, insbesondere für Studenten und Jugendliche, die am Beginn ihrer Karriere stehen und die sich in dem Bereich engagieren möchten. In diesem Sinne ist das Ziel von rencontres, eine Plattform und ein Sprungbrett für junge Menschen zu sein, die sich in den Bereichen Kultur, Journalismus und Übersetzung engagieren, sicherlich erreicht.

Es ist wirklich schade, hier aus Mangel an konkreten Mitteln aufzuhören, zu einem Zeitpunkt, da rencontres ein journalistisches Niveau erreicht hat, das der professionellen Presse würdig ist, und das, obwohl alles von einem studentischen Projekt ausging, eine bestehende Lücke füllen wollte. Ich hoffe, es findet sich jemand, der das Projekt übernimmt, um dieses fantastische Abenteuer fortzusetzen.

Fotos: privat



Souvenir: erste Begegnungen mit der anderen Kultur

Rencontres.de war für unsere Redakteure nicht die erste Begegnung mit der deutschen oder französischen Kultur. Einige machten sich bereits mit Kinderschuhen auf, das andere Land zu entdecken…Dabei haben sie so manche Kuriositäten erlebt. Hier einige Erinnerungen, die zum Schmunzeln einladen.

Französische Teighaufen


von Miriam Schulte, Ressortleitung Theater

Die französische Küche – ein Schlagwort, das nicht so schnell Gegenargumente provoziert. Schließlich verbirgt sich dahinter, jeder weiß es, der elegante Gaumenlooping des Weinliebhabers, das sanfte Schnurren der zufriedenen Naschkatze und der dankbar verliebte Blick des Edelgourmets. Ganze Genussfantasien sind von der französischen Küche besetzt… Ganze Genussfantasien? Nein! Eine Kleingruppe unbeugsamer Vegetarier hört nicht auf, dem dominanten Fleischverzehr Widerstand zu leisten – und kommt sich dabei sehr oft sehr lächerlich vor.Zum ersten Mal allein in Frankreich war ich mit 14, während eines Schüleraustauschs in Lyon. Mit meiner Gastfamilie hatte ich großes Glück. Trotzdem war das erste gemeinsame Abendessen eine seltsame Angelegenheit. Die Gastmutter, natürlich informiert über mein Essverhalten, beschloss tapfer, Ausflüge ins Unbekannte zu unternehmen – und kochte für mich einen Berg von fleischlosen Gerichten. Leider wusste sie selbst nicht ganz genau, worum es sich bei dieses vielen Pasteten, Klößen und Teighaufen handelte. Ein paar davon habe ich selbstverständlich gegessen, aber irgendwann war es soweit und ich versuchte meiner Gastmutter sehr freundlich zu erklären, dass ich keinen Hunger mehr hatte. Das sagte ich so: »Non, merci. J'ai faim.« Die verblüffte Köchin versuchte also mir um so mehr Speisen anzubieten – ohne Erfolg, ich blieb bei meinem »J'ai faim.«, mit der todsicheren Überzeugung, dass es sich dabei um »Ich bin satt« handelte. Dieses Abendessen dauerte sehr lange und ich wunderte mich, warum meine Gastmutter hartnäckig einen Teller nach dem anderen anschleppte, die ich dann freundlich lächelnd ablehnte.Ich frage mich heute noch, was für Teighaufen das damals gewesen sind. Mittlerweile wohne ich in Frankreich, und manchmal denke ich mir, dass diese Teighaufen auf einer Restaurantkarte eine aufregende Abwechslung zu den ewigen Salatbeilagen sein könnten.

Photo: Svenja Schulte


Schnee im Gelee


Eine deutsch-französische Alberei

von Christina Felschen, Ressortleitung Horizonte

Meine ersten französischen Wörter waren nicht etwa »Bonjour«, »Merci« oder »Merde«, sondern »plié« und »tendu«. Nicht sehr praktikabel, muss ich zugeben. Aber ich merkte ohnehin erst viel später, dass es sich um Französisch handelte. Ich war acht Jahre alt, Ballettschülerin und fand, »tongdü« klinge auch nicht schlechter als »tätärätää«. Und dann konnte man sich das Wort ja auch gut merken: »tooooongdü«, dachte ich und streckte langsam mit aller Kraft das Bein vor. Heute sieht mein »tendu« sicher schlechter aus, dafür klingt es besser. Und ich weiß, dass meine ersten französischen Worte »gebeugt« und »gestreckt« bedeuteten. Andere Ballettworte ließen sich schlechter merken, doch wir waren geübte Konstrukteure von Eselsbrücken. Und so hat sich zu Beginn der neunziger Jahre in der Kleinstadt Oelde so mancher Passant gewundert, wenn ihm Montag abends aus dem Kellerlichtschacht der Tanzschule eine deutsch-französische Beschwörungsformel entgegen schwappte: »Scheenee, Schnee im Gelee«, murmelten zwölf Mädchen ernsthaft und konzentriert, während sie Pirouetten –  chaînées –  durch den Raum drehten. Die Magie der Polyphonie verlieh uns Flügel.

Foto: privat


Russische Puppen


von Juliane Keusch, Ressortleitung Literatur

Frankreich ist eins dieser Phänomene, die man gemeinhin unter dem Begriff »russische Puppen« fasst. Eine in der anderen versteckt, geben die bunten Holzfiguren doch niemals mehr von sich preis, als dass sie Gefäße für unendlich viele weitere irgendwie ähnliche, irgendwie andersartige Kameraden sind. Vergeblich sucht man hier nach einem Wesenskern. Die Zahl der ersten Begegnungen geht ins Unendliche. Umgeben von Stapeln aufgerissener Schachteln – jede für sich glänzend schön und verheißungsvoll – beginnt auch der gewissenhafte Frankreich-Forscher bald zu zweifeln: Sollte denn hier alles nur Verpackung sein? Doch der so Fragende hat sich bereits verraten, er ist Tourist und er ist Deutscher! Denn die wahre französische Lebensart, das lernt jeder zuletzt, ist die Kunst die Dinge richtig zu verpacken …


Drei Gänge oder eine Luxus-Schokolade


von Stephanie Hesse, Ressortleitung Film

Was macht man, nachdem man müde und zufrieden von einer ausgiebigen Wanderung in den Weinbergen Burgunds zurückgekehrt ist? Ein kleiner Snack wäre nicht schlecht. Das dachte sich auch meine Familie, die das erste Mal mit mir in Frankreich Urlaub machte und sich nun in Richtung der kleinen rustikalen Brasserie um die Ecke begab. »Mmh, Mousse au chocolat, die wollte ich schon immer mal probieren« und mein Vater gab sein Bestes, um die Portion für mich zu bestellen. »Tut mir leid, Sie können nur ein ganzes Menü nehmen«, versuchte uns der Ober zu verstehen zu geben. Aber ich verstand überhaupt nichts: Warum gibt es denn hier drei Gerichte für eine Person? Und warum muss ich alles auf einmal bestellen? Mag es an den Sprachproblemen oder den französischen Essgewohnheiten gelegen haben: Am Ende aß ich eine Kinderportion Mousse au chocolat zum Preis eines ganzen Menüs und genoss jeden Löffel dieses luxuriösen 18-Euro-Desserts in vollen Zügen.


Sechs Jahre – und kein bisschen weiser


Dominik Haile, deutsches Lektorat

Wieder nichts gelernt. Fast sechs Jahre lang habe ich das deutsche Lektorat vertreten und zu mancher Leute Leidwesen deren Text mehr oder minder stark gekürzt und geglättet – manche meinen sogar verstümmelt. Aber es waren immer deutsche Texte. Kein Französisch. Kann ich nicht. Wollte ich immer mal lernen. Hab ich aber nicht.

Das ist eine Schande. Als erster Gardist der rencontres-Truppe – als Gründungsmitglied also – hätte Zweisprachigkeit eigentlich eine Grundvoraussetzung sein sollen. War sie aber nicht.

Zu meinem Glück. Sonst hätte ich nicht so viel über die deutsch-französischen Eigenheiten gelernt. Zum Beispiel der Artikel von Irina Mützelburg über die Fähigkeit zu beiden Seiten des Rheins, Englisch zu sprechen. Der hat gezeigt, dass der französische Frontalunterricht eher zum Klappehalten führt und das deutsche Mitmachprinzip die Leute zu selbsternannten Englischexperten macht, obwohl das meist nicht stimmt.

Fast arbeitslos wurde ich, wenn Elise Landscheck und André Glasmacher Artikel eingereicht haben. Mehr als zwei Kommafehler hatte ich bei den Texten der beiden nie zu korrigieren. Inhaltlich fundiert, mit eigenständiger Analyse und sprachlich nicht zu verbessern. Meine Lieblinge sind Andrés Artikel über den Werthereffekt und Elises Text über die Bedeutung des Protestsongs bei den Achtundsechzigern. Fristverlängerungen für den Abgabetermin bekamen die beiden von mir jederzeit, weil ich nach zehn Minuten Lektoratsarbeit (ohnehin) Feierabend haben würde.

Also habe ich während meiner rencontres-Zeit doch einiges gelernt. Über die Eigenheiten der Franzosen, die Macken der Deutschen und die unüberwindbaren Gemeinsamkeiten der beiden Nachbarn. Nur das mit der französischen Sprache – das wird wohl nichts mehr.

Foto: privat


Tabernoche! Quebecer Nachbarn


von Isabel Hummel, Ressortleitung Politik

In meiner Pubertät musste die Kleidung extrem bunt, das Make-up sehr dunkel und die Halskette stachelig sein. Hauptsache anders eben. Kein Wunder also, dass meine erste wirkliche Begegnung mit der französischen Kultur nicht in Frankreich, sondern in Québéc stattfand. Ausgerechnet dort wollte ich die Sprache unserer Nachbarn lernen.

Die Familie, die mich am Flughafen freundlich empfing, war wahnsinnig an mir interessiert. Alles wollten sie wissen. Leider verstand ich gar nichts und ich war der festen Überzeugung, dass da etwas schief gegangen sei – das waren keine Franzosen. Das waren Niederländer, die versuchten Französisch zu reden. Vielleicht war ja keine französische Familie mehr verfügbar gewesen.

Großer Unfug natürlich – was mir einige Wochen später klar wurde, als mein Gehirn das schöne Québécois endlich auch in die Ecke »französische Sprache« packte.

Heute schließlich eine verkehrte Welt: Das viele Hoch-Französisch der letzten Jahre hat mir mein hart erarbeitetes Québécois verdorben. Hostie! Chalice! Tabernoche!


Kulturschock Frankreich?


von Juliane Seifert, Ressortleitung Zusammenleben

»So anders wird es nicht sein«, dachte ich noch, als ich vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal in den Flieger nach Frankreich stieg. Die zum Teil bizarren Vorwarnungen meiner Austauschorganisation bezüglich der völligen Abwesenheit des in Deutschland üblichen 80x80-cm-Kopfkissens im gesamten Hexagon oder des ungemein hohen Standards französischer Körperhygiene im Vergleich zu deutschen Gepflogenheiten hatte ich unter absurde Vorurteile verbucht. Ich war voller Vorfreude auf meinen einjährigen Auslandsaufenthalt. Was ich dann in der Bretagne vorfand, hat mich doch mehr überrascht als ich erwartete: Ein im Gegensatz zu meinem Berliner Gymnasium riesiges Lycée, noch größere Supermärkte, Schüler, die selbst fünf Minuten nach dem Pausenklingeln noch sitzen blieben und konzentriert mitschrieben, ein maßgeblich durch Derrick geprägtes Deutschlandbild. Aber auch: intensiver Philosophieunterricht, die Schönheit einer stürmischen See und ohne Zweifel die besten Crêpes.



Porträts en miniature: unsere Redakteure

Wer steckte hinter den Kulissen von rencontres.de? Neue und alte Hasen der Redaktion melden sich zu Wort… über unaussprechliche Wortwendungen, deutsche und französische Macken zum Verlieben und was sie den rencontres-Lesern schon immer einmal sagen wollten.


Dein Name: Céline Moison

Deine Aufgabe bei rencontres.de: Mitherausgeberin

Wie du zu rencontres.de gekommen bist: Als ich 2004 ein Praktikum in einem deutsch-französischen Institut machte, hat Elise Landschek, die damals für die Rubrik Musik verantwortlich war, mir von rencontres erzählt und gesagt, dass das für mich interessant sein könnte. Und es war tatsächlich so interessant, dass ich heute noch dabei bin. 

Was du gerade sonst noch machst: Ich bin Projektleiterin im Eventmanagement. Meinen Hauptwohnsitz habe ich in Hamburg, aber ich arbeite viel an internationalen Projekten. Im Moment bereite ich für einen deutschen Kunden eine Veranstaltung in Paris vor. Parallel dazu arbeite ich auch als Lektorin, wenn ich ein wenig freie Zeit habe.

Deine liebste deutsche und französische Eigenart: Ich bin kein großer Fan von Klischees über Länder wie »alle Franzosen essen zum Frühstück frische Croissants und alle Deutschen Wurst«. Aber es stimmt schon, dass man gewisse Verhaltensweisen immer wieder beobachten kann: Der französische Chauvinismus ist nervig und gleichzeitig lustig. Die gnadenlose Logik der Deutschen und ihre Offenheit für alles, was  sie umgibt, hat mich schon in meinem ersten Jahr in Deutschland bezaubert. Sie hat mich seitdem stark beeinflusst.

Das schwierigste deutsche Wort für dich: »Erörtern« und »technisch«, zwei Wörter, die ich bis heute nicht aussprechen kann. Im Gegenzug bin ich ein ziemlich großer Fan der langen deutschen Wörter, die Neulingen unmöglich erscheinen, aber an sich ganz einfach sind, wenn man die Bestandteile einzeln betrachtet.

Was du den rencontres-Lesern schon immer einmal sagen wolltest: Danke für eure Unterstützung, eure ermutigenden Emails, eure Verbesserungen und Kritiken während all dieser Jahre. Von diesen Dingen lebt eine Zeitschrift.



Dein Name: Jasmin Welter

Deine Aufgabe bei rencontres.de: Veranstaltungstipps Bonn

Wie du zu rencontres.de gekommen bist: Ich bin während eines Praktikums bei der EU auf die Seite gestoßen und war sofort begeistert!

Was du gerade sonst noch machst: Momentan bin ich für einen Forschungsaufenthalt für meine Magisterarbeit in Washington, D.C. Im Sommer werde ich endlich wieder einmal nach Paris reisen und dort an der Sorbonne studieren.

Das schwierigste französische Wort für dich: Das Verb »aimer« – es ist schwierig zu konjugieren: Seine Vergangenheit ist nicht einfach, seine Gegenwart unbestimmt und seine Zukunft existiert nur in der Möglichkeitsform. 

Was du den rencontres-Lesern schon immer einmal sagen wolltest: Vive la communauté franco-allemande! Es lebe die deutsch-französische Gemeinschaft!



Dein Name: Erika von Bassewitz

Deine Aufgabe bei rencontres.de: Ressortleitung Lebensart

Was du gerade sonst noch machst: Ich schreibe hauptberuflich Texte oder übersetze die Texte anderer Leute zwischen Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch.

Das schwierigste deutsche Wort für dich: Meine Mutter ist Französin, mittlerweile zwar auch Deutsche, aber in erster Linie immer doch noch Französin. Und so habe ich auch beide Sprachen gelernt, Französisch von einer Pariserin und Deutsch, nun, von einer Pariserin. So erzählte ich denn auch immer meinen Freunden und allen anderen, ich sei Rechtshändlerin, was mir voll und ganz logisch erschien, denn schließlich schreibe ich ja mit der rechten Hand. Die Heiterkeit, die das auslöste, war mir vollkommen rätselhaft. Eines Tages beschloss ich, dem nachzugehen, und lieh mir einen Duden: »Rechtshänder« stand da, nicht »Rechtshändler«. Zu diesem Zeitpunkt war ich 16 Jahre alt.

Was du den rencontres-Lesern schon immer einmal sagen wolltest: Reist! Lernt Fremdsprachen! Tauscht euch aus, und probiert alles Fremde.



Dein Name: Christiane Lötsch

Deine Aufgabe bei rencontres.de: Rubrikleiterin Film 2004 – 2009.

Was du gerade sonst noch machst: Ich arbeite in der Akademie der Künste, im Bereich Kunstvermittlung und engagiere mich im Lokalteam einer europäischen Onlinezeitung.

Deine liebste deutsche und französische Eigenart: Dass die Franzosen einfach nicht unhöflich oder direkt sein können. Ihre Sprache verbietet ihnen jegliche Art direkter negativer Äußerungen, alles ist in hübsche, schöne Sätze verpackt. Im Gegensatz zu Berlin, wo man sogar von alten Männern auf dem Fahrrad einen Stinkefinger gezeigt bekommt, ganz zu schweigen von manchen Äußerungen, die man in den öffentlichen Verkehrsmitteln hört.

Das schwierigste französische Wort für dich: Bouilloire – Wasserkocher: Diese Verbindung von so vielen Vokalen und dem Doppel-L habe ich nie richtig über die Lippen bekommen. Außer im betrunkenen Zustand vielleicht.

Was du den rencontres-Lesern schon immer einmal sagen wolltest: Entschuldigt bitte die ersten Artikel über Germaine Dulac und Chris Marker, die eher Zusammenfassungen von Hausarbeiten als journalistische Artikel waren.



Dein Name: Anika Bethan

Deine Aufgabe bei rencontres.de: Autorin für die Rubrik Geschichte und von 2008 bis 2010 Buchhalterin

Wie du zu rencontres.de gekommen bist: über einen Freund

Was du gerade sonst noch machst:  Ich schließe gerade eine Promotion in Geschichte ab.

Deine liebste deutsche und französische Eigenart: Ich habe ein »typisch deutsches« Faible für Tabellen und Pläne. Für den Posten der Buchhaltung ist das natürlich nicht schlecht gewesen. Bei den französischen Eigenarten mag ich am liebsten den Hang zu sprachlichen Übertreibungen.

Das schwierigste französische Wort für dich: Allgemein die Grußformeln von »Bien cordialement« bis »A+« und »Je t’embrasse«. Zum Glück haben meine französischen Korrespondenzpartner immer großes Verständnis dafür.

Was du den rencontres-Lesern schon immer einmal sagen wolltest: Ich hoffe, Ihr alle hattet genauso viel Freunde an rencontres.de und der »Entdeckung« des Nachbarlandes wie ich.



Dein Name: Alain Le Treut

Deine Aufgabe bei rencontres.de: Ich habe mich seit Januar um die Rubrik Veranstaltungen in Berlin gekümmert. Ich habe auch seit 2008 einige Artikel für die Rubriken Kultur und Gesellschaft verfasst.

Wie du zu rencontres.de gekommen bist: Als ich an meiner ersten Abschlussarbeit zum Thema Erinnerung in Deutschland schrieb, hat mir mein damaliger Betreuer per  Email eine Anzeige des Vereins geschickt. »Ich dachte, das interessiert Sie vielleicht, auch wenn ich die Leute selbst nicht kenne.«

Es kam dann so, dass ich mich zunächst beworben habe, weil ich dachte, es handele sich um einen Job. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese Tätigkeit mir gut tun konnte und es mich zumindest auf andere Gedanken bringen konnte, wenn ich über andere Themen schrieb als über das Thema meiner Arbeit. Ich habe also einen ersten Artikel eingereicht.

Was du gerade sonst noch machst: Ich habe in Paris den Masterstudiengang Leitung kultureller Projekte abgeschlossen, lebe seitdem in Berlin und suche dort Arbeit. Ich bewerbe mich weiterhin auf Stellen, habe aber, um die Wartezeit zu überbrücken, wieder mit einem Diplomstudium an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder / Sŀubice angefangen. Ich arbeite auch mit einer deutschen Freundin an einem Projekt über StreetArt in Berlin. Sehr oft besuche ich kulturelle Veranstaltungen. Außerdem mache ich öfters bei künstlerischen Projekten mit: Ich habe Musik für Kurzfilme komponiert und arbeite manchmal bei Fotoprojekten mit.

Deine liebste deutsche und französische Eigenart: Ich mag sehr gerne Stammtische, das Vereinsleben, Grillen im Freien, Biergärten oder WG-Partys. Das ist vielleicht nicht typisch deutsch, aber diese Art, sich mit Freunden zu treffen und neue Leute kennenzulernen, verbinde ich mit der Berliner Atmosphäre.

Was Frankreich angeht, sind die starken Einflüsse der arabischen und afrikanischen Kulturen, die meine Jugend zwischen Yvelines und Essonne sehr geprägt haben, meine liebste Besonderheit. Ich glaube stark an ihr Potential und ich hoffe, dass die Akteure der französischen Kultur sich diese weiter aneignen werden.

Das schwierigste deutsche Wort für dich: Selbstzerstörungsmechanismus! Das ist die Art Wort, bei dem französischsprachige Logopäden ihre Zunge verschlucken würden!

Was du den rencontres-Lesern schon immer einmal sagen wolltest: Es ist ein sehr schönes Gefühl zu wissen, dass man von französisch- und deutschsprachigen Menschen gelesen wird und ich hoffe, ich werde weiterhin Gelegenheit haben in mehreren Sprachen Texte zu veröffentlichen, vor allem auf so hohem Niveau!



Dein Name: Sina Tschacher

Deine Aufgabe bei rencontres.de: Ressortleiterin Politik (Okt. 2003 – Feb. 2009)

Wie du zu rencontres.de gekommen bist: Über die Rundmail der Chefredakteurin Johanna an alle Frankreichstudien-Teilnehmer. Darin erzählte sie von ihrem Vorhaben, ein deutsch-französisches Magazin ins Leben zu rufen. Die Idee hat mich gleich begeistert und so war ich beim ersten Treffen im Flur der Freien Universität Berlin dabei.

Was du gerade sonst noch machst: Ich arbeite als Fernsehjournalistin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

Was du den rencontres-Lesern schon immer einmal sagen wolltest: Obwohl ich schon länger nicht mehr für rencontres.de tätig bin, finde ich es dennoch schade, dass das Projekt nun zu Ende geht. Ich finde es toll, was für vielfältige, spannende und interessante Artikel im Laufe der Jahre hier entstanden sind und wie sich rencontres.de entwickelt hat – und das, obwohl wir nie ein gemeinsames Büro hatten, sondern immer nur eine virtuelle Redaktion waren. Sicher war es oft auch stressig. Ich erinnere mich an die Anfangszeit, wie ich oft spät in der Nacht vor einer neuen Ausgabe einen Artikel online stellen wollte. Damals hatte ich noch ein Modem und mit dem dauerte es einfach mal gefühlte drei Stunden bis alles freigeschaltet war. Aber der Aufwand hat sich immer gelohnt.

Fotos: privat



Der Tag des Herrn

von Sylvie Lagnous, Übersetzung Irina Brüning, erschienen am 01.05.2010

Reges Treiben auf dem Bauernhof. Jedermann rüstet sich zum Kampf: Die Fleischmesser werden schon seit gestern geschliffen, die Wetzsteine sind in Aktion, Teller und Kessel blinken, Schüsseln und Töpfe in allen Größen stehen auf den Tischen. Es wird fieberhaft gearbeitet. Aber was ist dies nur für eine Zeremonie, die an diesem kalten Wintermorgen mit so viel Aufregung und ... Feierlichkeit vorbereitet wird? Große Tafeln stehen bereit, die seitlichen Tischplatten sind ausgezogen, zu dieser Gelegenheit werden viele Gäste erwartet! Wie jedes Jahr kommen die guten Tischdecken aus weißer Baumwolle wieder zum Vorschein! Auf dem Holzherd schmurgeln in hohen Töpfen Hühner, die König Heinrich Ehre gemacht hätten, das Feuer bullert im Kamin und appetitliche Düfte breiten sich in der Küche aus, wo ein jeder mit irgendetwas beschäftigt ist.

Die Männer sind bereit; mein Onkel, ein kleiner Mann mit borstigem Lenkstangenschnurrbart, wird das große Ritual durchführen. Er ist sorgfältig herausgeputzt: An seiner Kleidung fehlt kein Gamaschenknopf, sein Hemd ist steif gestärkt, er trägt eine Krawatte, die Mütze sitzt ihm fest auf dem Kopf – das ist seine Festtagskleidung! Dem Opfer und den bevorstehenden Feierlichkeiten gebührt Ehre. Heute ist ein großer Tag, der Tag des Schlächters, an dem das Schwein getötet wird. Wir befinden uns auf dem Land in der Charente, zur Zeit meiner Großeltern, in einer vergangenen Ära. Für meine kindliche Phantasie war dieser Tag so feierlich wie entsetzlich.

Nun sind alle bereit, der große Moment ist da! Meine Mutter packt mich fest am Arm und zieht mich mit aller Kraft mit sich zum entgegengesetzten Ende des Bauernhofs, wo die furchtbaren Schreie des Tiers nicht zu hören sein werden, in einen tiefen Keller mit dicken Wänden, wo ich mich hinter ordentlich aufgereihten Kartoffelsäcken verstecke und mir die Ohren zuhalte. In diesem Moment erinnere ich mich wieder an die abenteuerlichen Erzählungen von früheren Schlachtungen: Die Rollen sind von vornherein fest verteilt und im Laufe der Zeit sind die Männer ein eingespieltes Team geworden. Pierrot wird hinten die Füße gut festhalten, Jacques wird sich darum kümmern, dass das Tier auch auf seinem Opferbrett bleibt... und auch der unentbehrliche Mutige darf nicht vergessen werden, der am Schluss das Gleichgewicht dadurch sichert, dass er sich mit aller Kraft am Ringelschwanz festklammert. Und hier ist nun das Tier, wütend, weil es in seinem Sonntagsschlaf gestört wurde und in Todesangst ob des Schicksals, das ihm bevorsteht. Es ertönt Grunzen und panisches Quieken, das Tier schlägt aus und versucht zu entfliehen, aber bald wird es überwältigt, trotz seiner enormen Masse und seiner von der Angst verzehnfachten Kraft. Da liegt es gebunden, spürt, dass seine letzte Stunde gekommen ist und es dem todbringenden Handgriff endgültig ausgeliefert ist. Mein Onkel steht dem Ganzen vor, ein Messer mit feiner, blanker Klinge zwischen den Zähnen. Rasch wie ein Blitz stößt er die Waffe in das Herz des Tieres. Das Opfer ist vollzogen, nach und nach verstummen die Klagen. Der Handgriff ist meisterhaft ausgeführt worden. Über wie viel Erfahrung und Geschicklichkeit er verfügt! Ein Hoch auf den Künstler!

Ich kann nun mein Versteck verlassen und mit leichterem Herzen zuschauen, wie alles hin und her eilt und das Nötige vorbereitet, um das Tier herzurichten. Da dürfen sich auch empfindsame Gemüter nicht drücken! Das Blut wird schnell in dafür bereitstehenden großen Töpfen aufgefangen, auf dem Körper wird Stroh ausgebreitet und angezündet, um die Borsten abzusengen und jeder rüstet sich mit einem Stück Ziegel aus, um sorgfältig die Haare vom Leder zu entfernen, die Haut des Tiers zu glätten, bevor es schließlich zerlegt wird. Und da stehe ich achtjähriges Mädchen vor dem Koloss, einer riesigen, leeren Hülle, die schon zerteilt auf einer großen, an der Wand lehnenden Leiter liegt. Der Kopf hängt nach unten, aus der Schnauze fließen Tränen aus Blut in eine Schüssel. Ein beeindruckendes und grausiges Schauspiel in der Einsamkeit und Dunkelheit der Scheune!

Alle laufen geschäftig im Raum hinter der Küche hin und her; es gilt nun, sofort den Schweineleib zu zerteilen, die Stücke einzusalzen, die berühmte Blutwurst herzustellen und außerdem Schmalzfleisch, Braten und andere Spezialitäten vom Schwein. Das Tier liegt zerlegt da: Auf einer Seite der Kopf, ergreifend und ein wenig grotesk, dann die Rippen, der Kamm, die Schinken – der Anblick erinnert irgendwie an jene Szene aus Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris, in der die Kamera auf den Stücken des Schweins verharrt, das gerade in einem Keller geschlachtet wurde. Mein Onkel leitet all diese groben Arbeiten an, die Kraft und Geschicklichkeit erfordern, während sich die kleinen Hände daran machen, die Därme zu spülen, die für Würste verwendet werden sollen. Es ist Februar und der frühe Morgen ist frisch. Nebel breitet sich oberhalb des Bachs, in dem wir die feinen Därme reinigen, über das Land aus. Diese Hände sind im Laufe der Jahre immer gewandter geworden. Sie lassen die Därme geschickt über einen dünnen Weidenzweig gleiten, wenden sie dann flink wie bei einem Zaubertrick um und schaben sie vorsichtig ab. Nun sind die Därme so dünn und durchsichtig wie Spitze. Aber wie kalt das Wasser des Bachs ist! Die Hände sind davon ganz rot geworden.

Nun kommen die Gäste, alles umarmt sich und lacht einander zu an diesem großen Tag, dem Tag des rituellen Opfers, aber auch des jährlichen Zusammentreffens. Nun können die Feierlichkeiten beginnen – die Stimmung ist herzlich und munter, Ungeduld liegt in der Luft. Und vor meinen erstaunten Augen marschiert eine ganze Truppe von nahen und entfernten Cousins vorbei. Einige Gesichter kenne ich, andere sehe ich zum ersten Mal; sie alle werden am Festschmaus teilnehmen. Nach ein paar Gläsern rubinroten Weines aus diesem Jahr werden die Stimmen lauter, die Diskussionen hitziger; es geht lebhaft zu und bald hört man nur noch ein fröhliches Stimmengewirr, das vom Erscheinen des Gerichts unterbrochen wird, das ich am meisten fürchte und das die anderen mit freudigen Ausrufen begrüßen: Die »Schokoladensoße« (in Wirklichkeit Lebersoße), an der zu meinem Leidwesen kein Weg vorbeiführt! Mit Schokolade hat sie leider nur die Farbe gemeinsam! Es handelt sich um eine raffinierte Mischung aus den weniger edlen Teilen des Schweins - nichts am Schwein wird weggeworfen –, die im Blut des frisch geschlachteten Tieres mit einer Kunstfertigkeit zubereitet werden, die ich nicht zu schätzen weiß! Eine Delikatesse für Eingeweihte und ... eine Marter für mich! Aber das Festmahl wird gutgelaunt fortgesetzt. Braten und Koteletts werden in Fett schmackhaft zubereitet werden und an die Verwandtschaft verteilt werden, Girlanden von Blutwurst und anderen Wurstsorten werden auf dem Trockengestell aufgehängt, Töpfe mit gegrilltem Speck werden auf einem Regal aufgestellt, das diesen Tag des Opfers und des Prunks wie eine Galerie dokumentiert.

Diese Schilderung des Schauspiels der Schlachtung weckt Erinnerungen in meinem tiefsten Innern, die noch immer ganz deutlich sind – die Aufregung und das Gefühl von Angst, die für empfindsame Gemüter wirklich eine kleine Tragödie bedeuteten – aber auch die rituellen Handlungen, die einem Kind für immer im Gedächtnis bleiben. Ich erinnere mich auch an die belebte Atmosphäre des Familientreffens und sehe die Helden dieses Festes klar vor mir und das alles erwärmt noch jetzt, Jahre später, mein Herz.



Wenn der Deutsche den Teig in die Pfanne haut …

von Erika von Bassewitz, erschienen am 01.02.2010

Eine kleine Feier bei Freunden, nachmittags um fünf. Es soll Pfannkuchen geben, heißt es in der Einladung, und ich freue mich auf ein herzhaftes Essen. Frische Pfannkuchen mit ihrem geschmolzenen Käse, mit Schinken, Apfel, Zimt oder Zucker habe ich schon immer geliebt, und ich bin nicht die einzige. In meiner Schule am Niederrhein hat der Französischunterricht zahlreiche Anhänger gefunden durch eine Einführung in die Herstellung von Crêpes, der französischen Variante von Pfannkuchen. Natürlich wundere ich mich über die Essenszeit meiner deutschen Freunde, aber mehr fällt mir nicht auf.

Die ersten Gäste sitzen in der geräumigen Altbauwohnung, wie es sie wohl nur in Ostberlin gibt. Meine Freundin, eine gebürtige Hauptstädterin, reicht etwas herum. »Möchtest Du auch einen Pfannkuchen?«, fragt sie mich. In der Hand hält sie einen Teller, der voll ist mit jenen runden, puderzuckerbestäubten Bällchen, die ich aus dem Ruhrgebiet als Berliner kenne. Ich probiere einen, und der Hefeteig, die süße Füllung in der Mitte, die runde Form und der Puderzucker, der einem die gesamte Mundregion verschmiert, sind dieselbe wie bei den mir bekannten Berlinern. »Aber das sind doch keine Pfannkuchen! Das ist ein Berliner,« erkläre ich ihr und bin ganz außer mir.

Ich will sie aufklären – oder vielleicht doch nur verführen? In jedem Falle treffen wir uns einige Tage später in ihrer Küche. Mehl, Eier, Milch, Käse, Zucker und Zimt stehen bereit. Ich vermische das Mehl mit den Eiern und gebe so viel Milch hinzu, bis eine dünnflüssige Paste entsteht. Dann gebe ich einen Suppenlöffel voll Teig in eine große Pfanne und schwenke sie herum, bis ein sehr flacher Fladen entsteht, der sich kaum vom Boden abhebt. Sobald er fest ist, drehe ich ihn um und bestreue ihn mit Käse. Meine Freundin beobachtet mich mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. »Das sind Eierkuchen«, erklärt sie mir selbstbewusst und lehnt jede weitere Diskussion über das Thema ab. Meine Verwunderung ist ihr, die ihr ganzes Leben in Berlin verbracht hat, vollkommen unverständlich. Die deutschen Crêpes schmecken ihr trotzdem.

Zwei Monate später stehe ich in einer Münchener Bäckerei. Vor mir liegen Berliner, die in Berlin aber nicht Berliner, sondern Pfannkuchen heißen, während Pfannkuchen dort Eierkuchen sind. Ich überlege, wie ich mich hier in Bayern wohl ausdrücken sollte, und lese das Schild neben dem runden Gebäck. Krapfen steht da. »Krapfen? In Berlin heißen die Pfannkuchen …«, stammele ich, und mein bayrischer Nebenmann bemerkt: »Ja, ja, ich war auch mal in Berlin, die sind so ein bisschen komisch, an die Bezeichnungen da muss man sich gewöhnen. Die sagen ja auch nicht Semmel, sondern Schrippe.« – »Ähm, Du meinst wohl Brötchen…«, murmele ich, und denke an die Krapfen, die ich aus Nordrhein-Westfalen kenne.

Für diese kleinen Leckereien formt man aus einem Brandteig kleine Kügelchen und gibt sie anschließend in die Fritteuse. Die runde Form verliert der Teig während des Frittierens schnell, daher auch der Name: Die Bezeichnung Krapfen stammt von dem althochdeutschen Wort krapho für Haken oder Kralle. Das meist leicht unförmige Ergebnis ist wahnsinnig fettig und leider auch ebenso unwiderstehlich.

Mit den bayrischen Krapfen haben die nichts zu tun, denn bayrische Krapfen sind Berliner Pfannkuchen und Berliner Pfannkuchen sind rheinländische Berliner. In Gedanken male ich mir eine sprachliche Landkarte der runden Kugeln aus Hefeteig: Im Osten stehen Berlin und Brandenburg mit Pfannkuchen, im Süden Bayern mit Krapfen und im restlichen Deutschland der für mich gewohnte Begriff Berliner.

Die Karte hält nicht lange vor, denn ich muss nach Frankfurt am Main. Nach der langen Zugfahrt benötige ich dringend einen Kaffee, und den gibt es beim Bäcker. Also stehe ich in der Schlange und liebäugele mit dem Gebäck, appetitlich sieht es schon aus. Auch die Berliner, ich meine, Pfannkuchen, ähm, Krapfen, nein, was steht da? Kräppel?

« Ils sont fous, les allemands », denke ich bei mir. Vielleicht sollten wir es einfach alle wie die Österreicher halten und weder Pfannkuchen noch Crêpe, sondern Palatschinken essen.


Infokasten:

Das in Westdeutschland Berliner genannte Hefeteiggebäck soll ursprünglich aus Berlin stammen und seiner runden Form wegen Berliner Ballen genannt worden sein. Mit den Jahren wurde daraus Berliner. So heißen sie heute westlich von Lübeck, Braunschweig und Ulm. Da die Ballen in der Pfanne zubereitet wurden, nannten die Berliner ihre Ballen Pfannkuchen. Diese Bezeichnung ist auch den in den meisten anderen Regionen der ehemaligen DDR verbreitet. Zwischen Mainz und Erfurt wird man allerdings besser verstanden, wenn man Kräppel sagt. Im Süden dagegen, also in Bayern und Österreich, ist der Begriff Krapfen vorherrschend.

Wem das alles zu verwirrend ist, der kann sprachliche Stolpersteine vermeiden: Hier sind einige Rezepte zum Selberbacken.

Pfannkuchen/Eierkuchen/Palatschinken

250 g Mehl, 1 Prise Salz, 3 Eier, 450 ml Milch

Die Zutaten der Reihe nach miteinander vermischen und etwas ruhen lassen. Dann ca. 2 Minuten lang in einer heißen Pfanne von jeder Seite anbacken, nach dem Wenden je nach Gusto Käse, Schinken, Eier, Marmelade, Zucker, Nutella, Zimt, Butter, Obst oder auch Gemüse auf den Teig legen. Sofort verzehren!

Berliner/Pfannkuchen/Krapfen/Kräppel

225 ml Milch, 1 Würfel Hefe, 500 g Mehl, 2 ganze Eier, 2 Eigelb, 50 g Zucker, 50 g weiche Butter, 1 Prise Salz, Marmelade für die Füllung, Fett zum Frittieren, Puderzucker zum Bestäuben

Die Hälfte der Milch leicht erhitzen, langsam die Hefe hineinrühren und mit 150 g Mehl zu einem Vorteig kneten. Diesen zugedeckt eine halbe Stunde lang gehen lassen und währenddessen die Eier mit den Eigelben und dem Zucker verrühren. Anschließend den Hefeteig mit der Eiermasse, der restlichen Milch, der Butter, dem Salz und dem restlichen Mehl vermischen und den Teig eine halbe Stunde lang gehen lassen. Nach einer halben Stunde ca. 30 Kugeln formen, diese leicht flach drücken und nochmals 45 Minuten ruhen lassen. Dann die Kugeln bei 180 Grad in viel Fett backen, abtropfen und mit einem Spritzbeutel die Marmelade einfüllen. Zum Schluss noch mit Puderzucker bestäuben.



Döner ohne Fritten: Ein Franzose in Berlin

von Christiane Jokel, erschienen am 01.11.2008

»Halt!«, rufe ich, »c´est rouge!« Um noch gründlich darüber nachzudenken, was »Halt!« auf französisch heißt, ist einfach zu wenig Zeit. Mein Freund, der Franzose, will mir nichts dir nichts bei Rot über die Straße laufen, und dabei rollt im Regen aus 30 Metern Entfernung ein Auto heran. Er wirft mir nur einen fragenden Blick zu, denn das besagte Auto kommt nicht schneller voran als eine Oma auf Rollerskates. Doch das, so mache ich ihm klar, gehöre einfach zu den Dingen, die man hier in Berlin nicht tut. Dabei bin ich mir der Tatsache vollkommen bewusst, dass es in seiner Heimat zum Alltag gehört, dass sich Fußgänger und Autofahrer gegenseitig das Fürchten lehren.

Bei Grün wohlgemerkt überqueren wir dann die weite Straße. »C´est tellement spacieux ici«, stellt er fest und zieht sich die Kapuze über den Kopf, »et aéré«. Das hätte er von einer Hauptstadt weniger erwartet. Während sich in Paris Straßen und Häuser auf bedrohliche Weise um ihr jeweiliges Terrain zu bekämpfen scheinen, habe man im weiträumigen Berlin das Gefühl, freier atmen zu können. Doch bedrohliche Tauben, die gäbe es überall.

Schließlich sind wir am Ziel unseres kurzen, dafür nassen Stadtspaziergangs angelangt: der besten Dönerbude Kreuzbergs und verlässlichem Vertreter der deutschen Esskultur. Für französische Verhältnisse ist dieses türkische Fast Food in Berlin äußerst billig – wie so vieles andere auch. Doch eine entscheidende Zutat, die in deutschen Dönern fehlt, sind die Pommes Frites. Seltsame Sitte, sie einfach wegzulassen, stellt mein Franzose fest. Da er mir keine Ruhe lässt und wissen will, warum das denn so sei, frage ich den gedrungenen Mann hinter dem Tresen danach. »Weil Döner fettig genug«, meint er. Das nenne ich eine ehrliche Antwort.

Nicht nur grünen Ampeln muss ein Franzose in Berlin hohe Beachtung schenken, nein, auch den grünen Parkanlagen und den vielen Bäumen. Für urbane Verhältnisse ist die Vegetation hier ziemlich üppig, was meinen Freund in Staunen versetzt. Da das Wetter eine ausgiebige Promenade nicht zulässt, können wir am Potsdamer Platz vom 100 Meter hohen Panoramapunkt aus wenigstens einen Rundblick von oben auf die von Bäumen gesäumten Straßen und insbesondere auf den Tiergarten werfen. So viel Grün gebe es in der Pariser Innenstadt nicht, meint er, was ihn besonders beeindrucke – es sei denn, es leuchte in Form von Ampelmännchen auf. Dafür gebe es in Paris aber schönere Bauwerke. Da mag er Recht haben. Jede Stadt hat eben ihre Reize.

So ähnlich sich Frankreich und Deutschland auch sein mögen, es bestehen doch gewisse Unterschiede – nicht nur im Erscheinungsbild der Stadt, sondern auch im Verhalten im Straßenverkehr. Da kann die Euro-Münze noch so schön brillieren. Doch genau das ist das Spannende an einer »liaison franco-allemande«: miteinander neue Lebensarten entdecken. 



»Hüte dich vor falschen Freunden!«

von Larissa Beutin, erschienen am 22.10.2008, Reihe Alte Socke  

Als ich in meinem Freundeskreis das Thema falsche Freunde ansprach, erntete ich böse Gesichter und ziemlich negative Kommentare: »Das sind »Freunde«, die nur da sind, wenn man ihnen von Nutzen ist.« »Oh ja, wenn’s darauf ankommt, lassen sie einen schnell im Stich.« Sie schienen alle bereits sehr schlechte Erfahrungen mit falschen Freunden gemacht zu haben. Doch dass »falsche Freunde« auch gut sein können und lustig, davon sprach keiner. Ich behaupte sogar, dass mit Hilfe von »falschen Freunden« Freundschaften entstehen können.

Besonders geprägt von »falschen Freunden«, auch »faux amis« genannt, sind die deutsch-französischen Beziehungen. Mit dem Elysée-Vertrag besiegelten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer die deutsch-französische Freundschaft am 22. Januar 1963 und seither wachsen beide Seiten des Rheins immer enger zusammen. Austausche zwischen Deutschland und Frankreich florieren, immer mehr deutsch-französische Paare entstehen, es gibt einen deutsch-französischen Tag, deutsch-französische Schulen und noch viel mehr, um die deutsch-französischen Beziehungen zu stärken. Doch je näher sich die zwei Nationen kommen, desto mehr  treten auch die »falschen Freunde« ans Licht. Die »falschen Freunde«, von denen ich spreche, verstecken sich in der Sprache. Es sind trügerische Wörter, die sich äußerlich und vom Klang zum verwechseln ähnlich sind, sich in ihrer Bedeutung jedoch sehr  unterscheiden. Im Gegensatz zu den echten falschen Freunden lösen sie (meist) keine bösen Gesichter aus, sondern sorgen für verwirrte, belustigte Reaktionen –  sofern sie überhaupt bemerkt werden. Oft decken sie einfach nur den deutsch-französischen Unterschied auf und zeigen uns, dass – obwohl wir uns so nahe sind – immer noch kleine kulturelle Unterschiede bestehen.

Gerade neulich in der Bäckerei wurde ich Zeuge dieses witzigen Kommunikationsproblems: »Was ist das?«, fragte eine junge Französin in gebrochenem Deutsch ihre Begleitung und zeigte auf ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. »C’est une délicatesse allemande« antwortete die Frau mit unverkennbar deutschem Akzent. Verduzt runzelte die kleine Französin die Stirn. Wie kann eine Torte ein deutsches Feingefühl sein? Ein kurzer Moment der Verwirrung, der auf der einen Seite ein kurzes Stirnrunzeln über die Eigenheit der Deutschen auslöste und auf der anderen Seite nicht einmal richtig bemerkt wurde. Auch meine Mutter wurde Opfer eines weiteren »falschen Freundes«, als sie in jungen Jahren meinen Vater kennenlernte und von Paris nach Berlin zog. Freundlich erinnerte sie meinen Vater daran, dass er seinen »Sack« im Auto vergessen habe und erntete unter den Freunden meines Vaters begeistertes Gelächter. Als wir meine französische Großmutter nach langer Zeit wieder besuchten sagte sie zu meinem kleinen Bruder: »Tu es devenu très grand.« Verlegen witzelte er zurück: »Toi aussi, tu es devenue grosse.« Ohne sie beleidigen zu wollen hatte er versehentlich das deutsche »groß« mit dem französischen Wort für dick »grosse« verwechselt.  Nun ja, er wird wohl doch einen bösen Blick geerntet haben. 

Meine Freunde lachten, denn nun verstanden sie, was ich mit »falschen Freunden« meinte. »So einem »falschen Freund« bin ich auch schon begegnet«, erzählte Isabelle, die während ihres ersten Deutschlandaufenthaltes bei einer deutschen Bekannten lebte, welche Isabelle nicht sonderlich mochte und ihr dies auch deutlich zu verstehen gab. Meine Freundin bemühte sich dennoch um ihre Freundschaft, da sie noch eine Weile miteinander auskommen mussten. Als sie zufällig in einem Gespräch aufschnappte, dass sich die fiese Bekannte ein neues »plumeau« zulegen wollte, kam sie ihr zuvor, indem sie es ihr netterweise als Geschenk verpackt überreichte. Als die Gastgeberin den Staubwedel erblickte, stieg in ihr die Wut auf und sie fragte meine Freundin in einem giftigen Ton, ob sie die Wohnung nicht sauber genug fände. Erst nach einer Weile löste sich das Missverständnis und beide mussten herzlich lachen. Keinen neuen Staubwedel hatte sie gemeint, sondern ein neues Federbett. Wenigstens hatte dieser »falsche Freund« zwischen beiden das Eis gebrochen. Denn so peinlich diese kleinen Verwechslungen auch sein mögen, sie sind eine große Bereicherung für den deutsch-französischen Austausch, weil sie die ohnehin oft schwierige Kommunikation zwischen Deutschen und Franzosen lockern und ihnen unvergessliche Anekdoten über das andere Land mit auf den Weg geben.


Eine Frage der Vornamen

von Odile Zeller, Übersetzung von Berit Reimann, erschienen am 22.09.2008, Reihe Alte Socke

Kennen Sie Marianne? Kommen Sie schon, in jedem französischen Rathaus steht doch eine. Der Michel, ihr deutsches Pendant, taucht in Karikaturen auf. Diese sinnbildliche Figur – Pfeife rauchend und mit einer Zipfelmütze auf dem Kopf – kennt man in Frankreich nicht. Marianne kommt eher sexy daher, während Michel nur ein etwas einfältiger Bauer ist.

Vornamen nehmen in der Sprache einen besonderen Platz ein. Wüssten Sie vielleicht, wie man eine Madeleine mit einem Dietrich trauen sollte? Das ist doch unmöglich. Was würde Prousts Lieblingsbiskuit mit einem Hauptschlüssel anfangen, mit dem sich allerhand Schlösser öffnen lassen? Und wie sieht es mit diesen Gegenständen aus: Berthe, Charlotte, Marise – eine harte Nuss für Nichtfrankophone?

Die Charlotte aux pommes (Charlotte mit Äpfeln) ist bei den Gastronomen bekannt, ihre glockenartige Form erinnert an die Kopfbedeckung der unglückseligen Charlotte Corday, einer Figur der französischen Revolution. Mit der marise kratzt man den Kuchenteig zusammen, bevor sich Kinderfinger darüber hermachen und mit einer berthe aus Aluminium ging man frische Milch vom benachbarten Hof holen.

Männliche Vornamen können auch zur Beleidigung werden: Der Jules bei Edith Piaf beispielsweise, ein wahrer Schuft, der Julot, ein Zuhälter von Beruf, und der Jean-foutre, ein Nichtsnutz, sind keine gute Gesellschaft. Und faire le Jacques oder le Mariolle, also herumzukaspern, ist in der Schule verboten.

Die Mode hat den Marcel hervorgebracht, das Unterhemd jener starken Männer, die in Lager- und Markthallen die Fracht von LKWs entluden. Die deutschen Arbeiter tragen einen Blaumann, auch blauer Anton genannt.

Die Philippine, eine doppelkernige Frucht, die Anlass für ein Spiel ist, hat nichts mit Philippe zu tun. Ihr Ursprung liegt im deutschen »Vielliebchen«, und so bezeichnet Philippine beispielsweise eine Mandel, in deren Schale zwei Kerne wohnen.

Ein Rémy ist für Jugendliche ein Spielverderber, der keine Freunde hat. Ein Jacky fährt in einer kleinen Limousine umher, mit offenen Fenstern und voll aufgedrehter Musik. Ist das Lenkrad obendrein mit Plüsch überzogen, so ist der Fahrer ein Jean-Michel. In Deutschland ist Werner also etwa eine Art Jacky.

Zudem bringen gängige Rufnamen weitverbreitete Redewendungen hervor.

Monsieur tout le monde ist der Otto-Normalverbraucher; Germanisten stehen der »Gretchenfrage« ratlos gegenüber.

Jean qui rit hat sein Pendant auch östlich des Rheins: Hans im Glück, eine Art Candide. Jean qui pleure ändert in Deutschland das Geschlecht und wird zur Heulsuse. Ihr ähnelt die Meckerliese – im Französischen »râleuse« genannt. Ein August ist jedoch beiderseits des Rheins ein Weißclown.

Wenn bei jemand »Matthäi am letzten« ist, steht ein Mensch kurz vor dem Ende seines Lebens, weisen diese Redewendungen doch auf die Passage der Bibel hin, welche Sterbenden vorgelesen wird.

Um nicht mit dieser traurigen Anmerkung zu schließen, bieten wir Ihnen nun ein kleines Rätsel an. Finden Sie die Bedeutung dieser Vornamen, die in die Alltagssprache eingegangen sind. Viel Glück.

Quiz

1. Die »dame-jeanne« ist
a) eine Korbflasche
b) ein schönes Kleid
c) ein Briefkasten

2. Der »jéroboam« ist
a) ein alter Mann
b) ein Möbelstück
c) eine Weinflasche, die mehrere Liter fasst

3. Der Name Claudine steht für
a) eine Korsage
b) einen Rock
c) einen Rundkragen (Bubikragen)

4. Eine Marie-Louise umrandet
a) einen Garten
b) ein Bild
c) ein Fenster

5. Die Jeannette dient zum
a) Bügeln von Hemdsärmeln
b) Fenster putzen
c) Feuer machen

6. Mit der Berthe transportiert man
a) Milch
b) Wasser
c) Butter

7. Ist Marcel
a) ein Blaumann
b) ein Walkman
c) ein Unterhemd?

8. Dietrich ist ein Diminutiv und bezeichnet
a) einen Deutschen
b) einen Hauptschlüssel
c) eine Nachtigall

9. Die Charlotte
a) wird verspeist
b) wird als Kopfbedeckung getragen
c) wird nach Gebrauch in den Geschirrspüler geräumt

10. Der Name einer Figur in deutschen Puppentheatern leitet sich vom Namen eines der Drei Heiligen Könige ab. Welchem?
a) Melchior
b) Balthasar
c) Kaspar

 

Lösungen: 1a, 2c, 3c, 4b, 5a, 6a, 7c, 8b, 9a,b und c, 10c


Französisch – Sprache der Puristen?

von Céline Moison, Übersetzung Saskia Schuster, erschienen am 22.08.2008, Reihe Alte Socke

Oft ertappe ich Freunde aus Deutschland oder anderen Ländern bei einem Lächeln, wenn Franzosen zu einem englischen Wort ansetzen, leider tatsächlich oft mit miserablem Akzent. Und dann läuft die Unterhaltung unweigerlich auf den Sprachpurismus der Franzosen hinaus, die besorgt darum seien, ihre edle Sprache, die Sprache Molières von Einflüssen derjenigen Shakespeares, Goethes oder Cervantes’ reinzuhalten. Schließlich beruft man sich auf die wohlbekannte Loi Toubon von 1994, ein Gesetz, das den obligatorischen Gebrauch des Französischen insbesondere im öffentlichen Dienst, in Rundfunk und Fernsehen regelt. Dieses Argument ist unfehlbar. Lieber Herr Toubon, wissen Sie eigentlich, dass Sie in der ganzen Welt berühmt sind? Nicht etwa, weil Sie Justizminister waren oder derzeit Abgeordneter des Europäischen Parlaments sind. Nein, Ihr internationaler Erfolg beruht auf diesem Gesetz, das auf so einfache Weise das Klischee des typischen Franzosen bedient, der sich ausschließlich auf seine eigene Kultur, seine Sprache und seine jahrhundertelangen Traditionen berufe. Auch wenn es wahr ist, dass Franzosen ein wenig dazu neigen, einen Nationalstolz zu pflegen, der, wäre er auf der anderen Seite des Rheins zu finden, jedermann erschaudern ließe, sollten wir uns durch solch eine Vereinfachung nicht in Versuchung führen lassen. Angesichts dieses Schubladendenkens möchte ich das Ganze etwas nuancieren.

In den Brasserien (Gaststätten) bestellt man eher ein »sandwich« als ein »casse-croûte«. Die Jugendlichen fahren mit dem »scooter« oder »roller« zum »club de foot« (Fußballverein). Am »Week-end« feiert man bei einem der »raves«, bei denen der »DJ« an den »turntables« steht.
Man isst »cakes«, »brownies«, »cookies« (übrigens sehr lecker) und »muffins«. Der nicht mehr ganz so hippe »walkman« wurde inzwischen durch einen »player mp3« ersetzt. Man schaut eine »DVD« (manchmal sogar auf Englisch).
Aber die französische Sprache entlehnt nicht nur Worte aus der Sprache jenseits des Ärmelkanals. Was ist eigentlich mit »wagon«? Hört sich nicht sehr französisch an. Oder mit dem kleinen »schnaps«, den man nach dem Essen genießt? Ohne die schönen »edelweiss« zu vergessen, die in den Bergen blühen, oder das »leitmotiv« im Literaturunterricht.
Setzen wir die Reihe mit Einflüssen aus dem Arabischen fort, kennt die französische Sprache außerhalb des Hexagons keine Grenzen mehr. So sagt man auch: »Es war einmal in einem kleinen ‚bled’ (Kaff) in der Normandie. Dort hielt sich der Sohn des ‚toubib’ (Arzt) für einen ‚caïd’ (Gangster).« Man könnte Stunden damit verbringen, alle Entlehnungen in der französischen Sprache aufzulisten. Denn wie für jede andere Sprache gilt auch für das Französische: Die Sprache ist ein getreuer Spiegel der Geschichte, wird aber gleichzeitig von zeitgenössischen Einflüssen durchdrungen und verändert sich ständig – heute vor allem im Zug der Globalisierung.

Also, liebe Freunde, auch wenn wir Franzosen »kek« sagen, »möfin«, »sandouidsch« und »Mikael Dschacksonn« – erzählt mir nicht, dass die Sprache, die wir in Frankreich sprechen, völlig veraltet ist, »saperlipopette« (zum Donnerwetter noch mal)!  

Gesetzestext der Loi Toubon auf: www.culture.gouv.fr (auf Deutsch)



Knuspriger Wortschatz

von Odile Zeller, Übersetzung Sina Lebert, erschienen am 22.07.2008, Reihe Alte Socke

Die Kochkunst, die Tischsitten, die Zubereitung der Mahlzeiten und die Kochrezepte sagen viel über ein Volk aus. Zum Beispiel das Brot. Viele Zivilisationen wissen nichts über seinen Gebrauch. Wie sollte man Brot mit Stäbchen essen? Rund um dieses Grundnahrungsmittel hat sich im Französischen ein eigenes Wortfeld entwickelt – egal ob es sich um die Bestrafung eines aufsässigen Kindes (être mis au pain sec, wörtl. »zu trocken Brot verdonnert werden«) oder um einen erfolgreichen Anfänger (manger son pain blanc, »weißes (d.h. aus raffiniertem Mehl hergestelltes) Brot essen«) handelt. Der Arbeitende »verdient sein tägliches Brot« (gagner son pain), er ist mit Arbeit überhäuft und hat viel zu tun (avoir du pain sur la planche, »viel Brot auf dem Brett haben«), wenn er entlassen wird, entzieht man ihm die Lebensgrundlage (retirer le pain de la bouche à qn, »jemandem das Brot aus dem Mund nehmen«). Er hat seinen »Broterwerb« (gagne-pain) verloren. Und um am Leben zu bleiben, sollte man »nicht den Geschmack am Brot verlieren« (ne pas perdre le goût du pain) – man sollte sich nicht umbringen.

Durch das Teilen des Brotes entsteht eine Brüderlichkeit zwischen Gefährten, zwischen Freunden, die dann endet, wenn man beginnt, an der Ehrlichkeit des Gegenübers zu zweifeln. Je ne mange pas de ce pain là! - Ich billige dieses Vorgehen nicht! (wörtl. »von diesem Brot esse ich nicht«)

Ebenso erscheint der finanzielle Aspekt des Bäckerhandwerks in der Sprache. Auf Deutsch wie auf Französisch verkauft sich ein kommerzieller Erfolg »wie warme Semmeln«. Mit den steigenden Lebenskosten ist eine Redensart von 1690 wieder in Mode gekommen: Ça ne mange pas de pain (»das frisst kein Brot«) sagt man, um darauf hinzuweisen, dass etwas günstig ist oder eine geringe Ausgabe darstellt. Wenn Sie ausdauernd suchen, ergattern Sie bei Ihrem Einkauf ein Schnäppchen (payer l'achat une bouchée de pain, »einen Happen Brot für etwas bezahlen«).

Alle Arten von Brot füllen die Regale und Körbe der Bäckerin: baguette, pogne (kranzförmige Brioche), pain battu (»geschlagenes Brot«), miche (runder Brotlaib), bâtard (breiter und dafür kürzer als ein Baguette), ficelle (schmaler als ein Baguette und nur etwa halb so schwer). Eine Brotscheibe endet zuweilen als Paniermehl, Semmelmehl oder armer Ritter.

Jenseits des Rheins ist die Wortfamilie Brot ebenso reich. Der Arbeitgeber ist der Brotherr, der Arbeitslose brotlos, arbeiten ist ebenso wie im Französischen gleichbedeutend mit sein Brot verdienen. Der mittellose Student nimmt ein Brotstudium auf und ernährt sich von Brotsuppe. Allerdings ist die Brotmaschine, mit der das Brot geschnitten wird, in Frankreich unbekannt. Statt das Brot auf diese Art zu schneiden, benutzt man ein Messer oder bricht das Brot mit der Hand.


Rezept zum 14. Juli

Von Anne-Laure Edoh, Übersetzung Helene Greubel, erschienen am 14.07.2008

Um diesen Feiertag einwandfrei zu gestalten, befolgen wir ein klassisches Rezept. Stimmen Sie ihre Gäste mit den herrlichen Paraden ein, die in jeder kleinen und großen Gemeinde Frankreichs zum Rhythmus der Blaskappellen stattfinden, die – wie soll es anders sein - die Marseillaise spielen. Auch wenn die jungen Leute von heute diese Tradition ziemlich altmodisch finden, bleibt ein Großteil der Franzosen diesem Ritual sehr verhaftet.

Danach wird auf dem dörflichen Fußballplatz traditionellerweise ausgiebig gegrillt, wobei natürlich die berühmten Zaubertränke nicht fehlen dürfen, die je nach Region variieren: im Süden hängt man der Süße und Frische eines „Jaune“ an, besser bekannt unter dem Namen Pastis, im Norden und im Zentrum von Frankreich geht nichts über ein Bier oder ein gutes Glas Rotwein.

Gewürzt wird das Ganze mit herrlichen Feuerwerken und der Warmherzigkeit und Geselligkeit der Volksbälle. Geben Sie – damit der Schmaus eine offizielle Note erhält – eine Prise der Glückwünsche des Präsidenten hinzu, der flatternden bunten Fähnchen, der Imbissbuden, Liegestühle und Konzerte und lassen Sie alles einen Abend lang marinieren – Sie werden sehen, es ist das ideale Rezept, wie Sie den 14. Juli ohne große Umstände nach allen Regeln der Kunst feiern können!



»Die Leviten lesen« oder: Die guten alten Strafen aus dem Mittelalter

von Céline Moison, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.06.2008, Reihe Alte Socke

Als ich an der Uni Deutsch studierte, habe ich mir eines Tages ein Buch über deutsche Redewendungen gekauft, in dem ich den merkwürdigen Ausdruck »jemandem die Leviten lesen« gefunden habe, übersetzt mit »sermonner, remonter les bretelles à quelqu’un« (wortwörtlich: jemandem die Hosenträger hochziehen, sprichwörtlich: jemandem eine Strafpredigt halten). Damals sagte ich mir, dass es sich nicht lohnt, ihn mir zu merken, ich dachte, es sei eine jener Redewendungen, die man in der Schule lernt, die sowieso total veraltet sind und die - schafft man es, sich an sie zu erinnern und sie voller Stolz in eine Unterhaltung einfließen zu lassen - ein kurzes Schweigen hervorrufen, dem ein allgemeiner Lachanfall folgt. Beispielsweise würde auch niemand sagen: »Ja, genau, du hast ganz Recht. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.« (Regel Nummer eins für Unterhaltungen: Sprichwörter vermeiden!) Außerdem hat mich »jemandem die Leviten lesen« an Levitation, also Schwerelosigkeit erinnert, so dass ich mir jedes Mal die getadelte Person vorstellte, wie sie durch die Lüfte schwebt wie in der Red-Bull-Werbung. 

Aber nach mehreren Jahren in Deutschland musste ich mich eines Besseren belehren lassen. Der Ausdruck ist zwar nicht der meist verwendete, aber geläufig ist er schon noch. Sein Ursprung geht zurück ins Mittelalter – und jetzt wird es wirklich interessant.

Damals waren die Mönche nicht gerade berühmt für ihren exemplarischen Lebensstil, da sie es mit Gebeten, Arbeit und Sittenstrenge nicht allzu genau nahmen. Chrodegang, Bischof von Metz und eine hohe politische und religiöse Persönlichkeit des achten Jahrhunderts war empört über dieses den Grundsätzen der Kirche kaum angemessene Verhalten und setzte eine Reform des Klosterlebens in Gang. Dabei ließ er sich von den religiösen Regeln der Benediktiner inspirieren, die unter anderem besondere Andachtsübungen und Strafpraktiken vorsahen. Insbesondere ließ Chrodegang seinen Mönchen einen Auszug aus dem Dritten Buch Mose, Levitikus, vorlesen. Nun ist aber Levitikus nicht gerade das witzigste Buch der Reihe: seitenweise religiöse Vorschriften über die verschiedenen Arten von Opfern, die ein Priester darbringen muss. So ist verständlich, warum es für die getadelten Mönche eine Tortur war, die Leviten zu lesen.

Im Laufe der Jahrhunderte ist daraus die Redewendung »Dem werde ich die Leviten lesen« entstanden und 1200 Jahre später sind die Torturen von Chrodegangs Mönchen genauso präsent wie damals.

Hat man den tieferen Sinn und die Herkunft eines Ausdrucks einmal verstanden, sei es einfacher - so sagt man -, diesen zu verwenden. Die Bilder, die ich jedoch mit »jemandem die Leviten lesen«  assoziiere, sind einfach nur lächerlich: Ich sehe einen strengen Bischof, ein altes verstaubtes Buch und jemanden mit hochgezogenen Hosenträgern, der in der Luft schwebt. Na, dann sagen Sie mir einmal, in welcher Situation ich diese Mischung wohl verwenden könnte. 



»Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei«

von Ariane Kujawski, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.05.2008, Reihe Alte Socke

»Das ist schon seltsam, diese Leidenschaft der Deutschen für die Wurst«, sagte vor Kurzem eine französische Freundin zu mir. Auch wenn ich sie darauf aufmerksam machte, dass das Wort »Leidenschaft« hier vielleicht etwas übertrieben sei, muss ich zugeben, dass sie im Grunde nicht ganz Unrecht hat. Die Wurst, zubereitet auf der Grundlage von Fleisch, Speck, Salz und Gewürzen, begleitet die Deutschen durch ihren Alltag. Es gibt sie in allen Formen und Größen, von der Wurst als Aufschnitt zum Frühstück bis zur Bratwurst oder Currywurst als kleiner Snack im Laufe des Tages, nicht zu vergessen die Leberwurst. Und der letzte Schrei: die Wurst für Kinder, geschnitten in der Form kleiner, lächelnder Tiere, um sie appetitlicher zu machen.

Mit weltweit mehr als 1500 Sorten gibt es also nicht eine sondern viele Würste; in Deutschland finden sich etwa 50 verschiedene. Jede Region hat eine eigene Spezialität, wobei die berühmtesten aus Thüringen und Nürnberg stammen. Die Wurst ist ganz und gar Teil des deutschen gastronomischen Erbes: vom Abendbrot bis zum Weihnachtsessen hat sie östlich des Rheins eine unbestreitbare Tradition.

So ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass man das, was schon beinahe ein Markenzeichen von Deutschland ist, im alltäglichen Wortschatz wieder findet. Dennoch muss ich jedes Mal schmunzeln, wenn ich ihr in einer Unterhaltung begegne. Fragen Sie einen Deutschen, ob er lieber Nudeln oder Reis zum Abendessen möchte, dann antwortet er vielleicht »Das ist mir Wurst« (gesprochen Wurscht), was auf Französisch « ça m’est égal » bedeutet. Sie verlassen eine Stadt, die Sie mögen, Ihre Freunde und Ihre Arbeit, und man wird mit Mitgefühl für sie summen: »Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.« Dieses Sprichwort ist 1987 sogar Titel eines Liedes von Stephan Remmler geworden. Man macht sich über Sie lustig, Sie sind beleidigt? Sie sind also eine »beleidigte Leberwurst«. Dieses alte Sprichwort stammt aus der Zeit, als man dachte, dass jedes Gefühl von der Leber herrührt.

Es ist unbestreitbar: Die Wurst hat ein sicheres Plätzchen im deutschen Alltag jenseits des schlichten gastronomischen Bereichs ergattert. Was die genauen Zutaten der besagten Würste angeht, so bleibt die Frage offen. Und manchmal ist es besser, nicht zu wissen, woraus sie gemacht sind, damit man nicht um den Appetit gebracht wird – oder sogar um den Schlaf. Selbst Bismarck hat einmal gesagt: »Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie.«



Die Ribisel – eine Beere made in Austria

von Aurélie Daoulas, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.04.2008, Reihe Alte Socke

Im Deutschen mag ich das Wort »Ribisel«. Ich finde es lustig, niedlich, farbenfroh und süß. Im Grunde genommen ist es Österreichisch oder Deutsch, das man in Österreich spricht, wenn Ihnen das lieber ist. Und auf Französisch bedeutet es »groseille«. Dieses Wort hat den Vorteil, dass es sehr praktisch ist, wenn Sie in Österreich einkaufen gehen. Sie müssen zugeben, dass man sich »Ribisel« (wissenschaftlicher Name Ribes) viel einfacher merken kann als … Wie hieß doch gleich »groseille« auf Hochdeutsch?

Die Erdbeere ist »la fraise«. Himbeere? Nein, das ist »la framboise«. Brombeere ? Das ist »la mûre«. Bleibt uns also nur die Johannisbeere. Da die schwarze Johannisbeere bereits mit dem Wort »cassis« belegt ist, bleibt also nur die rote Johannisbeere, die – endlich haben wir’s – »la groseille« ist! Und wenn Sie auf der Durchreise in Wien sind, werden die Österreicher Ihnen mit Sicherheit ihren Ribiselwein empfehlen, den man sehr gut an einem Sommerabend auf einer Terrasse trinken kann. In Maßen natürlich…



»Mach keine Fisimatenten!«: Napoleon und die heißblütigen Franzosen

von Ariane Kujawski, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.03.2008, Reihe Alte Socke

Es gibt nichts Besseres, als mit drei Deutschen zusammenzuwohnen, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern und vor allem um zu erfahren, was unsere Nachbarn jenseits des Rheins von uns halten. Als wir eines Abends über den Ruf des heißblütigen Liebhabers diskutierten, der den Franzosen in Deutschland anhängt, habe ich zum ersten Mal den Ausdruck »Mach keine Fisimatenten« gehört. Die Sprachwissenschaftler streiten sich noch über die genaue Herkunft dieses Ausdrucks. Die wissenschaftlich am meisten kritisierte Erklärung ist gleichzeitig die beliebteste. Ich kann  der Versuchung nicht widerstehen, sie Ihnen zu erläutern.

Leipzig, Oktober 1813. Die Völkerschlacht zwischen Napoleon und einem antifranzösischen Bündnis, das unter anderem aus Großbritannien, Russland, Spanien, Preußen und Österreich besteht, ist in vollem Gange. Napoleon hofft, Deutschland endgültig beherrschen zu können, und hat zu diesem Zweck eine starke Armee hinter sich versammelt. Aber es ist nun mal so, dass die Soldaten seit einer gewissen Zeit im Krieg sind und Lust haben, sich ein bisschen zu amüsieren. Hingerissen von den jungen Mädchen aus Leipzig machten sie diesen angeblich Avancen, indem sie diese einluden, ihr Zelt zu besichtigen (»visiter ma tente«) – ein Ausdruck, dessen phonetische Entsprechung im Deutschen »fisimatenten« wäre. Die jungen Mädchen, die den Avancen der französischen Soldaten nachgaben, wurden anschließend von ihren Müttern streng zurechtgewiesen. Diese gewöhnten sich daher an, ihre Töchter mit erhobenem Zeigefinger zu ermahnen, das nicht noch einmal zu tun: »Mach keine Fisimatenten!« Seitdem ist dieser Ausdruck das deutsche Äquivalent unseres »Ne fais pas de bêtises!« (»Mach keine Dummheiten!«) geworden.

Wie man sieht, ist der Ruf der »french lover« gar nicht so neu. Aber in Deutschland scheint er heute mehr geschätzt zu werden als im 19. Jahrhundert.



Von Polen, Holland und alten Socken

von Céline Moison, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 22.02.2008, Reihe Alte Socke

Wie sehr ich diese kleinen, witzigen Redewendungen im Deutschen doch liebe. Jeden Monat suche ich mir eine besonders schöne aus und stelle mich der Herausforderung, sie mindestens einmal täglich zu benutzen. Von »du alte Socke« bis »treulose Tomate« – es ist eine wahre Wonne. Dieses Wochenende hat mich jedoch ein Ausdruck, vielmehr gleich zwei, in Erstaunen versetzt. Zuerst einer von Kathrin: »Oh nein, mein Lieber. Ich sag dir, wenn du das machst, dann ist Polen offen.« Bitte? »Dann ist Polen offen« – wäre das nicht schon fast an der Grenze des politisch Korrekten, wenn man sich auf die Öffnung der Grenzen im Rahmen des Schengener Abkommens bezieht oder auf den Einmarsch der Nazis in Polen? Wegen meines Stirnrunzelns setzt Jan noch eins drauf: »Wenn dir Ausdrücke dieser Art gefallen, habe ich hier noch etwas für dich: Dann ist Holland in Not.« Und dennoch, obwohl es so scheint, ist keine dieser Redewendungen Überbleibsel eines alten SS-Witzes.

»Jetzt ist Polen offen« geht nämlich viel weiter zurück, nämlich bis in die Zeit, in der Polen, eines der mächtigsten Reiche Europas war, vor allem durch die Kriege zwischen seinen kleinen Herzogtümern in viele Teile zersplitterte, bis das Gebiet schließlich zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt wurde. Das große und mächtige Polen wurde somit eine Region ohne wirkliche Grenze, »offen« für Invasionen. Daher rührt die Verwendung des Ausdrucks »Jetzt ist Polen offen« im Sinne von »Wenn das so ist, dann kann wirklich alles Mögliche passieren«, dann »Wenn das wirklich so ist, dann knallt’s«.

Was Holland in Not betrifft, so sind die Spuren undeutlicher, aber man vermutet, dass der Ausdruck von der geographischen Lage der Region und den schweren Naturkatastrophen, die diese erlebt hat, herrührt. Das Bild von Holland oder den Niederlanden im Allgemeinen in Not drückt im Deutschen ein extremes Bedrängnis aus und ähnelt damit der heutigen Bedeutung von »Polen ist offen«. Ich hätte gern einen solchen Ausdruck im Französischen, etwas in der Art wie « Si tu ne me rends pas mes chaussettes, ça va être la Belgique sans frites ». (»Wenn du mir meine Socken nicht zurückgibst, dann gibt’s in Belgien keine Pommes mehr.«). Das wär’ doch was, oder?



Sonderausgabe zum deutsch-französischen Tag

Unsere Reihe Alte Socke

Jemanden »durch den Kakao ziehen«, eine »Kirchenmaus« oder eine »beleidigte Leberwurst« sein, sich »einen Keks freuen« – was wären die deutsche und die französische Sprache ohne ihre Redewendungen, »ohne Hand und Fuß«, an die man sich komischerweise oft viel besser erinnert als an die Konjugation unregelmäßiger Verben? Ihre Extravaganz macht sie unvergesslich, und das hervorgerufene Bild prägt sich in unser Gedächtnis ein. Jeder Sprachwissenschaftler schwärmt von diesen irrsinnigen Wendungen, die ebenfalls auf ihre Weise die Fremdsprache wiedergeben, die wir uns zu lernen bemühen. Sie ahnen es bereits, das Thema ist spannend, witzig und wert, ganz allein eine neue Rubrik zu füllen.

Anlässlich des Deutsch-Französischen Tages 2008 hat rencontres die neue Serie »Alte Socke« ins Leben gerufen, die am 22. eines jeden Monats im Ressort Lebensart/Momentaufnahme erscheinen und burleske oder ungewöhnliche Redewendungen der deutschen Sprache vorstellen wird. Der Titel lehnt sich an die nette kleine Beleidigung »du alte Socke« an, Lieblingsausdruck von Céline Moison, der Initiatorin dieser neuen Reihe.


»Durch den Kakao ziehen«

von Céline Maurice, Übersetzung Christina Felschen, erschienen am 22.01.2008, Reihe Alte Socke

Ein französischer Freund hat mich eines Tages damit beauftragt, einen Artikel aus einer deutschen Musikzeitschrift für ihn zu übersetzen. Ich habe mich mit Begeisterung an die Aufgabe gemacht und tapfer mit der sehr speziellen Sprache der Fachpresse gekämpft. Am Ende dieses erbitterten Kampfes blieb ein Satz mysteriös: Beim Kommentieren der Liedtexte wies der Journalist darauf hin, dass die amerikanische Gruppe nicht zögere »den Präsidenten George Bush durch den Kakao zu ziehen«. Wie bitte? Warum um alles in der Welt würde eine Hardcore-Band aus New York, die man zuvor kaum einer konservativen Regung hätte verdächtigen können, »Double U« mit einer so sympathischen Sache wie einem Weihnachtstrüffel vergleichen? Und dann hüllte sich mein Langenscheidt auch noch in unbarmherziges Schweigen über das Thema. Ich habe mir also das Hirn zerbrochen, um mit viel Kreativität eine nicht allzu widersprüchliche Übersetzung zu basteln.

Kurz bevor ich meine Arbeit abgab, eröffnete ich meine gastronomisch-politische Sorge dennoch meinem freundlichen Mitbewohner. Ich muss gestehen, dass es immer eine Freude ist, seinen Freunden eine gute Gelegenheit zum Lachen zu bieten. Zumal das diesen hilfsbereiten, jungen Mann nicht davon abhielt, mich, nachdem er seine Freudentränen abgewischt hatte, von meinen linguistischen Kopfzerbrechen zu befreien: jemanden durch den Kakao ziehen bedeutet jemanden verspotten, auf Französisch casser du sucre sur le dos de quelqu’un, (wortwörtlich Zucker auf dem Rücken von jemandem brechen) was schließlich im gleichen süßen Register bleibt.

Ohne diese rettende Erklärung wäre ich Schokolade gewesen (être chocolat), wie der französische Sänger Bobby Lapointe sagen würde – das heißt, ich hätte mich geirrt.

 

 

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