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Verzweifeln auf hohem Niveau – Zum Gedenken an E.M. Cioran

von Juliane Keusch, erschienen am 20.06.2010

Individuelle Erfahrungen in philosophischen Texten zu thematisieren gleicht einer Gratwanderung. Wer im seriösen Geschäft des Denkens zu persönlich wird, setzt sich leicht dem Vorwurf aus, nur für sich zu sprechen. Einem Relativismus, der das Werk einseitig auf das Leben zurückführt, sind so Tür und Tor geöffnet. Doch was fängt man mit einem Denker an, der diese Individualität bewusst für sich reklamiert; der die formelle Sprache der Logik ablehnt und die reine Subjektivität des lyrischen Ausdrucks als höchste Stufe der Erkenntnis feiert?

Der rumänische Philosoph Emile Michel Cioran ist keinesfalls der erste, der die individuelle Erfahrung zum Ausgangspunkt der Reflexion macht. Die Verbindung von Subjektivem und Objektivem,  wie von Literatur und Philosophie, findet sich in weitaus größerer Radikalität schon bei Friedrich Nietzsche, der in einer Tradition steht, die bis auf Michel de Montaigne zurückreicht. Es ist kein Zufall, dass Cioran beiden sowohl sprachlich als auch gedanklich nahe steht. Doch Inspiration ist nicht gleich Imitation. Und so hat es auch mit der Lebensbeichte des Rumänen eine besondere Bewandtnis, spricht er doch in einer bislang ungekannten Aufrichtigkeit über eine Erfahrung, wie sie intimer und unaussprechlicher kaum sein könnte: Cioran rückt den Tod ins Zentrum seiner philosophischen Reflexion. Den Tod als Grunderfahrung des bewussten Lebens, vor dessen Absolutheit nichts, was der Mensch wünscht und hofft, Bestand hat. Den Tod, bei dessen Gedanke die sorglose Existenz mit einem Schlag unmöglich wird. In gewohnt drastischer Weise spricht er von dem »Perversen und unendlich Verkommenen« des Todesbewusstseins: »Die ganze naive Poesie des Lebens, alle seine Verlockungen und Reize erscheinen inhaltsleer, so wie auch alle finalistischen Entwürfe und theologischen Verheißungen hohl wirken.«

E.M. Cioran ist ein Denker, der im prächtigen Garten menschlicher Kulturblüten besonders ungestüm gewütet hat. Schon die Titel seiner Bücher, Auf den Gipfeln der Verzweiflung oder Vom Nachteil geboren zu sein, zeugen von dem rauen, destruktiven Klima, in dem seine Gedanken gediehen sind. 1911 im rumänischen Siebenbürgen geboren, verschlug es ihn im Alter von 26 Jahren, nach Abschluss seines Philosophiestudiums an der Universität zu Bukarest, nach Frankreich. Statt sich wie geplant seiner Doktorarbeit zu widmen, lebte er als freier Schriftsteller in Paris, teils in prekären Verhältnissen. Wie viele rumänische Intellektuelle seiner Zeit, verfasste er die meisten seiner Werke in französischer Sprache. Gleich einer Brieftaube, der man Geographie lehrt und deren intuitiver, zielgerichteter Flug nun unmöglich wird, stolperte der Schriftsteller in der Fremdsprache über Worte und Gedanken. Doch das ist bescheiden ausgedrückt, denn die Sprache seiner Essays und Aphorismen ist so leicht und klar, als wären die Worte nicht aus der Distanz heraus geboren, sondern unmittelbar den Tiefen seiner finsteren Gedankenwelt entflossen.

Seine Wortgewalt wird nur noch von der Radikalität seiner Gedanken übertroffen. Mit unvergleichlicher Präzision saust das Fallbeil seiner Rhetorik erbarmungslos auf alles nieder, was nach menschlichem Größenwahn und Selbstbetrug riecht. Cioran will in den Grundfesten des Daseins erschüttern und macht dabei vor nichts und niemandem Halt. Mal nüchtern und knapp, mal wortreich und poetisch, immer aber mit einer gehörigen Portion Zynismus seziert er die Verdrängungsmechanismen, die das bequeme und gedankenlose Leben, dem der Tod allenfalls eine abstrakte Vorstellung ist, ermöglichen. Erst wenn alle Träume und Hoffnungen des Menschen als vergebliche Versuche der Sinngebung enttarnt sind, offenbart sich die ganze Absurdität des Daseins. Eben diese Sinnlosigkeit im Absurden versucht Cioran auszuhalten, ohne dabei neue Götzen zu erschaffen. »Meine Fähigkeit enttäuscht zu werden, übersteigt alle Grenzen. Sie ist es, die es mir ermöglicht Buddha zu verstehen, doch sie ist es auch, die mich hindert ihm zu folgen«, gesteht er in Vom Nachteil geboren zu sein. Zu einer Überwindung des Zweifels wird es bei ihm nicht kommen. Im Gegenteil, zuletzt fällt auch die Philosophie, ja das Denken selbst seiner Zerstörungswut zum Opfer, denn als letzte Wahrheit steht: »Alles ist Betrug«.

Nur der organische Gedanke, der bis zum Urgrund des Lebens vordringt, dort, wo Gefühl und Vernunft, wo Individuelles und Universelles nicht mehr getrennt sind, kann wahre Erkenntnis bringen. Ein solches Wahrheitsmoment findet sich im Gefühl der Verzweiflung angesichts der Unausweichlichkeit des Todes, die den Menschen in einen Zustand der vollkommenen Erkenntnis über sein Schicksal versetzt. Jedes Denken, das sich jenseits dieser existentiellen Dimension vollzieht, sucht der Problematik des Daseins zu entfliehen, die eigenen »Leiden und Qualen zu maskieren«. Was Cioran hier fordert, ist die Fleischwerdung des Gedankens. Die abstrakte Vorstellung misst ihre Bedeutung nur am Gefühl, aus dem allein sie Wahrheit schöpft. Erst in der Bewusstwerdung des Fleisches, der eigenen Körperlichkeit – und damit unweigerlich der eigenen Vergänglichkeit – kann der Gedanke zu sich selbst kommen. Diese Bewegung findet im Lyrismus, in der Verquickung von Sinn und Sinnlichkeit, ihren unmittelbaren Ausdruck. Der Gedanke materialisiert sich im Klangraum der Sprache, die Materialität der Sprache selbst tritt durch die Loslösung der Wörter vom normalen Sprachgebrauch ins Bewusstsein. Die Poesie wird als Bindeglied zwischen Körper und Geist zum Spiegel des gelebten Gedankens.

Cioran, der zeitlebens leidend ist, schildert das Schreiben als eine Form der Befreiung von zu großer innerer Spannung. Auf den Gipfeln der Verzweiflung hat die Poesie geradezu therapeutische Wirkung. »Wenn ich es nicht geschrieben hätte, hätte ich meinen Nächten mit Sicherheit ein Ende gemacht.«[Übersetzung Redaktion], schreibt er, kaum 22 Jahre alt, im Vorwort seines ersten Buches. Pathologie und Philosophie scheinen sich hier zu entsprechen. Es wäre jedoch ein Fehler, dieses Bekenntnis als Selbstzensur und sein Werk fortan als Produkt eines suizidalen, depressiven Geistes zu lesen. Für Cioran schließt der Rekurs auf die individuelle Erfahrung den Gedanken nicht im Subjektiven ein. Die Idee wird nicht relativ, weil sie einem depressiven Gemüt entsprungen ist. Denn erst im Gefühl, nicht im Denken offenbaren sich die Grundmomente des Menschseins : »Die tiefsten Erfahrungen sind auch die universalsten, weil in ihnen der Urgrund des Lebens berührt wird.«  Wahre Philosophie ist so nur im Ausgang vom Individuellen möglich. Die naive Kausalität des Biographismus', die das Werk aus dem Leben ableiten will, erhält hier eine höhere Bedeutung. Das Gefühl wird zum Prüfstein des Gedankens, der seine Relevanz und Allgemeingültigkeit nur aus dem Leben schöpft.

Weitere Informationen:

http://planetcioran.blogspot.com/

Fotos: ©suhrkamp


Biographie

E.M. Cioran wurde 1911 als Sohn eines orthodoxen Priesters in der Nähe von Hermannstadt in Siebenbürgen geboren. Von 1928 bis 1931 studierte er Philosophie in Bukarest. 1933 erschien sein erstes Buch, Auf den Gipfeln der Verzweiflung, noch in rumänischer Sprache, das in seiner Heimat begeistert aufgenommen wurde. 1937 ging er als Stipendiat des Bukarester Institut Français nach Paris, wo er bis zu seinem Tod am 20. Juni 1995 lebte. In seiner kleinen Mansardenwohnung im Quartier Latin entstanden die meisten seiner rund 20 Werke.



Schöne, mörderische Provence

von Annika Rammler, erschienen am 15.06.2010

Stille, heiße Sommertage, der unverkennbare Geruch von Pinien und Lavendel, das angenehme Zirpen der Zikaden und ein wolkenloser, azurblauer Himmel: Bilderbuchprovence. Charlotte Link, die zurzeit erfolgreichste deutsche Autorin, weiß dieses Klischeebild nur zu gut zu zerstören. In ihrem Roman Die Täuschung, der 2002 erschienen ist, entwirft sie auf knapp 500 Seiten ein überraschendes Gegenbild zu dem sonst gemeinhin als sehr idyllisch empfundenen Ort. Die Täuschung ist daher nicht nur ein für Link typischer, psychologisch ausgefeilter Spannungsroman, sondern zugleich auch die Geschichte einer wunderschönen Gegend, die sich unter schrecklichen Morden verändert und auf gewisse Art an diese Geschehnisse anzupassen scheint. Für rencontres.de öffnet die Autorin die Trickkiste und plaudert übers Romaneschreiben, Auswandern und den Abbau von Klischees.

Mit Die Täuschung entführt uns Charlotte Link in den provenzalischen Spätsommer. Wir begleiten den Frankfurter Geschäftsmann Peter Simon auf der Fahrt zu seinem Ferienhaus nach Saint-Cry, von wo aus er mit seinem besten Freund Christopher zu einem Segeltörn aufbrechen will. Seine Ehefrau Laura will wenig später mit der gemeinsamen Tochter nachkommen. Auf dem Rastplatz Pas d’Ouilliers kurz vor Cassis ruft Peter seine Frau aus dem Auto an – sein letztes Lebenszeichen, wie sich bald zeigen wird. Von diesem Moment an ändert sich alles in der schönen Gegend, auch das Wetter. Es regnet, es stürmt. Die Autorin koppelt die Wetterbeschreibungen an den inhaltlichen Verlauf der Geschichte und schafft dadurch eine interessante innere Übereinstimmung von Handlung und Kulisse. Der schöne, sonnige Ort wird zum Schauplatz des Grauens. »Es reizt mich immer wieder, in Romanen genau dieses Aufeinanderprallen zu schildern: die scheinbare Schönheit, Ruhe und Sicherheit, in die plötzlich das Leben mit all seinen Gemeinheiten, Bösartigkeiten und manchmal sogar Dramen einbricht«, sagt Link. Und eben diese Gemeinheiten und Bösartigkeiten weiß die geborene Frankfurterin psychologisch derart ausgefeilt und präzise zu beschreiben, dass man als Leser meint, sich selbst mitten im Geschehen zu befinden. Laut Link, die 2007 die Goldene Feder entgegennehmen durfte, ein Medienpreis, den die Bauer Verlagsgruppe jährlich in mehreren Kategorien vergibt, spielt dabei die Authentizität einer jeden Geschichte, die nur dann zustande kommt, wenn die Romanfiguren sowohl in ihrem Charakterbild, als auch in ihren Handlungen psychologisch glaubwürdig und nachvollziehbar dargestellt sind, eine entscheidende Rolle. Daneben ist auch die Darstellung des Handlungsortes wichtig. Link beschreibt in Die Täuschung die kleinen Orte der Provence derart anschaulich, als würde sie seit Jahren selbst dort leben. Reine Imagination oder steckt mehr dahinter?

»Mein Mann und ich besitzen seit neun Jahren ein kleines Häuschen in der Provence in La Cadière. Wir verbringen fast alle Ferien dort«, verrät Link. Zum ersten Mal kam die Wahl-Wiesbadenerin im Oktober 2000 in die Region und erzählt von ihren ersten Eindrücken: »Mein Mann, schon lange leidenschaftlicher Provence-Liebhaber, hatte mir von dem herrlichen Klima dort vorgeschwärmt. Erwartungsvoll reiste ich an, um dann dort eine Woche lang nur im Regen zu sitzen – rund um die Uhr. Ich bekam eine furchtbare Erkältung und mein persönliches Klischee von Südfrankreich war ziemlich angeschlagen.« Als Link später Die Täuschung konzipierte, die ebenfalls im Monat Oktober spielt, stand für sie fest, auch einmal diese Seite der Provence zu zeigen. Und zu dem Gegenbild der verkitschten Provence gehöre eben auch die bleierne Stimmung eines Regentags, indem alles nur noch grau und braun und leblos erscheine, so Link. »Ich bin eben oft genug in der Provence, um sie als ein Stück Heimat zu empfinden und zu lieben, ich bin aber andererseits zu oft dort gewesen, um sie zu verklären«, sagt sie.

In der Verfilmung des Erfolgsromans wurde dieser Darstellung aber keinerlei Wert beigelegt. Die Kamerabilder zeigen typisch provenzalisches, sonniges Wetter, weiße Strände und verschlafene Dörfer in brütender Hitze. »Darauf hatte ich leider keinen Einfluss. Man wollte hier offenbar dem Klischee wieder entsprechen«, sagt Link mit Bedauern. Trotz dieser beträchtlichen Differenzen zu den Büchern, erreichen die TV-Verfilmungen regelmäßig hohe Einschaltquoten, was mit Sicherheit der Popularität der Vorlagen geschuldet ist. Der reißende Absatz  ihrer Bücher spiegelt Links großen Erfolg wider. Allein in Deutschland wurden bislang rund 15 Millionen ihrer Bücher verkauft. Übersetzungen ihrer Romane gibt es in zahlreichen Sprachen, natürlich auch ins Französische.

Aber kennt eine Erfolgsautorin eigentlich ihre übersetzten Bücher? »Nein. Ich lese meine eigenen Bücher grundsätzlich nicht noch einmal, auch nicht die Übersetzungen. Das hat zunächst mit dem nicht unkomplizierten Abnabelungsprozess zu tun, durch den ich gehen muss, wenn ich ein Buch abschließe und frei für einen neuen Stoff werden will. Und später habe ich dann immer die Sorge, beim Lesen ständig auf Ideen zu kommen, wie man es viel besser schreiben könnte – was natürlich nicht mehr möglich ist. Also bewahre ich lieber Abstand«, so die Erfolgsautorin. Dabei wäre es sicher ein gutes Training einmal in die französische Übersetzung hineinzuschauen, da ihre Französischkenntnisse nach eigenen Einschätzungen eher mäßig seien. »Aber, um in Frankreich durchzukommen, reichen sie schon.« Ihr Mann dagegen spreche die Sprache ihrer zweiten Heimat ausgezeichnet. »Er ist perfekt und hat sich die Sprache ausschließlich durch seine vielen Aufenthalte in Frankreich angeeignet«, verrät Link.

Dass es viele Deutsche mit sehr guten Französischkenntnissen in dieser Gegend gibt, weiß Link. Zahlreiche Ferienhäuser, wie eben auch das der Familie Link, gehören Deutschen. Aber nicht nur deutsche Urlauber, auch Auswanderer sind in der Provence zu finden. Die Erfolgsautorin stellt in ihrem Buch selbst einen solchen vor. Christopher, der beste Freund des Frankfurter Geschäftsmanns, der auf der Durchreise in die Provence ist, lebt vor Ort. In der Geschichte ist er ist nach Frankreich gezogen, weil er glaubte, dass das Leben dort einfacher sei. Wie es aber zu erwarten war, muss er feststellen, dass auch in einem anderen Land Probleme lauern, denen man nicht entfliehen kann. »Das halte ich allerdings nicht für ein typisch deutsches Auswanderungsmotiv, ebenso wenig wie ich denke, dass alle Emigranten von diesem Gedanken bestimmt werden. Viele jedoch suchen gerade dann, wenn es sie in Richtung Süden zieht, nach der sogenannten Leichtigkeit des Seins«, sagt Link.

Sie selbst scheint die Leichtigkeit des Seins im Schreiben gefunden zu haben. Ihren Beruf, den sie mittlerweile seit knapp dreißig Jahren lebt, beschreibt Charlotte Link jedenfalls als ihre wahre Passion. »Es ist zwar manchmal eine Heimsuchung, ein ewiger Kampf mit Figuren, die nicht so wollen, wie ich will, mit Handlungssträngen, die ihren eigenen Gesetzen folgen, mit Bildern, Stimmungen und Gefühlen, die sich oft so schwer nur in Worte fügen. Aber es ist auch meine absolute Leidenschaft. Ich glaube nicht, dass ich damit aufhören könnte.« Ihre beiden neusten Bücher Mitternachtspicknick und Diamantenraub sind gerade erst auf dem Büchermarkt erschienen. Der nächste Roman ist aber schon in Arbeit. Ob wir uns erneut auf einen Frankreich-Thriller freuen dürfen, verrät die Erfolgsautorin aber nicht. Vielleicht regt der nächste Provence-Urlaub ja doch wieder zu einer deutsch-französischen Geschichte an – wir sind gespannt.

Quellen:
Charlotte Link: Die Täuschung. 2002. Blanvalet/Random House GmbH. München.

http://www.randomhouse.de

Fotos: www.randomhouse.de, ©Derek Henthorn


Bibliographie

Die schöne Helena (1985)
Wenn die Liebe nicht endet (1986)
Die Sterne von Marmalon (1987)
Verbotene Wege (1987)
Die geheimnisvolle Spionin (1990)
Schattenspiel (1993)
Die Sünde der Engel (1996)
Der Verehrer (1998)
Das Haus der Schwestern (1999)
Die Rosenzüchterin (2000)
Die Täuschung (2002)
Am Ende des Schweigens (2003)
Der fremde Gast (2005)
Die Insel (2006)
Das Echo der Schuld (2006)
Die letzte Spur (2008)
Das andere Kind (2009)
Mitternachtspicknick (2010)
Diamantenraub (2010)

Sturmzeit-Trilogie
Sturmzeit (1989)
Wilde Lupinen (1992)
Die Stunde der Erben (1994)



Erfolg im Dreierpack: »Drei starke Frauen« von Marie NDiaye

von Laurène Leuridant, Übersetzung von Steffi von dem Fange, erschienen am 01.06.2010 

Lang genung mussten wir warten, doch nun ist es endlich soweit: Mitte dieses Monats kommt die Übersetzung des Goncourt-Gewinners 2009 Trois femmes puissantes / Drei starke Frauen in die Läden. Der von der Kritik gefeierte Roman hat alle Chancen, auch diesseits des Rheins zu einem echten Bestseller zu werden. Getreu dem Titel schlüpft die brillante Schriftstellerin Marie NDiaye in die Gedankenwelt dreier starker Frauen: Norah, die Rechtsanwältin, Fanta, eine Mutter und Hausfrau, und Khady Demba, eine Witwe und Waise – jede von ihnen verfolgt von einer schmerzvollen und obsessiven Vergangenheit. 

Die letzten Gewissheiten dieser Figuren, von Schuldgefühlen, der Last vergangener Fehler und bitterem Groll zermürbt, werden von der Vergangenheit getroffen und zerschlagen wie von einem Bumerang. Norah quält heftige Reue. Im Alter von dreißig Jahren kehrt die Mutter eines kleinen Mädchens zurück nach Dara Salam in den Senegal, dem Land ihres Vaters und ihres Halbbruders Sony, der wegen Mordes an seiner Stiefmutter im Gefängnis sitzt. Dort angekommen versucht sie, an ihre früh gekappten Wurzeln anzuknüpfen. Sie nimmt Kontakt zum Vater auf, gleichwohl er in ihr nur Verachtung und Ekel auslöst. Was Fanta betrifft, so nimmt ihr die Ankunft in Frankreich jede Chance auf sozialen Aufstieg und zerrüttet ihre Ehe. Ihr Ehemann Rudy ist von Reue geplagt: eine von ihm begangene Gewalttat hat ihn seinen Professorenposten in Dakar gekostet. Die dritte Frau im Roman, die junge Khady Demba, irrt durch die Lande. Nach dem Tod ihres Mannes hält sie nichts mehr in Afrika. Sie reiht sich ein in die Gemeinschaft der Mittellosen, der illegalen Einwanderer auf der Suche nach einem Eldorado: Europa.

Trotz steter Bemühungen die Erinnerung zu verdrängen, lastet die Vergangenheit noch immer schwer auf dem Leben der drei Frauen. Norah scheint die einzige zu sein, die ihren Schmerz überwunden hat. Von der Zerstörung ihrer Familie geschwächt, kann sie sich über diesen Mangel an Geborgenheit mit einer erfolgreichen Anwaltskarriere und einer Dreizimmerwohnung im Pariser Goutte d’Or-Viertel hinwegtrösten. Dennoch tauchen die Schreckgespenster der Vergangenheit bald wieder auf. Andere wiederum ziehen sich wie Fanta hinter einer Mauer des Schweigens zurück. Fantas Leben als aufblühende Professorengattin ist unwiederbringlich vorbei. Aus Verzweiflung begeht sie Ehebruch. Khady Demba dagegen träumte immer fieberhaft von einem Kind, doch der Tod ihres Mannes lässt dieses Vorhaben scheitern. Als sie sich gezwungen sieht, den Kontinent zu verlassen, bleibt der jungen Frau kein anderes Mittel als die Prostitution, um die Menschenschmuggler bezahlen zu können. Drei starke Frauen ist eine sensible Beschreibung der Zerbrechlichkeit und der Schwierigkeiten des Lebens. Aber zugleich zelebriert der Roman die Stärke und den Willen, wieder aufzustehen und weiterzumachen, trotz Verletzungen und zerbrochener Träume. So gelingt es schließlich auch den drei Frauen – jeder so gut sie es eben kann – ihrem traurigen Schicksal zu entkommen.

Seine Intensität zieht der Roman allein aus dem subtilen Schreibstil Marie NDiayes. Die Autorin glänzt durch ihr Feingefühl und ihre große stilistische Gewandtheit. Sorgfältig feilt sie an jedem Wort, um so nahe wie möglich an der Realität zu bleiben. Ausgestattet mit einem großen psychologischen Scharfsinn unterfüttert die Goncourt-Preisträgerin ihre Texte mit detaillierten und einfühlsamen Beschreibungen. Ihre Feder vollbringt wahre Meisterleistungen, wenn sie ausgefallene und erlesene Wörter mit prägnanten Adjektiven zusammenfügt, um so die Komplexität des Lebens aufs Genaueste widerzuspiegeln. Eine Dialektik von Macht und Ohnmacht, hier untrennbar verbunden, treibt ihre Figuren, diese innerlich gespaltenen Frauen an, die zwischen zwei Kontinenten wie auch zwischen Liebe und Hass zu ihren Männern hin- und hergerissen sind. Dennoch verliert sich das Buch nicht in Reflexionen über die gesellschaftliche Situation der Frau. Marie NDiaye urteilt nicht über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern. Sie weist  auf den steten quälenden Zweifel hin, der solide Mütter, aktive oder erschöpfte Frauen heimsucht. Die Männer sind weder die Bösen, noch die einzig Schuldigen. Die Figur des Rudy Descas, des abgewiesenen Ehemanns, ist bis ins Feinste nuanciert. Rudy ist sensibel und feinfühlig und hegt eine unendliche Liebe für seine Frau. Er, der für sein Unglück selbst verantwortlich ist, sucht Erlösung und einen Ausweg für eine Beziehung, die Tag für Tag weiter auseinanderbricht. 

Obgleich Drei starke Frauen ein realistisches Buch ist, fehlt es ihm nicht an romanhaften Momenten. Der Alltag der Figuren ist von sonderbaren Begebenheiten gezeichnet. Am Steuer seines Nevadas sieht Rudy sich von einem streitlustigen Bussard bedroht. Könnte das etwa seine Frau mit »geflügelten Fersen sein«? Norah findet ihren Vater in Symbiose mit der Natur auf, »versehen mit einem Heiligenschein von kaltem Glanz«, »im langsamen Verwelken gelb-orangener Blumen« badend. In einem LKW stürzt sich Khady Demba ins Unbekannte unter »den Kampfschreien schwarzer und weißer Raben, die tief über der Fahrbahn flogen«. Diese verstörenden, ja fantastischen Momente brechen mit  der unerbittlichen Rationalität, der schonungslosen Sachlichkeit der Logik. Marie NDiaye bedient sich eines magischen Realismus, indem sie objektive Beschreibungen mit fantastischen Elementen, die die Innenwelt der Figuren widerspiegeln, vermengt.

Die Kraft der Bilder und die Lebendigkeit der Geschichte machen den Roman zu einer idealen Vorlage für eine Verfilmung. Bildhaft und hell ist der Stil, nie unbestimmt, sondern klar. Marie NDiaye schlägt einige Kapitel der Biographien von Frauen und Männern auf, welche alle mit einem Bein in Frankreich stehen, mit dem Herzen jedoch in Afrika sind. Diesen Figuren, so mysteriös, so unruhig und vom eigenen Leben überfordert sie auch scheinen, gelingt es schließlich doch ein Stück Klarheit über ihre Identität zu gewinnen. Ihnen wohnt eine ungeahnte Kraft inne, dank derer sie immer wieder auf die Beine kommen. Ihre Macht wie auch ihre Ohnmacht lassen sie uns zutiefst menschlich erscheinen.

Marie NDiaye – der Medienrummel und das Leben in Berlin
Am Montag, dem zweiten November 2009, gewinnt die Schriftstellerin in der ersten Runde mit fünf gegen drei Stimmen den Prix Goncourt, Frankreichs wichtigsten Literaturpreis. Marie NDiaye ist in 103 Jahren die zehnte Frau, die mit diesem Preis ausgezeichnet wird. Den Interviews und dem Blitzlichtgewitter kann sie nun nicht mehr entkommen. Dem Rummel um ihre Person während ihres Aufenthaltes in Paris zieht sie jedoch ein anonymes Leben in Berlin vor. Schon öfter ist sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, und ihren drei  Kindern umgezogen. So wohnten sie schon im nordfranzösischen Departement Eure, in Rom und Barcelona. Ein Interview, das sie der Zeitschrift Les Inrockuptibles Ende August letzten Jahres gab, hat eine Woche nach ihrer Goncourt-Auszeichnung viel Aufsehen erregt. Darin beklagt sie die »Tendenz zur Überwachung und  zur Vulgarität« in Frankreich. Starke Worte, die den Bürgermeister von Raincy, Eric Raoult von der UMP, missfallen haben. Er forderte eine »Pflicht zur Zurückhaltung für die Preisträger des Goncourt«. Doch Marie NDiaye bleibt standhaft angesichts dieser Polemik, unterstützt von Bernard Pivot, Mitglied der Académie Goncourt, und lehnt jede Form von politischem Exil ab. An Berlin, wo sie seit zweieinhalb Jahren lebt, schätzt sie vor allem den »mitreißende« Charakter der Stadt, wie sie dem Magazin L’Express erzählt. Das »arme, aber sexy« Berlin hat ihr Herz erobert. »Nichts hier ist wirklich schön. Es ist eine Stadt, die man erst lieben- und kennenlernen muss. Das erfordert eine gewisse Zeit. Es ist keine leichte Stadt, doch was ich hieran gerade mag, ist, dass es schwierig ist, sie zu lieben. Wenn sie einem also ans Herz gewachsen ist, dann fühlt man, dass dies von Dauer und Tiefe ist«, gibt Marie NDiaye in einer Reportage des französischen Fernsehsenders TF1 vom siebten November zu. Berlin werde ganz sicher im Casting ihres nächsten Romans eine Rolle spielen. 

Marie NDiaye: Drei starke Frauen. Suhrkamp 2010,
ISBN – 10: 3518421654

Cover: ©suhrkamp



Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schrillste im ganzen Land?

von Juliane Keusch, erschienen am 15.03.2010

Weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz. Der Schneewittchen-Look ist Amélie Nothomb wie auf den Leib geschneidert. Die langen Röcke, der große Hut und das grimmig verzogene Mündchen, das uns auch vom Coverbild ihres neusten Buches aus zuschmollt, lassen allerdings auch eine gewisse Ähnlichkeit zur bösen Stiefmutter erkennen – eine Ambivalenz, mit der die Erfolgsautorin nur zu gern spielt. Die Verquickung von Unschuld und Verdorbenheit, von Gut und Böse zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Romane – und bestimmt auch das Image, das sie selbst in der Öffentlichkeit pflegt. Denn Fiktion und Wirklichkeit gehen bei der 42-Jährigen, die ihr eigenes Leben wie einen Roman und in ihren Romanen oft genug Stationen ihres eigenen Lebens inszeniert, fließend ineinander über. Da kann die frisch gebackene Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller noch so sehr mahnen, doch bitte das Buch und nicht den Autoren ins Rampenlicht zu rücken. Wenn eine schrill geschminkte Amélie Nothomb auf der Couch der Grande Librairie, eins der größten wöchentlichen Literaturmagazine im französischen Fernsehen, Platz nimmt, wird der Schriftsteller zum Popstar und das Buch zur Requisite. In Frankreich ist die selbst erklärte »Graphomanin«, die jedes Jahr pünktlich zum Rentrée Littéraire ein neues Buch auf den Markt bringt, damit ganz oben angekommen. Und auch in Deutschland blickt sie auf eine beachtliche Fangemeinde.

Ihre Wurzeln liegen jedoch weit ab von den Zentren westlichen Kulturschaffens, im fernen Osten, wo sie den Großteil ihrer Kindheit verlebt. Als Tochter eines belgischen Diplomaten muss sich die 1967 in Japan geborene Schriftstellerin früh an ein Leben als Globetrotter gewöhnen. Die Geschäfte des Vaters führen die Familie einmal quer durch ganz Asien, von China nach Bangladesch, von Birma bis nach Laos. Im Alter von 17 Jahren kommt Amélie Nothomb zum ersten Mal nach Europa. In Brüssel beginnt sie ein Studium alter Sprachen, ist aber schnell abgestoßen von dieser Welt, die so wenig gemein hat mit dem, was sie in den Büchern Stendhals über das alte Europa erfahren hat. So kehrt sie nach Ende ihres Studiums nach Asien zurück, nimmt eine Stelle als Übersetzerin in einem Großkonzern an und verlobt sich mit einem Japaner. Doch auch dort wird sie nicht heimisch – aus gutem Grund, wie der Roman Mit Staunen und Zittern, für den sie mit dem Grand Prix du roman der Académie Française ausgezeichnet wurde, berichtet. Enttäuscht auch von der Welt ihrer Kindheit bricht sie mit ihrem Verlobten und wagt einen Neuanfang in Europa. Heute lebt sie in Brüssel und Paris. Dank ihrer zahlreichen Fernsehauftritte und Interviews und der Offenheit, mit der sie von sich erzählt, meint man sie zu kennen wie eine gute Freundin. Man weiß um die enge Beziehung zu ihrer Schwester Juliette, die seit ihrer Kindheit fortbesteht, um ihr Faible für grünen Tee, von dem sie jeden Tag mehrere Liter trinkt, und ihre Vorliebe in den frühen Morgenstunden ohne Computer, nur mit Zettel und Stift bewaffnet, auf dem Sofa einen Roman nach dem anderen zu schreiben. Intime Details, wie das tiefe Leiden, die Anorexie, mit der sie als Jugendliche kämpfte und die auch in ihren Büchern immer wieder thematisiert wird, runden das Bild der sensiblen Exzentrikerin ab, das sie ihrem Publikum vermitteln will. Denn eins ist klar: Mademoiselle Nothomb kokettiert mit der Autofiktion, im Leben wie in der Literatur. Was davon Dichtung und was Wahrheit ist, bleibt dabei unausgemacht. Über ihr Privatleben ist jenseits der bewusst gestreuten und teils fiktional durchtränkten Fakten kaum etwas bekannt. Ihre Romane jedoch stehen für sich.

Gesegnet mit einem unerschöpflichen Einfallsreichtum versetzt sie uns Buch für Buch in die skurrilsten Situationen. Amélie Nothomb ist eine Meisterin des Geschichtenerzählens, die mit minimalen Mitteln große Wirkungen erzielt. Der Verzicht auf vielschichtige Charaktere und komplexe Handlungsgewebe nimmt ihren Aussagen nichts an Tiefe und Brisanz. Sinn und Bedeutung drückt sie linear, in der Einfachheit und Originalität eines guten Plots aus. Bizarre Wendungen und unerwartete Auflösungen machen die Geschichten zu einer gedanklichen Achterbahnfahrt, die nicht selten in einer philosophischen Fragestellung gipfelt. Ihre Figuren erinnern dabei von Ferne an Comichelden: echte Typen, mit wenigen Pinselstrichen konturierte Gestalten, die einem dominierenden Motiv folgen. Da ist zum Beispiel der Wissenschaftler Celsius, auf den die Autorin persönlich in der Zukunft, in ihrem Roman Péplum, trifft, und der alles daran setzt die Welt einer wissenschaftlichen Rangordnung zu unterstellen. Oder die junge Mutter Lucette in Im Namen des Lexikons, deren einzige Sorge es ist, ihrem Kind ein Leben jenseits des Gewöhnlichen zu ermöglichen. Ein extravaganter Vorname, für den sie sogar ihren Mann umbringt, soll dafür garantieren. Das Aufeinandertreffen so gegensätzlicher Personen führt unweigerlich zum Konflikt. Charakteristisch dafür sind die legendären Wortgefechte zwischen den Charakteren, wahre Machtkämpfe, die sich in feinsinnigen Dialogen entladen.

Die Einfachheit der Figuren in Kombination mit einer fast magischen Grundatmosphäre verleiht den Geschichten etwas Märchenhaftes. Fantastische Schicksale und übernatürliche Fähigkeiten entpuppen sich jedoch schnell als Trugbilder und das Wunderbare wird durch eine sehr reale Wendung wieder eingeholt. So nimmt die schicksalhafte Balletkarriere von Lucettes Tochter, deren Leben ganz nach dem Wunsch der Mutter prophezeit außergewöhnlich zu verlaufen, durch einen Unfall ein jähes Ende. An anderer Stelle wird das Reale unter eine märchenhafte Logik gestellt, wie in Mit Staunen und Zittern, wo die Autorin autobiographisch von ihren Erfahrungen in einer japanischen Firma berichtet und in fast karikaturaler Weise ihre allmähliche Degradierung von der Übersetzerin zur Toilettenfrau schildert. Durch die Verflechtung von Märchen und Realität schafft Amélie Nothomb eine verzerrte, surreale Wirklichkeit, die nicht selten Anlass zum Schmunzeln gibt. Es ist das kindliche Staunen über diese fantastisch-groteske Welt, das in ihren Romanen zum Ausdruck kommt. Die Unschuld der Naivität, die jedoch immer wieder ironisch gebrochen wird und manchmal gar ins Satirische umschlägt, so dass am Ende weder Gut noch Böse eindeutig bestimmbar sind. Aber der Humor, der oft genug als Selbstironie daherkommt, zumal viele ihrer Erzählungen autobiographischer Natur sind, hat auch immer etwas Tröstendes. Wie Kinder, die einen gewaltigen Drachen an der Leine spazieren führen, wirken die Charaktere ihrer Bücher, wenn sie in ihrer ganzen Zerbrechlichkeit einem tragischen Schicksal die Stirn bieten und die Unberechenbarkeit des Daseins mit ihrer unzerstörbaren Lebensfreude zu zähmen suchen.

Und wenn Amélie Nothomb wieder einmal vor Millionen von Fernsehzuschauern ihre Vorliebe für faulendes Obst erörtert, um dies im nächsten Interview mit stoischer Gelassenheit als die normalste Sache der Welt abzutun, können wir auch darin eine Spur jener Ironie wiederentdecken, die ihre Bücher zu einem ebenso einzigartigen wie abgründigen Lesevergnügen macht. Dann wird sie uns zu einem modernen Till Eulenspiegel, der Medien und Publikum den Spiegel vorhält, indem er ihnen genau das zu sehen gibt, was sie sehen wollen. Und von wem ließe man sich lieber an der Nase herumführen als von ihr?

Foto: wikipedia.de, creative commons, erstellt von User ΛΦΠ


Bibliographie

Romane:
Die Reinheit des Mörders (1994)
Liebessabotage (1995)
Der Professor (1996)
Péplum (1996)
• Mit Staunen und Zittern (2000)
Quecksilber (2001)
Metaphysik der Röhren (2002)
Im Namen des Lexikons (2003)
• Kosmetik des Bösen (2004)
Böses Mädchen (2005)
Attentat (2006)
Journal d’Hirondelle (2006)
Reality-Show (2007)
Le Fait du Prince (2008)
Biographie des Hungers (2009)
Le voyage d’hiver (2009)
Der japanische Verlobte (2010)

Theaterstück:
Les combustibles (1994)



Die »Kameradle« – eine elsässische Geschichte

von Jakob Schumann, erschienen am 15.12.2009

Er hatte mal wieder alles richtig gemacht, mit einer großen symbolischen Geste den Ton genau getroffen.  Eine Wohlfühlfragestunde für alle, die noch an seinem Pazifismus zweifelten, abgehalten an einem Ort, der selbst dem nüchternsten Europäer signalisiert: Yes, you can! Ja, wir können es auch! Auf dem geschichtsträchtigen Elsässer Boden stellte sich Barack Obama am Rande des Nato-Gipfels am 4. April in Straßburg den Fragen deutscher und französischer Schüler. Nach der konsequenten Nichtbeachtung, die man von seinem Amtsvorgänger gewohnt war, muss diese besondere Aufmerksamkeit wie Balsam auf der Seele aller »alten Europäer« wirken.

Wenn man am Ende von Marthe und Mathilde angelangt ist, versteht man, wie glücklich Obama über den Standort dieser Konferenz gewesen sein muss: Das Elsass ist eine der Regionen Europas, von denen man einiges über Fremdsein und Dazugehören, über Rache und Vergebung, über Krieg und Frieden lernen kann.

In ihrem 2008 in Deutschland und vor wenigen Wochen in Frankreich erschienenen Buch zeichnet die französische Journalistin Pascale Hugues die ineinander verschlungenen Lebensläufe ihrer Großmütter Marthe und Mathilde aus Colmar nach, beide geboren 1902, beide gestorben 2001. Es ist eine  Geschichte des 20. Jahrhunderts, dem »Zeitalter der Extreme«, wie es der englische  Historiker Eric Hobsbawm einmal treffend formulierte. Und es ist die Geschichte zweier ungleicher Freundinnen: Mathilde Goerke, Tochter eines deutschen Geschäftsmannes, muss nach dem Einzug der französischen Armee 1918  die Schule verlassen und sich zuhause verstecken. Das Haus, in dem sie wohnt, gehört den Eltern ihrer besten Freundin Marthe. Als Französin angelt sich diese einen der jungen Offiziere, die im November nach Kriegsende stolz durch das wiedergewonnene Colmar ziehen.

Derweil sieht Mathilde ohnmächtig zu, wie die überzogene Härte der Deutschen während der vierjährigen Militärdiktatur, mit der sie den Nationalismus ihrer Nachbarn befeuerten und den Hass weiter anstachelten, sich heute gegen sie wendet: Ihre Muttersprache wird von einem Tag auf den anderen zur Fremdsprache, Deutschlehrer werden als subversive Agenten des Feindes entlassen und im Zuge der massenhaft Abgeschobenen mit Pferdeäpfeln über den Rhein gejagt. Bei der alles entscheidenden Klassifizierung der Elsassdeutschen in ehrenhafte »Altdeutsche« oder militante »Pangermanisten« sind die überforderten französischen Behörden für jeden Hinweis dankbar. So mancher Franzose entledigt sich auf diese Weise seines lästigen Nachbarn oder hartnäckigen Geschäftskonkurrenten.

Es ist die schonungslose Darstellung dieses paranoiden Nationalismus, die der manchmal ins Banale abgleitenden Familiensaga ihr Profil gibt. Hugues, ehemalige Deutschlandkorrespondentin der Libération, verweist hier auf ein Stück europäischer Vertreibungsgeschichte, das nicht nur von den Bildern der abertausend Sudetendeutschen, die nach dem zweiten Weltkrieg aus den Gebieten der damaligen Tschechoslowakei vertrieben wurden, aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt wurde: Diese dunkle und bislang kaum aufgearbeitete Episode passt einfach nicht ins Bild der deutsch-französischen Erfolgsstory der letzten Jahrzehnte.

Nur knapp der Ausbürgerung entkommen, ergibt sich Mathilde bis zu ihrer Heirat mit dem gut betuchten Franzosen Joseph ihrem Schicksal, schreibt sehnsüchtige Briefe an ihre kommunistische Schwester Georgette ins Berlin der Novemberrevolution und muss mit ansehen, wie ihr Vater als deutscher Händler im französisch gewordenen Colmar schrittweise verarmt. Neidisch betrachtet sie das aufblühende Leben ihrer Gefährtin Marthe, der als französischer Offiziersgattin alle Türen offen stehen.

Doch, analog zum deutsch-französischen Dilemma, lässt sich auch die Geschichte der Jugendfreundinnen nicht schwarz-weiß malen: Während Mathilde noch Jahrzehnte später versucht, ihre zerrissene Jugend mit bildungsbürgerlichem Hochmut zu kitten, schaut die Frühwitwe Marthe (ihr Mann stirbt in den ersten Kriegstagen 1939) zeitlebens zu ihrer exzentrischen Freundin auf. Deren früher Sonderstatus gibt ihr als einziger unter den bekannten und befreundeten Frauen den Mut, sich aus ihrer Hausfrauenrolle zu lösen. Kehrte die braungebrannte Mathilde im neuesten Schick von ihrem Côte-d'Azur-Trip zurück, hatte Marthe gerade den Flammkuchen im Ofen.

Diese Gegenüberstellungen wirken leider oft schematisch und manche Wendungen gleiten gar ins Klischeehafte ab. So rankt beispielsweise bei der ersten Begegnung der Freundinnen im Hinterhaus der wilde Wein um die Geranientöpfe. Das ist schade, denn die Geschichte der beiden Frauen ist stark genug, um für sich selbst zu stehen. Über alle deutsch-französischen Feindseligkeiten hinweg halten die Zwei sich die Treue. Auch, als Marthe nach der deutschen Annexion 1940 ausgewiesen wird und mit Mathilde die Rollen tauschen muss. Ihre Kinder wachsen zweisprachig auf: Selbst die Vorkehrungen für ihre eigene Beerdigung treffen die beiden Frauen zu zweit. Das gegenseitige Vertrauen der »Kameradle«, wie sie sich nannten, war stärker als die fertigen nationalen Identitäten, die man ihnen seit ihrer Kindheit überstülpen wollte. So wurde aus den ehemaligen Schulfreundinnen mit den Jahren ein quietschfideles Duo alter Damen, wie die Tandemfotos im Buchumschlag dokumentieren.

Am Ende kann man Pascale Hugues vor allem anrechnen, mit der Geschichte ihrer Großmütter ein Stück Aussöhnung dokumentiert zu haben, ohne dabei den Zeigefinger zu heben. Es ist die Lebenslust von Marthe und Mathilde, die uns auf anschauliche Weise vermittelt, dass Krieg nur durch Vergebung beendet werden kann, dass Solidarität wichtiger ist als Staatsbürgerschaft – eine Tatsache, die sich auch in der Sprache der beiden wiederspiegelte: Wenn die »Kameradle« unter sich waren, vergaßen sie ihre Nationalsprachen und plauderten lieber im sorglosen Elsässisch.

Pascale Hugues hat ihr Buch in einer obamareifen Geste übrigens zunächst in der deutschen Übersetzung veröffentlicht. Ein Tribut an ihre Großmutter Mathilde, die diese Sprache so lange hat verleugnen müssen und eine Aufforderung an alle, dem Fremden mit Offenheit und Aufmerksamkeit, statt mit Misstrauen und Ignoranz zu begegnen. Marthe und Mathilde haben es vorgelebt, Obama hat es in Straßburg deutlich gemacht: Ihr in Europa, ihr könnt es auch. Wir können es – gemeinsam! 

Pascale Hugues: Marthe und Mathilde. Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland. Dt. v. Lis Künzli. Rowohlt Verlag 2008, 288 S.,

ISBN-10: 349800655X

Cover: Rowohlt Verlag


Geschichte des Elsass seit der französischen Revolution

1789 Zusammenfassung der Elsässischen Herrschaften zu den Départements Haut-Rhin und Bas-Rhin 

1871 Frankfurter Frieden: weitestgehende Eingliederung in das Deutsche Kaiserreich als »Reichsland Elsass-Lothringen« unter kolonie-ähnlicher Verwaltung 

1911 Verfassungsrechtliche Gleichstellung des Reichslandes mit den anderen Teilstaaten des deutschen Reiches 

1914 Zu Beginn des ersten Weltkriegs wird der Kriegszustand über Elsass-Lothringen verhängt: die Landesregierung wird zugunsten einer preußischen Militärdiktatur entmachtet 

1918 Kriegsende: Wiedereingliederung der abgetretenen Elsässischen Gebiete in den Französischen Staat: Französisch als alleinige offizielle Amts- und Schulsprache, Ausweisung aller deutschen Beamten und ihrer Nachfahren

1940 Besetzung des Elsass durch die deutsche Wehrmacht: Anschluss an den Gau »Baden-Elsass« 

1944 Übernahme des Elsass durch die Alliierten: Eingliederung in die französische Verwaltung 

1972 Gründung der französischen »Region Elsass« mit der Regionshauptstadt Straßburg 

1979 Straßburg wird Sitz des Europäischen Parlaments



Die Feuchtgebiete des Fräulein Hemmungslos – ein Schundroman?

von Laurène Leuridant, Übersetzung von Magali Breul, erschienen am 15.09.2009

Zartbesaitete junge Mädchen könnten bei der Lektüre von Feuchtgebiete einen Schreck bekommen. Charlotte Roches Debütroman ist seit Anfang März auch in Frankreich im Handel. Helen Memel, die Protagonistin, dringt bei der Intimrasur etwas zu weit in den Rektalbereich vor. Und ab geht’s ins Krankenhaus. An dieser Erfahrung lässt Helen uns teilhaben.

Blutungen und Hämorrhoiden gehören zu den diversen Scherereien, mit denen sich die abgebrühte 18-Jährige herumschlägt und von denen sie uns aus dem Krankenbett heraus berichtet. Dabei lässt sie nichts aus, dem Leser bleibt kein Detail erspart. Sie lässt sich aus über alles, was sie bisher erlebt hat, über ihre sexuellen Vorlieben, Liebeskummer und ihr schmerzendes Hinterteil. In Deutschland verkaufte sich Feuchtgebiete gleich nach seinem Erscheinen zu Beginn des vergangenen Jahres über eine Million Mal und wurde damit zum Bestseller.

Eine Anleitung zum Umgang mit den weiblichen Genitalien: minimalistisch, individualistisch und mit ganz besonderen Extras
Der berühmte Howard Hughes, Produzent zahlreicher Hollywood-Filme, litt an einer zwanghaften Angst vor Bakterien und Schmutz. Bei Helen Memel scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Zumindest gibt sie das vor. Es gibt nichts, auf dem sie nicht herumknabbert, vom Schorf bis zum getrockneten Sperma, von weißem Scheidenausfluss bis zum Eiter ausgedrückter Pickel.

Sie schert sich einen Dreck um Hygieneregeln und –maßnahmen und ist alles andere als zimperlich. Wenn Helen Memel eine öffentliche Toilette aufsucht, nimmt sie – im wahrsten Sinne des Wortes – jeden Schmutz mit. Sie reibt ihre Genitalien daran wie einen Schwamm. Helen schlägt alle Hygieneempfehlungen in den Wind und ärgert sich über die weibliche Manieriertheit der Frauen, die sich parfümieren, um den eigenen Geruch zu übertünchen.

Helen dagegen trägt ihren weißen Ausfluss hinterm Ohrläppchen und ihre Exkremente unter den Fingernägeln offen zur Schau. Doch hinter dem schlampigen Image verbirgt sich in Wahrheit ein junges Mädchen, das einsam in einem Krankenhausbett liegt und sich nach der Liebe seiner geschiedenen Eltern und der Aufmerksamkeit eines jungen Krankpflegers namens Robin sehnt.

Charlotte Roche nimmt alles genau unter die Lupe: die Macken der Frauen, die Tabus der weiblichen Masturbation, die leidigen Hämorrhoiden. Zu Höchstform läuft die Autorin in den Passagen auf, in denen sie ihrer Fantasie freien Lauf lässt. Stellenweise gelingen ihr einige originelle Wortkreationen. Der Fetischismus der jungen Frau äußert sich in derben Bemerkungen wie: »Muschischminke habe ich im Drogeriemarkt noch nicht entdeckt.« In Helens Universum wird eine Avocado zum Biodildo, getrocknetes Sperma zum »Sexandenkenkaubonbon«.

In ihrem kindlichen Stil serviert Charlotte Roche ihren Lesern die Wahrheit ganz ungeschminkt. Die Schamlippen sind »Vanillekipferln« und »Hahnenkämme«. Das Geschlechtsteil ist schlicht eine »Pflaume«. Dennoch zügelt die junge Autorin ihre Feder, um die schüchternsten Gemüter nicht zu sehr zu schockieren. Roches zügelloser Stil der ersten Seiten wird brüchig, erlahmt und wird schnell langweilig.

Kann man das Buch, zumindest aufgrund der Passagen über die Intimsphäre, als pornografisches Werk bezeichnen? Nein, Feuchtgebiete ist kein Porno-Roman und erst recht kein feministisches Pamphlet. Dieser Anspruch wäre vermessen. Charlotte Roche lässt bruchstückhaft hier und da einige feministische Äußerungen fallen, diese gehen jedoch unter in einer Flut von Worten und Bildern. Gepflegte junge Frauen werden als »Arzttöchter« bezeichnet. »Sie sitzen steif wie ihr eigenes Gesamtkunstwerk rum«, regt Helen sich auf. Man kann sich nur wundern darüber, was hier ein Ausdruck von Feminismus sein soll: sich den Körper mit Sperma abzureiben, sich sterilisieren zu lassen, mit dem Griff eines Rasierers zu masturbieren und dazu zu stehen.

Man sollte den 230 Seiten starken Roman nicht überschätzen. Dass die Gedanken der Protagonistin hauptsächlich um Sex, Avocados und Wimpern kreisen, mag den Leser überraschen. Die Fülle der Experimente mit den weiblichen Genitalien »am lebenden Objekt« werden mehr als einem die Schamesröte ins Gesicht treiben. Wortschöpfungen und Ausdrücke wie »ins Rote Meer stechen« entlocken uns ein Lächeln. Der schon jetzt legendäre »Do-It-Yourself-Tampon« – eine Erfindung, die Roche sich patentieren lassen sollte – oder auch der Schokodip gehören zu den Highlights des Romans.

Der Popfeminismus einer neuen Frauengeneration
Der Skandal um das Buch sowie sein Erfolg stehen und fallen mit der Person der Ex-Viva-Moderatorin Charlotte Roche. Als sie in der Sendung »Wahrheit oder Pflicht« gefragt wurde: »Was, findest du, ist dein aufregendstes Körperteil?«, antwortete die 30-Jährige lachend: »Die Klitoris.« Provokantes Auftreten und derber Humor sind zum Markenzeichen dieser jungen Frau geworden, die zugleich »sexy« und »cool« ist.

Mit ihren Stöckelschuhen vertritt Charlotte Roche vielleicht eine neue, zeitgemäße Art von Feminismus im 21. Jahrhundert, lockerer und verspielter als der Feminismus, den Alice Schwarzer in den Siebzigern verkörperte. Eine andere aktuelle Erscheinung des deutschen Feminismus sind die »Alphamädchen«, eine Gruppe deutscher Schriftstellerinnen und Journalistinnen, deren Feminismus nicht mehr so verknöchert und stereotyp daher kommt. Manche nennen es Popfeminismus. Simone de Beauvoir ist für sie noch immer ein Vorbild und ziert sogar ihre T-Shirts. In Deutschland ist das zweite Geschlecht nicht gealtert, sondern hat sich vielmehr erneuert. Ob Charlotte Roche, ihr Roman und ihr derber Stil dazu gehören, ist in erster Linie Geschmacks- und Ansichtssache.

Charlotte Roche, Feuchtgebiete, DuMont, ISBN-13: 9783832180577

Foto: © DuMont Buchverlag



Die Sprache des Anderen: Rilkes französische Gedichte

von Juliane Keusch, erschienen am 15.06.09

In Frankreich kennt man ihn als einen der großen deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts, als Autor so eindrücklicher Gedichte wie Der Panther oder des Romans Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Mancher Leser wird sich vielleicht noch erinnern, dass Rilke viel gereist ist und auch lange Zeit in Frankreich gelebt hat. Doch kaum jemand weiß, dass Rilke auch auf Französisch geschrieben hat und in dieser Sprache im Jahr 1926 eine Gedichtsammlung publizierte, die heute zu Unrecht vergessen ist.

Insgesamt zwölf Jahre, unterbrochen von zahlreichen Reisen ins europäische Umland und nach Russland, verbringt Rilke in Paris, eine Zeit, in der er sich intensiv mit der französischen Kultur und Sprache beschäftigt. Er knüpft Kontakte zu Schriftstellern wie Paul Valery und übersetzt Werke von Baudelaire, Mallarmé und Verlaine ins Deutsche. Am Anfang seiner Frankreichbegeisterung steht jedoch der Bildhauer Rodin, damals bereits ein etablierter, von allen Kritikern hoch gehandelter Künstler, der den Dichter im August 1902 erst nach Paris führt.

Was zunächst nur eine Auftragsarbeit darstellt – man hatte Rilke gebeten, eine Monographie über Rodin zu verfassen – wird zu einer Leidenschaft, aus der eine ungleiche Freundschaft entsteht. »Er ist mir sehr lieb. Das wusste ich gleich«, schreibt Rilke am 2. September 1902 an seine damalige Ehefrau Clara, die einst selbst eine Schülerin Rodins gewesen ist. So verbringt Rilke viel Zeit im Atelier des Künstlers, zwei Jahre arbeitet er sogar als Rodins Privatsekretär.

Die Bewunderung ist jedoch von Anfang an – vor allem durch das Hindernis der Sprache – zur Einseitigkeit verdammt. Von dem Wunsch nach intensivem Austausch getrieben, gibt Rilke dem Älteren seine Gedichte zu lesen, doch der kann an ihnen nur den fremdartigen Klang und die »Ausstattung« des Buches bewundern, das Rilke ihm vorlegt. Im selben Brief an Clara gesteht er seine Enttäuschung: »Da stehn nun diese dummen Sprachen hilflos wie zwei Brücken, die nebeneinander über denselben Fluß gehen, aber durch einen Abgrund voneinander getrennt sind. Es ist nur eine Bagatelle, ein Zufall, und es trennt doch.«

Vielleicht ist es auch ein Stück weit dieser Unmut über das gegenseitige Nichtverstehen, der Rilke schließlich im Jahr 1926 dazu animiert, Gedichte in französischer Sprache zu veröffentlichen. In jedem Fall aber wählt der Dichter die Fremdsprache als künstlerisches Ausdrucksmittel mindestens so sehr aus ästhetischen wie aus persönlichen Gründen.

Der Wechsel in die Fremdsprache zieht sich wie ein roter Faden durch Rilkes unstetes, von einer großen Neugierde auf Unbekanntes geprägtes Leben. Seinen Briefen zufolge war es für ihn einerseits die Möglichkeit, sich weit ab von ausgetretenen Pfaden auf einem neuen Betätigungsfeld zu erproben, eine »späte Nebenjugend« in einer anderen Sprache voller noch unausgeschöpfter Möglichkeiten, wenn die eigene kaum mehr Geheimnisse birgt. Andrerseits bot das Schreiben in der Fremdsprache eine Gelegenheit, das Korsett der Erwartungen an den deutschen Vorzeigedichter für einen Moment abzustreifen und einen spielerischen Zugang zur Sprache zurückzugewinnen.

Doch was machte gerade das Französische für ihn so attraktiv, dass er ihm, im Gegensatz zu seinen sporadischen russischen und tschechischen Versuchen, ein eigenes, in sich geschlossenes Werk widmete?

Rilke selbst hat seine französischen Gedichte, »diese leichtere Leyer zur linken Hand«, stets als Versuche betrachtet. Das kurze Gedicht Leçon grammaticale gibt Aufschluss über die fast kindliche Begeisterung, die er für die fremde Sprache, für ihre ganz eigene Melodie und ihre grammatikalischen Eigentümlichkeiten hegte. Ironisch und liebevoll beschreibt Rilke den grotesken Wandel des französischen Possessivpronomens, wenn es im nächsten Wort auf einen Vokal trifft und sich, um einen Missklang zu vermeiden, aus einem femininen »ma« in ein maskulines »mon« verwandelt.

Es grenzt an Sarkasmus, dass dieses künstlich herbeigeführte »mon« zudem noch einem »non«, dem französischen Nein ähnelt.

Im Französischen stehen also Eleganz und Wohlklang der Worte an erster Stelle, dafür werden grammatische Kategorien wie das Geschlecht auch einmal »verneint«. »Mais cette ruse, dirait-on, prolonge sa jouissance.« Hier klingt eine Ausgelassenheit durch, die man von Rilkes deutschem Werk nicht gewohnt ist und die sich in vielen seiner französischen Gedichte fortzeichnet. Die ätherische Leichtigkeit des Französischen scheint ihn für einen Moment von der Schwere (manchmal vielleicht auch der Gedankenschwere) des Deutschen zu befreien. Mit Gedichten wie Le dormeur oder der Sequenz Les fenêtres, die Anspielungen an Texte von Rimbaud und Baudelaire enthalten, integriert Rilke zudem bewusst französisches Kulturgut in seine Texte und schafft dadurch eine neue Breite von Themen und Ausdrucksmöglichkeiten.

Die Sprache der Anderen, der Franzosen also, wird zum Ausgangspunkt einer neuen, authentischeren Selbstreflexion, ein »Nullpunkt« des Denkens, wie es schon Beckett formulierte, der seinerseits ebenfalls das Französische der englischen Muttersprache vorgezogen hat. So ermöglicht die Fremd-Sprache die Loslösung von jedweder muttersprachlichen Intuition und dem kulturellen, weltanschaulichen und psychologischen Kontext, der sie umgibt.

Doch Literatur und Sprache sind vor allem immer Versuch eines Dialogs. Sich in der fremden Sprache auszudrücken, noch mehr, in der fremden Sprache zu dichten, bedeutet nicht nur, Abstand vom eigenen Selbstverständnis zu nehmen, um sich aus der Distanz heraus neu zu entdecken. Vielmehr ist es auch ein absolutes Angebot an ein Du. Die Sprache des Anderen steht hier symbolisch für den Anderen selbst. Das Eigene mit den Worten des Anderen auszudrücken gleicht dem Versuch die Mauer des Unaussprechlichen, die das Ich vom Du trennt, niederzureißen. Eben diese Dialektik von Fremdheit und Nähe macht die französischen Gedichte Rilkes zu einem so besonderen Erlebnis.

Wenn man dies in den historischen Kontext setzt, versteht man den kleinen Skandal, den die Veröffentlichung dieser Gedichte im Deutschland der 1920er-Jahre auslöste. Die Deutschen, die zu großen Teilen noch immer im Geist der »Schmach von Versailles« lebten, sahen den Dichter als Vaterlandsverräter und bedachten ihn mit allerlei Schmähungen.

So werden Rilkes französische Gedichte, inmitten nationaler Unruhen, zu einem mutigen Versuch deutsch-französischer Verständigung im Speziellen, und interkulturelle im Allgemeinen – ein Bemühen, das im an mundgerechte Übersetzung und englische Allgegenwart gewöhnten 21. Jahrhundert zu einer Seltenheit geworden ist.

Foto: © Insel Verlag


Hass-/Liebeserklärung an eine Stadt: Rainer Maria Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

von Harriet Fuhrhop, erschienen am 15.4.2009

Paris um 1900: das ist wirklich die »Hauptstadt des 20 Jahrhunderts« wie Walter Benjamin einst schreiben wird. Gasbeleuchtung, moderne Kaufhäuser, Omnibusse, Metro, Cafés, Theater, Cabaret, Teerpflasterung und breite Boulevards – kurz: ein rundum buntes Vergnügen. Doch zeitgleich gibt es auch immer wieder Demonstrationen, soziale Spannungen und eine allgemein verunsicherte Mentalität: Durch die Modernisierung entstehen Ängste bei den Bürgern vor Anonymisierung, Vereinsamung, Depressionen und Neurosen. Eine stets oszillierende Stimmung zwischen Vergnügen und Bedrohung – ein spannendes Thema für die Literatur der Moderne.

Rainer Maria Rilke hat sie selbst erfahren. Er zieht 1902 nach Paris. Kurz nach seinem Umzug schreibt er in einem Brief am 31. August 1902 an seine Frau Clara Westhoff: »Trieb, das Leben zu haben, gleich, ganz, in einer Stunde. Davon ist Paris so voll und darum so nahe am Tod. Es ist eine fremde, fremde Stadt«. Rilke kommt mit dem Ringen und Kämpfen um das Leben in der Großstadt nicht zurecht. In seinem fragmentarisch aufgebauten Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge verarbeitet Rilke genau diese Eindrücke und Erfahrungen der damals drittgrößten Weltstadt. 

Der Protagonist Malte Laurids Brigge, ein 28jähriger Däne, beschreibt in tagebuchartiger Form seinen Aufenthalt in Paris. Er beobachtet als Flâneur das alltägliche Treiben auf den Straßen. Dabei geht es sowohl um ästhetische Wahrnehmungen als auch um existenzielle Erfahrungen, Schockerlebnisse und wundersame Begegnungen. 

Gleich der erste Satz des Romans führt den Leser in einen zentralen Themenkreis: Leben und Tod. »So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier«. Leben und Sterben liegen für den Protagonisten nah beieinander. Er ist sich nicht sicher, ob das, was man unter Leben versteht, nicht vielmehr Sterben meint. Er fühlt sich dem Tod erschreckend nah, weigert sich dennoch, sich ihm ganz hinzugeben: »Und ich wehre mich noch. Ich wehre mich noch, obwohl ich weiß, daß mir das Herz schon heraushängt und daß ich doch nicht mehr leben kann«.

Paris ist eine bedrohliche und furchterregende Stadt. So wird sie dem Leser zunächst vermittelt. Gestank, Dreck, Lärm, Menschenmassen – überall. Der Protagonist Malte fühlt sich der Reizüberflutung seiner Sinne nicht gewachsen, irrt durch die Straßen, »die ganz dickflüssig von Menschen mir entgegenrannen«. Es gibt keine Möglichkeit des Rückzugs, des Entkommens, er ist dem Geschehen der Großstadt hilflos ausgeliefert. Auch die Geographie der Stadt bereitet ihm große Schwierigkeiten. Er verliert die Orientierung: »Ich (…) ging Boulevards mit endlosen Mauern in einer Richtung hinauf und wenn dann kein Ende da war, in der entgegengesetzten Richtung zurück bis an einen Platz«. Malte Laurids Brigge scheint an dem Leben in Paris zu verzweifeln. Ein paranoider Kreislauf aus Angst, Ekel und Davonlaufen beginnt.

Hinter den rein negativen Impressionen steckt jedoch ein sehr viel tiefgründigerer Zusammenhang. Denn das, was ihn so abschreckt, inspiriert ihn gleichzeitig. Der Wechsel zwischen den Polen Schrecken und Attraktivität fordert seine Kreativität und fördert sein Schaffen. So sagt der Protagonist, dass er in Paris sein müsse, um schreiben zu können, denn »Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (…) – es sind Erfahrungen«. Das Leiden unter der »schrecklichen Stadt« ist demnach nicht endgültig zu verstehen.

Das scheinbare Paradoxon stellt vielmehr eine notwendige Bedingung dafür dar, schöpferisch tätig zu sein. Der Protagonist verharrt weiter in dem Zustand des für ihn süßen Schmerzes. Er will nicht auf das Leid, das Paris ihm zufügt, verzichten, da er die komplementären, schönen Seiten nicht missen möchte. »Ich bin in Paris, die es hören freuen sich, die meisten beneiden mich. Sie haben recht. Es ist eine große Stadt, groß, voll merkwürdiger Versuchungen. Was mich betrifft, ich muss zugeben, dass ich ihnen in gewisser Weise erlegen bin«. Dieser Prozess wird in den insgesamt 71 Aufzeichnungen weiter entwickelt, um der Frage nachzugehen, ob jemand wie Malte Laurids Brigge letztlich am Paris dieser Zeit physisch und psychisch zugrunde geht oder überlebt.

Das Lebensgefühl in der Großstadt Paris um 1900 entzündet sich also an all ihren schönen sowie grässlichen Seiten. Das Leben hier besteht aus ewigen komplementären Verhältnissen wie Freiheit und Anonymität, Luxus und Elend. Die durch die subjektive Darstellung in den Aufzeichnungen erwirkte Authentizität und Intensität lässt vermuten, dass Parallelen zwischen dem Protagonisten Malte und dem Autor Rilke nicht allzu fern liegen. Vielleicht lässt Rilke im Text Kritik an der modernen Industriegesellschaft, die das einzelne Dasein jedes Individuums übersieht, anklingen. Aber sicherlich ist auch eine tiefe Zuneigung des deutschen Autors zu dieser unüberschaubar schwierigen, dennoch umwerfenden Stadt zu spüren.

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Insel, ISBN-10: 3458323309

Foto: Insel Taschenbuch



Der Kleinbürger als Held: Hans Falladas Roman Jeder stirbt für sich allein

von Lucile Chartain, Übersetzung von André Glasmacher, erschienen am 15.04.2009  

Jeder stirbt für sich allein, 1947 im Todesjahr von Hans Fallada (geboren 1893 in Greifswald als Rudolf Ditzen) veröffentlicht, handelt von einem Thema, das selten in der deutschen Literatur behandelt worden ist: es geht um dem Widerstand der so genannten »normalen« Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Das Thema wird über die Erzählung des Alltagslebens der Bewohner eines Miethauses in der Jablonskistrasse in Berlin vermittelt. Es geht hier aber nicht darum, den kämpferischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu analysieren oder Kriegshandlungen zu beschreiben, sondern vielmehr darum zu verstehen, wie der Krieg das Alltagsleben so genannter »normaler«  Bürger umwälzen kann.   

Die Beschreibung der »kleinen Leute«, ist eines der Leitmotives im  Werk von Hans Fallada, der der Bewegung der Neuen Sachlichkeit zuzurechnen ist und in Deutschland als einer der größten deutschen Autoren des 20.Jh. angesehen wird. In Frankreich ist Fallada allerdings eher unbekannt geblieben. 2004 veröffentlichte Gallimard Jeder stirbt für sich allein in einer Taschenbuch-Edition – sicherlich ein Versuch, das französische Publikum sein Werk entdecken zu lassen, das wichtig ist, um eine der bedrückendsten Perioden unserer jüngsten Geschichte besser verstehen zu können.

Das Buch Falladas, das 1967 ins Französische übersetzt worden ist, beschäftigt sich besonders mit dem Schicksal von vier Bewohnern eines Miethauses: Baldur Persicke, ein junger SS-Mann, der durch seine neue Rolle in die völlige Unmenschlichkeit fällt, Frau Rosenthal, eine ältere Jüdin, die zuerst denunziert und dann auch noch von ihren Nachbarn bestohlen wird und schließlich die Quangel, ein deutsches Ehepaar, bis dahin völlig unauffällig und kleinbürgerlich, deren passive, abwartende Haltung sich durch den Tod ihres Sohns an der Front hin zu einem »sanftem« Widerstand entwickeln wird.

Der Krieg veändert zutiefst die Verhaltensweisen der Protagonisten. Er dient als Ausgangspunkt einer neuen Art und Weise, das soziale und gemeinschaftliche Leben anzugehen. Er kommt hier einem Katalysator, einem Auslöser gleich: für die Quangel ist es die Bewusstseinwerdung der Absurdität des Krieges und der Notwendigkeit des Widerstandes, für Baldur Persicke die Möglichkeit, seine gewaltätigen und herrschungsüchtigen Triebe auszuleben, für Frau Rosenthal schließlich, das fühlbare und schmerzliche Erleben des Antisemitismus' ihrer Nachbarn, der bis dato mehr oder weniger versteckt war.

Das Werk von Fallada beschreibt also sehr subtil die Entwicklung menschlicher Verhaltensweisen in einem politischen Kontext, der durch die Dikatur eines Polizeistaates gekennzeichnet ist sowie durch die Ausweitung des Krieges. Die Psychologie der Protagonisten ist dabei besonders ausgefeilt. Ohne in die Karikaritur oder Manichäismus abzugleiten, zeichnet Fallada ein großes Spektrum menschlicher Reaktionsweisen im Angesicht der Diktatur. Unter dem Druck eines äußerst angespannten sozialen Klimas, dass durch die Allmacht eines faschistischen Staates gekennzeichnet wird, offenbaren sich die psychologischen Orientierungen der Individuen hin zu Autoritarismus oder Widerstand. Oft sind sie widersprüchlich und rufen mehrdeutige Verhaltensweisen im Verhältnis zur Barbarei hervor.

So werden wie Quangel nicht etwa als Helden dargestellt, als idealistische Widerständler, diedas Regime aus Überzeugung bekämpfen, sondern als Individuen, die aus ihrer passiven Haltung durch den erfahren Verlust eines nahen Menschen gezogen werden. Die Ungerechtigkeit und die Absurdität des Krieges werden ihnen durch den Tod ihres Sohnes bewusst und ihr Widerstand wird zu einer Form der persönlichen Rache gegen das herrschende Regime. Dieser Widerstand erscheint dabei auf den ersten Blick lächerlich: das Paar fertigt Postkarten an, die kritische Bemerkungen hinsichtlich der Politik von Hitler enthalten und legt sie in der ganzen Stadt aus, von Hauseingängen bis hin zu Kaufläden.

Das Werk beschreibt so den geringen Handlungsspielraum der sogenannten » einfachen « Bürger in einem völlig kontrollierten Staat. Das Thema Henker versus Opfer ist also zentral, besonders am Ende des Werkes, das die Verhör- und Einkerkerungsmethoden des Regimes beschreibt. Die Beschreibung ist bedrückend durch ihre Genauigkeit: Fallada bemüht sich vor allem die Psychologie der »SS-Henker« zu erfassen, um so die Ambigutiät ihres Verhaltens in den Vordergrund zu stellen. Wenn die einen den typischen, blutdürstigen SS-Mann darstellen, vollständig ohne Humanität, so beweisen die anderen, dass sie einer gewissen Höflichkeit fähig sind und werden als » sympathisch« beschrieben.

Hier findet sich die Thema der » Banalität des Bösen « wieder, von der Hannah Arendt anläßlich des Eichmann-Prozess in Israel gesprochen hat, und die ebenfalls innerhalb des Dokumentationstheaters der Nachkriegszeit entwickelt wurde, wie etwa in Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt oder auch in Der Stellvertreter von Rolf Hochhuth.

Jenseits der Kraft seiner Thematik und durch die Vielheit der pychologischen Charaktereigenschaften, die es erlaubt aufzugreifen, präsentiert sich Jeder stirbt für sich allein auch als ein echtes Stück Literatur. Der einfache und nüchterne Stil lädt zu Reflexion ein, appeliert an eine Bewusstseinswerdung und erlaubt am Ende die Komplexität des menschlichen Verhaltens zu erfassen. Die Erzählung wird auf der anderen Seite hervoragend geführt: eine flüssige, fortschreitende Narration und die unerbittliche Verkettung der Ereignisse halten die dramaturgische Intensität über das ganze Werk hinweg aufrecht.

Hierdurch kann Jeder stirbt für sich allein nicht nur als »eines der schönsten Bücher über den deutschen Widerstand gegen die Nazis « (Primo Levi) angesehen werden, sondern auch als ein Thriller ersten Ranges, voller Spannung, ein realistisches Werk, dass mittels der Literatur die Dikatur und die menschliche Feigheit bloßstellt.

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein, Aufbauverlag Berlin, ISBN-10: 3746653215

Cover: Aufbauverlag 



Die große Flucht: Irène Némirovskys Epochenpanorama »Suite française«

von Nina Guthmann, erschienen am 15.02.2009 

Eine Stadt ergreift die Flucht: Im Sommer 1940 steht die deutsche Wehrmacht vor Paris. Hunderttausende fliehen aus der Stadt, wälzen sich in einem riesigen Treck über die Landstraßen nach Süden. In der Stunde der Bedrohung zeigen die Menschen ihren wahren Charakter, erweisen sich als Henker oder Heilige. Die französische Schriftstellerin Irène Némirovsky entwirft in ihrem Epochenroman »Suite française«, der 2004 aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, auf mehr als 400 Seiten ein mikroskopisches Panorama Frankreichs. Sie seziert mit kühlem Blick das Verhalten von Menschen auf der Flucht, zeigt Besatzer und Besetzte und schildert das teilweise selbst Erlebte auf literarisch hohem Niveau.

»Suite française«, der Roman einer Flucht, ist zugleich auch die wundersame Geschichte einer Rettung, späten Auffindung und erfolgreichen Veröffentlichung – mehr als sechzig Jahre nach dem Tod der Autorin. Sie wurde am 17. August 1942 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet. 2004 entziffert und veröffentlicht Denise Epstein, die Tochter Irène Nemirovskys, das Manuskript, das ein Fragment geblieben ist. Ursprünglich nach dem Kompositionsprinzip der Suite angelegt, besteht es nur aus zwei der vorgesehenen fünf Teile.

Der erste Teil, »Sturm im Juni«, spielt im Sommer 1940, als Paris vor der einrückenden deutschen Armee auf der Flucht ist. Irène Némirovsky zeichnet Charaktere verschiedener gesellschaftlicher Schichten und ihr Verhalten, das angesichts der existentiellen Bedrohung von Egoismus und Rücksichtslosigkeit bis hin zu Aufopferung und Nächstenliebe reicht. Der zweite Teil, »Dolce«, spielt ein Jahr später in einem Dorf, das von Deutschen besetzt ist. Ungeachtet der durch den Krieg vorgegebenen Machtverhältnisse kommt es im persönlichen und alltäglichen Miteinander zu Annäherungen zwischen Deutschen und Franzosen.

Irène Némirovsky zeigt so eine Gesellschaft, die auf ihre ureigensten Instinkte zurückgeworfen wird, sie entwirft ein Sittengemälde von Stadt und Provinz. Was Balzac einst im Großen, in seiner mehrbändigen Cómédie Humaine zeigen wollte, nämlich die gesamte französische Gesellschaft, schafft Némirovksy im Kleinen.

Der Leser taucht in eine Zeit des Krieges und der Flucht ein, die für Menschen, die diese Jahre nicht selbst erlebt haben, unvorstellbar ist. Er lernt Charaktere aus vielfältigen Milieus kennen – von einer bürgerlichen Familie bis hin zu Künstlern und Schriftstellern. Ungeachtet von Typisierungen verbirgt sich hinter der fiktiven Figurengestaltung mitunter gezielte Kritik der Autorin an Zeitgenossen, allen voran den Literaten.

»Dolce«, der zweite Teil, besticht durch die Schilderung der Begegnungen zwischen Deutschen und Franzosen im alltäglichen Miteinander. Die Autorin beschreibt die schwierige Situation aus der Sicht von Deutschen und Franzosen, aber auch aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Generationen.

Irène Némirovsky wollte einen monumentalen Roman schaffen, der sich an spätere Generationen richtet, und schreibt in einem Brief: »Es ist kein Text für heute. Also braucht man sich nicht zurückzuhalten, sondern muß mit aller Kraft dreinschlagen, wo man will.« Sie wolle Dinge beschreiben, »die noch im Jahre 1952 oder 2052 die Leute interessieren können«.

Genau das ist ihr gelungen. Irène Némirovsky hat in das Geschehen selbst Erlebtes eingewoben und mit den fiktionalen Figuren einen exemplarischen Blick auf die Kriegsjahre geworfen. Aus den zwei fertiggestellten Teilen und den Notizen der Schriftstellerin zum geplanten Aufbau wird deutlich, welch ein imposantes Werk entstehen sollte. Irène Némirovsky greift einzelne Personen wieder auf und schafft so eine Verbindung zwischen den Teilen. Es gelingt ihr, Augenblicke und Situationen mit sorgfältigen, aber auch unerbittlichen Pinselstrichen nachzuzeichnen und mosaikartig zu einem großen Panorama zusammenzufügen.

Irène Némirovsky war zu Lebzeiten eine bekannte Schriftstellerin. Die gebürtige Russin wurde 1903 in einer jüdischen Familie geboren. Vor den Bolschewisten flieht die Familie nach Paris. Némirovsky schreibt sich in der Sorbonne ein und veröffentlicht ihren ersten Roman, »David Golder«, der sie schlagartig berühmt macht.

Mit der Veröffentlichung des Fragments im Jahr 2004 - die deutschsprachige Ausgabe erscheint 2005 - wurde ihr eine große Aufmerksamkeit zuteil, die bis heute anhält. Ihr Ruf als Schriftstellerin damals und die Rezeption in unserer Zeit unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt: Die Betroffenheit angesichts ihrer Biografie lässt ihr Werk, allen voran die »Suite française«, in einem anderen Licht erscheinen.

Zweifellos ist sie die versierte Schriftstellerin, die den Vergleich mit Tolstoi nicht scheuen muss, wie ihn die Kritiken gezogen haben. Zu dem Phänomen Némirovsky gehört heute aber auch, dass sie im Konzentrationslager umkam und ihre Kinder wie ein Wunder überlebten. Insofern kann ihre Texte heute wohl niemand nur als das lesen, was sie sich zu Lebzeiten vorgestellt hatte.

Irène Némirovsky ahnte, dass das Werk, wenn überhaupt, posthum erscheinen würde. Die Taschenbuchausgabe, in der sich Notizen über das Werk und den Zustand Frankreichs an das Fragment anschließen, vermittelt dem Leser noch mehr. Die Anmerkungen gewähren Einblicke in den Schaffensprozess der Autorin, aber auch in die letzten Momente ihres eigenen Lebens. Erschütternd ist ihre Notiz vom 11. Juli 1942, in der sie einen idyllischen Moment der Ruhe im Wald einfängt. Ihre Eindrücke von diesem Ort schließen mit den Worten: » Nachher werde ich versuchen, den verlorenen See wiederzufinden.« Sie sollte nie wieder an diesen Ort zurückkehren. Der Leser weiß, dass sie ihre letzten zwei Tage in Freiheit verbringt. Am 13. Juli 1942 wird sie abgeholt und stirbt keine vier Wochen später in Auschwitz. Vor dem Hintergrund dieses Schicksals erscheinen die Auszüge aus dem Briefverkehr, die die verzweifelten, vergeblichen Bemühungen ihres Mannes dokumentieren, Irène Némirovsky nach ihrer Festnahme durch die Gestapo freizubekommen, für den heutigen Leser umso eindringlicher. Während das Fragment den Leser ein wenig in der Luft hängen lässt, stellen diese anschließenden Auszüge aus ihren Kommentaren, die Bemühungen ihres Mannes und der Weg, den das Manuskript genommen hat, das Gelesene in ein ganz anderes Licht und lassen den Leser erschüttert zurück.

Irène Némirovsky, Suite française. btb € 9,50, ISBN 978-3-442-73644-7 

Cover: btb Verlag



Vom Glück Deutscher zu sein - Michel Tourniers Erinnerungen an ein fremdes Land

von Juliane Keusch, erschienen am 15.10.2008

Bücher über den französischen Nachbarn gibt es in Deutschland viele, die Bekanntesten natürlich aus der Feder eines gewissen Ulrich Wickert, beliebter Ex-Nachrichtensprecher und begnadeter Hobbyschriftsteller. Umgekehrt mussten Franzosen bis vor einigen Jahren lange suchen, bis sie auf ein aktuelles Werk über das Land «outre rhin» stießen. Diese Lücke hat Michel Tournier mit seinem 2004 erschienenen Buch Le bonheur en Allemagne? geschlossen. Das Buch ist dabei viel zu wenig bekannt – auf beiden Seiten des Rheins. Das ist eigentlich bedauerlich: Denn ein Schriftsteller, der so kenntnisreich über Deutschland zu schreiben weiß wie Tournier, hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Aus seiner ausgeprägten Zuneigung zu Deutschland hat der Schriftsteller Michel Tournier dabei nie einen Hehl gemacht, so schreibt er: « En vérité, l’Allemagne continue à me valoir – comme du temps de mon enfance, de ma jeunesse, de mon âge mûr – des tristesses et des joies, des blessures et des fleurs, des pertes irréparables et des richesses immenses. »  

Kein anderer französischer Intellektueller scheint das Nachbarland im Osten also so gut zu kennen wie Tournier. Dass diese Neigung ihn auch in seinem künstlerischen Schaffen geprägt hat, ist ebenfalls seit dem Erscheinen seines zweiten Romans Le Roi des Aulnes (Der Erlkönig) im Jahre 1970 bekannt, für den er mit dem renommierten französischen Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. 

Die Handlung des Buches, die zum Großteil in Deutschland situiert ist,  nimmt unter anderem Bezug auf den zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus. Der Essayband Le Bonheur en Allemagne?, der in deutscher Sprache in Ausschnitten als Meine Affäre mit Deutschland im Sammelband Rendez-vous. Unsere Affäre mit Frankreich erschienen ist und ursprünglich als Beitrag zu den Weimarer Reden 2006 dienen sollte, greift dieses Interesse an Deutschland erneut auf. 

In einer bunten Mischung aus persönlichen Erfahrungen und historisch gesicherten Tatsachen zeichnet Michel Tournier durch sechs Kapitel hindurch ein ganz eigenes Bild von Deutschland. Es ist weniger der Schriftsteller Tournier als der Mensch, der hier aus ihm spricht: der Sohn eines Germanisten, dessen ehrgeizige Eltern am fehlenden Sprachtalent ihres Kindes verzweifeln; der Student, der als einer der ersten Zivilisten ins vom Krieg völlig zerstörte Deutschland kommt, um an der Universität von Tübingen Philosophie zu studieren; bis hin zum Erwachsenen, der, sei es als Mitglied der Akademie der schönen Künste in Ost-Berlin, sei es als Privatmann, auf dessen Fernsehschirm nach eigenen Angaben hauptsächlich deutsche Kanäle flimmern, ständig mit dem Nachbarland in Kontakt steht. 

Jeder neue Satz zeugt davon, dass es sich für Michel Tournier hier um eine ganz persönliche Sache handelt. Mit viel Witz und profunden Geschichtskenntnissen durchquert er Jahrhunderte deutsch-französischer Zweisamkeit und wartet manchmal mit verblüffenden Anekdoten auf, die teils gängige Klischees bestätigen, teils aber auch Widersprüchlichkeiten zwischen dem jeweiligen nationalen Selbstverständnis und der manchmal ernüchternden Wirklichkeit aufdecken. 

So berichtet er von den tyrannischen Angewohnheiten des Preußenkönigs Friedrich-Wilhelm, der zwar als Erfinder der preußischen Staatsidee vom König als erstem Staatsdiener in die Geschichte einging und so mit dem französischen Souveränitätsmodell des Roi Soleil aufräumte, privat aber ein eher unangenehmer Zeitgenosse war. Als echter Hohenzollern pflegte er nie ohne seine zwei Pistolen zu Tisch zu sitzen und zögerte auch nicht, seinen Bediensteten für schlechten Service ein Auge auszuschießen. Ein Musterbeispiel preußischer Lebensart. 

Aus den Tiefen seiner eigenen Erinnerung fördert Tournier aber nicht minder skurrile Geschichten zu Tage. Da ist zum Beispiel sein ausgefuchster Kommilitone in Tübingen, der ein besonderes Mittel gefunden hat, der Nahrungsknappheit nach dem Krieg zu entrinnen. Der Pfiffikus bezieht vom Pasteurinstitut geronnenes Pferdeblut, Abfallprodukt eines Prozesses zur Gewinnung von Impfstoffen, und stellt daraus Blutwurst her. Zu dem anschließenden Festmahl lädt er, nicht ohne Stolz, auch seinen französischen Mitstudenten ein – eine Geste, die sowohl von teutonischem Pragmatismus, als auch von der Möglichkeit deutsch-französischer Kooperation in Notzeiten zeugt - über allen verbliebenen Hass und alle Feindschaft hinweg. 

Mit dem wohlwollenden Lächeln eines Vaters, der sein Kind zurechtweist, ihm aber schon im selben Moment verziehen hat, mokiert sich Michel Tournier über die Möchtegerntugenden der Deutschen. Ordnung, Sauberkeit, Arbeit, Vernunft und Effizienz stellten sich bei genauerem Hinsehen doch gerade als die Qualitäten heraus, die ihnen am meisten fehlen! So sei Deutschland das europäische Land, in dem der durchschnittliche Angestellte die wenigsten Arbeitsstunden ableistet, wo die Geschäfte samstags schon mal geschlossen sind und die Züge alles andere als pünktlich kommen. 

Aber er kritisiert nie ohne auch vor der eigenen Haustür zu kehren: Légereté, Esprit und Finesse, derer sich der Franzose rühmt, seien doch genauso auch bei deutschen Schriftstellern anzutreffen und überhaupt seien seine Landsmänner von dem verrückten Ehrgeiz befallen die ganze Welt zu übertrumpfen. 

So wird das Buch gleichermaßen zu einer Lehranstalt für beide Nationen: für die Franzosen, denen er mit der Beschreibung der anderen „Grande Nation“ Europas, die ihnen in kultureller und politischer Größe in nichts nachsteht, den Spiegel vorhält; für die Deutschen, die durch dieses meisterhafte Beispiel französischer Selbstironie eingeladen werden, in Zeiten von Globalisierungsangst und mühsamer europäischen Einigung nicht immer alles – und vor allem sich selbst - so ernst zu nehmen. 

Einziger Wehmutstropfen an diesem sonst durchaus überzeugenden Buch: man hätte sich gewünscht, Tournier wäre etwas sparsamer mit der Inszenierung der eigenen Person umgegangen. So gewinnt der Leser stellenweise den Eindruck, als wäre Deutschland nicht Hauptperson dieses Stückes, aufgeführt vor tournier’scher Kulisse, sondern selbst nur Bühnenbild seines ganz persönlichen Erinnerungstheaters. 

Doch wie man es auch immer deuten mag, es ist und bleibt informative wie anregende Lektüre, die man ganz nach Belieben in einem Schwung oder häppchenweise Aufsatz für Aufsatz genießen kann. Besser hätte es Ulrich Wickert auch nicht gekonnt. 

 

Zum Weiterlesen:

Das Buch wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt. Legende:

Michel Tournier (2006): Le bonheur en Allemagne ? Paris: Éditions Gallimard.

97 Pages. ISBN 2-07-030799-9

Weitere Titel:

Michel Tournier (2006): Meine Affäre mit Deutschland. In: Rendezvous. Unsere Affäre mit Frankreich. Weimarer Reden 2006 von Michel Tournier; Heiko Engelkes; Ulrich Wickert; Jürgen W Falter; Guido Knopp. Herausgegeben von Felix Leibrock. Weimar: Weimarer Taschenbuch Verlag. 176 Seiten. ISBN 3937939709

Coverfoto: gallimard



Potpourri mit Giftpilzen: Birgit Vanderbeke entführt ein weiteres Mal in die französische Provinz

Von Lea Stephan, erschienen am 01.07.2008

Birgit Vanderbeke hat in die Tat umgesetzt, wovon andere nur träumen. Seit gut fünfzehn Jahren lebt und arbeitet die freie Autorin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin in Südfrankreich. Ihre Erfahrungen mit Land und Leuten verarbeitete sie nicht nur in ihren Erzählungen, sondern auch in Kochbüchern oder dem Reiseführer Gebrauchsanweisung für Südfrankreich. Dort rät sie dann eingangs den Lesern, sich von Lavendelfelderbildern zu lösen und auf die Wirklichkeit einzulassen. Denn »interessant wird der Süden, sobald man wahrnimmt, dass dort Menschen leben und wie sie das tun«. Und abschließend heißt es: »Der Midi ist für Glück geradezu wie gemacht. Wenn man ein paar Dinge beachtet.«

Auch Vanderbekes neuester Roman Die sonderbare Karriere der Frau Choi hat wieder ihre Wahlheimat zum Schauplatz – und ihre Protagonistin war offensichtlich bestens mit dem Inhalt des Reiseführers vertraut. Denn sie macht von Anfang an alles richtig, auch wenn die Methoden, mit denen sie ihre Ziele erreicht, mitunter ein wenig sonderbar sind.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1989 und führt den Leser nach M**. M Sternchen Sternchen, ein Provinznest, das dermaßen ab vom Schuss liegt, dass es selbst von sommerlichen Touristenströmen nur am Rande berührt wird.

Der Glaube an weiße Frauen und Werwölfe hält sich hartnäckig und nach Einbruch der Dunkelheit bleibt man am liebsten in den eigenen vier Wänden und hört dem Wind zu, der um die Häuser pfeift. Ausgerechnet hierher verschlägt es nun Frau Choi, die eines Tages samt Sohn und Witwenrente in M** auftaucht und eines der baufälligsten Häuser erwirbt. Ihr Mann, erfährt man nebenbei, war Holländer und verstarb unter ungeklärten Umständen. Um Frau Choi ist »etwas herum«, das jeder spürt, aber keiner benennen kann. Sie raucht Zigarillos, antwortet auf Fragen mit Gegenfragen und bleibt stets höflich und gelassen.

Vanderbekes Protagonistin ist jedoch nicht nur geheimnisvoll, sondern auch eine begnadete Köchin, Pilzexpertin und sehr tatkräftig. Das allgemeine Misstrauen verwandelt sich schnell in Bewunderung, und ihre Gerichte verzaubern die französischen Gaumen. Doch die Pilzexpertin will mehr. Sie hat nämlich eine Idee, diese soll den Namen »Babguagup« tragen und ihr eigenes Restaurant werden. Kurzerhand erwirbt sie ein Pflaumenfeld als Anbauareal für die benötigten Zutaten, wird die neue Besitzerin einer ehemaligen Seidenspinnerei und lässt diese nach den Plänen eines japanischen Stararchitekten umbauen.

Der Aufstieg von M** beginnt. Feinschmecker und Freunde asiatischer Architektur pilgern ins »Babguagup«, welches mit Gerichten namens »Jap-Cheas«, »Kalbi-Chims« und »Sinsollos« schnell den ersten Platz in einschlägigen Zeitschriften belegt. Aber nicht nur Frau Choi profitiert. Die Entwicklungshilfe ist erfolgreich, und in M** boomt die Wirtschaft. Es werden Gästehäuser gebaut, die alten Mythen finden wieder Interessenten, die Bewohner besinnen sich auf ihre anarchistischen Grundwerte, und ein roter Feuerfalter spielt auch eine Rolle.

Man glaubt sich also in einem modernen Märchen, wären da nicht die drei Todesfälle. Die Opfer allesamt Männer, die mit ihren Egotrips nicht nur weibliche Entfaltungswünsche und das Dorfklima sondern auch Frau Chois Karriere bedrohen. Der Erste, der dran glauben muss, ist der Bürgermeister von M**. Der sympathisiert mit Paris, und Paris will M** zum Testgebiet für Militärflugzeuge machen. Die Agonie des Bürgermeisters ist kurz und eine Todesursache nicht zu ermitteln.

Krimifans seien an dieser Stelle jedoch gewarnt. Der Leser ist sehr schnell auf der richtigen Fährte, und kriminalistischer Spürsinn ist weitgehend überflüssig. Grundkenntnisse in der Forensik wären in der zweiten Hälfte der Erzählung schon nützlicher, sind aber auch kein Muss. Ein »Schöngelber Klumpfuß« wurde auf dem Teller des nächsten Opfers gesehen, das kurz nach seinem letzten Mahl im »Babguagub« verstirbt. Eine Gerichtsmedizinerin besteht auf ordnungsgemäßer Aufklärung.

Es ist schon beeindruckend, was Birgit Vanderbeke in ihrem 124 Seiten schmalen Roman alles untergebracht hat. Kenner ihres Geschichtenuniversums werden beim Lesen immer wieder auf bekannte Themen stoßen. Mit spürbarem Genuss hat sie ihre Lieblingsmotive zu einem bunten Potpourri vermengt. Kulinarisches sowie ihre Liebe zum Süden Frankreichs und seinen eigensinnigen Bewohnern spielen hier ebenso eine Rolle wie die Selfmadefrau, sympathische Jugendliche und leicht verdauliche Morde. Weitere Zutaten wären fernöstlich Philosophisches, eine Prise rebellischer 68er-Geist inklusive feministischen Grundtenors und die Thematisierung von Tourismus. Eigentlich sollte hier also jeder auf seine Kosten kommen, doch leider geht das Konzept nicht ganz auf.

Die Fülle an Themen garantiert zwar Farbigkeit, ein eindeutiger Geschmack ist aber nicht auszumachen. Der Hauptfigur, die wie einer japanischen Tuschezeichnung entsprungen wirkt, kann man ihre Konsistenzlosigkeit vielleicht noch nachsehen. Nimmt man Feng Shui zu Hilfe, vertritt Frau Choi das Prinzip eines leeren Raumes, der für einen gesunden Energiefluss sorgen soll. Aber auch den anderen Charakteren fehlt es an Schärfe, der kriminalistischen Handlung an Spannung und das diabolische Lächeln, welches zwischen den Schlusszeilen aufblitzt, lässt einen eher unbeteiligt als amüsiert zurück. Es ist Birgit Vanderbekes unverwechselbarer ironisch-lakonischer Erzählstil, der die Erzählung zusammenhält und die Lektüre trotz der Kritikpunkte zu einem angenehmen Zeitvertreib macht. Menschen, die Inspiration für ihre Urlaubs- oder gar Auswanderungspläne suchen, sind jedoch mit eingangs erwähntem Reiseführer Gebrauchsanweisung für Südfrankreich besser bedient. 

Birgit Vanderbeke, Die sonderbare Karriere der Frau Choi, S.Fischer, 2007, EUR 16,90

Birgit Vanderbeke, Gebrauchsanweisung für Südfrankreich, Piper, 2002, EUR 12,90

Photo: S. Fischer Verlag



Ein literarischer »Kritiker-Zankapfel« – Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten und die Kritik diesseits und jenseits des Rheins

von Simone Brink, erschienen am 15.06.2008

Er bleibt weiter umstritten: Sowohl diesseits als auch jenseits des Rheinufers streiten die Feuilletons und die Literaturkritik noch immer über den Debütroman Die Wohlgesinnten des amerikanisch-französischen Autors Jonathan Littell. Die heiße Phase der Debatte ist inzwischen etwas abgeflaut, aber noch immer ist das Holocaustepos ein regelrechter »Zankapfel« und wird weiter zwischen Literaturkritik, Geschichtswissenschaft und den sich notorisch einmischenden Aufmerksamkeitshaschern herumgereicht.

Denn der Roman bietet nicht nur den beruflich bedingten Diskussionsbeteiligten wie der feuilletonistischen Kritik und der Wissenschaft eine Spielwiese. Er ist auch für all jene ein »Fressen«, die den garantierten Aufmerksamkeitslieferanten »Nationalsozialismus« für sich in Anspruch nehmen wollen, handelt der fiktive Roman doch von den Erinnerungen eines ehemaligen SS-Offiziers an die Jahre 1941 bis 1945. Littells Protagonist Max Aue, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich geflohen war, erstattet Jahrzehnte später Bericht über seine Position in der Machtriege der Nationalsozialisten: In detaillierter Breite erzählt er von Emotionen, Ejakulationen und Exekutionen.

Seitdem das Werk im November 2006 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde und in der Folge wochenlang die französischen Bestsellerlisten dominierte, war und ist das Buch ein absolutes Muss für die Kritik. Kein Rezensent konnte mehr umhin, den qualitativ geadelten Kassenschlager zu diskutieren, zumal er in Frankreich bis heute 800.000 Käufer überzeugt hat.

In Reaktion auf die französische Hyperthematisierung von Die Wohlgesinnten widmete sich auch die deutsche Kulturkritik dem Hauptwerk der französischen Literatursaison. Besonders natürlich, weil die Materie des Dritten Reiches gezwungenermaßen die deutsche Seite auf den Plan rufen musste. Mit dem Erscheinen im Berlin Verlag ist die deutsche Debatte erneut angefacht worden, die im Kontrast zur französischen Kritik jedoch einen weit kritischeren Tenor verfolgt.

Während zwar auch die französischen Rezensenten in ihrer gespaltenen Meinung mit Beanstandungen und Verweisen nicht sparten, beurteilten sie den Roman doch insgesamt wesentlich positiver als ihre deutschen Kollegen. Die tragende Stimme auf deutscher Seite pflichtet den französischen Lobsalven einzig in dem Punkt der perspektivischen Originalität von Littell bei.

Denn bis dato harrte die Literatur einer Darstellung des Holocaust aus Sicht eines großflächigen Planers und Praktikers des massenhaften Mordens. Nicht die Position eines Mitläufers und dadurch eines Mittäters, sondern diejenige eines Hauptverantwortlichen des Völkermordes einzunehmen, ist die von französischer wie auch von deutscher Seite gebilligte Leistung von Littell. Die mehrheitliche Anerkennung der durchschlagenden Neuheit, den Holocaust so zu sehen, ist jedoch die einzige Gemeinsamkeit der kritischen Urteile auf Seiten des französischen und des deutschen Feuilletons.

Dass ein jüdischer Autor einem erdachten Hitler, Göring oder Eichmann überhaupt Gestalt gibt, dass dieser jüdische Schriftsteller seinem Urnazi als Protagonisten zudem persönliche Kennzeichen wie sein eigenes Geburtsdatum aneignet, hätte in Deutschland die übliche leidige Debatte lostreten können. Das Buch hätte wieder einmal die Theorie auf den Plan rufen können, wonach sich das Judentum an seinen historischen Mördern revanchiere. Glücklicherweise ist die deutsche Kritik nicht in diese Falle getreten.

Ihre Ansatzpunkte sind andere. Der erste ist die künstlerische Unfreundlichkeit gegenüber dem Lesenden, der sich durch das mehr als tausend Seiten zählende oder eher zehrende Buch mitsamt seiner überbordenden Geschichtlichkeit kämpfen muss. Die Unmenge an bekannten Schauplätzen des Dritten Reiches (dem Protagonisten entgehen weder Stalingrad noch Auschwitz) ist nervenaufreibend und erzählerisch wenig glaubwürdig. Obwohl die schriftstellerische Rechercheleistung der historischen Belegstellen und Quellen, der zahlreichen Protokolle, Befehle und Dokumente sicher zu würdigen wäre, so ist der historische Faktenreichtum dem Lesefluss leider nicht gerade förderlich.

Vielmehr wird dadurch der Verdacht erweckt, der Autor wolle mit seiner Detailversessenheit und seiner anscheinenden Allwissenheit über den Vernichtungskrieg die Charakterlosigkeit seiner Figuren überdecken. Je länger man liest, desto mehr wird dieser Verdacht zur Gewissheit. Denn Littell füllt seine Seiten mit reinem Geschichtsmaterial anstatt authentische Figuren zu erschaffen. Hinzu kommt, dass er auch noch allzu häufig in allzu simpler Weise die historischen  Originalquellen ohne literarische Bearbeitung übernimmt. Die Charaktere sowohl der Hierarchiespitze von Hitler, Himmler, Häfner bis hin zu Speer und Janssen als auch der niederen Militärangehörigen können insofern gar nicht ausgereift sein, als sie unter dem Dokumentenmassiv der historischen Quellen erdrückt werden.

Der zweite Ansatzpunkt der Kritik ist der literarisch altbewährte Topos des Intellektuellen als Mörder, der spätestens seit Thomas Manns Roman Dr. Faustus bekannt ist. Dieser Aspekt des allerorts zelebrierten Intellektualismus der Hauptprotagonisten zermürbt den Leser ebenso so sehr wie die nicht enden wollende historische Quellenmasse. Beidem wird der Leser überdrüssig, da dieser Intellektualismus durch seine ständige und allzu offensichtlich erzwungene Präsenz unglaubwürdig wirkt.

Die Permanenz von vor allem geisteswissenschaftlichen Absonderungen der Protagonisten in Form von Dialogen, Zitaten und Wissensbekundungen wird auf die Dauer penetrant. Fadenscheinig wird der Hauptakteur Max Aue, je öfter er im passenden Augenblick die adäquaten Geistesgrößen herbeizitiert, je müheloser er in Altgriechisch parliert und je besser er mit seinem Wissen aus zahlreichen Gebieten wie der Psychoanalyse und der Musikgeschichte zu glänzen weiß.

Die eigentliche Intention von Littell, die Möglichkeit eines mörderischen Untiers auch im Intellektuellen darzustellen, wird durch das ständige Beschwören des hohen Bildungsgrades des Protagonisten und seine fehlende Authentizität wenn nicht vereitelt, so doch zumindest in den Hintergrund gerückt. Dies ist angesichts der hehren und lobenswerten Absicht des Autors eigentlich bedauernswert. Im Grund wäre es auch nicht  weiter schlimm, wenn nicht die zu beklagende Konsequenz der Hyperintellektualisierung des Protagonisten derart weitreichend wäre.

Indem Max Aue als Intellektueller, zudem noch Homosexueller und Herkunftsloser und damit als Sonderling gezeichnet wird, unterstützt Littell die alte Ansicht des Nazis als Außenseiter. Er verfestigt die Theorie des Nationalsozialismus als Abnorm des Menschen, die mehr oder weniger zufällig zu Tage getreten ist. Dass jedoch die Fähigkeit und die unter bestimmten Voraussetzungen geförderte Neigung zur Ausgrenzung, zur Stigmatisierung und zum Morden dem Menschen per se zu eigen ist, dass also der Nationalsozialismus keine einmalige Koinzidenz der Geschichte war, entgeht dem Roman vollständig. Aus der Sicht der Geschichtswissenschaft ist das Buch in seiner Darstellung des Nazis Max Aue als anormaler Individualist und damit des Täters als Abnormalität demnach ein kläglicher Rückschritt – zumal auch sonst keine neuen historischen Inhalte präsentiert werden.      

Was bleibt, ist ein schriftstellerisch kaum überragender Roman, der an Pornografie, Kitsch und altbekannten Versatzstücken nicht spart. Mag er in Frankreich und aller Prognose nach auch in Deutschland ein sowohl verkaufstechnischer als auch feuilletonistischer Bestseller werden - ihn weiter zu empfehlen könnte, lediglich aus der generellen Aufregung um das Buch gerechtfertigt werden. Inhaltlich ist es nicht unbedingt lesenswert. 

Jonathan Littell (2008): Die Wohlgesinnten. Berlin: Berlin Verlag.

Übersetzt von Hainer Kober. Ca. 1.400 Seiten. ISBN 9783837007384

Coverfoto: Berlin Verlag



Für eine Hand voll Gitanes : Das Leben von Serge Gainsbourg

von Sandra Wickert, erschienen am 01.04.2008 

Sänger, Texter, Komponist, Schauspieler, Regisseur, Schriftsteller, Provokateur: Auch mehr als anderthalb Jahrzehnte nach seinem Tod sehen die Franzosen Serge Gainsbourg als das Genie der französischen Popkultur und des französischen Chansons. Trotzdem verbindet man außerhalb Frankreichs mit seinem Namen oft nur den Hit »Je t'aime (moi non plus)« und vielleicht noch einige Skandale und Frauengeschichten. Dass sein musikalisches Werk aber vielschichtig und genreübergreifend war und sich ständig  wandelte, erfährt man, wenn man die Gainsbourg-Biografie Für eine Handvoll Gitanes von Sylvie Simmons in die Hand nimmt.

Biografien des französischen  »Volkshelden« gibt es einige. Die Spanne reicht von trockenen Monografien über fast schon abenteuerliche Legendenbildungen und liest sich mitunter nicht einfach – vor allem, wenn man nicht der französischen Sprache mächtig ist. Nun hat sich eine Engländerin vorgenommen, den Künstler »von außen«, also ohne die französische Brille, zu beleuchten und ihn einem unkundigen, neuen Publikum vorzustellen. Um es vorwegzunehmen: es ist ihr gelungen. 

Für eine Hand voll Gitanes liest sich gut, schnell, rasant und vergnüglich. Für einen intellektuellen Verehrer mag es zunächst ein milder Schock sein, dass die Sprache doch sehr populär daherkommt und man mitunter das Gefühl hat, man sitzt im Friseursalon und liest eine Klatschzeitung, die man zu Hause natürlich niemals in die Hand nehmen würde. Dieses Gefühl kommt nicht von ungefähr, die Autorin ist Musikjournalistin und ihrer Schreibe merkt man an, dass sie gewöhnlich für Magazine und Zeitschriften arbeitet, allerdings nur für solche mit untadeliger Reputation wie Sounds oder Rolling Stone

All das trägt zur Glaubwürdigkeit dieser Autobiografie bei. Statt trockener Beschreibungen hat der Leser das Gefühl, von Simmons an die Hand genommen zu werden und mittels einer Zeitmaschine direkt zu den verschiedenen Lebensabschnitten  Gainsbourgs gebracht zu werden. In grob chronologischer Reihenfolge begleiten wir den kleinen »Lulu«, wie Serge, der eigentlich Lucien hieß, von seiner Mutter genannt wurde, durch prägende Kindheitsjahre. Wir erfahren, wie er als Kind jüdisch-ukrainischer Einwanderer zunächst in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs und wohnen dem magischen Schlüsselmoment bei, als der achtjährige Knirps zum ersten Mal durch die Schönheit einer Frau wie vom Blitz getroffen ist.  

Auch prägende Ereignisse wie das Aufwachsen mit dem gelben Judenstern am Revers und seine daraufhin folgende Flucht in die Kunst und Literatur werden von der Autorin aufgegriffen.  

Die Gewichtung des Buches liegt auf den beiden Hauptaspekten aus Gainsbourgs Leben: die Musik und die Frauen. So wie diese beiden Pole untrennbar miteinander verbunden sind, versteht es auch die Autorin, diese beiden Phänomene nicht isoliert zu betrachten, sondern die zahlreichen Zusammenhänge und Überschneidungen aufzuführen. Um aus der Routine seiner ersten Ehe zu entfliehen, gelangte er über die Kunst zu einem Job als Barpianist, bis er schließlich sein erstes eigenes Album veröffentlichte.  

Die Eifersucht seiner zweiten Frau war für einen großartigen Arbeitsschub und daraus resultierende weitere Platten verantwortlich: Weil sie nicht wollte, dass er sich nachts in obskuren Bars herumtrieb, schenkte sie ihm einen Klavier-Flügel und Gainsbourg komponierte von nun an wie ein Besessener. Es gab sogar Frauen, mit denen der »Erotomane« nur platonisch befreundet war, wie Marianne Faithful; Frauen, die seinen Ruhm als Womanizer bildeten wie Brigitte Bardot, Frauen, die seine Lieder sangen wie Catherine Deneuve oder Juliette Greco. Und Frauen, die ihn ein ganzes Leben begleiteten, und die dafür sorgten, dass er in seinen letzten Lebensjahren regelmäßig Nahrung zu sich nahm, wie seine große Liebe Jane Birkin. 

Sie ist es auch, die diesem Buch durch ihre vielen Erinnerungen, Anekdoten und kleinen Geheimnisse die besondere Würze gibt. Sie erhebt Gainsbourg weder in den Himmel noch dämonisiert sie ihn, sondern gibt dem Leser zumindest einen kleinen Einblick in das schwierig-schöne Leben mit einem französischen Nationalhelden. 

Sylvie Simmons hat es geschafft, auf 320 Seiten ein ehrliches, umfassendes Bild der komplexen Identität Serge Gainsbourgs wiederzugeben. Ihr Anliegen, den Künstler auch  international von seinem reduzierten Image als Urheber von »Je t’aime« zu befreien, wird auch durch das Übersetzen seiner Songtexte und vieler Originalzitate bestärkt.

Eine Hand voll Gitanes ist ein Stück Zeitgeschichte und auch für Serge-Gainsbourg-Nichtkenner zu empfehlen, denn es ist, mit den Worten der Musiklegende Lou Reed »an excellent piece of writing.«

Sylvie Simmons, Serge Gainsbourg - für eine Hand voll Gitanes, Frankfurt 2007, Seeling Verlag

Photo: Seeling Verlag 

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Ein Franzose schreibt sich in die Herzen der Deutschen: »Le Voyage d’Hector ou la recherche du bonheur« von François Lelord

von Nina Reichow, erschienen am 15.12.2007

Über kaum ein anderes Thema ist so viel geschrieben worden wie über das Glück – und ein Blick auf die Neuerscheinungen der vergangenen Jahre zeigt, dass Bücher über das Glück nach wie vor Konjunktur haben. Mehr denn je suchen Autoren also heute Antworten auf die Frage, was Glück ist und wie es sich erreichen lässt. Einen ungewöhnlichen Zugang zu dem Thema bietet das Buch eines französischen Autors: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück von François Lelord. Das Werk erschien 2002 in Frankreich und wurde in 14 Länder verkauft. Es eroberte die deutschen Bestsellerlisten im Sturm und hielt sich über 120 Wochen auf den vorderen Plätzen. 

Vor kurzem ist der Text in Reclams Roter Reihe in französischer Sprache erschienen. Die Fremdsprachenedition mit dem Titel Le Voyage d'Hector ou la recherche du bonheur ist preiswerter als die deutsche Übersetzung in der Taschenbuchausgabe und erleichtert die Lektüre dank zahlreicher  Vokabelerläuterungen. Ein Nachwort und umfangreiche Literaturhinweise bieten interessierten Lesern zudem weiterführende Informationen.

»Il était une fois un jeune psychiatre qui s'appelait Hector et qui n'était pas content de lui.« Bereits die ersten Zeilen verraten, dass der Leser in ein Märchen eintaucht. Er liest von Hector, der mit seiner Arbeit als Psychiater unzufrieden ist, weil er seinen Patienten nicht immer helfen kann – insbesondere den Menschen, die nicht wirklich krank sind, sondern einfach unzufrieden mit ihrem Leben. Er möchte verstehen, was die Menschen glücklich oder unglücklich macht. Deshalb nimmt er den Leser mit auf eine Reise um die Welt. Hector begegnet alten Freunden, macht neue Bekanntschaften und kehrt schließlich nach Hause zurück. Unterwegs hat er 22 Lektionen über das Glück notiert und zahlreiche Geschichten erlebt, die er fortan in seine Praxisgespräche einfließen lässt. Und am Ende scheint alles gut, wie es sich ja für ein Märchen gehört, denn Hector heiratet seine langjährige Freundin: »Alors ils se marièrent, ils vécurent heureux et ils eurent un petit garçon qui devint psychiatre comme son papa.«

Das Buch  richtet sich an Erwachsene, weil sich zwischen den ersten und letzten Zeilen viele Probleme ihres Alltags wiederfinden. Die stilisierte Welt erzählt von zahlreichen Hindernissen auf dem Weg zum Glück – vom Burnout-Syndrom über Depressionen bis hin zur Bindungsunfähigkeit. Diese Phänomene werden allerdings ebenso wie die Stationen von Hectors Reise nicht konkret benannt. Aber auch so kann der Leser hinter den Beschreibungen Schauplätze in Europa, Asien, Afrika und den USA ausmachen. Lelord bezaubert seine Leser durch eine einfache, kindlich-naive Sprache. Er lenkt den Blick auf typische Alltagssituationen und verzichtet auf detailreiche Beschreibungen und komplexe Handlungen. An die Stelle wissenschaftlicher oder philosophischer Exkurse treten persönliche Erlebnisse und Begegnungen Hectors mit anderen Menschen.

Man merkt dem Buch an, dass es aus der Feder eines Psychiaters stammt. Und doch versteht es sich nicht in erster Linie als Glücksratgeber oder als Lebenshilfe, sondern es ist eine fiktive Geschichte, die großes Lesevergnügen bereitet. Kleine Erkenntnisse in Sachen Glück finden dabei wie von selbst statt. Als Psychiater und aufmerksamer Beobachter und Zuhörer versteht es Hector, seine Erlebnisse auszuwerten. Seine Sichtweise fördert Gefühle und Wahrnehmungen zutage, die in der Erwachsenenwelt häufig unausgesprochen bleiben.

Mit einigen Erfahrungen, die Lelords Figur macht, identifiziert sich der Leser, anderen ist er noch nie begegnet. Jede Lektion, die Hector im Laufe seiner Reise notiert, ist für den Leser Anlass, sich der Vielzahl von Möglichkeiten bewusst zu werden, die zum Glück führen können. Das zeichnet diesen Text aus: Lelord unternimmt nicht den Versuch, das Glück festzulegen oder einen Weg vorzugeben, den allein es zu beschreiten gilt. Der Leser dankt es dem Autor und nimmt aus der Lektüre eine 23. Lektion mit: Glück ist für jeden etwas anderes.

François Lelord, Le Voyage d'Hector ou la recherche du bonheur. Reclam € 5,60, ISBN 978-3-15-019721-9

Foto: Reclam


Infokasten: François Lelord

François Lelord, geboren am 22. Juni 1953 in Paris, ist Psychiater wie sein Vater. Nach seiner Promotion arbeitete er für ein Jahr in Kalifornien, anschließend in Paris – zunächst als Oberarzt, dann mehrere Jahre mit eigener Praxis. 1996 schloss er sie, reiste viel und war bis 2004 als Berater für Personalabteilungen tätig. Nach Auslandsjahren in Vietnam und Kalifornien lebt er als freier Autor in Paris. Neben den Hector-Bänden, mit denen der Autor international bekannt geworden ist, hat Lelord einige fachwissenschaftliche Bücher veröffentlicht.

Die Hector-Trilogie:

François Lelord, Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. Piper 8,50 €, ISBN 978-3-492-24828-0

François Lelord, Hector und die Geheimnisse der Liebe. Piper 8,50 €, ISBN 978-3-492-24991-1

François Lelord, Hector und die Entdeckung der Zeit. Piper. 16,90 €, ISBN 978-3-492-04741-8



Marissal Bücher – eine deutsche Buchhandlung in Paris

von Barbara Hilz, erschienen am 15.09.2007

Eine andere Welt betritt, wer die Pariser Buchhandlung Marissal Bücher besucht. Nicht nur weil man dort die deutsche Sprache hört, sondern auch weil sich die Stimmung ändert. Es ist ruhig, die Menschen sprechen mit gedämpfter Stimme, und man kann den Geruch von Büchern wahrnehmen. Diese sind bis unter die Decke gestapelt. Von oben blickt Kafka von einem Poster auf das Treiben in der Buchhandlung, der Holzperlenvorhang der die hinteren Räume vom Geschäft abtrennt, klackt von Zeit zu Zeit.  

Die Buchhandlung ist wie eine kleine, exotische Insel mitten im munteren und oft hektischen Treiben von Paris. Sie befindet sich in der rue Rambuteau, direkt neben dem Centre Georges Pompidou, inmitten von Brasserien und Schreibwarengeschäften, die Postkarten verkaufen, auf denen man den Eiffelturm in allen Variationen sehen kann. Debora Baptiste, die in der Buchhandlung arbeitet, erzählt, dass es das Geschäft schon seit 25 Jahren in Paris gibt. In Deutschland ist die Familie Marissal schon seit mehreren Generationen im Buchhandel tätig; das Mutterhaus befindet sich in Hamburg.  

Es gibt viele Stammkunden, Franzosen und in Paris lebende Deutsche, die die Buchhandlung schon seit Jahren kennen und sich dort mit den neuesten Werken der deutschen Literatur und Klassikern eindecken. Es kommen Deutschlehrer, Studenten und Schüler, aber auch Menschen, die Lust haben, die deutsche Literatur näher kennen zu lernen, die Sprache lernen wollen oder eine Reise nach Deutschland planen und einen guten Reiseführer oder Tipps brauchen. Aber auch deutsche Touristen, die in diesem Viertel von Paris einen Spaziergang machen oder sich eine Ausstellung im Centre Georges Pompidou angesehen haben, zieht es oft in die Buchhandlung. Sie ist das plötzlich Vertraute in der fremden Stadt. 

Die Buchhandlung erscheint auf den ersten Blick nicht groß, aber hat mehrere Tausend Bücher auf Lager. Das Angebot umfasst die Rubriken Literatur, Philosophie, Geschichte, Landeskunde, Reiseführer über Deutschland, Frankreich und Österreich, Kunst, Kinder- und Wörterbücher sowie Material zum Sprachenlernen. Auch antiquarische Bücher sind bestellbar. Etwa 750.000 Titel stehen zur Verfügbarkeit und man kann die meisten davon innerhalb einer Woche in der Buchhandlung abholen.  

Debora Baptiste erzählt, dass oft Kunden von großen Geschäften wie der FNAC an Marissal Bücher weiterverwiesen würden, da diese fast keine deutschen Bücher im Sortiment hätten: »Deshalb freuen die sich dann, wenn sie bei uns die Qual der Wahl haben.« Abgesehen davon hat man bei Marissal Bücher auch die Möglichkeit, mit den vier Mitarbeitern auf Deutsch und Französisch zu fachsimpeln.  

Man hört also ständig beide Sprachen, wenn die Kunden nach Goethes Wahlverwandtschaften, Günter Grass' Im Krebsgang oder einem der vielen anderen Werke der deutschen Literatur fragen. Vielleicht verschlägt es ja mal den einen oder anderen zu Kafka und Co: bei Marissal Bücher in Paris.

http://www.marissal.com

Fotos mit freundlicher Genehmigung von marissal



Heitere Himmel, schweigende Steine – Paul Celan in der Bretagne

von Sophie Rudolph, erschienen am 15.06.2007

Trébabu – ein Name, den man auf den meisten Landkarten von Frankreich vergeblich sucht. Klingt nach einem geheimnisvollen Ort, den man mit Märchengestalten wie dem Zauberer Merlin oder der guten Fee Melusine verbindet. Aber der Ort ist eher mit einer sehr realen Gestalt verbunden: dem Dichter Paul Celan, der als der bekannteste jüdische Nachkriegsdichter deutscher Sprache gilt. Er übersetzte das Grauen der Konzentrationslager in rätselhafte Poesie, die bei seinen Zeitgenossen nicht immer auf Verständnis stieß. Zu seinen berühmten Werken zählen die frühen Gedichte Der Sand aus den Urnen (1947), Todesfuge (1952), später die Niemandsrose (1963) und Atemkristall (1965).

Der Literaturkritiker und Autor Helmut Böttiger ist auf Celans Spuren nach Trébabu gereist, in eine Bretagne, in der die Zeit fast still zu stehen scheint. Celan reist im Sommer 1960 an Frankreichs Westküste. In einem Brief an Nelly Sachs schreibt er: »Wir sind seit acht Tagen in der Bretagne, unter heiteren Himmeln, in einem kleinen Häuschen am Rande eines riesigen und auf das menschen- weil hasenfreundlichste verwilderten Parks. Das Meer ist nahe, die Menschen, denen wir begegnen, einfach und freundlich.«

Ungewohnt fröhlich klingen diese Worte des Dichters, dessen Verse oft von Schwermut sprechen. Versteht man Gedichte besser, wenn man das Leben und die Wege ihres Schöpfers kennt? Der Titel des Buches Wie man Gedichte und Landschaften liest. Celan am Meer deutet das an. Aber Böttigers literarischer Essay ist alles andere als eine akademische Anleitung zur Interpretation. Vielmehr verflechtet er seine eigene Reise durch die heutige Bretagne mit der vergangenen Zeit, die Paul Celan hier verbracht hat, zu einer poetisch anmutenden Erzählung.

Ausgehend von realen Orten entwirft Böttiger eine imaginäre Kartographie der Sprache Celans. »Wir sind im Celan-Land, aber wir wissen nicht, wo es beginnt, wo es endet, wo es existiert, es ist ein Wörterland – eine entlegene, stille, wild bewachsene Landschaft«, schreibt er in Celan am Meer. Es ist Helmut Böttigers zweites Buch über Celan.

Bereits für Orte Paul Celans ist er der Fährte des Dichters gefolgt und hat eine Reise mit vielen Stationen quer durch Europa unternommen. Beginnend an Celans Geburtsort Czernowitz, der damals in Rumänien lag, heute aber zur Ukraine gehört, wo Celan 1920 in einer deutschsprachigen, jüdischen Familie als Paul Antschel zur Welt kam. Weiter geht es über Bukarest und Wien bis nach Paris, wo Celan von 1948 bis zu seinem Freitod 1970 lebte.

Paul Celan reiste mit seiner Frau, der Künstlerin Gisèle de Lestrange, die er 1951 in Paris kennen gelernt hatte, mehrere Male in den Nordwesten Frankreichs. In der Bretagne, die Böttiger in Celan am Meer beschreibt, hat der Reisende das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. Auch wenn er weiß, dass die Erde keine Scheibe ist.

Das Département Finistère, in dem Trébabu liegt, ist der westlichste Zipfel Frankreichs, der in den Atlantik hineinragt. Daher bekam es auch den Namen Finis Terrae (Ende der Welt), obwohl der ursprüngliche bretonische Name Penn ar Bed (Anfang, Spitze oder auch Haupt der Welt) lautete. Le-Pen-Ar-Bed heißt auch die ländlich urige Kneipe im nächstgelegenen Ort Le Conquet, die Böttiger in seinem Buch beschreibt.

Im Mittelpunkt von Böttigers Erzählung stehen zwei längere Aufenthalte Celans in den Sommern 1960 und 1961. Es waren spannungsreiche Jahre im Leben des Lyrikers. 1960 erhielt er den Büchner-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung in Deutschland. Gleichzeitig warf ihm die Witwe des Dichters Yvan Goll vor, bei ihrem Mann abgeschrieben zu haben. Die Feuilletons machten daraus einen Skandal.

Erst mit der Zeit stellte sich heraus, dass Celan nicht bei Goll, sondern Goll bei Celan abgeschrieben hatte. Diese so genannte »Goll-Affäre« sollte Celan bis ans Ende seines Lebens verfolgen. In seinen Augen verband sich die Affäre mit antisemitischen Tendenzen, denen er bei seinen Besuchen in Deutschland begegnete.

Fernab des Literaturbetriebs, in einem Nebenhaus des Schlosses Kermorvan bei Trébabu hoffte das Ehepaar Celan, zu sich selbst zu finden. Helmut Böttiger macht deutlich, dass in dieser Zeit der Rückzug in eine künstliche Sprache symptomatisch für Celans Poesie wird, eine Sprache, die einen Raum schafft, der nur noch dem Dichter allein gehört und sich der Interpretation entzieht. Er stellt zunehmend Fachbegriffe aus der Botanik, Zoologie und vor allem der Geologie in einen poetischen Zusammenhang, um sich mit diesen unbesetzten Worten in seiner durch die Nazis korrumpierten deutschen Muttersprache wieder zu Hause fühlen zu können.

Die felsige Landschaft in Finistère findet in Celans Sprache ihren Widerhall. In die Landschaft hineingewachsen erscheinende Megalithen sind überall in der Bretagne zu finden, verweisen auf Jahrtausende alte Kulturen und bleiben von Geheimnissen umwoben. Der berühmte Menhir von Kerloas bei Saint-Renan hat Celan zu seinem Gedicht Der Menhir inspiriert, dem Böttiger ein ganzes Kapitel widmet.

Der im Deutschen und Französischen verwendete Begriff Menhir, welcher der Wissenschaftssprache entstammt, ist pseudobretonisch. Die bretonischen Wörter maen für Stein und hir für lang sind nicht so zusammengesetzt, wie es der bretonischen Grammatik entspricht. Die Steingebilde heißen in der Landessprache eigentlich peulven. Diese Wortkonstruktion spiegelt auf eigentümliche Weise das Sprachgemisch, das sich in Celans Dichtung manifestiert. »Der Menhir steht an der Stelle des Herzens« und kann, glaubt man Böttiger, auch als Metapher für die Gedichte Celans gelesen werden, schreibt er doch in Orte Paul Celans, dessen Gedichte stünden im zwanzigsten Jahrhundert da wie ein Monolith.

Helmut Böttigers Herangehensweise erweist sich als gelungener Brückenschlag zwischen der Biographie Paul Celans, seinen auf den ersten Blick schwer zugänglichen Gedichten und der spröden aber auf den zweiten Blick wunderschönen Landschaft der Bretagne. Wer noch nicht dort war, findet hier eine lebendige Einladung zur Reise in Celans Wörterland. Und wer die Bretagne zu kennen glaubt, kann sie mit diesem Buch durch die Augen des Dichters vielleicht sogar neu entdecken.

Die Gedichte, die 1961 in der Bretagne entstanden, bilden den dritten Zyklus des Gedichtbandes Die Niemandsrose und wurden, so Böttiger, »von den Heerscharen akademischer Interpreten eher ratlos links liegen gelassen«. Der bretonische Dichter Koulizh Kedez übersetzte Paul Celan ins Bretonische und schrieb eine Hommage an den Dichter, dessen Sprache dem Bretonischen näher sei als die französische Lyrik. Diese bretonische Hommage hat Raoul Schrott wiederum ins Deutsche übertragen, und so kehren die Worte auf verschlungenen Pfaden zurück in die deutsche Sprache. Die Hoffnung Celans, seine Gedichte könnten wie eine Flaschenpost »irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht«, scheint sich hier zu erfüllen – in Finis Terrae, dem Ende, oder auf bretonisch: dem Anfang der Welt.

Zum Weiterlesen:

Helmut Böttiger: Orte Paul Celans, Wien: Peter Zsolnay Verlag, 1996

Helmut Böttiger: Wie man Gedichte und Landschaften liest. Celan am Meer, Hamburg: marebuchverlag, 2006

Paul Celan: Gedichte in zwei Bänden, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975

www.engeler.de/hommageancelan.html

www.engeler.de/bretonischerdichter.html

Fotos: Wolfgang Oschatz,Renate von Mangoldt, Flickr.com, Sophie Rudolph


Infokasten

Über Paul Celan
Paul Celan ist nicht nur der bekannteste deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts. Er war vor allem auch als Übersetzer tätig und hatte von 1959 bis zu seinem Freitod 1970 eine Stelle als Deutschlektor an der École normale supérieure in der rue d'Ulm in Paris. Dort befindet sich heute auch die von seinem ehemaligen Schüler Jean-Pierre Lefebvre gegründete Forschungseinheit (UFR) Paul Celan, die sich um die Veröffentlichung von Celans Werken in Frankreich kümmert und jedem, der eine universitäre oder auch freie Forschungsarbeit zu Celan unternimmt, Unterstützung bietet.

Celan übersetzte viele bedeutende französische Autoren ins Deutsche, darunter Guillaume Apollinaire, Antonin Artaud, Charles Baudelaire, André Breton, Jean Cayrol, Paul Éluard, Stéphane Mallarmé, Arthur Rimbaud, Georges Simenon und Paul Valéry.

Seit 1988 stiftet der Deutsche Literaturfonds den Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzerleistungen aus dem Französischen. Seit 1995 können auch Übersetzungen aus anderen Sprachen ausgezeichnet werden.

Jean-Pierre Lefebvre über Paul Celan: www.monumenta.com/2007

Helmut Böttiger
Helmut Böttiger, geboren 1956, war lange Jahre Literaturredakteur, wurde mit dem Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik ausgezeichnet und gilt als einer der besten Kenner Paul Celans. Helmut Böttiger ist der Autor von Ostzeit – Westzeit, Orte Paul Celans und Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Er lebt in Berlin.



»Wäre die französische Sprache eine Frau, ich würde sie heiraten«

Ein Interview mit dem algerischen Autor Mohammed Moulessehoul alias Yasmina Khadra. Von Sina Tschacher, Übersetzung Sina Tschacher, erschienen am 01.04.2007.

Sprechen wir zunächst über Ihren Roman Die Attentäterin. Darin erzählen Sie die Geschichte von Amine, einem palästinensischen Chirurgen, der perfekt in die israelische Gesellschaft integriert ist. Doch mit einem Mal verändert sich sein Leben schlagartig. Er erfährt, dass seine eigene Frau Sihem sich als Selbstmordattentäterin in einem Restaurant in Tel Aviv in die Luft gesprengt hat. Warum haben Sie sich für ein so komplexes Thema wie den Nahostkonflikt entschieden?

Die Situation in Palästina wird immer absurder und unerträglicher. Es musste gehandelt werden und zwar auf eine intelligente Art und Weise. Ich wollte kein Öl ins Feuer gießen, also habe ich mich dafür entschieden, ein Buch zu schreiben, das den Menschen die Sackgasse vor Augen führt, in der sie sich alle befinden. Ich wollte in erster Linie als Mensch reagieren, der es satt hat, dieses entehrende Schauspiel im Fernsehen zu sehen, die schrecklichen Dinge im Radio zu hören und in der Presse über diese furchtbare Situation zu lesen. Ich wollte als Bewohner dieser Welt reagieren. Natürlich ist es ein sehr polemisches Thema, das viele Emotionen auslöst. Man braucht viel Mut, um es zu behandeln. Aber ich bin der Meinung, dass es heutzutage in der Welt an Mut mangelt. Man ist immer auf der Seite des Stärksten, nie auf der Seite des Schwächsten.

Im Gegensatz zu Ihrem Roman Wovon die Wölfe träumen zeigt der Roman Die Attentäterin nicht direkt, was sich im Kopf der Selbstmordattentäterin Sihem abspielt, warum sie sich für diesen brutalen Weg entschieden hat. Der Leser erfährt dadurch nicht mehr als Amine. Weshalb haben Sie diese Vorgehensweise gewählt?

Der Blick von Amine entspricht genau dem, den der Westen auf das Palästinenser-Problem wirft. Der Westen bleibt bei all dem immer außen vor. Und das einzige Mittel, um ihn, also den westlichen Leser, zu erreichen, ist, seine Position, seine Haltung einzunehmen und ihm ausgehend von seiner eigenen Mentalität zu erklären, was sich in anderen Mentalitäten abspielt. Amines Reise durch Palästina ist genau die gleiche Reise, die einem westlichen Menschen helfen könnte, zu verstehen, was im Nahen Osten passiert.

Nun gibt es Menschen, die Ihrem Roman vorwerfen, zu viel Verständnis gegenüber Terroristen zu zeigen. Was antworten Sie solchen Kritikern?

Zunächst einmal halte ich die Palästinenser nicht für Terroristen. Es sind Widerstandskämpfer und sie kämpfen mit den Mitteln, über die sie verfügen. Sie haben nur ihren Körper, um sich irgendwo in die Luft zu sprengen. Und für mich gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen einem Jugendlichen, der sich mit Sprengstoff belädt, um sich dann in einem Bus in die Luft zu jagen und einem israelischen Kampfpiloten, der eine Rakete auf ein Haus wirft, in dem ein Feind lebt. Die Leute, die denken, dass ich auf der Seite von Terroristen bin, die haben nichts verstanden. Folglich finden sie auch keinen Zugang zu meinem Buch. Auf der anderen Seite ist es die Berufung eines Schriftstellers zu erzählen. Dieser Erzählung habe ich eine Dimension hinzugefügt, die des Verständnisses. Eine Sache verständlich zu machen und sie zu verstehen, das bedeutet nicht, sie auch gutzuheißen. Es heißt nur, in einer intelligenten Weise an das Absurde zu gelangen. Nicht, um es zu beklatschen. Sondern um zu versuchen, es zu bremsen, damit umzugehen. Solange man ein Problem nicht begriffen hat, solange kann man dafür keine Lösung finden.

Also sind Sie der Meinung, dass die Literatur ein Vermittler zwischen den Völkern, zwischen den Kulturen sein kann?

Nicht nur die Literatur. Es sind der gute Wille und die guten Absichten, die eine Lösung finden. Und diese guten Absichten kann man überall finden: In der Literatur, in der Musik, in der Politik …

Sie schreiben Ihre Romane auf Französisch. Warum nicht auf Arabisch?

Ich liebe die französische Sprache. Das ist ganz einfach eine Liebesgeschichte. Wäre die französische Sprache eine Frau, ich würde sie auf der Stelle heiraten, mit geschlossenen Augen. Vorausgesetzt, dass sie mich will. Dennoch schreibe ich auch mit den Gefühlen eines Algeriers und eines Mannes aus der Sahara. Vor etwa zwanzig Jahren gab es in Algerien eine Kampagne gegen Frankophone. Das hat mich sehr verletzt. Damals habe ich mir geschworen, nie mehr ein Buch auf Arabisch zu veröffentlichen.

In einem Interview mit der algerischen Zeitung Liberté sagten Sie einmal, dass Sie sich vor dem Erscheinen von Die Attentäterin von der französischen Presse übergangen fühlten. Dabei waren Ihre Romane in anderen europäischen Staaten Bestseller. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Ich wurde übergangen, weil ich ein ehemaliges Mitglied der algerischen Armee bin. Vor ein paar Jahren gab es in Frankreich eine Diskussion um die Frage, welche Rolle die algerische Armee bei den Massakern in Algerien spielte. Ich verurteilte diese Polemik und das hat man mir nicht verziehen. Nach dem Erfolg von Die Attentäterin wurde es besser, doch noch immer stehe ich in manchen Kreisen in Frankreich in Ungnade.

Wie schätzen Sie die Zukunft der algerischen Literatur ein?

Ich denke, der Westen sollte sich etwas mehr für unsere Werke interessieren. Wir haben viel zu sagen. Es liegt nicht an unserem Talent. Talent besitzen wir, das haben wir bewiesen. Doch alles hängt vom Empfang ab, den man uns bietet. Ich glaube, dieser Empfang entspricht bis jetzt noch nicht unseren Erwartungen.

Yasmina Khadra, Die Attentäterin, ISBN 3312003806 EUR 19,90

Foto von Sina Tschacher


Info

Am 10. Januar 1955 wird Mohammed Moulessehoul im algerischen Wüstenort Kenadza geboren. Sein Vater ist Mitglied in der Nationalen Befreiungsarmee (ALN). Im Alter von neun Jahren wird Moulessehoul von seinem Vater an eine militärische Kadettenschule (Ecole Nationale des Cadets de la Révolution) geschickt, um aus ihm einen Offizier zu machen. An der Académie Militaire Inter-armes erhält er seine weitere militärische Ausbildung.

Nach drei Jahren wird er dort im Jahr 1975 im Rang eines Unterleutnants entlassen und tritt den kämpfenden Einheiten an der westlichen Front bei. In dieser Zeit schreibt er seine ersten Prosastücke, die auch veröffentlicht werden. 1989 erlässt das algerische Militär, dass Armeeangehörige schriftliche Erzeugnisse vor der Veröffentlichung einer Zensurbehörde vorlegen müssen.

Um dem zu entgehen, schreibt Mohammed Moulessehoul von nun an unter Pseudonym, zunächst als Commissaire Llob, eine seiner Romanfiguren, dann unter den beiden Vornamen seiner Frau: Yasmina Khadra (»grüne Jasminblüte«). International bekannt machten ihn die Ende der Neunzigerjahre erschienenen Kriminalromane Morituri, Doppelweiß und Herbst der Chimären. Darin beschreibt er das Drama des postkolonialen Algeriens, das in Terror und Bürgerkrieg zu versinken droht.

Nach fast 36 Jahren Militärzugehörigkeit verlässt Moulessehoul im Jahr 2000  die algerische Armee und geht mit seiner Frau und seinen drei Kindern ins Exil nach Frankreich, nach Aix-en-Provence.

In einem Interview mit Le Monde enthüllt er im Dezember 2000 die wahre Identität von Yasmina Khadra. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt Die Attentäterin. Der vielfach ausgezeichnete Roman erhielt unter anderem den französischen Buchhändlerpreis 2006 und wird derzeit in den USA verfilmt. 

Werke:

Les Sirènes de Bagdad, 2006 

L'Attentat 2005, dt. Die Attentäterin, 2006. 

La Part du mort 2004; dt. Nacht über Algier 2006 

Cousine K. 2003 

Les Hirondelles de Kaboul 2002; dt. Die Schwalben von Kabul 2003 

L'Imposture des mots 2002

L'Écrivain 2001 

À quoi rêvent les loups 1999; dt. Wovon die Wölfe träumen 2002 

Les Agneaux du Seigneur 1998; dt. Die Lämmer des Herrn 2004 

Morituri 1997; dt. 1999  

Double Blanc 1997; dt. Doppelweiß 2000

Automne des chimères 1998; dt. Herbst der Chimären, 2001

La Foire des enfoirés 1993

Le Dingue au bistouri 1990

Le Privilège du phénix 1989

De l'autre côté de la ville 1988

El Kahira 1986

La Fille du pont 1985

Houria 1984

Amen 1984



»Ich mag keine Bücher«

Interview mit dem Schriftsteller Thierry Crifo

von Sandra Wickert, erschienen am 15.10.2006

Mann mittleren Alters, gerade aus vierjähriger Haft entlassen. Während dieser Zeit hat er sich den inoffiziellen Regeln des Knasts widersetzt, ist weder tätowiert noch hingen in seiner Zelle die Poster barbusiger Mädchen an der Wand: Denn diese vier Jahre hat er damit verbracht, von »ihr« zu träumen, von Eléonore, seiner großen Liebe, seiner Obsession, für die er schließlich mit dem Gefängnis bezahlen musste. Jetzt ist er frei und er macht sich auf, diese eine, große Liebe zu suchen. So beginnt der neue Roman Obsession Elle von Thierry Crifo, den der französische Autor Ende Mai im Rahmen der Genshagener Schriftstellerwochen in Berlin vorgestellt hat.

Seit seinem Werk Pigalle et la fourmi, das er im Jahr 2001 veröffentlichte, ist Crifo in seinem Heimatland kein Unbekannter mehr. Obwohl keines seiner Bücher bisher auf Deutsch erschienen ist, ist Crifo auch für die deutsche Leserschaft, die der französischen Sprache mächtig ist, sehr interessant. Er lässt sich stets von den Orten beeinflussen, an denen er sich aufhält. So kann man in seinem Werk Paris Parias, erschienen 2005, das Paris der Nacht fast schon fühlen und wartet nur darauf, zu lesen, was er aus seiner Zeit in Berlin und Genshagen mit in seine zukünftige Literatur einfließen lassen wird.

Aus diesem Grund hat rencontres den Autor in Berlin getroffen, um mehr über ihn und sein Schaffen zu erfahren, und zwar im Kant-Cafe in Charlottenburg, wo er gleich zum Stammgast geworden ist. Thierry Crifo sieht nicht gerade so aus, wie man sich den typischen französischen Intellektuellen vorstellt: Armeehosen mit unzähligen Taschen und auf dem Kopf eine Strickmütze, die sein wild gelocktes, graumeliertes Haar nur unzulänglich bedeckt. Eher französisch wirken dann doch sein edles, abgegriffenes Sakko, der ständige Zug an einer Zigarette und eine zugleich schüchterne und charmante Art, die den Zuhörer sofort in seinen Bann zieht, wenn er zu erzählen beginnt.

Der 1954 in Tunis geborene Autor nahm einige Umwege in Kauf, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Ein Tag am Meer hat für den jungen Crifo im Alter von 22 Jahren das Leben verändert – als ihm urplötzlich Worte in den Sinn kamen, die er zu einem Gedicht formte, das er nicht mehr vergessen konnte und woraus sich schließlich die erste Seite seines Debütromans Toile de Fond entwickelte, der 1984 bei dem Verlag Librairie des Champs-Élysées erschien.

Zuvor hatte er Jura studiert. Aber er wurde nicht Anwalt, sondern Kameramann. Erst seit 13 Jahren ist Crifo Vollzeitautor. Seine Gefühle überträgt der Autor auf andere, fiktive Personen, die ihm somit helfen, Erlebtes zu verarbeiten. Nach einem durchaus erfolgreichen Ausflug als Drehbuchschreiber für Fernsehserien, wohin es ihn mehr oder weniger per Zufall verschlagen hatte, entscheidet sich Crifo schließlich im Jahr 1993, nur noch Romane zu schreiben.

Die Protagonisten sind dabei fast ausschließlich Personen, die sich in der Krise befinden, Randfiguren auf der ständigen Suche nach Zuwendung, Menschlichkeit, Verständnis. Im Gespräch mit dem Autor wird klar, warum dies so ist: Er selbst fühle sich als Teil dieser Randfiguren, sei sogar »der Erste unter ihnen«, ein Nachtschwärmer und Einzelgänger. Und da ist es kein Zufall, dass Marc Voisin, die Hauptfigur seines neuen Romans, dieser Beschreibung sehr ähnelt: Ein Mann, der zu sehr geliebt hat und keinen Schlussstrich unter die verflossene Liebesbeziehung ziehen kann.

Dass die Geschichte von Obsession Elle seine sei, gibt Thierry Crifo dann auch freimütig zu. »Ohne die Gewalt, ohne das Krankhafte, das im Roman vorkommt. Aber den Rest habe ich erlebt.« Die zwei Jahre, die er brauchte, bevor er durch das Schreiben des Romans das Geschehene reflektieren und verarbeiten konnte, waren eine Art innere Gefangenschaft, in der er nicht vorangekommen ist.

Als er dann veröffentlicht wurde, hat er kurz überlegt, es ihr zu schicken, hat diesen Gedanken jedoch schnell wieder verworfen. Das Buch, ein klassischer Roman Noir, lässt gleich von Anfang an nichts Gutes erahnen. Es entsteht schnell das Gefühl, dass die Geschichte nicht gut enden kann, dass sie unweigerlich zum Untergang führen wird. Dies erinnert ein wenig an Betty Blue, ein Roman, den Philippe Djian 1985 veröffentlichte. Dort ist das Unglück auch gleich schon zu Beginn fühlbar, auch wenn zunächst die Beweise fehlen.

Nein, Djian sei kein Vorbild für ihn, so Crifo, er fühle sich aber sehr geschmeichelt, mit ihm verglichen zu werden. Er lese überhaupt nicht viel, er möge keine Bücher, sondern das geschriebene Wort an sich, und als Intellektuellen sehe er sich schon gar nicht.Deutschland war für den Autor bisher ein fast weißer Fleck auf der Landkarte. Abgesehen von einem Praktikum beim Hannoveraner Keksfabrikanten Bahlsen in jungen Jahren hat er noch nicht viel von diesem Land gesehen.

In Berlin war er jetzt erstmals im Rahmen der Genshagener Schriftstellerwochen. Die deutsche Hauptstadt hat ihn dabei sehr überrascht: »In meiner Klischeevorstellung war Berlin eine Stadt der Exzesse, ein elektrisierender, hektischer Ort mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll.« Seine Erfahrung hier sei aber eine ganz andere. Es sei ruhig, es gebe keine Staus, die Architektur der viergeschossigen Altbauten sei sehr angenehm, es sei schick, ruhig, und die Lebensqualität äußerst hoch.

Das mag wahrscheinlich daran liegen, dass Crifo im bürgerlichen Westberliner Stadtteil Charlottenburg gewohnt hat. Inzwischen hat er aber sicherlich auch das »andere« Berlin kennen gelernt – denn sein nächstes Buch, La romance de Berlin, ist schon in Arbeit.

Thierry Crifo, Obsession Elle, Paris, 2004, Éditions La Vie du Rail

Cover: Editions La Vie du Rail



Mann gegen Mann: Die Kontroverse um die Aufgaben der literarischen Kunst im Ersten Weltkrieg

von Simone Brink, erschienen am 01.06.2006

»Das Bruderproblem ist das eigentliche, jedenfalls das größte Problem meines Lebens. So große Nähe und so heftige innere Abstoßung ist qualvoll. Alles zugleich Verwandtschaft und Affront.« So schrieb der spätere Nobelpreisträger Thomas Mann während des Ersten Weltkrieges über die Beziehung zu seinem älteren Bruder Heinrich. Diese Aussage ist umso erstaunlicher als die Brüder auf eine traute gemeinsame Kindheit in bürgerlich-gefestigten Verhältnissen zurückblicken konnten, die trotz des relativ frühen Todes des Vaters – Thomas Mann war sechzehn Jahre alt, Heinrich bereits zwanzig – weder von finanziellen Nöten noch von fehlenden Bildungsmöglichkeiten geprägt war. So entwickelten beide Brüder schon früh ihre schriftstellerischen Neigungen und hatten mit ihren Publikationen auch rasch Erfolg. Thomas Mann war mit seinem 1901 erschienenen Roman Buddenbrooks schlagartig berühmt geworden und folgte damit seinem Bruder Heinrich, der bereits ein Jahr zuvor mit dem Roman Schlaraffenland zu Bekanntheit gelangt war. Obwohl beide also in gleichem Maße von gesellschaftlicher Anerkennung verwöhnt waren und daher Neid ein nur sekundäres Motiv für dieses »Bruderproblem« darstellte, empfanden sie doch eine intensive Hassliebe füreinander. Woher stammte folglich die »innere Abstoßung« von Thomas und von Heinrich Mann?

Sie ist auf die konträren intellektuellen Denkkonstrukte und die völlig verschiedenen Selbstbilder zurückzuführen: Während sich Thomas Mann als Vertreter deutscher Kultur in der Tradition von Wagner, Schopenhauer und Nietzsche sieht, entdeckt Heinrich Mann seine Vorbilder in Frankreich in Voltaire, Hugo und Zola. Die Gebrüder Mann finden ihre geistigen Väter – obwohl schließlich beide deutscher Herkunft – also einerseits in der französischen, andererseits in der deutschen Kultur. Da der Krieg diese konträren Auffassungen zur Kunst betonte, ja sie gar radikalisierte, bedeutete gerade die Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges für ihr bis dahin annehmbares Verhältnis einen herben Einschnitt. Denn trotz vieler Gemeinsamkeiten der Brüder wie zum Beispiel ihrer Liebe zu Deutschland und ihres Daseins als Schriftsteller weisen Thomas und Heinrich Mann der Kunst konträre Aufgaben zu. Zwar erkennen beide die Grenzen der Kunst an, indem sie ihr die Fähigkeit absprechen, zur Veränderung von politischen oder gesellschaftlichen Begebenheiten beitragen zu können, jedoch ziehen die Brüder verschiedene Schlussfolgerungen daraus. Während Thomas Mann davon ableitet, dass die Kunst gerade wegen ihrer partiellen Ohnmacht apolitisch sein müsse und dass sie nichts weiter als « l’art pour l’art » sein soll, meint Heinrich Mann, dass sie trotz ihrer Begrenztheit vom politischen Drang getrieben sein müsse.

Dieser so genannte Bruderzwist manifestiert sich in den beiden Essays Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) von Thomas Mann und Macht und Mensch (aus demselben Jahr) von Heinrich Mann. In diesen beiden Werken zeigt sich der Grundkonflikt der Intellektuellen zu jener Zeit: Wie soll sich die Kunst hinsichtlich der Politik und ihrer Fortsetzung mit anderen Mitteln, wie Clausewitz den Krieg einstufte, verhalten? Die Antworten könnten kaum gegensätzlicher ausfallen. Im Sinne Heinrich Manns soll die Kunst just das schelten, was sie liebt, und damit eben eine wie in Frankreich vertretene « littérature engagée » zum Wohle des Volkes sein. Die Kunst hat die vornehmliche Funktion, das Volk zu demokratisieren, indem sie ihm Vorbilder wie zum Beispiel Rousseau an die Hand gibt. Heinrich Manns naiver Kulturidealismus trifft an dieser Stelle auf Thomas Manns eitlen Kulturelitismus: Gerade diesen kollektiven Erziehungsauftrag nämlich weist Thomas Mann als Bestimmung der Kunst von sich.

Bei diesen konträren Geisteshaltungen verwundert es denn auch kaum, wie unterschiedlich die Gebrüder Mann auf den Ersten Weltkrieg blickten. Thomas Mann und andere leidenschaftliche Kriegsbefürworter sahen in diesem Krieg eine Möglichkeit zur Selbstbefreiung und zur Entblößung des Unrechts anderer (auch wenn dafür selbst Unrecht begangen werden muss), ja sogar eine natürliche Ausprägung der Kultur, während Heinrich Mann den Krieg als bloßen Leidensbringer deklarierte, ihn jedoch mit der Perspektive auf eine verbesserte Gesellschaft akzeptierte.

Diese Gegensätzlichkeit der Brüder Mann, die vor und während des Ersten Weltkrieges trotz ihrer deklarierten Bruderliebe weder private noch geistige Annäherungen zuließ, war nicht nur das Schicksal der beiden, sondern kann auch auf die zwei vorherrschenden europäischen Kunstauffassungen im Kontext des Ersten Weltkrieges übertragen werden: Diese stießen sich genauso heftig ab wie die individuellen Einstellungen von Thomas und Heinrich Mann. Dabei wurden – und das ist das Besondere – die intellektuellen Grabenkämpfe um die Aufgaben der Kunst innerhalb der Kriegsparteien, also innerhalb Frankreichs und Deutschlands ausgetragen. Sie lassen sich daher nicht – wie man leicht meinen könnte – den jeweiligen Nationen zuordnen, so dass man Thomas Mann als Vertreter einer deutschen und Heinrich Mann als Vertreter einer französischen Kunstauffassung sehen könnte oder generell von einer nachgeraden französischen oder deutschen Haltung der Intellektuellen gegenüber der Kriegssituation sprechen könnte. Nein, die Positionierung der Intellektuellen war nicht an nationale Grenzen gebunden, sondern an einer der zwei beschriebenen Kunstauffassungen ausgerichtet, die eben zur Kriegszeit in Europa vorherrschend waren. So war es möglich, dass sich zwei deutsche Brüder zerstritten, indem sie eben konträr die zwei verschiedenen Denkhaltungen vertraten, – und das auch noch im selben Land. Die Gebrüder Mann versinnbildlichen also eine geistige Dekonstruktion nationaler Grenzen, die das vorläufige Ende des Unheil bringenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts bedeutete und den Weg für eine Annäherung der europäischen Staaten ebnete.

Zur weiterführenden Lektüre

Mann, Thomas (2004): Betrachtungen eines Unpolitischen. Frankfurt: Fischer. ISBN: 3596150523. Preis: 13,90 Euro.
Mann, Heinrich (1988): Macht und Mensch. Frankfurt: Fischer. ISBN: 3596259339. Preis: 8,95 Euro.
Jasper, Willi (1994): Heinrich und Thomas Mann. In: Karlauf, T. (Hrsg.): Deutsche Brüder. Zwölf Doppelportraits. Berlin: Rowohlt. ISBN: 349960128
Keller, Ernst (1965): Der unpolitische Deutsche. Eine Studie zu den Betrachtungen eines Unpolitischen von Thomas Mann. Bern: Francke Verlag.
Kurzke, Hermann (1991): Thomas Mann. Epoche, Werk, Wirkung. O.O.: C.H. Beck Verlag.
Müller, Harro (1981): Heinrich Manns Konzeption des Art Social. In: Vermittler: H.Mann, Benjamin, Groethuysen, Kojève, Szondi, Heidegger in Frankreich. Deutsch-französisches Jahrbuch. Frankfurt: Syndikat.
Werner, Renate (1989): Nachwort zu Macht und Mensch. Frankfurt: Fischer.

 

Cover: Fischer-Verlag

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Zadig bleibt Optimist, die Galeries Lafayettes versuchen es: Französische Buchhandlungen in Berlin

von André Glasmacher, erschienen am 15.05.2006

Einen Stadtplan der nordfranzösischen Stadt Lille, den der ältere Herr in der französischen Buchhandlung Zadig in Berlin sucht, hat Besitzer Patrick Suel gerade nicht im Angebot. Dafür aber die neusten Erscheinungen aus Paris sowie Klassiker der französischen Literatur, die an Gymnasien gerne für den Französischunterricht benutzt werden. Der nächste Kunde ist ein Deutscher und möchte nur etwas Französisch sprechen, vielleicht auch ein Buch kaufen. »Wir sind eben auch ein kultureller Begegnungsort«, sagt Patrick Suel. »Die Leute suchen den Kontakt zu uns, zur französischen Sprache. Und ab und zu legen sie auch ein Buch zu.«

Aktuell gibt es zwei Buchhandlungen in Berlin, die ausschließlich französische Bücher verkaufen: das Geschäft von Patrick Suel im schicken Stadtbezirk Mitte und die Bücherabteilung im Kaufhaus Galeries Lafayettes, ebenfalls in Mitte. Vor einigen Jahren waren es noch mehr. Zuerst schloss vor drei Jahren die Romanische Buchhandlung und auch das leer stehende Erdgeschoss im Institut Français auf dem Kurfürstendamm, der Berliner Prachtstraße im Westen der Stadt, erinnert noch daran, dass es hier einmal eine Buchhandlung gab. Doch Zadig behauptet sich seit Herbst 2003 in Mitte. »Das Geschäft läuft ganz gut. Wir verkaufen so um die 30 Bücher pro Tag«, sagt Patrick Suel. Kunden seien nicht nur Deutsche, sondern auch Franzosen und viele Französischsprachige wie Afrikaner, Schweizer und Kanadier.

2003 zog der erklärte »französische Berliner« mit seiner Frau von Paris nach Berlin, um hier ein Geschäft aufzumachen. Von der Seine-Stadt hatte er damals genug: »Zu versnobt, zu glatt.« Auf die Idee, einen französischen Buchladen gerade in Berlin zu gründen, kam er, weil er den Eindruck hatte, dass es im »Spree-Athen eine echte Nachfrage« gab. Dass die bisherigen Buchhandlungen dennoch scheiterten, führt Suel auf andere Gründe zurück als etwa auf eine mangelnde Nachfrage: So habe die Romanische Buchhandlung zu abseits gelegen, nach dem Fall der Mauer sei sie an den Rand gedrückt worden und der Buchhandlung im Institut Français sei nach dem Abzug des Militärs aus dem ehemaligen französischem Sektor die Kundschaft weg gebrochen: »Die hatten sich auf ein zu altes Publikum eingestellt.«

Nicht zuletzt möchte Suel mit Zadig aber vor allem »die französische Sprache in Berlin bekannter machen und neue französische Literatur sowie Autoren vorstellen.« Dass dies weiter gelingen wird, davon ist der studierte Philosoph überzeugt. Nicht umsonst verweise der Name der Buchhandlung ja auf die Hauptfigur des bekannten Romans von Voltaire, auf Zadig eben, der vom Schicksal arg gebeutelt wird und dennoch immer Optimist bleibt.

Im Untergeschoss der Galeries Lafayettes wartet Monsieur Laitier auf Kundschaft und stellt Bücher in die Regale. Er ist zwar nicht der Besitzer, aber einziger Angestellter der Buchabteilung des großen Kaufhauses. Der 51-Jährige Pariser vermag nicht zu sagen, ob er Optimist oder Pessimist ist: »Wir haben finanzielle Schwierigkeiten gehabt und haben noch immer welche. Aber die Galeries Lafayettes haben die Buchhandlung hier, wenn Sie so wollen, subventioniert.« Er verkauft vor allem an deutsche Kunden.

Immer wieder schauen diese aus der belebten Einkaufspassage im Quartier 205 und aus dem Bistro des Kaufhauses herein, blättern in den Bildbänden und den ausgelegten Neuerscheinungen. Zuweilen kämen aber auch Franzosen, Touristen und langjährige Berliner Franzosen, die ein bestimmtes Buch suchten, so Laitier. Zu diesen gehört auch David, der regelmäßig nach Lektüre sucht. Für den 30-jährigen Webdesigner ist die Buchhandlung vor allem wichtig, »um mit meiner Muttersprache in Berlin in Kontakt zu bleiben«. Monsieur Laitier mag seinen Beruf, ist mit Leib und Seele Buchhändler denkt aber auch: »Eine französische Buchhandlung in Berlin ist wohl nicht dazu da, um Geld zu verdienen.«

Die bisherige Entwicklung in Berlin scheint den Trend zu bestätigen, wenn auch die Gründe für das Scheitern im Einzelnen unterschiedlich gewesen sein mögen. Dass Zadig sich bisher erfolgreich behaupten konnte, könnte sich zum einen durch die zentrale Lage im »angesagten« Szenebezirk erklären lassen, als auch durch das Konzept von Besitzer Patrick Suel: So verkauft der ja nicht nur Bücher, sondern pflegt einen engen Kontakt zur Kundschaft und veranstaltet Lesungen französischer Autoren, um so dem kulturellen Bedürfnis von Exilfranzosen und frankophilen Berlinern nach Französischer Kultur nachzukommen. Für französische Mode und « La bonne chère » wären dann eher die Galeries Lafayettes zuständig – und auf diesem Gebiet ist das französische Kaufhaus in Mitte unschlagbar.

Links zu den französischen Buchhandlungen in Berlin im Adressbuch

Foto Zadig von André Glasmacher, Lafayette Livres © Galeries Lafayette



Farce und Tragödie zugleich: Jean Egens Autobiographie Die Linden von Lautenbach

von André Glasmacher, erschienen am 01.01.2006

Vor zehn Jahren starb der elsässische Journalist und Schriftsteller Jean Egen. Seine Autobiographie Die Linden von Lautenbach, die 1979 zunächst in Frankreich erschienen ist, kennt man in Deutschland nicht zuletzt durch den Fernsehfilm mit Mario Adorf (1985). Inzwischen liegt die 15. Auflage des Buches vor, während es in Frankreich längst vergriffen ist und nur noch in Antiquariaten im Elsass zu bekommen ist. Egen selbst hat lange Jahre vor allem als Journalist in Paris gearbeitet und sich einmal ironisch als  einen »Elsässer von der Butte Montmartre&« bezeichnet. Neben seiner Tätigkeit für das Pariser Satireblatt Le Canard enchaîné und als Reporter für die Monatszeitung Le Monde diplomatique betätigte er sich immer wieder auch schriftstellerisch.

Die Autobiographie behandelt vor allem Egens Jugendjahre. Prägend für diese Zeit ist das Gefühl, in einem »Niemandsland« zwischen zwei Kulturen und drei verschiedenen Sprachen zu leben. Diese kulturelle und sprachliche Mehrschichtigkeit ergibt sich aus der Geschichte der Region: Zunächst Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches kam das Elsass infolge des Dreißigjährigen Krieges teilweise an Frankreich. 1681 annektierte Ludwig der XIV. auch den übrigen Teil. Durch den für Frankreich verlorenen Deutsch-Französischen Krieg ging es 1871 zum neu gegründeten Deutschen Reich über – bis 1918. Dann gewann Frankreich es erneut zurück. Die Elsässer sind jetzt wieder Franzosen, doch sprechen sie schlecht oder überhaupt kein Französisch, und durch ihren alemannischen Dialekt sind sie als »Boches« suspekt.

Jean Egen wächst allerdings nicht im Elsass auf, wo er 1920 geboren wurde, sondern in Audincourt, im französischen Department Franche-Comté. Durch seinen Nachnamen ist er eindeutig als Elsässer erkennbar und versucht diesen »Makel« durch ein Doppeltes an französischem Patriotismus wettzumachen. Für Jean-Paul Sorg, Philosophieprofessor an der Université de Haute-Alsace in Mulhouse ist der von den Elsässern zur Schau gestellte Patriotismus eine »merkwürdige Leidenschaft, die sich vielleicht durch Widerstandsgeist geformt hat, um sich über die Deutschen und über die Preußen lustig zu machen, die oft genug als Unterdrücker gekommen sind. Sie schließt aber nicht die deutsche Kultur aus, wie die Sprache, die Lieder und die Gedichte von Goethe und Lenau.«

Die Autobiographie hat aber auch »viele Elsässer glücklich gemacht, indem sie ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen hat und indem sie ihre komplizierte Geschichte erzählt hat, die Farce und Tragödie zugleich ist«, so Sorg weiter. Die eigentliche Tragödie des Elsässers ist dabei, dass er zutiefst verliebt in Frankreich ist – auch wenn er dort mit seinem Dialekt schief angesehen wird: »Wenn die Franzosen wüssten, wie sehr wir sie lieben, dann würden sie sich schämen, sich über uns lustig zu machen«, schreibt Egen in den Linden.

In Deutschland hat man durch das Buch vor allem auch die jüngste Geschichte des Elsass erfahren: Da sind die dunklen Jahre der deutschen Besetzung von 1940 bis 1944, das Schicksal der 140 000 Zwangseingezogenen, die in der Wehrmacht dienen mussten und von denen etwa 32 000 nicht mehr zurückkehrten. In diesem Sinne sind die Linden von Lautenbach ein wichtiges Dokument, das dadurch, dass es unmittelbar aus der Erfahrung schöpft, einen höheren Erkenntnisgewinn verschafft als so manche trockene Geschichtsschreibung. Die Bedeutung von Egens Werk liegt auch darin begründet, »dass er auf die elsässische Identität überhaupt erst hingewiesen hat. Viele französische Journalisten haben frank und frei zugeben, dass sie bis zu den Linden von Lautenbach vom Elsass überhaupt keine Ahnung hatten«, so Michel Wagner, Präsident des Heimatvereins S´Lindeblätt, der sich um das Andenken des Schriftstellers kümmert.

Die Linden von Lautenbach beschwören aber auch die Landschaft des Elsass und vor allem die elsässische Esskultur. Hier geht es durchweg deftig zu – sowohl auf dem Tisch, wo der streng riechende Minschterkäse die Gäste verzückt, »mit deutschem Geruch, französischem Geschmack und daher typisch elsässisch«, als auch unter dem Tisch, wo häufig die Beine der Nachbarin getätschelt werden. Und schon mit zehn Jahren hat der Elsässer nichts anderes im Sinn, als die Nachbarstochter in ein leer stehendes Haus zu locken, um dort »Doktor zu spielen.« Der Elsässer ist wohl auch deshalb ein Genussmensch, weil er ständig davon bedroht ist, einer der zahlreichen Invasionen zu erliegen, die das Land im Lauf seiner Geschichte schon erlitten hat. Bei Jean Egen wird das Elsass so zu einer universellen Allegorie der Grenzgängervölker, die zwischen den Kulturen hin- und hergerissen werden – wie das Kind in Brechts Parabel Der kaukasische Kreidekreis. Der wichtigste Satz steht dabei gleich zu Beginn des Buches: »Deutsche und Franzosen sind nicht dazu bestimmt, einander bei der Gurgel zu packen, sondern einander die Hand zu reichen.«

Jean Egen, Die Linden von Lautenbach. Eine deutsch-französische Lebensgeschichte, Rowohlt, 7, 90 €, ISBN 3-499-15767-5 

Foto: rowohlt-Verlag



Zeugnis für die Zukunft – Geneviève de Gaulle Anthonioz’ Buch La Traversée de la nuit

von André Glasmacher, erschienen am 15.11.2005

»Parlez-moi d'amour, dites-moi des choses tendres«  – diese Worte schreibt Geneviève de Gaulle Anthonioz im Februar 1945 in ein Poesiealbum, das ihr eine SS-Sekretärin hinhält, als sie aus dem Konzentrationslager Ravensbrück entlassen wird. Eine surreale Szene, mit der das Buch eröffnet und die Zeile des populären Schlagers von Lucienne Boyer aus den 30er-Jahren wirkt besonders zynisch vor dem Hintergrund dessen, was die Autorin gerade erlebt hat. Ein knappes Jahr KZ-Haft, in dessen Verlauf sie in einen Abgrund menschlicher Grausamkeit blickt: durch medizinische Versuche verstümmelte Frauen, von Hunden zerrissene oder zu Tode geprügelte und mit dem Spaten geköpfte Menschen, am Rande des Hungertodes lebend und stetig den Schikanen der SS ausgesetzt.

Das Buch, bereits 1988 in Frankreich publiziert, ist nun in der Reihe Fremdsprachentexte bei Reclam herausgekommen. Hier werden Texte in Originalsprache veröffentlicht, am Ende jeder Seite befindet sich ein Glossar, das fortlaufend all jene Wörter übersetzt, die über den Mindestwortschatz hinausgehen – somit eignet sich der Text auch gut für den Französisch-Unterricht. Zudem ist der Edition von Reclam ein Dossier beigegeben, das Hintergründe erhellt und einen Kontext zur Zeitgeschichte herstellt.

Am 20. Juli 1943 wird die Autorin, Nichte Charles de Gaulles, als Wiederstandskämpferin in Paris verhaftet und für sechs Monate in Frèsnes (bei Paris) von der Gestapo inhaftiert. Von dort wird sie in das KZ Compiègne gebracht und anschließend nach Ravensbrück deportiert. In diesem Dorf, das 90 Kilometer nördlich von Berlin liegt, unterhält die SS seit 1939 ein Konzentrationslager für Frauen. Zeitweise werden dort bis zu 152.000 Frauen und Kinder aus 40 verschiedenen Nationen interniert; etwa 7000 davon sind Französinnen. Nach einer mehrtätigen Fahrt trifft Geneviève de Gaulle hier am 3. Februar 1944 zusammen mit 958 Häftlingen ein und bekommt die Nummer 27372 auf den Arm tätowiert.  

Zuerst muss die Autorin Zwangsarbeit leisten, dann kommt sie in einen »Bunker«  in Einzelhaft. »Es gibt keine Decke, keinen Strohsack, das Brot wird alle drei Tage verteilt, die Suppe alle fünf Tage. Die Verurteilung zum Bunker wird von einer Bastonade begleitet: 25, 50 oder 60 Schläge, die mancher schwer überlebt.«  Um in der Einsamkeit nicht den Verstand zu verlieren, rezitiert die Autorin Gedichte und veranstaltet Wettrennen mit Kakerlaken, die sie Viktor und Félix nennt. Ihre »privilegierte«  Behandlung – sie erhält bald bessere Nahrung und Vitamintabletten – ist wohl der sich verschlechterten Kriegssituation Nazi-Deutschlands geschuldet: SS-Führer Heinrich Himmler versucht Anfang 1945 mit General de Gaulle in Kontakt zu treten, um ohne Hitlers Wissen einen Sonderfrieden auszuhandeln, doch der General antwortet nicht auf das Schreiben Himmlers.

Nachdem Geneviève de Gaulle im Februar aus der KZ-Haft entlassen worden war, verbringt sie zunächst zwei weitere Monate in einem Internierungslager in Baden-Württemberg, um dann, kurz vor der Kapitulation Deutschlands, in die Schweiz ausgeliefert zu werden. Sie braucht ein Jahr, um wieder zu Kräften zu kommen, noch im KZ hatte sie konstatiert: »Man muss dennoch versuchen zu leben, der Geschmack daran kommt schnell zurück.« 

In den 50er-Jahren arbeitet Geneviève de Gaulle im Kulturministerium unter André Malraux und engagiert sich in vielfältiger Weise: Sie wird Präsidentin von ATD (Aide à toute détresse) Quart Monde, einer Organisation, die sich dem Kampf gegen die Großstadtarmut verschrieben hat, und engagiert sich bei der L'Association Nationale des Anciennes Déportées et Internées de la Résistance, einer Gruppe, die sich für Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich gerade dadurch einsetzt, dass sie Zeugnis von den Schrecken ablegt, die in Deutschlands Namen begangen wurden, »damit man nicht vergisst und sich niemals ein solcher Hass von neuem entfesselt.« 

Auch mit ihrem Buch möchte die Autorin vor allem Zeugnis ablegen. In einer unaufdringlichen, fast schon zu sachlichen Sprache entsteht das System KZ, dessen Ziel »die Zerstörung unserer Seele ist« . Eindringlich lässt La traversée de la nuit ahnen, was sich hinter einem administrativen Kürzel wie »KZ« , das immer wieder zu hören ist und mancher endlich nicht mehr hören, will in Wirklichkeit verbirgt: Aber auch 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz muss man zuhören. 

Geneviève de Gaulle Anthonioz, La traversée de la nuit. Texte et dossier, Reclam € 3,20, ISBN 3-15-009130-6 

Foto: reclam



Auf den Spuren von Heinrich Heine. Deutsche Schriftsteller in Paris

von Ann-Dorit Boy, erschienen im Juni 2005

Mit Heinrich Heine fing sie an – die Liebe deutscher Schriftsteller zu Paris. Und das, obwohl der Weg des Dichters an die Ufer der Seine weder leicht noch freiwillig war. Als Heine im April 1831 als Zeitungskorrespondent ins liberale Paris kommt, flieht er vor der antijüdischen Stimmung und dem Nationalismus in der preußischen Heimat: »Minder die Lust des Wanderns als die Qual persönlicher Verhältnisse treibt mich von hinnen«, schreibt Heine in dieser für ihn schweren Zeit.

Mit Veröffentlichungen zur französischen Kultur und zur deutschen Literatur und Philosophie bemüht er sich in den folgenden Jahren vergeblich, zwischen Deutschland und Frankreich zu vermitteln. Der durch die Gedichtsammlung Buch der Lieder schon bekannte Dichter wird zwar in die Pariser Gesellschaft integriert und lebt bis zu seinem Tod im Jahr 1856  in der französischen Hauptstadt, den Schmerz über den Verlust der deutschen Heimat hat er aber nie verwinden können.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wird er zur Identifikationsfigur für viele deutsche Literaten, die nach ihm in Paris Freiheit, Inspiration oder Asyl suchen. Die kulturell und gesellschaftlich avantgardistische Stadt wird so zur »passage obligé« für eine ganze Generation und wer einmal Pariser Luft geschnuppert hat, ist tief beeindruckt und verleiht der Begeisterung meist schreibend Ausdruck.

Die Art dieser Faszination ist allerdings je nach Herkunft und Wesen der Literaten sehr unterschiedlich. Den jungen Dramatiker Frank Wedekind reizt Paris als die Stadt der freien Liebe. In seinen offenherzigen Tagebucheintragungen kann man intime Details über seine Besuche im Moulin Rouge und die Liebesabenteuer mit diversen Mädchen lesen: »Ich erwarte Katja im Café, wir dinieren zusammen mit Marguerite, fahren um 1 Uhr auf meine Stube, wo ich sie auffordere sich ins Bett zu legen« notiert er beispielsweise im Mai 1892. Nach drei Jahren des Pariser Rausches hat der Lebemann Wedekind aber genug und reist nach London ab.

Rainer Maria Rilke, der im August 1902 zum ersten Mal nach Paris kommt, um ein Buch über den Bildhauer und Künstler Auguste Rodin zu verfassen, erschreckt und verängstigt das Wirrwarr der Metropole: »Mir ist diese wirre Stadt schwer zu ertragen. Bei Arbeit und Einsamkeit geht es so irgendwie«, schreibt der 27-Jährige im Dezember 1902  in einem Brief. Obwohl das Buch über Rodin schnell geschrieben und veröffentlicht ist, bleibt Rilke noch zwölf Jahre in der französischen Hauptstadt: »Ich will vorläufig in Paris bleiben, eben weil es schwer ist.« Die Stadt, die ihn so verstört, inspiriert ihn aber auch zum Tagebuchroman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.

Wie Rilke kommen in den 20er-Jahren auch einige andere deutsche Publizisten und Literaten mit einem konkreten Arbeitsauftrag nach Paris: Joseph Roth, Kurt Tucholsky und Walter Hasenclever reisen als Zeitungskorrespondenten an die Seine. Mit teils heiter schwärmenden, aber auch  kritischen Feuilletontexten, setzen sie dem Paris der 20er-Jahre ein Denkmal.

Fast genau ein Jahrhundert nach Heine ist es dann wieder die deutsche Politik, die eine ganze Gruppe deutscher Intellektueller nach Paris treibt. Schriftsteller und Intellektuelle wie Anna Seghers, Alfred Döblin, Walter Benjamin und Stefan Zweig fliehen vor dem Nationalsozialismus nach Paris. Bis zum Einmarsch der Deutschen 1940 versuchen die meisten dieser Exilanten in der Seine-Metropole literarisch zu arbeiten; sie schließen sich zu Vereinen und Zirkeln zusammen, veröffentlichen Texte und organisieren Aufführungen, Lesungen und Kongresse.

Der Einmarsch der deutschen Truppen nach Paris im Jahr 1940 setzt diesem Schaffen jedoch ein jähes Ende. Stefan Zweig, der 30 Jahre nach seinem ersten Parisaufenthalt wieder als Exilant nach Paris kommt, beschreibt wie kaum ein anderer die Schrecken dieser Tage: »Hitlersoldaten als Garde vor dem Arc de Triomphe. Das Leben ist nicht mehr lebenswert. Ich bin fast 59 Jahre und die nächsten werden grauenhaft sein – Wozu alle diese Erniedrigungen noch durchmachen«, notiert er am 15. Juni 1940  in seinem Tagebuch. Wenige Tage später verlässt Zweig wie so viele andere deutsche Schriftsteller fluchtartig die Stadt und geht nach Brasilien, wo er Anfang 1942 Selbstmord begeht.

Mit den traumatischen Erfahrungen der Exilanten reißt jedoch die lange Reihe der deutschen Autoren in Paris nicht ab. 1956 kommt Günther Grass mit seiner Frau nach Paris. Dort, in der Seine-Metropole, in einem Heizungskeller und nicht etwa in Deutschland, schreibt der gelernte Bildhauer seinen größten Romanerfolg Die Blechtrommel. Nach der Geburt seiner Söhne kehrt Grass 1960 aber nach Berlin zurück.

Der wahrscheinlich bekannteste deutschsprachige Autor, der heute in Chaville bei Paris lebt, ist allerdings kein Deutscher, sondern Österreicher: Peter Handke verbringt erstmals in den 70er Jahren einige Zeit in Paris. In seinem Roman Die Stunde der wahren Empfindung, den er 1975 schreibt, lässt er zahlreiche, persönliche Beobachtungen aus der französischen Hauptstadt einfließen.

Die Stadt so vieler Gedichte, Bücher und Lieder ist also auch den deutschen und deutschsprachigen Autoren seit Heinrich Heine eine schier endlose Quelle der Inspiration. Wer ihren Zauber nachempfinden will, kann entweder in den zahlenlosen Texten genannter Autoren deren ganz persönliches Paris entdecken oder noch besser gleich selbst vor Ort auf ihren Spuren wandeln.

Jochanan C Trilse-Finkelstein, Heinrich Heine. Gelebter Widerspruch – Eine Biographie, Aufbau 2001,€ 10,00 ISBN:3746616972 

Coverfoto: Aufbau-Verlag

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Heinrich Heines Biographie

Heinrich Heine wird 1797 als Sohn eines Kaufmanns in Düsseldorf geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre studiert er in Bonn, Göttingen und Berlin Jura. In diesen Jahren verkehrt Heine in den Berliner Salons und besucht auch Goethe in Weimar. 1825 tritt der inzwischen promovierte Jurist wegen der judenfeindlichen Atmosphäre vom Judentum zum Protestantismus über, um eine höhere Anstellung zu finden - vergeblich. Heine führt in den folgenden Jahren ein unstetes Wanderleben und versucht seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller und Journalist zu bestreiten. 1827 erscheint sein heute bedeutendster Lyrikband, das Buch der Lieder, das zum erfolgreichsten Gedichtband des 19. Jahrhunderts wird. Auf der Flucht vor den politischen Verhältnissen in Preußen, flieht Heine 1831 nach Paris. Vier Jahre später verbietet der Bundestag des Deutschen Bundes seine Schriften. In Paris arbeitet Heine als Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Er zählt zu den liberal-demokratischen Emigrantenkreisen, und kommentiert kritisch das sozialistische Gedankengut seiner Zeit. 1843 reist der Dichter noch einmal nach Deutschland, die Eindrücke der Reise hält er in dem Band Deutschland, ein Wintermärchen fest. Im Alter von 44 Jahren heiratet Heine Crescentia Eugenie Mirat. Aber nur drei Jahre später, 1845, verschlimmert sich seine Rückenmarkskrankheit, an dem er bereits länger leidet. Seit 1848 muss Heine zurückgezogen in seiner »Matratzengruft« leben, wie er es nennt und stirbt schließlich am 17 Februar 1856 in Paris. Heine gilt heute als einer der größten deutschen Dichter, Anerkennung finden seine Werke jedoch erst nach seinem Tod. Die Universität in Heines Geburtsstadt Düsseldorf, welche1965 gegründet wurde, trägt zu Ehren des Dichters den Namen Heinrich-Heine-Universität.



Der Werthereffekt

von André Glasmacher, erschienen im Juni 2005

Wenn die Zahl der Selbstmorde nach dem Freitod eines Prominenten ansteigt, spricht man von »medial vermittelten Nachahmungs-Suiziden« oder vom »Werthereffekt«. Der Begriff kam erstmals vor 30 Jahren auf, das Phänomen aber ist älter: 1775 verbietet der Leipziger Stadtrat den Handel und Verkauf eines Romans, der ein Jahr zuvor anonym erschienen ist, mit der Begründung, dass »itzo die Exempel des Selbstmordes frequenter werden.« Auch wird das Tragen blauer Jacken und gelber Hosen verboten, denn diese trägt der Held des Buches, als er den Selbstmord begeht.

Der Autor, ein junger Jurastudent mit dem Namen Goethe, erhält bald Briefe von erbitterten Vätern, die ihm die Schuld am Freitod ihrer Söhne geben: »Auch mein Sohn hatte mehrere Stellen im Werther angestrichen, von euch wird Gott Rechenschaft fordern über die Anwendung eurer Talente«, heißt es in einem dieser Briefe. Aber Goethe weist alle Schuld von sich, er schreibt: »Und nun wollt ihr einen Schriftsteller zur Rechenschaft ziehen und ein Werk verdammen, das, durch einige beschränkte Geister falsch aufgefasst, die Welt höchstens von einem Dutzend Dummköpfen und Taugenichtsen befreit hat, die gar nichts besseres tun konnten, als den schwachen Rest ihres bisschen Lichtes auszublasen.«

Der Roman, der all diese Selbstmorde ausgelöst haben soll, besteht aus fiktiven Briefen, die der junge Werther an einen Freund schreibt. Werther befindet sich in W., einer Stadt, in die er sich wegen der Reglung einer Erbschaft begeben hat. Hier macht er die Bekanntschaft Lottes, die er bald leidenschaftlich zu lieben beginnt. Doch Lotte ist schon verlobt, mit Albert, einem gemütlichen Biedermann. Bald wird Werther dessen Freund, aber ihr Verhältnis bleibt angespannt. Er ist sich der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe zu Lotte bewusst, verlässt fluchtartig W. und tritt eine Stelle als Gesandter am Hof eines Herzogs an. Dort fühlt sich Werther  abgestoßen vom Dünkel der Ständegesellschaft und kehrt nach W. zurück.

Inzwischen haben Lotte und Albert geheiratet, eine Erfüllung seiner Liebe scheint unmöglicher denn je. Vor diesem Hintergrund wagt Werther eines Abends das Undenkbare und oft Erträumte: Während Albert abwesend ist, draußen ein Sturm wütet und Lotte Ossians Gedichte vorliest, umarmt und küsst er sie. Sie reißt sich jedoch los und sagt, dass sie ihn nie wieder sehen wolle. Nun hält Werther nichts mehr am Leben, er leiht sich von Albert Pistolen und erschießt sich. Der Roman endet mit den Worten: »Über dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben (…) Kein Geistlicher hat ihn begleitet.«

Goethe ist Werther, der Roman reflektiert und verarbeitet seine Liebe zu Charlotte Buff, die er in Wetzlar im Sommer 1772 kennenlernt und die ebenfalls schon vergeben ist. Zu Werthers tragischem Ende hat ihn Karl Wilhelm Jerusalem inspiriert, ein entfernter Bekannter Goethes, der im Oktober 1772 aus enttäuschter Liebe Selbstmord begeht. Der Erfolg des Buches lässt sich auch mit diesem Wirklichkeitsbezug erklären: Werther ist eine Figur, die direkt aus dem Leben geschöpft ist und in der sich eine ganze Generation wieder erkennt: Werther ist der moderne Mensch, hin und her gerissen zwischen der Gesellschaft mit ihren Einschränkungen und ihrer Enge, und seinem Inneren, dem »Herz«, das er immer wieder anruft und das für den Wunsch nach Selbstverwirklichung steht.

Dass Werther an diesem »Herz« scheitert, ist das Tragische, denn das, was er erlebt, ist eine Übergansphase, die jeder in jungen Jahren durchlaufen muss. Diese sollte jedoch nicht im Selbstmord enden, sondern zum nächsten Lebensabschnitt führen und ist aufgrund der Intensität der Gefühle neben allem Schmerz auch bereichernd. 1821 sagt Goethe zu seinem Sekretär Eckermann: »Es müsste schlimm sein, wenn nicht jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der Werther käme, als wäre er bloß für ihn geschrieben.«

 

Zur weiterführenden Lektüre:

Johann Wolfgang v. Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Reclam 2002, € 3,20 ISBN: 315000067X
Johann Wolfgang v. Goethe, Die Leiden des jungen Werther, dtv, 4,00 € ISBN 3423026022

Foto: reclam


Kurzbiographie Goethe

von Maja Langhammer, erschienen im Juni 2005

Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Als Kind erhält er vom Vater eine vielseitige Ausbildung und wird von Privatlehrern unterrichtet. Er beginnt ein Studium der Rechtswissenschaft und arbeitet danach als Anwalt in Frankfurt am Main. Schon während der Studienzeit widmet er sich der Dichtkunst. Sein 1774 erschienener Roman Die Leiden des jungen Werther erfährt großen Erfolg und macht ihn zu einem der bekanntesten Dichter Deutschlands. 1776 reist Goethe nach Weimar und tritt dort in den Staatsdienst ein. 1776 bis 1778 unternimmt er seine berühmte Italienreise, auf der er vermehrt naturwissenschaftliche Forschungen betreibt. 1782 erhält er das Weimarer Wohnhaus, in dem er bis zu seinem Tod am 22. März 1832 lebt. Goethes wohl berühmteste Werke sind – neben seinen Gedichten und Balladen - Die Leiden des jungen Werther, Faust und Iphigenie auf Tauris.



Der begabte Sohn. Jens Biskys Buch Geboren am 13. August – Der Sozialismus und ich

von Nadja Dumouchel, erschienen im März 2005

Die Biskys kennt man. Lothar Bisky, den PDS-Vorsitzenden, Norbert Bisky, der ein gefragter Künstler ist und sich vor Aufträgen kaum retten kann, und Jens Bisky, der Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung ist. Ein bisschen erinnern sie an die Familie Mann, in der fast jedes Mitglied prominent war, aber immer auch im Schatten des Übervaters Thomas stand. Dieser Vergleich, so Jens Bisky, sei »etwas dämlich« und dass die Familie etwa die typische DDR-Familie sei, würde er wohl auch weit von sich weisen. Nun hat er ein Buch über seine Kindheit in der DDR geschrieben: Geboren am 13. August – Der Sozialismus und ich.

Es ist sein erstes Buch, und es handelt von den 23 Jahren, die er in der DDR verbracht hat, aber auch darüber, was für ihn nach der Wende kam. Er erzählt unaufgeregt von seiner Kindheit und seiner Familie, von seiner Jungend zwischen »Kachelofen, Che-Guevara-Porträt und Goethe-Ausgabe«. Die ersten Kapitel sind noch voller Selbstlob, Jens ist der begabte Sohn der Familie Bisky, seine Eltern sind beide hoch angesehene Persönlichkeiten im anderen Deutschland: Der Vater als Akademiker und späterer Direktor der Filmhochschule Babelsberg, die Mutter als SED-Kulturbeamtin. Auch Jens engagiert sich früh, er ist Mitglied der verschiedenen Jugendorganisationen und stets beliebt, führend, korrekt und hilfsbereit. So steht es zumindest in seinen Zeugnissen. Bald wird jedoch klar, dass das Selbstlob im Grunde eine Selbstkritik ist, denn sein Erfolg in der DDR zeugt davon, wie weit Bisky an das System angepasst war.

In seinem Buch stellt Bisky sich die Frage nach der eigenen Blindheit und nach seiner Mitschuld: »Ich hatte die Mauer nicht gebaut, niemanden bespitzelt, keinen Flüchtling erschossen. Aber ich gehörte zu der Partei, die all das organisierte, gerechtfertigt und geleitet hatte.« Es ist eine Enttarnung, eine Aufarbeitung seiner Vergangenheit, in der er vieles von sich preisgibt: Sein Strebertum in der Schule, beispielsweise, oder die IM-Tätigkeit seiner Mutter und die politischen Ideale der Eltern überhaupt. Dadurch, dass Bisky seine Schwächen offen eingesteht, wirkt er natürlich sympathisch, aber die große Ehrlichkeit, mit der er da schreibt, hat einige Lücken. So fragt sich der Leser, was der Satz »Mauertote und Verbote haben meine Eltern nie gerechtfertigt, aber erklärt« zu bedeuten hat, aber hier folgt leider nicht wie die Biskys das genau erklärt haben, was durchaus interessiert hätte, sondern gleich das nächste Thema.

Obwohl viele kleine Details und Anekdoten das Lesen spannend machen, hat der Lebensbericht einige Längen. Mehrere Kapitel erzählen von seiner Zeit bei der NVA. Die vier Jahre, die Bisky bei der Armee verbracht hat, mögen ein ganz zentrales Erlebnis in seinem Leben gewesen sein, sind aber für den Durchschnittsleser nur von mäßigem Interesse. Abwechslung bringt dann wieder das Kapitel Novembersonne, in dem Bisky über seine Karriereanfänge als Journalist beim Jugendradio DT64 erzählt. Bisky scheint sich verändert zu haben und beginnt die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Er fängt an, die innere Unzufriedenheit in der Fehlentwicklung des Staates zu suchen, übernimmt eine kritische Rolle als Beobachter des Geschehens.

Die Zeit nach dem Mauerfall vergleicht Bisky mit einem seltsamen Vulkan, der »scheinbar jederzeit zu Eruptionen fähig und dennoch ohne inneres Feuer, ausgebrannt, bankrott« zu sein scheint. Erst in den Jahren nach der Wende, wird ihm die ganze Bedeutung und Dimension der DDR, wie er sie nicht kannte, bewusst. Er entdeckt ein Land, das verborgen hinter dem »sozialistischen Vaterland« lag, und von dem er in seiner Jugend kaum etwas mitbekommen hatte: Der überzeugte Marxist ist enttäuscht von diesem Staat, der ihm so lange etwas vorgemacht hat. Seine Enttäuschung ist um so größer, als er entdeckt, dass seine erste große Liebe, sein langjähriger Lebenspartner Wolfram, auch IM war: »Der Überwachungsapparat hat den Menschen, den ich am meisten mochte, zum Täter gemacht, der gegen seine und meine Freunde, gegen Bekannte agierte. Mit dieser Geschichte komme ich nicht ins Reine.«

Geht es ihm also darum, mit diesem Buch endlich mit sich ins Reine zu kommen? Möchte er stellvertretend und exemplarisch für andere sprechen, denen es so ähnlich in der DDR ging wie ihm? Ostalgie ist es natürlich nicht, denn von Ostbüchern wie Zonenkinder von Jana Hensel unterscheidet sich Geboren am 13. August erheblich. Es enttarnt und kritisiert nämlich unterschwellig das »schöne warme Wir-Gefühl«, von dem Hensel schwärmt. Jens Bisky geht einen anderen Weg, er möchte eine Gegenstimme zu dieser allzu nostalgischen DDR-Literatur sein, und zwar in einer präzisen und klaren Sprache, die nie pathetisch wirkt. Es geht Bisky mehr um Details als um Gefühle.

Als das Buch Ende September erscheint, versuchen Spiegel-Reporter vergeblich ein Statement von Lothar Bisky zu bekommen. Jens Bisky hat sich von seiner DDR-Vergangenheit abgewendet und sich von der politischen Tätigkeit seiner Eltern distanziert, sein Buch solle als eigenständige Einheit betrachtet werden. Jens Biskys letzte Botschaft ist, er lebe in einem freien Land, und, »als wolle die Geschichte uns ihren Witz überdeutlich zu verstehen geben, hat sie vier der fünf Biskys in den Westen versetzt. Allein der geborene Wessi, mein Vater, muss im Osten bleiben.« Jeder hat seinen eigenen Weg und seine eigene Art mit der Vergangenheit umzugehen, das hat Jens Bisky verstanden und gibt es dem Leser auf seinem Weg mit.

 

Jens Bisky, Geboren am 13.August Rowohlt Berlin, € 17,90 ISBN 3871345075

Foto von Stephan Koal, Cover: rowohlt-Verlag



Die Entdeckung Deutschlands – Madame de Staël und ihr Buch De l'Allemagne

von André Glasmacher, erschienen im März 2005

Als 1810 in Paris der erste Teil des Buches De l´Allemagne von Madame de Staël erscheint, lässt Napoleon Bonapartes Polizeiminister Fouché kurzerhand die 2000 gedruckten Exemplare konfiszieren und vernichten. In einer Zeit, da Frankreichs Armeen fast die Hälfte der deutschen Länder besetzt halten und Bonaparte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu Grabe getragen hat, ist ein Buch, das Deutschland idealisiert nur bedingt erwünscht. Zudem ist Madame de Staël dem selbsternannten Empereur seit Jahren in inniger Abneigung verbunden, und so vermutet Bonaparte eine offene Kritik in ihrer Schrift. Madame de Staël wird nach Coppet am Genfer See verbannt und in ihrem Schloss unter Hausarrest gestellt. De l´Allemagne erscheint schließlich 1813 in London.

Madame de Staël wird 1766 als Tochter des Bankiers Jacques Necker in Paris geboren. Sie wächst in einem mondänen, aber auch von der Aufklärung geprägtem Milieu auf, brilliert im Salon ihrer Mutter und erwirbt sich den Ruf charmant und geistreich zu sein. Mit zwanzig Jahren heiratet sie den wesentlich älteren Baron de Staël-Holstein, hat bald eine Affäre, der viele folgen werden, schreibt Erzählungen und ein Drama. Die Revolution treibt die Anhängerin einer konstitutionellen Monarchie schließlich ins Exil: 1792 flieht sie vor dem Schrecken der Französischen Revolution in die Schweiz und wird dort, auf dem Schloss ihres Vaters Anziehungspunkt vieler europäischer Intellektueller wie Schlegel, Lord Byron und Chateaubriand.

Ab 1798 beginnt Madame de Staël sich für Deutschland zu interessieren, sie liest Goethe und Schiller in Übersetzungen und beginnt bald Deutsch zu lernen. Ende 1803 bereist sie das erste Mal den Norden Deutschlands und trifft in Berlin und Weimar auf Schlegel, Fichte, Schiller und besucht Goethe. Dieser schreibt im Januar 1804 über das Treffen an Schiller:

»Heute habe ich zum erstenmal Mad. de Stael bei mir gesehen es bleibt immer dieselbe Empfindung sie geriert sich mit aller Artigkeit noch immer grob genug als Reisende zu den Hyperboreern, deren kapitale alte Fichten und Eichen, deren Eisen und Berstein sich noch ganz wohl in Nutzen und Putz verwenden ließe, indessen nötigt sie einen doch die alten Teppiche als Gastgeschenk, und die verrosteten Waffen zur Verteidigung hervorzuholen.«

Madame de Staël ist eine anspruchvolle und unbequeme Gesprächspartnerin für den Dichterfürsten: Sie behaart auf ihren Ansichten, widerspricht, wann immer es ihr passt und hört in aller Regel nicht richtig zu. Schiller hat Goethe bereits vor der »ganz ungewöhnlichen Fertigkeit ihrer Zunge« gewarnt, die das einzig Lästige an dieser durch und durch charmanten Person sei. Goethe hingegen liebt es, die Staël herauszufordern und durch Widerrede zur Verzweiflung zu bringen. Sie widmet ihm dann einen großen Teil ihrer Schrift, da sie seinen Rang als Dichter vorbehaltlos anerkennt, aber als Mensch ist er ihr nicht sympathisch gewesen, schreibt sie 1805 in einem Brief an den langjährigen Freund Benjamin Constant.

1807 bereist Madame de Staël erneut Deutschland, diesmal den Süden und entdeckt München und Wien. Als Fazit dieser Reisen verfasst sie De l´Allemagne, dort beschreibt sie Deutschland und seine Sitten, Literatur und bildenden Künste, Philosophie und den in Frankreich weitgehend unbekannten Protestanimus. Sie empfindet einen Gegensatz zwischen dem ernsten, intellektuellen Norden mit seinem starken Naturgefühl und dem geselligen Süden mit seiner feineren Zivilisation. Oft zieht sie direkte Vergleiche zwischen deutscher und französischer Kultur und Lebensart: »Die Deutschen begehen oft den Fehler, all jenes in die Konservation einzubringen, was sich nur in den Büchern schickt; die Franzosen machen zuweilen diesen Fehler gleicherweise, indem sie das in die Bücher bringen, was eigentlich nur in der Konversation statthaft ist.«

Das Buch macht aber vor allem auch die deutsche Romantik in Frankreich bekannt, es prägt die Vorstellung von Deutschland als dem Land der Dichter und Denker und löst eine wechselseitige Inspiration deutscher und französischer Romantik aus, die über Heinrich Heine und das Junge Deutschland bis 1870 andauert. Diese stark idealisierte Vorstellung eines harmlosen Deutschlands, das sich ganz der Poesie hingibt, trägt dazu bei, das man in Frankreich nicht bemerkt, dass die deutschen Staaten nach dem Sieg von 1815 in der Völkerschlacht beginnen, demographisch, wirtschaftlich und militärisch aufzuholen. Als Frankreich dann 1870 Preußen mit fast schon gleichgültiger Siegeszuversicht den Krieg erklärt und dann mühelos besiegt wird, ändert sich das Bild, und Deutschland wird zu einem Land der säbelrasselnden Fridolins. Schließlich entsteht um Elsass-Lothringen, das Frankreich an das neugegründete Deutsche Reich abtreten muss, eine regelrechte Erzfeindschaft diesseits und jenseits des Rheines, die in den Ersten Weltkrieg führt und als eine Konsequenz in den Zweiten. Nach diesem beginnt, von De Gaulle, Schumann und Adenauer vorangetrieben, eine Phase der Annäherung, die immer noch andauert.

Es hat lange gedauert, eigentlich erstaunlich, denn im Grunde ergänzen sich die beiden Völker ja hervorragend. Madame de Staël schreibt: »Der Vorzug der Deutschen ist es, ihre Zeit recht  auszufüllen, die Begabung der Franzosen, ist es, diese zu vergessen.«

 

Madame de Staël, Über Deutschland, 858 S., 57 Abb., Insel-Verlag Frankfurt 1985, ISBN 34583323236, 16,50 €

Porträt Madame de Staël von Firmin Massot, Schloss Coppet (Schweiz), www.swisscastles.ch 

Coverbild: Insel-Verlag



Schiffbruch mit Tiger

von Ursula Mayer, erschienen im Dezember 2004

Jetzt hat Yann Martel sogar das deutsche Publikum für sich erobert. Dieses Jahr ist der kanadische Autor, nachdem sich sein Roman Schiffbruch mit Tiger 2003 fünf Monate lang auf der Spiegelbestsellerliste gehalten hat und er bereits als Gastprofessor an die Freie Universität Berlin gerufen wurde, auf der Leipziger Buchmesse mit dem Bücher-Butt ausgezeichnet worden. So erhält Martel, der mit der englischen Orginalausgabe 2002 schon den renommierten britischen Bookerprize gewonnen und sich in Frankreich längst einen Namen gemacht hat, schließlich auch in Deutschland Anerkennung.

Yann Martels Geschichte von dem indischen Jungen, der als Schiffbrüchiger nach einem Frachterunfall das Rettungsboot mit einem bengalischen Tiger teilen muss, verströmt einen Hauch von Exotik und Abenteuer. Dass die beiden Hauptfiguren ihre Odyssee über den Pazifik, begleitet von Haifischen, Quallen, fliegenden Fischen, Schildkröten und Walen, heil überstehen, wirkt wie ein wahres Wunder.

Martel stellt die Gutgläubigkeit des Lesers in seinem Roman Schiffbruch mit Tiger in der Tat in mancherlei Hinsicht auf eine harte Probe. Seine Hauptfigur Piscine Molitor Patel, benannt nach einem Pariser Schwimmbad, wächst in Indien auf und wird als Sohn eines Zoodirektors jeden Morgen vom Gebrüll der Löwen geweckt. Später entdeckt Pi sein Interesse für den katholischen Glauben, den Islam und den Hinduismus. Weil er laut seines atheistischen Vaters "die Religionen anzieht wie Hunde die Läuse", entfacht er dadurch beinahe einen Religionsstreit. Die politisch begründete Emigration der Familie nach Kanada, bei welcher der gesamte Zoo mit umzieht, endet mit einem Schiffbruch auf hoher See. Während der japanische Frachter untergeht, findet sich Pi mit einer Hyäne, einem Zebra, einem Orang-Utan und Richard Parker – der Name des bengalischen Tigers beruht auf einem Verwaltungsfehler – auf einem Rettungsboot wieder. Außer Richard Parker überlebt letztendlich nur Pi. Seinem pazifistischen Vegetariertum zum Trotz lernt er Schildkröten und Fische töten, um sich und seinen Feind zu ernähren, damit er nicht selbst zur Beute wird. Schließlich stranden beide nach mehr als sieben Monaten in Mexiko.

Erzählt wird alles aus der Sicht des Inders. Der fiktive Schriftsteller im Roman war auf ihn bei seiner Suche nach außergewöhnlichen Geschichten gestoßen und bekommt nun eine erzählt, die ihn "an Gott glauben machen wird". Er übermittelt Pis Ausführungen in der ersten Person, obwohl sie ihm selbst manchmal zweifelhaft erscheinen. Pis Erzählfluss wird immer wieder unterbrochen durch Einschübe, in denen der Autor uns seine eigenen Beobachtungen bezüglich seines rätselhaften und mysteriösen Gesprächspartners zuteil werden lässt.

Nicht ohne eine Prise Selbstironie also, was seine Schriftstellertätigkeit angeht, beweist Yann Martel mit diesem Roman jedoch enorme Vorstellungskraft. Mit schlichten, aber präzisen Worten beschreibt der Autor aus Montreal in drei Teilen Pis Leben in Indien, seinen Überlebenskampf auf dem pazifischen Ozean und, im Anschluss an die Rettung, seinen Krankenhausaufenthalt in Mexiko. Leider weist gerade der zentrale Mittelteil Längen auf. Vielleicht liegt das daran, dass alle auch noch so unglaublichen Episoden, etwa die fleischfressende Algeninsel, im Endeffekt nichts an der aussichtslosen Grundsituation der beiden Leidensgefährten ändern.

Dagegen besticht Martel vor allem durch seine Beobachtungsgabe und seine originellen Vergleiche zwischen Tier- und Menschenwelt, besonders, wenn die Religion mit ins Spiel kommt. Das, was passiert, wenn ein gläubiger Junge mit einem Tiger auf kleinstem Raum zusammengepfercht ist, versinnbildlicht für Martel laut einem Interview für das Québecer Kulturmagazin voir "die menschliche Situation. Der Junge, der an Gott glaubt, ist das Beste in uns - so weit unsere menschliche Vorstellungsgabe reicht - und gleichzeitig ist er konditioniert durch seine Grundbedürfnisse, ähnlich wie die Tiere, anfällig für Angst und Hunger und bedürftig nach Liebe." Dass dieses Sinnbild der Realität sehr nahe kommt, stellt sich heraus, als Pi nach der Rettung auf dem Krankenbett Andeutungen macht, es könnte sich bei allem um eine Fabel gehandelt haben, in der die Tiere eigentlich für Menschen stehen. Und, dass der Tiger womöglich nur erfunden war, ein Hirngespinst, um eigenes Versagen verdrängen zu können. Damit lässt Pi die japanischen Beamten, die doch gekommen waren, das Schiffsunglück zu klären, ratlos. Und auch der Leser muss letztlich entscheiden, was er glauben mag und was nicht.

Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger, Übersetzung: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2003, ISBN 3100478258.

Cover: S. Fischer-Verlag


Yann Martels Biographie

Als Diplomatenkind und Sohn eines Montrealer Poeten ist Yann Martel französischsprachig aufgewachsen. Er beherrscht diese Sprache perfekt, schreibt aber auf Englisch, das er in der Schule gelernt hat und worin er seine nuancierte Denkweise am besten ausdrücken kann. Seit seiner Geburt 1963 in Spanien begleitet er seine Eltern auf ihren Reisen durch die ganze Welt, studiert schließlich Philosophie in Toronto und Montreal, wo er seit 1991 seinen festen Wohnsitz hat. Von seinem Roman Schiffbruch mit Tiger (2002), der von seinen Eltern ins Französische übersetzt wurde, existieren außerdem Übersetzungen in mehr als vierzig weiteren Sprachen. Und es ist sogar eine Kinoverfilmung in Arbeit.



Der wahre Don Juan. Über Peter Handkes neues Buch

von André Glasmacher, erschienen im Dezember 2004

Nahe den Ruinen der französischen Klosteranlage Port-Royal-des-Champs liegt eine Herberge, der die Gäste verloren gegangen sind. Der nun beschäftigungslose Koch kümmert sich um den Herbergsgarten, geht spazieren, liest und hängt seinen Gedanken nach, bis eines Tages ein vorn zugespitzter Haselstock in den Garten fliegt, gefolgt von Don Juan, der sich über die Mauer schwingt. Dieser ist auf der Flucht, natürlich vor den Frauen. Er quartiert sich beim Koch ein und erzählt diesem in der nun folgenden Woche, von den sieben Tagen, die er mit sieben Frauen im Kaukasus, im Nahen Orient, Nordafrika, Skandinavien und Holland verbracht hat.

Don Juan erzählt dem Koch immer nur abends, nach den Mahlzeiten. Tagsüber streifen die beiden durch die Gegend, durch bewaldete Bachtäler, zum Schloss von Rambouillet, zum Atomzentrum von Saclay, den Quellen des Flusses Bièvre und gehen in ein Kino in Trappes. Getreu dem Motto Handkes, Fragen stellen, Dinge in die Schwebe bringen und vom Rand aus beobachten, lernt der Leser nun einen Don Juan kennen, der mit dem Bild des altbekannten, zynischen Lüstlings wenig zu tun hat und so ist die größte Überraschung an Handkes Don Juan, dass er eben kein Verführer ist: "Er hatte noch nie eine Frau verführt" behauptet er da.

Don Juan hat vielmehr eine "Macht", vor der er Scheu empfindet, denn die Frauen erkennen in ihm ihren "Herrn", der ihrem Leben Bedeutung geben soll. Don Juan selbst dagegen ist ein Verwaister, dem der Lebenssinn abhanden gekommen ist. Vor Jahren hat er sein Kind verloren, das einzige Wesen, das er je geliebt hat. Ruhelos reist er nun in der Welt herum, ohne Ziel, nur Trauer und Untröstlichkeit treiben ihn an. Don Juan erscheint bei Handke als eine Art Graf Saint-Germain, der rastlos durch die Jahrhunderte streift. Er ist dabei die mediterrane Gegenfigur zum nordischen Faust: Molière, Da Ponte, Kirkegaard und Frisch haben ihm Zeilen gewidmet.

Der Unterschied zwischen den beiden könnte allerdings nicht größer sein: Während Don Juan den Augenblick endlos wiederholen möchte, weiß Faust, dass er dem Augenblick fliehen muss, weil er sonst im Stillstand verloren wäre. So ist denn auch die Zeit für Don Juan das Problem überhaupt. Sein ganzes Sinnen ist darauf gerichtet, "Herr seiner Zeit" zu sein, dies ist sein "Hauptberuf". Don Juan wird unruhig, wenn er nicht mehr Herr seiner Zeit ist, die Augenblicke springen um in Sekunden und er beginnt die Dinge um ihn herum zu zählen, das Gewicht der Welt gerät ins Wanken.

Peter Handke glaubt leidenschaftlich an die Kraft der Fiktion, deren Macht er als stärker empfindet, als die der bloßen Realität und so haftet seiner Erzählung ein Hauch Traumhaftigkeit an, die Grenzen zwischen den einzelnen Episoden sind fließend, Traum und Realität gehen ineinander über. Obwohl die Erzählung sehr bestimmt in der Gegenwart situiert ist, ist sie merkwürdig zeitlos, wie so viele seiner literarischen Landschaften. Handke sagt, dass er draußen schreibt, im Wald auf einer Lichtung oder im Garten seines Hauses in der Pariser Vorstadt Chaville, den Bleistift in der Hand, die Kladde aufgeschlagen und diese Umgebung schlägt sich in Handkes Sprache nieder: Er schreibt von Glimmersand, der in einem Rinnsal blitzt, sieht eine Schlangenhaut von einem Ast baumeln, hört von den Zedernästen das spezifische Zedernästesausen und sieht Lehmgelb und Mergelrot aufscheinen, er horcht in jedes Wort hinein und spürt deren feinsten Schwingungen nach.

Das neue Buch von Handke ist vom Umfang her ein schmales Vergnügen, nach knapp 160 Seiten endet seine Geschichte Don Juans, die den Anspruch erhebt das endgültig Wahre zu sein und doch auch die Legende weiter spinnt. Das Buch endet mit den Worten: "Don Juans Geschichte kann kein Ende haben, und das ist, sage und schreibe, die endgültige und wahre Geschichte Don Juans."

Peter Handke, Don Juan (erzählt von ihm selbst). Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 156  Seiten, 16,80 Euro, (ISBN 3–518 41636–7)

Foto: suhrkamp



Neurosen total – Das neue Buch von Françoise Cactus

von André Glasmacher, erschienen im September 2004

Françoise Cactus ist eigentlich ein Allroundtalent: Zusammen mit Brezel Göring nennt sie sich Stereo Total, macht Musik und malt. Doch heutzutage reicht das noch nicht, um als Allroundtalent tituliert zu werden: Man muss auch Bücher schreiben. Um im Deutschen besser navigieren zu können und um den Lektor nicht in die Trunksucht zu stürzen, schreibt Cactus ihre Bücher mit einem Krückstock in Form eines Wörterbuches: Sag es treffender. Dank dieses Wunderwerkes wagt sich Cactus regelmäßig aufs Glatteis der deutschen Sprache.

Das neue Buch heißt Neurosen zum Valentinstag. Drin sind zwölf Geschichten, in denen es um ältere Mädchen bis Frauen geht, die sich irgendwie zu emanzipieren versuchen, eine Menge Neurosen haben und doch auch auf der Suche nach der Liebe sind: So wie Nicole, die nach ihrem Tod als Geist ihren Freund besucht, oder Julie, die sämtliche Höhen und Tiefen der Eifersucht durchläuft. Die erzählenden weiblichen Charaktere sind daneben auch Karikaturen Berliner Mitte-Girls, die zwischen den Hauptstadtbezirken Friedrichhain und Mitte, Rio de Janero und Burgund ihre Männerneurosen kultivieren und nach einer überstürzten Heirat feststellen: "Deutlich spürte ich in mir den Wunsch, intensiver zu leben. Das wiederum führte zum Ehebruch."

Und alles beginnt wieder von vorne im Berliner Egoclub. Im Interview mit dem Berliner Magazin Monomag versichert Cactus, dass immerhin manche Charakterzüge von ihr in den Protagonisten enthalten sind.  Ein Mädchen, das den Mitschülerinnen bei Problemen mit der eigenen Sexualität hilft, obwohl sie selbst noch Jungfrau ist, und einer Witwe, die über das gemeinsame Leben mit dem jüngst verstorbene Partner nachdenkt, dessen Ableben sie ein wenig beschleunigt hat: Ist das also die wahre Françoise Cactus?

Die Geschichten, die fast durchgehend in der Ichform geschrieben sind, ähneln italienischem Speiseeis, auf das man sich, kaum ist es wärmer geworden, stürzt. Das erste Kugel schmeckt köstlich, doch wenn man zuviel davon isst, bemerkt man schnell den vielen Zucker und die künstlichen Aromastoffe: Liest man Cactus' Geschichten also nur Stück für Stück in der U-Bahn oder während man wartet, dass die Nudeln al dente werden, entfalten sie einen gewissen Zauber des Komischen und Grotesken.

Da trifft es sich gut, dass Madame Cactus einen charmant französischen Akzent auf der Zunge trägt, den sie über die Jahre sozusagen für sich gepachtet hat, denn falls es mal eine Hörbuch-CD geben sollte und man die Wahl zwischen Buch und CD hätte, würde der Tonträger aufgrund des berüchtigten Cactus-Akzents sicher mehr Spaß machen. Aber Bücher sind Buchstaben und nicht Stereo Total.

Françoise Cactus, Neurosen zum Valentinstag, Rowohl Verlag Berlin, 14,90 Euro, ISBN 3.87134.499.0

Foto: Rowohlt-Verlag

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Kurzbiographie

Die Französin entstammt einem alten burgundischen Adelsgeschlecht. Mit zwölf Jahren belegt sie bei einem Vorlesewettbewerb in ihrer Heimatregion Burgund den ersten Platz und bekommt dafür einen silbernen Kugelschreiber. Zwei Jahre später schreibt sie damit ihren ersten Roman Photo-Souvenir und bekommt von den Kritikern das Signum Lolita-Literatur. 1985 gründet sie in Berlin ihre erste Band Lolitas und veröffentlicht in den folgenden Jahren die Romane Autobigophonie (1997), Abenteuer einer Provinzblume (1999) und Zitterparties (2000). Zusammen mit Brezel Göring gründet sie 1993 die Band Stereo Total, die mit einer Melange aus französischem Chanson, Punk und Elektro-Pop "Kultstatus" genießt.



Die Unzulänglichkeit des Glücks – Marc Levy und sein Roman Wo bist du?

von Nicole Schaar, erschienen im September 2004

"Ich schreibe, wie ich sehe!", auf diese Art definiert Marc Levy selbst seine Literatur und für seinen ersten Roman Solange du da bist hat sich Steven Spielberg bereits die Rechte gesichert. Mit seinem Debütroman hat er sich nicht nur in die Herzen der Franzosen geschrieben, sondern sein Werk wurde auch zu einem internationalen Bestseller. Mit dieser einfühlsamen Geschichte über Liebe, Freundschaft und grenzenloses Vertrauen hat der Autor sogleich 28 Länder erobert und das, obwohl er die Geschichte ursprünglich nur für seinen Sohn verfasst hatte. Er wollte ihm die "Geschichte eines Mannes erzählen, der sich in den Inhalt eines Menschen verliebt, und nicht in seine Verpackung." 

Nun versucht er es erneut. Der ehemalige Architekt widmet sich mittlerweile vollständig dem Schreiben. Marc Levy lebt jetzt nicht mehr in Frankreich, sondern pendelt zwischen London und New York hin und her. Ein erfolgreicher Autor eben, und was ist geblieben?  Er erzählt weiterhin Liebesgeschichten, so auch in seinem zweiten Werk Wo bist du? 

Zu Beginn des Buches besteht der Eindruck einer perfekten Idylle. Philip und Susan sind ein glückliches Paar, sie lieben sich und sind schon seit ihrer Kindheit wie durch magische Anziehung miteinander verbunden. Susan zieht es jedoch schon seit eh und je hinaus in die Welt, sie möchte kein normales Leben führen, nicht ständig von materiellem Erfolg träumen. Als es in Honduras zu schweren Wirbelstürmen kommt, möchte Susan  helfen, besonders den Kindern dort, die bei den Stürmen ihr Obdach verloren haben.  

Plötzlich steht alles Kopf, von nun an wird die Geschichte aus zwei völlig anderen Blickwinkeln erzählt. Während Susan ihr eigenes Leben aufgibt, um den Menschen in Honduras helfen zu können, beginnt Philip ein Studium und lebt in New York. Alles was die beiden zusammenhält, sind die Briefe, die dem Leser den einzigen Einblick geben, wie sie sich immer weiter voneinander zu entfernen scheinen. Susan hatte vor, zwei Jahre in Honduras zu bleiben und sie verabreden sich in einer Bar am Flughafen, wo sich ihre Wege einst trennten. Diese kleine Bar stellt den Angelpunkt der beiden dar, der einzige Ort, an dem sie sich treffen, an dem sie sich Vorwürfe machen und an dem sie sich aneinander klammern. Immer wieder erfolgt der Blick auf den kleinen Tisch an der Fensterfront, der im Laufe der Geschichte zum Symbol wird, zum Treffpunkt zwischen zwei Welten, zum Ort, an dem Zeit keine Rolle zu spielen scheint und doch die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens Gestalt annehmen.

Doch Susan kehrt nicht zurück, Honduras steht für sie an erster Stelle. Die beiden rücken in den Jahren immer weiter auseinander, bis schließlich Philip eine andere heiratet. Alles scheint sich doch noch zum Guten zu wenden, auf ihre Art sind sie glücklich, bis die Nachricht kommt, dass Susan in einem Sturm ums Leben gekommen ist und sie Philip einen wichtigen Teil ihres Lebens überlässt: ihre Tochter. Plötzlich läuft abermals alles verquer und Philips Frau Mary fühlt sich von der Situation völlig überfordert. Nicht nur Susans Bilder sind demnach überall, sondern auch noch ihre Tochter dringt in ihr Leben ein und sie scheint sich nur weiter von ihrem Mann zu entfernen.

Marc Levy hat erneut einen wunderbaren Roman geschaffen, der auf einer einfach erscheinenden Liebesgeschichte basiert und doch gleichzeitig viel mehr als das in sich vereint. Faszinierend beschreibt er die Unterschiede zwischen zwei komplett gegensätzlichen Orten: Auf der einen Seite das noble und schnelllebige New York, in dem Philip sich seine Existenz aufbaut und auf der anderen das gegensätzliche Honduras: Ein Land, in dem es nicht darum geht seine Träume zu verwirklichen, sondern zu überleben und die Hoffnung zu bewahren. Levy beschreibt die Angst der Menschen einer Welt, in der andere Werte wichtiger sind als im machtbesessenen und hektischen New York. Der Autor verurteilt jedoch dabei niemanden und versucht einfühlsam zu erklären, wie es den beiden Hauptcharakteren dabei ergeht.

Susan, die über den plötzlichen Tod ihrer Eltern nie hinweg gekommen ist und nun versucht, der Welt etwas Gutes abzugewinnen. Philip, der auf die Rückkehr Susans hofft, bis er der Einsamkeit erliegt und die Liebe Marys in sich aufzusaugen scheint und dadurch langsam wieder zum Leben erwacht. Und dann noch Lisa, Susans Tochter, die plötzlich bei Philip lebt und ihr ganzes Leben auf den Erinnerungen ihrer Kindheit in Honduras aufbaut. Das Kind, das plötzlich unterwegs ist, zu "einer anderen Kindheit, die nicht mehr von Tod, Einsamkeit und Elend" gekennzeichnet ist.

Marc Levys Roman ist ein Buch, das die Missstände zwischen zwei Ländern verdeutlicht und dabei doch versucht, sie unter einen Hut zu bringen. Der Autor verwendet detaillierte Beschreibungen, sodass der Eindruck entsteht, man würde ihnen zusehen, wie sich die Charaktere unterhalten, wie die Gesichtsausdrücke plötzlich erstarren, wie Flugzeuge am Himmel fliegen oder wie Tonnen von Wassermassen über hilflose Menschen hinwegbrechen und nichts als Verwüstung zurücklassen. Dies ist sowohl faszinierend als auch erschreckend zu lesen.

Marc Levy zeigt uns das Leben am anderen Ende der Welt, er macht uns aufmerksam auf ein Land, dass von Naturkatastrophen überschattet zu sein scheint. Er fordert uns auf, zu schätzen, wie wir leben und "reif zu werden und die Dinge anzunehmen, statt gegen sie zu kämpfen".

Marc Levy, Wo bist du?, Droemersche Verlagsanstalt, 8,90 Euro, ISBN: 3.426.62660.8

Cover: Droemersche Verlagsanstalt



Interview mit Jean-Philippe Toussaint

von Claudia Hennen, Übersetzung Hilka Dierker und Claudia Hennen, erschienen im Juni 2004

Ende September stellte Jean-Philippe Toussaint seinen neuen Roman Faire l’amour, zu Deutsch: Sich lieben im Literaturhaus Berlin-Charlottenburg vor. Toussaint, ein belgischer Schriftsteller mit französischem Pass, ist mittlerweile mit sieben Romanen ins Deutsche übersetzt worden. Als 1985 sein Debüt Das Badezimmer erschien, stand die internationale Kritik Kopf. Kritikerlob ist nun auch seinem siebten Roman zuteil geworden – vielleicht auch deshalb, weil sich der Autor erstmals mit einem wunderbar zeitlosen Thema auseinandergesetzt hat: Nämlich der Liebe. Claudia Hennen hat den Schriftsteller in Berlin getroffen um mit ihm über seinen neuen Roman zu sprechen.

Herr Toussaint, Sie haben Ihren neuen Roman Sich lieben in Berlin vorgestellt. Da Sie schon einmal ein Jahr in Berlin verbracht haben, würde ich gerne wissen: wie ist Ihr Verhältnis zu dieser Stadt?

Ich habe schon in einigen Städten der Welt gelebt, aber nicht alle tauchen in meinen Büchern auf. Außer Berlin, das im Mittelpunkt meines Buches Fernsehen steht, denn ich war fasziniert von dieser Stadt. Also habe ich mich entschlossen, daraus eines der Themen dieses Buches zu machen. Mit meinem neuesten Roman Sich lieben ist mir ungefähr das Gleiche passiert: Ich habe mich entschlossen, ihn in Japan spielen zu lassen, weil ich auch von Japan fasziniert bin.

Sie haben auch die Berliner Fußnoten geschrieben. Und die dritte Fußnote, die von einem Besuch in einer deutschen Fleischerei handelt, ist ziemlich zynisch. Wie ist Ihr Eindruck von den Deutschen?

Ich sehe das eher locker. Ich habe manchmal Reiseimpressionen geschrieben, weil man mich darum gebeten hatte. In diesem Fall war es Die Zeit, die mich gebeten hatte, über Berlin zu schreiben. Obwohl ich das normalerweise nicht tue, habe ich es geschafft, einen Ansatzpunkt zu finden, kleine Szenen zu schreiben, etwas sehr Leichtes, das vom alltäglichen Leben handelt. Es stimmt, es ist eine Art Rache, denn ich hatte Schwierigkeiten in einer deutschen Fleischerei, die dickste Wurstscheibe zu bekommen. Es sind also kleine autobiographische Erfahrungen, die ich zu Büchern mache. Aber das ist kein wirklich kritischer Blick auf Deutschland im Allgemeinen oder auf die Berliner. Im Gegenteil, ich glaube, die Tatsache, dass ein Roman wie Fernsehen in Berlin spielt, ist eine Hommage an die Stadt. Denn ich habe Berlin wirklich gemocht. Ja, manchmal kommt es vor, dass ich etwas kritisch bin, zum Beispiel habe ich die Nachbarn in Fernsehen etwas bloß gestellt, ich beobachte gerne Verschrobenheiten, aber das ist Teil der Literatur… Es gibt auch das Sprichwort: "Was sich liebt, das neckt sich!"

Ihr neuer Roman spielt also in Japan. Warum? Was fasziniert Sie an diesem Land?

Ich bin oft nach Japan gereist. Ich habe drei Monate in Kioto verbracht und habe mir die ganze Zeit gesagt: eines Tages mache ich etwas über Japan – vielleicht ein Buch, vielleicht einen Film, ich wusste es nicht. Aber ich wusste, dass es, abgesehen von kleinen Texten, die ich für eine Zeitschrift schrieb, einen stärkeren Text geben würde, der auch eine Hommage an Japan werden würde. Ich habe lange gewartet, bis es soweit war. Es sollte ein ernsteres Buch sein, ein Buch über eine Trennung. Japan ist ein Land, das mich wegen seines Wohnstils, seiner Atmosphäre und seines Lichts fasziniert. Das Thema des Buchs passt sehr gut mit der japanischen Landschaft und dem japanischen Wohnstil zusammen.

Warum schreibt man einen Roman über die Liebe oder über das Ende einer Liebe?

Es gibt keinen bestimmten Grund. Gegenfrage: Warum schreibt man überhaupt einen Roman? Es gibt manchmal Themen, die sich mir geradezu aufdrängen. Die Liebe ist selbstverständlich ein riesengroßes Thema, aber ich mag es gerne, mich mit ganz großen Themen zu konfrontieren. In Form eines Essays kann ich über die Liebe nicht viel sagen, aber mit einem Blick auf das Konkrete, das Intime, das Alltägliche kann ich viel mehr sagen. Es hat mich also sehr interessiert – und das habe ich in meinen vorherigen Büchern nicht wirklich behandelt – die Frage der Liebe, aber auch der Sexualität. Denn der Roman Sich lieben handelt von der Liebe, aber auch von der Sexualität.

Es scheint mir so, als gäbe es eine Doppeldeutigkeit im Bezug auf den Titel Ihres neuen Romans. Für mich bedeutet Sich lieben eher ein gegenwärtiges Gefühl, während Sie das Ende einer Liebe erzählen.

Es stimmt, es gibt diese Doppeldeutigkeit. Ich würde sogar sagen, dass ich das bewusst ausdrücken wollte. Es ist ein Buch über Trennung, aber auch über Liebe. Ganz am Anfang hatte ich die Idee, die erste und die letzte Liebesnacht eines Paares zu erzählen. Ich wollte zeigen, dass es vielleicht die Liebe in der letzten Liebesnacht größer ist als in der ersten, wenn die Personen sich gerade erst kennen gelernt haben, denn in der letzten Nacht kennen sie sich viel besser und das Gefühl der Liebe und die Intensität sind sehr viel stärker! Das ist paradox, aber gerade deshalb sehr interessant.

Gab es Vorbilder für Sie, wie zum Beispiel Goethes Die Leiden des jungen Werther, der deutsche Klassiker zum Thema Liebeskummer?

Das war nicht speziell Goethe, denn ich habe sein Werk lange Zeit nicht mehr gelesen. Das war auch nicht Roland Barthes mit Fragments d’un discours amoureux, das ich erst danach gelesen habe- eine gute Ausrede, oder nicht?(lacht) Es gab kein Buch, das ich als Vorbild hatte. Das einzige Werk, an das ich manchmal gedacht habe, waren die letzten beiden Filme von David Lynch. Sie sind sehr interessant in Bezug auf ihre Machart, ihre Struktur und ihre Nähe zum Traum. An einer bestimmten Stelle im Roman habe ich daran gedacht und ich habe mir gesagt: Ich könnte diese Szene so machen, indem ich sehr stark in Richtung Traum gehe und letztendlich weiß man nicht mehr, ob es Traum oder Realität ist, aber man muss es wie die Realität behandeln. Selbst wenn es eine Traumwelt ist, muss man ihr die Stärke der Realität geben.

Man spricht oft von Ihrer filmischen Sprache und Sie haben auch selbst mehrere Spielfilme gedreht, darunter zwei Verfilmungen Ihrer Romane. Inwieweit inspiriert das Kino Ihre literarische Arbeit?

Film und Literatur inspirieren mich gleichermaßen. Ich bin von einigen Filmemachern beeinflusst, von David Lynch, aber auch sehr von Michelangelo Antonioni, dessen sehr diskreten und subtilen  Filmstil ich sehr interessant finde.

Wenn Sie schreiben, haben Sie einen Film vor Augen?

Wenn ich schreibe, dann habe ich eher ein Buch im Kopf. Es kommen mir Bilder in den Sinn, aber die sind näher am Traum als am Film. Es ist also eher so, als wenn ich Träume aufschreiben würde, und nicht ein Drehbuch. Es sind sowohl visuelle als auch geistige Bilder. Das ist überhaupt nicht der gleiche Vorgang, wie wenn ich ein Drehbuch schreibe. Außerdem sind die Bilder sehr von der Literatur beeinflusst.

In Ihrem neuen Roman trägt der Protagonist ein kleines Fläschchen Salzsäure mit sich herum – das ist ein Klassiker für mich, der mich an das deutsche Melodram erinnert, in dem die Liebenden sich am Ende vergiften …

Natürlich ist das ein sehr starkes dramatisches Element. Und sicher, an dem Punkt habe ich es bis zum Äußersten ausgereizt. Schon im ersten Satz des Buches erfährt der Leser, dass der Protagonist dieses Fläschchen Salzsäure in seiner Jackentasche hat. Man weiß tatsächlich nicht, was mit dieser Säure passieren wird und es gibt mehrere Möglichkeiten: er kann sich selbst verletzen, sich sogar umbringen, er kann die Frau angreifen, die er liebt, er kann jemand anderen angreifen oder es kann eine andere Lösung geben – aber die ganze Zeit ist eine Bedrohung da, durch das ganze Buch hindurch zieht sich eine dramatische Spannung. In dieser zu Ende gehenden Liebesgeschichte ist die Möglichkeit einer Katastrophe die ganze Zeit über gegenwärtig. Man hatte mir gesagt, dass sich in meinen ersten Büchern, deren Stoff leichter ist, die Figuren hätten umbringen können. Zum Beispiel in Monsieur gibt es einen Moment, in dem der Protagonist auf dem Dach spaziert. Der Leser dachte: vielleicht wird er sich umbringen. Ich habe das nicht wie eine wirkliche Bedrohung dargestellt, aber es war möglich. Aber in Sich lieben habe ich es wirklich wie eine Bedrohung dargestellt, ich habe also bewusst diese dramatische Vorgehensweise benutzt.

Die Kritiker in Frankreich waren begeistert, man hat von Ihrem besten Roman gesprochen. Sehen Sie das auch so?

Das ist eine Frage, die man mir in Frankfurt/Main auch gestellt hat. Allerdings nicht mit Bezug auf die französischen Kritiken, sondern mit Bezug auf die erste deutsche Kritik, die in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen ist. Dort hieß es am Ende, dies sei mein schönstes Buch. Man hat mich gefragt, ob ich das genauso sehe. Oh ja, ich sehe das durchaus genauso, das ist mein schönstes Buch, aber das heißt ja nicht, dass es das Beste ist! Also habe ich ein Wortspiel erfunden: Ist es das Schönste? Ja! Aber ist es auch das Beste? Ich kann es Ihnen nicht sagen …

Fotographien von Mirko Schmidt, Titelblatt (Toussaint mit Sonnenbrille) von Madelaine Santandréa



Sich lieben – eine Liebesgeschichte

von Bernadette Knapp, erschienen im Juni 2004

"In dieser Nacht haben wir uns das letzte Mal geliebt. Aber wie oft haben wir uns nicht schon zum letzten Mal geliebt. Ich weiß es nicht, häufig. Häufig..."

Sich lieben ist der sechste Roman des belgischen Schriftstellers Jean-Philippe Toussaint. Der Romancier erzählt darin die Geschichte vom Ende einer Liebesbeziehung, eines Nachts in Tokio.

Dieses Buch ist zugleich ein Buch des Erinnerns und des Seelenschmerzes, vor allem aber ein Buch des Irrens. Die Geschichte kann kurz erläutert werden: Der Erzähler begleitet Marie, seine Lebensgefährtin seit sieben Jahren, auf einer Japanreise nach Tokio. Marie, die Modeschöpferin ist, wird dort ihre Kollektion vorstellen.

Der erste Teil der Erzählung spielt sich einige Stunden nach Ankunft des Paares in Tokio ab. Unter dem Einfluss des Jetlags und zerrissen vor Müdigkeit, ärgern sie sich gegenseitig, stoßen sich zurück und vereinigen sich dann in einer Nacht, die scheinbar nie zu Ende gehen dürfte. Während sie sich in diesem Liebesduell fast umbringen, erkennt der Erzähler, dass es sich um die letzte Nacht mit Marie handelt, das letzte Mal, dass sie miteinander schlafen: Das Ende einer Geschichte.

"An jenem Tag, da Marie mir vorschlug, sie nach Japan zu begleiten begriff ich, dass sie bereit war, auf dieser großen Tour unsere letzten Liebesreserven zu verheizen. War es nicht einfacher, wenn wir uns schon trennen wollten, diese seit langem geplante Reise dafür zu nutzen, wechselseitig ein wenig Distanz zu gewinnen? Zusammen zu verreisen, war das wirklich die beste Möglichkeit, um Schluss zu machen? In bestimmter Hinsicht schon, denn so wie die Nähe uns zerriss, so hätte uns die Ferne wieder nähergebracht. Tatsächlich waren wir in unseren Gefühlen dermaßen zerbrechlich und orientierungslos, dass die Abwesenheit des anderen sicher das einzige war, was uns noch nahe bringen konnte, während unsere beider Gegenwart Seite an Seite die innere Zerrissenheit nur noch vertiefen und unsere Trennung besiegeln konnte."

Tatsächlich kann die Beziehung zwischen den beiden Hauptpersonen mit einem Erdbeben verglichen werden, der Metapher, die in diesem Roman vorherrscht. Die Erde bebt in Tokio und die Frau weint, aber der Autor weigert sich, von diesen Tränen zu sprechen: Natürlich finden wir sie im Roman, aber eher als Symbol der Leidenschaft. "Denn das Erdbeben war nunmehr für uns untrennbar mit dem Ende unserer Liebe verbunden."

Darüber hinaus finden wir Nebel und verhangenen Himmel, ein winterliches Licht, um den Beginn der Trauer über eine bereits vergangene Liebe auszudrücken. Eine Erzählung, die aus Farben und Bildern besteht, die sich zeitgenössischer Motive bedient, um die Essenz des natürlichsten aller menschlichen Gefühle auszudrücken – Liebe.

Zudem bestärkt dieses Fläschchen Salzsäure das Gefühl von Gefahr, die diesen Bruch umkreist: "Ich hatte eine kleine Flasche mit Salzsäure füllen lassen und trug sie jetzt immer bei mir, mit der Idee, sie eines Tages jemanden mitten ins Gesicht zu schütten. Ich brauchte nur die Flasche zu öffnen, eine Flasche aus buntem Glas, die zuvor Wasserstoffperoxyd enthalten hatte, auf die Augen zu zielen und wegzurennen. Ich fühlte mich seltsam ruhig, seitdem ich mir diese Flasche mit bernsteinfarbiger und ätzender Flüssigkeit beschafft hatte, die meine Stunden würzte und meine Gedanken schärfte."

Der belgische Schriftsteller lässt uns in eine Welt voll Leidenschaft eintauchen, es ist das Modell einer seismischen und sinnlichen Partitur.

Sich lieben, Frankfurter Verlagsanstalt, 153 S., 19,80 €, ISBN 3.627.00107.9

Coverfoto: Frankfurter Verlagsanstalt


Wer ist Jean-Philippe Toussaint ?

Bernadette Knapp

Jean-Philippe Toussaint wird am 29. November 1957 als Sohn eines Journalisten und einer Buchhändlerin geboren, ihm wird dadurch die Literatur geradezu mit in die Wiege gelegt. Er studiert Geschichte und Politikwissenschaft. 1978 erhält er sein Diplom im Institut des sciences politiques Paris, um anschließend einen troisième cycle in Gegenwartsgeschichte an der Sorbonne zu belegen. In seiner Freizeit spielt er Scrabble und wird darin 1973 sogar zum Weltmeister in Cannes.

Während seines Studiums beginnt der junge Mann ernsthaft zu schreiben. Er verfasst ein Theaterstück und seine ersten Romane. Einen davon nennt er Réécrit sept ou huit fois (Sieben oder acht Mal umgeschrieben) und schickt ihn an Alain Robbe-Grillet, er wird jedoch nie veröffentlicht.

Von 1982 bis 1984 geht er nach Algerien, um Französischlehrer an einem Gymnasium zu werden.

Während dieser Zeit lernt er seine Frau Madeleine Santandréa kennen. Sie haben zwei Kinder zusammen, Anna und Jean.

1985 veröffentlicht Toussaint La Salle de bain (Das Badezimmer), einen Roman über das Problem der Kommunikationsunfähigkeit, den er 1987 für das Kino adaptiert. John Lvoff führt Regie, und Tom Novembre spielt die Hauptrolle. Der Roman wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, aber 1985 findet sein Manuskript den Zuspruch von Jérôme Lindon, dem Verleger der Editions de Minuit. 1986 veröffentlicht Jean-Philippe Toussaint seinen Roman Monsieur, den er selbst 1989 verfilmen wird, mit Dominic Gould und Eva Ionesco in den Hauptrollen. Ab 1990 wechselt er zwischen Buchveröffentlichungen und Regieführung bei Kinoverfilmungen. 1991 veröffentlicht er La Réticence (Der Köder) und präsentiert anschließend La Sévillane, eine Verfilmung des Romans L’Appareil-photo (Der Photoapparat) von 1992. Im folgenden Jahr erhält er eine Einladung der Organisation DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst) in Berlin, wo er ein Szenario schreibt und verfilmt: Berlin 10h46. Daraufhin arbeitet er an seinen Werken La Patinoire (die Eisbahn) und La Télévision (der Fernseher), die 1997 und 1998 erscheinen. Der Schriftsteller und Regisseur veröffentlicht schließlich Autoportrait à l’étranger (Selbstporträt in der Fremde) im Jahre 2000 und Faire l’amour (Sich lieben) im Jahre 2002.

 

 

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