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Haiti – Chance auf einen Neubeginn

von Julie Hamann, erschienen am 01.07.2010

»You really want to go to Haiti? Are you sure?« Der Busfahrer, der uns von Santo Domingo in der Dominikanischen Republik nach Port-au-Prince bringen sollte, sah uns ungläubig an. Ja, genau in diesen kleinen Karibikstaat wollten wir im Sommer 2008 für einige Tage, um eine befreundete Familie zu besuchen.

Am 12. Januar 2010 wurde Haiti schlagartig aus dieser Vergessenheit gerissen: Ausgerechnet eine der größten Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte hat das kleine Land wieder in den Mittelpunkt des Weltinteresses gerückt. Katastrophenhelfer, Korrespondenten und Politiker reisten in den Karibikstaat, dessen wackeliges Grundgerüst durch das Erdbeben vollends zum Einsturz gebracht wurde. Einige Wochen lang beschäftigten Geberkonferenzen, Notfallhilfe, Wiederaufbau und Spendengalas unsere Medien, bevor Haiti Stück für Stück wieder von der öffentlichen Agenda verschwand.

Haiti ist ein Land voller Widersprüche, das einen Besucher nicht ohne eine gewisse Faszination wieder ziehen lässt und das unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse verdient. Höchste Zeit also ein halbes Jahr nach dem Erdbeben wieder einen Blick nach Port-au-Prince zu werfen.

Die Bilanz nach dem Erdbeben, das besonders die Hauptstadt und ihre nahe Umgebung traf, ist verheerend: mehr als 220.000 Menschen kamen ums Leben, 1,3 Millionen sind obdachlos. Etwa drei Millionen Menschen sind direkt von der Katastrophe betroffen, ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Die entstandenen Schäden werden auf acht Milliarden Dollar (6,5 Millionen Euro) geschätzt; die internationale Gemeinschaft stellt über einen Zeitraum von zehn Jahren über zehn Milliarden US-Dollar zur Verfügung.

Doch hinter diesen abstrakten Zahlen steckt viel mehr: Das Erdbeben hat dem Land, das nach der Herrschaft wechselnder Diktatoren und Despoten von der »Perle der Karibik« zum Armenhaus der westlichen Hemisphäre geworden war, den Boden unter den Füßen weggezogen. Die vorher schon kaum existierende staatliche Infrastruktur liegt unter Trümmern begraben. Die 2004 eingerichtete Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti (»MINUSTA«, »Mission des Nations unies pour la stabilisation en Haïti«) ist nach dem Tod ihres Chefs Hédi Annabi sowie Hunderter Mitarbeiter in ihrem Mark getroffen.

Haiti steht seit Jahren auf der Liste der sogenannten '»Gescheiterten Staaten«' – doch was bedeutet das für den Alltag der Menschen?

Die Stromversorgung folgt dem Zufallsprinzip. Eine Müllabfuhr gibt es nicht, weshalb sich die Abfälle in den Straßen und an Abhängen gleich hinter den Häusern sammeln. In den wenigen regulären Supermärkten einzukaufen kann sich kaum jemand leisten; stattdessen preisen Frauen und Männer ihre Waren in großen Körben überall auf der Straße an: Reis, Zucker, Fisch, Seife, Kämme, Handys, Uhren. Und ja, es gibt sie: Viertel wie die berüchtigte »Cité Soleil«, in die sich nicht einmal mehr die Polizei hineinwagt und die zu Orten der Anarchie geworden sind.

In den Straßen von Port-au-Prince begegnen dem Besucher dennoch nicht Elend und Tristesse, sondern ein buntes Treiben von Menschen, immer und überall unterlegt mit den karibischen »Kompa«-Rhythmen. Der Stolz auf den kulturellen Reichtum und die ruhmreiche Vergangenheit – 1804 war Haiti die erste Kolonie, die sich von der Sklaverei befreite – sind allgegenwärtig und prägen das Leben der Haitianer zutiefst: Der Mangel an staatlicher Organisation zwingt die Menschen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die Kirche nimmt eine wichtige Rolle in diesem Selbsthilfesystem ein und leistet in vielen Bereichen, die der Staat nicht abdeckt, Unterstützung, bietet Bildung und ein soziales Netz.

All diese Faktoren müssen beim Wiederaufbau berücksichtigt werden, damit Haiti nach dem Erdbeben einen eigenständigen, nicht von außen diktierten Neuanfang wagen kann. »Für den langfristigen Erfolg ist es sehr wichtig die Bevölkerung in Hilfsmaßnahmen mit einzubeziehen – am besten über Partnerschaften mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen vor Ort«, betont auch Jean Robert Saget, haitianischer Botschafter in Deutschland.

Davon abgesehen behindern mehrere Monate nach der Katastrophe auch ganz grundlegende Probleme die mittel- und langfristigen Projekte des Wiederaufbaus: Riesige Mengen an Schutt versperren noch immer die Wege, Obdachlose leben nach wie vor in Notunterkünften und Massenlagern und die hygienische und medizinische Lage auf der Insel ist noch immer sehr schlecht.

Die Regierung von Präsident Réné García Préval verhält sich bis heute ausgesprochen passiv – und gerät dafür zunehmend in die Kritik. In einem Artikel für die Tageszeitung Le Nouvelliste hat der haitianische Journalist Frantz Duval de Regierung aufgefordert, endlich konkrete Maßnahmen zu ergreifen und zuallererst die Verwaltung neu zu organisieren. Haiti müsse beweisen, dass es auch selbst Kräfte für einen Neuanfang mobilisieren kann: »Vier Monate nach dem Beben hat man den Eindruck, dass diejenigen Projekte, die nicht von der internationalen Staatengemeinschaft unterstützt oder finanziert werden, keinerlei Aufmerksamkeit von unseren politischen und wirtschaftlichen Autoritäten bekommen. Vier Monate nach dem Beben wurde noch keine einzige Veränderung durchgesetzt, kein Gesetz beschlossen, um zu korrigieren, was schon vor dem Beben falsch gelaufen ist.«

Bei aller zerstörerischen Kraft hat das Erdbeben dem Inselstaat auch die Möglichkeit gegeben, einen Neuanfang zu wagen. Die verschiedenen Gesellschaftsbereiche – Politik und Zivilgesellschaft, Investitionen und humanitäre Hilfe, Haiti und die internationale Gemeinschaft – müssen dazu jedoch geschickt ineinander greifen, anstatt sich wie bisher gegenseitig zu blockieren.

Steeve Junior Constant ist einer jener jungen Haitianer, die trotz der Rückschläge optimistisch in die Zukunft blicken: »Das wichtigste ist jetzt, Haiti nicht mehr ins Abseits zu drängen. Humanitäre Hilfe ist schön und gut, aber wir können nicht unser ganzes Leben von dieser Unterstützung abhängig sein. Viel wichtiger sind jetzt direkte Investitionen aus dem Ausland.« Nach der Soforthilfe benötigen jetzt langfristige, schon vor dem Erdbeben bestehende Projekte eine Förderung, damit die Haitianer sich selbst eine Lebensgrundlage schaffen können. Handwerker und Fachkräfte müssen ausgebildet und eine effiziente Landwirtschaft aufgebaut werden. Es sind derartig elementare Schritte, die Haiti langfristig zu Autonomie und Unabhängigkeit verhelfen können.

»In Haiti macht man keinen Urlaub, man ist dort zu Besuch« – diesen Satz nahm ich von meiner kurzen Reise mit. Ein Besucher zu sein bedeutet in Haiti, mit großer Herzlichkeit und Gastfreundschaft empfangen zu werden und dem Gastgeber seinerseits mit Respekt zu begegnen. Gast sein auf Haiti heißt auch, unterschiedliche Ideen und Vorstellungen auszutauschen, die beide Seiten bereichern. Genau dies sollte die internationale Staatengemeinschaft nach dem Erdbeben berücksichtigen. Nur wenn wir Gäste bleiben, kann Haiti bald wieder auf eigenen Beinen stehen.


Zum Weiterlesen:
Haiti-Informationen des Auswärtiges Amts: www.auswaertiges-amt.de
Frantz Duval: Le chantier Haïti. Le Nouvelliste, 14. Mai 2010.



Neue Spielregeln

Presse(un)freiheit in Marokko

von Ebba Schröder, erschienen am 15.06.2010

Schummrig ist das Licht bei der Pressekonferenz im marokkanischen Casablanca – und die Stimmung ist nicht viel besser. Die Gesichter der Anwesenden lassen an ein Begräbnis denken. Doch sie betrauern nicht den Tod eines Menschen, sondern den einer Zeitung.

Eine Woche zuvor, am 27. Januar 2010, waren acht Gerichtsvollzieher in der Redaktion des Journal Hebdomadaire aufgetaucht, hatten die Journalisten von ihrem Arbeitsplatz vertrieben und die Schlösser der Redaktionsräume ausgetauscht. Die unabhängige Wochenzeitung sollte nie wieder erscheinen.

Die Verlagsgesellschaft habe seit Jahren weder Steuern noch Sozialabgaben bezahlt, so die offizielle Begründung. Das sei zwar wahr, so der frühere Herausgeber Aboubakr Jamaï auf der Pressekonferenz. Doch bei der Schließung gehe es um mehr: »Die Behörden haben alles getan, um Le Journal Hebdomadaire in den finanziellen Bankrott zu treiben«, sagte Jamaï. Sie hätten unbezahlbare Geldstrafen und einen umfassenden Werbeboykott verhängt. Als das regierungskritische Blatt 1997 gegründet wurde, war noch der Vater des heutigen Königs an der Macht. Hassan II. hatte das Land fast 40 Jahre lang mit harter Hand regiert. Einige Jahre vor seinem Tod wollte er dem Königreich noch einen demokratischen Anstrich verpassen: Er veränderte die Verfassung, berief die ewige sozialistische Partei USFP nach jahrelanger Opposition in die Regierung und ließ immer kritischere Pressestimmen zu. Zu guter Letzt bestieg im Sommer 1999 der als liberal geltende Mohammed VI. den Thron. Das Land atmete auf, der demokratische Wandel schien zum Greifen nah.

Bis heute versucht Marokko sich als moderne Monarchie auf der Grundlage einer demokratischen Verfassung zu präsentieren. Nur so kann es die EU für sich gewinnen. Anfang März 2010 haben sich Vertreter Marokkos mit führenden EU-Politikern zu einem Gipfel in Granada getroffen, um über ihre künftige politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu beraten. Einen solchen Gipfel zwischen der EU und einem arabischen Land hat es nie zuvor gegeben. »Viele Länder am Südufer des Mittelmeeres beneiden Marokko schon jetzt um den fortgeschrittenen Status mit der EU«, kommentierte die regierungsnahe Tageszeitung L’opinion.

Doch in den Straßen und Cafés von Rabat und Casablanca sind ganz andere Kommentare zu hören. Viele Marokkaner beklagen, dass die marokkanische Regierung entgegen aller Versprechen die Menschenrechte noch immer nicht einhalte. Besonders die Pressefreiheit sei in letzter Zeit immer stärker beschnitten worden.

Auch internationale Beobachter sind ernüchtert. Seit Sommer 2009 häufen sich die Prozesse gegen Journalisten; anscheinend willkürlich werden hohe Geldstrafen verhängt, Zeitungsexemplare beschlagnahmt, Redaktionsräume geschlossen. Driss Chahtane, Chefredakteur der arabischsprachigen Tageszeitung Al-Michaal sitzt seit Oktober letzten Jahres im Gefängnis, weil er falsche Informationen über die Gesundheit des Königs veröffentlicht hat.

Dabei sind nicht nur die gedruckten Zeitungen betroffen, auch die freie Meinungsäußerung im Internet ist in Gefahr. Seit 2008 wurden vier marokkanische Blogger zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt. Eine Entwicklung, die nicht ohne Auswirkungen auf die Netz-Gemeinschaft bleibt. Im Café de France, inmitten der lebhaften Innenstadt Casablancas, sitzt Said Benjebli, Vorsitzender der vor einem Jahr gegründeten Association des blogueurs marocains. Bei einem Glas Tee erzählt der 30-Jährige von Problemen, denen die Blogger tagtäglich begegnen. Viele von ihnen würden sich kaum noch trauen, kritische Themen anzusprechen: »Es gibt bestimmte Themen, die ich in meinem Blog gar nicht erst behandle, weil ich weiß, dass ich nicht frei darüber schreiben könnte. Als Familienvater will ich das Risiko einer Verhaftung nicht eingehen«.

Und an heiklen Themen mangelt es nicht. Das marokkanische Presserecht sieht Gefängnis- und Geldstrafen für Majestätsbeleidigung, Angriff auf den Islam, die Monarchie und die territoriale Integrität vor. Zwar sind die so genannten »roten Linien«, welche die Tabu-Themen eingrenzen, in den letzten Jahren immer weiter zurückgewichen, aber sie existieren auch heute noch. Es ist nur wesentlich schwerer geworden, die Grenzen zu erkennen: Als zwei Zeitungen kürzlich aktuelle Umfrageergebnisse über den König veröffentlichen wollten – eine Umfrage, in der immerhin 91 Prozent der Marokkaner ihrem Monarchen ein positives Urteil aussprachen –, beschlagnahmte die Regierung beide Ausgaben. Ein Bericht über das Budget des Königshauses passierte dagegen gerade erst problemlos die Augen der Justiz. »Die von den Machthabern aufgestellten Spielregeln sind nicht eindeutig«, beklagt Soazig Dollet von Reporters sans Frontières. »Eine innere Logik ist nicht zu erkennen. Das macht die Arbeit der unabhängigen Journalisten sehr schwierig.«

Neben den offiziellen Tabuthemen leiden die Journalisten noch unter weiteren Einschränkungen. Wie in Deutschland und Frankreich auch gilt Diffamierung, also üble Nachrede, in Marokko als eine Straftat. Wenn sich ein Politiker oder Wirtschaftsboss durch einen Artikel beleidigt fühlt, kann er folglich einen Prozess gegen die Zeitung anstreben. Wenn man aber weiß, wie eng die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes miteinander verwoben sind und wie abhängig und korrupt wiederum die marokkanische Justiz ist, kann man sich vorstellen, in welch schwacher Position sich die Journalisten vor Gericht befinden.

Abgesehen davon wird es für Journalisten in Marokko zunehmend schwieriger, an gesicherte Informationen zu gelangen: Wirtschaftsunternehmen und Behörden erschweren den Zugang zu Informationen so sehr, dass den Redakteuren oft nur halb-offizielle Quellen bleiben. In gut 85 Ländern weltweit sind die Behörden zur Herausgabe von Informationen verpflichtet, darunter auch in Deutschland (seit 2006) und Frankreich (seit 1978). In Marokko dagegen bleiben die Akten verschlossen.

Die Pressefreiheit in Marokko ist eklatant zurückgegangen. Doch wie reagieren die europäischen Politiker darauf? Die Nichtregierungsorganisation Reporters sans frontières prangerte die Missstände in einem Brief an die EU-Politiker Zapatero, Van Rompuy und Barroso an. Doch es sieht nicht so aus, als ob die Verhandlungen zwischen den beiden Partnern erheblich darunter leiden würden. Zwar betonten alle Teilnehmer des Granada-Gipfels die große Bedeutung der allgemeinen Menschenrechte. Die gemeinsame Abschlusserklärung liest sich allerdings beinahe so, als würden sich die EU und Marokko auf ihrem Weg in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf einer Stufe befinden. Den Marokkanern ist damit nicht geholfen.


Marokko

Politisches System:
Der Verfassung nach ist Marokko eine konstitutionelle Monarchie. In der Realität besitzen aber weder das Parlament noch die Regierung eine wirkliche Macht. Der König ist gleichzeitig politisches und religiöses Oberhaupt des Landes und alle wichtigen Entscheidungen und politischen Initiativen gehen von ihm, beziehungsweise vom Makhzen aus. Der Makhzen umfasst den königlichen Machtapparat und die politische und wirtschaftliche Elite des Landes.

Presselandschaft: Obwohl die Anzahl der Leser aufgrund der hohen Analphabetenquote recht überschaubar bleibt, ist Marokkos Presselandschaft schon immer sehr lebendig und vielfältig gewesen. Während unter Hassan II. bis auf wenige Ausnahmen regimetreue oder parteigebundene Zeitungen den Markt beherrschten, hat sich seit den Neunziger Jahren eine sowohl von der Regierung als auch von den Parteien unabhängige Presse entwickeln können. Im Jahr 2006 zählte das Kommunikationsministerium 399 Publikationen, davon 283 auf arabisch, 107 auf französisch und neun in den verschiedenen Berber-Dialekten.

Aktuelle Meldungen zur Lage der Pressefreiheit in Marokko:www.rsf.org
Überblick über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts: Vermeren, Pierre: Le Maroc de Mohammed VI. La transition inachevée, Paris : Découverte 2009, 320 S.



Verkehrte Welt?

Filmische Utopien für eine neue afrikanische Wirklichkeit

von Lisa Harms, erschienen am 15.12.2009

2033, nichts ist wie es war: Afrika ist das neue Eden der Immigration, Europa der Alptraum von Armut und Kriminalität. Die wirtschaftlich boomenden United States of Africa verwehren verzweifelten europäischen Immigranten das Asyl. Die illegalen europäischen Einwanderer finden sich in den Armenvierteln der Weißen zusammen und bangen um ihre Existenz. Ihre einzige Hoffnung: gut gefälschte Papiere.

»Verkehrte Welt«, so der erste Reflex des Zuschauers, der sich diesem Filmszenario aus Africa Paradis (2005) gegenüber sieht. Die Tragikomödie zeigt die Utopie einer Gesellschaft, die völlig aus dem Rahmen unserer Phantasie fällt – und auch aus dem Rahmen der diesjährigen Afrikanischen Filmtage in Saarbrücken.

Regisseur Sylvestre Amoussou ist selbst im westafrikanischen Benin geboren und nach Paris emigriert – noch immer der klassische Weg. Doch in seinem Film inszeniert er die Migration mit vertauschten Rollen. Das Ergebnis irritiert und provoziert: Juristen und Ingenieure flüchten aus Europa vor Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Armut und suchen mit illegalen Papieren verzweifelt nach einer Existenz im paradiesischen Afrika.

Keine gewaltsamen Ausschreitungen, keine verhungernden Kinder, kein Ringen um das tägliche Überleben: Mit den Nachrichtenbildern aus dem Jahre 2009 haben die United States of Africa 2033 nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Wunderschöne Gärten verbergen sich hinter Mauern, unbeschwert spielende Kinder im Swimmingpool; ein familiäres Flair herrscht im Paradies Afrika, eine verlockende Idylle. Verlockend und doch verboten: auch für Pauline und Olivier, die das im Elend versinkende Frankreich verlassen wollen und mit letzter Kraft versuchen, ihren Platz im prosperierenden Afrika zu erringen. Nun aber, da sie einmal von der verbotenen Frucht gekostet haben, erweist sich Afrika für die »illegalen« Immigranten als Alptraum.

Regisseur Amoussou durchbricht die meist gegenwartsbezogene postkoloniale Ästhetik des afrikanischen Films. Er bildet die Gegenwart nicht ab, sondern bringt sie in Bewegung. Olivier, auf der Flucht vor der afrikanischen Polizei und der drohenden Abschiebung, steckt die Papiere eines Unfalltoten ein. Irgendwie untertauchen, bleiben um jeden Preis. Der Zuschauer findet sich in einem afrikanischen Filmszenario wieder, das ihm den Angstschweiß der verfolgten Immigranten selbst auf die Stirn treibt. Ein provokantes »Wie würdest du dich fühlen, Europäer?« klingt mit in den Schüssen der Polizisten, die auf Olivier zielen. Die von Amoussou gezeichnete »verkehrte Welt« hat somit viel mehr mit der Realität zu tun als zunächst vermutet.

In den angstverzerrten Gesichtern der Flüchtlinge sieht der europäische Zuschauer sich selbst. In diesem Augenblick rücken die täglichen Schlagzeilen über Abschiebungen von Immigranten aus weitester Ferne ganz unbequem nah heran. »Europa, vereinigtes Europa,« scheinen die utopischen Blicke aus dem Jahre 2033 zu fragen, »kann das wirklich die Menschenwürde sein, die du angeblich so hoch hältst?«

»Das afrikanische Kino ist das zweite Parlament Afrikas«, sagt Mohamed Maiga, Sprecher des Integrationsbeirats Saarbücken, und lässt seine ruhigen, aber festen Worte einen Moment auf das Festivalpublikum wirken. »Gute Filme müssen wachrütteln und das kritische Bewusstsein schärfen.« Für ihn ist die Kritik an der europäischen Immigrationspolitik nur die eine Seite von Africa Paradis: Mit der Umkehrung der Nord-Süd-Dependenzen sende der Film auch eine Botschaft an den afrikanischen Kontinent und fordere ihn zu einer neuen Selbst- und Fremdwahrnehmung auf: Ist Europa wirklich das Paradies, von dem so viele Afrikaner träumen? Bleibt die »unantastbare Menschenwürde« nicht auch in Europa nur eine Worthülle, eine Utopie?

»Solche Fragen stellt man sich in Afrika noch viel zu selten«, sagt Maiga. »In Afrika schlummert ein solcher Reichtum an Natur und Rohstoffen, an Menschen mit großem Potential. Es ist auch fehlendes Selbstvertrauen, das die Entwicklung des afrikanischen Kontinents bremst.«

Der 42-Jährige ist in Mali geboren und lebt seit 18 Jahren in Deutschland. Seit 2004 engagiert er sich als Vorsitzender des Ausländerbeirats für Migranten bei ihrer Integration in Deutschland. »Erst wenn der Einzelne an seine Stärke glaubt, und an seine Fähigkeit seine Situation zu verändern, erst wenn wir von einer besseren Zukunft träumen, dann –«, Maiga hält kurz inne: »Dann ist ein neues Afrika möglich!“

Zukunftsträume seien in den afrikanischen Gesellschaften nahezu unbekannt, erklärt er weiter. Schließlich werde die Zukunft einzig in die Hände Gottes gelegt; damit könne der Einzelne an seinem Schicksal nicht mehr rütteln. Vor diesem Hintergrund ist Africa Paradis ein revolutionärer Appell: für mehr Empathie an »die« Europäer und für mehr Eigenverantwortung an »die« Afrikaner.

Doch Amoussou spielt die beiden Kontinente keineswegs wie monolithische Blöcke gegeneinander aus. Seine Filmutopie wiederholt nicht einfach die Geschichte unter umgekehrten Vorzeichen, sondern gibt ihr eine bessere Wendung: Afrika entscheidet sich im Jahre 2033 für einen klügeren und menschlicheren Umgang mit Migration als Europa im Jahre 2009: Der Regisseur selbst schlüpft in die Rolle eines Abgeordneten der liberalen Partei Afrikas, der, zunächst als einziger, für die Integration und Gleichstellung der weißen und schwarzen Bevölkerung kämpft.

Um eine ganz andere Art der Gleichstellung geht es im Film Le Fauteuil (2009, deutsche Übersetzung: »Der Sessel«) des Burkiner Regisseurs Missa Hébié, der während der afrikanischen Filmtage in Saarbrücken zu sehen war. »Wir sind die Handwerker eines gleichen Werkes«, sagt darin Madame Ouédraogo – und meint damit Frauen und Männer. Die weibliche Hauptfigur aus Le Fauteuil verkörpert bereits das neue afrikanische Selbstverständnis, das Africa Paradis fordert. In einer Gesellschaft, in der Frauen weder Anspruch auf Selbstentfaltung noch auf eine Karriere haben, erklimmt sie den Chefsessel einer Minengesellschaft.

Noch ein utopischer Rollentausch. Doch Le Fauteuil bleibt konkreter und realistischer als Africa Paradis. Während die politische Utopie des Jahres 2033 die ganz großen Themen behandelt, den Clash of Cultures aus der Totalen, kommt Le Fauteuil mit weniger aus: mit weniger Personen, weniger Dynamik, weniger Provokation.

Und doch: Macht Madame Ouédraogo nicht den ersten Schritt hin zum Paradies Afrika? Sie verkörpert das Verhalten, das jedes Individuum im Kampf gegen Korruption und Diskriminierung aufbringen muss. Die starke Madame Ouédraogo schafft es mit Eisenprinzipien und Großherzigkeit, in einer durch und durch korrupten Gesellschaft den Traum von guter Regierungsführung zu verwirklichen. Hier fügen sich die beiden afrikanischen Utopieentwürfe zusammen zu einem konkreten Projekt, einem wahren »African Dream«.


Afrikanische Filmtage Saarbrücken
Seit 2001 finden einmal jährlich die Afrikanischen Filmtage in Saarbrücken statt. An zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden im November zeigen die Veranstalter aktuelle frankophone und anglophone Filme aus Afrika und seiner Diaspora und laden zum Gespräch mit Regisseuren und Filmexperten. Die Filmtage sind ein gemeinsames Projekt des Lehrstuhls für Romanische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation der Universität des Saarlandes, des Frankreichzentrums, des Institut d’Etudes Françaises und des Kinos 8 ½: www.uni-saarland.de

Sylvestre Amoussou
Sylvestre Amoussou ist 1964 in Benin geboren und lebt seit über 20 Jahren in Frankreich. Er begann seine Karriere zunächst als Schauspieler, steht aber seit dem Ende der 90er Jahre als Regisseur auch hinter der Kamera. Nach verschiedenen Kurzfilmen drehte er 2005 mit Africa Paradis seinen ersten Spielfilm.

Missa Hébié
Missa Hébié lebt in Burkina Faso, wo er seit Ende der 80er Jahre als Regisseur arbeitet. Besonderen Erfolg erzielte er im frankophonen Afrika mit seinen beiden Serien Commissariat de Tampy (2006) und Sita (2000). Zu seinen Werken zählen aber ebenso verschiedene Kurz- und Dokumentarfilme, sowie der 2009 entstandene Film Le Fauteuil.

Africa Paradis
R. und D.: Sylvestre Amoussou, Benin 2005, 86 Min. Africa Paradis ist seit 2007 in französischen Kinos zu sehen und auf DVD erhältlich.: www.africa.paradis.free.fr

Le Fauteuil
R. und D.: Missa Hébié, Burkina Faso 2009, 95 Min. Le Fauteuil nahm in diesem Jahr am wichtigsten afrikanischen Filmfestival FESPACO (Festival panafricain du cinéma et de la télévision de Ouagadougou, vgl. www.rencontres.de) teil.



Afrika in 90 Minuten

Neue Perspektiven vom FESPACO-Filmfestival

von Kerstin Neuroth, erschienen am 01.07.2009

Ein Strahlen lag auf den Gesichtern der Menschen, die sich in dieser warmen Märznacht aus dem Freiluftkino Oubri in Ouagadougou drängten. Gerade haben sie den Film Mâh Saah-Sah (Daniel Kamwa, Kamerun 2007) gesehen, eine sympathische Boy-meets-Girl-Geschichte in leuchtenden Bildern und mit herzerwärmendem Happy-End. Viele französische Cinephile zieht es alle zwei Jahre nach Burkina Faso zum Festival panafricain du cinéma et de la télévision de Ouagadougou (FESPACO) – diesem berauschenden Film-Marathon bei 40 Grad im Schatten. Der afrikanische Film wird vor allem von französischen Institutionen gefördert, ein Großteil seines Publikums kommt auch beim FESPACO aus Frankreich.

Es ist jedoch zu kurz gegriffen, den afrikanischen Film nur als Teil der frankophonen Filmlandschaft zu verstehen. Indem er afrikanische Perspektiven vermittelt, leistet er einen wichtigen Beitrag zu einer vielfältigeren und gleichberechtigteren Wahrnehmung der Welt. Ein Blick auf die Beispiele Deutschland und Burkina Faso macht deutlich, dass der afrikanische Film nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika in erschreckender Weise unterrepräsentiert ist. Deshalb werden sowohl in Afrika wie in Europa dringend mehr Filme von afrikanischen Filmemacherinnen und Filmemachern in Kinos und Fernsehprogrammen gebraucht. Am Beispiel des FESPACOs sowie der Reihe African Cinema, die im vergangenen Jahr im Haus der Kulturen der Welt in Berlin stattfand, lassen sich die Schwierigkeiten aber auch Chancen der aktuellen Situation nachvollziehen.

Die meisten Leute, die ich in Deutschland kenne, waren noch nicht in Afrika. Vorstellungen von Afrika setzen sich aus Bildern von Nachrichtenbeiträgen, seltenen Dokumentationssendungen und zwei oder drei bekannten Spielfilmen zusammen. Das Problem ist nur: Bei aller Unterschiedlichkeit haben diese Filme fast alle einen europäischen Standpunkt. Sie wurden von Menschen gemacht, die den Nachbarkontinent ihrerseits aus Bildern und Vorurteilen kennen – selbst wenn sie sich aufgemacht haben, diese zu überwinden. Um unsere Nachbarinnen und Nachbarn als gleichberechtigt ernst zu nehmen, müssen wir ihre eigenen Perspektiven auf sich und auf uns kennen lernen.

Ein erster wichtiger Schritt sind Filmfestivals, die ein realistischeres Bild von Afrika vermitteln wollen. In Deutschland sind das unter anderem Africa Alive in Frankfurt, die Afrikanischen Filmtage in Saarbrücken und die Afrika Tage in München. Die Reihe African Cinema in Berlin wollte gleichzeitig auf das Problem aufmerksam machen, dass sich selbst Filme von afrikanischen Filmemacherinnen und Filmemachern oft mehr an europäischen als an afrikanischen Vorstellungen orientierten, da sie auf europäische Mittel angewiesen seien. Daher zeigte die Reihe Filme, die sich dorfidyllischen Erwartungshaltungen zum Beispiel als Thriller oder Science Fiction widersetzten. Außerdem integrierte sie Nollywood-Produktionen in ihr Programm. Mit diesen billig produzierten Videofilmen ist in Nigeria in den vergangenen Jahren aus eigener Kraft die drittgrößte Filmindustrie der Welt entstanden – nach dem US-amerikanischen Holly- und dem indischen Bollywood. Die kitschigen, dramatischen und sehr erfolgreichen Filme gelten als völlig »europauntauglich«.

Es ist bezeichnend, dass Nollywood-Filme auf dem diesjährigen FESPACO so gut wie nicht vertreten waren. Auch das Motto der 41. Auflage »Afrikanisches Kino, Tourismus und kulturelles Erbe« ließ vermuten, dass das Festival neben dem Fachpublikum eher sein ausländisches als sein einheimisches Publikum erweitern wollte. Die Eintrittspreise bestätigten diese Tendenz: Eine Einzelkarte war für den Gegenwert von fünf bis zehn Mahlzeiten, die Dauerkarte für einen Monatslohn zu haben. So blieb den einheimischen Cinephilen fast nur die Möglichkeit, sich das FESPACO-Sonderprogramm im Fernsehen anzusehen – und das, obwohl in der ganzen Stadt für die Zeit des Festivals journée continue, sprich vorgezogener Feierabend statt Mittagspause, angesagt war.

Die meisten Leute, die ich in Burkina Faso kenne, wissen nicht nur mehr über ihr eigenes Land und ihre Nachbarländer, sondern auch deutlich mehr über Europa als ich über Afrika. Europäische Nachrichten sind über Satellit zugänglich und bieten Zugang zum Wissen über internationale politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen. Das Problem ist: Darstellungen Europas und Afrikas beeinflussen natürlich die Selbstwahrnehmung. Auch Menschen, die diese noch nicht aus eigener Erfahrung in Europa kennen, haben diskriminierende europäische Vorstellungen von Afrika verinnerlicht. Deshalb kommt das FESPACO der burkinischen Bevölkerung zugute. Es macht den afrikanischen Film nicht nur über das Fernsehprogramm zugänglich, sondern präsentiert ihn mit Stolz. Nach wie vor hat es an erster Stelle das Ziel, afrikanischen Perspektiven im Film Raum zu geben. Dies macht das Gedenken an den senegalesischen Regisseur Sembène Ousmane in diesem Jahr deutlich. Diesen Pionier des afrikanischen Films nannten alle Regisseure, die beim African Cinema über den Einfluss europäischer Förderung auf den afrikanischen Film diskutierten, ihr persönliches Vorbild für ein selbstbewusstes Kino. Viele der Filme des FESPACOs wurden aus europäischen Mitteln mitfinanziert. Aber auch Werke, die versuchen, verschiedenen Erwartungshaltungen gerecht zu werden, tragen zur Perspektivenvielfalt bei.

In den vergangenen Jahren haben in Burkina Faso und anderswo nicht nur Mobiltelefone, Internet und Satellitenfernsehen, sondern auch neue Lebenskonzepte, Rollenbilder und Ansprüche Einzug gehalten. Viele Filme auf dem FESPACO handelten dementsprechend von Eltern-Kind-Beziehungen, Migration oder Großstadtleben. Bemerkenswerte Dokumentarfilme waren unter anderem Vous avez dit coton OGM? (Nissy Joanny Traoré, Burkina Faso, 2008), der sich jeder Stellungnahme enthält, wenn er burkinische Spezialistinnen und Spezialisten die Chancen und Gefahren des Anbaus genmanipulierter Baumwolle in Burkina Faso erklären lässt. Oder Pour le meilleur et pour l'oignon (Sani Magori, Niger, 2008), der einen Zwiebelbauern aus Galmi begleitet, welcher mit seiner Frau unter dem sozialen Druck steht, mit der nächsten Ernte endlich die Kosten für die standesgemäße Hochzeit ihrer Tochter aufbringen zu müssen. Der eingangs genannte Film Mâh Saah Sah mag mit der bunten Darstellung eines traditionellen Maskentanzes seinem europäischen Publikum Rechnung getragen haben. Aber gleichzeitig stellt er für sein afrikanisches Publikum die aktuelle Frage, inwieweit die Forderung nach Selbstbestimmung mit der Tradition in Einklang zu bringen ist.

Idealerweise können afrikanische Filme sowohl eine realistischere europäische Wahrnehmung Afrikas fördern, als auch afrikanische Auseinandersetzungen mit den rasanten gesellschaftlichen Veränderungen inspirieren. Sowohl in Europa wie in Afrika brauchen wir Filme aus vielfältigen emanzipierten Perspektiven. Filme, die aktuelle afrikanische Lebenswirklichkeiten reflektieren ebenso sehr wie Filme, die anregen, unsere Selbstverständlichkeiten in Bezug auf Europa zu überdenken.

FESPACO

Das Festival panafricain du cinéma et de la télévision de Ouagadougou FESPACO wurde 1969 gegründet und findet seitdem alle zwei Jahre statt. Es zeigt Filme aus den verschiedenen Kinokulturen Afrikas und der Diaspora: Spielfilme, Dokumentarfilme, Kurzfilme, Fernseh- und Videoproduktionen, Serien und Sitcoms. Sein Hauptpreis, der Étalon de Yennenga, wurde beim diesjährigen Festival (28. Februar bis 7. März 2009) an den Film Teza (Haile Gerima, Äthiopien, 2008) vergeben.

Die offizielle Website ist www.fespaco.bf


»Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau«

Eine verpasste Revolution in Burkina Faso

von Anne Mimault, Übersetzung Britta Nelskamp, erschienen am 15.04.2009

»Ich finde es normal, der Ehefrau im Haushalt zu helfen«, sagt Isidore und wirft seiner Freundin Pauline einen überzeugten Blick zu. Noch mit ihren beigefarbenen Schuluniformen bekleidet spazieren die beiden Gymnasiasten durch die Straßen von Koupéla, einer kleinen Stadt in Burkina Faso. Aber das junge Paar ist nicht alleine: Tausende Augen und Ohren verfolgen ihre Unterhaltung auf der großen Leinwand des französischen Kulturzentrums von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso in Westafrika.

Isidore und Pauline sind Figuren aus dem Dokumentarfilm Amour, Sexe et Mobylette von Maria Silvia Bazzoli und Christian Lelong, der auf dem größten Filmfestival Afrikas und seiner Diaspora, dem Fespaco, gezeigt wird. Pauline mault ihren doch so hilfsbereiten Freund an: »Wenn ich dich mit einem Besen in der Hand den Hof fegen sehen würde, würde ich dich nicht ernst nehmen. Das ist Frauenarbeit.« Und schon geht die Diskussion in dem großen Zuschauerraum unter freiem Himmel los. »Er hält sich für die Frau!«, ruft ein Mann. »Aber er hat doch Recht!«, entgegnet eine Frau.

Wie steht es mit der traditionellen Familienstruktur im »Land der Unbescholtenen« (Übersetzung von Burkina Faso) und vor allem in einer Stadt wie Ouagadougou, die von Tag zu Tag moderner wird? Welche Rolle hat die Frau in einem Land, in dem jede durchschnittlich sechs Kinder zur Welt bringt? Der Weltfrauentag, der jedes Jahr am 8. März statt findet, bietet eine Gelegenheit, Antworten auf diese Fragen bei den Frauen und Männern aus Ouagadougou zu finden.

Es ist 21 Uhr, stockdunkel und die für die Feier organisierte Kirmes ist in vollem Gange. In der Mitte von Vierecken aus wackeligen Holzbänken stehen Frauen mit großen blauen Plastikkanistern, aus denen sie dolo, das traditionelle Hirsebier, ausschenken. Die Männer sitzen und trinken. Nebenan singen und tanzen Frauen jeden Alters, schwingen ihre Hüften in klaren, schwungvollen Bewegungen von oben nach unten und von rechts nach links zu einem gerade in Mode gekommenen Rhythmus von der Elfenbeinküste, dem coupé décalé.

Raissa, eine 25-jährige Mutter, trägt ihr einjähriges Baby auf dem Rücken. Sie ist hergekommen, um das von ihr hergestellte dolo zu verkaufen, und hofft, bei dieser Feier ein gutes Geschäft zu machen. Ousmane genießt seine Kalebasse voll Hirsebier, die ihm Raissa eingeschenkt hat. Dieser junge Vater von etwa dreißig Jahren erklärt: »Die Frau ist die Frau. Sie ist es, die sich um die Küche, den Haushalt und die Kinder kümmert. So ist das eben. Dafür geht der Mann arbeiten und bringt das Geld nach Hause. Wenn man erst einmal anfängt, das zu ändern, würde die Welt aus der Bahn geraten! Es gäbe nur Chaos!« An diesem 8. März geht Ousmane mit seinen Freunden aus, während seine Frau beim Baby bleibt.

Aber es gibt nur wenige Frauen, die am Weltfrauentag nicht an der allgemeinen Feier teilnehmen. Haoua ist zur Imbissbude gekommen, um mit einer Freundin ein Bier zu trinken. Wie die meisten Frauen hat sie den »pagne des 8. März« gekauft und maßschneidern lassen, einen traditionellen Stoff, der mit dem Logo des Frauentags bedruckt wurde. Die Straßen von Ouagadougou haben sich in einen Laufsteg verwandelt, auf dem jede Frau ihre neue Bekleidung vorführt.

Mit mehr oder weniger tiefen Ausschnitten, kurzen oder langen Ärmeln, mit einer Kombination aus verschiedenen Stoffen – die Frauen aus Ouagadougou versuchen sich gegenseitig an Einfallsreichtum zu übertreffen, um die Schönsten zu sein. Aber das hat seinen Preis: Haoua gibt zu, dass sie sich nur zwei von den drei Stoffstücken habe leisten können, die für die Herstellung eines kompletten Gewandes nötig sind. Ein pagne kostet 6000 Francs CFA (etwa 9 Euro), dazu kommen noch die Kosten für den Schneider. In einem Land, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, ist das eine enorme Summe. »Aber das Kleid macht den Wert einer Frau aus«, unterstreicht die 26-Jährige, die nur bis zur siebten Klasse zur Schule gehen konnte.

Ludovic, ein weiterer Kunde am Imbiss, ist empört; er kann seine Aufregung kaum zurückhalten: »Die Frauen haben rein gar nichts verstanden, sie geben ihre gesamten Ersparnisse aus, um sich den Stoff leisten zu können wie ihre Nachbarinnen, oder sie gehen mit ihren Freundinnen oder ihrem Exfreund aus. Sie hintergehen uns, sie glauben, sie könnten sich alles erlauben!« Vor Wut wird er immer lauter: »Das ist der Tag des Sittenverfalls der Frau!« Der 33-jährige Zollbeamte bedauert, dass der Tag der Frau zu einem »Feier«-Tag der Frau geworden ist. Seiner Meinung nach verstehen die Frauen weder die Bedeutung eines solchen Tages noch nutzen sie die Gelegenheit, die ihnen weltweit geboten wird, um zusammenzukommen und einer dauerhaften Emanzipation den Weg zu ebnen.

Kann ein Mann der Richtige sein um festzulegen, was Frauen wollen oder wollen sollten? Haoua senkt beschämt den Blick, weil sie das diesjährige Thema des Tages nicht kennt, obwohl es auf dem schönen Kleid aufgedruckt ist, das sie trägt. So wie Pauline im Film erklärt sie: »Ich erwarte von meinem Mann nur, dass er Geld nach Hause bringt. Dann kann ich in Ruhe meinen Haushalt führen. Ich will auf keinen Fall, dass er sich in meine Haushaltsangelegenheiten einmischt, das ist allein mein Bereich.«

Marie vertritt einen ganz anderen Standpunkt als Haoua. Die Dame mit graumeliertem Haar verbringt die meiste Zeit außerhalb ihrer eigenen vier Wände: Sie ist Besitzerin eines Nachtclubs im neuen Botschafterviertel. »Wir sind schon emanzipiert, jetzt müssen wir uns nur noch amüsieren!«, ruft sie von einer improvisierten Terrasse auf dem Parkplatz eines türkischen Cafés. Nachts auszugehen bedeutet für Marie Arbeit; Unterhaltung ist für sie eher, in ein Café oder zu einem Konzert zu gehen oder mit Freundinnen einen Einkaufsbummel zu machen.

Nicht weit entfernt, in einem Friseursalon in einem beliebten Viertel im Norden der Hauptstadt, schminkt sich Alima gerade, um mit ihren Freundinnen auszugehen. Übertönt vom Lärm des Ventilators und der Straße ist ihre Stimme kaum zu hören: »Der 8. März sollte uns die Möglichkeit geben, die Situation der Frauen zu verbessern. Ich denke an all die, die von ihrem Mann eingesperrt oder misshandelt werden, an die Beschneidung, die der Frau jegliches Lustgefühl nimmt, an AIDS.« Einen Moment bleibt der jungen Frau die Stimme weg. Dann hebt sie den Kopf, mit festem Blick und einem Lächeln. »Aber wir sind stolz, jetzt unseren Tag zu haben, wir sind anerkannt, das ist schon mal sehr gut.« Wie die Mehrheit der Ouagalesinnen kommt Alima zurecht, sie verkauft Reis, stellt Saft her. So erlangt sie ein bisschen finanzielle Unabhängigkeit, so dass sie sich kaufen kann, was ihr gefällt. Alima blickt in den Spiegel und lächelt.

So wie Raissa, Haoua und Alima üben viele Frauen in Burkina Faso schwierige Berufe aus, die wenig Geld einbringen. Gleichzeitig müssen sie für den Haushalt und die Erziehung der Kinder sorgen. In seiner Reportage La Femme porte l’Afrique zeigt der Filmemacher Idriss Diabaté jene Frauen aus Burkina Faso und von der Elfenbeinküste, die attiéké (Couscous aus Maniok) verkaufen, Hirsebier brauen und trotz 40°C im Schatten stundenlang neben ihren Öfen ausharren, ohne sich jemals zu beklagen. Aber vielleicht wird auch Burkina Faso eines Tages eine Emanzipationsbewegung erleben. Und vielleicht wird sich Pauline dann freuen zu sehen, dass Isidore den Besen schwingt.


• Weltfrauentag (8. März): www.un.org (englische Version)
Pagne: traditionelles, bedrucktes Stück Stoff, das als eine Art Lendenschurz Hüften und Knie bedeckt; drei pagnes ergeben zusammengenäht ein Gewand.
• Das FESPACO ist das größte Filmfestival Afrikas. Es findet alle zwei Jahre in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, statt: www.fespaco.bf
• Der Dokumentarfilm Amour, Sexe et Mobylette ist seit dem 8. April 2009 in den französischen Kinos zu sehen: www.amoursexeetmobylette.com



»Feste teilen heißt doppelt feiern«

Weihnachten für alle Religionen in Burkina Faso

von Anne Mimault, Übersetzung Christina Felschen, erschienen am 15.01.2009

»Zu Weihnachten werde ich alle meine christlichen Nachbarn, Freunde und Cousins besuchen«, kündigt Adama an. Sein feines Lächeln bringt die Gesichtsnarbe zum Vorschein, die seine ethnische Zugehörigkeit verdeutlicht. Der junge Moslem sitzt in einem Maquis (Straßenkneipe) an einer der Hauptverkehrsadern von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, und beobachtet das unablässige Hin- und Her von Zweirädern und verrosteten Wagen. »Den 25. Dezember werde ich draußen verbringen, von einem Hof zum nächsten gehen und an jeder Station trinken und essen, was meine Gastgeber mir anbieten.«

In der ehemaligen französischen Kolonie gibt es viele Muslime, die wie Adama Weihnachten feiern. Denn in Burkina Faso kommt es häufig vor, dass beste Freunde oder sogar die engsten Familienmitglieder einer anderen Religion angehören: »Die wichtigsten Momente im Leben teile ich mit meinen Freunden und dazu gehören natürlich auch die religiösen Feiertage«, sagt der 27-jährige Familienvater hinzu. »Zu Ramadan oder Tabaski kehren die Rollen sich um: Dann kommen die Christen in meine Familie, in meinen Hof und wir bereiten die Feier vor.« Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: »Feste teilen heißt doppelt feiern.«

Burkina Faso, wörtlich das »Land der Unbescholtenen«, liegt im westlichen Zentralafrika und grenzt im Norden an die Sahelzone (Mali und Niger) und im Süden an die Küstenländer (Benin, Togo, Ghana, Côte d’Ivoire). Die Bevölkerung lebt zum größten Teil unter der Armutsgrenze, doch sie ist bekannt für ihre Fröhlichkeit, ihre Liebenswürdigkeit und ihren Spaß am Feiern. Die Burkiner sind ein sehr religiöses Volk: Nach einem halben Jahrhundert der Unabhängigkeit und einigen Annäherungen an Lybien bezeichnet sich gut die Hälfte der Burkiner als Muslime und ein Drittel als Christen.

Gleichzeitig behielten die traditionellen animistischen Religionen einen wichtigen Platz im Herzen dieser »Unbescholtenen«: Fast alle respektieren und fürchten die altüberlieferten Glaubensrichtungen und Riten. Die importierten Religionen werden an die indigene Kultur angepasst. »Es handelt sich bloß um verschiedene Arten ein und demselben Gott zu huldigen. Ganz egal, ob man nun Christ oder Moslem ist«, sagt Adama.

Zu mitreißenden Rhythmen christlicher Gesänge in der Moore-Sprache, die kontinuierlich im Radio übertragen werden, webt Kathé ein Faso-Danfani, einen traditionellen burkiner Stoff, der am Abend fertig werden soll. Der nächste Tag ist der 25. Dezember und ihre Kundin möchte ihren neuen Schurz um jeden Preis zur Weihnachtsfeier tragen.

Neben der jungen Auszubildenden durchquert die Hausherrin den betonierten Hof in einem rastlosen Hin- und Her zwischen dem Wasserhahn und den Kochtöpfen auf dem Holzfeuer. Mit Hilfe ihrer Tochter, ihrer Schwiegertochter, ihren fünf Nichten, ihren Auszubildenden und ihrer muslimischen Freundin bereitet die alte Weberin die Gerichte zu, die sie am nächsten Tag ihren Besuchern anbieten wird. Die Frauen drehen den Hühnern die Hälse um, rupfen und braten sie; sie waschen Gemüse mit Chlorwasser ab, schneiden und würzen es; sie mischen und zerkleinern die Gewürze und schmecken die Saucen damit ab.

»An den Feiertagen müssen wir unsere Besucher beeindrucken«, erklärt die Hausherrin, während sie ihre Hände an dem Gesicht von Jesus abtrocknet, das auf ein großes Tuch gedruckt ist, welches sie sich als Rock um die Hüften gebunden hat. »Deshalb bereite ich dieses Gericht vor, das aus dem üblichen Rahmen fällt: Gemüse und Spaghetti.«

Der Verzicht auf traditionelle Speisen zugunsten einer europäisierten Küche ist für ihren Mann Siméon ein deutliches Zeichen dafür, dass die Burkiner heute auch im Alltag ausreichend zu essen haben. Bevor der aktuelle Präsident Blaise Compaoré den Revolutionär Sankara vor 20 Jahren bei einem Staatsstreich stürzte, sah das noch ganz anders aus.

An einem schattigen Platz vor dem Haus, geschützt vor der unbarmherzigen Mittagssonne, lehnt Siméon sich im Sessel zurück und erinnert sich: »Damals bat Weihnachten die Gelegenheit, einmal ausreichend zu essen und sogar Fleisch. Der Familienvater gab seine ganze Ersparnisse für das Festtagsessen und eine neue Garderobe für seine Kinder aus. Heute bekommen die Jüngsten schon zum Schulanfang neue Kleidung und Fleisch ist keine Rarität mehr, zumindest nicht bei uns in der Hauptstadt.«

Am 25. Dezember kommt die Familie um 10.30 Uhr von der Messe zurück. Die ersten Besucher tauchen am Portal des Familienhofs auf und passieren die Krippe, die die Kinder errichtet haben, um das Jesuskind zu empfangen: Es sind die muslimischen Nachbarn. Zur Feier des Tages haben sie ihre schönsten traditionellen Kleider angelegt. Man umarmt sich: die Frauen mit vier Küsschen, die Männer mit vier kleinen Schlägen links und rechts auf die Stirn. Man platziert die Neuankömmlinge auf eigens ausgeliehenen Metallstühlen; man bietet ihnen die ersten Hühnchenstücke und ein Brakina an, das nationale Bier. Komplimente über die Kleidung und die Frisuren, über die Gesundheit der Kinder und der Familie machen die Runde. Nach kaum fünf Minuten werden die Besucher zum Portal zurückbegleitet. Nun ist der Hausherr an der Reihe: In seinem europäischen Anzug und begleitet von seiner Frau in traditioneller Kleidung besucht er alle seine Angestellten, bevor er in seinen eigenen Hof zurückkehrt, um dort weitere Besucher zu empfangen.

Den ganzen Weihnachtstag über ziehen Christen, Muslime und Animisten wie in einer Karavane von Hof zu Hof, um ihren Nächsten Respekt zu zollen. Tanzend, essend und trinkend feiern sie gemeinsam die Geburt Jesu Christi. Beim nächsten Tabaski-Fest wird es genauso sein.


Tabaski: westafrikanischer Ausdruck für Aïd el-Kebir, den wichtigsten islamischen Feiertag. Dabei erinnern sich die Muslime daran, dass Abraham Allah seinen Gehorsam erwies, indem er sich bereit erklärt, seinen Sohn Ismael für ihn zu töten. Im letzten Moment tauschte Allah den Sohn gegen ein Schaf aus. Zu Tabaski opfern die Muslime ein Schaf in Gedenken an diese Geschichte, die neben dem Koran auch im Alten Testament vorkommt.



Reise ohne Ankunft

Migrationsthematik im europäischen Dokumentarfilm

von Christina Felschen, erschienen am 15.10.2008






»Verloren im Herzen
des großen Babylon
nennen sie mich den »Illegalen«,
weil ich keine Papiere habe;
zum Arbeiten ging ich
in eine Stadt des Nordens,
mein Leben ließ ich zurück
zwischen Ceuta und Gibraltar.
Ich bin ein Strich im Meer,
ein Geist in der Stadt,
mein Leben ist verboten,
sagt die Obrigkeit.«
(Manu Chao: Clandestino.)

Tragische Bootsunglücke und Aufstände in den spanischen Flüchtlingsenklaven Ceuta und Melilla prägen unsere Wahrnehmung der afrikanischen Einwanderung nach Europa. Dabei bleiben der Alltag und das persönliche Schicksal der Flüchtlinge ohne Papiere größtenteils im Dunkeln, zumal diese im Schengenland in die Illegalität gedrängt werden und daher auf ihre Anonymität bedacht sind.

Doch seit einigen Jahren betreten europäische und afrikanische Filmemacher dieses schwer zugängliche Terrain: Die einen beschreiben das Leben und Arbeiten der »Illegalen« in Europa (Deutschland: Sans Papiers von David Rych, 2004, Frankreich: Paroles des Sans Papiers von Patrick Watkins, 2006), die anderen treffen die Flüchtlinge an einem seiner Ursprungs- oder Durchreiseorte in Afrika an, um dort die beschwerliche Reise zu Wasser und zu Land zu dokumentieren.

Gleich zwei Preisträger des internationalen Dokumentarfilmfestival FID Marseille setzen sich mit eben diesem Thema auseinander: In Bab Sebta (Preis der Jury Marseille Espérance) beobachten die portugiesischen Filmemacher Pedro Pinho und Frederico Lobo die Warterituale der Migranten am letzten Punkt ihrer Reise, dem Tor von Gibraltar. Ihre ethnografische Studie portraitiert Ceuta als Ort des Transits, als wirtschaftlichen und kulturellen Knotenpunkt und Symbol für einen Wendepunkt in der Biographie der einzelnen Migranten. In Nordmarokko und Südalgerien haben Charles Heller (Crossroads at the Edge of Worlds, Kreuzung an der Grenze der Welten, 2006) und Idrissou Mora-Kapi (Arlit, la deuxième Paris, Arlit, das zweite Paris, 2005) ähnliche Filmprojekte unternommen.

Ganz anders Mirages (Durch die Wüste, wörtlich: Fata Morgana), der Siegerfilm des Festivals: Darin begleitet Olivier Dury die ersten Tage eines Migrantenkonvois durch die Sahara, vom nigerischen Agadez bis Djanet im Südosten Algeriens. Der Titel kündigt bereits die doppelte Perspektive dieses Films an, der zwar in Afrika spielt, doch von (der Utopie) Europa handelt: Die Beschwernisse der Wüstendurchquerung, die die Migranten geduldig über sich ergehen lassen, spiegeln ihre Verzweiflung wie auch die Hoffnung wider, nördlich des Mittelmeers ein besseres Leben zu finden.

Durys Kamera folgt zwei Geländewagen, völlig überladen mit rund 40 jungen Männern, deren Füße beinahe den Sand berühren. Unter Führung der ortskundigen Tuareg-Nomaden kämpft sich der sagenhafte Tross über bucklige Pisten durch Buschland und Sandstürme voran. Schals und Turbane bieten den Männern kaum Schutz gegen den Sand und die unbarmherzige Trockenheit bei Tag; gegen den Nachtfrost kann auch das Lagerfeuer kaum etwas ausrichten.

Selten tauchen am Straßenrand Lebenszeichen auf, nur um gleich darauf wieder in der Unendlichkeit der Wüste zu verschwinden: Man sieht Kinder, die den einzigen Weißen im Konvoi erblicken, einen Frosch, der um sein Überleben kämpft und einen Geier, der auf die Verlierer dieses Kampfs wartet. In der Wüste bleiben die Männer für sich: Sie bleiben auf Distanz voneinander, kämpfen um den knappen Platz auf der Ladefläche und fixieren das Nichts, eine Mischung aus Müdigkeit und Hoffnung im Blick. Nur die Nacht bringt die einsamen Migranten einander näher, wenn das Lagerfeuer inmitten der unendlichen Wüste einen abgeschlossenen Raum schafft.

Olivier Dury bemüht sich um größtmögliche Objektivität: Er beschränkt sich aufs Beobachten, verzichtet auf einen Off-Kommentar und wählt sich nicht einmal einen Protagonisten aus der Gruppe der Migranten. Warum nehmen diese Männer aus dem Niger, dem Senegal oder Mauretanien einen solchen Leidensweg in Kauf? Ist es der Kampf ums Überleben? Sind es politische Gründe? Und was erwartet sie in Europa? Der Status eines »Illegalen«? Die Ausweisung? Der Film gibt mehr Fragen über die afrikanische Migration nach Europa auf als er beantwortet. Doch diese verrätselte Zurückhaltung ist gerade seine Stärke. Der Horizont vor und hinter der kleinen Karawane schwankt, flimmert und wird unscharf: Ebenso wie die Gründe ihrer Migration der Fantasie des Zuschauers überlassen werden, wissen die Reisenden selbst nicht, welcher Fata Morgana sie entgegensteuern.

In seinem Filmdebüt erfasst Olivier Dury ein komplexes Thema in poetischen Bildern und leisen Tönen. Immer wieder tauscht die Kamera des Franzosen stumme und verstehende Blicke mit den Menschen aus, deren Entwicklung von »Reisenden« zu »Migranten« und »Illegalen« Dury in diesem ungewöhnlichen »Road Movie« darstellt.

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Europa als Fata Morgana und Festung

Olivier Dury über seinen preisgekrönten Film Mirages

Interview (und Übersetzung) von Christina Felschen, erschienen am 15.10.2008

Die Luft über Marseille flimmert; im Alten Hafen bilden Hunderte weiße Segelboote eine schwimmende Stadt; Touristen in bunten Shorts, Afrikaner in Boubou- und Maghrebiner in Dschubbe-Gewändern flanieren vorüber. Festivalgäste tragen ihre Akkreditierungskarten wie eine Auszeichnung und rücken die Sonnenbrillen zurecht. In diesem Defilee des Sehen-und-Gesehen-Werdens wirkt Olivier Dury unscheinbar und einsilbig: Er trägt Jeans und T-Shirt, wirkt müde und vermeidet jede allgemeinere Äußerung zu den großen Themen seines Films: Migration und Armut. Als er zwei Tage nach dem Interview den Ersten Preis des Festivals gewinnt, spricht echte Überraschung aus seinem Blick.

Herr Dury, warum haben Sie die afrikanische Migration nach Europa zum Thema Ihres Films gemacht?

Während einer privaten Niger-Reise im Jahr 1998 bin ich mitten in der Nacht einem Fahrzeug mit illegalen Migranten begegnet. Ich war gerade am Einschlafen, als ich mich plötzlich Seite an Seite mit ihnen fand und wir uns anstarrten. Das war ein überwältigender Anblick. Sie waren wahrscheinlich genau so überrascht wie ich, dort einen Weißen ganz alleine zu sehen. Dieses Bild hat mich nach der Reise nie wieder losgelassen, so dass ich beschloss, einen Film daraus zu machen.

Wie haben Sie die Migranten denn gefunden und den Kontakt zu ihnen hergestellt?

Insgesamt bin ich etwa fünf Mal in den Niger gereist, um diesen Film zu drehen. Zu dieser Zeit hatte sich die Situation in Agadez verschärft und die Fahrten fanden zunehmend heimlich statt. Oft fuhr der Tross nachts los, so dass niemand etwas davon mitbekam. Die Chefs der Schleusergruppen in Agadez und Arlit wollen jedes öffentliche Interesse vermeiden. Ich bin ihnen daher aus dem Weg gegangen und habe außerhalb der Stadt auf den Migranten-Tross gewartet. Das war nur dank der Tuareg-Chauffeure möglich, die einverstanden waren, dass ich ihrem Wagen folgte.

Sie benutzen Untertitel, um dem Zuschauer eine Ahnung zu geben, worüber sich die Migranten in verschiedenen Sprachen unterhalten. Beherrschen Sie selbst die afrikanischen Sprachen, derer sie sich zum Teil bedienen?

Nein, während der Dreharbeiten habe ich selbst nur einen Teil ihrer Unterhaltungen verstanden. Mich haben sie immer auf Französisch angesprochen; untereinander aber sprachen die Migranten ein unglaubliches Gemisch aus Französisch, Englisch, Haussa und anderen indigenen Sprachen. Sie haben sich nach ihrer Herkunft gruppiert; ich habe sogar Raufereien zwischen französischsprachigen und englischsprachigen Migranten erlebt. Angesichts der Reisebedingungen ist das jedoch kein Wunder: Es ist ja nicht gerade leicht, mit demjenigen Freundschaft zu schließen, der einem auf den Füßen steht. Um einen Eindruck von ihren Unterhaltungen zu vermitteln, habe ich anschließend in Paris einen afrikanischen Übersetzer hinzugezogen.

Sie filmen zum Teil von der Ladefläche aus, man sieht die Enge und die schlechten Straßen. Hinzu kamen kalte Wüstennächte und Sandstürme. Wie laufen Dreharbeiten unter derartigen Bedingungen ab?

Das kann tatsächlich ein bisschen schwierig werden. Während des Sandsturms habe ich die Kamera gar nicht erst aus dem Wagen geholt, um kein Risiko einzugehen. Nachts, wenn die Temperaturen schnell unter fünf Grad fallen können, habe ich manchmal ein bisschen gefroren. Aber ich war viel besser dran als die »Reisenden«, denn im Gegensatz zu ihnen hatte ich einen Schlafsack. Einige hatten eine Decke, andere aber absolut gar nichts.

Ihre filmische Reise endet an der libyschen Grenze. Warum haben Sie die Migranten nicht noch weiter begleitet?

Ich habe mir gesagt, dass die komplette Reise sehr kompliziert werden könnte. Ich hätte eine Genehmigung gebraucht, um in Algerien zu filmen, wenn ich nicht auch illegal einreisen wollte wie sie. Außerdem musste die ganze Strecke nachts und ohne Scheinwerferlicht zurückgelegt werden und da hätte es sowieso nichts zu filmen gegeben. Dass ich etwas früher aufhöre, ändert aber nicht viel an meiner Geschichte.

Ihre Kamera klebt geradezu an den Migranten; sie lächeln ihr entgegen und sprechen manchmal ein paar Worte Französisch. Wie war Ihre Beziehung zu den ihnen? Woher kam dieses Vertrauen, das man im Film zu sehen meint?

Es ist schwierig, so allgemein von »der« Beziehung zu sprechen, denn auf den Wagen waren ja viele Individuen: So bin ich mit einigen Leuten von Anfang an gut ausgekommen und mit anderen gar nicht. Anfangs habe ich mir viel Zeit genommen, um ihnen zu erklären, was ich vorhatte; schließlich ist es ja immer etwas seltsam, so einen kleinen Weißen mit einer Kamera zu sehen. Ich glaube aber nicht, dass es möglich ist, eine wirkliche Beziehung mit so vielen Personen in so kurzer Zeit aufzubauen. Es handelte sich eher um gegenseitigen Respekt.

Gegen Ende der Dreharbeiten hat ein unvorhergesehenes Ereignis unsere Beziehung jedoch verbessert: Da die Migranten sich so schlecht ernähren, bekam einer schlimme Bauchschmerzen, und ich habe ihm ein bisschen geholfen. Von einem Moment auf den anderen fanden mich sicher alle viel sympathischer als vorher. Leider waren die Dreharbeiten da schon vorbei.

Inwiefern beeinflusst die Anwesenheit der Kamera die Atmosphäre einer solchen Reise?

Beim ersten Mal habe ich mir auch Sorgen darüber gemacht, dass ich einfach so mit meiner Kamera auftauche. Zu meiner großen Überraschung hat sie den Kontakt aber eher erleichtert: Abgesehen von einigen Migranten, die sich auf keinen Fall filmen lassen wollten, gab es viele, die spontan zu mir gekommen sind, um mir ihre Geschichte zu erzählen. Ich glaube, sie waren froh, dass sich jemand für sie interessierte.


Polizeisirenen stören das Interview immer wieder. Während Mirages und Bab Sebta über die Leinwände der Festivaltheater laufen, spielt sich unten am Hafen die letzte Szene der »Reise ohne Ankunft« ab, an die diese Filme erinnern: Beamte in Uniform lassen Sarkozys »Hochdruckreiniger« walten; immer wieder führen sie Ausweiskontrollen bei arabisch oder afrikanisch aussehenden Passanten durch. Ihre Gesichter ähneln denen, die im Großformat von den Festival-Leinwänden herunterschauen. Hier wie in den anderen Mittelmeerstädten nimmt die europäische »Fata Morgana« für sie die Gestalt einer Festung an.


Herr Dury, die Gesichter der Migranten sind in Ihrem Film gut zu erkennen; einige halten sogar ihre Mailadressen ins Bild. Dieses Verhalten gegenüber der Kamera überrascht mich; man hätte ja auch glauben können, als zukünftige »illegale« Europäer hätten sie Angst, später wiedererkannt zu werden.

Ich glaube, sie haben wichtigere Probleme. Außerdem sind sie zu Beginn ihrer Reise noch gar nicht »illegal« und wissen noch nicht mal, was das wirklich bedeutet. In Agadez sind sie in ganz normalen Verkehrsmitteln angekommen. Dort kaufen sie dann ein Ticket, auf dem zwar ein Abfahrts-, aber kein Ankunftsort steht. Die Wüstendurchquerung ist die erste wirklich heikle Etappe, während der jeder einzelne auch eine Vorahnung davon entwickelt, was das Leben als »Illegaler« für ihn bedeuten wird. Nur einige wenige wissen bereits Bescheid: Ich habe dort einen Ghanaer kennen gelernt, der schon zum dritten Mal die Wüste durchquerte. Einmal hatte er es bereits bis nach Frankreich geschafft, doch er war ausgewiesen worden. Dreieinhalb Jahre war er schon unterwegs.

Haben Sie als Regisseur die Migranten denn nicht gewarnt?

Ich habe versucht, ihnen zu erklären, dass ich diesen Film vor Publikum zeigen möchte. Falls er zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in einem Kino in Italien oder Frankreich läuft, werden sich einige vielleicht sagen: Ich verdecke lieber mein Gesicht, damit ich nicht erkannt werde. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass unsere liebe Regierung meinen Film anschaut, um die Migranten zu identifizieren.

Sie haben das Leben im Niger ebenso wie die Strapazen der Migration kennen gelernt. Warum, glauben Sie, versuchen diese Menschen nach Europa zu kommen?

Weil ihr Leben aus unterschiedlichen Gründen einfach unerträglich, unhaltbar, unmöglich ist. Weil der Mensch zumindest essen muss. Sie haben völlig andere Probleme als wir, als die Farbe des neuen Autos, usw. Die Migration wird immer weitergehen, so lange diese Menschen nichts haben.

Ausschnitte des Interviews als Hördatei (in französischer Sprache; 2,5MB)
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Zum Weiterschauen und -lesen

Dokumentarfilme über das Thema der afrikanischen Einwanderung nach Europa

• Dury, Olivier: Mirages (Durch die Wüste). Frankreich, 2007. 46 Min. TV-Erstausstrahlung: ARTE, 6. Juli 2008.
• Pinho, Pedro/ Lobo, Frederico: Bab Sebta. Portugal, 2008. 110 Min.
• Heller, Charles: Crossroads at the Edge of Worlds (Kreuzung an der Grenze der Welten). Schweiz, 2007. 37 Min.
• de No, Juan Luis: La Ciudad de la Espera (Die Stadt der Hoffnung). Spanien, 2006. 60 Min.
• Mora-Kapi, Idrissou: Arlit, la deuxième Paris (Arlit, das zweite Paris). Burkina Faso/ Frankreich, 2005. 78 Min.
• Watkins, Patrick: Paroles des Sans Papiers (Worte der Einwanderer ohne Papiere). Frankreich, 2006. 15 Min.
• Rych, David: Sans Papier – Illegalized People (Einwanderer ohne Papiere – Illegalisierte Menschen). Deutschland, 2004. 14 Min.

• Manu Chao: Clandestino. Virgin Records, 1998.

Olivier Dury ist 1967 in Paris geboren. Als Absolvent der kanadischen Vancouver Film School hat er verschiedene Berufe im Filmgeschäft ausgeübt und arbeitet heute als Filmemacher und Regisseur.

Zum Weiterlesen:

Festival International du Dokumentaire (FID) Marseille: fidmarseille.org (in französischer oder englischer Sprache)



Von Kolonialschuld und absoluter Fremdheit

Die Wahrnehmung des Romans Le Ventre de l’Atlantique in deutschen und französischen Medien

von Hanna Schofeld, erschienen am 15.04.2008

Als die franko-senegalesische Schriftstellerin Fatou Diome im Jahr 2003 ihren autobiographischen Roman Le Ventre de l’Atlantique (Der Bauch des Ozeans) in Frankreich veröffentlicht, avanciert dieser mit etwa 200.000 verkauften Exemplaren innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller. Damit einher geht ein breites Echo in Printmedien und Rundfunk. Noch im selben Jahr erscheint die deutsche Übersetzung als Hardcoverausgabe bei Diogenes und zieht auch im deutschsprachigen Raum Begeisterungsstürme nach sich.

Dieses Phänomen ist absolut ungewöhnlich, weil afrikanische Literatur in Frankreich traditionell schon mit 4000 Exemplaren als erfolgreich gilt, in Deutschland sogar bei noch niedrigeren Auflagen. Somit markiert Diomes Roman Le Ventre de l’Atlantique eine Zäsur in der deutschen und französischen Rezeption afrikanischer Literatur. Doch wo liegt der Grund für diesen überwältigenden Erfolg? Ein Blick in den Inhalt des Romans sowie in die zahlreichen Rezensionen in deutschen und französischen Printmedien können hier Aufschluss geben.

In ihrem Roman Le Ventre de l’Atlantique verarbeitet Fatou Diome eigene Migrationserfahrungen in Frankreich auf künstlerische Weise. Die Handlung spielt abwechselnd in Straßburg, wo die Ich-Erzählerin Salie arbeitet und studiert, sowie auf ihrer senegalesischen Heimatinsel Niodior, wo ihr Bruder noch immer wohnt. Telefonate zwischen den Geschwistern verknüpfen die beiden Handlungsorte und gliedern die Handlung. Thema dieser Telefonate ist der Fußball, denn Madické ist Fan des italienischen Nationalspielers Maldini. Zum Zeitpunkt der Handlung findet gerade die Fußballweltmeisterschaft 2002 statt. Die Tatsache, dass Madické selbst Fußball spielt und Maldini unbedingt einmal live erleben möchte, lassen den Wunsch in ihm reifen, selbst nach Frankreich zu kommen, um sich dort als Fußballspieler seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei setzt er auf die Hilfe seiner Schwester Salie. Doch diese ist von der Idee wenig begeistert, da sie die von Rassismus und Diskriminierung geprägten Lebensbedingungen der Migranten in Frankreich kennt. Dieser Wirklichkeit gegenüber stehen die Geschichten von Migranten, die nach Niodior zurückgekehrt sind: Um ihren eigenen Stand in der Dorfgemeinschaft zu verbessern, beschönigen die meisten Rückkehrer ihren eigenen Frankreichaufenthalt und lassen eine Migration so erstrebenswert erscheinen.

Bis Madické am Ende mit Salies finanzieller Unterstützung einen kleinen Laden auf Niodior eröffnet und damit beschließt, im Senegal zu bleiben, erscheint das Panorama verschiedenster Figuren und ihrer Geschichten vor den Augen des Lesers. Einerseits zeichnen diese ein Bild der Inselgemeinschaft und verdeutlichen, warum Salie nicht mehr in den Senegal zurückkehren möchte. Andererseits illustrieren einige Portraits erlebte Migration und sollen so dazu dienen, Madické zu überzeugen, sein Glück in seinem Heimatland zu versuchen.

Wie nun wurde dieser Roman von den deutschen und französischen Printmedien aufgenommen? Bei einem Vergleich von 21 französischen und 19 deutschen Rezensionen, die in regionalen und überregionalen Zeitungen und größeren überregionalen Magazinen erschienen sind, lassen sich folgende Tendenzen festhalten: Zum Ersten ist der Rückgriff auf traditionelle »europäische« Wahrnehmungsformen afrikanischer Literatur allgegenwärtig. Typisch für diese Wahrnehmung ist zum einen, dass ein fiktiver Text als landeskundliche Information aufgefasst wird, sobald er aus der Feder eines afrikanischen Autors oder einer afrikanischen Autorin wie Diome stammt. Auch die Exotisierung und Erotisierung von Afrikanern und von ganz Afrika spielt eine Rolle in den Kritiken über Diomes Roman. Darunter fällt auch die Metapher des »dunklen Kontinents«, mit dem die Kritiker Afrika etwas Mystisches und Unheilbringendes zuschreiben. In dieser Hinsicht auffällig an den Kritiken ist auch die Infantilisierung von Afrikanern, indem diesen ein ständiges »Banania-Grinsen« zugeschrieben wird, also das der Kakaopulver-Werbefigur. Zuletzt bleibt die journalistische Reaktion auf den erfolgreichen Roman der Franko-Senegalesin Diome auch insofern im eurozentrischen Denken verhaftet, als dass Sprachgestaltung und biographische Daten überbetont werden – zu Ungunsten des Inhalts.

Etwa drei Viertel der Rezensionen bewerten den Roman positiv, wobei sie überwiegend die poetische und authentische Sprache, den humorvollen Stil sowie den landeskundlichen Informationsgehalt des Romans als Bewertungskriterium heranziehen. Bei etwa der Hälfte der deutschen und französischen Rezensionen steht die Autorin selbst im Mittelpunkt, in Gleichsetzung mit der Ich-Erzählerin Salie. Gemeinsam haben die Rezensionen beider Länder, dass sie den Topos des sozialen Aufstiegs »vom Tellerwäscher zum Millionär« betonen, indem sie die Vita der Autorin stark stilisieren und Frankreich als Land der unbegrenzten Möglichkeiten für Migranten darstellen. Doch es gibt auch länderspezifische Ausprägungen der Kritiken: So erfährt die Autorin eher in den französischen Zeitungen und Zeitschriften eine Erotisierung und Exotisierung wie auch eine Infantilisierung durch Überbetonung ihrer Jugend und ihres »Dauerlächelns«. In Deutschland wird die Autorin und das gesamte Werk eher in den Kontext des Diskurses um die »Dritte Welt« und die »Festung Europa« wie auch des aktuellen Gegensatzes zwischen »islamischer Welt« und »westlicher Welt« eingebettet.

Während Fatou Diome gleichermaßen ausführlich wie kritisch das Leben auf Niodior und als Migrantin in Frankreich schildert, so gehen die Rezensionen doch überwiegend auf die Situation der Migranten in Frankreich ein. Dabei wird ein Zusammenspiel aus empfundener Kolonialschuld (Frankreich) und Wahrnehmung von absoluter Fremdheit von Migranten (Deutschland) deutlich. Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass der überragende Erfolg des Romans in beiden Ländern vor allem im Zuge des »Selbstfindungsprozesses« Frankreichs und Deutschlands als Einwanderungsländer gesehen werden kann. Zur Blütezeit der Buchbesprechungen im Jahr 2005 hatte Clichy-sous-Bois während den französischen Vorstadtunruhen eine traurige, und der heutige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy mit seiner Politik der »Tolérence zéro« eine umstrittene Berühmtheit erlangt. In Deutschland ist zum 1. Januar desselben Jahres ein Zuwanderungsgesetz verabschiedet worden, welches den Status als Einwanderungsland offiziell anerkennt.

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Fatou Diome

wird im Jahr 2001 mit La Préférence nationale, einer Sammlung von sechs Novellen, in der französischen Literaturszene begrüßt. Ursprünglich von der senegalesischen Insel Niodior stammend, lebt, studiert und arbeitet sie seit 1994 in Straßburg und besitzt inzwischen die französische Staatsbürgerschaft. 1968 als uneheliches Kind geboren, wird sie von ihrer Großmutter aufgezogen und beginnt ihre Ausbildung mit zunächst heimlichen Besuchen in der örtlichen Grundschule von Niodior, da für sie anfangs eine offizielle Einschreibung fehlte. Um die weiterführende Schule besuchen zu können, verdient sie sich ihren Lebensunterhalt durch Hilfstätigkeiten im Haushalt, lebt aber zeitweilig auch auf der Straße. Mit 20 legt sie ihr Abitur ab und schreibt sich an der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar für ein Literaturstudium ein. In Dakar lernt sie auch ihren späteren Ehemann kennen, einen französischen Entwicklungshelfer, mit dem sie 1994 gemeinsam nach Frankreich geht. Dort führt sie ihr Studium an der Universität von Straßburg fort und verdient sich als Putzfrau ihren Lebensunterhalt. Die Ehe scheitert schließlich, so Diome, aufgrund rassistischer Einstellungen der Familie ihres Mannes.

Inzwischen hat sie das Studium beendet, schreibt an einer Doktorarbeit und arbeitet als Dozentin an der Universität Straßburg. Fatou Diome ist ebenfalls mit einer eigenen Literaturkritiksendung im Fernsehen vertreten. Ihr neuester Roman Kétala erzählt die Geschichte von »der Traurigkeit von Möbeln eines Verstorbenen«, die nach einer muslimischen Sitte am achten Tag nach der Beerdigung an die Familienmitglieder verteilt werden. Diome ist 2005 mit dem deutschen Literaturpreis LiBeratur ausgezeichnet worden.

Zum Weiterlesen:

• Diome, Fatou: Le Ventre de l’Atlantique. Paris: Editions Anne Carrières, 2003.
• Diome, Fatou: Der Bauch des Ozeans. Zürich: Diogenes, 2003. (Hardcover)/ Zürich: Diogenes, 2006. (Paperback)
• Diome, Fatou: La Préférence Nationale. Dakar/ Paris: Présence Africaine, 2001.
• Diome, Fatou: Kétala. Paris: Flammarion, 2006.

• Loimeier, Manfred: Die Macht des Wortes. Das journalistische Interview als Rezeptionsform afrikanischer Literaturen. Bayreuth: African Studies Series Pia Thielmann & Eckard Breitinger, 2006.
• Gouaffo, Albert: Fremderfahrung und literarischer Rezeptionsprozeß. Frankfurt a. M.: IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 1998.
• Bourdieu, Pierre: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1999.
• Schwarz, Thomas: Die Tropen bin ich! Der exotistische Diskurs der Jahrhundertwende. In: kultuRRevolution (32-33/ 1995). S. 11-21.
• Bourdieu, Pierre: Le champ littéraire. Préalables critiques et principes de methodes. In: Lendemains. Zeitschrift für Frankreichforschung und Französischunterricht (36/ 1984). S. 5-20.
• Riesz, János: Koloniale Mythen – Afrikanische Antworten. Europäisch-Afrikanische Literaturbeziehungen I. Frankfurt a. M.: IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 1993.



Vom Trend- zum Orchideenfach

Deutschunterricht im Senegal

von Bineta Diagne, Übersetzung Christina Felschen, erschienen am 01.02.2008

»Man spricht viel von früher./ Es wurde viel von früher gesprochen.«, schreibt eine Schülerin schwungvoll an die Tafel, die linke Hand in der Tasche ihrer Jeans vergraben. Es ist 11 Uhr in Dakar, der Hauptstadt des Senegal im frankophonen Westafrika. Die Schülerinnen der »première«, der zehnten Klasse des literarischen Zweigs der Mädchenschule J. F. Kennedy, alle in rosafarbene Blusen gekleidet, beginnen ihren Deutschkurs mit einem Kapitel über den Gebrauch des Passivs. Eine knifflige Aufgabe, findet Seynabou Touré: »Das Schwierigste im Deutschunterricht ist für mich die Konjugation unregelmäßiger Verben. Wie fügt man sie zusammen, mit welchen Hilfswörtern wendet man sie an?«

Im Gegensatz zu den meisten Klassenkameradinnen kommt Seynabou aus einem Collège mit technischem Schwerpunkt. In diesen Schulen beginnt der Deutschunterricht erst in der neunten Klasse (»seconde«), am sprachlich-literarischen Zweig des Lycée bereits in der siebten Klasse (»quatrième«). Daraus resultiert ein heterogenes Niveau: »Unsere Schülerinnen haben sehr unterschiedliche Hintergründe«, erklärt Fatima Kamara, die Deutschlehrerin. »Das kostet uns im Unterricht Zeit, weil wir alles komplett wiederholen müssen, um den Neuen den Anschluss zu ermöglichen. Wir können nicht gleich mit dem neuen Programm loslegen.«

Zur Schwierigkeit, dass die Lehrer hier sehr viel Feingefühl mitbringen müssen, kommt hinzu, dass die Schüler nur einen begrenzten Zugang zu Schulbüchern haben. Anfang Januar ist das Schuljahr bereits weit fortgeschritten. Doch wie die meisten ihrer Mitschülerinnen hat Seynabou noch immer nicht ihre ganze Ausstattung zusammen. Denn, so erklärt sie: »Deutschbücher sind dieses Jahr rar. Ich habe nur das Übungsbuch bekommen, nicht aber das Lehrbuch. Dabei habe ich fast überall gesucht.« Die Bücher sind meistens in Antiquariaten erhältlich, die gewöhnlich »librairies par terre«, Büchereien auf dem Boden, genannt werden. Doch der Bestand ist erschöpft, informieren die Schülerinnen. Sie begnügen sich mit fotokopierten Seiten aus dem Buch ihrer Lehrerin. Wie zur Bestätigung ihrer Äußerungen erklärt Kamara, dass seit fast acht Jahren keine Deutschbücher mehr gedruckt werden: »Vorher wurden die Bücher in Deutschland herausgegeben. Doch irgendwann hat sich die Bundesrepublik da ausgeklinkt. Sie hat die senegalesische Regierung beauftragt, die Bücher vor Ort herauszugeben. Aber es hat niemals die entsprechenden Subventionen gegeben. Und seither gibt es hier keine Deutschbücher mehr.« Ohne Bücher finden sich die Lehrer damit ab, jedes Jahr das gleiche alte Buch zu verwenden. So wird das Programm selten erneuert.

In ihren 17 Berufsjahren als Lehrerin hat Fatima Kamara bei ihren Schülerinnen ein wachsendes Desinteresse an der deutschen Sprache festgestellt. Ihr zufolge ist dieser Motivationsmangel teilweise durch die Unterrichtsbedingungen zu erklären: »In den Neunzigerjahren haben wir noch eine gewisse Schwärmerei der Schülerinnen für das Deutsche verspürt«, erinnert sich Kamara. »Doch heute interessieren sie sich immer weniger für diese Sprache. Früher bekamen die Deutschschülerinnen auch bestimmte Anreize vom senegalesischen Staat, wie zum Beispiel Bücher, Stipendien oder Magazine.«

Ohne diese Fördermaßnahmen wählen die Schülerinnen immer seltener Deutsch als zweite Fremdsprache. Am Lycée JFK beispielsweise schreiben sich in der siebten Klasse drei Viertel aller Schüler stattdessen für den Spanischunterricht ein. Die Übrigen verteilen sich fast alle auf Arabisch und Portugiesisch. Deutsch steht ganz unten auf ihrer Wunschliste. Davon zeugt auch der Zustand der Abschlussklasse, die zur Hälfte leer ist. Etwa fünfzehn Schülerinnen sitzen dort. Ein Anblick, der die Deutschlehrer nostalgisch werden lässt in Erinnerung an eine Zeit, als die deutsche Sprache an den Schulen im Senegal noch in voller Blüte stand, selbst außerhalb der Hauptstadt Dakar. »Damals unterrichtete ich in der Stadt Tivaouane, einige Kilometer von der Hauptstadt entfernt«, erinnert sich Kamara. »Selbst dort waren die Klassen voll. Wir hatten fast 50 Schüler und haben sogar Clubs organisiert.«

Dennoch, trotz all der Schwierigkeiten, auf die sie stoßen, haben einige Schülerinnen die Begeisterung für das Deutsche bewahrt. Durch diese Sprache entdecken sie eine neue Kultur. So auch Awa Diakhaté, die seit vier Jahren Deutsch lernt. Sie hat ihre Leidenschaft für diese Sprache durch einen Onkel bekommen, der in Deutschland Medizin studiert hat. Für die Schülerin sind die Unterrichtsthemen »interessant, weil sie das Leben der Deutschen oder ihr Schulsystem behandeln.« Sie und Seynabou fühlen sich sogar ermuntert, in Deutschland zu studieren. Der Deutschunterricht ist für sie ein Weg die deutsche Gesellschaft kennenzulernen, die ihnen so entfernt erscheint.


»Uns fehlt eine staatliche Buchbeihilfe«

Interview von Bineta Diagne, Übersetzung Christina Felschen, erschienen am 01.02.2008

Ibrahima Diop ist Leiter des Fachbereichs Deutsch an der Hochschule von Dakar. Im Interview mit rencontres spricht er über die veränderten Unterrichtsbedingungen im Fach Deutsch, das sich im Senegal mittlerweile in einer tiefen Krise befindet.

Herr Diop, der Deutschunterricht in Dakar scheint wie gelähmt dadurch, dass die Lehrbücher nicht erneuert werden. Die Buchhandlungen haben keine mehr im Bestand. Das kann man in mehreren Schulen feststellen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Die Frage der Lehrbücher ist wirklich ein Problem. Vor rund 20 Jahren wurden sie noch von der damaligen westdeutschen Regierung verlegt und kostenlos verteilt. Die erste Generation des Buchs Yao lernt Deutsch war für alle Länder der afrikanischen Frankophonie bestimmt. Im Jahr 1991 haben deutsche Universitäten und afrikanische Lehrer in Zusammenarbeit das Unterrichtswerk Ihr und wir erstellt, dessen pädagogische Qualität sehr gut ist. Seit 1996/1997 musste jedes afrikanische Land die benötigte Anzahl von Büchern selbst drucken. Die deutsche Regierung hatte sich zuvor aus dem Mutterverlag zurückgezogen und die afrikanischen und deutschen Autoren nicht weiter beschäftigt. Die Verantwortung für den Druck hat sie den Bildungsministerien der einzelnen Länder übertragen. Leider ist so ein national bezuschusster Druck im Senegal gar nicht erst angelaufen. Im Unterschied zu Kamerun und der Elfenbeinküste, wo es funktioniert hat.

Warum hat der Druck der Lehrbücher denn nicht auch im Senegal funktioniert?

Die Verlagshäuser haben wirtschaftliche Gründe vorgebracht. Und das ist verständlich. In Kamerun und der Elfenbeinküste gibt es zehnmal so viele Deutschschüler – 110.000 bzw. 100.000 – wie bei uns im Senegal, wo es gerade einmal 10.000 Schüler lernen. Die Verlagshäuser finden es nicht rentabel, für so wenige Schüler Lehrbücher zu drucken – und das zu einem bescheidenen Preis. Denn um die Kaufkraft der Schüler zu berücksichtigen, haben wir ausgehandelt, dass das Buch zu 3500 Franc CFA (ca. 5,30 Euro, Anm. d. Red.) erhältlich sein soll. Das Problem ist, dass das senegalesische Bildungsministerium kein Interesse daran zeigt, die Auflage von Deutschbüchern zu subventionieren. Für Schulbücher anderer Fächer zahlt es allerdings Subventionen. Einige werden sogar kostenlos an die Schüler vergeben, weil die Kaufkraft ihrer Eltern gering ist. Leider ist das im Fach Deutsch nicht der Fall.

Welche Lösung gibt es in einer solchen Situation für die Schüler?

Wenn sie die entsprechenden finanziellen Mittel haben, machen die Schüler Fotokopien. Aber so können wir nicht weitermachen: Erstens ist es so am Ende doch viel teurer. Außerdem bleibt eine Fotokopie ein fliegendes Blatt. Schließlich zerstört diese Praxis die kommerzielle Vermarktung des Buchs.



Togo-Reihe

Einen Monat lang zeigt rencontres jede Woche eine andere Perspektive auf dieses kleine Land der großen Hoffnungen:


15. Oktober 2007: Schwerpunkt Politik
22. Oktober 2007: Theater des Widerstands
29. Oktober 2007: Schwerpunkt Exil
5. November 2007: Kult(ur(en)) Westafrikas


Der mühsame Weg in die Freiheit

Togo zwischen Resignation und Zuversicht

von Christina Felschen, erschienen am 15.10.2007

»Ablodé! Ablodé! Ablodé!«, riefen die Oppositionspolitiker im westafrikanischen Togo von ihren Wahlkampfbühnen, so schallte es in Sprechchören zurück, so ist es auf Hauswänden in der Hauptstadt Lomé und auf den Lippen von Exilanten in Deutschland zu lesen: »Freiheit! Freiheit! Freiheit!« Und dieses Mal wurden ihre Hoffnungen nicht enttäuscht: Erstmals seit 40 Jahren fanden am Sonntag, den 14. Oktober 2007, im westafrikanischen Togo freie Wahlen statt. 

Die Szenen, die sich in diesen Tagen in Togo und der togoischen Diaspora auf der ganzen Welt abspielen, erinnern an das Jahr 1960, als das kleine westafrikanische Land nach Jahrzehnten der deutschen (1884-1922) und französisch-britischen (1922-1960) Kolonialherrschaft seine Unabhängigkeit erlangte. 

Denn die Freiheit – in der einheimischen ewe-Sprache Ablodé genannt – hatte nicht lang gewährt: Von 1967 bis 2005 regierte Gnassingbé Eyadéma das Land in einem Stil, den sein ehemaliger Ministerpräsident Agbéyomè Messan Kodjo inzwischen als »monarchisch-despotisch« beschreibt: Menschenrechtsverletzungen und Verfolgung standen an der Tagesordnung und trieben Hunderttausende ins Exil. Schon einen Tag nach Eyadémas Tod am 5. Februar 2005 ergriff dessen Sohn Faure Gnassingbé die Macht und suchte seinen Staatsstreich im Nachhinein durch Wahlen zu legitimieren, die nach Einschätzung internationaler Beobachter jedoch große Unregelmäßigkeiten aufwiesen. Dasselbe Militär, das schon 1993 eine halbe Million Menschen in die Flucht getrieben hatte, schlug die darauffolgenden Volksaufstände blutig nieder und ließ nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR abermals 30.000 Menschen ins Exil gehen. (Mehr über die Diaspora der politischen Flüchtlinge erfahren Sie im dritten Teil unserer Serie ab dem 29. Oktober 2007. )

Dass dennoch Parlamentsneuwahlen beschlossen wurden, kommt auf den ersten Blick einem Wunder gleich. Wie schon in Mosambik, dem Kongo und an anderen Konfliktherden hat die katholische Laienorganisation Sant’Egidio im Juli 2007 zwei Erzfeinde an den Verhandlungstisch gebracht: Präsident Faure Gnassingbé und Oppositionsführer Gilchrist Olympio trafen sich zum Erstaunen des ganzen Landes nach zwölfjähriger Funkstille ihrer Parteien zu Gesprächen in Rom. Die Symbolik von Versöhnung und Neubeginn ist umso größer, zumal schon ihre Väter Konkurrenten um das Präsidentenamt waren: Gnassingbés Vater Eyadéma hatte Olympios Vater Sylvano als ersten demokratisch gewählten Präsident Togos im Jahr 1963 stürzen und ermorden lassen. Auch Gilchrist Olympio selbst war durch Eyadémas Verfassungsänderung im Jahre 2003 gezielt an einer Kandidatur gehindert worden, indem dieser eine »Residenzpflicht« für Präsidentschaftskandidaten einführte, die der im französischen Exil lebende Olympio nicht erfüllte. Die Sant’Egidio-Gespräche legten den Grundstein für ein Kooperationsabkommen aller politischen Kräfte, das im August 2006 getroffen wurde.

Diese Kehrtwende mag erstaunen, doch ist sie weniger einem Gesinnungswandel als der schieren wirtschaftlichen Notwendigkeit geschuldet: Die Lebensbedingungen in Togo sind erbärmlicher denn je: Mehr als die Hälfte der Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, auf 20.000 Einwohner kommt gerade einmal ein Arzt (in Frankreich und Deutschland beträgt dieses Verhältnis 1:300) und die Hälfte der Erwachsenen kann weder lesen noch schreiben. Unterdessen erreicht die Staatsverschuldung des kleinen Landes bald 90 Prozent seines Bruttosozialprodukts. (Mehr über Entwicklungsprobleme des Landes lesen Sie im vierten Teil unserer Serie ab dem 5. November 2007. )

Bis in die Achtzigerjahre hinein war Eyadémas Regierung – vor allem wegen der reichen Phosphorvorkommen im Land – noch ein wichtiger Handelspartner für die Europäer, obwohl sich der Präsident zunehmend mit Gewalt an der Macht hielt. Doch als ein französischer und ein deutscher Minister bei einem Besuch in Lomé 1993 mit ansahen, wie Militärs das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffneten, stellte die EU die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Togo weitgehend ein – nur Paris hält Lomé die Treue.

Frankreichs Beziehungen zu Togo sind ein Kapitel für sich: Von Charles de Gaulles bis Jacques Chirac unterstützten sämtliche französische Präsidenten Gnassingbé Eyadéma finanziell wie auch militärisch. Dafür verteidigte der Diktator, ehemals Unteroffizier bei der französischen Kolonialarmee, weiterhin die Interessen Frankreichs in der Region. Das strategisch günstig gelegene Land am Golf von Guinea ist für Frankreich ein wichtiger Stützpunkt für seine umstrittenen militärischen Operationen in den frankophonen Nachbarländern, darunter Krisenstaaten wie die Elfenbeinküste oder der Kongo. Auch ein halbes Jahrhundert nach der Unabhängigkeit hat Frankreich noch zwischen 800 und 1000 Soldaten in der ehemaligen Kolonie stationiert. Damit gibt es in Togo mehr Männer in Khaki als ausgebildete Lehrer, die Militärausgaben sind so hoch wie das Budget im Gesundheits- und Bildungswesen zusammen. Schon seit langem geht die französische Regierung mit afrikanischen Diktatoren ein win-win-Verhältnis ein, bei der das afrikanische Volk nur verlieren kann: Als Dank für Rohstoffausfuhren und militärischer Einfluss sur le terrain sieht Frankreich über Menschenrechtsverletzungen großzügig hinweg, etwa beim ruandischen Genozid im Jahre 1994.

Offiziell begründet das französische »Mutterland« seine »Kooperation« mit dem hehren Ziel, die jungen Nationen in ihrer Entwicklung begleiten zu wollen. Zum Tod des togoischen Diktators Eyadéma erklärte der französische Staatspräsident Jacques Chirac öffentlich: »Mit ihm stirbt ein Freund Frankreichs, der für mich ein persönlicher Freund war. [...] Mit Sicherheit spürt Afrika den fürchterlichen Schmerz angesichts des Verlusts dieses Mannes, der sich seit so vielen Jahren für regionale Zusammenarbeit, für Vermittlung und für den Friedensprozess eingesetzt hat.« Mit Eyadémas Sohn Faure Gnassingbé verfuhr die französische Regierung ebenso großzügig: Ungeachtet der manipulierten Wahlen und der Gewaltausschreitungen erkannte Frankreich seine Präsidentschaft als einziges EU-Land an und empfing ihn schon wenige Monate später als Staatsgast in Paris – eine Haltung, die landesweit nicht nur in der togoischen Exilgemeinde auf Proteste stieß. 

Die Organisation freier und transparenter Parlamentswahlen gehört zu den Schritten, die Lomé auf Brüssel zugehen muss, ehe die EU das Embargo aufheben wird. Dafür hat die Europäische Union gemeinsam mit der Afrikanischen Union (AU), der Internationalen Organisation der Frankophonie (OIF) und der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) insgesamt 3500 Wahlbeobachter in das kleine Land am Golf von Guinea entsandt. Sie sollen verhindern, dass die Wahlen ähnlich wie im Jahr 2005 einer Manipulation durch doppelte Stimmabgaben, verschwundene Urnen, Zerstörung der Computersysteme zur unabhängigen Stimmauszählung, Ausfall des öffentlichen Telefonnetzes und Internetzugangs sowie durch eine Medienzensur anheim fallen könnte.  Die Wahlen sind Teil der internationalen Charmeoffensive von Präsident Faure Gnassingbé und seiner Partei RPT (Rassemblement du Peuple Togolais/ »Zusammenschluss des togoischen Volkes«), der das Land bereits die Regierungsneubildung unter Premierminister Yawovi Agboyibo von der moderaten Oppositionspartei CAR (Comité d'action pour le renouveau/»Aktionskommitee für die Erneuerung«) im September 2006 zu verdanken hat.

Dessen ungeachtet kontrolliert die RPT jedoch noch immer einen großen Teil der Regierung, die Armee, die Wahlorganisation CENI sowie das Verfassungsgericht. Der Reformkurs, den die Regierungspartei RPT seit 2005 zur Schau stellt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich bis heute nicht vom Parteigründer und Vater des Präsidenten, Gnassingbé Eyadéma, distanziert hat: Bis heute gedenkt die Partei dem Diktator als »Vater der Nation« und bezeichnet einen Putschversuch gegen diesen ganz im Zeitgeist des 21. Jahrhunderts als »Terrorakt«, dessen blutige Niederschlagung durch die französische und togoische Armee sie erst vor kurzem wieder als Feiertag beging. Aktuelle Berichte von amnesty international lassen die Vereinbarungen von Sant’Egidio wie leere Worte klingen: Noch immer leben Tausende Togoer im Exil – aus der begründeten Angst, bei ihrer Rückkehr verhaftet zu werden oder einfach zu »verschwinden«. Nach Beobachtungen der Menschenrechtsorganisation werden Sympathisanten der Opposition bis heute ohne Verfahren und unter schlechten Haftbedingungen bis hin zur Folter im Hauptgefängnis von Lomé festgehalten. Die Verantwortlichen für die politische Gewalt bei den Präsidentschaftswahlen 2005 genießen dagegen noch immer völlige Straffreiheit.


Die Parlamentswahl 2007 in Zahlen
• Wahlberechtigte: etwa 2,9 Millionen der 6,2 Millionen Togoer (rund 50 Prozent der Bewohner ist minderjährig)
• etwa 2.200 Kandidaten aus 32 Parteien und unabhängigen Listen
• größte Parteien:
RPT: Rassemblement du peuple togolais (Versammlung des togoischen Volkes), Vorsitzender: Staatspräsident Faure Eyadéma
CAR: Comité d'action pour le renouveau (Aktionskommitee für die Erneuerung), Vorsitzender: Premierminister Yawovi Agboyibo
UFC: Union des forces de changement (Union der Kräfte für den Wandel), Vorsitzender: Gilchrist Olympio
• 3.500 Wahlbeobachter der Afrikanischen Union (AU), der Internationalen Organisation der Frankophonie (OIF) und – für eine längerfristige Beobachtung von Anfang September bis November 2007 – der Europäischen Union, sowie militärische Wahlbeobachter der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS)
• jüngste Parlamentswahlen: 2002 unter Boykott der Oppositionspartei, 72 der 81 Sitze gingen an die RPT
• jüngste Präsidentschaftswahlen: 2005 unter massiven Unregelmäßigkeiten, von der EU (mit Ausnahme von Frankreich) nicht anerkannt

Zum Weiterlesen
• Archiv-Bericht der TIME über Togos Unabhängigkeit : Masters in Our Own House, 12.5.1958: www.time.com
ZEIT-Artikel über europäische Interessen in Westafrika: Warum Togo wichtig ist. Westafrikas Staaten sind einsturzgefährdet. Von Bartholomäus Grill, 04.05.2005: www.zeit.de
• Das französische Außenministerium über die französisch-togoischen Beziehungen:  www.diplomatie.gouv.fr
• Länderinformationen aus der Sicht des Auswärtigen Amts: www.auswaertiges-amt.de
• Menschenrechtsbericht 2007 von amnesty international über Togo (auf Französisch und Englisch): http://thereport.amnesty.org
• Wahlprogramm der RPT: www.fmliberte.com
• Wahlprogramm der UFC: www.ufctogo.com/-Le-programme-.html
• Prognose der taz zu den Parlamentswahlen 2007: Kein Blutvergießen mehr. Von Hakeem Jimo, 12.10.2007: www.taz.de
• Afrika-Dossier der Deutschen Welle: www.dw-world.de


»Schluss mit der Maskerade«

Interview von Christina Felschen, erschienen am 15.10.2007

Sénouvo Agbota Zinsou gehört seit Jahrzehnten zu den schärfsten Kritikern der Regimes von Gnassingbé Eyadéma (1967-2005) und dessen Sohn Faure Gnassingbé (seit 2005). Bei seinen mutigen Inszenierungen am Togoischen Nationaltheater schützte ihn noch die Narrenmaske des Künstlers, doch als oppositioneller Parlamentarier musste er sein Land im Jahre 1993 auf der Flucht vor den Militärs verlassen. Seither lebt der afrikanische Autor mit seiner Familie im Bayreuther Exil und schöpft die Möglichkeiten der Redefreiheit in seinen Dramen, Romanen und gesellschaftspolitischen Analysen voll aus. Im Gespräch mit rencontres erklärt Zinsou, warum er die Parlamentswahlen vom 14. Oktober 2007 mit Skepsis verfolgt. 

Herr Zinsou, wie haben Sie die Machtübernahme von Faure Gnassingbé und deren Konsequenzen vor zwei Jahren erlebt?

Der Tod von Eyadéma gab uns zunächst Anlass zur Hoffnung. Wir sagten uns, dass die Dinge sich unbedingt ändern müssten. Wir begannen, uns zu organisieren, um diese Veränderung zu unterstützen. Selbst hier in Deutschland habe ich an mehreren Treffen teilgenommen. Doch dann hat die Geschichte den Verlauf einer klassischen Tragödie genommen. Ich könnte eine Fortsetzung meines Dramas über die Eyadéma-Diktatur (Le Chien Royal, »Der Königliche Hund«, 1984, Anm. d. Red.) schreiben, so sehr ist Faure in die Fußstapfen seines Vaters getreten. (Ein Skizze dieses »Realdramas« von S. A. Zinsou wird in der Ausgabe vom 22. Oktober 2007 veröffentlicht. )

Nach den gewalttätigen Ausschreitungen von 2005 scheint sich die Situation in Togo jedoch gebessert zu haben: Gnassingbé gibt vor, mit der Opposition zu kooperieren, die politischen Gefangenen befreien zu wollen, und es gab am 14. Oktober 2007 gerade neue Parlamentswahlen. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Situation stabilisiert?

Wir haben es mittlerweile mit einer vorgetäuschten Stabilität zu tun. Diese »Stabilität« basiert auf Repression, Folter, politischen Morden und Unterdrückung von jeder Form von Meinungsfreiheit. Hunderttausende Togoer wissen weder, was sie am nächsten Tag essen sollen, noch, ob sie am Abend heil und gesund nach Hause kommen. Wir Togoer im Ausland leben in der Ungewissheit darüber, ob wir eines Tages zurückkehren können und auf welche Weise. Man kann nicht gerade sagen, dass diese Situation beneidenswert ist. Noch wirklich lebenswert. Die Mentalität muss sich ändern und das wird Zeit brauchen. Aber erst einmal müssen sich die Regierenden ändern.

Die Afrikanische Union hat vorgeschlagen, eine Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Model Südafrikas einzusetzen, um in Togo dauerhaft Frieden zu schaffen. Was halten Sie von dieser Idee?

Mit den Regierenden von heute wird man die berühmten Anhörungen einer solchen Kommission nicht erreichen können: Wie sollten denn dieselben Männer, die massakriert, getötet, vergewaltigt, gefoltert und gestohlen haben, Anhörungen organisieren, in denen sie ihre Verbrechen zugeben, damit ihnen vergeben wird. Nein, dafür braucht es andere Menschen oder eine neue Generation. Ich bin für Versöhnung, aber sie muss wahr und tief sein, keine Maskerade einer Versöhnung wie wir die Maskerade einer Wahl hatten.

Sie sind nach Ihrer Flucht nie nach Togo zurückgekehrt. Wann werden Sie Ihre Freunde und Verwandten dort besuchen können?

Ich bin zu allem bereit, aber nicht dazu, ein unnötiges und dummes Risiko einzugehen. Selbst meine Verwandten in Togo würden mir davon abraten, wenn ich es vorhätte. Ich habe in Deutschland ja nicht aufgehört, die togoische Diktatur öffentlich zu kritisieren. Natürlich befällt mich von Zeit zu Zeit ein Gefühl von Nostalgie. Aber ich weiß es zu schätzen, dass ich noch etwas mit meinem Leben anfangen kann, bevor ich sterbe.

(Die Fortsetzung des Interviews mit Sénouvo Agbota Zinsou lesen Sie im dritten und vierten Teil der Frankophonie-Serie, die am 29. Oktober und 5. November erscheinen. Darin spricht der Dramatiker über seine Erfahrungen im Exil sowie über seine kulturellen Wurzeln. )


»Die Ausschreitungen von 2005 werden sich nicht wiederholen«

Interview von Christina Felschen, erschienen am 15.10.2007

Nachdem Faure Gnassingbé im Februar 2005 über einen Staatsstreich und manipulierte Wahlen an die Macht gelangt war, ist es in Togo zu Unruhen und militärischen Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung gekommen. Diese griffen auch auf die in Togo lebenden Deutschen über, da Regimekreise der deutschen Regierung Parteinahme für die chancenlose Opposition vorwarfen. Die Hetze kulminierte in einer Brandschatzung des Goethe-Instituts von Lomé in der Nacht vom 27. auf den 28. April 2005. Zu diesem Zeitpunkt hatte Herwig Kempf gerade erst die Leitung des Kulturinstituts übernommen, das nun in Schutt und Asche lag. Doch er und seine Mitarbeiter gaben nicht auf: Mit handwerklichem und diplomatischen Geschick bauten sie das Institut wieder vollständig auf und hielten auch den Dialog mit der togoischen Regierung aufrecht. Anlässlich der Parlamentswahlen sprach Christina Felschen mit Herwig Kempf über die deutsch-französisch-togoischen Beziehungen, die Freiheit der Kunst und den langen Weg zu Frieden und Stabilität.

Herr Kempf, wie geht es dem Goethe-Institut heute? Was hat sich nach dem Anschlag baulich und strukturell getan?

Zweieinhalb Jahre nach dem Anschlag ist das Goethe-Institut wieder eine Oase im sich ständig erweiternden Marktviertel. Es wurde vollständig renoviert und mit neuer Technik ausgestattet, so dass das Institut seine Arbeit vor genau einem Jahr in allen Bereichen wieder aufnehmen konnte. Wie eh und je verzeichnen wir zu allen Veranstaltungen einen hohen Besucherandrang.

Sie waren ja gleich entschlossen, das Institut aufrecht zu erhalten. Wie hat sich die Stimmung in der Stadt seit April 2005 entwickelt? Haben Sie Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte?

Ähnliche Ereignisse wie im Frühjahr 2005 werden sich nicht wiederholen. Wir alle hoffen, dass die Parlamentswahlen ordnungsgemäß und transparent ablaufen und danach eine neue Ära für Togo beginnt. Den Menschen geht es seit Jahren permanent schlechter, 60 Prozent der Togoer leben unter der Armutsgrenze, die Infrastruktur ist am Zusammenbrechen. All dies muss sich ändern.

Bei der Eröffnung des Goethe-Instituts im Jahr 1961 hielt der damalige Präsident Sylviano Olympio eine Eröffnungsrede. Wäre es heute noch vorstellbar, dass sich Präsident Faure Gnassingbé im Goethe-Institut einfindet? Wie ist Ihr Kontakt zur Regierung und zu den einzelnen Parteien?

Zu unseren Veranstaltungen kommen hochrangige Politiker verschiedener Parteien: Regierende, ehemalige Minister, Ministerpräsidenten und auch enge Vertraute des Präsidenten.

Hat sich die togoische Regierung zu dem Anschlag aufs Goethe-Institut geäußert?

Sie hat den Anschlag bedauert und ist für den entstandenen Schaden aufgekommen (300.000 Euro, Anm. d. Red.).

Besteht eine Zusammenarbeit zwischen dem Goethe-Institut und dem Centre Culturel Français in Lomé? Spielen die politischen Differenzen der deutschen und der französischen Regierung rund um die Wahl von Gnassingbé in der Beziehung eine Rolle?

Unsere beiden Kulturinstitute arbeiten sehr gut zusammen. Es gibt jährlich ein Projekt, das wir gemeinsam planen und veranstalten – wobei es uns wichtig ist, uns nicht nur zu präsentieren, sondern immer auch mit togoischen Partnern zu kooperieren. Wir treffen uns regelmäßig zu Gesprächen und nehmen gegenseitig an unseren Veranstaltungen teil. Beide Institute sind die wichtigsten Kulturträger in Togo.

Das Goethe-Institut arbeitet ja auch mit Künstlern in Togo zusammen. In wie fern ist es togoischen Künstlern angesichts der heutigen politischen Situation überhaupt noch möglich, engagierte und kritische Kunst zu zeigen?

Engagierte und kritische Kunst zu zeigen ist kein Problem, da sind die Kunstschaffenden weitgehend frei. Ebenso besitzen die Intellektuellen Redefreiheit. Das Problem ist, dass die Künstler und unbestechlichen Intellektuellen nicht gehört werden. Damit verpufft ihr Engagement für die Gesellschaft bei denen, die Änderungen herbeiführen könnten. Die Künstler, von denen die meisten selbst bitterarm sind, tun ihr Möglichstes zur Sensibilisierung der Bewohner. Sie engagieren sich im Kampf gegen Aids, gegen Kinderhandel, setzen sich für die Einschulung von Landkindern ein und wirken an der gegenwärtigen Kampagne zur Teilnahme an den Parlamentswahlen mit.

Wie kommt es denn, dass Künstler und Intellektuelle in Togo nicht gehört werden?

Oft sprechen sie unbequeme Wahrheiten aus, die nicht gerne gehört werden, aber die natürlich auch den Regierenden bekannt sind.

Wenn es in Togo weitgehende Rede- und künstlerische Freiheit gibt, wie Sie sagen, warum leben dann bis heute Tausende von Regimekritikern, darunter viele Künstler, im Exil?

Es gibt sicher Ausnahmen, die Exil in irgendeiner Form rechtfertigen. Es geht in Afrika in weiten Bereichen ja nicht nur um Kritik an den Regierenden. Es sind immer viele Schattierungen wie Clandenken, das Ausbrechen aus Familienverbänden, ja vermeintlicher Voodoozauber und Hexerei im Spiel.

Was müsste Ihrer Ansicht nach passieren, damit Togo dauerhaft zu Frieden und Stabilität findet?

Alle, die sich mit Entwicklungspolitik beschäftigen, wissen, dass es einfache und schnelle Lösungen nicht gibt. Zuallererst müssten natürlich die Grundlebensbedingungen verbessert werden. Togo braucht dringend ein funktionierendes Gesundheitswesen und eine entsprechende Infrastruktur und muss seine Bürger mit Gütern und Arbeit versorgen können. Außerdem müssten Tribalismus und Clanwesen abgeschafft und die Korruption auf allen Ebenen bekämpft werden. Doch all dies steht und fällt mit der Erziehung. Wir haben es wohl mit einem 50-Jahre-Projekt zu tun.

Wie will das Goethe-Institut dazu beitragen?

Durch Erziehung und Sensibilisierung im weitesten Sinne. Wir bieten Informationsmöglichkeiten und stellen Kontakte zu Europa her. Indem wir Multiplikatoren ansprechen, wollen wir weitere Kreise erreichen. Wir streben eine echte Kooperation an, bei der afrikanische Werte unseren gleichgestellt sind. Als Goethe-Institut von Lomé verstehen wir uns auch als Forum für diese afrikanischen Werte.

Als Gesandter der Bundesrepublik haben Sie in den vergangenen 30 Jahren für Goethe-Institute in Deutschland, Äthiopien, Italien, Japan, China und Serbien gearbeitet und sind erst 2005 ans Goethe-Institut von Lomé berufen worden. Wie bereiten Sie sich bei so vielen verschiedenen Kulturen und Systemen auf das einzelne Land vor?

Auch wenn das womöglich ziemlich banal klingt: Ich habe mich eingelesen, eingehört und eingesehen. Gerade Musik und Filme sind für mich besonders wichtige Medien, um mich auf eine fremde Kultur vorzubereiten. Aber am wichtigsten ist Empathie. Ich versuche, mich fallen zu lassen und den Menschen einen Vorschuss an Empathie, nicht nur an Sympathie, zukommen zu lassen. Wenn mir schließlich jemand sagt, »Du bist einer von uns«, dann ist mir das gelungen. Außerdem ist es mir wichtig, selbst schwierige Sprachen wenigstens anzulernen. Meine Arbeit ist permanente Eigenfortbildung.

Was ist es, das Sie mit 64 Jahren trotz des Anschlags und trotz schwieriger Lebensbedingungen in Togo hält?

Die Menschen. Ich war 1992 für eine knappe Woche in Lomé und fand die Menschen unglaublich zugewandt und freundlich − und immer lächelnd. Die Stadt (manchmal denke ich, es wäre besser zu sagen »das Dorf«) war sauber und sicher, die Infrastruktur funktionierte. Als ich auf eigenen Wunsch Anfang 2005 nach Lomé kam – ich wollte auf meinem letzten Posten noch mal in einem Entwicklungsland tätig sein –, traute ich meinen Augen nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Stadt binnen weniger Jahre so herunterkommt. Nur die Menschen, obwohl ärmer, leidender und hoffnungsloser, waren gleich geblieben: Der Kontakt mit ihnen ist eine Bereicherung.

Herr Kempf, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


Vita Herwig Kempf
• geboren 1943 in Karlsbad/ Karlovy Vary (damals Südostdeutschland, heute Westtschechien)
• 1972: Promotion in Germanistik, nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft an der Universität München und der Sorbonne in Paris
• 1973-77: DAAD-Lektor an der Universität von Hokkaido/ Japan
• seit 1978: Arbeit für das Goethe-Institut in sechs verschiedenen Ländern Asiens, Afrikas und Europas
• seit Anfang 2005: Leiter des Goethe-Instituts von Lomé

Das Goethe-Institut Lomé in Zahlen
• gegründet 1961
• 14 Angestellte, davon zwei Entsandte
• 728 Deutschschüler/Jahr (2006) (2005: 439) in 36 Kursen
• 93 Kulturveranstaltungen mit fast 8400 Besuchern (2006) (2005: 4 Veranstaltungen) in den Bereichen Medien und visuelle Kommunikation (41), Wissenschaft und Literatur (25), Film (16), sowie Ausstellungen, Theaterprojekte und Musikveranstaltungen
• Finanzierung aus dem Etat des Auswärtigen Amts (knapp 160 Millionen Euro für alle GI weltweit (2005)) und geringe Eigeneinnahmen durch Sponsoren und Partner, Sprachkurse weitgehend beitragsfinanziert

• für weitere Informationen: http://www.goethe.de/lome



Die Herrschaft des Spiels

Sénouvo Agbota Zinsous politisches Theater

von Christina Felschen, erschienen am 22.10.2007

Gespannte Erwartung erfüllt den Theaterraum an der Bayreuther Universität, wo in wenigen Minuten die erste Probe zu Sénouvo Agbota Zinsous Drama Die Große Harmonie beginnen soll, bei dem der Autor selbst Regie führt. Zinsous Auftritt in dieses ehrfürchtige Schweigen hinein ist wahrhaftig bühnenreif: Hinter einer lebensgroßen Palme aus Pappmachee, die er auf dem Arm trägt, lässt sich der renommierte Dramatiker nur erahnen. Als er die jungen Schauspieler durch die Palmblätter hindurch begrüßt – hier in fließendem Französisch, dort in zögerlichem Deutsch – lächeln sie ihre Nervosität davon. Hervor tritt ein großer schlanker Afrikaner mit jugendlichem Lächeln. In Lederschuhe, Stoffhose und hellblaues Hemd gekleidet, dabei die Palme noch in der Hand, strahlt Zinsou Humor und Würde gleichermaßen aus.

In Zinsous modernem Bühnenmärchen Die Große Harmonie, das im November in Bayreuth Premiere hat, liegen Traum und Wirklichkeit, Komödie und Tragödie, Tradition und Moderne nah beieinander. Genau wie im Leben des afrikanischen Dramatikers, der nie aufgehört hat, an das Gute im Menschen zu glauben – und an die Kraft der Fantasie, dieses heraufzubeschwören. Dabei hätte Sénouvo Zinsou in seinen 61 Lebensjahren allen Grund gehabt, am Guten in der Welt zu zweifeln. Denn er hat die historischen Untiefen seines Landes aus nächster Nähe erlebt: Nachdem Zinsous Kindheit noch in die französisch-britische Kolonialzeit fiel, erlebte er als Teenager die Unabhängigkeit seines Landes. Doch schon sieben Jahre später war alle Euphorie vorbei, als Eyadéma Gnassingbé durch einen Militärputsch an die Macht kam. Drei Jahrzehnte lang regierte dieser mit äußerster Härte und Grausamkeit, drei Jahrzehnte, in denen Zinsou als erklärter Regimegegner jede Möglichkeit des Widerstands nutzte: 15 Jahre lang mit seinen mutigen Inszenierungen als Leiter des Togoischen Nationaltheaters und zwei weitere Jahre als Abgeordneter eines demokratischen Übergangsparlaments. Ein Resümee dieser Zeit findet sich in Zinsous Stück Die Singende Schildkröte (La tortue qui chante). Dort ist es der Narr und nicht der Dorfchef, der Künstler und nicht der Politiker, der gehört wird und die Wahrheit über Betrug und Unrecht ans Licht bringt. Gegen die Gewalt des Militärregimes konnte Sénouvo Agbota Zinsou mit künstlerischer Raffinesse mehr ausrichten als mit diplomatischem Geschick: Kurz bevor 1993 die ersten freien Wahlen stattgefunden hätten, setzte Eyadéma die 77 als »extremistisch« gebrandmarkten Parlamentarier ab und vertrieb sie des Landes – ihnen folgten Hunderttausende Togoer Hals über Kopf aus Angst vor dem wiedererstarkten Regime.

Seinen Posten als Leiter des Staatstheaters von Lomé hatte Zinsou dagegen gezielt nutzen können, um sich »zwischen den Zeilen« politisch zu äußern. Die Macht des Wortes wusste er gegen die Mächtigen zu nutzen, indem er auf eine gewisse künstlerische »Narrenfreiheit« vertraute, wie er im Interview durchblicken lässt: »Manchmal verstecke ich mich hinter einer gespielten Naivität, um in meinen Werken Wahrheiten auszudrücken, die schockieren würden, wenn ich sie direkt aussprechen würde.« Und so wird das Bayreuther Publikum bei der Premiere der Großen Harmonie wahrscheinlich nur ein farbenprächtiges afrikanisches Märchen sehen, doch als sich im Jahr 1984 der Vorhang zur Weltpremiere im Staatstheater von Lomé hob, blickte das Publikum in den Spiegel des eigenen tyrannischen Staatsapparats.

Zur Dramenhandlung

Die Parallelen zwischen der mythisch-entrückten Scheinharmonie des Dramas und der realen Scheindemokratie in dem westafrikanischen Land sind unübersehbar: Staatsterror, ein unerbittlicher Diktator, der seinen Vorgänger entthront und ermordet hat, und das Klima der Angst, in dem politische Gegner »verschwinden« und nur die Unterwerfung das Leben sichert. »Wer das damals verstehen wollte, hat es natürlich auch verstanden«, resümiert Sénouvo Agbota Zinsou mit Triumph und Trotz in der Stimme. Rund um die Premiere im Nationaltheater von Lomé hatten er, seine Familie und seine Schauspieler Angst vor der eigenen Courage. Gespielt haben sie das Stück trotzdem. Denn der promovierte Theaterwissenschaftler weiß nur zu gut, welch großen Einfluss das Theater in seinem Heimatland hat: »In der togoischen Gesellschaft, die zur Hälfte aus Analphabeten besteht, spielt das Theater als Vermittler von Information und Bildung eine viel größere Rolle als in Europa. Natürlich ist Theater auch dort Kunst, aber eben nicht l’art pour l’art, keine Kunst nur um der Kunst selbst willen, wie man sie häufig in Europa sieht. Mit meinen Stücken verfolge ich immer ein Ziel: Ich möchte erreichen, dass der Zuschauer beim Verlassen des Theaters nachdenkt und beginnt, sich selbst und seine Lebenssituation zu hinterfragen. «

Dies ist seit jeher das Anliegen des politischen Theaters: Schon die antiken Griechen stellten politische Kontroversen und Handlungsoptionen der Polis auf der Folie des Mythos in Tragödien zur Diskussion, etwa die Probleme von Rache und Rechtsprechung in Aischylos’ Orestie oder das Aufbegehren gegen die staatliche Ordnung in Sophokles’ Antigone (jeweils 5. Jahrhundert v. Chr.) – Dramen, die bis heute aktuell geblieben sind und dutzendfach aufgegriffen wurden. Gut zwei Jahrtausende später kritisieren Shakespeare (1564-1616) und Molière (1623-1673) die Anmaßung und Machtgier von sich gottgleich gebärdenden Herrschern: So stellt Shakespeares Macbeth auch den großbritischen König James I. dar und Molière lässt den Sonnenkönig in der Gestalt des lüstern-weltfremden Jupiter im Amphitryon (1668) erscheinen. In der moralischen und wirtschaftlichen Krise der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelte Brecht die Ästhetik des epischen Theaters, die den Zuschauer zu einer kritischen Auseinandersetzung mit seiner eigenen Unfreiheit bringen sollte und vor allem Theatermacher in Entwicklungs- und Schwellenländern beeinflusste, etwa das lateinamerikanische Theater der Unterdrückten von Augusto Boal und das afrikanische Theater, dessen traditionelle Form bereits große Ähnlichkeit mit Brechts epischem musikorientierten Theater hatte.

Dass es nach der Uraufführung der Großen Harmonie nicht zum Eklat kam, hatte Zinsou der stillen Solidarität eines Mannes zu verdanken, von dem er sie am wenigsten erwartet hätte: »Am Tag nach der Premiere bestellte mich der damalige Kultusminister, Messan Agbeyomé Kodjo, in sein Büro«, erinnert sich der Dramatiker. »Er wollte von mir wissen, wer dieser ‚Verrückte’ sei, aus dem ich die Hauptperson dieses Stücks gemacht habe. Er meinte den Geschichtenerzähler, der von einer freieren Welt träumt. « Ein heikler Moment für Zinsou, da Kodjo als einer der treuesten Anhänger des Präsidenten galt. Mit gebotener Zurückhaltung antwortete der Dramatiker: »Es gibt verschiedene Arten von Verrücktheit, Herr Minister«, worauf Kodjo mit einem warnenden Seitenblick entgegnete: »– Darunter die intellektuelle Verrücktheit, nicht war?« Kodjo hatte die Regimekritik sehr wohl verstanden, doch er nutzte seine Position als scheinbar ergebener Minister, um Zinsou zu schützen. »Kodjos private Haltung hat mir Hoffnung gemacht«, versichert der Dramatiker, der wenige Jahre später zum Parlamentarier wurde. Als Kodjo bis zum Premierminister aufgestiegen war, kehrte auch dieser seinen Widerstand nach außen, überwarf sich mit dem Diktator und floh bis zu dessen Tod nach Frankreich.

Während die Gnassingbé-Diktatur kein »Happy End« nehmen wollte, gab Zinsou seinem Bühnenmärchen dennoch eine glückliche Wendung: Als der Neubeginn an der Machtgier des Nachfolgers zu scheitern droht, lässt der Dramatiker Musen als Deus ex Machina auftauchen und den Prinzen von seiner geistigen Gefangenschaft befreien. Der König muss dem Diktat des Erzählers gehorchen und den Abgesang seiner Diktatur selbst anstimmen. Mit diesem finalen Kunstgriff setzt Sénouvo Agbota Zinsou dem Prinzip der Politik das Primat des Spiels entgegen und entlarvt damit auch das eigentliche Wesen der Politik. Allein die Herrschaft des Spiels ist friedlich: Auf dem Scheiterhaufen der letzten Szene flackern nur die Theaterlampen; an ihm entzündet sich nichts als ein befreiendes Lachen.


Vita Sénouvo Agbota Zinsou
• geboren 1946 in Lomé
• Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften in Lomé, Paris und Bordeaux
• 1. Preis des afrikanischen Theaterwettbewerbs (Concours théâtral africain) von Radio France Internationale für sein Stück On joue la comédie 
• 1978 bis 1993 Leiter des Togolesischen Nationaltheaters
• 1989 Promotion an der Universität Bordeaux
• 1987 bis 1990 Präsident der Association Togolaise des Gens de Lettres (togoischer Schriftstellerverband)
• seit 1993: Asyl als politischer Flüchtling in Bayreuth
• 2001-2003: wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für frankophone Literaturwissenschaft und Komparatistik
• seit 1997: Leiter des von ihm gegründeten Internationalen Ateliertheaters der Universität Bayreuth (IATB)

Werkauswahl:
Le Médicament. Paris: Hatier International, 2003.
La tortue qui chante (Die Singende Schildkröte). Paris: Hatier, 1987.
Le Chien Royal (Der Königliche Hund), 1984/ La Grande Harmonie - ou : Jusqu’au bout du conte (Die Große Harmonie – oder: Wo hört das Märchen auf?), 2002 (unveröffentlicht)
On joue la comédie. Paris: Radio France International, 1972.
Les Bureaucrates, 1969 (erstes Stück, unveröffentlicht)
• außerdem regelmäßige wissenschaftliche Veröffentlichungen in zahlreichen Zeitschriften der Literaturwissenschaft, der Frankophonie und der afrikanischen Diaspora, wie etwa der Exil-Zeitschrift Diastode (http://www.diastode.org)

Zum Weiterlesen:
• Gbanou, Sélom Komlan: Dramatic Esthetics in the Work of Sénouvo Agbota Zinsou. In: Research in African Literatures, 29:3 (1998 Herbst), S. 34-57.
• Gbanou, Sélom Komlan: Un theatre au confluent des genres. Frankfurt/M.: IKO: 2002.
• Magnier, Bernard. Senouvo Agbota Zinsou: De Lomé à Limoges. In: Notre Librairie. Revue du Livre. Afrique, Caraibes, Ocean Indien, 102 (1990 Juli-Aug.), S. 61-63.
• Midiohuan, Guy Ossilo / Amouro, Camille A. : Entre la Résignation et le Refus. Les Ecrivains Togolais d’Expression Française sous le Régime Eyadéma. Genève-Afrique, vol. XXK ; N 1, 1991, S. 55-69.
• Omoifo-Okoh, Juliana: Les representations du chef d’état dans le théâtre de Zinsou. In: Ethiopiques (revue semestrielle de culture négro-africaine), No. 56, 2/1992.
• Riesz, János/ Gbanou, Sélom Komlan/ Zinsou, Sénouvo Agbota: Pratiques de langue et d'écriture des écrivains africains d'expression française vivant en Allemagne. L'exemple de Sénouvo Agbota Zinsou. In: Articles en langue française et anglaise sur les littératures africaines francophones, Vol. 26. Hrsg. von János Riesz. Montréal: Éd. Nota Bene soux[u.a.], 2002. S. 526 – 560.
• Riesz, János: Strategien sprachlicher Anpassung und Selbstaffirmation am Beispiel des Romans Le médicament von Sénouvo A. Zinsou. In: Aufsätze in deutscher Sprache zur afrikanischen Literatur, zu den frankophonen Literaturen und zu allgemeinen Fragen der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Vol. 31. Hrsg. von János Riesz. Duisburg: Red. OBST, 2003. S. 155 –171.
• Zinsou, Sénouvo Agbota : Aux sources de la création. In: Notre Librairie. Revue du Livre. Afrique, Caraibes, Ocean Indien, 98 (1989 Juli-Sept.), S. 22-25.


Alles nur Theater?

Dramatischer Entwurf für die Wahltragödie von 2005

von Sénouvo Agbota Zinsou, erschienen am 22.10.2007

Im Jahre 2005 stand Togo schon einmal an der Schwelle zu einem historischen Wendepunkt: Nach dem Tod des Diktators Gnassingbé Eyadéma, der das Land 38 Jahre lang mit eiserner Hand regiert hatte, stand der Weg in die Demokratie offen. Doch einen Staatsstreich und einen Wahlbetrug später war die Familiendynastie wieder an der Macht. In Form einer klassischen Tragödie skizziert der Dramatiker Sénouvo Agbota Zinsou für rencontres die Ereignisse, die sich 2005 auf der kleinen Bühne Westafrikas abspielten und das europäische »Publikum« kaum interessierten – obwohl die internationale Gemeinschaft selbst so manche Fäden zog.

Personen
In Abwesenheit: Ein toter Präsident
Der Sohn des Präsidenten (Faure Gnassingbé)
Generäle
Der Präsident der Nationalversammlung (Fambaré Ouattara Natchaba)
Die Afrikanische Union
Die Internationale Gemeinschaft
Die Armee
Das Volk von Togo

Die Szene ist eine kleine Republik in Westafrika.

Erster Akt

Exposition:
Der Diktator G. E. ist tot. Er muss durch einen demokratisch gewählten Präsidenten ersetzt werden.

Prolog mit plötzlicher Wendung:
Mit Hilfe der Armeegeneräle des verstorbenen Diktators übernimmt sein Sohn F. G. die Macht. Die Afrikanische Union verurteilt den Staatsstreich und droht Togo mit Ausschluss. Der Diktatorensohn zieht sich daraufhin vorerst von der Macht zurück. F.G. fürchtet die Konkurrenz des Präsidenten der Nationalversammlung, der gerade außer Landes ist, denn dieser ist der verfassungsgemäße Nachfolger von G. E. Bei seiner Rückkehr wird sein Flugzeug auf mysteriöse Weise wieder umgedreht. In Abwesenheit des Parlamentspräsidenten ändert der Sohn des Diktators die Verfassung.

Zweiter Akt

Eigentliche Handlung, komplex und voller Verstrickungen
Wer wird der neue Präsident sein? Wird sich die Opposition einigen und einen Kandidaten präsentieren? Werden die alten Machthaber und die internationale Gemeinschaft transparente Wahlen zulassen?

Wendepunkte:
- Die zunächst geteilte Opposition schafft es (oder tut zumindest so als ob), einen gemeinsamen Kandidaten zu präsentieren.
- Die internationale Gemeinschaft, vor allem Frankreich und die CEDEAO [Westafrikanische Wirtschaftsgemeinde, Anm. d. Red.] erklären den Staatsstreich zu einer »Wahl«. Politische Interessen und die Hoffnung auf neue »Stabilität« mischen sich mit Privatinteressen, die mit den Hoffnungen des togoischen Volkes nichts zu tun haben.
- Das Volk widersetzt sich der falschen Wahl des Präsidentensohns.

Dritter Akt

Ausgang:
Die Armee des neuen Diktators massakriert die Zivilbevölkerung. Mithilfe der Internationalen Gemeinschaft wird F.G. zum Sieger ernannt.

Epilog:
Im Bewusstsein, noch Jahre oder Jahrzehnte der Diktatur vor sich zu haben, zögert das Volk zwischen Resignation und permanenter Revolte.

- Vorhang -



Auf schmalem Grat ins gelobte Land

Togoer in der Diaspora

Christina Felschen, erschienen am 29.10.2007

»So gerne wie ich ein Reisender bin, ein Emigrant will ich nicht sein. Zu Hause habe ich so viele Dinge gelernt, die anderswo unnütz wären.«
(Antoine de Saint-Exupéry :
Brief an einen Ausgelieferten)

»Im Land der Großen Harmonie wachsen Mondfrüchte an den Bäumen, blaue Bäche glitzern über Diamantenfelsen und ein liebender Herrscher sorgt für das Wohlergehen des ganzen Volkes…« Der junge Mann redet sich in Ekstase, streckt seine gelb gewandeten Arme weit von sich und lässt die Zuschauer für einen Moment vergessen, dass sie einem Afrikanistikstudenten am Bayreuther Universitätstheater lauschen und nicht einem westafrikanischen Griot (Geschichtenerzähler) an einer Straßenecke von Lomé. Die Konjunktur für Märchen und Gesellschaftsutopien ist gut auf einem Kontinent, wo sich nach Schätzungen des UN-Flüchtlingskommissars jährlich rund 16 Millionen Menschen aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen auf der Flucht befinden, darunter drei Millionen außerhalb ihrer Landesgrenzen. So auch Sénouvo Agbota Zinsou, der Autor des Dramas Die Große Harmonie, als er 1993 Hals über Kopf seinen Parlamentssitz in Togo verlassen musste, um vor den wiedererstarkten Militärs aus seiner Heimat Togo zu fliehen.

Im Exil hat sein Bühnenmärchen, das 1984 während der Diktatur von Gnassingbé Eyadéma entstand, einen Bedeutungswandel erfahren: Das »Land der Großen Harmonie«, in das sich der nüchterne Proberaum durch Fabulierkunst und feenhafte Tänze verwandelt, bedient das romantische, von weißen Massai, Aussteigerträumen und Elefantensafaris geprägte Afrikabild vieler Europäer. Doch Zinsou wäre nicht Zinsou, wenn er dieses Klischees nicht zum Einstürzen brächte, um den Blick auf die politische Landschaft freizugeben, in der mächtige »hohe Tiere« in einer demokratischen Wüste die Macht über Leben und Vertreibung haben. Die Macht über Menschen wie Sénouvo Zinsou und seine Familie: »Unter dem Regime von Gnassingbé Eyadéma musste ich lernen, jeden Satz dreimal umzudrehen, damit er einem keinen Ärger einbringt. Ansonsten hätte ich mich schnell im Gefängnis oder auf der Folterbank wiedergefunden. Wenn ich nach Paris reiste und ein Buch fand, das die afrikanischen Diktaturen kritisiert, musste ich es am Boden der Reisetasche verstecken. Am Flughafen von Lomé klopfte mein Herz wie wild, wenn ich mich den Zollformalitäten und Leibesvisitationen unterzog. Und noch zu Hause beim Lesen musste ich Acht geben, wer plötzlich hereinkommen könnte. Aber all diese Vorsichtsmaßnahmen sind intellektuell und geistig verlorene Zeit.«

Heute stehen all die verbotenen Bücher in Zinsous Privatbibliothek im oberfränkischen Bayreuth. Den Weg vom Proberaum des Ateliertheaters zu seiner Wohnung geht der 61-Jährige zu Fuß. Er schlenkert einen Lederranzen in der Hand und bleibt alle paar Minuten stehen, um jemanden zu begrüßen. Sie alle kennen den bescheidenden Westafrikaner als Nachbarn, Dozenten und Gründer des Internationalen Ateliertheaters, nicht aber als Erneuerer des westafrikanischen Gegenwartstheaters und Stimme der togoischen Diaspora in aller Welt. Doch das Renommee, das er auf der Flucht wie so vieles in seinem Heimatland zurücklassen musste, zählt für Zinsou kaum: »Das Wichtigste für mich ist, dass ich hier machen kann, was ich wirklich mag: Theater. «

Als namhafter Regimekritiker mit guten Kontakten in Deutschland und Frankreich hatte Sénouvo Zinsou es verhältnismäßig leicht, Asyl zu bekommen. Die meisten der rund 10.000 Afrikaner (darunter knapp 1000 aus Togo), die jährlich in der Bundesrepublik einen Asylantrag stellen, haben es wesentlich schwerer: Im Schnitt werden in Deutschland nicht einmal ein Prozent aller Anträge anerkannt. Wer keine »begründete Angst vor Verfolgung« nachweisen kann, wie in der Genfer Flüchtlingskonvention gefordert, wird umgehend abgeschoben. Nach Angaben des Innenministeriums waren davon im ersten Halbjahr 2007 immerhin 54,2 Prozent aller Antragsteller betroffen. Für abgelehnte Asylsuchende aus Togo empfahl der UN-Flüchtlingskommissar im August 2005 ein Moratorium der Zwangsabschiebungen, da ihm weiterhin »Berichte über nächtliche Razzien, Verhaftungen, Vergewaltigungen und Fälle von Verschwindenlassen« durch Militär und Milizen gegen Oppositionsanhänger vorlagen.

Seit dem ersten politischen Exodus Anfang der Neunzigerjahre leben weltweit mehr Togoer im Exil als in der Hauptstadt Lomé: Zwischen 900.000 und 1,5 Millionen Togoer haben vor allem in den afrikanischen Nachbarländern, in Frankreich, Deutschland, Belgien, Kanada und den USA ein neues Zuhause gefunden. Sie haben Bürgerinitiativen, Kulturvereine und Zeitschriften gegründet, um über die Situation ihres Landes aufzuklären und damit indirekt politischen Druck auf die Gnassingbé-Regierung auszuüben. Auch im Kleinen lastet auf den Togoern der Diaspora eine große Verantwortung: Durchschnittlich 500 Euro schickt jeder Exil-Togoer monatlich an seine Familie, um ihr die finanzielle Unterstützung zu bieten, die der Staat ihr verwehrt.

Die menschlichen Schicksale der Asylbewerber beschreibt Sénouvo Zinsou in seinem halb-autobiographischen Exilroman Le Médicament. Seine realistische Milieustudie beschreibt die Asylanten in der fiktiven Stadt Bayerrode als »Kranke aus allen Ecken der Welt«, die vor Diktaturen im ehemaligen Jugoslawien, Ruanda oder Westafrika geflohen sind und das Vergessen suchen: »Das Beste ist es, mit diesem Kapitel schnell abzuschließen.« Für einige ist das »Medikament« die Kriminalität, andere finden das Glück in der Liebe oder im politischen Engagement für die Rechte der Asylbewerber. Eine Rückkehr ist für die meisten unmöglich; bei dem Versuch wird die ruandische Protagonistin Clara erneut mit Verfolgung und Folter konfrontiert.

Viele Exil-Togoer leisten in den Aufnahmeländern unersetzliche Entwicklungshilfe auf kulturellem oder spirituellem Gebiet: In der Wagnerstadt Bayreuth hat Sénouvo Agbota Zinsou vor zehn Jahren das einzige Universitätstheater gegründet. Auf einem Stadtfest in Hamburg-Altona führt die togoische Folkloregruppe Dekawowo – zu Deutsch: miteinander leben – Hunderte vereinzelter Sonntagsspaziergänger zusammen. Wenn die 29-jährige Nego und ihre Mutter Gogo unter klarem Hamburger Herbsthimmel singen und tanzen, brechen sie das Eis im Nu: Eine hagere Blonde im bunten Boubou-Gewand und ein Rollstuhlfahrer schließen sich an, ein kleiner halbafrikanischer Junge richtet sich neugierig in seinem Buggy auf und ein Mädchen im Brasilientrikot ist so gebannt von der Szene, dass es das Mittagessen in seiner Hand vergisst. Die Musik von Dekawowo ist optimistisch und lebensfroh, doch die Musiker werden ernst, sobald sie an ihre Heimat denken, aus der sie 1994 geflohen sind: »Die so genannte togoische Regierung hat das Kulturerbe unseres Landes immer vernachlässigt. In den Menschen aus Togo schlummern so viele Talente, aber die Diktatur hat unsere Entwicklung blockiert«, sagt der junge Trommler Mathias Wodome traurig.

Der togoische Exil-Journalist Tido Brassier bezeichnet die Diaspora zu Recht als wirtschaftlich und kulturell »erste Provinz der Republik Togo«. Doch der Weg hinein bedarf unzähliger Nachweise, Empfehlungsschreiben und Kontakte, an die viele Emigranten im Moment der Flucht am wenigsten denken. In einer Zeit, in der Touristen und abgeschobene Asylanten nebeneinander im Flugzeug sitzen und Flüchtlingsbarkassen an die Urlaubsstrände des Mittelmeers gespült werden, erinnern wir uns wieder an den Brief an einen Ausgelieferten (Lettre à un otage) von Antoine de Saint-Exupéry: Dort schreibt er, dass nicht jeder die Möglichkeit hat, die Welt aus der privilegierten Position des Reisenden zu entdecken, um anschließend sicher zurückzukehren. Im besten Fall können diese Menschen wie Familie Zinsou in einem fremden Land neu anfangen – im Gepäck Heimweh, zerbrochene Beziehungen und unnütz gewordenes Wissen. Ein Land der vollkommenen Harmonie und treu sorgenden Herrscher haben die Zinsous auch in Deutschland nicht gefunden. Wohl aber ein Land, in dem sie ihre Meinung frei äußern können.


Zum Weiterlesen

• Sich, Verena / Schönleben, Verena: Migration in und aus Afrika. Bonn: BMZ, 2004. www.bmz.de
• Crisp, Jeff: Africa’s refugees: patterns, problems and policy challenges. UNHCR, Genève 2000. www.unhcr.org
• Pressemitteilung des deutschen Innenministeriums zu den Asylanträgen der 1. Jahreshälfte 2007:www.bmi.bund.de.
• UNHCR: Stellungnahme des UNHCR zur Behandlung von Asylsuchenden aus Togo vom 30. August 2005. www.emhosting.de
• Brassier, Tido : La diaspora togolaise: Comment s'organise-t-elle ? Quelles sont ses projets ? www.letogolais.com
• Titelgeschichte des SPIEGEL über afrikanische Emigration: Die afrikanische Odyssee. Von Klaus Brinkbäumer, 26.06.2006: www.spiegel.de


»Alles verlieren um (viel) zu gewinnen«

Interview (und Übersetzung) von Christina Felschen, erschienen am 29.10.2007

Seit 14 Jahren lebt der togoische Theatermacher Sénouvo Agbota Zinsou mit seiner Familie als politischer Flüchtling im oberfränkischen Bayreuth, 5000 Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt, die er so schnell nicht wiedersehen wird. In Togo war Zinsou Leiter des Nationaltheaters, des Schriftstellerverbands und parlamentarischer Abgeordneter, in Deutschland musste er ganz neu anfangen. Doch der promovierte Literatur- und Theaterwissenschaftler hat sich nie aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Am Rande einer Theaterprobe verrät der Dramatiker, wie er mit diesem erzwungenen Bruch umgeht und welche positiven Seiten er dem Exil abgewinnt – als Künstler und als Privatmensch.

Herr Zinsou, der togoische Literaturwissenschaftler Sélom Komlan Gbanou hat in seiner Arbeit über Ihr Werk geschrieben: »Die Heimat des afrikanischen Schriftstellers [...] liegt meist dort, wo das Schweigen, die Resignation, das Exil, das Gefängnis und das Grab zusammenfließen.« Damit scheint Gbanou dem afrikanischen Autor eine Rolle in der Mitte der Gefahr und am Rande der Gesellschaft zuzuschreiben. Was sind für Sie die Freuden und Frustrationen als afrikanischer Autor?

Wenn man gezwungen ist, ein Regime oder eine Situation zu ertragen, die einem jegliche Freiheit raubt, ist die Resignation nicht weit. Vielleicht ist es aber auch gerade diese Frustration, die die schöpferische Kraft nährt, denn wenn man etwas als sehr bedrückend empfindet, beginnt man zu schreiben. Meinen Roman über das Exil habe ich Le Médicament (»Das Medikament«) genannt, und er war tatsächlich mein Medikament. Das Schreiben ist bis heute mein Weg, um mich von Krankheiten und Frustrationen zu heilen, denn die können selbstverständlich auch im Exil entstehen.

In Ihrem Roman Le Médicament werden Asylsuchende aus verschiedenen Ländern in der fiktiven deutschen Stadt »Bayerrode« mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. Haben Sie selbst im Exil Zurückweisung oder Xenophobie erlebt?

Ich betreibe keine Schwarzweißmalerei und trenne »die Guten« von »den Bösen«. Viel eher versuche ich, mich selbst immer wieder zu hinterfragen: »Habe ich diesem oder jenem nicht Unrecht getan?« Ich glaube, dass die Menschheit sich nur auf diese Weise entwickeln kann.

Sie haben zuvor in großen Städten gelebt – in Lomé, Paris und Bordeaux. Warum haben Sie sich für Bayreuth entschieden?

Ich war bereits mit Professor Janos Riesz von der Universität Bayreuth bekannt, der mich in diese Stadt eingeladen hat. Dafür bin ich ihm noch immer sehr dankbar, denn mir und meiner Familie gefällt es hier ausgesprochen gut. Bayreuth ist ja keine kleine Stadt. Das Wichtigste für mich ist, dass ich hier machen kann, was ich wirklich mag: Theater. Ich habe immer geschrieben, um damit etwas zum Ausdruck zu bringen. Der große Vorteil, den ich als Schriftsteller in Europa genieße, ist die künstlerische Freiheit. Damit habe ich bereits vieles gewonnen, auch wenn ich zuvor alles verloren habe.

In Ihrem Stück Die Große Harmonie inspirieren afrikanische Geister den Geschichtenerzähler, die so genannten Azizans. Wo finden Sie Ihre »Musen« in Deutschland, was inspiriert Sie hier?

Vielleicht finde ich meine Azizans überall wieder. Im Wald zum Beispiel, ganz im Ernst. Manchmal kommen mir die Ideen für ein Stück oder die Melodie für ein Lied wirklich beim zweistündigen Joggen in der Einsamkeit des Waldes.

Können sich die Schauspieler, die Afrika nicht kennen, die Welt vorstellen, in denen Ihre Stücke spielen?

Ja, manchmal können sie es sehr gut. Obwohl wir ja afrikanische Stücke spielen, bitte ich die Schauspieler von hier manchmal: »Zeigt mir, wie Ihr das selbst am besten darstellen könnt, wie Ihr diese Rolle aus Euch heraus fühlt.« Und manchmal bin ich einfach hingerissen von der Art, wie die Deutschen afrikanische Tänze tanzen. Ich finde es wunderbar, dass sie diesen Stil in meinem Stück unterbringen und einen Mittelweg aus den Elementen zweier Kulturen finden. Das kann uns nur bereichern und uns dazu führen, etwas Wunderbares zu schaffen. Das Wesentliche ist für mich die Frage, ob das theatralische Spiel mich berührt, ob es ein Gefühl vermittelt, ob es die Möglichkeit schafft, zu staunen oder aus dem Alltag davongetragen zu werden.

Wie hat sich ihre Arbeit als Schriftsteller und Regisseur durch ihr Leben im Exil verändert?

Ich kann dem deutschen Publikum sicherlich nicht die gleiche Botschaft vermitteln wie dem Publikum in Togo. Beispielsweise versteht es die Liedtexte ja gar nicht, weil wir die Lieder in der Übersetzung auf Französisch oder Ewe beibehalten, um das Reimschema des Originaltextes zu bewahren. Besonders schade finde ich, dass weder das deutsche noch das französische Publikum die Symbolik der afrikanischen Tänze verstehen, die immer einer bestimmten Situation und einem bestimmten Gefühl entsprechen. So verlieren meine Stücke auf den europäischen Bühnen unvermeidlich einen Teil ihres ursprünglichen Charakters.

Reagiert das europäische Publikum anders auf Ihre Stücke?

Ja, klar. Wir haben zum Beispiel nicht unbedingt die gleiche Art von Humor. In meinem Stück On joue la comédie (frei übersetzt: »Alles nur Theater«) versuche ich beispielsweise, das Apartheidsystem lächerlich zu machen. Dieses Stück hat das Publikum in Togo, in Benin, in Burkina Faso, in der Demokratischen Republik Kongo, an der Elfenbeinküste, in Mali und sogar in Tunesien zum Lachen gebracht − aber nicht in Frankreich. Ich glaube, diese Unterschiede liegen an einer sehr starken kulturellen und historischen Identifikation, die einigen Menschen eine innere Distanzierung schwierig machen. Als ich das Stück Die Große Harmonie zum ersten Mal in Bayreuth geprobt habe, hatte eine ältere Schauspielerin Vorbehalte gegenüber den Worten »vielgeliebter Führer«. Dabei ist das gar keine Anspielung auf Nazi-Deutschland, sondern ganz einfach die Übersetzung von »guide bien-aimé«, einem der offiziellen Titel von Eyadéma und anderen Diktatoren. Diese Dame meinte, die Leute könnten denken, ich wolle mich über Hitler lustig machen und schöbe die afrikanischen Diktatoren nur vor. Für einen Ausländer ist das schon heikel, für einen Afrikaner erst recht.

Umgekehrt gebe ich zu, dass es mir auch schwer fiel zu lachen, als ich den Film Der letzte König von Schottland gesehen habe, der vom ugandischen Diktator Idi Amin handelt. Dieser Film ist eher eine Tragikomödie und enthält Szenen von unerträglicher Grausamkeit. In dieser Atmosphäre erscheinen mir selbst die Szenen, die den Zuschauer eigentlich zum Lachen bringen sollen, nicht komisch. Diktaturen sind ein dramatisches Thema par excellence und haben auch ihre komischen Seiten, aber alles hängt von der Stimmung ab und der Möglichkeit, sich von den Szenen zu distanzieren. Das erinnert mich an das, was der französische Philosoph Henri Bergson in seinem Essay über die Bedeutung des Komischen geschrieben hat: Alle Völker haben einen Sinn für Humor, aber es ist immer leichter, über andere zu lachen, als über sich selbst.

Was kann das europäische Theater vom afrikanischen lernen?

Diese Frage ist mir oft gestellt worden und ich konnte sie nie beantworten. Ich distanziere mich jedenfalls von jeglicher Form von Exotismus, dieser Idee, dass der andere seltsam sei. Das deutsche Wort »komisch« in seiner umgangssprachlichen Bedeutung – seltsam – erfasst die Sache ganz gut: Vom »Exotischen« zum Komödienhaft-Lustigen ist es nur ein kleiner Schritt, der von gewissen »Künstlern« für einen einfachen Lacherfolg schnell überschritten wird. Das setzt keine große Vorstellungs- oder Schaffenskraft voraus.

Sie wohnen seit 14 Jahren in Deutschland, tragen den »blauen Pass« des unbeschränkten Aufenthaltsrechts und leiten eine eigenen Theatergruppe an der Universität Bayreuth. Fühlen Sie sich damit eher als »Exilant« oder als »Emigrant«, als Togoer oder als Deutscher?

Selbstverständlich fühle ich mich als Togoer und werde mich immer als solcher fühlen. Gleichzeitig fühle ich mich jedoch seit langer Zeit nicht mehr fremd hier. Ich wohne in einem Viertel, in dem ich bekannt, akzeptiert und respektiert bin. Ich jogge jede Woche im Wald, an Bäumen, Felsen, Wasserläufen, Feldern und Höfen vorbei, und manchmal treffe ich dabei auf Hasen, Eidechsen oder Schnecken und habe das Gefühl, mit ihnen zu kommunizieren. Ich kann die verschiedenen Etappen meines Weges mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen. Diese Art von Leben habe ich auch in meiner Geburtsstadt Lomé geführt.

Beinahe scheint es, als hätten sie Ihre »Große Harmonie« gefunden. Was fehlt Ihnen hier noch?

Ich wäre noch glücklicher, wenn ich hier zum Beispiel wählen dürfte.

Die Protagonisten in Ihrem Roman Le Médicament (»Das Medikament«) sind auf der Suche nach einer Heimat. Wo fühlen Sie sich »zu Hause«?

Natürlich würde ich genauso gerne wieder nach Togo zurückkehren, wenn die Bedingungen sich dort verbessern würden. So lange ist mein »Zuhause« im Reich des literarischen Schaffens. Davon abgesehen fühle ich mich überall ein bisschen im Exil. Ein Togoer, der in Togo lebt, ist dort ja eigentlich »zu Hause«, denn es ist ja das Land seiner Geburt und seiner Vorfahren. Doch er muss sich in seinem Zimmer verstecken, um bestimmte Bücher zu lesen und Acht geben, was er auf der Straße sagt. Wie sollte er sich da »zu Hause« fühlen? In meinem Roman Le Médicament kehrt die Afrikanerin Clara trotz unbefristeter Aufenthaltserlaubnis in ihr Heimatland zurück und wird dort erneut verfolgt, und das von ihrem Verwandten. Wenn die Welt so ist, wenn man seinen Exilstatus nicht verlassen kann wo auch immer man sich aufhält – wohin soll man dann noch gehen? Das ist für mich eine existenzielle Frage, die die gesamte Menschheit betrifft.

(Wenn Sie erfahren möchten, was die kulturellen Wurzeln und literarischen Einflüsse von Sénouvo Agbota Zinsou sind, lesen Sie den letzten Teil des Interviews, der zum Abschluss der Frankophonie-Serie am 5. November veröffentlicht wird. )


Zum Weiterlesen:

• Bergson, Henri Louis: Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen. Frankfurt/M. : Luchterhand, 1991.
• Gbanou, Sélom Komlan: Un théâtre au confluent des genres. L'écriture dramatique de Sénouvo Zinsou. Frankfurt am Main [u.a.]: Verlag für Interkulturelle Kommunikation (IKO), 2002, S. 295.
• Zinsou, Sénouvo Agbota: Tintin au Congo − qui a le monopole de l'humour? URL: www.diastode.org.
• Spielfilm The Last King of Scotland (Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht), Regie: Kevin MacDonald, Drehbuch: Peter Morgan und Jeremy Brock nach dem gleichnamigen Roman von Giles Foden, Drama, USA/UK 2006.



Kult(ur(en)) Westafrikas

Zwischen Voodoo-Zauber und Missionaren

Zinsous Suche nach einem »dritten Weg«

Interview (und Übersetzung) von Christina Felschen, erschienen am 05.11.2007

Als kleines Land mit großer Leidensgeschichte hat Togo es nicht leicht, zu einer selbstbestimmten Identität zu finden. Die ursprüngliche kulturelle Vielfalt der mehr als 40 Ethnien ist durch eine willkürliche Gebietsaufteilung der deutschen, britischen und französischen Kolonialmächte geschwächt, durch die religiöse Macht der Missionare und Schadenszauberer vereinnahmt und während der Eyadéma-Diktatur grob vernachlässigt worden. Erst seit den 90er Jahren entwickelt sich eine zunehmend selbstbewusste kulturelle Erneuerungsbewegung, die von Ausnahmekünstlern wie Sénouvo Agbota Zinsou getragen wird. Aus der Konfrontation mit den unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen - einem traditionellen Mina-Elternhaus, einem an Europa orientierten kolonialen Bildungswesen und dem afrikanischen Christentum - schafft der Kosmopolit Zinsou eine neue togoische Identität, die von einem kulturrelativistischen und humanistisch-aufgeklärten Weltbild getragen wird.

Herr Zinsou, Sie sind wirklich ein vielsprachiger Autor: Ihre Muttersprache ist das westafrikanische Ewe, Sie schreiben auf Französisch und leiten die Theaterproben zum Teil auf Deutsch. Was bedeuten Ihnen diese drei Sprachen?

Meine Eltern haben mit mir Ewe gesprochen, oder vielmehr den Mina-Dialekt, den ich auch an meine eigenen Kinder weitergegeben habe. Selbst in Bayreuth sprechen wir innerhalb der Familie meistens Mina. Die deutsche Sprache verlangt mir immer noch eine Menge ab. Ich habe sie an der Schule in Togo gelernt, aber zwei Wochenstunden reichten einfach nicht aus. In Lomé musste ich im Büro Französisch sprechen, weil es in Togo Amtssprache ist. Wenn ich in unserem Viertel in Lomé Nachbarn auf der Straße traf, haben wir uns erst einmal auf Französisch begrüßt, mit »Bonjour! « oder »Bonsoir!«, wenn nicht sogar mit »moni« (von »Good morning!«) oder »gudivine« (von »Good evening!«). Das stammt noch aus der britisch-französischen Kolonialzeit. Aber dann setzten wir das Gespräch auf Mina fort. Alles andere wäre offiziell und höflich, aber nicht freundschaftlich oder familiär.

Warum schreiben Sie dann auf Französisch, wenn es für Sie eine rein offizielle Sprache ist?

Schreiben und Nachdenken habe ich zunächst in französischer Sprache gelernt. Deshalb falle ich jetzt automatisch ins Französische, wenn ich anfange zu schreiben oder mit mir selbst zu reden.

Sie haben ja mehrere Kinderstücke geschrieben. Welchen Einfluss hatte das Theater auf Ihre eigene Kindheit?

Mein Vater war Leiter einer Theatergruppe und die Proben fanden im Hof unseres Hauses in Lomé statt. Sie spielten vor allem folkloristische oder religiöse Stücke der Genre concert-party oder kantata. Ich habe von klein auf gerne bei den Proben meines Vaters zugeschaut. Ich wollte immer in seiner Theatergruppe spielen, aber er traute mir keine großen Rollen zu.

Wann haben Sie Ihre Berufung für das Theater erkannt?

Es war der Moment, als ich meine erste Begegnung mit einem großen Publikum hatte. Ich war neun Jahre alt und trug in der Weihnachtsmesse biblische Texte vor. Vor meinen Freunden hatte ich immer schon gern rezitiert, aber erst vor diesen vielen Menschen begriff ich, dass ich wirklich Theater spielen konnte.

Welche Autoren haben Sie beeinflusst und inspiriert?

Meine großen Vorbilder sind Molière und Corneille. Am Gymnasium habe ich den Don Diègue aus Corneilles Stück Le Cid gespielt und all diese langen schönen Tiraden auswendig gelernt. Dafür haben mir meine Freunde den Spitznamen »Don Diègue« verpasst. Während des Studiums sind Brecht und Pirandello in meinen literarischen Horizont getreten und haben meine ersten Werke beeinflusst.

Gibt es, abgesehen von diesen »großen Meistern« des europäischen Theaters, Strömungen in der afrikanischen Literatur, die Sie beeinflusst haben?

Mein Vater war ein Hassino, ein Vorsänger in unserer Kirche. Von ihm habe ich die Kunst der Komposition geerbt. Außerdem habe ich sehr früh Félix Couchoros Roman L'esclave (»Der Sklave«) gelesen, der als Fortsetzungsroman im Jahr 1960 in der landesweiten Tageszeitung Togo-Presse abgedruckt war. Ich holte die Zeitung jeden Tag, um die Fortsetzung zu lesen. Wie viele andere Schüler begeisterte mich das damals sehr. Es war der erste literarische Text, den wir zur Verfügung hatten, und das fast umsonst. Vor allem hatten wir das Gefühl, dass diese Geschichte sich sehr nah an unserem eigenen Leben abspielte, mit Protagonisten, die »unsere« Namen trugen, mit Orten und Landschaften, die wir wiedererkennen konnten. In diesem Sinne war Couchoro ein Vorbild für meine schriftstellerische Arbeit. Er hat mir gezeigt, dass man auch auf Französisch ein künstlerisch-literarisches Universum schaffen kann, das unserer Lebenswelt und unserer Art zu denken und uns künstlerisch auszudrücken sehr nahe kommt.
Seltsamerweise schöpfte Le Fils du fétiche (»Der Sohn des Fetisch«, 1971) von David Ananou aus dem gleichen Stoff wie eines meiner ersten Stücke, La Fiancée du Vodou (»Die Verlobte des Voodoo«). Aber im Grunde liegt es einfach daran, dass wir Westafrikaner alle von der Voodoo-Kultur stark beeinflusst sind– ob wir wollen oder nicht. Dennoch gibt es einen bedeutsamen Unterschied zwischen unseren beiden Stücken: Ananou zeigt, wie seine Protagonisten zur Taufe im katholischen Glauben geführt werden. In meinem Stück La Fiancée du Vodou triumphiert hingegen weder der katholische Missionar bei seinem Versuch, die Afrikaner zu »zivilisieren« und zu missionieren, noch der afrikanische Zauberer, der sich seiner magischen Kräfte bedient, um die anderen zu betrügen. Stattdessen lasse ich die Liebenden siegen und feiere damit die Befreiung von allen Mythen und Mystifizierungen, auch vom Mythos der »Zivilisation«.

Herr Zinsou, vielen Dank für dieses Gespräch!


Hintergrundinformationen

Ewe ist eine kwa-Sprache, die in Ghana und Togo von ungefähr 3 Millionen Menschen gesprochen wird (davon 850.000 Togoer, etwa 16 Prozent der Bevölkerung). Es handelt sich um eine Tonalsprache, bei der eine Veränderung der Tonhöhe den Wortsinn verändert.
Mina ist ein Dialekt der Ewe-Sprache und wird von 350.000 Menschen in Togo und Benin gesprochen.
Concert-party ist ein Genre des Volkstheater in der Ewe-Sprache und dem Mina-Dialekt, das in Togo und Ghana verbreitet ist und sich vom englischen Boulevardtheater inspirieren lässt. Es handelt sich um ein Stadtteiltheater, das von der Vorbereitung bis zur Aufführung eine Gemeinschaftserfahrung darstellt. Die Themen der Concert-Party sind der alltäglichen Lebenswelt entnommen, wobei der Schwerpunkt auf Komik, Pathos und dem subtilen Spiel zwischen Identifikation und Distanzierung liegt. Für das Verständnis der Concert-Party muss das Publik die Bedeutung bestimmter Symbole, Metaphern und Mythen kennen, die darin eine wesentliche Rolle spielen.
Die Kantata ist ein christlichen Volkstheaters, das vor allem in Kirchen und fast ausschließlich von Frauen aufgeführt wird. Dialoge, Tänze und Gesänge vermischen sich darin in einer Weise, die der klassischen Oper ähnelt.

Zum Weiterlesen

• Corneille, Pierre: Le Cid. Paris: Larousse, 1970.
• Couchoro, Félix: L'Esclave. Mee-sur-Seine: Akpagnon, 1983.
• Ananou, Félix: Le fils du fétiche. Paris: Nouvelles Editions Latines, 1971.


Togo

Christina Felschen, erschienen am 05.11.2007

• Hauptstadt: Lomé (840.000 Einwohner)
• Einwohner: 6 Millionen, darunter ca. 4000 Europäer (vor allem Franzosen), 42 verschiedene Ethnien
• Staatsform: Präsidialrepublik seit 1967 (jüngste Verfassungsänderung 2005), Wahl des Parlaments und des Staatspräsidenten regulär alle fünf Jahre (mit vielen Ausnahmen und Aufschüben)
• Staatsoberhaupt: Präsident Faure Gnassingbé (RPT, seit 2005)
• Regierungschef: Premierminister Yawovi Agboyibo (CAR, seit 2006)
• Flagge: grün-gelb gestreift mit weißem Stern auf rotem Grund, symbolisiert die Abhängigkeit der Togoer von ihrem Land (grün) und ihrer Arbeitskraft (gelb), sowie die Werte Liebe und Großzügigkeit (rot) und die Einheit des Landes (weiß), darüber hinaus sind es die panafrikanischen Farben
• Fläche: 57.000 Quadratkilometer (entspricht Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland oder Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne), 550 km lang und nur 50 bis 140 km breit
• Besiedlungsdichte: 97 Einwohner/km² (Deutschland: 235, Frankreich: 112)
• Städtische Bevölkerung: 40 % (Deutschland: 85 %, Frankreich: 77 %) (2005)
• Klima: ganzjährig tropisch-feucht, Lagunen und Sandstrände, Savanne und Gebirge

Einwohner

• Sprache: 3 Amtssprachen: Französisch, Ewe im Süden, Kabyé im Norden; außerdem Gur-Sprachen (Moba und Gurma), Fulbe, Yoruba und Hausa
• Religion: 55 % indigene Religionen, 30 % Christen (18 % Protestanten, 12 % Katholiken), 20 % Muslime (Sunniten)
• Demographie: 44 % jünger als 15 Jahre (Deutschland 14 %, Frankreich 19 %)
• Bevölkerungswachstum: 2,9 % (Deutschland: 0,3 %, Frankreich: 0,4 %) (1990-2005)
• Fruchtbarkeitsrate: 5 Kinder pro Frau (Deutschland: 1,4, Frankreich: 1,9) (2005)Wirtschaft
• Währung: CFA-Franc (Communauté Financiaire Africaine)
• Bruttosozialprodukt pro Kopf: 410 US-Dollar (Deutschland: 31.000, Frankreich: 35.000)
• Beschäftigung nach Wirtschaftssektoren: Landwirtschaft 65 %, Industrie 5 %, Dienstleistungen 30 % (Deutschland: 3 % - 33 % - 64 %, Frankreich: 4 % - 24 % - 72 %)
• Importvolumen fast doppelt so hoch wie Exportvolumen, Import hauptsächlich von bearbeiteten Waren, Maschinen, Nahrung aus China (30 % aller Lebensmittel) und Frankreich (9 %)
• Export von Zement und Phosphat sowie Baumwolle, Kakao und Kaffee in die afrikanischen Nachbarländer, Deutschland (5 %) und andere Staaten

Bildung & Soziales

• Menschen unter der Armutsgrenze: 32 % (Deutschland: 11 %, Frankreich: 6 %)
• Ärzte pro 1000 Einwohner: 0,05 (Deutschland/Frankreich: je 3,37)
• Säuglingssterblichkeit: 6 % (Deutschland/Frankreich: je 0,4 %)
• Lebenserwartung: 55 Jahre (2005)
• Zugang zu Trinkwasser: 52 % (2004)
• Zugang zu sanitären Einrichtungen: 35 % (2004)
• HIV-Rate: 3,2 % (Deutschland: 0,1 %, Frankreich: 0,4 %) (2005)
• Alphabetisierungsrate (über 15-Jährige): Männer 69 %, Frauen 38 % (2004)
• Einschulungsrate an weiterführenden Schulen: Jungen 30 %, Mädchen 14 % (2000-2005)

Geschichte

• 1884 gründet das deutsche Kaiserreich die Kolonie »Togoland« auf dem Stammesgebiet der Ewe und besetzt immer größere Teile des Landesinneren.
• 1920 wird die Kolonie ohne Rücksicht auf ethnische Grenzen zwischen den Siegermächten Frankreich (Gebiet des heutigen Togo) und England (Gebiet des heutigen Ghana) aufgeteilt.
• 1960, nach zwei Jahren der inneren Selbstverwaltung, wird Togo unter Präsident Sylvanus Olympio von der Ethnie der Ewe und einer Verfassung nach französischem Vorbild in die Unabhängigkeit entlassen.
• 1963 wird Olympio durch Gnassingbé Eyadéma ermordet, der sich
• 1967 nach einem Putsch zum Präsidenten der Republik ernennt.
• 1977, 1986, 1991 und 1994 folgen weitere Putschversuche gegen den Diktator. Aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen fliehen
• 1994 eine halbe Million Menschen aus dem Land.
• 1991 und 1992 wird nach landesweiten Protesten gegen Eyadéma eine Übergangsregierung unter Joseph Kokou Koffigoh gebildet, die jedoch aufgelöst wird, ehe es zu freien Wahlen kommt.
• 1993 suspendiert die EU (außer Frankreich) aufgrund der Defizite im Demokratisierungsprozess sowie der unbefriedigenden Menschenrechtssituation ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Togo.
• 1994 werden Mehrparteienwahlen eingeführt, doch bei Wahlen kommt es abwechselnd zum Betrug (Wahlfälschungen, Verschiebungen, Verfassungsänderungen) durch die Regierung (1998, 2002, 2003, 2005, 2007) und – als Reaktion – zum Boykott durch die Opposition (1999; 1994 von der internationalen Gemeinschaft verhindert).
• Im Februar 2005 stirbt nach 38 Jahren militärischer Gewaltherrschaft Gnassingbé Eyadéma. Sein Sohn Faure Gnassingbé ergreift die Nachfolge, die verfassungsgemäß dem Parlamentspräsidenten zusteht. Er ändert die Verfassung, muss aber auf massiven internationalen Druck zurücktreten. Zwei Monate später finden Präsidentschaftswahlen statt, die von Unregelmäßigkeiten und militärischen Ausschreitungen begleitet werden. Mehrere hundert Menschen sterben, 38.000 fliehen. Dennoch wird Faure Gnassingbé von einigen Ländern, darunter Frankreich, als neuer Präsident anerkannt.
• Im Juli 2005 öffnet sich Gnassingbés Partei RPT durch internationalen wirtschaftlichen Druck dem Dialog mit den Oppositionsparteien. Edem Kodjo von der gemäßigten Oppositionspartei CPP wird neuer Premierminister. Im September 2006 wird er vom Menschenrechtsexperten Yawovi Agboyibo (CAR) abgelöst.
• Am 14. Oktober 2007 finden Parlamentsneuwahlen statt, die von der EU teilfinanziert und mitbeobachtet werden. Dabei gehen 49 von 81 Sitzen an die Regierungspartei RPT, die vor allem im Norden dominiert, die Opposition erreicht im Süden rund um die Hauptstadt Lomé die meisten Wähler, ist aber mit 21 Sitzen für die stärkste Oppositionspartei UFC weit abgeschlagen. Die Wahlbeteiligung lag angeblich bei 95 Prozent. Berichte von Stimmenkäufen im Norden des Landes und anderen Unregelmäßigkeiten lösten friedliche Massenproteste aus. Die internationalen Wahlbeobachter erkannten das Ergebnis jedoch an.

Quellen u.a.:
• Fischer Weltalmanach 2008
• CIA-Factbook 2007: www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/index.html
(Daten von 2007, wenn nicht anders angegeben)



Dossier Deutschland und Québec

Wahlheimat Berlin

Dossier von Manuela Wolter, erschienen am 15.08.2007

»Berlin, das war Liebe auf den ersten Blick. Ich kam gerade mit dem Interrail aus Barcelona und hatte nur 24 Stunden, um die Stadt zu erkunden. Schon damals fand ich Berlin faszinierend und fühlte mich wie zu Hause ohne auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen – mal ganz abgesehen von dem miserablen Service.« Rita blickt zu dem verzweifelten Kellner hinüber und muss lachen. »In Kanada ist alles so anders. Die Mentalität der Menschen ist ganz anders.« Sie wendet sich ab, streicht ihr rötlich-braunes Haar aus dem Gesicht und blickt verträumt dem Sonnenuntergang entgegen.

Rita Devlin Marier, gebürtige Québecoise, hat kurz vor Ihrer Abreise nach Berlin ihren 23. Geburtstag gefeiert. Nun ist sie eine von 36.000 Kanadiern in Deutschland. Nach einem Bachelorstudium in Politik und Wirtschaft an der Universität von Ottawa ist sie im Februar 2007 für ein Praktikum in die deutsche Hauptstadt gekommen. Ursprünglich wollte sie ein Praktikum in der Kanadischen Vertretung in Brüssel machen. Als eine höchst unpersönliche Absage ins Haus geflattert kam, wurde ihre anfängliche Euphorie jedoch gedämpft. »Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, beschloss ich, einfach so lange weiterzusuchen, bis ich ein nettes Plätzchen in der Welt gefunden haben würde. Es muss ja nicht immer Brüssel sein«, erinnert sich Rita. Schweden wäre auch nicht schlecht gewesen. In der südschwedischen Studentenstadt Lund hatte sie ohnehin schon ein Auslandsjahr verbracht und hätte in bekannte Strukturen zurückkehren können.

Doch es sollte alles ganz anders kommen. Die Bewerbungen gingen in alle Himmelsrichtungen hinaus, von wo sie kurze Zeit später mit einem Negativbescheid zurückkehrten. Gerade als Ritas Hoffnung sich dem Nullpunkt näherte, erreichte sie ein Brief aus Deutschland. Ein kleines Consulting-Unternehmen suchte eine Wirtschaftsstudentin, die perfekt Englisch und Französisch spricht. Ein Zufall der Globalisierung? Nicht ganz. Rita hatte sich vor einiger Zeit bei der internationalen Studentenorganisation AISEC eingeschrieben, und dieser Schritt wurde nun belohnt. Die Sprachkenntnisse öffneten ihr Tür und Tor nach Berlin.

Als ihr Mobiltelefon vibriert und ein Anrufer die Unterhaltung unterbricht, stellt Rita ihr akzentfreies Englisch unter Beweis – ein Geschenk ihrer Mutter, die aus dem anglophonen Norden Ontarios stammt. Ihre Vorfahren sind vor mehreren Generationen aus Irland eingewandert. Jene des Vaters waren aus dem französischen Mutterland nach Québec übergesiedelt. Patchworkfamilien sind in diesem Teil Kanadas keine Seltenheit. In Montréal haben etwa 53 Prozent der Bewohner das Privileg, zweisprachig mit Englisch und Französisch aufzuwachsen. Auf die Frage, warum sie als frankophone Kanadierin nicht nach Paris gegangen sei, fallen Rita als Erstes die immensen Mietkosten der Metropole ein. Doch es gebe auch zwischenmenschliche Barrieren. Vier Tage habe sie in Paris verbracht und sich trotz gemeinsamer Sprache fremd gefühlt. Telefonate mit öffentlichen Stellen in Frankreich oder Belgien gehören für Rita zu den eher unangenehmen Begegnungen mit dem alten Kontinent. Womöglich macht der Akzent den feinen Unterschied: »Die Pariser sehen in mir einzig die Kanadierin und beginnen sofort auf Englisch zu sprechen. Ich selbst sehe mich als Québecoise, nicht als Kanadierin. Würde ich mir eine Flagge ans Fenster hängen, dann wäre es mit Sicherheit die von Québec.«

Das Einleben in Berlin ist Rita erstaunlich leicht gefallen. Binnen kürzester Zeit hat sie sich einen multikulturellen Freundeskreis aufgebaut, und selbst die deutsche Sprache ist für sie kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Dabei war ihr Deutsch ursprünglich nur aus Kriegsfilmen bekannt. Kein Wunder also, dass sich auch Ritas erste Schritte in der neuen Sprache am Klischee einer abrupten, mechanischen und vor allem unmelodischen Sprache orientierten. Umso überraschter war sie, als sie zum ersten Mal deutsche Musik im Radio hörte. Inzwischen hat sie es sich zum Hobby gemacht, das Geschlecht neu erlernter Wörter zu erraten und die Subtilitäten der deutschen Sprache zu erforschen. Und noch etwas hat der Aufenthalt in Berlin bewirkt: Rita verspürt zum ersten Mal das Bedürfnis, sesshaft zu werden. Seit sie ihr Studium aufgenommen hat, ist die 23-Jährige nie länger als sechs Monate in einer Wohnung geblieben. Wie eine moderne Nomadin trieb es sie immer weiter, von einer Wohngemeinschaft zur nächsten. Dieser Mobilitätsgedanke scheint in der Mentalität der Frankokanadier verankert zu sein. Montréal ist das beste Beispiel: Dort gilt der 1. Juni als offizieller »Umzugstag«. An diesem einen Tag im Jahr sind die Straßen der Metropole mit Möbeln und Kisten übersät und der Verkehr kommt unter der Last der Umzugswagen zum Erliegen. »In Berlin habe ich erstmals das Gefühl, angekommen zu sein.«

Rita hat kürzlich ihre Zulassung zum Studiengang »Internationaler Journalismus« an der Universität Laval in Québec erhalten. Wäre sie nicht angenommen worden, hätte sie ihr Studium aufgeschoben um ihrem Herzen zu folgen und ein Appartement an der Spree zu beziehen.


Wie man in Deutschland eine Dusche nimmt

und andere erste Beobachtungen einer Kanadierin in Berlin

von Rita Devlin Marier, Übersetzung Christina Felschen, erschienen am 15.08.2007

Durch Mundpropaganda und ein oranges Plakat, dessen Leuchtkraft so gar nicht in den Trübsinn der Cafeteria der Universität von Ottawa zu passen schien, habe ich einen Praktikumsplatz in Deutschland gefunden. Einige Monate später fand ich mich dank der Unterstützung der internationalen Studentenorganisation AIESEC in Berlin wieder. Etwas Besseres hätte ich mir gar nicht wünschen können. Morgen beginne ich meine Arbeit in einem Beratungsunternehmen. Die Vermittlungsorganisation hat eine Wohnung für mich gefunden und ein Typ hat mich gleich dorthin geführt und mir die Arme mit Würstchen, Bier und typischen deutschen Bonbons gefüllt. Seitdem sind kaum 24 Stunden vergangen. Gerade steige ich aus der Dusche. Damit beginnt die Chronik meiner ersten Eindrücke...

In Europa ist alles besser, habe ich kürzlich einem Freund erklärt: die Mode, das Essen, die Künste, das Leben – kurz: alles, bis auf die Duschen und Waschmaschinen. Diese geräuschvollen Maschinchen, die deine Klamotten länger als eine Stunde lang waschen, indem sie diese vorsichtig durchrütteln. Und diese verdammten Duschen, bei denen man die Duschköpfe auch noch selbst halten muss. Ich habe wirklich keine Ahnung von Klempnerarbeiten, aber wisst ihr was ich meine? Dieses Rohr da, das Teil, aus dem das Wasser rauskommt, ist auf dem alten Kontinent nur selten an der Wand angebracht… Man muss es selbst über dem Kopf halten, während man versucht, sich die Zehen einzuseifen, und dabei noch Acht geben, das Badezimmer nicht unter Wasser zu setzen. Badezimmer (im Französischen spricht man wörtlich gar von einem »Badesaal«) ist ein großes Wort dafür. Im Fall meines Berliner Appartements wäre der Ausdruck »Badeschrank« wohl angebrachter. Dort schaffe ich es nicht einmal, die Arme horizontal auszustrecken. Die spinnen, diese Europäer. Welch Frustration für mich als hartgesottene Nordamerikanerin, die für gewöhnlich eine halbe Stunde lang megaheiß duscht, sich anschließend die Haare föhnt und dabei wohl so viel Strom verbraucht wie für die Beleuchtung meiner Straße in einem Monat nötig wäre.

Na gut, ich übertreibe ein bisschen. Dennoch habe ich gleich gemerkt, dass es hier eine völlig andere Haltung gegenüber dem Umweltschutz gibt. Noch ein Beispiel: In meinem Gebäude, wie auch in allen anderen, ist die Flurbeleuchtung keineswegs durchgängig eingeschaltet. Man macht das Licht erst an, wenn man kurz davor ist, die Treppe im Dunkeln hinaufzusteigen. Ein paar Minuten später schaltet es sich automatisch wieder aus. Gar nicht so dumm. Über das Thema der U-Bahn gehe ich mal hinweg, um die Leser aus Québec nicht neidisch darüber zu machen, dass meine Zeit in einer stinkenden, verspäteten 95er-Métro entschieden vorbei sind. Stattdessen habe ich Anschluss an ein Nonplusultra-Netz von Zügen, S- und U-Bahnen. Genau wie mein Appartement und alle möglichen anderen Orte sind die Haltestellen systematisch mit vier Mülltonnen ausgestattet, denn hier wird jederzeit einfach alles recycelt. In der Stadt bemüht man sich offensichtlich permanent Strom zu sparen: eine Straßenbeleuchtung ist praktisch nicht vorhanden und falls doch einmal, wirkt sie eher verschämt, verglichen mit den Tausenden Laternen auf nordamerikanischen Straßen. Hier bin ich nicht nur auf einem anderen Kontinent, sondern auch in Sachen Umweltschutz in einer anderen Dimension.

Obwohl man in Amerika überall vom Umweltschutz spricht, ist die Herangehensweise hier tatsächlich eine ganz andere. Man jammert nicht über das Kyoto-Protokoll (dessen Regeln sind hier längst ratifiziert und sie werden wie selbstverständlich befolgt), man schreckt nicht plötzlich auf, nachdem man den Film von Al Gore gesehen hat* und man denkt nicht über das Verschwinden der Eisbären nach. Nein, hier ist der Umweltschutz mehr als nur eine Mode, eine Balkenüberschrift oder ein heißes politisches Eisen: Er ist ein ganzer Lebensstil. Der zeigt sich zum Beispiel schon beim Sortieren der Abfälle, wenn alles recycelt und der Rest noch kompostiert wird. Gelebter Umweltschutz drückt sich auch darin aus, dass die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt werden ohne groß darüber nachzudenken. Oder wenn man ein dermaßen hohes Flaschen- und Dosenpfand bezahlen muss, dass man gar keine andere Wahl hat als sie anschließend ins Geschäft zurückzubringen. Und in dieses ökologische Bewusstsein passt eben auch meine Toilette mit ihrer Wasserspartaste und meine Dusche mit ihrem geringen Wasserdruck, die nach zehn Minuten kalt wird.

Na und? Nun, vielleicht müsste die Diskussion jenseits des Atlantiks über Kyoto hinausgehen. Vielleicht sollten wir zugunsten des Planeten wirklich ein bisschen mehr von unserem nordamerikanischen Komfort aufgeben. Ich brauche sicher nicht zu erwähnen, dass ich hier noch kein einziges sportliches Nutzfahrzeug** gesehen habe. Benzin ist zu teuer. Die meisten Leute fahren Miniautos – Modelle, die es bei uns nicht einmal gibt. Auch auf die Gefahr hin, die Fans von Elvis Gratton*** zu verärgern: Vielleicht führt uns der amerikanische Weg des »Think Big« nicht in den süßen Fortschritt des Liberalismus, sondern direkt ans Ende. Möglicherweise sollten wir lieber den Weg des »think small« einschlagen: Überall vier Mülltonnen aufstellen, große Wagen von den Straßen verbannen und uns daran gewöhnen, uns ein wenig schneller einzuseifen... Ich habe sofort verstanden, dass ich meine Lebensgewohnheiten ändern muss. Ich habe gar keine Wahl, schließlich bin ich ja gerade nach Europa gezogen - dorthin, wo der Umweltschutz völlig verinnerlicht ist und sich in den kleinsten Gesten zeigt. Es lebe das »think small«.

* Im Dokumentarfilm An Inconvenient Truth (Eine unbequeme Wahrheit, 2006) berichtet der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat über den Treibhauseffekt.

** Gemeint sind ursprüngliche Nutzfahrzeuge wie Geländewagen und Pickups, die mancherorts als Privatwagen gefahren werden und im Verbrauch häufig über 20 Liter liegen.

*** Als einer der ersten Kultfilme Québecs ist Elvis Gratton zum absoluten Symbol des glücklichen Idioten geworden, der unter dem amerikanischen Imperialismus zusammenbricht.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Québec

– enger als man glaubt

von Manuela Wolter, erschienen am 15.08.2007

Auf den ersten Blick haben Québec und Deutschland nichts gemeinsam. Nicht nur, dass Québec auf der anderen Seite des Globus liegt, die größte Provinz Kanadas ist auch fast viermal so groß wie Deutschland. Die Bevölkerungsdichte ist ebenfalls sehr ungleich: Auf einer wesentlich kleineren Fläche hat Deutschland etwa zehnmal so viele Einwohner wie die Provinz – 82 Millionen Deutsche stehen 7,5 Millionen Québecern gegenüber. Auch auf sprachlicher Ebene sind keinerlei Verbindungen auszumachen – anders als zwischen Kanada und seinen ehemaligen »Mutterländern« Großbritannien und Frankreich. Wer nach Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Québec zu suchen beginnt, hat das Gefühl gegen einen Strom zu schwimmen.

Doch der erste Eindruck täuscht. Neben blühenden Wirtschaftsbeziehungen (Deutschland ist hinter den USA und Großbritannien Québecs wichtigster Handelspartner) ist vor allem auf kultureller Ebene eine enge Zusammenarbeit zu beobachten. Bereits im Jahr 1975 haben die Regierungen beider Länder ein Abkommen unterzeichnet, das neben der bilateralen Förderung von Musik, Literatur und den bildenden Künsten auch eine intensive Kooperation auf dem Gebiet des Hochschulwesens vorsieht. Aus diesem Abkommen resultieren die gut finanzierten Austausch- und Stipendienprogramme sowie die Einrichtung der Kanada-Zentren in Berlin, Marburg, Trier und vielen anderen Städten Deutschlands.

Doch die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Kanada gehen über die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit der vergangenen Jahrzehnte weit hinaus. Bereits vor 200 Jahren wanderten die ersten Deutschen nach Kanada aus. Während des Zweiten Weltkriegs kamen unzählige Exilanten hinzu. Allerdings zog es die meisten Deutschen an die Westküste des Landes, da die Mehrheit Englisch als Verkehrssprache besser beherrschte als Französisch. Die Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang und die Stationierung alliierter Truppen im geteilten Berlin ließen Westdeutschland und Kanada zusammenrücken. Dies führte zu einer engen Verbundenheit und zahlreichen Mischehen. Noch heute wandern rund 3000 Deutsche pro Jahr nach Kanada aus und mehr als 2000 junge Deutsche absolvieren zumindest einen Teil ihrer Ausbildung an einer kanadischen Schule oder Universität. Die in Québec sesshaft gewordenen Deutschen scheinen sich stark anzupassen. Dies erklärt zumindest ihren Spitznamen »Communauté muette« (stumme Gemeinschaft). Bei einer Volkszählung im Jahr 2001 wurde ermittelt, dass rund 2,75 Millionen Kanadier deutsche Wurzeln haben. Damit sind die Kanadier mit einem deutschen Zweig im Stammbaum die fünftgrößte Volksgruppe des Landes.

Auch umgekehrt zeugen die Statistiken von intensiven deutsch-kanadischen Beziehungen: Anfang 2006 wurden etwa 36.000 Kanadier in Deutschland gezählt. Ebenso wie die deutschen Wahlkanadier sind auch die Québecer in Deutschland stark integriert und daher kaum sichtbar. Im Gegensatz zu anderen Einwanderergruppen finden sie sich nicht zu einer Gemeinschaft zusammen, sondern treten vielmehr als Individualisten auf. In Paris existiert hingegen eine Québecer Gemeinschaft mit Stammlokalen, Cafés und allem was das (kanadische) Herz begehrt. Aber keine Angst: Um »echte Québecer« anzutreffen, muss kein Deutscher an die Seine fahren. Dresden liegt doch soviel näher. Dort befindet sich der Freundeskreis Québec-Deutschland e.V., der Stammtische und Veranstaltungen organisiert.

Eine besondere Affinität besteht zwischen der Provinz Québec und dem Freistaat Bayern: Es ist kein Zufall, dass die »Québecische Botschaft« ausgerechnet in München sitzt, wo sie seit 1989 bilaterale Kooperationen pflegt. Es scheint, als hätten sich der Freistaat und die Provinz gesucht und gefunden. Die religiösen, wirtschaftspolitischen und politischen Ähnlichkeiten sind verblüffend: Beide Regionen haben sich in den letzten Jahrzehnten zu Hochburgen der Wissenschaft und der Informations- und Biotechnologie entwickelt. Als Bindeglied wirkt auch die starke Bedeutung der katholischen Religion für das bayuvarische und québecische Selbstverständnis. Wenngleich diese in Québec seit der »Révolution tranquille« (»Stillen Revolution«) in den 1960er Jahren kaum noch spürbar ist, so ist es dennoch der katholischen Kirche zu verdanken, dass die französische Sprache in Kanada überhaupt überlebt hat: Inmitten der angloamerikanischen Repressionen konnten sich vor allem die katholischen Gottesdienste weiterhin als frankophoner Raum behaupten. Der Provinz Québec ist zudem genau wie dem Freistaat Bayern daran gelegen, ihre Eigenständigkeit zu verteidigen: Bayern beruft sich gern auf seine 1500-jährige Geschichte, um seinen Anspruch auf Eigenstaatlichkeit zu untermauern. Die Provinz Québec stellt in kultureller und linguistischer Hinsicht eine Insel dar und musste seit jeher ihren Status gegenüber dem übermächtigen anglokanadischen Einfluss verteidigen. Während der »Révolution tranquille« keimte in Québec ein neuer Nationalismus auf, der dem Staat eine zentrale Rolle in der Verteidigung von Sprache und Kultur zusprach und 1986 zur Gründung der »Parti Québecois« führte. Diese ließ mehrmals Referenden über die Unabhängigkeit Québecs durchführen, zuletzt im Jahr 1995.

Bisher konnte noch kein Konsens über den politischen Status der Provinz gefunden werden. Dennoch gibt es einen Grund zur Freude, denn am 3. Juli 2008 begeht Québec Stadt, die Hauptstadt der Provinz und zugleich »die französischste aller Städte Kanadas«, ihr 400-jähriges Jubiläum. Das gibt allen Grund zu feiern – auf beiden Seiten des Atlantiks und ganz besonders in Bayern.

Quellen:

Feifel, Manuel: Regionen als »Global Players« – Das Beispiel der interregionalen Kooperation Bayern-Québec. Heidelberg: Synchron, 2003.

Kolboom, Ingo: Québec-Deutschland: Parallelen, Analogien, Vergleiche – ein Versuch. In: Zeitschrift für Kanada-Studien, No 1 (Augsburg) 2001, S. 109-124.

Kanadische Botschaft in Berlin: www.dfait-maeci.gc.ca/canada-europa/germany/menu-de.asp

Freundeskreis Québec-Deutschland e.V.: www.aqa-online.de Kanadisches Statistikzentrum: www.statistiquecanada.com




Québec in der Literatur

Lesetipps

von Manuela Wolter, erschienen am 15.08.2007

Wer sich der Provinz Québec und ihrer Bevölkerung lieber vom heimischen Sessel aus nähern möchte, dem seien folgende Klassiker empfohlen:

Hugh MacLennon: Two solitudes (Zwei Einsamkeiten), 1945

Gabrielle Roy: Bonheur d’occasion (Gelegenheitsglück), 1945

Während sich die frankokanadische Literatur bis in die 1950er-Jahre stark an der Importware aus dem französischen »Mutterland« orientierte, entwickelte sich in Québec nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine unabhängige Literatur, die zunehmend kanadaspezifische Themen aufgriff und gesellschaftliche Probleme in Worte fasste. So beschreibt etwa MacLennon in seinem Werk Two solitudes die Geschichte der Provinz Québec und bearbeitet das konfliktreiche Nebeneinander von Franko- und Anglokanadiern. Gabrielle Roy hingegen tritt in Emile Zolas Fußstapfen und stellt das Proletariat sowie das individuelle Streben nach Glück in den Fokus ihrer Erzählungen. Dabei thematisiert sie die Loyalitätsfrage als das große Streitthema, an dem die kanadische Gesellschaft während des Zweiten Weltkriegs zu zerbrechen drohte: Während die Anglokanadier dem Ruf der englischen Krone gefolgt sind und das »Mutterland« verteidigten, zeigten sich die Bewohner des damaligen »Neufrankreich« wenig gewillt, ihr Leben für einen Krieg auf dem alten Kontinent aufs Spiel zu setzen.

Yves Beauchemin: Le Matou (Der Kater), 1981

Michel Tremblay: La grosse femme d’à côté est enceinte (Die dicke Frau von nebenan ist schwanger), 1987 (erster Teil des Romanzyklus’ Chroniques du Plateau Mont-Royal)

Seit den 1970er-Jahren entwickelte sich eine »Kiezliteratur«, deren Ambition es war, einen Ausschnitt des Stadtbildes von Montréal detailgetreu wiederzugeben. Sowohl Yves Beauchemins Katzenroman Le Matou als auch Tremblays Familienroman bilden die Plätze, Straßen und aktuellen Ereignisse der Zeit realitätsgetreu ab. Das Besondere dieser Romane ist, dass die Personen sich auf »Joual« unterhalten, dem authentischen Dialekt der Frankokanadier.

Francine Noël: Maryse,1983

Dieser »Kampfroman« zeichnet den politischen Umbruch der 1980er-Jahre nach. Die Provinz von Québec, allen voran Montréal, wurde zu dieser Zeit von Bombenattentaten und radikalen Demonstrationen heimgesucht. Die Bewegung richtete sich in erster Linie gegen die anglophone Vormachtstellung und sollte in der Unabhängigkeit Québecs münden. Auch innerhalb der frankokanadischen Bevölkerung wurden die Spannungen stärker und die Rufe radikaler: Die Frauen versuchten, die Ketten des frankokanadischen Patriarchats zu durchbrechen und eine egalitäre Gesellschaft aufzubauen.

Chen, Ying: Les Lettres chinoises (Chinesische Briefe), 1995

Kokis, Sergio: Le Pavillon des miroirs (Der Spiegelpavillon), 1999

Hans-Jürgen Greif: Orfeo, 1999

Parallel zu dieser »Kampfliteratur« entwickelte sich eine überaus bunte Immigrantenliteratur, die Québec mit den Augen eines Fremden unter die Lupe nimmt. Die Spannungen zwischen den separatistisch-nationalistischen Bewegungen der »Révolution tranquille« (»Stille Revolution«) und der heterogenen Wirklichkeit des Einwanderungslandes Québec wirkten sich massiv auf das Selbstbild von (ethnischen) Gruppen und Individuen aus Die Frage nach der eigenen Identität wurde so zu einem wichtigen Topos der »littérature migrante«. Viele immigrierte Schriftsteller sind von ihrer Muttersprache ins Französische gewechselt und mit zahlreichen québecer Literaturpreisen bedacht worden, darunter der in Brasilien geborene Psychologe Sergio Kokis, die Romanistin Ying Chen aus China und der deutschstämmige Literaturprofessor Hans-Jürgen Greif.

Monique Proulx: Aurores Montréales (Morgenstunden in Montréal), 1997

In Aurores Montréales reiht Monique Proulx Kurzgeschichten über ungewöhnliche Bewohner Montréals aneinander und bildet auf diese Weise das soziale Patchwork der frankokanadischen Metropole ab. Durch die Brille von Transsexuellen, Prostituierten und anderen Grenzgängern lernt der Leser die Stadt von ihrer eher untouristischen Seite kennen.

 

Einen Einblick in die Besonderheiten der frankophonen Gegenwartsliteratur Kanadas geben die folgenden Publikationen :

Daus, Ronald: Großstadtliteratur in Montréal : „Das offene Ende“. In: Neue Romania, Nr.30, 2004.

Ertler, Klaus-Dieter : Kleine Geschichte des frankokanadischen Romans. Tübingen: Narr, 2000.

Klaus, Peter (Hrsg.) : Conteurs franco-canadiens. Stuttgart: Reclam 2000.

Moisan, Clément/ Hildebrand, Renate: Ces étrangers du dedans. Une histoire de l'écriture migrante au Québec (1937-1997). Québec: Nota Bene, 2001.

Müller, Klaus Peter (Hrsg.): Contemporary Candian Short Storys, Stuttgart: Reclam 1990

Baier, Lothar/ Filion, Pierre (Hrsg.) : Anders schreibendes Amerika. Eine Anthologie der Literatur aus Québec 1945-2000. Heidelberg: Wunderhorn, 2000.



Welche Erfahrungen ein Europäer in Québec macht, was es mit der kanadischen Frankophonie auf sich hat und weitere interessante Details erfahren Sie in unserem Dossier Québec: Europaliebe auf Eis.

Was bleibt vom Gedenken an die tirailleurs sénégalais im Elsass?

Bineta Diagne, Übersetzung Saskia Schuster, erschienen am 01.05.2007

Ist in Straßburg jegliche Erinnerung ausgelöscht?
Mitten im Elsass gelegen war Straßburg von jeher für Frankreich und Deutschland ein umkämpftes Objekt der Begierde. Mehrmals wurde die Stadt durch die Deutschen annektiert, und erst am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das besetzte Straßburg von französischen und amerikanischen Soldaten befreit. Aber auch von den tirailleurs sénégalais (Senegalschützen), afrikanischen Soldaten, die in den französischen Kolonien mobilisiert wurden. Zwischen 1933 und 1945 waren etwa 600.000 Soldaten aus Französisch-West- und -Äquatorialafrika gekommen, um mit Leib und Seele für das französische »Mutterland« zu kämpfen und es vom Joch der Nazis zu befreien. Aber diese Tatsache scheint für die Straßburger ohne Bedeutung zu sein. Nach dem Thema befragt, müssen die meisten Einwohner passen. Vereinzelt wird zurückhaltend hervorgebracht, dass es sich um Soldaten handle, die an der Seite der Franzosen gekämpft hätten, ohne dass dies jedoch auf einen genauen Zeitpunkt in der französischen Geschichte bezogen werden könnte. Nur ein Buchhändler teilt uns mit, dass »sie zwischen 1940 und 1944 in der französischen Armee gekämpft haben. Sie haben sogar an der Befreiung Südfrankreichs teilgenommen«. Diese tirailleurs sénégalais trugen zur Befreiung der Provence bei und rückten danach ins Elsass vor, wo sie die französische Position halten mussten. Heutzutage existieren trotz alledem nur sehr wenige Spuren dieser rettungsbringenden Mission. Wie Emmanuel Subiali, Geschichtslehrer in Guebwiller (Stadt im Département Haut-Rhin), bemerkt, »gibt es im Elsass einige Gedenktafeln zur Würdigung der Tirailleurs. In Straßburg wurde eine Mauer zu Ehren der algerischen Soldaten errichtet.« Hierbei handelt es sich um die Place du troisième régiment des tirailleurs algériens, die sich im Viertel Esplanade befindet. Aber im Allgemeinen, so bedauert Subiali, halte sich das Gedenken sehr in Grenzen.

Elsässer und ihre bruchstückhaften Erinnerungen
Auch wenn es nur wenige sind – einige Elsässer können sich noch daran erinnern, welche Rolle die tirailleurs sénégalais gespielt haben. Eine von ihnen ist Elise Reitzer. In Altkirch, einem Dorf im Herzen des Sundgaus (Oberelsass), erklärt Reitzer, dass es sich bei den Tirailleurs um Franzosen handle, die aus Übersee gekommen wären, um ihren Landsmännern zu helfen. »Sie sind für uns gestorben, genauso wie die Marokkaner. Sie gehörten zu den Streitkräften, die das Elsass befreit haben.« Schon als Kind lauschte sie aufmerksam den Geschichten ihres Großvaters, der Kämpfer in der Résistance gegen die deutsche Besatzung war. Dieser erzog seine Enkelin im Geiste des französischen Widerstands. Eine Erziehung, die Kriegsgeschichten mit Anekdoten über die Tapferkeit der einheimischen Soldaten verband. Elise Reitzer erinnert sich noch an ein Lied der Tirailleurs, das sie sich zugleich beeilt anzustimmen: »C’est nous les Africains qui revenons de loin.« (»Wir, die Afrikaner, kommen von weit her.“«) Einige Elsässer haben also tatsächlich das Gedenken an die tirailleurs bewahrt. »Aber«, klagt Elise Reitzer, »so ist das nicht in allen Familien. Es muss Erinnerungsarbeit geleistet werden. Leider ist das eine Sache, die man vernachlässigt und die in Vergessenheit gerät.«

Einführungskurs: Erinnerung ist ein Muss
In Guebwiller, genauer gesagt im berufsbildenden Storck-Gymnasium, versucht Emmanuel Subiali das Interesse der Jugendlichen für die Geschichte des Elsass wiederzubeleben. Vor allem will er ihnen die Art und Weise, wie die Elsässer die Befreiung ihrer Region erfahren haben, ins Bewusstsein bringen. Gemeinsam mit seinen Schülern hat Subiali mehrere Zeugenberichte von Elsässern gesammelt. Das Projekt wurde mit 30 Schülern durchgeführt, »die sich schnell auf die Thematik eingelassen haben«. Dabei agierte Subiali im Sinne des Laisser-faire: »Das heißt, meine Schüler, die von der historischen Frage überhaupt nicht betroffen waren, sollten selbst entdecken, was die Befreiung des Elsass genau bedeutet hatte. Und mit Hilfe der Zeugenberichte erkannten sie, dass das Elsass zum Großteil durch nordafrikanische und senegalesische tirailleurs befreit worden war.« Besonders einprägsam war für Subiali in diesen Berichten das Erstaunen der Elsässer über ihr Zusammentreffen mit den Tirailleurs. »Dies war das erste Mal, dass diese Elsässer Menschen mit farbiger Haut in unserer Region sahen. Sie waren völlig überrascht. Zugleich war es ein emotionsgeladenes Zusammentreffen: Zwischen unseren afrikanischen Soldaten und unseren befreiten Bürgern bestand Brüderlichkeit. Es war ein Aufeinandertreffen zweier Kulturen.«

 

Zur weiterführenden Lektüre

1940–45 La Libération de Guebwiller et des environs – Souvenirs de la période d’occupation et de la libération de Guebwiller et des communes environnantes 1940- 45. Interviews et récits. Emmanuel Subiali et ses élèves du lycée de Storck. Do Betzinger Editeur, 2005.

Nancy Lawler. Soldats d’infortune: Les Tirailleurs Ivoiriens de la Seconde Guerre mondiale. L’Harmattan, 2000.

Joseph Issoufou Conombo. Souvenir de guerre d’un Tirailleur sénégalais. L’Harmattan, 1989.

Les musulmans dans l’armée française, 1900–45, von Belkacem Recham, in: L’Histoire de l’Islam et des musulmans en France du Moyen Age à nos jours, ouvrage collectif sous la direction de Mohammed Arkoun. Albin Michel, 2006.

Les tirailleurs sénégalais dans la campagne de mai–juin 1940, von Julien Fargettas, in: CHED. Les troupes de marine dans l’armée de terre: Un siècle d’histoire 1900–2000. Paris: Lavauzelle, 2001.

Les troupes noires dans le contexte de l’Armée B en 1944 entre gestion politique et gestion des effectifs, von Gilles Aubagnac. In: CHED. Les troupes de marine dans l’armée de terre: Un siècle d’histoire 1900-2000. Paris: Lavauzelle, 2001.

Statistiken: Bilan engagement des colonies durant la Première Guerre mondiale (1914-1918). Ministère de la Défense (Verteidigungsministerium).

Charles Honana. La France et ses tirailleurs, in: ders., Français oubliés de la Libération. Duboiris Eds 2006.

Außerdem

Der »Tata«, Militärfriedhof der tirailleurs sénégalais, in Chasseley (Rhône)

Camp de Thiaroye, Film von Sembène Ousmane, 1988.

C’est nous les Africains, Film von Jean-Marie Fawer, 1994.

Philippe Guionie Anciens combattants africains : Des visages et des mots pour mémoire, Éditions les Imaginayres, 2006, 108 S. incl. CD, ISBN: 2-914416-26-1, 28€, Mai–Juni Ausstellung im Culturesfrance, Paris, Portfolio, www.philippe-guionie.com



Schicksale am Kreuzweg

Der Sohn eines tirailleurs und ein waschechter Elsässer: Erinnerungen an eine gemeinsame Vergangenheit, die unterschiedlicher nicht sein könnte

von Bineta Diagne, Übersetzung Magali Breul, erschienen am 01.05.2007

»Die Deutschen kamen 1940. Wir mussten Deutsch lernen, wir durften kein Französisch mehr sprechen«, erinnert sich Albert Schilling, der neun Jahre alt war, als das gesamte Elsass annektiert wurde. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1940, der mit einer schmählichen Niederlage für Frankreich endete, wird der Norden des Landes besetzt. Der Süden Frankreichs ist frei. Das Elsass fällt in die Hände des deutschen Reiches. Eine schmerzhafte Zeit für die Elsässer, die sich nun den Ordern des Naziregimes fügen müssen, das ihnen unter anderem einen neuen Status aufzwingt: Alle Elsässer sind Deutsche, ob es ihnen gefällt oder nicht. »Wenn wir auf der Straße beim Französischsprechen erwischt wurden, konnten wir nach Deutschland in ein Konzentrationslager deportiert werden«, erinnert sich Schilling bitter. Fast fünf Jahre lang mussten die Einwohner von elsässischen Gemeinden wie Issenheim, Soultz oder Guebwiller diese Zwänge ertragen.

An die Front, um das französische »Mutterland« zu befreien
Nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 wird die französische Armee reduziert. Die Truppen in Nordafrika werden auf 120.000 Mann begrenzt. Unter der Führung des General de Gaulle beginnt Frankreich, Soldaten in seinen Kolonien im Maghreb und in Afrika südlich der Sahara zu mobilisieren. »Um das deutsch besetzte Frankreich zurückzuerobern, versuchte General de Gaulle, Marschbataillone aufzustellen. Es handelte sich um »Fußtruppen«, die beispielsweise im Tschad dank der Unterstützung des Generalgouverneurs Félix Eboué rekrutiert wurden«, erzählt Aliou Badiane, ein Straßburger senegalesischer Abstammung. Sein Vater zählte zu den 40.000 senegalesischen tirailleurs (Schützen, Infanteristen), den Soldaten, die 1940 in den Kolonien mobilisiert wurden, um die Truppen der französischen Armee zu verstärken. Sein Vater, in der Wolof-Gesellschaft (siehe Infokasten zu Ceddos) ein Söldner, gehörte zur französischen Armee. Und voller Stolz rühmt Aliou Badiane dessen Tapferkeit: »Mein Vater war ein Ceddo (siehe Infokasten unten), also ein wahrer Krieger. Er stammte aus einem Dorf namens Ourossogui. Er war erst 17, als er in das Lager bei Perpignan entsandt wurde, um für Frankreich zu kämpfen. Die französische Armee brauchte tapfere, widerstandsfähige Männer. Die tirailleurs wurden zum Teil aus den entlegensten Dörfern des Senegal rekrutiert.« Diese frühzeitige Verpflichtung in der Armee war schmerzhaft. Für den jungen Ceddo, der weit entfernt war von seiner Familie, wie für Aliou Badiane, der von den Kriegsgeschichten seines Vaters und dem Leid geprägt war, das dieser erdulden musste.

Badianes Vater wurde in die »Marschbataillone« aufgenommen. »Die Aufgabe der Marschbataillone war es, die Deutschen in ihren Bunkern aufzuspüren«, erklärt Aliou Badiane. »Die Marschbataillone «, fährt er fort, »hatten ihr Militärlager in Perpignan. Zum Marschbataillon zu gehören, das hieß von Perpignan nach Marseille zu marschieren – von Marseille nach Toulon. Die Soldaten trugen schwere Waffen mit bloßen Händen. Die tirailleurs kämpften unter schwierigen Bedingungen: Sie marschierten vorneweg, wie die Aufklärer, sie kämpften ganz vorne an der Front. Unter ihnen war auch mein Vater«, berichtet Aliou Badiane. Diese Stellung erschöpfte und entmutigte sie gleichermaßen. So sehr, dass Aliou Badianes Vater manchmal nur noch den Wunsch hatte, »eine Granate abzukriegen. Während des Krieges«, fügt Aliou Badiane hinzu, »gab es keine Ruhepausen. Da hieß es marschieren oder sterben. Vor ihnen und hinter ihnen lag der Tod. Vor ihnen, weil sie Angst haben mussten, von den Deutschen getötet zu werden; hinter ihnen, weil sie Gefahr liefen, von der französischen Armee erschossen zu werden.« Mit dieser ständigen Angst im Nacken nahm Aliou Badianes Vater an mehreren Feldzügen teil: in Toulon, am Suezkanal, in der Normandie, bis er schließlich im Elsass landete. Genauer gesagt in den Vogesen, wo sein Bataillon die französischen Stellungen halten musste, so gut es eben ging.

Schmerzhafte Heimkehr
Noch vor der vollständigen Befreiung Frankreichs wurde Aliou Badianes Vater durch einen weißen Soldaten ersetzt. (Das Ersetzen eines afrikanischen Soldaten durch einen Weißen wird im Französischen mit dem Verb »blanchir« bezeichnet, das im Deutschen so viel heißt wie »weiß machen, wegrationalisieren«, siehe Infokasten unten.) Er wurde vorzeitig von der Front abgezogen und 1944 in den Senegal zurückgebracht. Die Rückkehr der tirailleurs in ihr Heimatland war oft schmerzhaft. Badianes Vater wurde auf ein Schiff Richtung Senegal verfrachtet. Aber das Schiff kenterte, »manche ertranken im Ozean. Mein Vater konnte nicht schwimmen«, erzählt Aliou Badiane, »er musste seinen Seesack dem Meer überlassen, um sich über Wasser halten zu können. Und so hat er seinen Kriegsteilnehmerausweis verloren.« Er wurde zusammen mit drei anderen tirailleurs von spanischen Fischern gerettet und am 1. Dezember 1944 mit einem Flugzeug in seine Heimat zurückgebracht. Genau in der Nacht, als die in einem Lager in Thiaroye einquartierten senegalesischen tirailleurs niedergemetzelt wurden, weil sie ihre Mobilisierungsprämie eingefordert hatten (mehr zu diesem Vorfall im Infokasten unten). »An genau dem Tag, an dem mein Vater gelandet ist«, erklärt Aliou Badiane, »konnte man vom Flughafen aus das Gewehrfeuer und den Lärm der Panzerfäuste hören. 35 Personen kamen bei diesem Massaker ums Leben. Und viele tirailleurs wurden verletzt.« Der Zweite Weltkrieg hat unter den tirailleurs hohe Opfer gefordert. 1944/45 zählte die Erste Französische Armee in Frankreich und Deutschland 14.000 Tote und 42.000 Verletzte. Die Schätzungen der Verluste auf französischer Seite nach dem 8. November 1942 schwanken zwischen 97.000 und 110.000 Toten, Verletzten und Vermissten, von denen mehr als die Hälfte aus Nord- und Schwarzafrika stammten. (Les musulmans dans l’armée française, 1900–1945, Belkacem Recham).

Badianes Vater lebte anschließend einige Jahre in Dakar; es fiel ihm schwer, wieder ein normales, ziviles Leben aufzunehmen: »Die ehemaligen Kriegsteilnehmer genießen keinerlei gesellschaftliche Anerkennung«, stellt Aliou Badiane bedauernd fest. »Man hält sie für ›verrückt‹, sie werden gemieden. Sie leiden unter sozialem Unbehagen.« Badiane zufolge wird dieses Unbehagen noch verstärkt durch die Tatsache, dass seinem Vater, genau wie vielen anderen ehemaligen tirailleurs aus dem Senegal, der ihm zustehende Kriegssold nicht ausgezahlt wurde, den er damals gebraucht hätte, um sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Mit siebzig Jahren wurde Aliou Badianes Vater blind. Sein Sohn, der damals seit vierundzwanzig Jahren in Straßburg lebte, beschloss, ihn zu sich zu holen, um ihn zu pflegen. Damit begann ein steiniger Weg, gepflastert mit erfolglosen Behördengängen: Ohne Sozialversicherung und ohne Kriegsteilnehmerausweis erwiesen sich die Behandlungskosten für seinen Vater als unbezahlbar. Schließlich starb er im Koma, drei Wochen bevor sein Anspruch auf Kriegsrente offiziell anerkannt wurde: »Seine Rechte sind mit ihm gestorben. Seine Akte wird geschlossen«, stellt Aliou Badiane nicht ohne Verbitterung fest. Wie so viele andere Senegalesen in Straßburg hat auch er den Eindruck, dass die tirailleurs aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind. Seit dem Tod seines Vaters setzt er sich in Straßburg für die Anerkennung seiner Vorfahren ein.


Zusatzinformationen

»La Débacle française«
Dieser französische Ausdruck bezeichnet die militärische Niederlage der französischen Armee gegen die deutschen Offensiven 1939/40. Am 22. Juni 1940 unterzeichnet Maréchal Pétain den Waffenstillstandsvertrag und kollaboriert fortan mit dem Naziregime. Frankreich wird in zwei Zonen geteilt: die deutsch besetzte Zone im Norden des Landes und die freie Zone im Süden, wo die Regierung Pétains ihren Sitz nimmt. Die französische Niederlage im Mai/Juni 1940 fordert hohe menschliche Verluste unter den tirailleurs.

1940 hatte Frankreich 340.000 Soldaten aus Nordafrika rekrutiert. 5400 kamen 1940 beim Einmarsch der Deutschen ums Leben. Nach dem Waffenstillstand wurden die nordafrikanischen Truppen der französischen Armee auf 120.000 Mann reduziert.

Am 1. April 1940 beläuft sich die Zahl der von Frankreich rekrutierten senegalesischen tirailleurs auf 179.000. Laut Yves Chatel, dem Generalgouverneur von Algerien, wurden im Frühjahr 1940 90.000 Soldaten muslimischen Glaubens gefangen genommen, darunter 60.000 Algerier, 18.000 Marokkaner, 12.000 Tunesier und 58.500 Senegalesen.

Ceddo
Dies ist ein Begriff aus dem Wolof. Er bezeichnet heidnische Krieger, die sich der Sache ihres Herrn verschrieben haben. Dieser Ausdruck ähnelt dem Begriff des Söldners. Wolof ist die meist gesprochene Sprache im Senegal; sie wird hauptsächlich von der ethnischen Gruppe der Wolof gesprochen, die mehr als 45 Prozent der Bewohner ausmacht. Die Wolof-Sprache wird auch von anderen ethnischen Gruppen des Senegal gesprochen (Fulbe, Serer, Diola etc.).

»Blanchiment de l’armée« (wörtlich: »Das Weißmachen der Armee«)
Im Herbst 1940, noch vor dem Ende der Kampfhandlungen, wurden einige afrikanische Truppen von der Front abgezogen: Dieses Blanchiment betraf hauptsächlich die 9. koloniale Infanteriedivision (DIC, Division d’infanterie coloniale) und die 1. motorisierte Infanteriedivision (DMI, Division motorisée d’infanterie). Für diesen Abzug werden mehrere Gründe angeführt: Zum einen die Schwierigkeiten, die die afrikanischen Soldaten hatten, sich an das Klima zu gewöhnen. Zum anderen die sinkende Moral der Männer. Der Abzug bestimmter afrikanischer Truppen war zum einen politisch motiviert und beruhte zum anderen auf Überlegungen, die die Verwaltung der Streitkräfte betrafen. Nach Meinung von Gilles Aubagnac war dieser Rückzug seit September 1944 geplant, denn genau zu diesem Zeitpunkt trat eine komplexe Situation auf. Er führt in diesem Zusammenhang die Aussagen von General Brosset an, Kommandeur der 1. DMI:

»Es ist absolut notwendig, die Senegalesen schnellstmöglich abzulösen, nicht nur wegen ihrer körperlichen Untauglichkeit angesichts der kalten Jahreszeit, sondern auch wegen des negativen Einflusses, den die großen Städte auf sie ausüben. Die Moral beginnt zu sinken, die Ankündigung eines möglichen Waffenstillstands könnte Meutereien unter ihnen auslösen, wenn sie nicht zurückgeschickt werden, zumindest nach Nordafrika. Die tirailleurs werden unverzüglich abgelöst, sobald die veranschlagte Truppenstärke erreicht ist und Verstärkung aus den übrigen europäischen Ländern herbeiströmt […]. Es erscheint mir unumgänglich, dass das Ausbildungszentrum der kolonialen Armee aufhört, mir Tirailleurs zu schicken, da ich diese umgehend nach Nîmes zurücksenden muss.«

(Auszug aus dem Aufsatz Les troupes noires dans le contexte de l’Armée B en 1944 entre gestion politique et gestion des effectifs, erschienen in: Les troupes de marine dans l’armée de terre, un siècle d’histoire 1900 – 2000, CHED, Paris: Lavauzelle, 2001.)

Gilles Aubagnac schreibt weiter: »Zwischen November 1944 und März 1945 beläuft sich die Zahl der nach Französisch-Westafrika zurück gesandten Einheimischen […] auf 9678, davon 3261 ehemalige Gefangene und 6334 aus Frankreich abkommandierte Soldaten.« Diese afrikanischen Soldaten wurden schrittweise abgelöst durch die Französischen Streitkräfte des Inneren (FFI, Forces françaises de l’intérieur) und durch so genannte Maquisards, französische Widerstandskämpfer.



Reise um die Erde in zwanzig Fragen

Quiz für einen … Frankophilen!

von Aurélie Daoulas, Übersetzung von Christina Felschen

1. Wann wird der Tag der Frankophonie gefeiert?

am 20. März

am 14. Juli

am 15. Mai

 

2. Wie viele Menschen sprechen weltweit fließend Französisch?

eine Million

100 Millionen

200 Millionen

 

3. Was meint ein Belgier, wenn er sagt: « Je bloque » (wörtlich: »Ich blocke ab.«)

Er hat sich verliebt.

Er ist einem Nervenzusammenbruch nahe.

Er ist dabei, für seine Prüfungen zu lernen.

 

4. Aus welchem Land kommt Zep, der Schöpfer des frechen Comic-Helden Titeuf?

Frankreich

Belgien

Schweiz

 

5. Was ist die offizielle Landessprache Marokkos?

Französisch

Arabisch

Marokkanisch

 

6. Wie viele Jahre lang war Algerien französische Kolonie?

132 Jahre

45 Jahre

76 Jahre

 

7. Welcher Roman beginnt mit dem Satz: »Heute ist Mama gestorben.«?

Der Fremde von Albert Camus

Mit Staunen und Zittern von Amélie Nothomb

Das verlorene Wort von Assia Djebar

 

8. Was verheimlicht ein Mann aus Westafrika, wenn er ein « deuxième bureau » (wörtlich: ein »zweites Büro«) hat?

eine zweite Arbeitsstelle

ein zweites Haus

eine Geliebte

 

9. Wie nennt man einen Geschichtenerzähler in Westafrika?

Grigri

Griot

Gacaca

 

10. Welche Staatsbürgerschaft hat der R n’ B-Sänger Corneille kürzlich angenommen?

die französische

die ruandische

die kanadische

 

11. Wer »entdeckte« 1534 die Ostküste Kanadas?

Jacques Cartier

Christoph Kolumbus

Vasco da Gama

 

12. Welche Quebecerin singt das Chanson « Les souliers verts » (wörtl. »Die grünen Schuhe«)?

Céline Dion

Lynda Lemay

Isabelle Bouley

 

13. Welche ehemalige französische Kolonie erhielt als erste ihre Unabhängigkeit?

Vietnam

Madagaskar

Haiti

 

14. Welche dieser Inseln gehört zur Europäischen Union?

St. Pierre und Miquelon

Wallis und Futuna

Martinique

 

15. Welcher dieser Maler hat lange Zeit auf Tahiti gelebt und wurde dort zu vielen seiner Werke inspiriert?

Henri Matisse

Paul Gauguin

René Magritte

 

16. Welcher dieser Volksstämme aus den Ländern der Frankophonie lebt in Neukaledonien?

die Tuareg

die Cree

die Kanak

 

17. Auf welchem Fluss treffen sich das junge Mädchen und der schöne Chinese in der Erzählung Der Liebhaber von Marguerite Duras?

auf dem Bouregreg

auf dem Mékong

auf dem Kongo

 

18. Was verbirgt sich hinter der Abkürzung FLE?

ein Verband zum Schutz der Frankophonie

ein Hochschulabschluss eines Französischstudiengangs

ein Studienfach

 

19. Welcher dieser frankophonen Rundfunksender ist der jüngste?

TV5

France 24

RFI

 

20. Von wem stammt diese schöne Definition: »Die Frankophonie ist die Hoffnung auf eine Brüderlichkeit mit gegenseitigem Respekt und im interkulturellen Dialog.«

Aimé Césaire

Assia Djebar

Léopold Sédar Senghor

 

Viel Glück!

Zu den Lösungen



Von kultureller Vielfalt und ungeschriebenen Gesetzen - ein ambivalenter Blick auf Kamerun

von Bettina Schuster, erschienen am 01.02.2007

Die Cafétische des Ubu Roi in Saarbrücken werden an diesem Sommermorgen gerade erst zurechtgerückt, als mich zwei rege lachende Männer heranwinken. Herzlichwerde ich mit Wangenküsschen à la française begrüßt. Zusammen mit den beiden gebürtigen Kamerunern Jean-Pierre (31), im Elektrogewerbe tätig, und Eric (28) (Namen von der Redaktion geändert, Anm. d. R.), Student der Übersetzungswissenschaften für Englisch, Deutsch und Französisch, tauchen wir ein in eine harmlos anmutende Erzählrunde über ihr Bild von Kamerun.

Engagiert klärt mich Jean-Pierre über die Besonderheiten seiner Heimat auf: »Kamerun unterscheidet sich stark von anderen afrikanischen Ländern: in ihm vermengt sich die Vielfalt des Kontinents.« Über die geologische Verschiedenartigkeit hinaus, herrscht ein besonders offener Religionspluralismus, ein Miteinander von Muslimen (22 Prozent), Christen (53 Prozent) und Anhängern der traditionellen Religionen vor. Die beiden Kameruner weisen mich zudem explizit darauf hin, dass sich weder von einer gesamtkamerunischen Mentalität noch von einem Nationenbegriff, wie er im westlichen Denken verwurzelt ist, sprechen lässt. »Kamerun ist ein Staat, der sich über die politische und juristische Ebene definiert, aber nicht unbedingt eine Nation ist«, meint Jean-Pierre und setzt ergänzend hinzu, dass »der Begriff Nation' eher ein Volk umfasst, das eine gemeinsame Vergangenheit teilt. Kamerun aber ist vielmehr eine Ansammlung von Ethnien, mit den verschiedensten Sprachen und kulturellen Hintergründen.« Die Präsenz von mehr als 200 verschiedenen, durch die Kolonialgeschichte des Landes sowohl frankophon als auch anglophon geprägten Ethnien zeigt sich noch heute. Neben den beiden als gleichwertig anerkannten Amtssprachen Französisch (von rund 80 Prozent der Kameruner gesprochen) und Englisch (von rund 20 Prozent gesprochen) werden noch etwa 230 weitere Sprachen und Dialekte praktiziert.

Was als Zusammenleben im Zeichen der Toleranz erscheint, wird schnell zum Kommunikationsproblem: »Manchmal schafft man es wirklich nicht miteinander zu kommunizieren. Einer spricht lediglich Französisch, der andere nur Englisch und die Wahrscheinlichkeit, dass man sich auf einer der vielen anderen Landessprachen verständigen kann, ist sehr gering. Zuhause werden diese Landessprachen als Muttersprache gepflegt, während man im öffentlichen Leben die offiziellen Sprachen, also Englisch oder Französisch, benutzt.« Da Kamerun zwischen 1885 und 1919 offiziell deutsches Schutzgebiet war, kommt in einigen Fällen sogar noch die deutsche Sprache hinzu. Diese »ist jedoch nur noch bei den Alten, die vor dem ersten Weltkrieg aufgewachsen sind, präsent«, erklärt mir Jean-Pierre geduldig.

Zu Beginn unseres Gesprächs hieß es, meine beiden Interviewpartner seien zu Studienzwecken nach Deutschland gekommen, weil die Bedingungen hierzulande damals günstiger gewesen wären, was die Studiengebühren und Bildungsressourcen betrifft. Doch was die beiden nun seit mehr als 6 Jahren von ihren Familien trennt, ist mehr als der Wunsch nach Bildung für bessere Berufsaussichten. Die diskriminierende Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik in Kamerun zwingt einen Großteil an Studierenden oder fachlich fähigen Leuten das Land zu verlassen. »Im derzeitigen Kamerun hat Erfolg etwas mit Kontakten und Namen zu tun. Das ist das ungeschriebene Gesetz.« Gemeint ist eine ethnische Zugehörigkeit zu den Beti, zu dem Volk, welchem auch Staatsoberhaupt Paul Biya angehört und welches folglich das Monopol über sämtliche Staatsposten und Studienplätze innehat. Darüber hinaus »erhöht die Regierung kolossal die Preise, senkt willkürlich die Löhne und die Bevölkerung bleibt ruhig, obwohl sie tagtäglich leidet. Diejenigen, die sich glücklich schätzen können, eine Arbeit zu haben, leiden an den niedrigen Löhnen, die anderen an der Arbeitslosigkeit und der fehlenden Krankenversicherung.« Mit Bitterkeit in der Stimme fügt Jean-Pierre hinzu: »In den Diktaturen kommt eben selten Krieg auf. Alle marschieren im Gleichschritt.«

Und die beschriebene Lage ist keine neue Tendenz, wie man meinen könnte. Im Gegenteil: sie lässt sich bis in die 60er Jahre zurückverfolgen. Unter dem ersten Präsidenten, dem Muslime Ahmadou Ahidjo, der die Unabhängigkeitsverträge mit Frankreich ausgehandelt hat, herrschte in Kamerun eine blutige Diktatur. Nach der Gründung der Einheitspartei Rassemblement Démocratique du Peuple Camerounais (RDPC) im Jahr 1960 und der Umwandlung Kameruns in einen Einheitsstaat (Vereinigte Republik Kamerun, 1972) wurde schließlich Ahidjos Premierminister Paul Biya 1982 zum neuen Staatsoberhaupt. Wenngleich Biya – aufgrund des zunehmenden Drucks der Öffentlichkeit – die Pressefreiheit einführte und die Auflösung des Einparteiensystems veranlasste, dominiert in seinem Kabinett nach wie vor das Phänomen der Korruption und des Wahlbetrugs. Laut Transparency International nahm Kamerun im Jahre 2005 Platz 21 auf der Weltrangliste korrupter Regierungen ein.

Doch Eric und Jean-Pierre glauben an eine pazifistische Durchsetzung von Demokratie durch Bildung und Aufklärung der Gesellschaft und lassen ihre Zukunftspläne leiten von der emotionalen Bindung an das eigene Land oder wie es Eric ausdrückt: »Erst noch ein paar Erfahrungen im Ausland sammeln – und dann nach Hause.« Um aktiv etwas zu verändern? »Ich weiß nicht …«, antworten mir beide. Und lächeln dabei. Ihrem Vaterland endgültig den Rücken zuzukehren, wie so viele ihrer Generation, kommt für sie allerdings nicht in Frage.

 

Quellen

Der Fischer Weltalmanach 2004

Länderinformation Kamerun: www.wikipedia.de

Länderinformationen des Auswärtigen Amtes: www.auswaertiges-amt.de

Länderinformation Frankreich: www.insee.fr

Aktuelle Bevölkerungsstatistik: www.statistikportal.de

 

Zur weiterführenden Lektüre

Morazán, Petro (2005): Kamerun - Die Kehrseite der Globalisierung. Siegburg: Südwind.

Bitoto-Abeng, Nazaire (2005): Afrikanische Mythen, Riten und Lebensformen in der Begegnung mit Islam, Christentum und Moderne : das Beispiel Kamerun.

Eyango, Edimo (1993) : Politische Entwicklung in Kamerun seit der Unabhängigkeit. Münster: Afrikanische Studien. Frankfurt/Main: IKO.

Owona, Théophile (1991) : Die Souveränität und Legitimität des Staates Kamerun. München: tuduv-Verl.-Ges.


Kamerun: Kurzer Überblick über die Kolonialgeschichte bis heute

von Bettina Schuster, erschienen am 01.02.2007

Die sprachliche und kulturelle Vielfalt Kameruns findet sich in der kolonialen Vergangenheit begründet: Im 15. Jahrhundert entdecken die Portugiesen die Mündung des Flusses Wouri und nennen diesen aufgrund seiner üppigen Garnelenbestände »Rio dos Camaroes«. Aus diesem Namen entwickelt sich der heutige Staatsname Kamerun. Über vier Jahrhunderte später, im Jahr 1884, wird Kamerun zu deutschem Schutzgebiet erklärt und 1919 infolge des Ersten Weltkrieges im Versailler Vertrag unter Frankreich und Großbritannien aufgeteilt.

Die sozialen, wirtschaftlichen und kommunikativen Strukturen, aus denen die heutigen Problematiken resultieren, entstammen insbesondere der Folgezeit bis zur Unabhängigkeit. Während Frankreich West-Kamerun durch eine zentralistische Verwaltungs- und Bildungsstruktur, sowie massiven Warenexport an sich binden wollte, mischte sich Großbritannien weitaus weniger in die Regierung Ost-Kameruns ein. Erst Jahrzehnte später, in den Jahren 1960/61, gelang beiden Länderteilen auf diplomatischem Wege sowohl die staatliche Unabhängigkeit als auch der Zusammenschluss zur Föderation Kamerun und später zur Vereinigten Republik Kameruns. Zwei Regierungsoberhäupter hat Kamerun seit damals gekannt: den Muslimen Ahmadou Ahidjo, der die Autonomieverträge mit Frankreich ausgehandelt hatte und in den Folgejahrzehnten diktatorisch herrschte, sowie seit 1982 den aktuellen Präsidenten Paul Biya. Biyas Regierung betreibt eine Scheindemokratie, der nicht alleine Korruption und Wahlbetrug vorgeworfen wird, sondern die offensichtlich Rassismus unter Kamerunern betreibt.


Kamerun

Landessprachen: Französisch (80 Prozent) und Englisch (20 Prozent) (Amtssprachen), rund 230 weitere Sprachen und Dialekte

Hauptstadt: Yaoundé (Jaunde)

Staatsform: Präsidialrepublik (Staatsoberhaupt seit 1982: Paul Biya)

Fläche: 475.442 Quadratkilometer

Einwohnerzahl: ca. 16,6 Millionen (2005)

Unabhängigkeit: Unabhängigkeit 1960 (Ostkamerun), bzw. 1961 (Westkamerun; zugleich Wiedervereinigung des Landes)

Religionen: 30 Prozent traditionelle Religionen (mit lokaler Verbreitung), 25 Prozent Katholiken, 25 Prozent Protestanten, 20 Prozent Muslime (Stand 2005)

Analphabetenrate: Männer 20 Prozent, Frauen 35 Prozent

Medizinische Versorgung:

• Ärzte: 0,2/1000 Einw.

• Säuglingssterblichkeit: 9,6 Prozent

• Lebenserwartung: 49 Jahre



Den Blick nach vorn – Aufbruch in Vietnam

von Claas Peters, erschienen am 01.03.2006

Die Dong Khoi in Ho Chi Minh City, die ehemalige  Rue Catinat, ist gedrängt voll mit Mofas. Der Aufbruch in die Zukunft findet auf zwei Rädern statt. Das Wirtschaftswachstum liegt nach der Finanzkrise in Asien im Jahr 1999 wieder bei sieben Prozent (2004) und mit dem steigenden Wohlstand wurden die Fahrräder gegen ihre motorisierten Verwandten ausgetauscht. Ho Chi Minh City hat geschätzte acht Millionen Einwohner und fast ebenso viele »Motobikes«. Von den Vietnamesen wird es noch immer Saigon genannt, die Namensänderung zu Ehren von Ho Chi Minh, der Revolutionär und spätere Präsident Nordvietnams, hat sich nie richtig durchsetzen können.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, mit der das kommunistische Vietnam enge Beziehungen pflegte, und dem damit verbundenen Wegfall der Wirtschaftshilfe hatte Vietnam seine in den Achtzigerjahren begonnene Lockerung der Planwirtschaft weiter fortgesetzt, 1991 ließ man ausländische Investoren in das Land und trat 1995 dem südostasiatischen Staatenbund ASEAN bei.

Heute gibt es auf der Dong Khoi »Stores« von Esprit und Dolce&Gabbana, der Marmor in den Eingängen der Kaufhäuser ist frisch poliert. Die Touristen werden mit deutschem Bier und französischem Wein in die Cafés gelockt.

Entlang der Dong Khoi findet man zudem beeindruckende bauliche Zeugnisse der französischen Kolonialzeit: in Saigon das Theater steht hier, behängt mit Werbebannern des Elektronikkonzerns Samsung, und am Ende der Dong Khoi die im neuromanischen Stil 1883 fertiggestellte Cathedrale Notre Dame. Auch das Hauptpostamt, rechts daneben, in wuchtigem Kolonialstil erbaut, scheint unverändert, nur blickt heute Ho Chi Minh mit einem wachenden Auge von seinem Gemälde auf die riesige Schalterhalle.

Der französische Einfluss reicht natürlich tiefer und hat auch die kommunistische Gegenströmung überlebt. Neben kulinarischen Spuren – belegte Baguette sind eine beliebte Mittagsmahlzeit – wurde die auf dem lateinischen Alphabet beruhende Schriftsprache hinterlassen, die von dem französischen Jesuiten Alexandre de Rhodes entwickelt worden war. Schließlich endete die Kolonialzeit blutig in den Indochinakriegen, in denen Vietnam sich endgültig von Frankreich zu lösen suchte.

Spricht man heute mit Vietnamesen über die Vergangenheit ihres Landes, stellt man fest, dass die Blicke einzig in die Zukunft gerichtet sind. Die Vergangenheit ruht, erschreckend, doch abstrakt, in den War Museums.

Ti, die in der zentralvietnamesischen Stadt Hué Französisch studiert, sagt auf die Frage, wie sie das Verhältnis von Vietnam zu Frankreich einschätze, auf Englisch  da sie meint ihr Französisch sei noch nicht gut genug: »Wir waren Feinde, aber jetzt sind wir gute Freunde.« Mit den Beziehungen zu den USA verhalte es sich ebenso.

Seit Vietnam Anfang der Neunzigerjahre die Visa Bestimmungen gelockert hat, kommen zunehmend mehr Touristen in das Land. Im November 2005 wurde am Flughafen in Saigon die dreimillionste Touristin des Jahres, eine Japanerin, begrüßt. Ohne die Vogelgrippe wären es noch mehr gewesen.

In den Neunzigerjahren waren es insbesondere Franzosen und Amerikaner gewesen, die als Touristen Vietnam besuchten, erstere aus Verbundenheit mit ihrer ehemaligen Kolonie und letztere meist als Veteranen. Heute besuchen vor allem Rucksacktouristen, denen Thailand zu laut und zu touristisch geworden ist, und zunehmend auch Pauschaltouristen das Land. An den Stränden werden allmählich die billigen Strandbungalows von teureren Hotels verdrängt.

Saigon hat heute ein eigenes, kleines Backpackerviertel, man kann hier Pizza und Hamburger essen, Bier trinken und Kopien von Dan Brown-Romanen kaufen.

Die Frage, ob solche Touristenmassen nicht auch stören, können sich eigentlich nur Touristen »leisten«. Nach Fremdherrschaft, Krieg und Jahren strenger kommunistischer Führung gibt es zum ersten Mal mehr Freiheit und die Möglichkeit zu bescheidenem Wohlstand, für den allerdings sehr hart gearbeitet werden muss. Und es braucht oft vor allem Touristen, um diesen Wohlstand erreichen zu können .

Stellt man dennoch einem Vietnamesen die Frage, erhält man ein höfliches Lächeln und die diplomatische Antwort, dass Touristen sehr gut sind, denn die meisten seien ja auch freundlich und nett.

Phan, der Touristen ins Mekongdelta begleitet, denkt einige Zeit über die Frage nach, bevor er antwortet: Wenn man ein Haus habe, könne man Türen und Fenster geschlossen halten. Doch dann würde die Luft im Haus schlecht. Deshalb sollte man Türen und Fenster weit aufmachen, um frischen Wind hinein zu lassen, damit man atmen könne. Natürlich trage der Wind dann auch immer etwas Dreck ins Haus.

Zur weiterführenden Lektüre
Keller, Hans-Jörg: Kulturschlüssel Vietnam. Hueber: 2000
Kotte, Heinz: Vietnam- die neue Zeit auf hundert Uhren. Lamuv- Verlag: 1997
Ray, Nick; Yanagihara, Wendy: Vietnam. Lonely Planet: 2004


Über Vietnam

Hauptstadt: Hanoi

Bevölkerung: 83,5 Millionen

Staatsform: Sozialistische Volksrepublik mit Einparteiensystem

Fläche: 329. 560 Quadratkilometer

Sprache: Vietnamesisch

Währung: Dong

Geschichte: 939 Nach Tausend Jahren wird Vietnam von China unabhängig

1540 Beginn des Handels mit Portugal

17. Jhd Alexandre de Rhodes schafft eine Lateinschrift für Vietnamesisch

1825 Christenverfolgung durch Kaiser Minh Mang

1859 Rigault deGenouilly besetzt Gia Dinh (Saigon), Beginn der Kolonisierung Vietnams

1867 Frankreich gründet seine Kolonie Cochinchina

1930 Gründung der Kommunistischen Partei Indochinas

1940–1945 Französisch-Japanische Doppelherrschaft,

2.9.1945 Proklamation der Vietnamesischen Republik durch Ho Chi Minh (Der 2. September ist seitdem in Vietnam Nationalfeiertag)

19.12.1945 Angriff Frankreichs auf Hanoi, Beginn des Indochina Krieges

1954 Schlacht um Dien Bien Phu, 10.000 französische Soldaten müssen sich den nordvietnamesischen Viet Minh ergeben, Ende der Kolonialzeit

1955 Vietnam wird Vollmitglied bei ASEAN

1964–1973 Zweiter Vietnamkrieg unter Beteiligung der USA

1970 Vietnam tritt der internationalen Organisation »Frankophonie« bei



Ich spreche kein Englisch!

von Britta Nelskamp, erschienen am 15.12.2005

Wir befinden uns im Jahre 2005 nach Christus. Der ganze nordamerikanische Kontinent ist von Englisch sprechenden Menschen besiedelt. Der ganze nordamerikanische Kontinent? Nein. Eine von unbeugsamen Frankophonen bevölkerte Provinz hält seit über 400 Jahren an ihrer Sprache fest …

Aber entspricht das wirklich den Tatsachen? Wie haben es die Bewohner der kanadischen Provinz Quebec geschafft, die französische Sprache und ihre frankokanadische Identität zu bewahren, angesichts der Entfernung von ihrem ursprünglichen Heimatland Frankreich und ihrer ausschließlich englischsprachigen Umgebung? Wie hat das überhaupt angefangen?

1534 entdeckt der Bretone Jacques Cartier die Ostküste Kanadas und 1605 gründet der Franzose Samuel de Champlain die Stadt Quebec; die umliegenden französischen Siedlungen werden 1608 zu der Provinz Quebec zusammengefasst. Der Name Quebec stammt wahrscheinlich von dem Wort kebek, ab, das in der Sprache des Eingeborenenstammes der Algonkin soviel wie »Engstelle« bedeutet, also der Ort, an dem sich der Sankt-Lorenz-Strom verengt. Die Engländer folgen erst 1613 und beginnen alsbald mit der Besiedlung des neu entdeckten Landes, das sich für sie mit großen Fischvorkommen, Wolleproduktion und Pelzen als wirtschaftlich lohnend erweist. Im selben Jahr kommt es erstmals zur Zerstörung der französischen Siedlungen durch die englischen Kolonisten. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Kolonisten, aber auch mit den dort beheimateten Indianerstämmen, die man versuchte, aus ihrem Gebiet zu vertreiben, dauern bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts an. Die französischen Kolonisten können zwar ihre Gebiete bis zu den Großen Seen an der Grenze zwischen Kanada und den USA ausdehnen, aber dennoch sind die Angloamerikaner ihnen zahlenmäßig deutlich überlegen. Im Pariser Friedensvertrag überlässt Frankreich 1763 den Engländern schließlich alle Kolonien in Nordamerika.

Die neue Kolonialmacht hat das feste Ziel aus Quebec eine ausschließlich englische Kolonie zu machen. Ab 1764 gilt ausschließlich das englische Recht und um ihre politischen Rechte zu behalten, werden die Frankokanadier gezwungen, ihrer Religion, dem Katholizismus abzuschwören.

Die Voraussetzungen für eine dauerhafte Etablierung des Französischen in Kanada scheinen also nahezu undenkbar. Aber offensichtlich hat man sich in Quebec trotz der vorausgegangenen Niederlage nicht so leicht unterkriegen lassen. Die französischen Siedler erweisen sich trotz der angedrohten Repressalien als unnachgiebig und beharren auf ihre kulturellen und historischen Wurzeln.

Als Konsequenz aus den gescheiterten Assimilationsversuchen garantieren die Engländer den Frankokanadiern 1774 in der Quebec-Akte Religionsfreiheit und ein französisches Verwaltungs- und Rechtssystem. Dies sollte dem Zweck dienen, Ruhe und Frieden in der Provinz zu wahren und die dort sesshaften Franzosen zumindest auf ein einziges Gebiet einzugrenzen, wenn man sie schon nicht völlig bezwingen konnte. Allerdings wollen die Engländer den Versuch nicht aufgeben, Englisch als einzige offizielle Sprache einzuführen. In der Praxis lässt sich Französisch jedoch nicht unterdrücken. Wie sollte das auch möglich sein? In Quebec gibt es bereits zu diesem Zeitpunkt deutlich mehr frankophone als anglophone Menschen – es wird also als zweite Amtssprache geduldet. Die Britisch-Nordamerika-Akte legt 1867 die Gründung einer Konföderation fest: Dieser Zusammenschluss von Quebec, Ontario (1791 gegründet, englisch), Neu-Schottland (1751 gegründet, englisch) und Neu-Braunschweig (1784 gegründet, englisch, benannt nach dem deutschen Fürstentum Braunschweig-Lüneburg, das zu dieser Zeit von dem englischen König Georg III. aus dem Hause Hannover regiert wird) ist die Gründung Kanadas. Diese Konföderation festigt auch die Stellung des Französischen in Quebec: Gesetze werden zweisprachig veröffentlicht und beide Sprachen werden im Parlament auf Bundesebene geduldet.

Darauf folgen ab 1910 verschiedene Sprachgesetze. So soll zum Beispiel im öffentlichen Verkehr Zweisprachigkeit mit bilingualen Fahrkarten und Verkehrsschildern gesichert werden. Fachvokabular in Forschung und Beruf soll französisch beziehungsweise ins Französische übersetzt sein, was sich als schwieriges Unterfangen herausstellt, da sich durch das Hin- und Herübersetzen schnell Anglizismen einschleichen. Das Ziel ist, für Frankokanadier Gleichberechtigung im beruflichen Leben zu schaffen: Die bisherige Bevorzugung von anglophonen Kanadiern in Unternehmen soll unterbunden werden, für öffentliche Aushänge vermehrt die französische Sprache genutzt werden. Die Québécois hoffen, so eine "französische Bewusstseinsbildung" zu unterstützen und dem Vormarsch des Englischen und der amerikanischen Massenkultur Einhalt zu gebieten. Begleitet von wirtschaftlichem Aufschwung entwickelt sich dieses neue Selbstbewusstsein der Québécois ab 1960 in der Stillen Revolution, der so genannten Révolution Tranquille.

Emanzipationsgedanken und Selbstbehauptung der französisch sprechenden Mehrheit kommen in dieser Zeit auf. Neben den rein rechtlichen Maßnahmen zeigt sich seit den Sechzigerjahren darüber hinaus das Interesse Quebecs, den Kontakt zum Mutterland Frankreich zu pflegen und sich in internationalen Organisationen französischsprachiger Länder zu engagieren.

An der Auseinandersetzung über die Unterrichtssprache in Schulen entzündet sich schließlich ein noch viel weiter reichender politischer Streit, der bis hin zu Forderungen nach politischer Unabhängigkeit von Kanada reicht. Der Besuch französischer Schulen wird 1977 in Quebec Pflicht für Kinder von Einwanderern. Tatsächlich sinkt die Zahl der Immigrantenkinder auf englischen Schulen in der folgenden Zeit drastisch – von 79,5 auf 27,3 Prozent. Im selben Jahr wird Französisch zur einzigen offiziellen Sprache Quebecs erklärt. Somit wird der Spieß umgedreht und dem Englischen in der Provinz auch offiziell der Status einer Minderheitensprache zugeschrieben.

Aufgrund seiner geographischen Lage übt Englisch jedoch verständlicherweise weiterhin starke Anziehungskraft vor allem auf Einwanderer in Quebec aus. Durch die Globalisierung und Integration Quebecs in das übrige Nordamerika ist Englisch als Zweitsprache und Sprache am Arbeitsplatz – zumindest in der Wirtschaftsmetropole Montreal – beinahe unumgänglich geworden Vor allem Immigranten erhoffen sich mit Hilfe der englischen Sprache größere Chancen, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen (vgl. Graphik). Aus diesen Gründen sind Regierung, Verwaltung und Dienstleistung zwar offiziell französischsprachig – tatsächlich aber immer noch zweisprachig.

Die Mehrheit der Kanadier außerhalb Quebecs belächelt zuweilen den hart erkämpften Sonderstatus der Provinz. Dennoch hat sich Quebec auf dem großen nordamerikanischen Kontinent bisher ganz tapfer geschlagen, trotz all der Widrigkeiten und spöttischen Bemerkungen der übrigen Kanadier über die »Gesellschaft mit besonderem Charakter«.

 

Zur weiterführenden Lektüre

Bollée, Annegret, Frankophonie IV. Regionale Varianten des Französischen außerhalb Europas I. a) Kanada, in: Holtus, Günter u.a. (Hg.), Lexikon der Romanistischen Linguistik V, 1, Tübingen (Niemeyer) 1990, S. 740-767.

Darbelnet, Jean, Le bilinguisme et les anglicismes. L’anglicisation de la langue française au Québec, ses causes et les remèdes possibles, in: ders., Le français en contact avec l’anglais en Amérique du Nord, Quebec (Les presses de l’Université Laval) 1976 (= Travaux du Centre international de recherche sur le bilinguisme A-12), S. 71-138.

Darbelnet, Jean, Étude sociolinguistique des contacts entre l’anglais et le français au Canada et en Nouvelle-Angleterre, in: ders., Le français en contact avec l’anglais en Amérique du Nord, Quebec (Les presses de l’Université Laval) 1976 (= Travaux du Centre international de recherche sur le bilinguisme A-12), S. 60-70.

Léger, Jean-Marc, La Francophonie: grand dessein, grande ambiguïté, Quebec (Hurtubise HMH) 1987.

Maurais, Jacques, Etat de la recherche sur la description de la Francophonie au Québec, in: Robillard, Didier de und Michel Beniamino (Hgg.), Le français dans l'espace francophone. Description linguistique et sociolinguistique de la francophonie 1, Paris (Champion) 1993, S. 79-99.

Stamer, Jutta, Nation Quebec? – Frankophone Ausnahme in Nordamerika, in: Kolboom, Ingo und Bernd Rill (Hgg.), Frankophonie – nationale und internationale Dimensionen, München (Hanns-Seidel-Stiftung) 2002 (= Meier-Walser, Reinhard C., Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen 35), S. 89- 97.

Wolf, Lothar, Französische Sprache in Kanada, in: Becker, J., Henning Krauß, Ilse Lichtenstein-Rother (Hgg.), Schriften der Philosophischen Fakultäten der Universität Augsburg. Sprach- und Literaturwissenschaftliche Reihe 32, München (Vögel) 1987.


Bevölkerung und Sprache der Provinz Quebec

1608 Gründung der Provinz Quebec durch Franzosen

1653 2000 Einwohner

1763 65.000 Franzosen in Quebec

1840 Kanada wird offiziell gegründet. Französisch wird als zweite Amtssprache neben Englisch im Land geduldet.

1871 die Provinz Quebec hat 1.191.516 Einwohner

1931 Das britische Parlament verabschiedet das Statut von Westminster, wodurch Kanada formal die Unabhängigkeit verliehen wird. England behält sich jedoch das Recht von Verfassungsänderungen vor.

1969 Kanada wird offiziell zweisprachig. Das Englische und Französische gelten als formal gleichberechtigt.

1977 Französisch wird einzige offizielle Sprache in Quebec dank des loi 101

1982 Mit dem Canada Act verliert England seine letzten Mitspracherechte. Kanada ist nun erstmals gänzlich unabhängig von seinem Mutterland

2005 Quebec zählt heute über 7,5 Mio. Einwohner, davon sind 80 Prozent Frankokanadier, 11 Prozent Anglokanadier und 9 Prozent andere Nationalitäten

Zum Vergleich: Die Einwohnerzahl Kanadas liegt derzeit bei 32,2 Mio.



Regisseurin sein in Afrika

von Hanna Schofeld, erschienen im Juni 2005

Afrikanische Regisseurinnen kamen in den vergangenen 20 Jahren nicht vor. Eine ihrer  berühmtesten Vertreterin, Fanta Régina Nacro, gibt dem Rollenverständnis die Schuld daran: Die Regieführung wurde als Männerberuf verstanden, was es den Frauen schwer machte, sich in diesem Genre zu etablieren.

Das afrikanische Kino wird bedeutender. Das lässt sich schon an einem Interview ablesen, das Dieter Kosslick der Berliner Tageszeitung taz gab. Darin äussert sich der Berlinale-Chef dahingehend, dass der diesjährige afrikanische Fokus des Kinofestivals auch künftig ein Schwerpunkt sein könne. Außer in Berlin wurden dem afrikanischen Kino deutschlandweit wie auch auf internationaler Ebene verschiedene Festivals gewidmet. Obwohl die Frage der Bekanntheit afrikanischer Filme wegen des Präsenzmangels auf den großen Leinwänden und vor allem auch in afrikanischen Kinosälen selbst (aufgrund der fehlenden filmischen Infrastruktur und Finanzierungsschwierigkeiten) ein heiß diskutierter Punkt bleibt, sind Namen wie Sembene Ousmane, Med Hondo, Souleymane Cissé und Mama Keita einem interessierten Publikum ein Begriff.

Auffällig ist jedoch, dass man in Rezensionen über afrikanische Filme seltsam wenig bis überhaupt keine Frauennamen vorfindet, wenn sich diese nicht explizit um "Afrikanische Frauen hinter der Kamera" drehen. Auch bei den erwähnten Festivals werden, wenn es um das afrikanische Kino geht, vor allem Beiträge männlicher Regisseure gezeigt. Zwar zeichnet sich seit Ende der achtziger Jahre die Tendenz ab, eine "feminine Dimension" in das Programm der Filmfestivals mit aufzunehmen, wie zum Beispiel 1989 im Rahmen des Vues d'Afrique Film Festivals von Montreal oder 1991 während des FESPACO (afrikanisches Filmfestival in Ouagadougou, Burkina Faso) welches die Plattform Frauen, Kino, Fernsehen und Video in Afrika einrichtete. Doch trotz der wachsenden Präsenz von Regisseurinnen auf schon anerkannten Veranstaltungen kristallisiert sich die Spaltung des afrikanischen Kinos in ein männliches und ein weibliches heraus. Diese Tendenz ging durch die Etablierung eigenständiger, nur Frauen gewidmeter Festivals hervor, beispielsweise Festival International du Film de Femmes im französischen Créteil oder das African Women's Film Festival, das im vergangenen Jahr im südafrikanischen Johannesburg statt fand. Hier stellt sich die Frage, wie es dazu kam, dass Filmemacherinnen und ihre Werke zunächst so wenig Resonanz in den (oft westlichen) Medien gefunden haben. Sind sie denn erst seit Ende der achtziger Jahre in der afrikanischen Filmlandschaft aufgetaucht?

Nein: 1963, zu Beginn der Entwicklung des afrikanischen Kinos nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten von den Kolonialmächten, drehte Thérèse Sita-Bella den dreißigminütigen Dokumentarfilm Tam Tam à Paris (Kamerun). Es folgten Arabia – a village story von Efua Sutherland (Ghana, 1967, ebenfalls ein Dokumentarfilm), Monangambee von Sarah Maldoror (1970, Angola, Maldoror stammt ursprünglich von der französischen Antilleninsel Guadeloupe, wird aber durch Präsenz und Arbeit in unterschiedlichen Ländern des afrikanischen Kontinents als afrikanische Filmemacherin betrachtet) und La Passante (1972, Kurzfilm) sowie Fad'jal (Senegal, 1979) von Safi Faye. Dies zeigt, dass Frauen hinter der Kamera sehr wohl von Beginn an mit dabei waren.

Allerdings sticht hervor, dass es sich bei diesen Werken um Kurz-, und dann zumeist Dokumentarfilme handelt. Hier lässt sich möglicherweise eine Antwort auf die oben gestellte Frage fehlender weiblicher Präsenz in den Medien finden. Im Bereich der Filmkritik nehmen im westlichen Raum jene von Spielfilmen im Gegensatz zu Dokumentar- oder Kurzfilmen einen weitaus größeren Platz ein. Hinzu kommt, dass der afrikanische Film fast ausschließlich von westlichen Fachleuten bewertet wird - ein weiterer umstrittener Punkt, der von afrikanischen Filmemachern opponiert wird. Es wird klar, dass der afrikanische Film durch einen westlichen Filter hindurch betrachtet wird, ohne seine jeweiligen Besonderheiten zu berücksichtigen, wozu zum Beispiel eine individuelle Entstehungsgeschichte gehört. Daher werden die Werke afrikanischer Regisseurinnen meist nicht berücksichtigt.

Desgleichen gilt es zu hinterfragen, warum Frauen gegenüber Männern eine viel geringere Anzahl an Spielfilmen geschaffen und den ersten erst sehr viel später hervor gebracht haben. Zwischen Borrom Sarre (1963, Senegal), erster afrikanischer Spielfilm, von Sembene Ousmane, und Kaddu Beykat – Lettre Paysanne (1975, Senegal), dem ersten Spielfilm, der von einer Afrikanerin, Safi Faye, geschaffen wurde, liegen zwölf Jahre. Berühmteste afrikanische Regisseurin ist derzeit Fanta Régina Nacro aus Burkina Faso, welche mit zahlreichen Kurz- und Dokumentarfilmen wie Bintou (2001, Burkina Faso), Le truc de Konaté (1998, Burkina Faso) und Puk Nini (1995, Burkina Faso) verschiedene Preise gewonnen hat. Auf die Frage hin, warum sie erst im vergangenen Jahr ihren ersten Spielfilm La nuit de la vérité drehte und wie sie sich im Allgemeinen die »Verspätung« afrikanischer Regisseurinnen auf dem Spielfilmmarkt erklärt, verweist sie als Ursache auf das Wirken traditioneller Rollenschemata im afrikanischen Filmgeschäft. Bereits an der Filmschule INAFEC (l'Institut Africain d'Etudes Cinématographiques) in Burkina Faso, an welcher sie ihre Ausbildung absolvierte, würden Frauen automatisch an die »typisch weiblichen Tätigkeitsbereiche«  wie dem Schneiden des Filmmaterials und dem Verfassen von Drehbüchern verwiesen. Der Platz des Regisseurs war stets den Männern vorbehalten. Zudem sehen sich Frauen, die hinter der Kamera stehen, oftmals mit den Erwartungen konfrontiert, die man an sie aufgrund ihres Geschlechts richtet. Die eingangs erwähnte tendenzielle Unterscheidung zwischen männlichem und weiblichem afrikanischen Kino, sowie das besondere Augenmerk, welches man neuerdings weiblichen Werken widmet, ziehe oft eine Festlegung auf bestimmte Themen nach sich. So beklagen sich afrikanische Regisseurinnen, dass es sich bei Angeboten vornehmlich um feministische Themen handele, sie selbst aber als Geschichtenerzählerinnen wahrgenommen werden und eine große Spannbreite an Themenbereichen bearbeiten wollen. Die Filmemacherinnen unterliegen somit einer doppelten Einschränkung, die sowohl den Zugang zum Beruf als auch die Inhalte ihrer Arbeiten betrifft. Betrachtet man die Diskussion um die Besonderheiten afrikanischer Filmemacher (beispielsweise was die Herkunft oder die Themenwahl betrifft), so erweitert sich diese bei Regisseurinnen um die Frage nach dem spezifisch Weiblichen ihrer Werke. Es bleibt zu beantworten, ob es für die afrikanischen Filmemacherinnen immer so schwierig sein wird, einfach »nur« Regisseurin zu sein.

Fotos:

http://www.clapnoir.org/portrait/, www.laboratorioimmaginedonna.it/, http://www.lefaso.net/article.php3?id_article=5145&id_rubrique=65

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Afrika in Saarbrücken

von Marc-André Schmachtel, erschienen im März 2005

Keine ländliche Idylle. Keine Großfamilie. Den gängigen Klischees über Afrika entsprechen zwar noch viele Filmemacher dieses Kontinents, doch immer mehr setzt sich auch eine moderne Sichtweise der Probleme des schwarzen Kontinents durch. Das wurde bei den vierten Afrikanischen Filmtagen in Saarbrücken deutlich. Dort standen das frankophone Schwarzafrika und der arabische Westen, der Maghreb, im Mittelpunkt.

Einen Überblick über das aktuelle Filmetreiben vermitteln jedes Jahr das Kino Achteinhalb und die Universität des Saarlandes, genauer das romanistische Institut, und laden Regisseure und Darsteller zu Vorträgen und Diskussionen ein.

Auch dieses Mal deckten die Filme ein breites Themenspektrum ab. So handelte beispielsweise der Film von Moussa Sene Absa Madame Brouette (Senegal, 2002) von der Rolle der Frau in dem westafrikanischen Land. Ganz in der Tradition des großen senegalesischen Filmemachers Ousmane Sembène wurde hier das Bild einer modernen Frau gezeigt, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz behauptet und nicht vom afrikanischen Macho vereinnahmen lässt, selbst aber auch nicht frei von Fehlern ist. Filmisch wie inhaltlich stach dieses Werk bei den Afrikanischen Filmtagen heraus.

Moi et mon blanc (Burkina Faso, 2003) von Pierre Yaméogo war ein weiterer Publikumsliebling. Die Geschichte eines in Paris studierenden Afrikaners, der in Geldprobleme kommt und in eine Drogengeschichte hineingezogen wird, aus der ihn ein weißer Kollege herausholt, lebte von der Situationskomik vieler Szenen, die jedoch im zweiten Teil etwas abflachte. Hier fliegen beide Freunde nach Burkina Faso, um den Dealern zu entkommen und erleben dort ebenfalls einige Abenteuer. Interessant für das deutsche Publikum war dabei insbesondere der interkulturelle Blickwinkel.

Daneben gab es zwei weitere Filme aus Schwarzafrika: Abouna–le Père (Tschad, 2002) von Mahamat Saleh Haroun, sowie von Mama Këita, Le onzième commandement (Guinea, 1998). Dessen neuer Film Le fleuve war eigentlich geplant, musste aber ausfallen, da zu wenig Kopien in Umlauf sind.

Den maghrebinischen Raum repräsentierte die tunesische Regisseurin Nejia Ben Mabrouk, die ihren Kurzfilm A la recherche de Shaïma (1991) vorstellte, in dem sie die Folgen des Ersten Golfkriegs auf die Bewohner analysiert.

Der "special guest" der Filmtage, der tunesische Regisseur Nouri Bouzid, konnte seinen jüngsten Film Poupées d'Argile nicht anschauen. In letzter Minute wurde ihm das Visum für Deutschland verweigert. Dem Genuss tat dies keinen Abbruch. Der Film, der auf diversen Festivals bereits ausgezeichnet wurde, beschreibt in wundervollen Bildern die Geschichte zweier Dorfmädchen, die in die Stadt als Hausgehilfinnen verkauft und dort ausgebeutet werden, sowie die ihres aus dem gleichen Dorf stammenden "Hehlers". Nouri Bouzid, einer der profiliertesten Regisseure des Maghreb-Raumes (u.a. Halfaouine, 1990, und zusammen mit Moufida Tlatli La saison des hommes, 2000), zeigt hier ein aktuelles Problem der tunesischen Gesellschaft, wobei Menschenhehlerei auch ein Problem Mitteleuropas ist, wenn man sich manchen Straßenstrich anschaut.

Unter den zahlreichen Gästen waren auch einige Afrikaner. Insbesondere bei Moi et mon blanc kam so etwas wie eine afrikanische Stimmung im Kino auf: Das afrikanische Publikum taucht in den Film regelrecht ein, einzelne Szenen werden direkt kommentiert, laute Zwischenrufe heizen die Atmosphäre an.

Nach Aussagen der Kinobetreiber war dieses selten so gut besucht. Es sieht also gut aus für die fünften afrikanischen Filmtage in Saarbrücken.

 

Fotos Moi et mon blanc, Poupées d'Argile von www.trigon-film.ch



Québec: Europaliebe auf Eis

von Claas Peters, erschienen im Dezember 2004

Ende Februar liegt Québec noch unter einer dicken Schneeschicht. Man muss sich vorstellen: Eine Schneeschicht, die so dick ist, dass man überhaupt nur in den Städten ohne Schneeschuhe zu Fuß herumlaufen kann. Und doch ist dies wohl die eigentliche Jahreszeit, in der man den französischen Teil Kanadas besuchen sollte, wenn man ein tieferes Verständnis für ihn erlangen will. Wie sonst sollte der Besucher verstehen, warum Québec eine der höchsten Selbstmordraten der Welt hat, und warum die Haupteinnahmequelle der Huronenindianer noch heute das Anfertigen von traditionellen Schneeschuhen ist.

Wie soll man in den warmen Sommermonaten erahnen können, warum es in Montreal eine riesige, unterirdische "Stadt", die ville souterrain, gibt, rund 30 Kilometer lang, mit Kinos, Cafés und zahlreichen Geschäften, so groß, dass man sich verlaufen muss.

Außerdem kann man nur im Winter und am besten wohl in Quebec-Stadt das Wunder erleben, wie bei minus 25 Grad Celsius trotzdem alles völlig reibungslos funktioniert.

Und schließlich bekommt man erst dann, wenn einem der eiskalte Wind das Wasser in den Augenwinkel gefrieren lässt, eine ungefähre Vorstellung davon, was die ersten französischen Siedler, die üblichen religiösen Eiferer und abenteuerlustigen Pelzhändler, hier in den Wintermonaten durchleben mussten. Wobei sie außer mit den Temperaturen auch mit den Irokesen zu kämpfen hatten, die nicht nur lieber den Niederländern ihre Pelze verkauften, sondern den französischen Siedlern auch gerne die Schädel einschlugen. (Was ihnen übrigens bis heute nicht recht verziehen worden ist. Hier empfiehlt sich ein Besuch des Musée d'Archéologie de Pointe-à-Callière in Montreal, wo der Unterschied zwischen den "freundlichen" Huronen und den "feindseligen" Irokesen dem Besucher mit Hilfe von ausgestellten Kriegskeulen deutlich gemacht wird.)

Vielleicht sind diese Entbehrungen und Abhärtungen auch dafür verantwortlich, dass die Québécois nach fast 250-jähriger anglophoner Übermacht immer noch an ihrer Sprache und Kultur festhalten. Während in Montreal recht viel Englisch gesprochen wird, hört man in Québec-Stadt fast nur französisch und trifft auf viele Einwohner die, wohl auf Grund einer inneren Verweigerungshaltung, nur recht dürftig englisch sprechen. Tatsächlich hätte sich Québec zweimal fast von Kanada abgespalten, in der jüngsten Volksabstimmung 1995 unterlagen die Seperatisten mit weniger als einem Prozent.

So gilt Québec-Stadt als die französischste Stadt Nordamerikas und muss das regelmäßige Einfallen von Hollywood-Filmcrews erdulden, denen der Weg bis nach Europa zu weit war. (So wurde die Verhaftungsszene in Catch Me If You Can mit Leonardo di Caprio in der Basse-Ville von Québec gedreht.)

Außerdem leidet Québec beständig darunter, dass der Weg von Europa zu weit ist. So hatte Paris seiner weit entfernten, im Winter viel zu kalten Kolonie bei der Belagerung Québecs durch die Engländer zuerst ausreichende Unterstützung versagt, und nach verlorener Schlacht die gesamte Kolonie im "Verrat von Paris" leichtfertig an die Engländer abgetreten. Selbst als Québec sich bemüht hatte, einen Teil der Tour de France dort austragen zu lassen, wollte man in Frankreich den Athleten weder den langen Flug noch die Zeitverschiebung zumuten.

Den europäischen Besucher überkommt bei all der Liebe zu Europa etwas wie ein blöder Stolz. Bummelt er die Rue Saint Jean in Québec-Stadt herunter, auf der es einige Läden mit europäischen Spezialitäten gibt, und entdeckt dann in den Schaufenster liebevoll aufgebaut Dr.-Oetker-Schokopudding und fast wie in einer Galerie ausgestellt verschiedene Sorten Barilla-Nudeln, wird ihm schnell warm ums Herz. Und wenn man dann noch, auch auf der Rue St. Jean, erstaunlich viele Dollars in einen leichten Bierrausch investiert hat, muss man sich davor hüten, nicht ein Gespräch von europäischer Kultur und amerikanischer Fastfoodkultur anzufangen, in dessen Verlauf man dann zwangsläufig bei den US-amerikanischen Einreisebestimmungen und Michael Moore landet, bis man mit hochrotem Kopf nur noch beschämt schweigen kann.

So findet der Besucher, wenn er die Hochhausschluchten Montreals hinter sich gelassen hat, in Québec so etwas wie das "missing link" zwischen Amerika und Europa, den Punkt an dem Druck von außen und innen sich genau die Waage halten.


Québec in Zahlen

von Claas Peters

Fläche: 1.540.680 Quadratkilometer, (das entspricht dem Vierfachen der Fläche Deutschlands und fast dem Dreifachen der Größe Frankreichs)

Klima: Die durchschnittlichen Temperaturen liegen im Januar bei -11,5 Grad Celsius, im Juli bei 19,3.(Berlin: -0,4 Grad bis 17,9 Grad. Paris: 3,1 Grad bis 18,7 Grad). Der Schneefall im ganzen Winter beträgt im Durchschnitt zwischen 3,5 und 4 Meter.

Einwohner: Rund sieben Millionen Québeker, fünf Millionen französischen Ursprungs, 350.000 britischer Herkunft, 137.000 indigener Herkunft. 80 Prozent der Einwohner leben in den städtischen Einzugsgebieten am St. Lorentzstrom, 83 Prozent sind frankophon, 10 Prozent englischsprachig.

Wirtschaft: Wirtschaftszentrum Montréal, etwa 3,5 Millionen Einwohner, Provinzhauptstadt Québec-City, 650.000 Einwohner.

Industrie: Holzverarbeitende Industrie (Bauholz und Papier), Bergbau (Aluminium und Eisenerz). Außerdem Luft- und Raumfahrtindustrie, Telekommunikation, Energie- und Pharmaindustrie

 

 

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