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Vos billets, s'il vous plaît ! – Die Fahrkarten bitte!von Saskia Schuster, erschienen am 10.06.2007 Während die 770 Kilometer von Paris nach Marseille im Schnellzug TGV in drei Stunden zu bewältigen sind, ziehen sich die 490 Kilometer auf einer vierstündigen Bahnfahrt zwischen Straßburg und Paris dahin. »Ich hätte nicht gedacht, dass Straßburg so schlecht an das Bahnnetz angeschlossen ist, gerade als Europastadt«, sagt Lena Rieger, Erasmus-Studentin aus Köln. Aber ab dem 10. Juni wird alles besser: Dann startet offiziell der TGV Est Européen, die Schnellzugverbindung zwischen Paris und Straßburg. Die französische Nationalversammlung und das Europäische Parlament liegen dann nun nur noch zweieinhalb Stunden voneinander entfernt. Das Besondere: Der Train à Grande Vitesse (TGV) wird künftig bis nach Stuttgart fahren, der InterCityExpress (ICE), der Hochgeschwindigkeitszug der Deutschen Bahn, wird dafür zwischen Frankfurt am Main und Paris verkehren. Die Deutsche Bahn und die französische SNCF erhoffen sich davon einen deutlichen Anstieg der Passagierzahlen. Bis zu anderthalb Millionen Fahrgäste im Jahr sollen das Angebot nutzen, bisher sind es 500 000 pro Jahr. Die beiden Bahnunternehmen können somit eine attraktive Alternative zu den Billigfliegern anbieten. Die Zusammenarbeit zwischen SNCF und DB ist jedoch kein Schnellschuss, sondern von langer Hand geplant. Seit 1992 arbeiten beide Unternehmen an der Verwirklichung einer deutsch-französischen Hochgeschwindigkeitsverbindung. Die SNCF hat vier Milliarden Euro in die neue Infrastruktur investiert. Für das Zugpersonal bringt diese Zusammenarbeit große Veränderungen mit sich. Zwar fahren deutsche Lokführer den TGV und ICE innerhalb Deutschlands und führen ihre französischen Kollegen die Züge jenseits des Rheins bis nach Paris, das übrige Zugpersonal wird jedoch auf der gesamten Strecke binational sein. Doch wer jenseits der Grenzen arbeitet, sollte auch zweisprachig sein, da dies die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit an Bord ist. Die SNCF und die DB haben deshalb ihr Personal noch einmal zur Schule geschickt, um die Sprache des Nachbarlandes zu lernen. Während die DB ihre Mitarbeiter seit Mitte August 2006 unterrichten ließ, beauftragte die SNCF die Firma Pigier Entreprises & Grands Comptes mit der Organisation der Deutschkurse für die SNCF-Angestellten. Carole Maret, Koordinatorin der Kurse bei Pigier, erinnert sich an die Anfänge des Projektes: »Nach einer erfolgreichen Pilotphase von Februar bis Mai 2006 wurden an drei Standorten – Paris, Metz und Straßburg – mehr als sechzig Personen ausgebildet. An den Kursen nahmen nicht nur die Zugbegleiter, sondern auch das Bahnhofspersonal teil.« Von den neun Lehrkräften, allesamt deutsche Muttersprachler, wurden die Kurse mit einem speziellen, auf den Bahnverkehr zugeschnittenen Wortschatz entwickelt und nach drei Monaten Testphase weitergeführt. So drückten die Mitarbeiter der SNCF wieder die Schulbank – und hatten ein enormes Pensum zu bewältigen. Angestellte, die noch keinerlei Deutschkenntnisse hatten, mussten bis zu 450 Stunden lang Deutsch lernen, die sich auf zwei bis drei Tage pro Woche mit bis zu sechs Stunden am Tag verteilten. Etwas leichter hatten es jene SNCF-Mitarbeiter, die bereits zu Schulzeiten Deutsch gelernt hatten: Sie stiegen später in die laufenden Kurse ein. Maret bereitete die Planung der Kurse einiges Kopfzerbrechen, denn die Mitarbeiter der SNCF arbeiten zu unterschiedlichen Zeiten im Schichtdienst: Mal tagsüber, während der Nacht, oder sogar am Wochenende – unter diesen Bedingungen die Kurse zu koordinieren, sei nicht einfach gewesen. Wie in der Schule standen am Ende der Kurse Prüfungen auf dem Programm. Lernziel aller Kurse war die Stufe B2, ein Sprachniveau, das im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen der Europäischen Union präzisiert wird. Zugbegleiter sollten sich mit deutschen Fahrgästen problemlos verständigen können. Die Teilnahme an den Kursen war für die Mitarbeiter der SNCF laut Carole Maret jedoch nicht ganz so »problemlos«, sondern vielmehr eine echte Herausforderung und dies gleich in dreifacher Hinsicht: Die Kurse seien einerseits Voraussetzung für eine weitere Beschäftigung bei dem Projekt TGV Est Européen. Darüber hinaus schlage sich eine erfolgreiche Weiterbildung auch in einer Lohnerhöhung nieder. »Und schließlich – und das ist gerade bei Leuten so, die durchschnittlich 45 bis 50 Jahre alt sind, war auch die persönliche Motivation sehr wichtig. Eine neue Sprache zu lernen, und dann gerade eine so schwere wie das Deutsche, ist nicht immer einfach.« Umso erfreulicher sei, dass bisher alle Teilnehmer die Prüfungen erfolgreich bestanden haben. 24 davon in Paris, 16 in Metz und weitere acht in Straßburg. Zusätzlich werden zurzeit 17 Schüler in Paris unterrichtet. Die französische Zugbegleiterin Nathalie Ouattara hat den Kurs bereits absolviert. Zwischen Oktober 2006 und März 2007 nahm sie am Deutschunterricht in Paris teil. Die deutsche Sprache hatte Ouattara zwar bereits seit der sechsten Klasse in der Schule gelernt, die Kurse waren dennoch eine große Bereicherung für sie. »Besonders gut fand ich, dass im Unterricht viel Wert auf das Mündliche gelegt wurde und wir uns in Rollenspielen und Vorträgen testen konnten.« Ouattara fühlt sich gut vorbereitet auf die neuen Herausforderungen. Bislang war sie schon als Zugbegleiterin im Nachtzug zwischen Paris und Frankfurt am Main beziehungsweise München unterwegs. Ab Juni wird sie auch im deutsch-französischen Hochgeschwindigkeitsverkehr tätig sein. Im Fokus der Ausbildung von DB und SNCF stand allerdings nicht ausschließlich der sprachliche Aspekt. Zum Weiterbildungsprogramm der Deutschen Bahn gehörte z.B. auch, dass die deutschen Mitarbeiter Einblicke in die Betriebsstruktur der französischen SNCF und die technischen Details des TGV erhielten. Allerdings sind es nicht nur die technischen Finessen, die den Zug im Rollen halten. Wichtig ist auch ein Verständnis für interkulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Das »Eintauchen in die jeweils andere Eisenbahnkultur« sollte deshalb fester Bestandteil des Ausbildungsprogramms sein: So gingen im April je drei Gruppen deutscher Zugchefs nach Paris, Metz und Straßburg, die französischen Zugbegleiter nach Stuttgart und Frankfurt, um alle wichtigen Einrichtungen und Anlaufstellen des Partnerunternehmens kennenzulernen. Auch die Serviceausbildung für Zugchefs, Zugbegleiter und Restaurantmitarbeiter – von deutschen und französischen Trainern gemeinsam durchgeführt – sollte vorhandene Wissenslücken füllen, Barrieren überwinden lassen und interkulturelle Kompetenzen ausbilden. So findet die deutsch-französische Annäherung also bald auch auf den Schienen statt. Was wieder einmal beweist: Jeden Tag wächst Europa ein kleines bisschen weiter zusammen.
Quellen: Frankfurter Allgemeine Zeitung: Lange Schwangerschaft, schwere Geburt. Der ICE unterwegs nach Paris. Erschienen am 28.03.2007, S. 16. Die französische Seite zum Start des TGV Est Européen: www.tgvesteuropeen.com Presseinformationen und Stellungsnahmen der Deutschen Bahn auf: www.db.de Neunminütiger Clip zur Kooperation von DB und SNCF auf: www.tvservicebox.de Dieser Artikel als Hördatei (3,5MB) Spitzen-Unis in der Kritikvon Sina Tschacher, erschienen am 01.03.2007 Es war ausgerechnet ein Freitag, der Dreizehnte, der eine Zeitenwende in der deutschen Hochschullandschaft einleitete. An jenem 13.Oktober 2006 gaben die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat die Gewinner der ersten Runde der Exzellenzinitiative bekannt. (Details zur Exzellenzinitiative siehe Infokasten unten.) Deutschlands neue »Spitzen-Universitäten« sind demnach die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), die Technische Universität München sowie die Technische Hochschule in Karlsruhe. Das von ihnen eingereichte »Zukunftskonzept« setzte sich gegen sieben weitere Bewerber durch. Als »Leuchttürme der Wissenschaft« sollen sie von nun an die bundesrepublikanische Bildungslandslandschaft überstrahlen. Während in München und Karlsruhe die Sektkorken knallten, schwankten die Reaktionen in anderen Teilen der Republik zwischen ratlosem Achselzucken bis hin zu blankem Entsetzen. Unausgeglichener konnte die Entscheidung der Auswahlkommission nicht sein: Alle drei gekürten Unis stehen im Süden Deutschlands, zwei davon sind Technische Hochschulen. Mit dieser Entscheidung setzte sich die unabhängige wissenschaftliche Jury gegen die Politiker durch, die davon ausgegangen waren, dass sich der Norden und der Osten Deutschlands künftig ebenfalls mit zumindest einer Elite-Uni rühmen dürfen. Doch nun offenbart die Wahl das herrschende Nord-Süd-Gefälle in der deutschen Bildungslandschaft und macht gleichzeitig deutlich, daß die Annahme, alle Unis seien gleich, eine Illusion ist. Dass sich die Qualität der Lehre und Forschung zwischen den einzelnen Unis durchaus unterscheidet, ist wohl den meisten Studenten und Professoren schon lange klar. Bei der Auswahl der Spitzenunis waren daher neben der Anzahl der Promotionen, Publikationen und Patentanmeldungen auch die Konzepte zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Interdisziplinarität, die Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie die erfolgreiche Einwerbung von Drittmitteln wichtige Kriterien. Durch die Entscheidung der Auswahlkommission gerät diese Ungleichheit mit einem Mal ins Schlaglicht der öffentlichen Aufmerksamkeit. Bisher galt zumindest offiziell, dass ein Hochschulabschluss der Uni Rostock genau so viel wert ist wie einer der Uni Heidelberg. In Zukunft, so befürchten einige Experten, wird das nicht mehr so sein. Michael Hartmann, Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Elitenforschung an der TU Darmstadt, sagte in einem Interview mit der Heidelberger Studentenzeitung ruprecht: »Die Personalchefs werden dann darauf achten, wo jemand studiert hat. Für bestimmte Positionen wird der Studienort entscheidend sein. Wer nicht in den Elite-Unis aufgenommen wird, der braucht sich für bestimmte Positionen gar nicht mehr anstrengen.« Ähnlich sieht es auch die Hochschulgruppe der Jusos, die Jugendorganisation der SPD, in Leipzig. »Wer Elite-Unis sät, wird eine Zwei-Klassen-Gesellschaft ernten«, lautet die Position der Jungsozialisten. Statt nur wenige ausgewählte Unis finanziell zu unterstützen, solle das Geld lieber in Reformen investiert werden, die allen Hochschulen und damit breiten Schichten zugute kommen anstelle weniger elitärer Kreise, fordern sie. Die Befürchtung, durch die Förderung einzelner Spitzen-Unis käme es zu einer fortschreitenden Qualitätsverschlechterung der anderen Hochschulen, insbesondere in den nicht so wohlhabenden Bundesländern, teilen viele Gegner der Exzellenzinitiative. Getreu dem Motto »Konkurrenz belebt das Geschäft« halten die Befürworter dagegen, der Wettbewerb um die begehrte Auszeichnung als »Spitzen-Universität« verbessere die Forschung an Deutschlands Universitäten nachhaltig und gäbe so dem »Wissenschaftsstandort« Deutschland enormen Aufwind. Die Vernetzung von universitärer und außeruniversitärer Forschung würde gestärkt. Die Exzellenzinitiative dokumentiere lediglich bereits bestehende Ungleichheiten und würde keine neuen schaffen, unterstrich DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker in einem Interview mit der Zeit. Anders als in Frankreich löst allein der Begriff »Elite« in Deutschland Ablehnung und Misstrauen aus. Unter Hitler wurde der nationalsozialistische Nachwuchs auf Elite-Schulen gefördert. Der Begriff »Elite« bleibt daher in Deutschland problematisch. So wundert es nicht, dass die ausgezeichneten Unis offiziell auch nicht als »Elite-Universitäten« bezeichnet werden, sondern als »Spitzen-Unis«. In Frankreich dagegen haben die »Grandes Écoles« eine lange und schillernde Tradition. Zu den prestigeträchtigsten unter ihnen gehören die 1794 in Paris gegründete École Polytechnique, an der vor allem Naturwissenschaftler und Ingenieure ausgebildet werden. Ferner die insgesamt vier Écoles Normales Supérieures (ENS), wobei die 1795 in Paris gegründete die prestigereichste ist. Die ENS bilden vor allem Forscher und Hochschuldozenten aus. Zu den Grandes Écoles gehören außerdem die insgesamt neun Instituts d'études politiques (IEP) sowie einige Dutzend weitere Einrichtungen sowohl staatlicher als auch privater Träger. Die renommierteste und bekannteste dieser Elite-Unis ist die École Nationale d'Administration (ENA). (Siehe dazu den Infokasten unten). Die ursprüngliche Idee hinter der Errichtung der Grandes Écoles war es, für den Staat loyale und hochqualifizierte Beamte auszubilden. Die Grandes Écoles zeichnen sich durch eine begrenzte Anzahl an Studienplätzen aus (an der ENS Paris sind es 150 jährlich), die jedes Jahr nach einem harten Auswahlverfahren an die besten Bewerber vergeben werden. Um zu diesem so genannten concours zugelassen zu werden, müssen die Bewerber in der Regel zuvor eine zweijährige Vorbereitungsklasse (classe préparatoire) besucht haben. Zu dieser werden wiederum nur die besten Schüler eines Abiturjahrgangs zugelassen. Hat jemand jedoch die Aufnahme in eine Grande École geschafft, so steht seiner Karriere nichts mehr im Wege. Bereits während der vier Studienjahre beziehen die Normaliens (ENS), Enarques (ENA) und Polytechniciens ein monatliches Gehalt als Beamtenanwärter. Das Diplom absolvieren die Normaliens wie alle anderen Studenten an einer der Pariser Universitäten, zum Beispiel an der Sorbonne, während sie an der Grande Ecole eine bestimmte Anzahl an zusätzlichen Kursen belegen. Neben dem Gehalt und den internationalen Kontakten zu Professoren, Wissenschaftlern und anderen Eliteuniversitäten, bieten manche Grandes Ecoles ihren Studenten auch eine Unterkunft im Zentrum von Paris an. Eine eigene Bibliothek sowie ein breites kulturelles Angebot an Sprachkursen und Aktivitäten kommen noch hinzu. Fast alle mächtigen französischen Wirtschaftsunternehmer, Politiker oder hohen Beamten haben eine Grande École besucht. Eine Karriere wie die von Joschka Fischer, der es vom Taxifahrer zum ehemaligen deutschen Außenminister geschafft hat, ist in Frankreich undenkbar. Die Eliteschulen werden nicht per se in Frage gestellt, obwohl es in Frankreich immer wieder zu hitzigen Debatten über die soziale Ungerechtigkeit des französischen Bildungssystems kommt. Denn nur etwa sechs Prozent der Studenten der wichtigsten Grandes Écoles – ENA, ENS rue d'Ulm und Polytechnique – stammen aus Arbeiterfamilien. Die übrigen Studenten kommen aus dem gehobenem Mittelstand, oft waren ihre Eltern ebenfalls auf einer Grande École. Ein weiterer Kritikpunkt ist der enorme Druck der Vorbereitungsklassen, dem viele hochbegabte Jugendliche nicht standhalten. Dennoch träumt die Mehrzahl der französischen Abiturienten noch immer davon, an einer der Eliteschulen aufgenommen zu werden. Am Ende schaffen es nur etwa fünf Prozent von ihnen. Während in Frankreich also die Zweiteilung des Hochschulsystems (Grandes Écoles auf der einen Seite, staatliche Universitäten auf der anderen) schon lange Tradition ist, befürchtet so mancher Gegner der Exzellenzinitiative in Deutschland nun eine ähnliche Entwicklung. Die Zukunft wird zeigen, ob sich dieser Freitag der Dreizehnte für Deutschlands Bildungslandschaft als Glücks- oder Unglückstag erweist.
Zur weiterführenden Lektüre: Unis für die Eliten? – Nein, Ein Interview mit Prof.Hartmann: www.texte.ruprecht.de Positionspapier der Leipziger Juso-Hochschulgruppe zu Elite-Unis: www.jusos-sachsen.de Uns fehlt Fantasie, Ein Interview mit DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker: www.zeit.de Schwerpunkt der ZEIT zum Thema »Elite-Universitäten«: www.zeit.de Dieser Artikel als Hördatei (3,6MB) |
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Die Exzellenzinitiative in Deutschlandvon Sina Tschacher, erschienen am 01.03.2007 Nach langwierigen Verhandlungen einigten sich Bund und Länder im Jahr 2005 auf eine »Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder«. Ursprüngliches Ziel war es, die Hochschullandschaft in Deutschland durch finanzielle Unterstützung in Höhe von 1,9 Milliarden Euro über vier Jahre hinweg nachhaltig zu verändern. Die wissenschaftliche Forschung an Deutschlands Unis drohte international ins Abseits zu geraten. Mit der Organisation und der Begutachtung der Bewerberanträge wurden die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium in Deutschland, beauftragt. Die Exzellenzinitiative verläuft in einem mehrstufigen Antrags- und Begutachtungsverfahren. Die erste Runde endete am 13. Oktober 2006. Hochschulen, die es im ersten Durchgang nicht geschafft haben (zum Beispiel die Berliner Unis), bekommen jedoch eine zweite Chance: Im Oktober 2007 sollen die Gewinner der nächsten Runde bekannt gegeben werden. Die Exzellenzinitiative umfasst insgesamt drei Förderlinien: Graduiertenschule, Excellenzcluster und Zukunftskonzepte. Die Graduiertenschulen dienen der Ausbildung von Doktoranden mit exzellenter wissenschaftlicher Begleitung. Jede der insgesamt 40 Graduiertenschulen erhält pro Jahr etwa eine Million Euro Förderungsgeld. In einem Excellenzcluster sollen Wissenschaftler zu einem gesellschaftlichen oder wirtschaftlich relevanten Thema zusammengebracht werden. Dadurch sollen an den Universitäten international sichtbare und konkurrenzfähige Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen etabliert werden, die mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft zusammenarbeiten. Pro Jahr stehenden 30 Excellenzclustern jeweils 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. Hat eine Hochschule mindestens ein Exzellenzcluster, eine Graduiertenschule und darüber hinaus ein überzeugendes Zukunftskonzept zum Ausbau ihrer Forschung, so kann sie zusätzlich mit durchschnittlich 21 Millionen Euro als »Spitzen-Uni« gefördert werden.
Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung |
Wie man sich eine Elite bildetDie École Nationale d'Administration (ENA) von UlrikeThiele, erschienen am 01.03.2007 »Eine Schule im Herzen Europas« – so beschreibt sich die École Nationale d'Administration, kurz ENA, selbst. 2005 hat die Grande École ihren Hauptsitz endgültig von Paris nach Straßburg verlegt. Nachdem 1992 der Umzug von Paris ins Elsass beschlossen wurde und mehr als zehn Jahre lang in beiden Städten unterrichtet wurde, wird die französische Verwaltungselite heute nur noch in der »Europäischen Hauptstadt« ausgebildet. Wer einen Platz in der ENA bekommt, kann sich einer erfolgreichen Zukunft beinahe gewiss sein. Nach ihrem Abschluss besetzen die Absolventen ohne Umwege wichtige Positionen, die Absolventen anderer Grandes Ecoles erst nach einigen Jahren offenstünden. Die Aufnahmeprüfung – concours genannt – ist aber dementsprechend schwierig. Offiziell müssen alle Bewerber mindestens eine »Licence« (Bac +3) vorweisen, die meisten haben jedoch einen »Master« (Bac+5). Von jährlich etwa 3000 Bewerbern werden gerade mal 120 zugelassen – viele davon kommen von anderen Grandes Ecoles wie dem Pariser Institut d'Etudes Politiques (Science Po Paris). Um die zukünftige Elite zu testen, werden Allgemeinwissen, sprachlicher Ausdruck, logisches Denken und Nervenstärke geprüft. In der ENA begannen unter anderem Staatspräsident Jacques Chirac, der ehemalige Premierminister Lionel Jospin, der amtierende Premierminister Dominique de Villepin und auch Ségolène Royal, die Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten, ihre Laufbahn. Die ENA wurde 1945 auf Initiative von Charles de Gaulle gegründet mit dem Ziel eine neue demokratisch rekrutierte Führungsschicht hervorzubringen. Die hohen Funktionäre des französischen Staatsapparats sollen gewährleisten, dass nur die Besten die Eliteschule besuchen können. Die Studenten vertiefen in ihrer 27 monatigen theoretischen Ausbildung ihre Kenntnisse im internationalen und europäischen Recht, in der Ökonomie und erlernen Verwaltungsmethoden. Nach dem Studium können sie auch eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben. Diese Kenntnisse und Fähigkeiten können die „Enarchen“, wie die ENA-Schüler auch genannt werden, dann in einem zwölfmonatigen Praktikum in französischen oder internationalen Institutionen unter Beweis stellen. Die Namen zahlreicher berühmt gewordener ENA-Absolventen stehen dafür, dass die Schule ihr Ziel, die französische Verwaltungselite zu bilden, erreicht hat. Auch heute noch ist die ENA hoch angesehen und bei jungen Menschen begehrt. Dennoch wird immer wieder auch Kritik an der streng elitären Ausbildung laut. Als antiquiert und autoritär bezeichnen Gegner die ENA und werfen ihren hochrangigen Absolventen vor, sie würden mit ihrer »enarchisch« geprägten Sichtweise die Probleme der heutigen Zeit nicht lösen können.
Quellen: www.ena.fr, www.zeit.de |
Lernen, wie man woanders lernt
von Kerstin Gallmeyer, erschienen am 15.02.2007
Mit den Maßen eines Schreibblocks, einem weinroten Einband und 336 Seiten ist ein Buch noch lange keine Besonderheit. Ein Buch, welches neuerdings gleichermaßen sowohl in deutschen Gymnasien als auch in französischen Lycées zu finden ist, aber schon: Die Rede ist vom neuen Deutsch-Französischen Geschichtsbuch Histoire / Geschichte – Europa und die Welt seit 1945, das vom deutschen Klett-Verlag und vom französischen Haus Nathan im Juli 2006 herausgegeben wurde. Ein derartiges länderübergreifendes Schulbuch ist in Europa bislang einzigartig.
Das Bewusstsein für die Vergangenheit der jungen Generation eines Landes erwächst durch viele Faktoren: die Familie, die Medien, ganz besonders aber auch durch den Geschichtsunterricht in der Schule. Neben dem Lehrer spielen die Lehrbücher dabei eine wichtige Rolle: Sie liefern mit ihren Texten und ausgewählten Bildern und Quellen das Basiswissen. Geschrieben werden die Bücher normalerweise von Autoren des jeweiligen Landes. Umso revolutionärer ist das nun realisierte Projekt eines deutsch-französischen Geschichtsbuches. Hier haben Autoren mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund gemeinsam ein Lehrwerk verfasst, das in Deutschland und Frankreich in der jeweiligen Landessprache erschienen ist und für die gymnasiale Oberstufe diesseits sowie für die Classe de terminale jenseits des Rheins bestimmt ist.
Der erste Band von Histoire / Geschichte − Europa und die Welt seit 1945 besteht aus fünf Teilen mit insgesamt 17 Kapiteln: Angefangen mit der unmittelbaren Nachkriegszeit über den Ost-West-Konflikt und das Ende der Kolonialreiche bis hin zum europäischen Einigungsprozess und zur deutsch-französischen Freundschaft. In einem zusätzlichen Teil »Methoden« wird an praktischen Beispielen veranschaulicht, wie man Texte erklärt, historische Karten liest, Karikaturen analysiert und sich auf Referate vorbereitet und diese präsentiert. Kurzbiographien von Persönlichkeiten des 20. Jahrhundertsund ein Glossar bilden den Schlussteil des Buchs. Das Layout ist schülergerecht gestaltet: Es gibt bunt unterlegte Quellen-, Info- und Fragekästen, viele Fotos, Karten und Karikaturen. Kurzum: Europäische Geschichte wird hier lebendig und anschaulich präsentiert, ohne an Inhalt und Struktur einzubüßen.
Den Anstoß für das Projekt gab eine Initiative des deutsch-französischen Jugendparlaments anlässlich des 40. Jahrestages des Elysée-Vertrags im Januar 2003. Ein Jahr später begann eine deutsch-französische Arbeitsgruppe unter Beteiligung der deutschen Bundesländer mit der inhaltlichen Konzeption. Doch nicht nur die verschiedenen kulturell und national geprägten Sichtweisen auf historische Ereignisse stellten dabei eine große Herausforderung dar. Ebenso war es nicht einfach, die Lehrpläne aller 16 Bundesländer – denn Bildung und Schulwesen sind in Deutschland überwiegend Angelegenheiten der einzelnen Länder – mit den obendrein deutlich strengeren französischen Vorgaben unter einen Hut zu bringen.
Auch die Tatsache, dass die Autoren und Herausgeber zwei grundverschiedenen Unterrichtskulturen gerecht werden mussten, war mit Sicherheit keine leichte Aufgabe. Während in deutschen Schulklassen ein pädagogischer Ansatz, der den Schüler durch Diskussionsrunden, etc. aktiv in den Unterricht mit einbezieht, im Vordergrund steht, hat jenseits des Rheins die Vermittlung eines großen Basiswissens und das Auswendiglernen oberste Priorität. Der Lehrer nimmt hier eine stärkere autoritäre Rolle ein und leitet die Schüler zu den Aussagen. In Deutschland spricht man hierbei von »Frontalunterricht«, d.h. der Lehrer spricht und die Schüler schreiben weitgehend schweigend mit. Quellen dienen in den französischen Schulbüchern vor allem dazu, den im Text beschriebenen Sachverhalt noch einmal zu bestätigen. In Deutschland dagegen sollen die Quellen zur individuellen Meinungsbildung und weiteren Diskussionen anregen. Aufgrund der geschichtlichen Vergangenheit will man vor allem »Persönlichkeiten« erziehen, die in der Lage sind, Sachverhalte und Aussagen von Autoritäten – und somit auch die des Lehrers − kritisch zu hinterfragen, was sich leider nicht selten auch im Geräuschpegel in den Unterrichtsräumen widerspiegelt. Genau in diesen transkulturellen Gegensätzen liegt aber auch eine große Chance – nämlich die, von anderen pädagogischen Ansätzen und Methoden zu profitieren und somit aus beiden Kulturen das beste Resultat zu erzielen.
Der deutsche Herausgeber des deutsch-französischen Geschichtsbuchs Peter Geiss erwartet deshalb Synergieeffekte von dem interkulturell konzipierten Buch: »Wir glauben, dass die französische Strukturiertheit und Präzision in der Wissensvermittlung und im Bereich der Analysemethoden ein gutes Fundament für das von deutschen Schülern erwartete eigene Urteilsvermögen darstellt. Die Franzosen können sich vielleicht durch die deutsche Unterrichtskultur dazu anregen lassen, dem Schüler mehr Freiheit in der Organisation seiner Arbeit und in der Beurteilung historischer Entwicklungen einzuräumen«, so der Geschichtslehrer in einem Spiegel-Interview.
Doch auch was bestimmte historische Ereignisse und ihre Einordnung angeht, soll sich der Horizont der Oberstufler und Lycéens erweitern. Themen, die aus politischen oder geografischen Gründen, wie die Entkolonialisierung oder die Entwicklung Mittel- und Osteuropas, bisher im deutschen und französischen Geschichtsunterricht von unterschiedlichem Interesse waren, sind gleichermaßen im Buch vertreten wie unterschiedliche Deutungsmuster.
Bis jetzt steht fest: Das binationale Geschichtsbuch ist ein weiteres Zeugnis der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich. Ob es auch in den Klassenzimmern beiderseits des Rheins erfolgreich sein wird, zeigt sich in den kommenden Schuljahren.
Indes ist die Arbeit für die deutsch-französische Historikergruppe noch lange nicht beendet: Zum Schuljahr 2007/08 und 2008/09 sollen die weiteren Bände Vom Wiener Kongress bis zum Ende des 2. Weltkrieges und Von der Antike bis zu Napoléon erscheinen.
Den ersten Band der Trilogie zeichnet allerdings neben allem anderen noch eine weitere Besonderheit aus: Es ist das einzige Schulbuch, das im föderalen Deutschland in allen 16 Bundesländern zugelassen ist.
Siehe auch Artikel in der Rubrik Geschichte / Fundstück 
Quellen / Links zur weiterführenden Lektüre:
Dokumentation zum Projekt ansehen (Klett Verlag) |
Ein Kapitel auf französisch lesen (Éditions Nathan) |
Dieser Artikel als Hördatei (2,5MB) |
Die Entstehungsgeschichte des deutsch-französischen GeschichtsbuchsIdee: Initiative des deutsch-französischen Jugendparlaments anlässlich des 40. Jubiläums des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags (Elysée-Vetrag) Deutsch-französische Projektleitung: Dr. Ilas Körner-Wellershaus, Ernst Klett Schulbuchverlag und Françoise Fougeron, Nathan Herausgeber: Guillaume Le Quintrec, Dr. Peter Geiss Autoren: Ludwig Bernlochner, Lars Boesenberg, Michaela Braun, Dr. Peter Geiss, Claus Gigl, Daniel Henri, Enrique Leon, Mathieu Lepetit, Guillaume Le Quintrec, Bénédicte Touchebœuf Organisation: Arbeit in deutsch-französischen Zweierteams Datum Start / Ende der Redaktion: Erstes Treffen der Autoren und Herausgeber am 16. April 2005 in Paris. Jeweils zwei Kapitel wurden gemeinsam erstellt. Die Kapitel wurden von jeweils einem Autoren verfasst und vom Tandempartner beratend korrigiert – und anders herum. Im Dezember 2005 wurde die erste Fassung der eigens für das Projekt gebildeten deutsch-französischen Expertenkommission vorgelegt. Erscheinungstermin: 10. Juli 2006 Zielgruppe: Gymnasiale Oberstufe (11.–13. Klasse) auf deutscher Seite und Classe de terminale auf französischer Seite Auflage: Die erste Auflage bestand aus 30.000 deutschen und 20.000 französischen Exemplaren und war schnell vergriffen; seit Dezember 2006 ist die zweite Auflage auf dem Markt. Kosten: in Deutschland: 25 Euro, in Frankreich: 26 Euro – im Buchhandel erhältlich |
Märchenerzähler
Perrault und Grimm treffen auf Rotkäppchen
von Jutta Rensen und Manuela Wolter, erschienen am 15.11.2006
Es war einmal vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch nicht lesen und schreiben konnten, da lebte ein Märchen, das so reizend war, dass es jeder sogleich weitererzählen wollte. Zur Freude von Groß und Klein wanderte das Märchen so von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr, von Land zu Land und von Generation zu Generation. Und da es weder Landes- noch Kulturgrenzen kannte, konnte sich das Märchen auf dem ganzen Kontinent Gehör verschaffen und erlangte sagenhaften Ruhm. So lebte es fortan glücklich und zufrieden – und wenn es nicht gestorben ist, dann lebt es noch heute.
So könnte auch das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf entstanden sein – und sich im Laufe der Jahrhunderte über die Grenzen hinweg verbreitet haben. Selbst in unserer modernen Zeit, in der die Zeichentrickfilme des Kinderkanals die traditionelle Gute-Nacht-Geschichte nahezu ersetzt haben, kennt jeder die Geschichte vom kleinen Mädchen, das seine Großmutter im Wald besucht und vom gefräßigen Wolf verschlungen wird. Weder Rotkäppchen noch das Märchen sind gestorben und leben seit jeher im Gedächtnis der Kinder und Erwachsenen fort. Doch wie kam es überhaupt zu der Entstehung des Genres Märchen?
Wenngleich Märchen (mittelhochdeutsch Maere: Kunde, Bericht) heutzutage oft als pure Unterhaltung für Kinder abgetan werden, wurde den moralträchtigen Geschichten in früheren Zeiten ein hoher Stellenwert beigemessen. Unterhaltung gab es damals wenig: weder Fernsehen noch Radio, und an Computerspiele war noch lange nicht zu denken. So erzählte man sich abends am Hausfeuer abenteuerliche Geschichten von Mord und Totschlag, von Liebe und Hass, von Eifersucht und Neid, von Diebstahl und Raub. Die Geschichten handeln von unglücklichen Familien ohne Vater oder Mutter und von Eltern, die aus ihrer Notlage heraus versuchen, ihre Kinder zu töten. Auch kommen Väter vor, die ihre Töchter heiraten wollen. Im Grunde wird von alledem erzählt, was nicht für zarte Kinderohren bestimmt ist. Welchem Zweck dienten die Märchen also? War es pure Unterhaltung? Oder war es nicht auch eine Art Erziehung und eine Übertragung von Lebensweisheiten, die ohne Schriftverkehr und alleine durch das Medium des Märchens von Generation zu Generation weitergegeben werden konnten? Auch wenn sich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Geschichten recht schnell negieren lässt – man denke nur an Rapunzel und ihr meterlanges Haar –, so sind die Botschaften dennoch mit Sicherheit aus dem Leben gegriffen und sollten zur moralischen Erziehung der Menschen beitragen. Um ihre Allgemeingültigkeit zu wahren und ihrer jeweiligen Funktion zwischen Erziehung und Unterhaltung gerecht zu werden, wurden Inhalt und Erzählweise den jeweiligen Umständen der Zeit angepasst. Wird Rotkäppchen samt Großmutter im 17. Jahrhundert vom Wolf gefressen, so werden sie im 19. Jahrhundert gerettet und nur der böse Wolf kommt am Ende ums Leben. Auch die Bestrafung der bösen Protagonisten fällt in den ursprünglichen Fassungen weitaus blutrünstiger aus und wird dem Leser so plastisch und grausam wie möglich vor Augen geführt. Eines haben jedoch alle Versionen gemeinsam: Sie sollen Hilfe und Wegweiser für ein gutes Leben sein – und sind zudem eine spannende Unterhaltung für die ganze Familie.
Im Lauf der Zeit wurden die Geschichten von Perrault in Frankreich und die der Gebrüder Grimm in Deutschland Teil des zunächst nur mündlich überlieferten Kulturguts und begannen recht bald, sich über die eigenen Landesgrenzen hinweg zu verbreiten. Wie die Menschen wanderten, so wanderten auch ihre Geschichten. In den vergangenen Jahrhunderten wurden diese »Volksmärchen« in ihren verschiedenen Versionen somit kreuz und quer durch Europa getragen, sodass es mangels schriftlicher Aufzeichnungen heute unmöglich ist, ihren genauen Ursprung festzustellen. Die Frage ob nun deutsches oder französisches Blut in Rotkäppchens Adern fließt kann demnach nicht mehr rekonstruiert werden und gibt beiden Nationen Anlass, ihre Märchenerzähler mit Ruhm zu krönen. Rotkäppchen ist folglich staatenlos und doch überall zu Hause.
Auf französischer Seite kam Charles Perrault (1628–1703) im Jahre 1695 auf die Idee, einige der mündlich überlieferten Volksmärchen zu überarbeiten und aufzuschreiben. Vielleicht lag es daran, dass er sich seit dem Tod seiner erst 19-jährigen Frau im Jahre 1678 alleine um seine vier Kinder kümmern musste – Geschichten erzählen inbegriffen.
Seine erste handgeschriebene Sammlung umfasste fünf Märchen und trug den Titel Contes de ma mère l’oye (Erzählungen meiner Mutter Gans). Dieses Werk schenkte er im Jahre 1695 der Großnichte des Sonnenkönigs Ludwig XIV zum 19. Geburtstag. Elisabeth-Charlotte d’Orléans war begeistert von La belle au bois dormant (Dornröschen), vom Petit chaperon rouge (Rotkäppchen) und dem Chat botté (Der gestiefelte Kater). Perrault hatte den Grundstein zu einem neuen Literaturgenre, den contes de fées gelegt: Im Jahre 1697 wurde diese Sammlung um drei Märchen erweitert und mit dem Übertitel Contes ou histoires des temps passés avec des moralités (Märchen und Geschichten vergangener Zeiten mit moralischer Gesinnung) in Druck gegeben und erreichte in Frankreich schnell einen hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad. Wenngleich diese Sammlung mit dem Namen von Perraults damals 19-jährigen Sohn Pierre unterzeichnet wurde, wird allgemein angenommen, dass Vater Perrault der eigentliche Verfasser ist. In jedem Fall waren die Märchen in Frankreich von großem Erfolg gekrönt und wurden bis zu Perraults Tod in mindestens drei Auflagen nachgedruckt. Auch im nahen europäischen Ausland tauchten Exemplare des Werkes auf, und der holländische Verleger Adrian Moetjens gab sie wahrscheinlich später als Raubkopien heraus. Während der nächsten 100 Jahre bahnte sich die Märchensammlung von Perrault ihren Weg auch nach Deutschland und gelangte über Ludwig Tieck (1773–1853), der 1797 den Gestiefelten Kater und Ritter Blaubart unter dem Pseudonym Peter Leberecht als Theaterstück inszenierte, in die Hände der Gebrüder Grimm.
Die Brüder Jacob (1785–1863) und Wilhelm (1786–1859) Grimm wurden berühmt wegen ihrer Sammlung von mehr als 200 Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, mit deren Zusammentragen sie bereits 1806 auf Veranlassung von Achim von Arnim und Clemens Brentano in ihrem damaligen Wohnort Kassel begonnen hatten. Die kleine Ausgabe von 1825 mit 50 ausgewählten Märchen, darunter auch das Rotkäppchen, erlangte Weltruhm. Um den Stoff für ihre Märchen zu sammeln, waren die Brüder jedoch nicht selbst durch die deutschen Lande gezogen sondern wandten sich vielmehr an »Märchenerzähler und -erzählerinnen«, die meist aus den gebildeten Schichten Hessens und Westfalens stammten. Insbesondere Dorothea Viehman (1755–1815), die aus einer Hugenottenfamilie stammte und daher mit dem französischen Kulturgut bestens vertraut gewesen sein durfte, trug in großem Maße zu dieser Sammlung bei. Auch Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) lieferte den Brüdern einige Beiträge. In der Vorrede des Bandes der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen heißt es: »In diesen Volks-Märchen liegt lauter urdeutscher Mythus, den man für verloren gehalten.« Auch werden die »ächt hessischen« Märchen von Dorothea Viehmann oder der »rein deutsche« Ursprung der Märchen erwähnt. Gleichwohl müssen sich die Gebrüder Grimm des ungewissen Ursprungs ihrer Märchen bewusst gewesen sein, denn im Titel der Sammlung wird auf das zuordnende Wort »deutsch« verzichtet. Auch scheinen sie die Ähnlichkeit mit den Märchen aus Perraults Contes de ma mère l’oye erkannt zu haben, denn in der zweiten Ausgabe wurden einige der im ersten Band noch veröffentlichten Märchen weggelassen. Eine weitere Erkenntnis der Brüder war, dass diese »Volksmärchen« im Grunde gar keine Kinderliteratur darstellten, und es heißt, der Verleger hätte das Wort »Kind« nur in den Titel genommen, um die Auflagen zu erhöhen. Die Gebrüder Grimm mussten sich zähneknirschend dieser Marketingstrategie ihres Verlegers fügen und Wilhelm machte sich daran, die Märchen von Band zu Band kindergerecht umzuschreiben.
Die Frage, ob Rotkäppchen ursprünglich aus Frankreich oder aus Deutschland stammt, ist damit nicht geklärt und wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Die Freude an Märchen bleibt indessen ungetrübt dieselbe, handelt es sich nun um die Grimm’sche oder die Perrault’sche Version. Bleibt nur zu hoffen, dass auch die zukünftigen Generationen auf beiden Seiten des Rheins trotz Multimediaunterhaltung und Zeitmangel ihrer Eltern in den Genuss der Geschichten aus dem Märchenwald kommen – denn was gibt es Schöneres, als von den Eltern selbst ein Stück seines Kulturerbes übermittelt zu bekommen?
Zur weiterführenden Lektüre
Märchen, Romane, Fabeln & Co zum Nachlesen: www.literaturnetz.org
Europäische Märchengesellschaft e.V.: www.maerchen-emg.de
Originalversionen der Märchen von Charles Perrault: www.contemania.com
Brüder Grimm Museum Kassel: www.grimm-museum.de
Brüder Grimm Gesellschaft: www.grimms.de
Landkreis Kassel Boekerhof Museum: www.boekerhof.de
Interviews und Publikationen des führenden Grimm Experten Professor Dr. Heinz Rölleke: www2.uni-wuppertal.de
Gespräch mit Arte auf Deutsch: www.arte.tv/de
Gespräch mit Arte auf Französisch: www.arte.tv/fr
Bibliothèque Nationale de France: expositions.bnf.fr
Institut International Charles Perrault: www.institutperrault.org
Portail sur la Litérature Jeunesse: www.ricochet-jeunes org
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Das globalisierte Wissen
von Sophie Rudolph, erschienen am 01.10.2006
Spätestens bei der ersten Hausarbeit geht sie los: die Literaturrecherche. Jeder Student kann ein Lied davon singen, wie aufwendig und langwierig diese sich oft gestaltet. In schier endlosen Reihen staubiger Bücherregale sucht man sich am Rande der Verzweiflung die richtigen Signaturen heraus, um dann oft am Ende feststellen zu müssen, dass das wichtigste Buch nicht am Platz steht oder noch sechs Wochen verliehen ist. Und selbst dann ist noch längst nicht alles geschafft. Wer hat nicht schon mal vergessen, sich die Seitenangabe eines Zitats oder eine Jahreszahl zu notieren und musste dann reumütig in die Bibliothek zurückkehren, um die Bücher aufs Neue durchzublättern? Wer sich den Weg sparen will, kommt schnell mal auf die Idee, eine Suchanfrage im Internet zu starten. Fast drei Viertel aller Internetnutzer entscheiden sich dabei für eine Seite: Google.
Aber damit nicht genug. Der Suchmaschinenriese, der mit Google Scholar bereits ein Tool zur Suche nach akademischer Literatur bereitstellt, hat den ehrgeizigen Plan, im Rahmen des neuen Portals Google Book Search in wenigen Jahren 15 Millionen Bücher aus der New York Public Library, den Bibliotheken der amerikanischen Universitäten Stanford und Michigan, sowie der Eliteunis Harvard und Oxford zu digitalisieren und für Googlenutzer kostenlos im Internet zur Verfügung zu stellen. Dabei können die Bibliothekspartner selbst bestimmen, welche Bücher gescannt werden. Öffentlich zugänglich sind allerdings nach geltendem Gesetz nur Bücher, die vor 1922 erschienen sind oder von vornherein nicht urheberrechtlich geschützt wurden. Von allen anderen Büchern dürfen nur wenige Seiten angezeigt werden. Hier wird man weiterhin nicht darum herumkommen, sich das Buch nach Sichtung des Inhaltsverzeichnisses aus der nächstgelegenen Bibliothek auszuleihen oder zu kaufen.
Die Ankündigung des groß angelegten Digitalisierungsprojekts rief schnell europäische Kritiker auf den Plan. Jean-Noël Jeanneney, der Direktor der französischen Nationalbibliothek, rückte vor allem die sprachliche Problematik dieses Projekts mit einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Le monde ins öffentliche Bewusstsein. Im Januar 2005 erläutert der Professor für Geschichte in seinem Artikel Quand Google défie l’Europe (Googles Herausforderung an Europa) das Risiko einer schleichenden Amerikanisierung, da der Kanon dieses Digitalisierungsprojekts hauptsächlich englischsprachige Bücher berücksichtigen wird. Jeanneney erkennt einerseits auch die gute Seite eines solchen Vorhabens an, denn durch die Digitalisierung können viel mehr Menschen, vor allem in den ärmeren Ländern, Zugang zu Informationen verschafft werden, an die sie auf anderem Wege kaum gelangen könnten. Andererseits liegt eben genau darin auch die Gefahr der Diktatur eines angloamerikanischen Bildungskanons. Die Bewohner des »gallischen Dorfes«, die der anglophonen Kulturinvasion seit jeher mit Quotensystemen einen Dämpfer verpasst haben, wollten dieser Gefahr natürlich nicht tatenlos gegenüberstehen.
Mithilfe seiner kleinen Kampfschrift, die im April 2005 auch in Buchform veröffentlicht wurde (die deutsche Übersetzung erschien im März 2006), hat Jeanneney viel erreicht. Das Projekt Google Book Search begreift er als heilsamen Schock, der die Europäer auf die Probe stellt und zu stärkerer Zusammenarbeit herausfordert. Denn die einzelnen Nationalbibliotheken verfügen häufig schon über eigene Digitalisierungsprogramme. Die französische Nationalbibliothek ist mit ihrem Portal GALLICA auf diesem Gebiet sogar besonders fortschrittlich und bietet mittlerweile schon etwa 70.000 urheberrechtsfreie Titel, die vor 1922 erschienen sind, zur Vollansicht an. Es ist also auch jetzt schon möglich, sich bequem von zu Hause aus durch bestimmte Bücher zu klicken und mit einer Schlagwortsuche in Sekundenschnelle die richtige Seitenangabe herauszufinden. Viele alte Bücher wären auf anderem Wege kaum noch einsehbar. Die Digitalisierung ist daher auch ein hervorragendes Mittel, wertvolle Bestände wie zum Beispiel mittelalterliche Handschriften, vor dem Verfall zu bewahren und dabei gleichzeitig unbegrenzt zugänglich zu machen.
Auch im Nachbarland Deutschland haben die Digitalisierungsaktivitäten längst begonnen, obwohl hier bisher kein GALLICA vergleichbares Großprojekt vorliegt. Es gibt zwei Digitalisierungszentren, eines in Göttingen und eines in München, und verschiedene Aktivitäten imArchivbereich. Bisher stehen nur vereinzelt ganze Bücher im Netz, im wissenschaftlichen Bereich hat die Anzahl von elektronisch veröffentlichten Dissertationen allerdings stark zugenommen. Diese sind meistens über die OPAC-Kataloge der jeweiligen Universitätsbibliotheken zu finden. Ein geplantes Innovationszentrum für Bibliotheken (IZB), das die einzelnen Aktivitäten vernetzen sollte, wurde 2000 jedoch durch ein einzelnes Länderfinanzministerium gekippt. Hier zeigt sich im Kleinen, das der deutsche Föderalismus für derartige Projekte durchaus hinderlich sein kann, was schließlich auf europäischer Ebene auch nicht einfacher wird.
Auf Grundlage der einzelnen Digitalisierungsmaßnahmen, die der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, Klaus-Dieter Lehmann, scherzhaft als »europäischen Flickenteppich« bezeichnet, soll ein Netzwerk entstehen, das man »Europäische Digitale Bibliothek« nennen könnte. Die EU-Kommission, die das Projekt nicht zuletzt aufgrund der entschlossenen Initiative der Franzosen seit September 2005 offiziell unterstützt, will sich dabei auf das 2004 abgeschlossene Projekt TEL (The European Library) stützen, das die Kataloge von 13 europäischen Nationalbibliotheken miteinander vernetzt. Ziel der Kommission ist es, »Europas geschriebenes und audiovisuelle Erbe im Internet verfügbar zu machen«. Es geht also nicht nur um Bücher, sondern um die Archivierung unterschiedlichster Materialien wie Filmfragmente, Fotos, Manuskripte, Reden und Musik, die alle zusammen das vielfältige kulturelle Erbe Europas bilden – bis 2008 sollen 2 Millionen Werke online verfügbar gemacht werden.
Googles Herausforderung wurde demnach von den Europäern mit vereinten Kräften angenommen. Qualitativ hochwertige Scans erfordern allerdings eine Menge Arbeit. Google hat das Scan-Projekt in eigene Hände genommen, Mitarbeiter der kooperierenden Universitäten haben keinen Zugang zu den Scan-Räumen. Die Devise lautet vor allem Schnelligkeit, worunter die Qualität der Textseiten leider manchmal leidet. Im Göttinger Digitalisierungszentrum wird hingegen sehr viel Wert auf hochwertige Ausdrucke gelegt, viele Seiten werden sogar mit einer speziellen Filtersoftware nachbearbeitet, um z.B. schwarze Altersflecken zu entfernen. Auf diese Weise werden in Göttingen zwischen 5000-6000 Seiten pro Arbeitstag eingescannt, was erst mal viel klingt, aber angesichts der Menge an Büchern kaum ausreicht. Allein in der Göttinger Forschungsbibliothek sollen noch über 100.000 Bücher digitalisiert werden.
Die allumfassende virtuelle Bibliothek wird wohl auch in den nächsten Jahren noch ein Traum bleiben. Denn wer neue Bücher braucht, wird auch weiterhin auf den regulären Ausleihverkehr der Bibliotheken zurückgreifen und die ausgeliehenen Bücher nach Hause tragen müssen. Alle Digitalisierungsmaßnahmen werden sicherlich nicht dazu führen, dass das gedruckte Buch aussterben wird. Und es hat sich auch längst gezeigt, dass Europa die amerikanischen Initiativen nicht zu fürchten braucht.
Digitale Bibliotheken im Netz
http://books.google.com
http://gallica.bnf.fr
http://www.theeuropeanlibrary.org
Übersicht über französische digitale Bibliotheken
www.culture.fr/Groups/accueil/rubrique_4_fr
Übersicht über digitale Bibliotheken in Deutschland
www.uni-marburg.de/bis/digitale_bibliothek/digibibde
Pressemitteilung der EU-Kommission vom 30. September 2005
« La Commission dévoile ses plans pour créer des bibliothèques numériques européennes »
http://europa.eu.int/
»Kommission präsentiert Pläne für europäische digitale Bibliotheken«
http://europa.eu.int/rapid
"The european library"
europa.eu.int/rapid
Literatur
Jeanneney, Jean-Noël: Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek, Wagenbach, Berlin, 2006 (französische Ausgabe: Quand Google défie l’Europe. Pladoyer pour un sursaut, Mille et une nuits, Paris, 2005)
Was ist eigentlich passiert?14. Dezember 2004: Google kündet das Projekt Google Print for Libraries an, in dessen Rahmen 15 Millionen Bücher digitalisiert und für Googlenutzer zugänglich gemacht werden sollen (urheberrechtsfreie Bücher im Volltext, alle nach 1920 erschienenen Bücher auszugsweise). 22. Januar 2005: Jean-Noël Jeanneney reagiert mit dem Artikel Quand Google défie l’Europe, der in Le Monde erscheint und eine bis heute andauernde Debatte ins Rollen bringt, seitdem häufige Beiträge Jeanneneys in Presse, Rundfunk und auf Konferenzen. 16. März 2005: Jacques Chirac empfängt Jean-Noël Jeanneney und den französischen Kulturminister und bekräftigt seine Unterstützung für eine europäische digitale Bibliothek. April 2005: Die Nationalbibliotheken von 19 europäischen Ländern sowie die Staats- und Regierungschefs von sechs Ländern (Frankreich, Deutschland, Spanien, Ungarn, Italien und Polen) rufen zur Zusammenarbeit Europas zum Aufbau einer »Europäischen Digitalen Bibliothek« auf Ende Mai 2005: Auf der Internetseite Google Print sind erste Suchanfragen möglich. 11.Juli 2005:Der französische Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres beruft ein « comité de pilotage en vue de la création d’une bibliothèque européenne » (Arbeitsgruppe zur Gründung einer europäischen Bibliothek). August 2005:Amazon schaltet die Funktion Search inside (frz. Chercher au coeur) auf seiner französischen Internetseite frei, die es erlaubt, online in die angebotenen Bücher hineinzuschauen. 30. September 2005: Die europäische Kommission unterstützt die europäischen digitalen Bibliotheken. 3. Oktober 2005: Yahoo! kündigt ein eigenes digitales Bibliotheksprojekt namens OCA (Open Content Alliance) an. Mitte Oktober 2005: Die Versionen von Google Print werden in acht europäischen Ländern freigeschaltet (Deutschland, Österreich, Belgien, Spanien, Frankreich, Italien, Niederlande und Schweiz). Der amerikanische Verlegerverband AAP (Association of American Publishers) verklagt Google wegen Urheberrechtsverletzung. 4. November 2005: Microsoft und die British Library kündigen eine »strategische Partnerschaft« an, Jeanneney bedauert in Le Monde den Alleingang der Engländer in dieser Angelegenheit. Mitte November 2005: Google signalisiert einen Neustart und stellt das Projekt Google Print zugunsten des neuen Portals Google Book Search ein. März 2006: Die Europäische Kommission erklärt die Digitalen Bibliotheken zu einer Vorreiterinitiative im Rahmen der allgemeinen Strategie der Kommission zur Stärkung der digitalen Wirtschaft und setzt noch im selben Monat eine Expertengruppe aus 20 hochrangigen Vertretern ein. 25. Mai 2006: Jean-Noël Jeanneney spricht sich in einem weiteren Artikel in Le Monde mit dem Titel Vers la très grande bibliothèque numérique (Auf dem Weg zur sehr großen europäischen Bibliothek)dafür aus, nicht nur eine europäische, sondern ebenso eine frankophone digitale Bibliothek ins Auge zu fassen, die in erster Linie die Bibliotheken der Länder Belgien, Kanada, Frankreich, Luxemburg und der Schweiz miteinander verbinden soll und später für weitere frankophone Länder offen steht. Eine laufend aktualisierte, umfassende Übersicht über die Debatte bietet (auf Französisch): www.formats-ouverts.org/blog Die Bibliothèque nationale de France stellt ein Pressedossier mit allen relevanten Artikeln, die in der französischen Presse zu dem Thema erschienen sind, kostenlos online zur Verfügung: www.bnf.fr/pages/dernmin/com_google.htm Ein weiteres Dossier findet sich auf der Seite des französischen Kulturministeriums: www.culture.gouv.fr Informationen der EU-Kommission (bisher nur auf englisch): europa.eu. |
Keine Freundschaft ohne Sprache
von Kerstin Gallmeyer, erschienen am 15.01.2006
Sauerkraut und Würstchen in einem südfranzösischen Dorf und Oktoberfestbier mitten in der Altstadt von Montpellier? Eine Fata Morgana, ausgelöst durch den exzessiven Konsum der mediterranen Sonne? Nein, eher Attraktionen im Rahmen der vom deutschen Kulturinstitut Heidelberg-Haus organisierten Deutschen Woche, die im Herbst des vergangenen Jahres im Languedoc-Roussillon stattfand. Die Kulturtage, zu denen sogar Alfred Grosser, Koryphäe auf dem Gebiet der deutsch-französischen Beziehungen, für einen Vortrag anreiste, gehören zu den vielen Attraktionen, die den Bewohnern der Region deutsche Kultur und Lebensart vermitteln sollen. Natürlich geht es nicht nur darum, die kulinarischen Berühmtheiten des Rheinnachbarn an den südfranzösischen Gaumen zu bringen. Aktuelles deutsches Kino, ein Gesprächszirkel zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ein deutsch-französischer Kinderchor, diverse soirées à thèmes und einiges mehr – das Heidelberg-Haus betreibt Kulturvermittlung auf allen Ebenen.
Der Leiter Kurt Brenner nahm seine Arbeit in Montpellier 1969, drei Jahre nach der Gründung des Instituts, auf und hatte eine Mission: In der Phase der Versöhnung wollte er Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland schaffen. Es lag ihm am Herzen, das Gegenwartsdeutschland mit seinem kulturellen Reichtum zu vermitteln. Ein Deutschland, das außerdem die Vergangenheit nicht unter den Teppich zu kehren versuchte, sondern aktiv aufarbeitete.
An seinem Anliegen hat sich bis heute nicht viel geändert: Kulturarbeit habe auch noch im globalisierten Europa eine Daseinsberechtigung, unterstreicht Brenner. Eine Institution wie das Heidelberg-Haus stelle als Schaltstelle zwischen Frankreich und Deutschland Beziehungen her und vermittle Kultur. Das Herz einer solchen Bemühung ist und bleibt für den gebürtigen Schwaben aber die Vermittlung der deutschen Sprache: »Denn sie ist das Mittel, aus dem Verständigung heraus möglich ist.« Brenners Credo: »Es sollte eigentlich kein deutsches Kulturinstitut ohne das Angebot eines Sprachkursprogramms geben. Denn die Sprache ist unser wertvollstes Kulturgut.« Zurzeit sieht es gut aus für ihn, denn rund 350 Montpellieraner sind für Sprachkurse und die anderen Aktivitäten im Heidelberg-Haus eingeschrieben.
Einer von Brenners größten Coups ist das preis- und erfolgsgekrönte DeutschMobil. Von ihm stammt die Idee, junge deutsche Lektoren mit einem Kleinbus durch die Region zu schicken, um französischen Schülern die deutsche Sprache und Kultur schmackhaft zu machen. Jahrelang hatte er den Abwärtstrend der deutschen Sprache in Frankreichs Lehranstalten mitangesehen. Das im Jahr 2000 ursprünglich für drei Monate eingesetzte Sprachmobil rollte von Beginn an so erfolgreich durch Montpellier und sein Hinterland ebenso wie durch Nantes, Dijon, Aix-en-Provence und deren Regionen, dass es dem Projekt im Jahr 2002 den Initiativpreis Deutsche Sprache einbrachte und im Januar 2004 mit dem Adenauer-de Gaulle-Preis ausgezeichnet wurde. Inzwischen sind auch Italien, England und Japan an den mobilen Deutschlektoren interessiert.
Pünktlich zu Beginn des laufenden Schuljahres kam die neue Traummeldung: 50 Prozent mehr Schüler in den Collèges der Region Languedoc-Roussillon haben sich für die Sprache des Landes der Dichter und Denker entschieden.
Ein Riesenerfolg für die DeutschMobil-Lektoren – und für Kurt Brenner, der selbst genau weiß, was es heißt, Kultur und Sprache des Nachbarlands intensiv kennen zu lernen. »Ich bin nach so langer Zeit in beiden Mentalitäten zu Hause und nehme eine Mittlerstelle zwischen Deutschland und Frankreich ein.« Im Grunde aber sei er Europäer – und die deutsch-französische Verständigung gehört für ihn zur Einigung Europas dazu.
Umso mehr war das gescheiterte französische Referendum über die EU-Verfassung für ihn eine tiefe Enttäuschung, ja ein Rückschlag. Allem voran die Tatsache, dass Montpellier, das für Brenner eine »Europastadt« ist, mehrheitlich, wenn auch knapp, mit Nein gestimmt hat.
Sicherlich werden Brenner und seine Mitarbeiter aber weiter an der deutsch-französischen Verständigung – und so auch an der europäischen Einigung – arbeiten. Und das nicht immer nur mit Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Literaturkreisen, sondern eben auch mit Sauerkraut und Würstchen - und die wird es in diesem Jahr, wenn das Heidelberg-Haus seinen 40. Geburtstag feiert, ganz sicher auch wieder geben.
Zur weiterführenden Lektüre
www.deutschmobil.com, www.maison-de-heidelberg.org
Fotos
Foto Heidelberg-Haus von Bob ter Schiphorst mit Erlaubnis des Heidelberg-Hauses, Kurt Brenner von Kerstin Gallmeyer, DeutschMobil mit Erlaubis des DeutschMobils
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Ein Interview mit Kurt Brenner zum aktuellen Stand der Deutsch-Französischen Beziehungen als Hördatei (4MB)
Die Föderation der deutsch-französischen HäuserDie Föderation der deutsch-französischen Häuser wurde 1997 gegründet und ist ein Zusammenschluss der sechs deutschen beziehungsweise deutsch-französischen Kulturinstitute in Frankreich. Dazu gehören neben dem Heidelberg-Haus in Montpellier das Centre franco-allemand de Provence in Aix-en-Provence, das Maison de l’Allemagne de Brest, das Maison de Rhénanie-Palatinat in Dijon, das Centre Culturel Franco-Allemand de Nantes und das Maison Heinrich Heine in Paris. Die sechs Institute haben neben ihrem individuellen Programm auch gemeinsame Projekte wie zum Beispiel das DeutschMobil. Vor den Zuschussgebern wie dem Auswärtigen Amt treten sie gemeinsam auf. Seit ihrer Gründung ist Kurt Brenner, der Leiter des Heidelberg-Hauses, Präsident der Föderation. |
Der deutsche Kindergarten holt auf
von Ann-Dorit Boy, erschienen am 15.09.2005
Jahrzehntelang standen der deutsche Kindergarten und die französische Ecole maternelle für zwei völlig unterschiedliche Konzepte von Kinderbetreuung im Vorschulalter. Während sich der französische Nachwuchs in den Ecoles maternelles bereits auf die Grundschule vorbereitete, wurde in deutschen Kindergärten vornehmlich gebastelt und gespielt. In Zeiten dürftiger deutscher PISA-Resultate und zunehmender Sprachschwierigkeiten bei den Grundschülern soll sich das jetzt ändern. Die Bundesländer wollen in Sachen Vorschulbildung aufholen und mit einem gemeinsamen Bildungskonzept für die Kindergärten erstmals einheitliche Standards setzen.
Dazu haben die Jugend- und Kultusminister der Länder bereits im Frühsommer 2004 einen Rahmenplan mit Bildungszielen für die Kindergärten, die offiziell Kindertagesstätten (kurz: Kita) heißen, verabschiedet. Angesichts der pädagogischen Vielfalt der deutschen Kitas ist das eine kleine Sensation: Bisher hatte in den Bereichen Bildungspolitik sowie Kinder- und Jugendhilfe jedes Land seine eigenen Ansätze. Die Entscheidung über die konkreten pädagogischen Richtlinien in den einzelnen Kindertagesstätten lag allein beim Träger der Einrichtung. Da weit mehr als die Hälfte der deutschen Kindergärten nicht vom Staat sondern von »freien Trägern« wie Kirchengemeinden, Diakonischen Werken oder Wohlfahrtsverbänden unterhalten werden, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine bunte Betreuungslandschaft.
Diese Vielfalt kann und soll auch der neue Rahmenplan nicht zerstören. Das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler bei der PISA-Studie und die hohe Zahl der Grundschüler mit Lernschwierigkeiten haben aber gezeigt, dass in der Vorschulbildung trotzdem einige einheitliche Standards notwendig sind. Dazu gehört vor allem die Sprachförderung. Sie steht deshalb auch im Mittelpunkt des neuen Bildungskatalogs. Spielerisch sollen die Kinder schon in der Kita ihre Sprache verbessern und auch die Schriftkultur – in Form von Büchern – erkunden. Dies ist vor allem aufgrund des zunehmend hohen Anteils von ausländischen Kindern in den deutschen Grundschulklassen notwendig, die erst bei der Einschulung die deutsche Sprache erlernen. Rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland kommen aus Familien mit Migrationshintergrund, in Großstädten ist ihr Anteil sogar noch höher. Durch einen obligatorischen Kita-Besuch mit Sprachunterricht vor der Einschulung könnten alle Kinder schon vor der Grundschule ausreichende Deutschkenntnisse erlangen.
Neben der Sprache soll der deutsche Nachwuchs in der Kita künftig auch ein erstes Verständnis für Mathematik und Naturwissenschaften entwickeln. Der spielerische Umgang mit Mengen, Zahlen und geometrischen Formen soll ihnen dabei helfen. Aber auch musische Bildung, Bewegung, soziales Verhalten und ethische Werte gehören laut Rahmenplan zu den offiziellen Bildungszielen der Kleinen.
Außerdem wünschen sich die Minister in ihrem gemeinsamen Dokument, dass der für die Kinder oft schwierige Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule von den Pädagogen »geglättet« wird. Gemeinsame Fortbildungen von KindergärtnerInnen und GrundschullehrerInnen sowie regelmäßige Gespräche sollen den Kontakt zwischen den Institutionen verbessern. Darüber hinaus sollen die älteren Kindergartenkinder psychologisch behutsam auf den Wechsel zur Grundschule vorbereitet werden.
Für die Franzosen sind diese Ideen nicht neu: Rund 95 Prozent der Ecoles maternelles sind in staatlicher Hand und richten sich schon lange nach einem zentralen Lehrplan des Kultusministeriums. Der definiert Sprache, Zusammenleben, Körperbeherrschung, Naturerlebnis und Kreativität als die fünf wichtigsten Lernbereiche der Ecoles maternelles. Daneben erwerben die älteren Kinder in der Ecole maternelle bereits vor der Einschulung erste Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen, sind die französischen Kindergärtnerinnen und Kindergärtner gleichzeitig auch für die Grundschule ausgebildet. Das ist ein Vorteil für die Vorschulbildung der Kinder, heißt in der Praxis aber auch, dass die Erzieherinnen und Erzieher den Spagat zwischen Kleinkinderbetreuung und Grundschullehramt bewältigen müssen. Nicht immer können sie entsprechend ihrer persönlichen Präferenzen eingesetzt werden.
Auch die deutschen Kindergärtnerinnen und Kindergärtner sollten nach Ansicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) künftig eine Hochschulausbildung erhalten. Bisher haben sich die Länder jedoch wegen der zusätzlichen Kosten dagegen gewehrt.
Vielleicht werden sich die deutschen Kindergärten künftig aber auch in dieser Beziehung eine Scheibe von den französischen Nachbarn abschneiden. Der Pisa-Erfolg zumindest gibt den französischen Bildungspolitikern Recht.
Fotos von www.deutschland-wird-familienfreundlich.de
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Der Kindergarten und die Ecole maternelleDer Kindergarten In Deutschland gibt es aufgrund der früheren Teilung des Landes noch immer zwei unterschiedliche Betreuungskulturen. Oberstes Anliegen der DDR-Regierung war die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf. Deshalb gab es in der DDR – ähnlich wie in Frankreich – eine flächendeckende Versorgung mit kostenlosen Betreuungsplätzen. Im Gegensatz dazu herrschte in den alten Bundesländern das Ideal der Hausfrau und Mutter vor. Kindergartenplätze waren deshalb lange Zeit Mangelware. Inzwischen ist aber auch in Westdeutschland ein fast flächendeckendes Betreuungsangebot für Kinder über drei Jahren eingerichtet worden. Die Ecole maternelle |
Deutschland will die Reform nicht
von Dorothée Cailleux, erschienen im Juni 2005
Die Rechtschreibreform in den deutschsprachigen Staaten hört nicht auf, von sich reden zu lassen : In den nächsten Monaten soll in der Tat der Beirat für deutsche Rechtschreibung, der von den Kultusministern der Länder benannt wurde, eine Überarbeitung der umstrittensten Punkte vorlegen. Die Reform könnte so zum ursprünglich vorgesehenen Zeitpunkt eingeführt werden, das heißt im August 2005. Aber es lässt sich absehen, dass diese Neufassung nicht alle zufrieden stellen wird, so lebhaft waren die polemischen Auseinandersetzungen seit der Ankündigung der Maßnahme am 1. Juli 1996.
Eine kurze Rückblende scheint notwendig, um die Streitpunkte der Debatte und das Ausmaß der hervorgerufenen Reaktionen in der Gesamtbevölkerung verstehen zu können: Ein Phänomen der Ablehnung, das im Einzelnen untersucht werden sollte. Während eines Treffens politischer Vertreter der deutschsprachigen Länder in Wien war der Prozess am 1. Juli 1996 in Gang gebracht worden: Eine gemeinsame Erklärung neuer Regeln der deutschen Rechtschreibung wurde unterzeichnet. Bereits seit diesem Zeitpunkt wurden Proteste laut, aber die sehr kurze Zeitspanne zwischen dem Treffen in Wien und der tatsächlichen Einführung der neuen Regeln in der Schule und in den Verwaltungen (August 1998), hatte es den Reformgegnern nicht erlaubt, eine Überprüfung der als widersinnig angesehenen Regeln zu erreichen.
Dies war jedoch nur aufgeschoben und die Verantwortlichen wurden sich dessen schnell bewusst. Wenn auch die meisten Zeitungen und Verlage die Einführung der neuen Rechtschreibung vorweggenommen hatten, die erst 2005 für alle verbindlich werden sollte, so haben doch einige Schriftsteller, darunter solche bedeutende Schriftsteller wie Günter Grass, kategorisch abgelehnt, dass ihre Bücher in der neuen Rechtschreibung veröffentlicht werden. Am 6. August vergangenen Jahres wurde die Debatte erneut entfacht: Das Nachrichtenmagazin Spiegel, der Axel Springer-Verlag (Herausgeber der Boulevardzeitung BILD) und die Süddeutsche Zeitung gaben gemeinsam bekannt, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, um den Forderungen ihrer Leser zu genügen, deren Protestbriefe sich anhäuften. Im Herbst vergangenen Jahres diente die Frankfurter Buchmesse einer Gruppe Schriftsteller schließlich als Rednertribune zugunsten einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung und veranlasste so die Kultusminister, den berühmten Beirat für deutsche Rechtschreibung ins Leben zu rufen – von dem man jetzt die Entscheidungen erwartet.
Jenseits der Polemik und ohne auf die Einzelheiten der Reform einzugehen, der man vor allem ihre mangelnde Logik (niemand wisse mehr, welche Ausdrücke groß geschrieben werden sollen oder nicht, welche feststehenden Begriffe in einem oder zwei Wörtern geschrieben werden) und ihre Tendenz, die etymologischen Merkmale zu beseitigen (besonders indem man alle „ph“ zugunsten des deutschen „f“ gestrichen hat) vorwirft, so kann man sich fragen, was dieser allgemeine Aufstand zu bedeuten hat. Denn nicht nur Schriftsteller, notwendigerweise von dieser Frage betroffen, da sie ihr „Arbeitswerkzeug“ betrifft, fühlten sich wegen dieser Maßnahme angegriffen, sondern auch Otto Normalverbraucher, wie der anonyme Zeitungsleser.
Dass ein Victor Hugo etwa in Frankreich oder Karl Kraus etwa zu ihren Lebzeiten der Evokationskraft der Rechtschreibung gegenüber empfänglich gewesen sind, erstaunt kaum: Der Erstere zum Beispiel klagte, dass „trône“ sich nicht mehr wie „thrône“ schreibe, was dem Wort seine ganze Erhabenheit gegeben habe, und der Zweite weigerte sich hartnäckig, dieselben „th“ aufzugeben, die noch bei Nietzsche gebräuchlich waren. Aber solche Sensibilisierung auch bei dem Volk zu finden, für ein Thema, das heutzutage zweitrangig erscheinen könnte, war weniger vorrausehbar. Es zeugt von einer eher erfreulichen Anhänglichkeit der Sprecher einer Sprache an ihr „orthographisches Heimaterbe.“ Diese Reaktion beweist, dass das Volk nicht etwa aus eingefleischten Konservativen besteht, die aus schierer intellektueller Faulheit und Änderungsfeindlichkeit an unveränderbaren und willkürlichen Regeln hängen, wie es einige Anhänger der Reform unterstellen, welche die Ablehnung mit derjenigen vergleichen, die der Euro zunächst kannte.
Aber genau dies ist ein trügerischer Vergleich: Wenn eine Währung tatsächlich auch ein Zeichen nationalen Stolzes sein kann, wenn man auch nostalgisch gegenüber Geldscheinen sein kann, die man so oft in den Händen gehabt hat, und wenn man auch fürchten kann, bei der Einführung einer neuen Währung seine Bezugspunkte zu verlieren, so ist diese Anhänglichkeit an ein materielles Objekt, selbst wenn es einen symbolischen und emotionalen Wert hätte, wie das bei der D-Mark der Fall war, nicht mit dem engen Verhältnis vergleichbar, das ein Sprecher mit einer Muttersprache hat - sowohl in mündlicher als auch in geschriebener Form. Nein, was die Reformanhänger aller Art anerkennen müssen, die übrigens in Frankreich die gleichen Enttäuschungen in den achtziger Jahren gekannt haben, was sie als Linguisten niemals hätten vergessen dürfen, ist, dass die Sprache ein gemeinschaftliches Gut ist, eine Gemeinschaftsschöpfung all jener Sprecher, die sie sprechen und schreiben.
Als eine solche dürfte sie sich infolgedessen wohl nicht jeder neuen Idee und jedem neuen Rationalisierungsversuch beugen. Zumal diese durch eine Behörde aufgezwungen werden, die eigentlich wenig Legitimität hat, gibt es doch jenseits des Rheins kein Äquivalent zur französischen Académie française. Man muss kein versierter Linguist sein, um zu erkennen, dass ein Wort wie „Schifffahrt“ einem sprachlichen Grundprinzip widerspricht: der “Wirtschaftlichkeit“. Bereits Humboldt hatte unterstrichen, dass die alphabetischen Sprachen auf einer geradezu genialen Wirtschaftlichkeit der Mittel beruhten, die es ermöglicht, die Welt in 24 Buchstaben zusammenzufassen. Wem es gelang, ein solches System einzurichten, kann niemand genau sagen: Die Frage nach dem Ursprung der Sprachen wird von den Linguisten beiseite gelassen, da eine wissenschaftliche Antwort nicht gegeben werden kann.
Somit ist der Mann auf der Straße genauso berechtigt, sich über eine Rechtschreibreform aufzuregen, wie der Wissenschaftler, ist er doch Mitinhaber eines gemeinsamen Erbes, das zwar in ständiger Entwicklung ist, aber dennoch nur dann wirksam sein kann, wenn sich eine neue Übereinkunft zwischen den unterschiedlichen Sprechern bildet: Das weiß man seit Hegel und Humboldt. In einer Zeit der phonetisch geschriebenen SMS ist es beruhigend festzustellen, dass sich viele Leute noch um die Rechtschreibung ihrer Muttersprache sorgen.
Was die Zukunft der Reform anbetrifft, hängt alles von der Art ab, in der die Mitglieder des Beirates für die Rechtschreibung und die verantwortlichen Politiker ihrer Botschaft Geltung verschaffen und ihre Argumente verteidigen werden : Das Volk hat klar gezeigt, dass man es nicht gewaltsam übergehen kann und dass man es konsultieren muss.
Foto von dpa
Zunge zeigen – 2005 ist in Deutschland Einsteinjahr
von André Glasmacher, erschienen im Juni 2005
Das Bild, auf dem Albert Einstein die Zunge heraus streckt, kennt fast jeder. Aber Einstein war nicht nur ein Spaßvogel, sondern er hat auch eine kurze Formel aufgestellt, die das Weltbild der Physik revolutionierte: E = m· c2 Dies war vor genau 100 Jahren, und vor 50 Jahren ist er in den USA gestorben. Aus diesem Anlass haben Initiatoren aus Politik, Kultur und Wissenschaft das »Einsteinjahr« ausgerufen, zu dem 2005 in ganz Deutschland Veranstaltungen stattfinden.
Albert Einstein wird 1879 in Ulm geboren und beginnt erst mit drei Jahren zu sprechen; bis zum siebten Lebensjahr spricht er jeden Satz leise vor, ehe er ihn sagt. In der Schule ist Einstein bis auf das Fach Physik ein durchschnittlicher Schüler, und als Student der Technischen Hochschule in Zürich prophezeien ihm die Professoren: »Aus Ihnen wird nie etwas, Einstein!« Nach dem Abschluss als Fachlehrer für Physik und Mathematik, findet Einstein zwei Jahre lang keine Arbeit, schließlich stellt ihn das Berner Patentamt als technischen Experten ein. Einstein heiratet seine Kommilitonin Mileva Maric, mit der er zwei Söhne haben wird.
Die Arbeit im Patentamt lässt Einstein viel Zeit, um seiner eigentlichen Neigung nachzugehen – der Physik. 1905, in seinem Annus mirabilis publiziert Einstein fünf Aufsätze, die neue Horizonte für die Physik aufzeigen und den Anfang seiner wissenschaftlichen Karriere bilden. Darunter ist auch die Arbeit Zur Elektrodynamik bewegter Körper, in der die spezielle Relativitätstheorie formuliert wird. Sie besagt, dass die Zeit keine universelle, für alle Beobachter eines Prozesses geltende Größe ist, sondern vielmehr vom Bewegungszustand des Beobachtenden abhängt. Für einen bewegten Beobachter vergeht die Zeit langsamer, und Entfernungen in Richtung der Bewegung sind verkürzt. Da die Lichtgeschwindigkeit immer gleich ist, ergibt die Relativitätstheorie somit, dass die gemessenen Längen und Zeiten vom eigenen Bewegungszustand abhängen.
Nachdem Einstein in Zürich und Prag als Professor tätig gewesen ist, folgt er 1914 einem Ruf Max Plancks nach Berlin, damals das Zentrum naturwissenschaftlicher Forschung überhaupt. Während der Jahre des Weltkrieges arbeitet er weiter an der Relativitätstheorie, die er zu einer Allgemeinen ausarbeitet. 1919 wird diese durch eine Sonnenfinsternis bestätigt, denn Einstein hatte behauptet, dass Licht im Gravitationsfeld der Sonne abgelenkt werden würde, und der englische Astronom Sir Arthur Stanley Eddington hatte genau dieses beobachtet. Nun wird Einstein zu einer internationalen Berühmtheit und erhält zwei Jahre später den Nobelpreis für Physik (1921).
In den folgenden Jahren arbeitet Einstein auf dem Gebiet der Feldtheorie, der so genannten »Weltformel«, die Schwerkraft und Elektrodynamik vereinen soll. Daneben setzt er seine Berühmtheit vor allem auch für Pazifismus und Demokratie ein, engagiert sich für den Völkerbund, den Zionismus Herzls und wird Botschafter für das neue, demokratische Deutschland der Weimarer Zeit.
Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus wird Einsteins Relativitätstheorie als »jüdische Physik« diffamiert, und deutsche Physiknobelpreisträger fordern eine »deutsche Physik«. Als Adolf Hitler 1933 Reichskanzler wird, hält sich Einstein mit seiner zweiten Frau Elsa zu einer Vortragsreise in den USA auf. Er tritt aus der Akademie der Wissenschaften aus und wird nie wieder nach Deutschland zurückkehren. Auch nach 1945 sagt er mehrfach: »Deutschland ist das Land der Massenmörder.«
Krieg und Frieden: Einstein und die Atombombe
Von 1933 bis zu seinem Tod lebt Einstein in den USA, er erhält die amerikanische Staatsbürgerschaft und arbeitet in Princeton als Physiker. Durch sein Exil verlagert sich der Schwerpunkt der physikalischen Forschung von Deutschland in die USA. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges schreibt der überzeugte Pazifist Einstein einen Brief an US-Präsident Roosevelt, in dem er seine Befürchtung ausdrückt, dass Deutschland eine Bombe neuen Typs bauen könne und dass die USA eine solche Bombe als erste haben müssten, um Nazi-Deutschland gegenüber gewappnet zu sein. Daraufhin beginnt das Manhattan-Projekt, in dem die Atombombe entwickelt wird; allerdings ohne Einsteins Mitarbeit. Nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki und nach Ende des Zweiten Weltkrieges, verstärkt Einstein seine pazifistischen Bemühungen und schlägt in einer Rede vor der UN die Bildung einer Weltregierung vor, denn, so Einstein: »Der Krieg ist gewonnen, der Friede aber noch lange nicht.«
In den letzten Lebensjahren arbeitet Einstein weiter an der »Weltformel«. Seine gesundheitlichen Probleme verstärken sich, und er vergleicht sich mit »einem alten Auto, das voller mechanischer Probleme ist«. Morgens arbeitet Einstein an der Universität, und nachmittags geht er spazieren – wer möchte, kann in Princeton auf seinen Spuren wandeln, denn der Einsteinweg existiert noch immer. 1952 bietet Israel Einstein an, der zweite Präsident des noch jungen Staates zu werden. Er lehnt das Angebot bewegt ab, da er sich nicht geeignet fühlt, diese Aufgabe zu übernehmen. Am 18. April 1955 stirbt Einstein an einer inneren Blutung. Sein Leichnam wird eingeäschert und seine Asche an einem unbekannten Ort verstreut.
Das berühmte Foto von Einsteins Zunge wird im März 1951 aufgenommen, er kommt gerade von einem Bankett, das ihm zu Ehren veranstaltet worden ist. Als Einstein im Auto sitzt, wird er von Fotographen bedrängt und da es ihm zuviel wird, streckt er seine Zunge heraus. Das dabei entstandene Foto verschickt Einstein als Grußkarte an Freunde. Die Rechte an dem Bild besitzt heute – Bill Gates.
Offizielle Homepage des Einsteinjahres: www.einsteinjahr.de/
An der Freien Universität Berlin finden zahlreiche Veranstaltungen anlässlich des Einsteinsjahres statt: eine Ringvorlesung über das Semester hinweg, ein Nobelpreisträgersymposium, ein Rundgang auf den Spuren Einsteins in Berlin-Dahlem und vieles mehr. Programm unter www.fu-berlin.de
Warum sich eigentlich nicht für eine section européenne einschreiben?
von Delphine Cheveau-Richon, Übersetzung Mona Hornung, erschienen im Juni 2005
Deutsch mit französischem Akzent zu sprechen wird von den Deutschen generell als sexy empfunden; allerdings haben die Franzosen nicht gerade den Ruf, für Fremdsprachen talentiert zu sein. Wie dem Abhilfe schaffen und bei den Jugendlichen die gängige Praxis einer anderen Sprache entwickeln? Wie ihre Kenntnisse einer anderen Zivilisation vertiefen? Das französische Bildungsministerium hat versucht, ebendiesen Fragen zu begegnen, indem es 1992 die sections européennes ins Leben gerufen hat – ein Wahlfach, welches das Erlernen einer Fremdsprache durch den Unterricht eines nichtsprachlichen Fachs, verstärkt.
Diese haben sich rasend schnell entwickelt und zählen heute fast 150.000 Schüler in den Collèges, Gymnasien und Berufsschulen innerhalb der öffentlichen sowie privaten Bildungseinrichtungen. Das nichtsprachliche Fach ist in den meisten Fällen Geschichte/Geographie, gefolgt von den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie schließlich den naturwissenschaftlichen Fächern (in den meisten Fällen Geografie, Biologie, Physik/Chemie, Mathematik).
Wenn man sich mit Schülern des Gymnasiums Henri IV (Paris) und des Gymnasiums Leconte de Lisle (Saint-Denis, auf Réunion, einer zu Frankreich gehörigen Insel im Indischen Ozean) unterhält, wird man sich bewusst, dass die Motivation der Schüler für das Deutsche im Allgemeinen, oder Deutsch innerhalb der sections européenes verschiedenster Art ist. So haben einige familiäre Bindungen zu dem Land - was häufiger im Mutterland als auf Réunion der Fall ist. Meistens aber war es der Deutschlehrer des Collège, der den „guten Schülern“ riet, das Studium des Deutschen am Gymnasium in den bekannten sections européennes weiter zu verfolgen und zu vertiefen. Die Wahl resultiert letztlich dennoch in erster Linie aus einer Entscheidung und einem persönlichen Interesse des Schülers für die deutsche Sprache und Zivilisation.
Für Nora, deren Mutter Deutsche ist, war die section européenne „Deutsch“ am Henri IV eine Selbstverständlichkeit. Für ihre Mitschüler nichtdeutscher Herkunft liegt die Hauptmotivation in der Aussicht, das Niveau ihres Sprechens und Verstehens zu verbessern, ein Vokabular zu erwerben, das unterschiedlich und doch ergänzend zu dem des Sprachunterrichts ist.
Clémentine (Réunion) möchte ein „technischeres Vokabular“ erlangen und Deutschlands „Geschichte und Kultur besser kennen lernen“. Vincent (Paris) meint, so einen „viel stärkeren Zugang zur Sprache, eine besseres sprachliches Gepäck“ zu haben. Er denkt auch, dass Deutsch nicht „nur ein an der Schule unterrichtetes Fach“ ist, sondern etwas viel Lebendigeres.
Laut Tanguy (Réunion) bringt ihm die section européenne „vom schulischen Standpunkt aus eine beträchtliche Vertiefung von Geschichte und Sprache“. Für Anne-Laure (Réunion) ist sie „sowohl 'historisch' als auch vom persönlichen Standpunkt aus bereichernd, da sie erlaubt, bestimmte historische Ereignisse anders wahrzunehmen, Ansichten zu ändern. Umso mehr, als die Stunden in deutscher Landeskunde uns an die deutsche Kultur binden und uns erlauben, die Vorurteile, die die Gesellschaft gegenüber den Deutschen hat, weit hinter uns zu lassen.“
Alle getroffenen Schüler ziehen eine positive Bilanz aus ihrer Einschreibung in diese section. Sie betonen den großen Gewinn an neuem und von dem des Sprachunterrichts unterschiedlichen Vokabular, die Möglichkeit, sich mündlich mehr zu beteiligen sowie die Ergänzung mit in französischer Sprache unterrichteter Geschichte und Geographie. Einige bedauern lediglich, nicht genug Unterricht im nichtsprachlichen Fach zu haben und dass die Unterschiede zwischen der französischen und deutschen Herangehensweise an ein und dasselbe geschichtliche Ereignis nicht ausreichend untersucht werden.
Zahlreich sind jene, die ihr Studium in Deutsch fortsetzen oder eine mehr oder weniger direkte Verbindung mit dem Deutschen haben möchten (Internationales Recht, Wirtschaft, Politikwissenschaft), vor allem indem sie ein Studienjahr in Deutschland im Rahmen des Austauschprogramms Erasmus absolvieren. Alle betonen ihren Wunsch, das Gelernte nicht zu verlieren und eine Verbindung zu Deutschland, sei es durchs Reisen oder sogar dort leben, aufrecht zu erhalten. So wird Vincent die Monate Juni, Juli und August 2005 mit dem Programm Brigitte Sauzay in Deutschland verbringen. Dieser Austausch ermöglicht es den Teilnehmern, drei Monate im Nachbarland zu leben, Unterricht in Partnereinrichtungen zu besuchen und kostenfrei bei einer Gastfamilie zu wohnen.
Die Lehrer betonen ihre Motivation für das Unterrichten von Deutsch angesichts einer zunehmenden Abneigung der Schüler und ihrer Eltern gegenüber der Sprache von einem nationalen Standpunkt aus. So ist die section européene ein Mittel, um zahlreiche Schüler anzuziehen oder zu halten, indem man ihnen eine differenzierte und für die Entwicklung sowie den Studienverlauf des Kindes bereichernde Pädagogik anbietet. Dies scheint sich vor allem für Réunion (geographisch weit von Deutschland entfernt) zu bestätigen, wo das Prinzip der bilingualen sechsten Klasse (Erlernen von Englisch und Deutsch) weit entwickelt ist und wo die section européenne mit dem nichtsprachlichen Fach von der achten Klasse an existiert.
Schüleraustausche mit Deutschland sind ein fester Bestandteil dieser Bereitschaft, anderes besser kennen zu lernen. Es bestehen Partnerschaften mit weiterführenden Schulen, vor allem solchen, die binationale oder doppelte Studiengänge (Jura/Deutsch oder Geschichte/Deutsch) anbieten. Die Lehrer betonen weiterhin ihren Wunsch, an der Ausbildung junger, neugieriger und toleranter Europäer mitzuwirken, aber auch, ihnen zusätzliche Möglichkeiten für ihr berufliches Leben zu bieten.
Links
Klicken sie auf die Aacadémie, die sie interessiert und suchen sie anschliessend die Seiten über die Europasektionen: www.education.gouv.fr
Webseite der Lehrer in Europasektionen: forum.dnl-emile.com
Foto von Delphine Cheveau-Richon
Die deutsche Kultur in Bordeaux gefährdet
von Cécile Dardillac, Übersetzung Magali Breul, erschienen im März 2005
Das Urteil wurde im Oktober vergangenen Jahres gefällt: Ende 2005 wird das Goethe-Institut in Bordeaux seine Bibliothek geschlossen.
Bisher konnte sich Bordeaux rühmen, einen Ort zu besitzen, an dem man die deutsche Sprache und Kultur erkunden konnte: das Goethe-Institut von Bordeaux. Seit seiner Gründung 1972 ist das kulturelle Angebot dort stetig erweitert worden, und die Bibliothek wurde um Tausende von Büchern bereichert. 1997 ist das Institut von einer kleinen dunklen Straße in ein prachtvolles Gebäude im Cours de Verdun umgezogen.
Das Goethe-Institut in Bordeaux hat sich auf deutschsprachige Literatur innerhalb des französischsprachigen Raums spezialisiert. Im Laufe der Jahre ist es zum zweitwichtigsten Goethe-Institut in Frankreich geworden. Das ganze Jahr über werden dort Ausstellungen und Begegnungen organisiert, so zum Beispiel die Buchmesse, die jedes Jahr im April stattfindet und zu der deutsche Autoren eingeladen werden: Zuletzt waren das Wladimir Kaminer, Wilhelm Genazino und Zuszsa Bànk. Und dennoch, trotz dieses kulturellen Reichtums, der dem dynamischen Team in Bordeaux und allen voran der Leiterin der Bibliothek, Jutta Bechstein, zu verdanken ist, schließt das Institut Ende 2005 die Türen seiner Bibliothek.
Tatsächlich hat die Zentrale des Goethe-Instituts in München beschlossen, die Bibliothek zu schließen und die Deutschkurse zu streichen, die im Goethe-Institut in Bordeaux angeboten werden. Die Bibliothek benötigt viel Personal und verursacht dementsprechend viel zu hohe Kosten. Die Sprachkurse werden an ihrer Wirtschaftlichkeit gemessen. Während das Institut zu Spitzenzeiten 800 Teilnehmer verzeichnete, sind es jetzt nur noch 400. Daher kommt der Beschluss der Zentrale nicht wirklich überraschend: Trotz der hervorragenden Arbeit, die das Institut leistet, wächst das Desinteresse an der deutschen Sprache und Kultur weiter an. Dieser Trend zeichnet sich im Übrigen auch in den Schulen im Südwesten Frankreichs ab.
Darüber hinaus ist das Goethe-Institut in Bordeaux nicht das einzige, das von diesen drastischen Maßnahmen betroffen ist. Die Niederlassungen in Lyon, Lille, Nancy, Paris und Toulouse müssen bis 2012 ebenfalls mit Budgetkürzungen rechnen. Die Sprachkurse werden allerdings beibehalten, weil sie ihre Kosten decken. Und das bleibt bis auf weiteres so.
Im ganzen Ausmaß betrachtet, ist das gesamte Mittelmeer-Europa betroffen: Italien, Spanien und Portugal fallen dieser Umstrukturierungspolitik ebenso zum Opfer.
Während die beiden Staatsoberhäupter Frankreichs und Deutschlands davon sprechen, die Kulturen ihrer Länder einander näher zu bringen und das Erlernen der Sprache des Anderen beiderseits des Rheins zu fördern, passiert in Wirklichkeit Folgendes: Die Stellung der deutschen Kultur verliert in Frankreich zunehmend an Bedeutung.
Die Gründe für einen solchen Widerspruch sind natürlich finanzieller, aber auch politischer Natur. Das Auswärtige Amt, Geldgeber der Goethe-Institute, hat beschlossen, die Institute in den ehemaligen Ostblockländern, Deutschlands neuen Partnern, zu fördern. Dabei ist angesichts der finanziellen Lage nicht mit zusätzlichen Mitteln zu rechnen. Im Gegenteil, die öffentlichen Gelder, die den Goethe-Instituten in Europa zur Verfügung stehen, werden auf lange Sicht um 40 bis 50 Prozent gekürzt werden. Das Ministerium wird also Geldmittel von West nach Ost umverteilen. Die Institute in Frankreich und Italien werden davon am stärksten betroffen sein, da sie über die meisten Mittel verfügen. Ab 2006 wird das Goethe-Institut in Bordeaux sicher nur noch 5 bis 10 Mitarbeiter beschäftigen, anstatt wie zurzeit 23.
Die Schwierigkeit wird dann darin bestehen, das Interesse der Jugendlichen an der deutschen Sprache zu erwecken, ohne ihnen einen Ort zu bieten, an dem sie deutsche Kultur erleben können. Die Situation ist etwas paradox, denn die umstrukturierten Institute haben den Auftrag, sich im schulischen Bereich stärker einzubringen. Ebenso werden diejenigen, die sich für die deutsche Kultur interessieren, keine Anlaufstelle mehr haben und auch keine Möglichkeit, sich in einer Bibliothek über die neuesten Werke der deutschen Literatur zu informieren.
Einige Wochen nach bekannt werden der Schließungspläne wurde eine Petition gegen die von der Zentrale der Goethe-Institute gefassten und als unwiderruflich bezeichneten Beschlüsse gestartet. Es geht darum, die Bedeutung einer solchen Institution hervorzuheben. Und um die Früchte jahrelanger Arbeit nicht zu verlieren, insbesondere die Ergebnisse zehnjähriger Informierung und die Buchanschaffungen aus über 30 Jahren, hat Jean Mondot, Professor an der Universität Bordeaux III, einen Verein gegründet "für eine deutsch-französische Bibliothek in Bordeaux". Das Projekt versucht, die Präsenz der deutschen Kultur in Bordeaux zu erhalten, indem es die Gebietskörperschaften mobilisiert, eine spezialisierte Bibliothek zu gründen. Damit das Projekt überhaupt zustande kommen kann, müssten sich alle Freunde der deutschen Sprache dafür einsetzen. Zum Beispiel indem sie Kontakt mit Marie-Christine Huber aufnehmen, deren Kontaktadresse unten aufgeführt ist.
Kontakt: Marie-Christine Huber, Bibliothèque Municipale de Tresses, 33370 Tresses, T.: +40 (0) 5 57 34 04 24, bibliotheque.tresses@tresses.org
Fotos von Cécile Dardillac
Comics, ein französisches Phänomen
von Céline Moison, Übersetzung Olenka Deisler, erschienen im März 2005
Von Groß und Klein heiß und innig geliebt, haben französisch-belgische Comics mit Helden wie Spirou, Asterix oder Tim und Struppi ihren Erfolgszug durch die ganze Welt angetreten. Die Asterix-Reihe ist beispielsweise in über dreißig Sprachen übersetzt und in 120 Länder verkauft worden. Aber in Frankreich geht das Interesse an Comics sogar so weit, dass man inzwischen von einem gesellschaftlichen Phänomen sprechen kann, das sowohl in die Kultur als auch in den Alltag Einzug gefunden hat.
Obwohl viele Franzosen ihre Comics oder B.D.s - so lautet die Kurzform für "bande dessinée" - sicherlich vor allem als netten und unterhaltsamen Zeitvertreib betrachten, so kann man angesichts der riesigen Fangemeinde und des generell breiten Interesses in Frankreich an dem Thema schwerlich noch von Trivialliteratur sprechen. Die Begeisterung der Nation betrifft vor allem die französisch-belgische Produktion. So liest der Durchschnittsfranzose heute bevorzugt Tim und Struppi, Asterix und Obelix, >I>Titeuf<//em> oder Spirou, auch wenn nach dem Zweiten Weltkrieg alles mit amerikanischen Comics begonnen hatte und heute mit Mangas ein riesiger Umsatz gemacht wird. Die Kunstform Comic ist anspruchsvoll und modern und bietet eine große Vielfalt an Produktionen. Comicreihen wie >I>Gaston<//em> oder Spirou treffen aber bei weitem nicht den Geschmack aller französischen Fans, viele interessieren sich mehr für andere Genres. Gemeinhin kann zwischen fünf Themengebieten unterschieden werden: Humor, Fantasy, Krimi, Historisches, und Comics für Kinder.
Comics: nicht nur etwas für Kinder
Eine wahre Revolution im Bereich Comichefte hat in den sechziger Jahren stattgefunden, als Zeitschriften wie Pilote (herausgegeben von Goscinny), Hara-kiri, Charlie Mensuel oder auch Métal Hurlant erstmals erschienen. In den sechziger und siebziger Jahren tauchten die ersten Erotik-Comics auf, wie zum Beispiel der 1962 zum ersten Mal erschienene Comic Barbarella. Aber "Erwachsenen-Comics" beschränken sich nicht nur auf das Erotik-Genre, sie beschäftigen sich auch mit einem anderen sehr geschätzen Bereich: der Gesellschaftskritik. Die hier wohl bekanntesten Autoren sind Cabu und Claire Brétécher.
In Frankreich sind Comics also keineswegs nur etwas für Kinder. In Deutschland dagegen denkt man bei Comics meist an Mickey-Mouse-Hefte. Damit wird die Kunstform Comic eng eingegrenzt.
Comics: auch im Alltag präsent
Die Franzosen geben sich nicht damit zufrieden nur ihren Comichelden zu huldigen. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, wo nur die wichtigsten Protagonisten wie Asterix und Obelix, Tim und Struppi oder Spirou Berühmtheit erlangt haben, kennt man in Frankreich auch ihre Erfinder. Am berühmtesten ist sicherlich das Duo Uderzo-Goscinny, aber auch Hergé, Franquin, Cabu oder Brétecher, um nur einige zu nennen, sind keine Unbekannten.
Comics sind aber auch Teil der Alltagskultur, sie bilden eine Art unbewusstes Leseraster. Jeder weiß, dass Gaston Lagaffe eine Gefahr für seine Umwelt ist, dass Obelix als Kind in den Zaubertrank gefallen ist oder dass alle Schlümpfe in Schlumpfine verliebt sind. Auch im Alltag sind Comics präsent, ob als Schaufensterdekoration oder auf Kneipentresen. Beim Friseur ist die Rede von einer Tolle, wörtlich Puderquaste, "wie die von Tim aus Tim und Struppi" und Kneipen geben ihren Cocktails Namen wie "Zaubertrank".
Comics: der Zaubertrank der Verlagshäuser
Seit den achtziger Jahren geht es der Comic-Branche blendend, die Umsätze steigen stetig weiter an. In der Tat werden hier gleich zwei Märkte bedient: Auf der einen Seite steht die Massenproduktion, auf der anderen Seite, seltene "Schätze", die in limitierten Auflagen zur Freude der Sammler herausgegeben werden.
Im Jahr 2004 waren von den in Frankreich und Belgien insgesamt herausgegebenen Büchern circa sechs Prozent Comics aus französisch-belgischer Produktion. Das sind etwa 6,5 Prozent des Gesamtumsatzes des Verlagswesens, und praktisch jedes zehnte Buch, das in Frankreich über den Ladentisch wandert, ist ein Comic. Vergleicht man die Umsatzzahlen von Verlagen wie Dupuis (Spirou, Cédric) oder Dargaud (Blake und Mortimer) mit den Größten der Branche, den japanischen Mangas oder den amerikanischen Comics, zeigt sich deutlich, dass die französisch-belgische Comicproduktion auch auf internationaler Ebene durchaus ein Wörtchen mitzureden hat. So ist der japanische Konzern Kodansha (Zipang, Vagabond) 1.482 Millionen Euro schwer, das US-amerikanische Unternehmen Marvel (X-Men, Spider-Man) bringt es auf 62 Millionen. Dupuis kann da mit 72 Millionen durchaus mithalten, ebenso wie Dargaud mit 54 Millionen.
Vom "Prix Alfred", einem Preis für Comics, bis zu der international renommierten Comic-Ausstellung, dem Salon international de la BD in Angoulême, wird die Kunstform Comic überall in Frankreich hoch geschätzt und gefördert. Seit 1993 gibt es zudem die Möglichkeit, ein Studium im Fach Comiczeichnen zu absolvieren und dieses mit einem Diplom abzuschließen. Es gibt sogar Kritiker, die sich auf Comics spezialisiert haben (ein Beispiel hierfür ist die 1969 gegründete Zeitschrift Les Cahiers de la BD).
Was die gesellschaftliche Akzeptanz und die Daseinsberechtigung von Comics angeht, hat sich einiges getan. So hat sich diese Kunstform, die lange als untergeordnet und trivial galt, in Frankreich längst ihren Platz erkämpft und seit 2004 stehen Comics offiziell auf dem staatlichen Lehrplan.
Ihre Bedeutung wird nicht nur vom Staat anerkannt, sondern auch von der Literaturwelt. So bezeichnete der bekannte französische Literaturkritiker Bernard Pivot Goscinny 1977 als "Genie" und erklärte noch zu Zeiten seiner Kultursendung Apostrophes im selben Jahr in einem Interview mit René Goscinny: "Viele Comic-Helden sind berühmter als manches Académie-Mitglied und werden es auch länger bleiben." Er unterstrich damit auf provozierende Art die Bedeutung der Comics für die französische Kultur.
Weitere Informationen
Das belgische Comic-Zentrum in Brüssel – Rue des Sables 20, 1000 Bruxelles, www.cbbd.be
La Bande dessinée en France, Patrick Gaumer, 1998, Chroniques de l’AFAA
Guide culturel ; Civilisations et littératures d’expression française unter der Leitung von André Reboullet und Michel Tétu, 1977, Hachette
Empfehlenswerte Websites: www.brusselsbdtour.com, www.encyclobd.com
»Damals war alles ja ganz anders«
von Céline Moison, Übersetzung Jutta Rensen, erschienen im Dezember 2004
Nach jahrzehntelanger Abwesenheit tritt das Konzept der autoritären Erziehung wieder in das Rampenlicht, sowohl in der Schule als auch zu Hause. Frankreich versucht auf seine Art, die auf Abwege geratene und manchmal gewalttätige Jugend wieder in den Griff zu bekommen.
Im Anschluss an Mai 68 hat das Konzept der antiautoritären Erziehung die traditionell strenge Erziehung »à la Folcoche« (1) in Frankreich abgelöst.Die geistigen Väter des Mai 68, darunter der heute grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit, skandierten auf der Straße »Es ist verboten zu verbieten« . Eine Elterngeneration hat dieses Konzept befolgt und jegliche Autorität gegenüber ihren Kindern abgelehnt: »Lass ihn nur machen, was er will.«
30 Jahre später: Mama geht arbeiten, Papa ist überfordert. Familienstreitereien, Scheidungen, das Kind findet sich in einer gestörten Familienzelle wieder. Es wächst alleine auf, es wächst schlecht auf. Aggressiv, frech, ungehorsam und manchmal sogar gewalttätig – Das Kind des 21. Jahrhunderts bringt seine Eltern zur Verzweiflung. Lehrer, Busfahrer oder Omi – alle stellen fest: Frankreich ist von ungezogenen Gören bevölkert. Man fragt sich, ob und wie lange das so noch weitergehen kann. Den altbekannten Satz »Ach, damals war die Jugend ja ganz anders« hört man immer öfter.
Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs der Präsidentenwahl im Mai 2002 brachten eine ganze Nation durcheinander. Die Franzosen stellten die Gründerwerte ihres Landes in Frage, um ihre Angst vor dem Gefühl, das sie »Unsicherheit« nennen, auszudrücken. Seit der Wahl von Jacques Chirac im zweiten Wahlgang hat sich die französische Regierung an die Arbeit gemacht. Eine Politik mit mehr Autorität und mehr Verweisen etabliert sich, angefangen bei den Erwachsenen. Personalerhöhung bei der Polizei, mehr Gewicht auf Verkehrssicherheit: die Innenpolitik ist unnachgiebiger geworden. Die Überlegung, Polizisten vor den Schulen zu postieren, taucht auf. "Wir werden es ihnen schon zeigen." Und wenn man die Uniform in der Schule wieder einführen würde?
Aber möchte Frankreich tatsächlich, den Ergebnissen von Meinungsumfragen entsprechend, zurück zur »alten Schule«, um die Probleme von Erziehung und jugendlicher Kriminalität zu lösen? Autorität wie sie in den 50er-Jahren verstanden wurde, ist heute wieder gefragt.
Mit den Filmen Les Choristes (Die Choristen, 2004) oder Vipère au Poing (Familie Rezau, 2004) zeigt das Kino großes Interesse an diesem Thema. Der französische Fernsehsender M6 widmet ihm sogar eine eigene Reality-Sendung namens Le Pensionnat de Chavagnes (Das Pensionat von Chavagnes) mit dem Konzept, aufmüpfige Jugendliche zu bändigen, indem man sie ein Schulpensionat erleben lässt, wie es ihre Eltern oder Großeltern kennen könnten. Hinzu kommen zahlreiche Reportagen und Talkshows, die dieses Thema ansprechen und dazu für ihre Strenge bekannte Schuldirektoren einladen, als handle es sich um berühmte Persönlichkeiten, wie dies in der Sendung Opinion Publique des französischen Fernsehsenders France 2 im September 2004 der Fall war. Die Frage, welche sich alle stellen, ist jedoch: Genügt eine Rückkehr zu mehr Autorität, um die Situation zu ändern?
Streetworker reden von Zuhören, Psychologen von Traumata, andere von der Verdummung durch Videospiele und dem schlechten Einfluss des Fernsehens. Und mittendrin erklingt die kräftige Stimme von Gabriel Cohn-Bendit – Bruder von Daniel – und hebt die Zeitlosigkeit des Problems hervor: »Schon in der Antike beschwerten sich die Philosophen über die Frechheit der Jugend«. Seiner Meinung nach ist Autorität also in keinem Fall die Lösung.
Aber was tun? Den bonnet d'âne (2) und das Tadelheft wieder aus der Schublade herausholen? Oder voller Hoffnung auf eine neue Entwicklung in dem immer verzwickter werdenden Kapitel der Erziehung in Frankreich warten?
Sind die Franzosen wirklich unfähig, einen Mittelweg zwischen der völligen Unterwerfung der Eltern und der Macht der Peitsche zu finden? Wer weiß, vielleicht bringt das neue Jahrtausend den Seufzer eines desillusionierten Kindes mit sich, das den Satz von sich gibt: »Ach, damals waren die Eltern ja noch ganz anders.«.
(1) Die strenge Mutter Folcoche ist eine der Hauptfigur des Romans Vipère au poing (1948) von Hervé Bazin.
(2) bonnet d'âne: Papierhut, den man früher dem schlechtesten Schüler aufsetzte
Foto von Alain Moison
L'allemand, c'est pas cool
von Elise Landschek, erschienen im Juni 2004
Während in Deutschland der Trend zum Französischen als zweiter Fremdsprache in den Schulen weitgehend stabil bleibt, ist die Situation in Frankreich alarmierend: Nur noch 16 Prozent der französischen Schüler entscheiden sich für Deutsch als Unterrichtsfach, die Tendenz ist fallend. Vor 15 Jahren war es noch fast die Hälfte aller Schüler, die Deutsch als zweite Fremdsprache nach Englisch wählten. Die deutsche Sprache hat den Ruf weg, langweilig wie eine endlose Grammatikstunde zu sein, den gesamten Notendurchschnitt zu drücken und später im Beruf nicht weiter zu helfen. Das Desinteresse an der deutschen Sprache steht jedoch nicht für sich allein. Die Sprache ist Teil der Kultur eines Landes: je weniger Interesse an der Sprache, desto weniger auch an der jeweiligen Kultur.
Kurz gesagt: Deutsch ist out unter französischen Schülern. Musikstile oder Modetrends kommen für sie aus Ländern wie Spanien, England und den USA. Wer hip sein will, hört Elektrobeats und trägt Boxerstiefel aus London sowie Kleider in Knallfarben aus Spanien. Zu Deutschland fällt den jungen Franzosen wenig ein. Die Assoziationen beschränken sich oft nur auf Bier, Bratwürste und Birkenstock-Sandalen; ein Land ohne Spontaneität und savoir-vivre. Auch wenn man sich in Deutschland über den wachsenden internationalen Erfolg deutscher Filme und Musikgruppen freut, heißt das noch lange nicht, dass die Anerkennung dieser Seite der deutschen Kultur auch von den Franzosen geteilt wird. Ausgerechnet die Jugend eines der größten und wichtigsten Nachbarn Deutschlands ignoriert geflissentlich die Bemühungen deutscher Kulturschaffender.
"Bis jetzt", lässt sich sagen, denn angesichts der katastrophalen Zahlen für den Deutschunterricht an französischen Schulen kommt Bewegung in die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes. Zusammen mit dem Goethe-Institut und anderen Mittlerorganisationen der auswärtigen Kulturpolitik fängt man an, Zukunftspläne für ein attraktiveres Deutschlandbild zu schmieden. So wurde die Werbeagentur Scholz and Friends beauftragt, eine Kampagne auszuarbeiten, um das Image von den "langweiligen und wenig lebensfrohen Deutschen" aufzupolieren: "On a tout à faire ensemble – Wir haben soviel gemeinsam" lautet der Slogan, "Deutsch braucht Emotion" ist die Devise. Wange an Wange posieren deutsche und französische Teenagerpaare in Grossaufnahme auf den Plakaten, darüber ein knackiger Text, dass es sich lohnt deutsch zu lernen, weil es einem nicht nur beruflich, sondern auch privat viele Chancen eröffnet. Mit Lesezeichen, Aufklebern und T-Shirts soll die Zielgruppe in den Schulen direkt angesprochen werden, ohne den pädagogisch belehrenden Zeigefinger zu erheben.
Die Vertreter der Föderation deutsch-französischer Häuser begeben sich direkt vor Ort und schicken gleich sechs DeutschMobile auf die Reise durch französische Dörfer und Städte. Pädagogisch ausgebildet und mit Haribo-Tüten und Ravensburger Spielen bewaffnet, versuchen die Lektoren an Bord der Kleinbusse die jungen Franzosen an den Schulen davon zu überzeugen, dass Loveparade und Franka Potente ebenso zu Deutschland gehören wie der kilometerlange Ostseestrand und drei unterschiedliche Mülleimer in jedem Haushalt. Ferner wollen sie den jungen Franzosen vermitteln, dass Deutsch sprechen nicht nur bedeutet, Derrick und Goethe in Originalsprache zu verstehen, sondern auch, eine der wichtigsten Handelssprachen Europas zu beherrschen, die von 120 Millionen Menschen gesprochen wird. Auf beiden Seiten des Rheins herrscht eine stetige Nachfrage nach bilingualen Arbeitskräften, das Image vom unnützen Deutsch kann somit über Bord geworfen werden.
Elternversammlungen stehen bei den DeutschMobilen ebenfalls mit auf dem Programm, um auch bei den Erziehern der Deutschunwilligen für Sympathie für die deutsche Sprache zu werben. Laut den deutsch-französischen Häusern sind es oft die Eltern, die ihren Kindern von Deutsch als zweiter Fremdsprache nach Englisch abraten, da "in Deutschland ja eh jeder auch Englisch verstehen würde".
Der Erfolg des mobilen Deutschunterrichts ist erstaunlich: In den vom DeutschMobil besuchten Klassen stieg die Zahl der Schüler, die Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache wählten, um 25 bis 50 Prozent. Das Auswärtige Amt zeigte sich begeistert und ehrte im Januar 2004, im Rahmen des Jubiläums des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages, die Lektoren der DeutschMobile und ihre Unterstützer mit dem renommierten Adenauer-de Gaulle-Preis. Auch die französische Seite ist in Sachen sprachlicher Aufklärungsarbeit nicht untätig geblieben und erhielt für ihr Pendant des DeutschMobils, das FranceMobil, welches in Deutschland kursiert, ebenfalls die begehrte Auszeichnung.
Die Aktion wird von zahlreichen Komitees deutsch-französischer Städtepartnerschaften und der französischen Botschaft mitgetragen. Denn obwohl das deutsche Interesse an der Sprache und Kultur seines Nachbarlandes nach wie vor groß ist, ließe sich dennoch die Begeisterung für den Französischunterricht noch steigern.
Bei der Anzahl der französischlernenden Schüler in Deutschland fallen vor allem regionale Unterschiede ins Auge: Lernen in Hessen in der Sekundarstufe II (Klassen 11-13) 62,7 Prozent Französisch, so sind es in Mecklenburg-Vorpommern nur wenig rühmliche 26,6 Prozent. Jeder Fünfte aller Schüler fühlt sich nach 4 Jahren Französischunterricht unfähig, die erlernte Sprache auch zu sprechen und die Landeskenntnisse lassen ebenfalls zu wünschen übrig.
Laut einer Umfrage der französischen Botschaft und des Institut Français, weiß fast die Hälfte der französischlernenden Schüler der Klassen 5-10 nicht, dass die Anden kein französisches Skigebiet sind, 91 Prozent waren nicht in der Lage, drei französische Schriftsteller zu nennen und nur 46 Prozent waren sich darüber im Klaren, dass in Frankreich nicht der Osterhase, sondern die Kirchenglocken die Süßigkeiten bringen. Auch hier ist das Ergebnis eindeutig: in Deutschland darf neben dem Sprachunterricht die Landeskunde nicht vernachlässigt werden.
Sowohl Sprache, anwendbar und lebendig vermittelt, als auch das tiefere Eintauchen in die jeweils andere Kultur sind unabdingbar für den Ausbau der deutsch-französischen Beziehungen. Einer sprachlosen Freundschaft zwischen den beiden Ländern würde das Fundament für eine stabile und tolerante Zusammenarbeit fehlen.
Bilder vom Goethe Institut
Geht die Bildung baden?
Studenten in Frankreich und Deutschland protestieren gegen Regierungsreformen
von Philipp Ehmann, Ines Grau, Charlotte Noblet, Pierre Bergeot, Übersetzung Nadja Dumouchel, erschienen im Februar 2004
In Frankreich hat alles am 7. November 2003 angefangen, an der Universität Rennes II: mehr als 2000 Studenten rufen zur Demonstration auf, um die Studienreformen zu stoppen. Die Studentengewerkschaft UNEF (Union Nationale des Étudiants de France), die sich am stärksten gegen die Reformen engagiert, verbreitet den Aufruf an den Universitäten.Mehrere Lehrendengewerkschaften unterstützen diese Studentenbewegung. Ab dem 17. November organisieren Lehrende und Studenten eine landesweite Aktionswoche, um zum einen gegen die LMD-Reform (Licence-Maîtrise-Doctorat) und zum anderen gegen den Gesetzesentwurf zur Modernisierung der Universitäten zu protestieren. Am 20. November rufen 18 Universitäten zur Demonstration auf und am 27. November nehmen 24 Universitäten an den Demonstrationen teil. Ungefähr 30. 000 Studenten gehen in ganz Frankreich auf die Straße. In Paris sind es 5.000 Studenten laut UNEF, 2.300 laut Polizeiangaben. Bei den Protestierenden handelte es sich vor allem um Studenten der geisteswissenschaftlichen Fakultäten.
"Für eine andere europäische Angleichung der Diplome" ist auf den Transparenten zu lesen. Die LMD-Reform begeistert nicht alle. Sie will die Mobilität der Studenten fördern, durch eine Angleichung der Abschlüsse innerhalb Europas, doch durch keinen Paragraph des Gesetzes sieht vor dass die von den europäischen Universitäten vergebenen Diplome alle demselben Niveau entsprechen müssen. Im Gegenteil: die französische Reform überließe es den Universitäten die neuen Prüfungsmodalitäten selbst festzulegen. Dies stellt einen Eingriff in die bestehende Regelung dar, die den französischen Studenten garantiert, dass alle Abschlüsse, unabhängig davon an welcher Universität sie erlangt wurden, demselben Niveau entsprechen.Momentan habe alle Diplome denselben Wert, ob sie nun in Rennes, Paris oder Bordeaux abgelegt wurden.Die französischen Studenten befürchten somit einen Einschnitt in ihre die studentischen Rechte.
Yassir Fichtali, Präsident der UNEF, erklärt, dass die Demonstrationen nicht gegen die Idee eines vereinten Europas gerichtet seien, sondern gegen zwiespältige Reformen. Stattdessen verlangt er mehr Mobilitätsstipendien sowie eine nationale Regelung der Prüfungsinhalte und Prüfungsmodalitäten. Vor allem aber fordert er eine Rücknahme der LMD-Reform. In einer Pressemitteilung des 27. November 2003 behauptet die UNI (Union Nationale Inter-Universitaire)–eine andere Studentengewerkschaft–dagegen: "Die Angleichung der Diplome ist eine Notwendigkeit (...) Diejenigen, die heute die Universitäten besetzen, schrecken nicht vor dem Risiko zurück, die französischen Studenten in ein richtiges Ghetto einzuschließen. Wir unterstützen daher die Maßnahmen der Regierung?".
Die Studenten haben die Seminare an der Universität Paris XIII (Seine-Saint-Denis) blockiert, um gegen das Modernisierungsgesetz an den Universitäten zu demonstrieren: "la fac aux patrons, les étudiants disent non" ("die Unis den Bossen, die Studenten sagen nein"). Eine größere Autonomie der Universitäten, vor allem in finanzieller Hinsicht, die der Gesetzesentwurf vorsieht, könnte auf Dauer zu einem Rückzug der staatlichen Förderungen führen. Die Ausbildung der Studenten würde nur noch den Interessen der Arbeitgeber folgen und die Arbeitsmarktkompatibilität der Studenten würde die Priorität der Universität werden. Auch die Anordnungen, die den Universitäten ermöglichen, ihre Studenten auszuwählen und die Studiengebühren frei zu bestimmen, machen den Weg für ein öffentliches Zwei-Klassen-Bildungswesen frei. Diese neoliberale Vision einer Ausbildung, die in erster Linie der Rentabilität und der Konkurrenzfähigkeit dient, ist auf große Ablehnung seitens der studentischen Gemeinschaft gestoßen.
Ähnliches passiert in Deutschland. In Hessen, Bayern, Sachsen und Berlin protestierten Studenten gegen Kürzungen im Hochschulbereich. Bei Großdemonstrationen gingen bundesweit bis zu 75.000 Studenten auf die Straßen.
Besonders stark engagierten sich die Berliner Studenten.Die drei großen Berliner Universitäten (Freie Universität, Humboldt-Universität und Technische Universität) befinden sich im Streik. Die Studenten fordern vom Berliner Senat die Rücknahme der Kürzungen des Bildungsetats in Höhe von 75 Mio. bis 2009. Die Kürzungen bis hin zur Schließung ganzer Institute–vorwiegend im Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Bereich–halten Studierende und Dozenten für unsachgemäß.
Wie in Frankreich verlangen die Studierenden zudem die Überprüfung und Rücknahme der europaweiten Angleichung der Studiengänge. Des Weitern stehen die deutschen Studenten der geplanten Einführung von Studienkonten skeptisch gegenüber. Sie fürchten, diese Konten wären der erste Schritt bei der Einführung von Studiengebühren. Dies würde eine Neuheit für die deutschen Studenten bedeuten, die bisher nicht an Studiengebühren gewöhnt waren. Für viele würde diese Maßnahme einen Eingriff in das Recht auf freie Bildung darstellen. Ein weiteres Ziel der Proteste ist mehr Mitbestimmung in den akademischen Gremien.
Die Büros der Berliner Senatoren Flierl, Sarrazin und mehrere Institute wurden während des Streiks besetzt. Um den Protest zu verdeutlichen, wurden viele Lehrveranstaltungen in die Öffentlichkeit verlegt, z.B. in die U- und S-Bahnen.
Für Medienwirbel sorgten Aufsehen erregende Aktionen wie der gewagte Sprung ins kalte Spreenass nach dem Motto "Bildung geht Baden" oder die "Kürzung" der Weihnachtstanne vor dem Roten Rathaus, dem Sitz des Berliner Senats.
Parallel zu diesen öffentlich wirksamen Aktionen wird auch inhaltlich gearbeitet und diskutiert. Ein besetztes Institut in der Berliner Innenstadt wurde zur "offenen Uni" erklärt. Es soll zu einem Bildungsforum werden, in dem kritische Inhalte und Reflexionen jenseits von Kosten-Nutzen-Rechnungen jedermann frei zugänglich sind.
Das Neue an dieser Streik- und Protestbewegung im Vergleich zu jener von 1999 ist die bewusste Vernetzung mit Gewerkschaften, Schülergruppen und anderen sozialen Bewegungen wie dem Berliner Sozialforum oder ATTAC. Über Ihre eigenen Interessen hinaus versuchen die Studenten mit diesen Gruppen die Öffentlichkeit gegen die Sparpolitik und Sozialabbau in Deutschland zu politisieren.
Dennoch steht in Deutschland und Frankreich ein Großteil der Studierendenschaft den Protesten, die von einer kleinen aktiven Minderheit in kürzester Zeit auf die Beine gestellt worden, skeptisch gegenüber. So geht der Unialltag in vielen Fachbereichen trotz Streikbeschluss seinen gewohnten Gang. Ob die aktiven Gruppen mit ihren Protesten Erfolg haben werden, ist fraglich. Die Signale von den Politikern sind bisher ausgeblieben.
BMDDie Reform BMD ging aus dem Bologna Prozess 1998 hervor. Sie sieht die Errichtung eines einheitlichen europäischen Hochschulsystems vor, welches aus drei Etappen besteht: dem Bachelor (B) nach 3 Jahren (L= licence im Französischen), dem Master (M) nach 5 Jahren und dem Doktorat (D) nach 8 Jahren Studienzeit. Der Arbeitsaufwand für den jeweiligen Abschlusses wird in "ECTS"-Punkten ausgedrückt. Diese Vereinheitlichung von Studienabschlüssen soll die Mobilität der Studenten innerhalb Europas fördern sowie deren Ausbildungsweg und Leistungsnachweise auf europäischer Ebene durchsichtiger machen. Der französische Premierminister Jean-Pierre Raffarin während einer öffentlichen Diskussion am Theater Rond-Point (Paris), am 20 Januar 2004 ? "Wir hatten zwei Debatten gleichzeitig: auf der einen Seite die Debatte LMD, die sich mit der europäischen Angleichung beschäftigt, und auf der anderen Seite die Debatte um die Autonomie der Universitäten. Dies ist eine andere Debatte. Wir wollten nicht, dass es Missverständnisse gibt, und haben aus diesem Grund die Debatte der Autonomie, um mehrere Monate verschoben (...) Heute sind die Schritte eingeleitet, auch in den Universitäten, da eine Großzahl der akademischen Gremien das System LMD aufgenommen haben. Das ist die Möglichkeit, eine wirklich europäische Ausbildung zu haben. Es ist eine Notwendigkeit. (...) In Deutschland sagt der Kanzler dasselbe. In Anbetracht unserer Demographie, wenn wir nicht versuchen Welteliten auszubilden, wenn wir jungen Leuten aus aller Welt keine Ausbildung anbieten können, werden wir auf Dauer Probleme bei der Öffnung unseres Studiensystems und auf demographischer Ebene haben." Das Thema Eliten hat momentan auch in Deutschland Konjunktur: Der Vorstand der SPD hat Anfang des Jahres beschlossen aus etwa zehn deutschen Universitäten Eliteetablissements nach amerikanischem Vorbild zu machen. In den Weimarer Leitlinien Innovation heißt es: "Wir brauchen neben einer höheren Anzahl von Hochschulabsolventen auch eine stärkere Förderung von Spitzenleistungen. Wir wollen die Struktur der Hochschullandschaft so verändern, dass sich Spitzenhochschulen und Forschungszentren etablieren, die auch weltweit in der ersten Liga mitspielen und mit internationalen Spitzenhochschulen wie Harvard und Stanford konkurrieren können." Die Diskussion über eine Reform des gesamten Bildungssystems begann in Deutschland schon im vergangenen Jahr als das Land bei einem internationalen Vergleich im schulischen Bereich, der PISA Studie, ein schlechtes Ergebnis einfuhr. Im Bereich der Hochschule umfasst sie die Forderungen nach Studiengebühren, der Vereinheitlichung von Studiengängen und -abschlüssen sowie nach mehr Autonomie der Universitäten bei der Auswahl ihrer Studenten. |
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