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»Dolmetschen ist mein absoluter Traumjob«

Katja Raeke vom BDÜ-Landesverband Berlin-Brandenburg im Interview mit rencontres.de

erschienen am 15.10.2009

»Dolmetschen und Übersetzen« lautet das diesjährige Schwerpunktthema der Sprachen- und Kulturmesse Expolingua Berlin (siehe hierzu auch rencontres-Interview vom 1.10.2009, Anm. d. Red.). Einer der wichtigsten Aussteller ist dabei zweifelsohne der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ). Rencontres.de sprach mit der Vorsitzenden des Landesverbandes Berlin-Brandenburg, Katja Raeke, über Ausbildungsmöglichkeiten und Jobchancen für Dolmetscher und Übersetzer.

Frau Raeke, wie wird man Dolmetscher oder Übersetzer?

Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Um auf dem Markt bestehen zu können, ist eine bestmögliche Ausbildung jedoch unumgänglich. Ein bloßes Sprachenstudium ist nicht ausreichend, auch kein anderer akademischer Abschluss allein. Der klassische Weg ist ein Studium als Dolmetscher oder Übersetzer. Wer auf Umwegen zum Übersetzen und Dolmetschen kam, sollte sich parallel weiterbilden und translatorische Kompetenz erwerben und nachweisen – zum Beispiel, indem eine Prüfung zum staatlich geprüften Dolmetscher/Übersetzer abgelegt wird.

Welche Ausbildungsmöglichkeiten gibt es in Deutschland?

Die erforderlichen Qualifikationen für diesen Beruf vermitteln Universitäts- und Fachhochschulstudiengänge mit teilweise unterschiedlichen Schwerpunkten. In den meisten Bundesländern können staatliche Prüfungen abgelegt werden. Eine genaue Übersicht ist auf www.bdue.de unter „Der Beruf – Ausbildungsmöglichkeiten“ zu finden.

Welche Angebote hält der BDÜ für Interessierte bereit?

Der BDÜ informiert über den Erwerb der notwendigen beruflichen Qualifikation und setzt sich für den Erhalt entsprechender Ausbildungsmöglichkeiten ein. Darüber hinaus bieten wir Seminare zur fachlichen Weiterbildung an und vermitteln unternehmerische Kompetenz.

Was sollten Jugendliche, die sich für eine Ausbildung oder ein Studium als Dolmetscher oder Übersetzer interessieren, unbedingt beachten?

Sie sollten sich im Klaren sein, dass die große Mehrheit der Dolmetscher und Übersetzer als Freiberufler tätig sein darf und muss. Festanstellungen sind rar. Deshalb ist es wichtig sich zu fragen: Bin ich vom Charakter her jemand, der selbständig arbeiten kann? Bin ich in der Lage, mit betriebswirtschaftlichen Fragestellungen umzugehen, mich selbst zu organisieren, mit Kunden und Kollegen zu kommunizieren? Und nicht zuletzt: Lässt sich die Flexibilität, die der Beruf des Dolmetschers oder Übersetzers erfordert, mit meinen Vorstellungen von einem erfüllten Privatleben vereinen? 

Darüber hinaus ist es wichtig, sich über die Marktchancen einzelner Sprachen zu informieren und einige Zeit in dem Land oder den Ländern zu leben, in deren Sprachen man arbeiten möchte.

 Schließlich empfehle ich jedem, schon während des Studiums Mitglied eines Berufsverbandes zu werden. So findet man Kontakt zu Kollegen, die mit wertvollen Hinweisen helfen und lernt durch Seminare und Workshops auch wirtschaftlich zu »laufen«.

Worin bestehen aus Ihrer Sicht die größten Schwierigkeiten für Dolmetscher und Übersetzer?

Die größte Schwierigkeit stellt, denke ich, die nicht geschützte Berufsbezeichnung dar und die Tatsache, dass viele selbst hoch gebildete Menschen fälschlicherweise denken, unsere Arbeit bestünde im bloßen Austauschen von Worten. Außerdem stellen Dumpingpreise eine ernsthafte Bedrohung dar. Man sollte deshalb von Anfang an durchkalkulieren, wie preiswert man anbieten kann ohne die eigene Existenz zu gefährden oder den Markt mit unangemessen niedrigen Preisen kaputt zu machen. Auf der persönlichen Ebene besteht die Herausforderung darin, geistige Flexibilität, Stressresistenz und Sensibilität miteinander zu vereinen.

Worin bestehen aus Ihrer Sicht die größten Schwierigkeiten für Dolmetscher und Übersetzer? 

Die größte Schwierigkeit stellt, denke ich, die nicht geschützte Berufsbezeichnung dar und die Tatsache, dass viele selbst hoch gebildete Menschen fälschlicherweise denken, unsere Arbeit bestünde im bloßen Austauschen von Worten. Außerdem stellen Dumpingpreise eine ernsthafte Bedrohung dar. Man sollte deshalb von Anfang an durchkalkulieren, wie preiswert man anbieten kann ohne die eigene Existenz zu gefährden oder den Markt mit unangemessen niedrigen Preisen kaputt zu machen. Auf der persönlichen Ebene besteht die Herausforderung darin, geistige Flexibilität, Stressresistenz und Sensibilität miteinander zu vereinen.

Und was sind aus Ihrer Sicht die schönen Seiten des Berufs?

Man lernt die Welt und viele verschiedene Menschen kennen. Wer Menschen liebt und neugierig ist, komplex und logisch denken kann, wird viel Freude an der Arbeit als Dolmetscher und Übersetzer haben.

Für mich persönlich ist Dolmetschen mein absoluter Traumjob. Ich schätze die geistige aber auch örtliche Flexibilität sehr. Das Problem vieler gebildeter junger Frauen, sich zwischen Arbeit und Liebe entscheiden oder ewige Fernbeziehungen führen zu müssen, habe ich nicht. Darüber macht man sich als Abiturient(in) weniger Sorgen. Aber die Work-Life-Balance muss schon stimmen. Sonst nützt der beste Job nichts.

Wie beurteilen Sie die derzeitigen Arbeitsmarktchancen für Übersetzer und Dolmetscher?

Bei guter Ausbildung, kluger Marktpositionierung und professionellem Auftreten sind die Arbeitsmarktchancen gut. Als Mitglied des BDÜ hat man die Möglichkeit rasch ein Gefühl für den Markt zu entwickeln und seine Schwerpunkte an den eigenen Interessen und den Chancen des Marktes auszurichten.

Haben Übersetzungsberufe angesichts der ständigen Weiterentwicklung moderner Übersetzungstechnologien überhaupt eine Zukunft?

 Natürlich. Unsere Tätigkeit ist so komplex, dass wir auf absehbare Zeit nicht durch Maschinen ersetzt werden können. Ein wunderbarer Marktvorteil!

Das Interview führte Juliane Seifert.

Zum Weiterlesen:

www.bdue.de (Homepage des Bundesverbandes der Dolmtescher und Übersetzer e.V.)

 www.expolingua.blogspot.com (Blog zum Messeschwerpunkt »Dolmetschen und Übersetzen« der Expolingua 2009)

www.ihre-dolmetscherin.de (Homepage von Katja Raeke)


BDÜ

Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ) ist mit über 6.000 Mitgliedern der größte deutsche Berufsverband der Branche. Er ist Ansprechpartner für Wirtschaft, Politik und Ausbildungswesen und leistet in der Öffentlichkeit Aufklärungsarbeit über das Berufsbild des Dolmetschers und Übersetzers sowie die Bedeutung des Berufsstandes für Staat und Gesellschaft. Der BDÜ arbeitet mit gesetzgebenden Gremien zusammen, aber auch mit Behörden, Gerichten und Spitzenverbänden der Wirtschaft. Hauptziele des Verbandes sind die Qualitätssicherung und angemessene Honorare. www.bdue.de

Expolingua

Mit 60 Sprachen, 200 Ausstellern aus 30 Ländern und 100 Vorträgen ist die Expolingua Berlin eine der größten internationalen Sprach- und Kulturmessen. In jedem Jahr gibt es einem besonderen Messeschwerpunkt. Die Expolingua 2009 widmet sich insbesondere dem Thema »Dolmetschen und Übersetzen« und findet vom 20.-22. November im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin statt (für mehr Infos siehe: www.expolingua.com).



»Mit Sprachen Karriere machen«

Die Expolingua Berlin widmet sich in diesem Jahr den Berufschancen von Dolmetschern und Übersetzern

erschienen am 01.10.2009

60 Sprachen, 200 Aussteller aus 30 Ländern, 100 Vorträge – die Expolingua Berlin ist zweifelsohne eine der größten internationalen Sprach- und Kulturmessen und die einzige ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Seit 1987 lockt sie jährlich rund 15.000 Sprach- und Kulturbegeisterte an. Im 22. Jahr ihres Bestehens wendet sich die Expolingua insbesondere an diejenigen, die mit Sprache Karriere machen wollen. Stellvertretend für das Expolingua-Team erklärt Juliane Walter rencontres.de warum die Sprachenmesse damit den Nerv der Zeit trifft und was die Besucher vom 20.-22. November im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur erwartet.

Nachdem in der Vergangenheit meist einzelne Sprachen den Schwerpunkt der Messe bildeten, lautet das diesjährige Schwerpunktthema der Expolingua  »Dolmetschen und Übersetzen«. Was waren die Beweggründe für die Auswahl dieses Schwerpunkts?

Fremdsprachenberufe sind spannend und vielfältig und quasi überall zu finden. Die Expolingua Berlin hat sich in diesem Jahr einen inhaltlichen Schwerpunkt gesucht, um sich den Karrieremöglichkeiten rund um Fremdsprachen zu widmen. Der Bedarf an sprachgewandten Fachkräften wächst stetig. Ein wichtiger Arbeitgeber ist beispielsweise die Europäische Kommission. Die Generaldirektion Dolmetschen der Europäischen Kommission sucht dringend Nachwuchs und möchte auf der Expolingua Berlin insbesondere auf die Karrieremöglichkeiten für deutsche Dolmetscher aufmerksam machen.

Welche Möglichkeiten bieten sich Interessierten zum Thema »Dolmetschen und Übersetzen« auf der Expolingua?

In Zusammenarbeit mit der Generaldirektion Dolmetschen und der Generaldirektion Übersetzen der Europäischen Union und dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ; Anm. d. Red.) werden Angebote rund um das Thema im Messebereich präsentiert. Im Vortragsprogramm informieren Experten über die Vielfalt dieses Berufsfeldes, geben einen Einblick in Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten und stellen Jobmöglichkeiten vor. Dabei können die Besucher mehr darüber erfahren, was ein Dolmetscher oder Übersetzer eigentlich macht, wo er arbeiten kann und wie die Ausbildung aussieht. Themen im Vortragsprogramm sind Translationswissenschaft und Übersetzen/Dolmetschen, Übersetzen und Dolmetschen für die Internationale Solidarität, Dolmetschen für Europa sowie Dolmetschen bei der Polizei.

Wie können sich Interessierte schon im Vorfeld der Messe bestmöglich über Programm und Aussteller informieren?

Unsere Webseite bietet Interessierten alle Informationen, die sie benötigen. Sei es über das Vortragsprogramm, den Veranstaltungsort, Informationen zum Schwerpunkt, unsere Ausstellerliste oder Linktipps zum Thema Sprachen - alles ist hier zu finden. Zudem bieten wir unseren Fans auf der Facebook-Seite der Expolingua Berlin Wissenswertes rund ums Thema Sprachen und halten sie über Neuigkeiten zur Messe auf dem Laufenden. Seit dem 21. September sind wir auch mit unserem Blog zum Schwerpunkt online.

Es gibt in diesem Jahr auch einen Messeblog, auf dem sich potentielle Besucher schon jetzt über den Schwerpunkt informieren können...

Das Medium Blog haben wir im vergangenen Jahr für die Expolingua Berlin entdeckt. Da 2008 Französisch die Gastsprache war, drehte sich der damalige Blog rund um die französische Kultur und Sprache. Woher kommt eigentlich das Croissant? Und wieso gilt Französisch als Sprache der Liebe? Die Einträge haben wir beibehalten, so dass alle diejenigen, die sich für die französische Sprache interessieren, noch die Möglichkeit haben sie nachzulesen.

Der diesjährige Blog möchte interessierte Besucher über verschiedene Sprachberufe informieren. Interviews mit Übersetzern und Dolmetschern sind dabei genauso geplant wie Hinweise über Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten. In den nächsten Wochen stehen Beiträge zum Konferenzdolmetschen, Literarischen Übersetzen, Dolmetschen im Bereich Film und Literatur sowie zur Games-Übersetzung auf dem Programm. Was macht ein Dolmetscher eigentlich? Wo kann er arbeiten? Wie sieht die Ausbildung aus und welche Möglichkeiten gibt es?

Kann man seinen Messebesuch sinnvoll vorbereiten?

Wer sich für bestimmte Sprachen und Themen interessiert, dem empfehle ich, einen Blick in unser Vortragsprogramm zu werfen, das ja bereits im Vorfeld im Internet zur Verfügung steht. Hier sind alle Vorträge und Mini-Sprachkurse gelistet. Letztere sind besonders beliebt. Neben den Klassikern wie Englisch und Spanisch kann auch in Sprachen wie Russisch, Bulgarisch, Chinesisch, Finnisch, Ukrainisch und Koreanisch reingeschnuppert werden. Am Sonntag wird es zusätzlich noch ein buntes Kulturprogramm geben. Auch hier lohnt sich auf jeden Fall zuvor ein Blick auf unsere Seite.

Lohnt sich ein Besuch der Expolingua 2009 auch, wenn man sich nicht speziell für den Messeschwerpunkt »Dolmetschen und Übersetzen« interessiert, sondern einfach sprachbegeistert ist?

Auf jeden Fall! Wer zum Beispiel eine Sprachreise, Sprachkurse, einen Schüleraustausch oder ein Praktikum im Ausland machen möchte, der ist bei uns ebenfalls richtig. Berufstätige können sich über eine sprachliche Weiterbildung informieren, für Lehrer und Dozenten werden spezielle Vorträge zu den Themen Auslandsschulwesen, neue Medien und innovativer Sprachunterricht angeboten. Das Thema frühkindlicher Spracherwerb steht Samstagvormittag im Mittelpunkt.

Neben dem Vortragsprogramm sind etwa 200 Aussteller aus 30 Ländern präsent, darunter Sprachschulen aus dem In- und Ausland, Sprachreiseveranstalter und Austauschorganisationen sowie Botschaften, Kulturinstitute, Fremdenverkehrszentralen und Verlage, bei denen sich die Besucher rund ums Fremdsprachenlernen und -lehren informieren können. 

Das Interview führte Juliane Seifert. 

 

Zum Weiterlesen:

www.expolingua.com (Homepage der Expolingua)

www.expolingua.com (Vortragsprogramm der Expolingua)

www.expolingua.blogspot.com (Blog der Expolingua 2009)

www.expolingua.blogspot.com (Blog der Expolingua 2008)



»Wir sind keine gewöhnlichen Saftschubsen«

von Thomas Körbel, erschienen am 01.05.2009

Für Ingrid Eurlings hat der Arbeitstag um 5.58 Uhr begonnen. Seit dem ersten Check-in am Morgen hat sie alle Hände voll zu tun. Passagiere versorgen, Fragen beantworten, freundlich sein. Erst war sie in Paris, jetzt geht es wieder zurück. Sie ist Zugbegleiterin im Thalys und reist täglich von Brüssel nach Köln, Paris oder Amsterdam und kümmert sich um die Fahrgäste der ersten Klasse.

Heute ist eine besondere Situation. Normalerweise stehen den Reisenden Tageszeitungen in den verschiedenen Landessprachen zur Verfügung, doch sie sind nicht an ihrem üblichen Platz. Ob es heute keine gebe, möchte jemand wissen. Ingrid Eurlings schüttelt den Kopf. »In Paris wurde eingebrochen, und die Zeitungen wurden gestohlen.« Ein Missgeschick, aber so etwas kommt vor. Der Fahrgast kann damit leben. Ingrids Devise: Always give a smile.

Die Türen schließen, es geht los. Eine Stunde und zweiundzwanzig Minuten dauert die Reise von Paris nach Brüssel. Die erste Klasse ist nahezu ausgebucht. Überwiegend Geschäftsleute pendeln zur Arbeit. Ingrid Eurlings serviert ihnen ein Frühstück. »Guten Tag, was darf es für Sie zu trinken sein?« Sie wechselt fließend zwischen Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch. Hervorragende Sprachkenntnisse in mindestens zwei »Amtssprachen« des Thalys ist eine Grundvoraussetzung, um in dem grenzüberschreitenden Zug zu arbeiten, je nach Stationierungsort in verschiedenen Kombinationen.

Die Belgierin ist Quereinsteigerin. Früher war sie verheiratet und hat die Buchhaltung im Unternehmen ihres Mannes organisiert. Heute ist sie geschieden, 55 Jahre alt und seit fünf Jahren wirbelt sie in grau-roter Uniform durch die Gänge des Thalys. »Es gibt keine Altersbeschränkung und keine strengen Hierarchien«, erklärt sie, und so ist ihr der Einstieg nicht schwer gefallen. »Die Arbeit macht mir eher Spaß«, erzählt sie. »Früher habe ich viel mehr gearbeitet, und es war anstrengender.«

Doch es ist nicht alles nur Spaß auf dem Thalys. »Manchmal befinden sich Testfahrer an Bord und schauen den Zugbegleitern heimlich genau auf die Finger«, berichtet sie. Die Mitarbeiter erfahren dann erst später, dass sie getestet wurden und an welchen Stellen sie sich falsch verhalten haben. Wem zu viele Abstriche zu Buche stehen, der riskiert seine Bonuszahlung am Ende des Jahres. Ingrid Eurlings hatte jedoch noch keine Probleme mit ihren verdeckten Tests. Always give a smile.

10.17 Uhr, der Zug kommt in Brüssel an. Für die meisten Geschäftsleute ist hier die Reise zu Ende, und auch Ingrid Eurlings hat für heute schon Feierabend. In Brüssel ist meistens Personalwechsel, vom Zugführer bis zum Servicepersonal, das ist das Unternehmenskonzept. Ingrid Eurlings ist bereits davongezogen, da entlockt eine Durchsage den Fahrgästen ein Seufzen. »Meine Damen und Herren, die Weiterfahrt verzögert sich um etwa 30 Minuten, weil wir auf das Bordpersonal warten müssen. Wir entschuldigen uns für die Verspätung«, hallt es aus dem Lautsprecher. Erst die Zeitungen, dann die Verspätung, heute ist der Wurm drin im Thalys 9417.

Die neue Mannschaft befindet sich noch im Zug von Köln nach Brüssel. Normalerweise haben sie etwa 20 Minuten Aufenthalt vor ihrer Rückfahrt. Diesmal bleibt ihnen keine Verschnaufpause. Doch von Stress keine Spur. Carlos Pinto steigt ein, zupft seine Uniform zurecht und räumt gelassen sein Servicewägelchen ein. Drei Wagons muss er mit seinem Kollegen versorgen.

Der gebürtige Portugiese und Wahlkölner ist ein alter Hase im Geschäft. Vor elf Jahren hat Thalys Köln in sein Netz aufgenommen. Er hat sich damals beworben und ist von Anfang an dabei gewesen. Er mag seine Arbeit, weil er ständig neue Dinge erlebt. Wie zum Beispiel neulich in Lüttich: »Am Bahnhof ist ein Geschäftsmann zum Rauchen ausgestiegen«, erzählt er mit einem breiten Grinsen auf den Lippen. »Plötzlich sind ihm die Türen vor der Nase zugefallen, und der Zug ist abgefahren. Der Mann hat sich dann ein Taxi nach Köln genommen und stand schon am Bahnsteig um sein Gepäck zu holen, als unser Zug ankam.«

Auch Prominenz kann man im Thalys treffen. »Vor ein paar Wochen habe ich Herrn Barroso einen Kaffee serviert.« Der Kommissionspräsident dürfte sich wohl besonders gefreut haben, im Zug von einem Landsmann bedient zu werden.

Eigentlich unterscheidet sich Eurlings und Pintos Arbeit nicht besonders von der eines Flugbegleiters. Dennoch sind beide der Meinung: »Wir sind keine gewöhnlichen Saftschubsen.« Der Service im Zug sei vielfältiger, es gebe Internetzugang, die Gäste könnten ein Taxi bestellen lassen, im Flugzeug liege dagegen die Betonung auf dem Sicherheitsaspekt, der beim Thalys nicht notwendig ist. Außerdem sieht Pinto einen großen Vorteil: »Ich bin fast jeden Abend zu Hause. Das ist mir persönlich wichtig. Kollegen bei Fluggesellschaften haben viel weniger Zeit für ihr Privatleben bei einem Vollzeitjob.« Ansonsten sei die Arbeit der Bordmannschaft allerdings relativ identisch mit der im Flugzeug. Ob denn das Vorurteil der homosexuellen Stewards auch für die männlichen Zugbegleiter gelte? Pinto lacht laut auf. »Wir wissen, dass mindestens 50 Prozent der Männer bei uns schwul sind«, sagt er. »Aber das ist völlig unbedeutend.« Jeder dürfe seine Neigungen offen äußern, berichtet Pinto. Antidiskriminierung werde bei Thalys groß geschrieben.

Noch eine weitere Person ist in Brüssel zugestiegen. Delphine van Meerhaegbe ist Supervisorin und damit die direkte Ansprechpartnerin für Pinto. Die junge Belgierin ist verantwortlich für das 30 Personen starke Serviceteam in Köln, der kleinste der vier Standorte des Unternehmens mit etwa 400 Bordservicemitarbeitern. Regelmäßig begleitet sie ihre Leute bei der Arbeit, gibt ihnen Tipps und schreibt am Ende des Jahres eine Evaluation. Das hindert sie jedoch nicht daran, selbst im Zug mitanzupacken. Eigentlich wollte sie Stewardess werden. »Aber dafür bin ich mit meinen 1,58 Metern offiziell zwei Zentimeter zu klein«, sagt die zierliche junge Frau. Dann ist sie vor zehn Jahren zu Thalys gegangen, zunächst auch als einfache Zugbegleiterin. Supervisor ist eine der wenigen Aufstiegsmöglichkeiten für das Bordpersonal im Thalys.

Sie ist zufrieden mit der Arbeit ihrer zwei Kollegen. Der Zugführer kündigt die Ankunft in Köln an, das Reiseziel ist in Sicht. Die Zugbegleiter postieren sich neben den Türen und verabschieden die Fahrgäste. Die Sonne strahlt ihnen auf dem Bahnsteig entgegen. Pinto und van Meerhaegbe setzen ihre Sonnenbrillen auf. Auch sie haben nun Feierabend. Always give a smile.

Fotos:

Thomas Körbel



Die Welt entdecken mit dem VIE

von Thomas Körbel, erschienen am 15.02.2009 

Romain Chartier befindet sich gerade in einer spannenden Phase. Seit genau einem Jahr arbeitet er in einer kleinen Firma in Frankfurt, die Internetauftritte und Druckwerke für andere Unternehmen erstellt. Er ist einer von rund 4000 jungen Franzosen, die, finanziert von einem staatlichen Förderprogramm, jedes Jahr für französische Firmen im Ausland arbeiten. Sein Jahresvertrag läuft Anfang Februar aus, auf eine Verlängerung wartet er gerade. »Es ist ein blödes Gefühl, wenn man nicht weiß, was kommt«, findet er. Doch Worte und Körpersprache passen nicht so recht zusammen. Vollkommen gelassen sitzt er auf seinem Sofa und schaut über die Dächer der Mainzer Altstadt. Hier lebt er. Er ist sich sicher, dass er die Verlängerung bekommt und noch ein weiteres Jahr in Deutschland bleiben darf.

Die Ruhe ist Chartiers Markenzeichen. Der 24-jährige Informatiker ist weder Überflieger noch karrierebesessen. Vielmehr genießt er sein Leben, und wo sich eine Chance ergibt, da greift er zu. Das war schon immer so. Auch Deutschland war so eine Möglichkeit, bei der er einfach im richtigen Moment zugelangt hat. »Ich bin da reingepurzelt, wie Obelix in den Kessel mit Zaubertrank gefallen ist«, schmunzelt er mit einem Hauch von Selbstironie. Dick ist Chartier weiß Gott nicht.

Der Vergleich trifft trotzdem ganz gut: Nach seiner Informatikausbildung am Institut universitaire de technologie und an der Universität in Rennes hat Romain Chartier einen Ferienjob gesucht. Er sei fast aus allen Wolken gefallen, als er beim Vorstellungsgespräch beim Softwarehersteller Jouve in Mayenne plötzlich einen unbefristeten Vertrag angeboten bekam. Ein Jahr später expandierte das Unternehmen und kaufte eine kleine Firma in Deutschland. »Da habe ich kurz überlegt, und dann habe ich angeboten, für das französische Mutterhaus nach Deutschland zu gehen«, erzählt er.

Das sah anfangs nicht so einfach aus. »Zu hohe Investitionen«, hieß es. Aber Chartier ließ sich davon nicht entmutigen. Von Freunden kannte er das Internationale Volontariat (VIE), ein Programm des französischen Staates. Es ermöglicht jungen Franzosen, für sechs bis 24 Monate in einem französischen Unternehmen im Ausland zu arbeiten. Das Programm ist interessant für die Kandidaten wie für die Unternehmen, denn sämtliche Steuern entfallen. Die Kosten bleiben somit überschaubar: Jouve kann durch eine Entsendung über das Internationale Volontariat weit mehr als 10.000 Euro einsparen. Für Chartiers Vorgesetzte war das ein schlagendes Argument, und sie schickten ihn nach Deutschland.

Nun arbeitet er also seit einem Jahr in Frankfurt als einer von drei Franzosen in der gut 30 Personen starken Filiale von Jouve Germany. Seine Mission ist es, die im französischen Mutterhaus verwendete Technologie in der neuen Außenstelle zu etablieren. Doch die Arbeit in einem multinationalen Unternehmen ist nicht immer einfach. Bei der Kommunikation mit der Zentrale in Frankreich kommt es gelegentlich zu Missverständnissen. »Bei E-Mails muss man höllisch aufpassen und zweimal so umsichtig und präzise sein wie sonst«, beschreibt er die Tücken der Zusammenarbeit auf große Distanz. Sprachliche Ungenauigkeiten können gerade bei Menschen verschiedener Muttersprachen zu Irrtümern führen, »Unsere Konferenzen sind zum Beispiel immer auf Englisch«, erzählt er. »Es ist komisch, wenn wir dann sogar unter Franzosen Englisch sprechen. Manchmal spreche ich dann mit meinen deutschen Kollegen nach der Konferenz auch noch auf Englisch weiter. Das ist schade.«

Die Arbeit mit den Kollegen ist für Chartier eine Bereicherung. »Ich habe das Gefühl, die Deutschen sind offener und interessierter als die Franzosen«, so sein Eindruck. Manche geben sich sogar Mühe und lernen Wortfetzen Französisch, nur um hier und da einen Witz machen zu können. »Das habe ich in Frankreich noch nie erlebt«, sagt er.

Der Humor ist Romain Chartier nicht nur bei der Arbeit wichtig. Deswegen ist er nach Mainz gezogen, als seine Freundin vor einem halben Jahr auch nach Deutschland kam. Gemeinsam freuen sich die beiden auf ihre erste Fastnacht in der Rheinmetropole, und seine Liebe zu Mainz 05 hat er auch schon entdeckt.

Dass er es noch mal machen würde, steht außer Frage. Das VIE sei eine super Chance, die für jeden eine riesige Bereicherung biete, findet er. Jetzt wartet er gespannt auf die Verlängerung seines Volontariats. Danach würde er gerne noch ein paar Jahre für seine Firma in Deutschland bleiben. »Andere machen so etwas bloß, um ihre Karriere aufzubessern«, sagt er »Mir ist das egal. Es hat mir von Anfang an gut in Deutschland gefallen, und wenn es damals Italien gewesen wäre, dann wäre es eben Italien gewesen.«

Fotos:

Portrait Romain Chartier: privat

Wegweiser von Kagi_BC unter http://www.flickr.com/photos/kagi/2728869633/


Volontariat international en entreprise (VIE)

Das Programm wird von UBIFrance aufgelegt, einer öffentlichen Einrichtung, die französischen Unternehmen beim Export und bei der Etablierung in andern Ländern helfen soll. Junge Menschen von 18 bis 28 Jahren können über das VIE für sechs bis 24 Monate in der Filiale einer französischen Firma im Ausland arbeiten. Dabei schließen sowohl der Kandidat als auch das Unternehmen einen Vertrag mit UBIFrance als Vermittler. Für beide Seiten entfallen sämtliche Steuern, sodass das Unternehmen kostengünstig Fachkräfte ins Ausland schicken kann, der Kandidat jedoch vor Ort über einen ordentlichen Lebensunterhalt verfügt. 2006 wurden rund 4500 Kandidaten in Jobs vermittelt, gut 1000 Unternehmen nahmen an dem Programm teil. Auf dem Webportal www.civiweb.com können Interessenten ihr Profil einstellen.



»Unsere Studenten kennen keine Arbeitslosigkeit«

von Thomas Körbel, erschienen am 01.10.2008

Sarah Rüffler hat im Studium schon erlebt, worauf sie nun im Berufsleben Wert legt. Ihre Flexibilität. Die Münchnerin hat die Hälfte ihres Politikstudiums in Frankreich verbracht, Land und Leute kennengelernt, und zudem hat sie ein deutsch-französisches Doppeldiplom bekommen. Damit kann sie nun problemlos beiderseits des Rheins Arbeit suchen. »Ich habe diese Freiheit immer sehr geschätzt«, sagt sie.

An Absolventen wie Sarah Rüffler richtet sich das Deutsch-Französische Forum (DFF). Die Unternehmen, die sich am 14. und 15. November in Straßburg präsentieren, suchen nicht nur gut ausgebildete und flexible Arbeitskräfte. Die Verbundenheit der Absolventen mit zwei Ländern und ihren Sprachen ist gefragt. Interkulturelle Kompetenz ist das Stichwort, um Verständigungsproblemen in international operierenden Unternehmen vorzubeugen.

In zehn Jahren hat sich das DFF als erste Adresse für Unternehmen und Absolventen auf dem deutsch-französischen Arbeitsmarkt etabliert. Spitzenunternehmen und öffentliche Institutionen aus beiden Ländern kommen jedes Jahr zusammen, um Führungskräfte zu rekrutieren. Zwar ist die Tendenz seit der ersten Messe 1999 abnehmend, doch die Organisatoren sehen darin kein Anzeichen für sinkende Bedeutung der deutsch-französischen Beziehungen.

In den Anfangsjahren beteiligten sich etwa 100 Unternehmen, doppelt so viele wie in der jüngeren Vergangenheit. 2007 waren es 58, 28 davon kamen aus Deutschland, 19 aus Frankreich. In diesem Jahr werden ähnliche Zahlen erwartet. Die Ursache für das Ungleichgewicht zwischen deutschen und französischen Unternehmen ist im Zentralismus links des Rheins zu suchen. »Die Firmen bleiben in Paris und sehen keinen Grund, warum sie sich in die Provinz nach Straßburg begeben sollten«, erklärt Josiane Fichter vom DFF.

Kleine Unausgewogenheiten stellen jedoch nicht den deutsch-französischen Arbeitsmarkt an sich in Frage, findet Pierre Monnet, Präsident des DFF. 90 Prozent der ausstellenden Firmen kommen aus den beiden Ländern. 7000 Besucher zählte das Forum 2007. Es ist naheliegend, dass das Forum eng mit der  Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) verknüpft ist. Rund 5000 Studenten sind derzeit an der DFH eingeschrieben. Und Monnet glaubt, der Arbeitsmarkt könnte aufgrund der engen wirtschaftlichen Verbindungen noch viel mehr deutsch-französisch qualifizierte Führungskräfte verkraften. (Lesen Sie weiter: Pierre Monnet im Interview.) Vor allem in der Ingenieursausbildung und den Naturwissenschaften mangele es, was auch die OECD in ihrer Mitte September veröffentlichten Hochschulstudie nahegelegt hat. Diese Bereiche machen mehr als ein Drittel der DFH-Studiengänge aus. Hier will Monnet in Zukunft verstärkt fördern. »Unsere Studenten kennen keine Arbeitslosigkeit, ob Juristen oder Ingenieure«, betont der designierte DFH-Präsident.

Andererseits haben Studenten im kultur- und geisteswissenschaftlichen Bereich mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen. »Aber das geht nicht nur unseren Studenten so«, wehrt Monnet ab. »Alle sind davon betroffen, egal ob in Deutschland oder in Frankreich.« Die Konjunkturaussichten in diesen Metiers seien für die kommenden fünf Jahre nicht besonders rosig, gibt er zu. Er ist allerdings überzeugt, ein deutsch-französisches Doppeldiplom und die damit verbundenen interkulturellen Kenntnisse sind auch im kulturellen Bereich ein Trumpf, auf den man setzen kann.

Diese Meinung teilen viele. Eric Charbonnier von der OECD behauptet, je mehr Diplome man habe, desto geringer sei die Gefahr der Arbeitslosigkeit. Auch in der Praxis scheint das zuzutreffen. Zwar seien nicht alle Kommilitonen von Sarah Rüffler nach dem Studium dort gelandet, wo sie hinwollten. Aber mit Arbeitslosigkeit gebe es keine Probleme. Darüber hinaus empfiehlt sie jungen Absolventen aktives Networking. »Das ist wichtig und heutzutage einfach«, sagt sie. Selbst deutsch-französische Gruppen gibt es bei den gängigen Internetplattformen wie zum Beispiel Xing.

Trotz positiver Stimmung bleibt der deutsch-französische Arbeitsmarkt von Spannungen nicht verschont. Der binationale Vorzeigekonzern Airbus machte vergangenes Jahr mit Streiks wegen Stellenstreichungen und Standortverlagerungen Schlagzeilen. Im Mai hat sich die Doppelspitze im Konzern aufgeteilt. Thomas Enders übernahm die alleinige Führung bei Airbus, sein Kollege Louis Gallois ist seitdem Chef des Mutterkonzerns EADS. »In zehn Jahren werden wir bei Airbus vielleicht Manager haben, die einen deutsch-französischen Abschluss haben, und dann wird es solche Querelen hoffentlich nicht mehr geben«, hofft Pierre Monnet.

Damit das Argument funktioniert, will Monnet die DFH ausbauen. Doktorandenausbildung möchte er fördern und die Zahl der Studenten auf 10.000 verdoppeln. Auch die Internationalisierung der Studiengänge ist ein Thema. Bei einer Erweiterung um Drittländer ist er allerdings zurückhaltend, um nicht »an die Grenze des organisatorisch Möglichen« zu stoßen. Lieber will er ausländische Studierende dazu gewinnen, deutsch-französische Studiengänge zu belegen. »Ein Pole oder ein Russe haben dann genau die gleichen Diplome und Chancen wie unsere klassischen Studenten«, so Monnet.

Auf Internationalisierung setzt er auch beim DFF. Zum zehnten Jubiläum hat er es in »Europäische Stellenbörse und Studienmesse« umbenannt, »damit die deutsch-französische Komponente nicht mehr so exklusiv erscheint«.

Dass zehn Jahre Forum ein wachsender Erfolg sind, zeigt sich für ihn nicht nur an hohen Besucherzahlen. 2008 hat das Forum ein Abkommen mit der französischen Vermittlungsagentur für Führungskräfte APEC geschlossen. »APEC hat uns als Eingangstor zum deutschen Arbeitsmarkt identifiziert«, freut sich Monnet. Dass eine solche Organisation mit rund 900 Angestellten, Marktführer in Frankreich, sein Drei-Mann-Team als Partner wahrnimmt, ist für Monnet eine große Auszeichnung.

Doch die Messe in Straßburg ist nicht alles. Schon seit einigen Jahren können Absolventen auf der Webseite des Forums ihren Lebenslauf anlegen. Eingetragene Unternehmen greifen nach Bedarf auf diese Datenbank zu. Aktuell sind dort etwa 3500 Lebensläufe einzusehen. Die Resonanz der Unternehmen ist allerdings eher gering. »Die meisten warten tatsächlich bis zur Messe«, bedenkt Josiane Fichter. In Zukunft soll es eine zweite Veranstaltung in Berlin geben. In Kooperation mit APEC wird dort im Mai 2009 eine deutsch-französische Forschungsmesse stattfinden.

Wie viele junge Menschen beim Straßburger Forum in der Vergangenheit tatsächlich den Einstieg in den Job geschafft haben, ist nicht dokumentiert. Sarah Rüffler war damals dort, als sich ihr Studium dem Ende zuneigte. Sie wurde nicht fündig. Ihren ersten Job bei Siemens verdankt sie nach eigener Einschätzung dem guten Ruf der französischen Partneruniversität, Science Po Paris. Nach einem Praktikum hielt sie den Kontakt, arbeitete zunächst als Werksstudentin und bekam dann eine feste Stelle. Das zeigt, dass selbst die beste Jobmesse Eigeninitiative und gute Kontakte nicht ersetzen kann.

Mehr Infos unter:

http://www.dff-ffa.org

http://www.dfh-ufa.org

Fotos:

Portrait Sarah Rüffler: privat

Wegweiser von magicArtwork unter http://www.flickr.com/photos/magicartwork/2855142163/

DFF: Deutsch-Französisches Forum


Das Deutsch-französische Forum

Das Deutsch-französische Forum fand als Jobmesse erstmals 1999 in Metz statt. Es arbeitet als eingetragener Verein nach französischen Recht (Association Forum Franco-Allemand). Den Vorsitz hat die Deutsch-Französische Hochschule inne. Studenten und Unternehmen können auf der Webseite des Forums ganzjährig eine Lebenslauf- und Rekrutierungsdatenbank nutzen.



Arbeit auf Abruf

von Claas Peters, erschienen am 15.03.2008

In den vergangenen Jahren verzeichnet Zeitarbeit sowohl auf dem deutschen als auch auf dem französischen Markt stark steigende Wachstumszahlen. In Frankreich waren 2004 2,1 Prozent der Erwerbstätigen als Zeitarbeiter tätig, so viele wie in kaum einem anderen europäischen Land. In Deutschland lag die Zeitarbeitsquote mit 1,2 Prozent deutlich darunter, allerdings nehmen hier die Wachstumsraten deutlich zu.

Zeitarbeit ermöglicht es den Unternehmen kurzfristig und flexibel die Zahl ihrer Mitarbeiter zu erhöhen – und wieder zu senken. Der Arbeitnehmer ist bei diesem Beschäftigungsverhältnis Festangestellter des Zeitarbeitsunternehmens. Dieses stellt dann gegen Gebühr die Arbeitskraft seiner Arbeitnehmer so lange zur Verfügung, wie diese in dem jeweiligen Unternehmen benötigt wird.

Zwar ist ein Großteil der Zeitarbeiter meist in Bereichen beschäftigt, die einfache Arbeiten erfordern, aber ein steigender Anteil der Zeitarbeitnehmer ist gut ausgebildet und hoch spezialisiert. Diese Fachkräfte bekommen von ihren Zeitarbeitsunternehmen hohe Gehälter gezahlt, wenn sie Unternehmen ihr Wissen zur Verfügung stellen.

Die Wachstumsraten verdeutlichen: Zeitarbeit könnte das Arbeitsmodell der Zukunft sein. Flexibel können Unternehmen den Mitarbeiter mit exakt dem Wissen und Können einkaufen, das sie benötigen, und brauchen diesen nur so lange zu entlohnen, wie er benötigt wird.

Zeitarbeit gibt es seit etwa fünf Jahrzehnten rechts und links des Rheins, aber ihre Entwicklung verlief in Deutschland und Frankreich sehr unterschiedlich. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland tauchte dieses Arbeitsmodell in den späten Fünfziger-, frühen Sechzigerjahren auf. Schnell formierte sich gegen diese Form der Arbeitskraft-Leihgabe Widerstand in den Reihen der Gewerkschaften und von Seiten staatlicher Arbeitsvermittlungsagenturen.

In Deutschland bestand ein staatliches Monopol auf Arbeitsvermittlung. Die damalige Bundesanstalt für Arbeit sah eben dieses Monopol durch die Aktivitäten von Zeitarbeitsfirmen in der Bundesrepublik verletzt.

Erst 1967 hatte eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht Erfolg, die von Europas erstem Zeitarbeitsunternehmen, Adia Interim, angestrebt worden war. Diesem ersten Urteil folgte 1970 ein zweites, für die Zeitarbeit in Deutschland entscheidendes: Das Bundessozialgericht entschied, dass Zeitarbeitsunternehmen das Arbeitgeberrisiko zu tragen haben, was bedeutet, dass sie zu Lohnfortzahlung auch dann verpflichtet sind, wenn der bei ihnen angestellte Zeitarbeiter vorübergehend nicht in einem Unternehmen beschäftigt werden kann.

In Frankreich dagegen waren es die Gewerkschaften, die regulierend bei der Einführung von Zeitarbeit wirkten und einen Tarifvertrag aushandelten, der dafür sorgen sollte, die Zeitarbeiter gegenüber den Normalbeschäftigten nicht zu benachteiligen. 1969 war es der Gewerkschaftsbund Confédération générale du travail (CGT), der mit dem Zeitarbeitsunternehmen Manpower den ersten Tarifvertrag schloss.

Während also in Deutschland der Gesetzgeber festlegte, welche Kriterien erfüllt werden müssen, damit Zeitarbeit legal ist, und die deutschen Gewerkschaften lange bestrebt waren, ein umfassendes Verbot der Zeitarbeit zu erreichen, arrangierten sich die französischen Gewerkschaften früh und setzten sich dafür ein, dass die Zeitarbeiter gegenüber ihren normalbeschäftigten Kollegen zumindest in der Entlohnung nicht benachteiligt werden. In Frankreich ist das allgemeine Ansehen von Zeitarbeit höher und sie wird weniger als Arbeit zweiter Klasse angesehen, sondern als eine andere Arbeitsform als die Normalbeschäftigung. So verdienen französische Zeitarbeiter eben soviel wie ihre Kollegen mit unbefristeten Arbeitsverhältnissen, sie tragen allerdings ein höheres Risiko, da sie dieses Gehalt nur für die Dauer der Beschäftigung erhalten.

Deutschland nähert sich dem französischen Modell seit einigen Jahren an. Ursprünglich sollten die Arbeitgeber unbefristete Arbeitsverhältnisse abschließen. Dazu sollte unter anderem eine Befristung der Überlassungsdauer auf zwölf Monate beitragen. Diese Regelung wurde inzwischen außer Kraft gesetzt, so dass eine dauerhafte Überlassung des Zeitarbeiters an das Kundenunternehmen möglich ist. Außerdem sollen Zeitarbeiter nach dem Gleichbehandlungsgrundsatz der regulär beschäftigten Belegschaft gegenüber nicht mehr benachteiligt werden.

Es ist zu erwarten, dass Zeitarbeit weiter zunehmen wird. Auch wenn die Leiharbeiter in Zukunft ihren unbefristet beschäftigten Kollegen hinsichtlich Entlohnung und Arbeitsbedingungen gleichgestellt sein werden, so bleibt doch fraglich, ob diese Entwicklung gerade für Arbeiter mit geringerem Einkommen von Vorteil sein wird. Zwar könnten diese, wenn sie arbeitslos werden, dank Zeitarbeit schneller eine Beschäftigung finden. Sie müssen sich aber damit abfinden, nie mehr auf Monate die Gewissheit zu haben, überhaupt Gehalt zu bekommen.

Quellen:

Arrowsmith, James (European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions): Temporary agency work in an enlarged European Union. Luxemburg, Office for Official Publications of the European Communities, 2006.

Belkacem, Rachid: L’institutionnalisation du travail intérimaire en France et en Allemagne. Une étude empirique et théorique. Paris/Montréal (Qc), L’Harmattan, 1998.

Wandel, Matthias: Zeitarbeit in Deutschland und Frankreich, Verlag: Vdm Verlag Dr. Müller; Auflage: 1 (Juli 2007).



Diplom – Und was jetzt?

von Mira Manck, erschienen am 15.11.2007

Mit Abschluss des Studiums stehen Absolventen in Deutschland und Frankreich vor der gleichen Herausforderung: Der Arbeitsplatzsuche. Ein Problem, das all jenen Kopfschmerzen bereitet, die aufgrund ihrer Studienfachwahl nicht zur gefragten Zielgruppe gehören.

Doch die Chancen für Akademiker stehen derzeit gut. Die Wirtschaft in Europa zieht an und die Arbeitslosenzahlen sinken. Von dieser Entwicklung profitieren insbesondere hochqualifizierte Arbeitskräfte. So lag im Jahr 2005 die generelle Arbeitslosenquote in Deutschland bei 11,2 Prozent, die Akademikerarbeitslosenquote nur bei 3,8 Prozent. Ähnliche Verhältnisse gelten für Frankreich. Hier waren im selben Jahr durchschnittlich knapp 10 Prozent der Erwerbsfähigen arbeitslos, bei den Akademikern dagegen nur 4,9 Prozent.

Der Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitern wächst weiterhin, und Experten erwarten aufgrund negativer Bevölkerungsprognosen und sinkender Studienanfängerquoten in Deutschland einen erheblichen Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften. Wenngleich Frankreich dank seiner positiven Bevölkerungsentwicklung von diesem Problem wohl vorerst verschont bleiben wird, plagen auch die französische Wirtschaft Nachwuchssorgen. So weist das statistische Wirtschaftsamt DARES (Direction des études du ministère de l’emploi) darauf hin, dass mit der Pensionierung der starken Nachkriegsjahrgänge Frankreich in den kommenden Jahren vor einem Rekrutierungsproblem stehen wird.

Dies scheinen gute Nachrichten für den deutschen und französischen Fach- und Führungskräftenachwuchs zu sein. Jedoch können sich nicht alle Absolventen beruhigt zurücklehnen und darauf waren, dass ihnen die besten Stellen angeboten werden. Denn die steigende Nachfrage betrifft (zumindest derzeit) nur bestimmte Fachbereiche. In beiden Ländern sind Abgänger ingenieurwissenschaftlicher Fächer besonders begehrt. Während dieser Bedarf in Deutschland temporär ist, kann man in Frankreich nicht von einer vorübergehenden Trend sprechen. Der Mangel an Ingenieuren in Deutschland geht auf die geringe Nachfrage nach diesen Fachkräften und deren schlechte berufliche Aussichten in den Achtziger- und Neunzigerjahren zurück. Mit zeitlicher Verzögerung hat dies zu rückläufigen Studienanfängerquoten geführt. Jetzt, da die deutsche Wirtschaft händeringend nach Ingenieuren sucht, beginnt die Studentenzahl der Ingenieurwissenschaften wieder langsam zu steigen. Bis diese dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, werden aber mindestens fünf bis zehn Jahre vergehen. Ob diese Fachkräfte dann nach wie vor heiß begehrt sind, ist allerdings unsicher.

In Frankreich dagegen unterliegt die Nachfrage nach Ingenieurstudenten kaum zyklischen Schwankungen. Traditionell genießen Ingenieure dort ein hohes Ansehen und gute berufliche Aussichten. Technik ist in französischen Schulen ein eigenständiges Unterrichtsfach – in Deutschland wird die Forderung nach einem solchen Pflichtfach derzeit ebenfalls laut. Zudem besitzt das technisch-naturwissenschaftliche baccalauréat scientifique eine Vorrangstellung unter den verschiedenen Abiturtypen und ist auch für Karrierewege nützlich, die nicht im Bereich der Mathematik oder Naturwissenschaften liegen.

Somit fällt französischen Schulabgängern die Studienentscheidung für ein technisches Fach wohl grundsätzlich leichter als ihren deutschen Kollegen. Im Jahr 2003 hatten in Frankreich 2,2 Prozent der 20- bis 29-Jährigen einen Hochschulabschluss in einem naturwissenschaftlich-technischen Fach. In Deutschland lag die Quote im selben Jahr nur bei 0,8 Prozent.

Dennoch fehlen in Frankreich Absolventen der Ingenieurwissenschaften. Dies liegt nicht zuletzt an der großen Nachfrage seitens der französischen Unternehmen. So arbeiten Ingenieure in Frankreich oft nicht als Fachkräfte in technischen Abteilungen, sondern werden von den Unternehmen gerne als Führungskräfte auch in fachfremden Bereichen beschäftigt. Aufgaben, für die man in Deutschland Betriebswirtschaftler vorzieht.

Ein weiterer Faktor spielt für den Berufseinstieg in Frankreich eine große Rolle: die Wahl der richtigen Hochschule. Während sich Deutschland derzeit im Rahmen der Exzellenzinitiative darum bemüht, eine größere Differenzierung zwischen den verschiedenen Universitäten zu schaffen, ist dies in Frankreich bereits gang und gäbe. Für die Absolventen der französischen Elitehochschulen verläuft der Einstieg in die Berufswelt meist reibungslos. Absolventen der renommierten Grandes Écoles müssen keine Wartezeiten zwischen Studienabschluss und Arbeitsvertrag befürchten. Zudem sind die Einstiegspositionen gehobene Posten mit unbefristeten Verträgen. Von solchen Bedingungen können die Absolventen der Universités nur träumen.

In Deutschland machen Personaler (bislang) kaum Unterschiede zwischen verschiedenen Hochschulabschlüssen. Lediglich mit der Unterteilung in Universitäten und Fachhochschulen wurde eine Hierarchisierung geschaffen. In vielen Unternehmen wird ein Universitätsabschluss als höherwertig eingestuft, was sich auch an Gehaltsunterschieden zwischen FH- und Uni-Abgängern ablesen lässt. Oft erfolgt der Einstieg in ein Großunternehmen über Trainee-Programme (siehe Infokasten).

Inwiefern die zukünftige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und die steigende Nachfrage nach Akademikern diese nationalen Muster bei der Personalauswahl verändern werden, bleibt abzuwarten. Angesichts des zukünftigen Mangels an Fach- und Führungsnachwuchskräften, werden vielleicht auch bald jene Absolventen zu gefragten Kandidaten, die vermeintlich das falsche Fach belegt oder die falsche Hochschule gewählt haben. Bis dahin müssen die weniger begehrten Studenten aber weiterhin ihrem Studienabschluss besorgt entgegensehen.

Quellen:

Bauer, Michel; Bertin-Mourot, Bénédicte (1995b): Le recrutement des élites économiques en France et en Allemagne.

Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) (2006): Arbeitsmarkt kompakt 2006 − Arbeitsmarkt für Akademiker.

INSEE - Institut National de la Statistique et des Études Économiques (Hrsg.) (2006): Nombre de chômeurs et taux de chômage.

Graham, Harold T.; Bennett, Roger (1998): Human resources management. London u.a.: Pitman Publishing.

Koch, Julia; Mohr, Joachim (2006): Gute Fächer, schlechte Fächer. In: Der Spiegel, 50/2006

Raimbault, Michel (1998): Studiengänge der Betriebswirtschaftslehre in Frankreich.


Trainee-Programme

Praktisch unbekannt ist in Frankreich der Einstieg in die Berufswelt in Form eines Trainee-Programms. Trainees durchlaufen in der Regel eine ein- bis zweijährige Ausbildung während der sie verschiedene Abteilungen und Niederlassungen des Unternehmens kennenlernen. Auf diesem Weg gewinnen sie einen guten Einblick in den Unternehmensalltag. Begleitet wird dieser praktische Arbeitseinsatz von wissensbasierten Seminaren oder Workshops, die den Teilnehmern wichtige soft skills vermitteln sollen, also zwischenmenschliche Fähigkeiten. Eine Garantie auf Festanstellung im Unternehmen nach Ende der Trainee-Zeit gibt es allerdings nicht. So heißt es dann möglicherweise nach Ablauf des Einsatzes, erneut auf Stellensuche zu gehen.



Convention de stage, Zeugnis, Heiratsurkunde – Was man bei einem Praktikum in Deutschland und Frankreich benötigt

von Thomas Körbel, erschienen am 01.10.2005

Die Anforderungen an Studenten in Europa steigen. Unternehmen erwarten nicht nur ein gut abgeschlossenes Studium, sondern vor allem Sprachkenntnisse und Mobilität. Praktika im Ausland sind eine Möglichkeit, beiden Anforderungen gerecht zu werden. Gerade für Deutsche und Franzosen bietet sich da eine Fülle an Chancen im jeweiligen Partnerland. Allein das Deutsch-Französische Jugendwerk förderte 2003 rund 300 deutsche Studenten und Auszubildende bei einem Praktikum in Frankreich, über 750 Franzosen unterstützte es in Deutschland. Bei der Suche nach einem Praktikumsplatz und bei der Organisation eines Aufenthaltes gibt es jedoch so einiges zu beachten.

Es gibt verschiedene Wege ein Praktikum im Partnerland zu finden. Patrik Freichel von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW) hat bereits zwei praktische Erfahrungen im Nachbarland gesammelt. Dabei hat er, als Teilnehmer eines deutsch-französischen integrierten Studiengangs mit Doppeldiplom der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) im Fach BWL, kaum Probleme gehabt. Er empfiehlt vor allem spontane Initiativbewerbungen auf Stellen, die gar nicht unbedingt ausgeschrieben sind. Das Internet bietet da eine Fülle von Informationen (siehe Infokasten). Dort findet man vor allem viele Organisationen, die gegen zumeist horrende Gebühr Praktika vermitteln. Freichel hat die Erfahrung gemacht: »Wenn man ein bisschen auf Menschen zugehen kann, dann kann man sich das sparen.«

So reibungslos wie bei Patrik Freichel läuft eine Praktikumssuche im Nachbarland jedoch nicht immer ab. Im Vergleich haben es Deutsche schwerer, ein Praktikum in Frankreich zu finden, als Franzosen in Deutschland. Die Gründe dafür sind formaler Art. In Frankreich benötigt ein Praktikant gerade für Pflichtpraktika eine so genannte Convention de stage, einen Praktikumsvertrag. Dabei handelt es sich um eine Übereinkunft zwischen dem Praktikanten, seiner Universität und dem Arbeitgeber der Praktikumsstelle, die sowohl Praktikumsinhalt als auch Vergütung und vor allem Haftungsfragen klärt. »Damit entlastet die Hochschule das Unternehmen, bringt sich aber selbst in eine ungünstige Lage«, sagt Sandra Duhem, Koordinatorin des Frankreichzentrums der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Denn was in Frankreich üblich ist, praktizieren die deutschen Hochschulen nicht. Da die deutsche Hochschule die Versicherung nicht trägt, sind Studenten während eines Praktikums in der Regel selbst haftpflicht- und unfallversichert. Professor Christian Autexier vom Centre juridique franco-allemand der Universität des Saarlandes befindet, der Knackpunkt seien die Formulierungen, denn die vorgefertigten Konventionstexte der Firmen seien oft aus Sicht der Universitäten nicht klar. »Deshalb sollte man selbst in der Convention de stage klarstellen, dass weder Unternehmen noch Universität im Fall der Fälle haften«, erklärt er.

Autexier hat für seine Hochschule eine eigene Convention entworfen, »eine Minimalversion, die für die Unternehmen in Ordnung ist«, befindet Sandra Duhem. Zusammen mit diesem Vertrag bringt der Student seinen Versicherungsbeleg ein. Die Convention sei im Prinzip für alle Studenten nutzbar, macht Duhem auf die Möglichkeit aufmerksam, diese auf den Seiten des Frankreichzentrums der Universität des Saarlandes im Internet zweisprachig herunterzuladen. Dann müsse selbstverständlich nur noch Name und Adresse der Universität geändert werden.

Es kann auch sein, dass gerade größere Unternehmen eigene Konventionstexte vorschreiben. In diesem Fall ist eine Universität wie die in Saarbrücken in einer günstigen Lage. Professor Autexier prüft sie dann gegebenenfalls und rät dazu, einen Sonderartikel für die Haftung einzuarbeiten. Jedoch sind Universitäten, die nicht über Fachpersonal des französischen Rechts verfügen, diesbezüglich klar im Nachteil. Gerade hier sei eine bilinguale Konvention von Nöten. Es reiche keinesfalls, das französische Original übersetzen zu lassen, betont Autexier.

Karin Fouledeau vom Centre d'Information et de Documentation Universitaire (CIDU) hat schon häufig mit Unternehmen telefoniert, weil Studenten Probleme mit der Convention de stage hatten. »Einige französische Personalabteilungen wissen gar nicht, dass sie rechtlich dazu befugt sind, Praktikanten auch ohne Convention aufzunehmen«, hat sie festgestellt. Sollte auf deutscher Seite die Bildungsstätte nicht bereit sein, eine Convention de stage zu unterzeichnen, kann der Student selbst eine gütliche Einigung, einen accord amiable mit dem Unternehmen unterzeichnen. Dieser „sollte jedoch so genau wie möglich die Aufgaben des Praktikanten schildern, die nur nichtproduktive Tätigkeiten beinhalten dürfen, da im Falle einer Kontrolle der Arbeitsaufsichtsbehörde sonst das Unternehmen wegen Schwarzarbeit angeklagt werden kann“, erklärt sie. Auch für Abiturienten, die noch nicht an einer Hochschule eingeschrieben sind und nach der Meinung von Sandra Duhem die größten Schwierigkeiten haben dürften, ist dies ein Weg ins Partnerland. Generell sei es einfacher, etwas im Ausland zu finden, wenn man vorher schon im Inland erste Erfahrungen gesammelt habe.

Franzosen, die nach Deutschland wollen, haben es insofern einfacher, da Formalitäten wie die Convention de stage dort nicht existieren. Dafür täten sich Franzosen mit den geforderten Bewerbungsunterlagen schwerer, weiß Heiner Bleckmann vom Europaservice der Bundesagentur für Arbeit. Zur vollständigen Bewerbung gehören in der Bundesrepublik nicht nur ein Lebenslauf und ein kurzes Anschreiben, sondern auch ein Foto und ganz besonders Zeugnisse. Traditionell seien Praktika in Frankreich unüblicher als in Deutschland. »Daher sind dort oftmals viele Initiativbewerbungen nötig, um etwas zu finden«, zeichnet er den Unterschied nach, wohingegen es in Deutschland mehr offizielle Ausschreibungen gebe.

Ein ganz heißer Tipp für engagierte Franzosen sind die Leitfäden Stage-Export und Visa pour l’Emploi en Allemagne, die von der Mission Economique der französischen Botschaft in Deutschland herausgegeben werden. In diesen finden sich französische Unternehmen, »die in Deutschland Bedarf an bilingual und bikulturell gebildeten Praktikanten haben«, erklärt Volker Rauch, Chef des Sektors SAO – Orientierung, Internationale Beziehungen der Mission Economique.

Dass es noch andere Probleme zu bewältigen gibt, die wohl für beide Länder gelten, hat Patrik Freichel am eigenen Leib erfahren: Eine Unterbringung zu finden, ist oft eine aufwändige und kostspielige Sache. »Die Franzosen sichern sich gleich dreimal ab«, schildert er seine Erfahrungen mit der Bürokratie im Nachbarland. »Man benötigt einen Franzosen als Bürgen, oft wird eine Einkommensbescheinigung der Eltern und manchmal sogar deren Heiratsurkunde verlangt, und vieles mehr«, bemängelt er die nervenaufreibenden Komplikationen. Hat man es dann aber einmal geschafft, einen Praktikumsplatz zu finden und alle formalen Instanzen zu durchlaufen, ist der Weg frei für eine bereichernde Erfahrung.


Der Weg ins Partnerland

von Thomas Körbel, erschienen am 01.10.2005

www.dfjw.org
Das Deutsch-französische Jugendwerk fördert jährlich über 1000 Praktika in beiden Ländern in Form von Stipendien.

www.cidu.de
Hier gibt es umfangreiche Informationen zu Frankreich, Links zu Unternehmen und hilfreiche Literaturtipps.

www.dfh-ufa.org
Die Deutsch-Französische Hochschule bietet eine Jobbörse für ihre Studenten.

www.europaserviceba.de
Das Portal der Bundesagentur für Arbeit für ganz Europa (Deutschland eingeschlossen).

www.missioneco.org
Einfacher Download der Leitfäden mit französischen Unternehmen, die zweisprachige Praktikanten in Deutschland suchen.

www.uni-saarland.de
Hier kann man die Convention de stage der Universität des Saarlandes zum Eigengebrauch herunterladen.

www.francoallemand.com
Auch die Deutsch-Französische Industrie und Handelskammer bietet Hilfe bei der Praktikumsvermittlung im Ausland an.

www.career-contact.de
Erste Informationen und weiterführende Links.

www.daad.de
Der Klassiker für Forschungs-Aufenhalte

www.dfgwt.org
Für Praktikumsvermittlung im »Innovationsbereich« (Projektmanagement, Internationales Marketing für Hightech, Forschung und Entwicklung für Frankreich und Deutschland, begrenzte Zahl, dafür kostenlos).

www.dff-ffa.org
Forum für Stellenvermittlung und Studenten; online und in Strasbourg vom 30. November bis 1. Dezember 2007.



Sabine Seubert, eine französische Deutsche in der Dolmetscherkabine

von Céline Moison, erschienen im Juni 2005

Sabine Seubert ist, wie sie selber sagt, »vom Pass her Deutsche«. Sie wird in Deutschland geboren, bald aber folgt die ganze Familie ihrem Vater, der aus beruflichen Gründen nach Gien (in der Nähe von Orléans) gehen muss. Sabine Seubert ist zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt. Was ursprünglich für vier Jahre geplant war, wird viel länger dauern. Ihre gesamte Schulzeit verbringt sie in Frankreich. Mit 18 macht sie ein Doppelabitur, Abi + bac, ist perfekt zweisprachig und will Fremdsprachenlehrerin werden.

Heute ist sie Konferenzdolmetscherin für Französisch und Deutsch. Sie lebt seit längerer Zeit in Deutschland. Und genau deshalb besinnt sie sich immer mehr auf ihre französischen Wurzeln. »In Frankreich fühle ich mich zu Hause«, sagt sie und erinnert sich mit Freude an ihre Zeit dort. Es waren die 60 und 70er-Jahre. Gien war nicht gerade das, was man eine Metropole nennt. »Wir waren Stadtexoten«, erinnert sie sich belustigt. Keinesfalls negativ, die »Exoten« wurden  offen und herzlich aufgenommen und ihre Mutter fand schnell Freundinnen, die ihr Französisch beibrachten und sie in französische Sitten einführten.

Als die Familie später nach Paris zog, gingen die Kinder auf eine internationale Schule, auf der sie zweisprachig ausgebildet wurden und eine sehr schöne Zeit verbrachten, mit einer Ausnahme: ihre fast einzige deutschfeindliche Begegnung. Zwei junge Franzosen, die sie mit ihren Initialen hänselten: SS. Als der Schulrektor davon erfuhr, kam er eines Morgens in die Klasse und verwies die beiden augenblicklich von seiner Schule.

»Ich fand Dolmetschen spannend und eine intellektuelle Herausforderung«
Nach dem Abitur ging es aber zurück nach Deutschland. »Ich wollte unbedingt ins Lehramt. Sprachen zu studieren, das war das Einzige, was ich mir damals wirklich zutraute.« In der Schule angekommen, zerbrach der Traum. Der jungen Studentin fiel schnell auf, dass viele Lehrer sehr früh ihre Illusionen verlieren. Außerdem störte sie der enge curriculare Rahmen, der den Sprachenlehrern in der Schule zur Verfügung steht und somit wenig Platz für großartige Projekte lässt. Kurz gesagt hatte die begabte zweisprachige Studentin keine Lust, ihr ganzes Leben lang Kindern beizubringen, wie man die französischen Nasale ausspricht.

"Meine Fremdsprachen waren mir einfach zu schade", gibt sie zu. Sie schaute sich um und fand irgendwann das Richtige: Dolmetschen. »Ich fand es  spannend, eine intellektuelle Herausforderung.« Heute liefert sie eine etwas präzisere Definition des Dolmetschens: »Es ist eine ständige Anpassung an ganz unterschiedliche Situationen, an immer wieder neue Zuhörer und Zuhörerinnen und an wechselnde Themen.« Und eben darin besteht die große Schwierigkeit: »Wir müssen genau so kompetent klingen, wie die Referentinnen und Referenten, die natürlich sehr fachkundig und extrem gut  eingearbeitet sind. Wir aber müssen uns immer relativ kurzfristig in die Thematik einarbeiten und versuchen, uns in den anspruchsvollen Gedankengängen der Fachleute zurechtzufinden. Das ist natürlich die Schwierigkeit, aber eben auch das Spannende am Dolmetschen.«

Parallel dazu unterrichtet sie Dolmetschen an zwei Universitäten. Das »Lehrer-Gen«, wie sie es selber nennt, ist also wieder erwacht. Zum einen ist es für die viel beschäftigte Konferenzdolmetscherin ein schöner Ausgleich zum anstrengenden Trubel des Konferenzgeschehens. Zum anderen lebt nach wie vor die Lehrerin in ihr: »Dieses Vermitteln von gewissen Kenntnissen und Fähigkeiten finde ich einfach spannend.«

Das deutsch-französische Paar: eine gewisse Selbstverständlichkeit
Als Konferenzdolmetscherin ist Sabine Seubert außerdem Augenzeugin der deutsch-französischen Freundschaft und deren Entwicklung. Eines stellt sie fest: Diese besondere Beziehung zwischen den beiden Ländern ist kein Mythos geworden, sie lebt nach wie vor. »Es gibt sehr enge und sehr pragmatische Kontakte, die sich im Laufe der Jahre gefestigt haben.« Gerade in den Grenzregionen wie im Elsass und in Baden-Württemberg: »Da tut sich unheimlich viel, in unterschiedlichen Bereichen. Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen und die Franzosen zumindest hier in dieser Region selbstverständlich füreinander geworden sind. Viele auf beiden Seiten sprechen die Sprache des anderen, die Verwaltungen arbeiten eng miteinander, die Grenze ist nicht mehr zu sehen.«

Bei dem Thema kommt unvermeidlich auch die große Rolle der deutsch-französischen Verständigung für die Zukunft der europäischen Union auf. »Ich war vor kurzem bei einem Seminar, auf dem Deutsche und Franzosen sich darüber unterhalten haben, wie man mit den Gedenkstätten an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges gemeinsam erinnern und wie man damit umgehen sollte. Immer wieder kam der Appell, dass man bei  dem Bekenntnis zu Europa von der gemeinsamen Geschichte ausgehen müsse. Diese beinhaltet auch mehrere Kriege gegeneinander. Die Vergangenheitsbewältigung ist also ebenfalls Teil der gemeinsamen Geschichte. Man müsse sich erst offen zu der ursprünglichen Feindschaft bekennen, um sie dann endgültig zu überwinden. Heute stellen sich die Menschen die Frage: aus was besteht dieses ›nie wieder‹, und was können wir dafür tun?«

Das erinnert an die Geschichte des kleinen deutschen Mädchens, welches auf dem Schulhof von ungebildeten kleinen Jungen als SS beschimpft wird. Heute,  dreißig Jahre später, erinnert sie sich noch wortwörtlich an die Worte des Schulrektors, als dieser den ahnungslosen Jugendlichen eine Lektion erteilte. Aus dem kleinen Mädchen ist inzwischen eine Expertin der deutsch-französischen Beziehungen geworden, die weiß, wovon sie spricht.

Sie wird wieder gelöster, als das Thema »in Frankreich leben« aufkommt. Den größten Teil ihrer Kindheit hat sie in Frankreich verbracht. Wie wird es aussehen, wenn sie in Rente geht? »Vielleicht werde ich nach Frankreich zurückkehren, wenn ich aus dem aktiven Berufsleben aussteige.« Für eine bestimmte Stadt hat sie sich aber noch nicht entscheiden: »Frankreich ist schön. Ich könnte mir vorstellen, dass ich mir erst ein bisschen Zeit nehme, um das Land kreuz und quer zu bereisen und mich umzusehen, bevor ich eine Entscheidung treffe.«

Foto Sabine Seubert von Céline Moison, Dolmetscherkabine von Aurélie Daoulas



»Ich konnte bis zum Abitur kein Französisch!«

Hans-Walter Schlie–vom Jurastudium zu ARTE Straßburg

Ein Interview von Céline Moison, erschienen im März 2005

Hans-Walter Schlie ist Bereichsleiter für strategische Entwicklung und Koordinierung bei ARTE G.E.I.E. in Straßburg. Der gebürtige Hamburger, der mittlerweile seit 18 Jahren in Frankreich lebt, hat nicht nur geographisch einen langen Weg zurückgelegt. Als er Abitur macht, spricht er noch kein Französisch und studiert anschliessend Jura. Heute hat Herr Schlie eine wichtige Stelle bei ARTE inne und verfügt über hervorragende Kenntnisse der französischen Kultur, Sprache und Literatur. Wie kam es, dass der junge Jurist aus Hamburg zum deutsch-französischen Kulturspezialisten wurde? Es fing alles mit einer spontanen Reise von jungen Männern nach Paris an …

Hans-Walter Schlie, geboren sind Sie in Hamburg, studiert und promoviert haben Sie auch in Deutschland. Jedoch gingen Sie eines Tages nach Paris und sind seitdem in Frankreich geblieben. Wie hat das alles eigentlich angefangen?

Man könnte sagen, es war Zufall, oder es war Schicksal. Eigentlich habe ich bis zum Abitur kaum Kontakt mit Frankreich gehabt. Ich habe weder Frankreich gekannt, noch Französisch gekonnt. Dann fragte mich eines Tages ein Freund, ob wir nicht für ein paar Tage nach Paris wollten. Die Idee fand ich sehr lustig und so fuhren wir hin. Es war eine sehr lustige und wunderschöne Zeit. Wir verfügten über recht wenig Vokabular, aber das Wichtigste zum Überleben konnten wir, nämlich: »Mademoiselle« und »du rouge s‘il vous plaît !«. Ich kann mich daran erinnern, wie beeindruckt ich von Paris war. Ich nahm mir dann vor zurückzukommen, um diese faszinierende Stadt näher kennenzulernen. Damals war ich noch Jurastudent und kam auf die Idee, meine Referendarzeit in Paris zu absolvieren. Während des Studiums habe ich dann in der Abendschule Französisch gelernt und irgendwann war es soweit. Ich ging wieder nach Paris, wo ich bei einem Rechtsanwalt arbeitete. Damals wusste ich noch nicht, dass ich dort länger bleiben würde. Doch hatte ich das Glück, wunderbare Menschen kennenzulernen, mit denen ich eine hervorragende Zeit verbracht habe. Außerdem war ich immer faszinierter vom Pariser Leben. So beschloss ich dann mich bei der ENA (Ecole Nationale d‘Administration) zu bewerben und wurde angenommen. Ab diesem Punkt fängt meine eigentliche enge Beziehung zu Frankreich an.

Einige Jahre später waren Sie dann in einem anderen Berufsfeld tätig, nämlich der Kultur. Von 1988 bis 1991 waren Sie Chargé de mission für die Gründung des sogenannten »Europäischen Kulturkanals«. Wie kamen Sie dazu, bei der Gründung von ARTE mitzuwirken?

Als ich noch an der ENA studierte, hatte ich ein Praktikum im Kulturministerium absolviert, in dessen Rahmen ich unter anderem La Sept besucht hatte. Als ich mit dem Studium fertig  war, habe ich mich bei ihnen beworben und wurde angenommen. Die Zeit bei La Sept war besonders schön und ich habe sie sehr genossen.

Damals hatte Mitterrand gerade seine Initiative an Kohl vorgetragen, einen Kulturkanal gemeinsam mit Deutschland zu gründen. Es war ein Riesenprojekt und sehr viele Gesprächspartner nahmen an den Verhandlungen teil. Das muss man sich erst einmal vorstellen: französischer Zentralismus gegenüber dem deutschen Föderalismus. Auf einer Seite gab es ARTE France, das direkt unter dem Kulturministerium stand, auf der anderen Seite die regionalen ARD Anstalten, ZDF, sowie Vertreter der Bundesländer und der Bundesregierung. Mein Job als chargé de mission bestand also darin, Jérôme Clément, den Vorsitzenden von ARTE France, bei den Verhandlungen zu beraten, ich war so zu sagen »der Deutsche bei ARTE France«.

Sie erwähnten vorhin bereits Helmut Kohl und François Mitterrand, die für eine besondere, enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich stehen. Im Allgemeinen gelten seit Jahrzehnten die engen deutsch-französischen Beziehungen als einzigartig, sei es auf politischer wie auf kultureller Ebene. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach diese einmalige Bindung erklären?

Zu diesem Thema fallen mir immer zwei Bücher von François Mitterrand ein, die ich mit großem Interesse und Begeisterung gelesen habe, nämlich Freiheit ist wie die Luft zum Atmen und Über Deutschland, die ich jedem nur empfehlen kann. François Mitterrand beschreibt sehr eindringlich seine Beziehung zu Deutschland und wie sie entstanden ist. Dann erzählt er, wie er zu dem Bewusstsein kam, die beiden Völker zusammenzuführen. Er sah in dieser Aufgabe eine Art Berufung. Dieser Mann hatte eine Vision für die Zukunft der beiden Länder, die er durch Initiativen wie das Projekt von ARTE zu verwirklichen versuchte.

Beide Völker haben ja sehr viel gemeinsam, was wiederum in der Vergangenheit zu Rivalitäten führte. Es gab immer viele Verbindungen zwischen den Intellektuellen der beiden Länder, wie zum Beispiel Heinrich Mann oder Heinrich Heine, der eine Zeit lang im französischen Exil lebte. Deutsche Intellektuelle haben sich immer sehr intensiv mit Frankreich beschäftigt und die großen französischen Köpfe haben ihrerseits Deutschland auch immer bewundert. Dann gab es einige politische Fehlentscheidungen, die zu dem geführt haben, was wir ja kennen. Aber nach dem zweiten Weltkrieg begann eine neue Ära, in der beide Völker den Weg zueinander wiedergefunden haben und was gibt es denn Schöneres, als zwei Völker, die sich so schön ergänzen, wieder zusammenzuführen!

In der Nachkriegszeit haben sich die deutsch-französischen Beziehungen immer mehr verstärkt, sei es durch Städtepartnerschaften, Schüleraustausche oder die Gründung von deutsch-französischen Organisationen wie das Deutsch-Französische Jugendwerk. Seit einigen Jahren lernen jedoch immer weniger Schüler Französisch in Deutschland und Deutsch in Frankreich. Ende 2004 lief die Debatte in Frankreich, parallel zu der Ankündigung von François Fillons Schulreformen, ob in den Schulen Englisch als obligatorische erste Fremdsprache eingeführt werden sollte. Was halten Sie im Allgemeinen von dieser Haltung, Englisch auf Kosten anderer Fremdsprachen so sehr zu bevorzugen?

Solche Entscheidungen entsprechen nicht dem tatsächlichen Leben und dem täglichen Bedarf. Englisch ist sehr wichtig, weil es die Sprache des Handels, des Internet und der Finanzen ist. Jedoch ist Deutsch ebenso wichtig in Frankreich, denn Frankreich und Deutschland sind Nachbarn und haben in vielerlei Hinsicht intensive Austauschbeziehungen. Wie soll man da mitmachen können, wenn man die Sprache des Handelspartners nicht kann?

Deshalb bin ich dafür, dass die Kinder die Sprache des Nachbarn lernen. Und dies gilt nicht nur für Deutsch, sondern auch für Spanisch in Südwestfrankreich, Italienisch für die Regionen, die  Italien grenzen, usw. In Deutschland erleben wir dieselbe Situation. So ist zum Beispiel in Baden-Württemberg die Anzahl der Schulen, die Französisch als erste Fremdsprache anbieten, gekürzt worden. Dadurch sind enge Beziehungen zwischen französischen und deutschen Schülern entfallen, was eine Schande ist. Die Menschen sollten außerdem verstehen, dass gerade, wenn man als erstes Französisch lernt, es einem dann viel leichter fällt, Englisch zu lernen, zumal man in der heutigen Zeit überall mit Englisch in Berührung kommt.

Hans-Walter Schlie, Sie wohnen jetzt seit 18 Jahren in Frankreich. Denken Sie manchmal daran, später nach Deutschland zurück zu kehren?

ARTE ist ein sehr bereicherndes Abenteuer und ich genieße die Zeit hier. Jedoch könnte ich mir nicht vorstellen, später hier im Elsass zu bleiben. Aber Paris zum Beispiel, da könnte ich mir gut vorstellen, meine alten Tage zu verbringen.

Und Hamburg?

Sofort! Zu Hamburg habe ich noch sehr viel Kontakt und meine engsten Freunde leben weiterhin dort. Ich freue mich immer sehr, wenn ich hinfahren kann… Allerdings müsste ich erst einmal meine Frau dazu überreden.

Könnte man sagen, dass Frankreich Ihre neue Heimat geworden ist?

Meine »zweite« Heimat, nicht meine neue Heimat. Ich liebe nach wie vor Paris. Mittlerweile habe ich viele andere Regionen Frankreichs kennengelernt, wie die Bretagne oder das Baskenland, die wunderschön sind. Aber Paris bleibt die Stadt, mit der ich mich am meisten verbunden fühle.

 

Zur weiterführenden Lektüre
Über Deutschland, François Mitterrand, Insel Frankfurt, 1996
Originalausgabe:
De l‘Allemagne, de la France, François Mitterrand, Odile Jacob, 1996

Freiheit ist wie die Luft zum Atmen. Erinnerungen, François Mitterrand, Insel Frankfurt, 1997
Originalausgabe:
Mémoires interrompus, François Mitterrand, Georges-Marie Benamou, Odile Jacob, 1996

Foto von Camille Michel, ARTE G.E.I.E.

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Berufsportrait Auslandskorrespondent – »… das ist fast wie beim diplomatischen Dienst.«

von Alexandra Delvenakiotis, erschienen im Dezember 2004

Alexandra Delvenakiotis traf sich für rencontres.de mit dem ZDF-Korrespondenten in Paris, Stephan Merseburger, und der Korrespondentin und Leiterin des ARD-Studios Paris, Marion von Haaren, um über den Beruf des Korrespondenten zu sprechen. Eric Wishart, Chef-Editor der Agence France Presse, gewährte einen spannenden Einblick in den Alltag einer weltweit operierenden Nachrichtenagentur.

AuslandskorrespondentIn ist ein Traumberuf. So denken viele und stürzen sich in den Kampf um begehrte Praktika, Hospitanzen oder Volontariate, um vielleicht eines Tages journalistisch auch im Ausland arbeiten zu können. Jedoch wird nach wie vor das Berufsbild des Auslandskorrespondenten von Klischeevorstellungen beherrscht und der Schritt ins Ausland zieht einige Fragezeichen in Sachen Umsetzung mit sich.

»Beim Fernsehen ist das fast wie beim diplomatischen Dienst: Wo man als Journalist hingeht, dass hat man nicht selber zu bestimmen, das entscheiden andere« so Stephan Merseburger, seit März 2003 Korrespondent im ZDF-Studio Paris. Der 1964 in Brüssel geborene Sohn einer Französin und des renommierten Fernsehjournalisten und Spiegel-Korrespondenten Peter Merseburger fand erst nach und nach Gefallen am journalistischen Arbeiten. »Als ich im Rahmen meines Politikstudiums an der Uni Hamburg an einer Zeitschrift mitarbeitete, die sich Frankreich Akzente nannte, in der man sich sowohl um den kreativen Teil als auch um das Layout oder die Finanzierung kümmern musste, war der Wunsch, später einmal als Auslandskorrespondent mein Geld zu verdienen, noch gar nicht vorhanden. Zwar konnte ich mir durchaus vorstellen in Frankreich zu arbeiten, aber planen kann man so etwas einfach nicht.«

Es folgte im Rahmen eines integrierten Auslandstudiums, angeboten vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft in Berlin, das Science-Po-Studium an der Sorbonne Paris. Nach einem längeren Praktikum beim Fernsehen und anschließender freier Mitarbeit erkannte Stephan Merseburger schnell, dass gerade die geforderte Verknappung, die Fernsehjournalismus bedeutet, also die Reduzierung von Komplexität und das Begreifbarmachen von komplizierten Sachverhalten, ihm durchaus lag und Spaß machte. Nach seiner Arbeit als Redakteur in der ZDF-Redaktion Außenpolitik seit 1998 und zahlreichen Studiovertretungen unter anderem in London, Washington D.C. und Tel Aviv, folgte letztendlich der berufliche Schritt nach Paris. »Ausland bedeutet beim Fernsehen: Einer von den Wenigen zu sein, die das Glück haben. Dabei steht die Erfahrung und das handwerkliche Können im Vordergrund. Man muss nicht nur mit dem Zeitdruck fertig werden, sondern die einzelnen Nachrichtenformate müssen sitzen: Reportage, genauso wie Dokumentation oder Kurzmeldung. Da ist die Liebe oder das Faible für ein bestimmtes Land eher zweitrangig.«

Doch sind in Vorbereitung auf den Gang ins Ausland Fremdsprachen sicherlich ein unbestreitbares Plus. »London oder Washington sind durch die Weltsprache Englisch überhaupt kein Problem. Anders sieht es da auf dem Propagandaschlachtfeld zwischen Israelis und Palästinensern aus. In Tel Aviv oder Jerusalem ist man dann als Korrespondent glücklich, dass es Zeitungen wie die Jerusalem Post auf Englisch gibt.« Sprachen seien sehr wichtig, doch kein ausschließliches Kriterium, so Merseburger, um als Journalist den Sprung ins Ausland zu schaffen, schließlich schicke man ja keine »Sprachwissenschaftler« in Krisenregionen. Da zähle vielmehr Schnelligkeit, Präzision und neben einem gewissen Organisationstalent auch technisches Geschick zur Übermittlung der Informationen an die Redaktion.

Auch die Studioleiterin des ARD-Büros in Paris, Marion von Haaren, erfährt unmittelbar durch die täglichen Anfragen junger Journalisten die meist falschen Vorstellungen, die mit dem Beruf verknüpft sind: »Oft wird der Beruf des Auslandkorrespondenten mit Klischees nur so überhäuft. Es gibt genauso Alltag, Frust und Auseinandersetzung in Sachen Themenwahl. Wir machen hier pro Monat etwa ein bis zwei Stunden Programm. Frankreich ist unser Nachbarland, einer der größten wirtschaftlichen Partner, aber nach wie vor richtet sich die Aufmerksamkeit in Deutschland stark auf den angelsächsischen Markt. Interessant speziell an Frankreich ist die trotz der ähnlichen politischen Grundregeln, unterschiedliche Umgangsart mit Problemen politischer oder sozialer Natur.« Dies, so Marion von Haaren, war auch der Ansatzpunkt für ihre beruflichen Schritte.

Nach zwanzigjähriger Erfahrung im Inland stand nicht die Frage nach einem bestimmten Arbeitsort im Mittelpunkt, sondern die Frage: »Wie geht man im europäischen Ausland mit bestimmten Problemen um?« Wenn man im Ausland arbeiten möchte, sei diese Frage nicht an dem Beruf des Journalisten festzumachen, so von Haaren. »Man muss heute andere Wege finden, wenn man wirklich außerhalb Deutschlands arbeiten möchte. Durch die Übersättigung des Marktes rate ich den Berufsanfängern, sich auch mal andere Berufsfelder anzuschauen.« Der Schlüssel zum Erfolg sei hier in jedem Fall, sich einen inhaltlichen Schwerpunkt zu suchen, ein bestimmtes Interesse zu pflegen. Dies können Bereiche aus den Naturwissenschaften oder den Geisteswissenschaften sein, so von Haaren, was zähle, sei sich von den Klischees freizumachen, der Beruf des Journalisten und insbesondere des Auslandskorrespondenten sei gleichzusetzen mit Glamour und gesellschaftlicher Akzeptanz. Halte man als junger Mensch nicht an Klischees oder einem Image fest, sondern bleibt wachsam für andere berufliche Nischen, so spare man sich im Zweifel eine Menge Enttäuschungen.



Traumberuf: Auslandskorrespondent?

von Alexandra Delvenakiotis, erschienen im Dezember 2004

Eric Wishart, Chef-Editor der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP), im Gespräch mit rencontres.de über den Beruf des Auslandskorrespondenten

rencontres.de: Herr Wishart, AFP gehört neben Reuters und Associated Press zu den so genannten »world agencies«. Sie sind verantwortlich für die globale redaktionelle Produktion von AFP. Nach zehnjähriger Tätigkeit für die britische Presse kamen sie 1984 nach Paris. Als Korrespondent für den Mittleren Osten arbeiteten Sie in Nicosia, später in Hongkong und wurden 1999 zum ersten nicht-französischen Chefredakteur der AFP. Sie sind verantwortlich für ein Netzwerk aus 2000 Journalisten, die in sechs verschiedenen Sprachen arbeiten. Erklären Sie mir den Beruf Auslandskorrespondent aus Ihrer Sicht.

Eric Wishart: Alle fünf Jahre wechseln bei uns die Korrespondenten das Land. Das hat unter anderem den Vorteil, nicht »arbeitsblind« zu werden, und die Grenzen zu der fremden Kultur nicht verwischen zu lassen. Aber auch in diesem Berufszweig gibt es Unterschiede. Wenn Sie auf den einsamen Wolf anspielen, der ungebunden durch die Welt reist um zu berichten, muss ich Sie enttäuschen. Wir haben hier genauso Journalisten mit Familie oder auch welche, die ganz und gar nicht außerhalb ihres Landes arbeiten möchten.

So schnell trenne ich mich nicht von meinem Bild eines Korrespondenten. Wie sieht das konkret am Beispiel Irak aus?

Es meldeten sich an die 100 Freiwillige, die in den Irak wollten, um zu berichten oder für unsere Bildagentur zu arbeiten. Das ist sicherlich ein großes Risiko, deshalb werden diese Krisenreporter auch erst einmal in Sachen Erste Hilfe trainiert, um unter extremen Bedingungen zu arbeiten, aber auch im schlimmsten Falle ihr Leben zu retten.

Sie fällen in solchen Momenten die entscheidenden Entschlüsse. Was bewegt einen Journalisten als Krisenreporter in das brodelnde Zentrum von Krieg und Terror zu gehen? Ist es die gesteigerte Form des Wunsches am Puls des Geschehens zu sein?

Nein, es ist primär die Story, die man liefern kann, die reizt. Nicht die Abenteuerlust, nicht das Gefühl, Teil des Zeitgeschehens zu werden. Der Antriebsmotor würde ich sagen, ist die Story, die einen nach vorne bringen kann.

Welches sind die begehrtesten Länder für die meisten Auslandskorrespondenten? Gibt es da eindeutige Favoriten?

Die Eindrücke europäischer Länder, soviel kann ich aus eigener Erfahrung sagen, gleichen sich nach einer Weile. Anderes gilt für den asiatischen Raum. Dort gibt es noch unglaubliches zu entdecken. Besonders gefragt unter Journalisten ist Südafrika oder der arabische Raum. Aber egal welches Land, die Liebe zum journalistischen Arbeiten muss die gleiche sein, dann erst entsteht glaubwürdige und unabhängige Berichterstattung.

 

Fotos von Alexandra Delvenakiotis


Beruf: Auslandskorrespondent

von Mira Manck, erschienen im Dezember 2004

Tätigkeitsfeld
Auslandskorrespondenten sind bei Presse, Radio, Fernsehen und Nachrichtenagenturen beschäftigt. Sie arbeiten im Ausland für ihre Heimatredaktionen und können als Angestellte, aber auch freiberuflich tätig sein. Ihre Aufgabe besteht darin, die Öffentlichkeit über Tatsachen und Geschehnisse im entsprechenden Ausland zu informieren, aufzuklären und zu unterhalten. Meist sind sie für ein bestimmtes Gebiet oder ein Land zuständig, in dem sie sich dann auch dauerhaft aufhalten. Der Einsatz in einem Land ist auf höchstens fünf bis sieben Jahre beschränkt, um garantieren zu können, dass die Verbindung zur Heimatredaktion nicht abreißt. Natürlich nehmen die Journalisten und Reporter für ihren Auslandseinsatz ein erhöhtes Risiko in Kauf; insbesondere dann, wenn es sich um ein Krisengebiet handelt, oder wenn die Meinungs- und Pressefreiheit nicht garantiert sind. Die Auslandskorrespondenz muss für den einheimischen Sender immer abrufbereit sein. Zeitverschiebungen und technische Probleme müssen überwunden werden.

Vorraussetzungen
In der Regel werden für den Zugang zur Tätigkeit als AuslandskorrespondentIn eine Ausbildung an einer Journalistenschule, oder ein journalistischer Studienabschluss sowie Berufserfahrung und ein Volontariat gefordert. Sehr gute Fremdsprachenkenntnisse sowie umfangreiches politisches und kulturelles Wissen über die jeweilige Region sind Voraussetzung. An die technischen Fertigkeiten beispielsweise hinsichtlich Schnitt- und Übertragungstechnik werden hohe Anforderungen gestellt. Nicht zuletzt ist für viele Einsätze auch körperliche Fitness und Belastbarkeit gefragt.

 

 

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