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Johanna Heinen, Gründerin und langjährige Chefredakteurin von rencontres.de, erzählt von den Anfängen, der Entwicklung und dem Ende eines erfolgreichen, bilingualen Internetprojekts.

Welche Verbindung hattest du zu Frankreich und wie bist du 2003 auf die Idee gekommen, rencontres.de zu gründen? 

Ich hatte schon immer eine Vorliebe für die französische Sprache und Kultur, zudem bin ich, so könnte man sagen, ein echtes europäisches »Produkt«. Aufgewachsen bin ich in Süddeutschland, in einem finnisch-luxemburgischen Elternhaus. Nach einem Au-pair-Aufenthalt in Paris und einem Jahr als Französischlehrerin in Neuseeland, zog ich in Deutschlands Multikultistadt Berlin. Dort wurde ich in die interdisziplinären Frankreichstudien an der Freien Universität aufgenommen und habe rencontres.de 2003 in meinem zweiten Studienjahr gegründet.

Meine Motivation ergab sich aus der Feststellung, dass es eine echte Lücke im Franco-allemand gab: Eine Publikation, die über alle Themenbereiche unseres interdisziplinären Studiengangs berichtet und dabei alle Artikel in beiden Sprachen veröffentlicht. Daher beschloss ich, selbst ein solches Magazin zu gründen. Gleichzeitig wollte ich bereits neben dem Studium einschlägige Berufserfahrungen sammeln.


Wie hast du die ersten Mitarbeiter gefunden und welche Hürden mussten bis zur Veröffentlichung der ersten Ausgabe überwunden werden? 

Mitarbeiter zu finden war recht einfach. Berlin ist eine frankophile Stadt mit mehr als 13.000 französischen Einwohnern. Auf meine Mitarbeitergesuche, die ich an allen Berliner Universitäten aufhängte und über die E-Mail-Verteiler der verschiedenen Fachbereiche schickte, hatte ich große Resonanz. Das erste Redaktionstreffen fand noch mit nur sieben Personen aus den Frankreichstudien statt. Wir saßen damals einfach auf dem Teppichboden vor dem Sportlercafé der FU Berlin. Wenige Wochen später zählte unsere Redaktion bereits mehr als 35 Studenten, darunter Romanisten, Politikwissenschaftler und Erasmusstudenten aus verschiedenen französischsprachigen Ländern, und unsere Treffen füllten nun einen ganzen Seminarraum aus. 

Mit sehr viel Glück fanden wir ein junges Multimediaunternehmen, das unsere Webseite kostenlos programmierte und einen Buchhalter, der bei den Behördengängen für die Vereinsgründung behilflich war. Darüber hinaus waren einige professionelle Journalisten und Übersetzer im Boot, die uns mit hervorragenden Beiträgen unterstützten.

Der Weg war anfangs dennoch steinig. Fast acht Monate vergingen, bis unsere erste Ausgabe online war. Der anfängliche Plan, eine gedruckte Zeitschrift auf den Markt zu bringen, zerschlug sich rasch. Als junge Studenten hatten wir weder die Zeit noch die finanziellen Mittel, um ein solches Projekt erfolgreich umzusetzen. 

Das Internet bot uns Flexibilität, geistige Unabhängigkeit und die Möglichkeit, mit geringen Kosten zu veröffentlichen, ohne an Qualität einzubüßen. Unsere Ausgaben deckten wir mit einem jährlichen Vereinsbeitrag von 15 Euro pro Mitarbeiter. 

Da die meisten von uns nur wenig Berufserfahrung hatten, entwickelten wir zur Qualitätssicherung ein zehnstufiges gegenseitiges Korrektur- und Kontrollsystem. Jeder brachte so seine Stärken in das Projekt ein und konnte sich gleichzeitig auf einem neuen Terrain ausprobieren. 

Bis wir alle Artikel für eine erste Ausgabe geschrieben und übersetzt hatten und die Seite programmiert war, verging jedoch viel Zeit, in der wir wie die Wilden arbeiteten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich die ganzen folgenden Semesterferien als frischgebackene Chefredakteurin von früh morgens bis tief in die Nacht Artikel übersetzte und lektorierte. Wir verloren während dieser Monate mehrere Mitarbeiter, die schnell veröffentlichen wollten oder den zeitlichen Aufwand nicht mit ihrem Studium vereinbaren konnten. Gleichzeitig gewannen wir aber hochmotivierte Studenten und professionelle Mitarbeiter dazu, die sich für unser ambitioniertes Projekt begeisterten.

Am 1. Juni 2004 ging schließlich die erste Ausgabe von rencontres.de online. 


Schon 2006 wurde das Magazin mit dem Deutsch-französischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Wie hat sich rencontres.de nach der ersten Ausgabe entwickelt? 

Nach einem Jahr hartnäckiger Arbeit, Ende 2004, kam der Erfolg dann schlagartig und unsere Mühen zahlten sich aus. Die Zentrale von rencontres.de zog mit mir nach Paris um, wo ich ein Jahr an der Ecole Normale Supérieure verbrachte – ein Stipendium, das ich zum Teil sicherlich auch aufgrund meiner Tätigkeit für rencontres.de erhielt. In Paris beteiligten sich sehr engagierte Studenten der ENS und des Pariser Politikinstituts IEP sowie junge deutsche Übersetzer an der Redaktion. Während dieses Jahres erhöhte sich die Mitarbeiterzahl auf mehr als 150.

2005 entwarf rencontres.de seine erste gedruckte Werbekampagne. Dafür knüpften wir Partnerschaften mit wichtigen Akteuren wie arte, dem Saarländischen Rundfunk, der Deutsch-französischen Hochschule (DFH), dem Deutsch-französischen Jugendwerk (DFJW), den Goethe-Instituten, dem Institut Français, den Deutsch-französischen Häusern und den France- und Deutsch-Mobilen. Tausende von Flyern, Plakaten und Aufklebern wurden von unseren Partnern und Mitarbeitern in mehreren Städten in Frankreich und Deutschland verteilt. In diesem Jahr nahm rencontres.de erstmals als Aussteller am Deutsch-französischen Forum in Straßburg teil, das von der Deutsch-französischen Hochschule organisiert wird. 

Im Jahr darauf, 2006, erweiterten wir dank der finanziellen Unterstützung des DFJW unser Angebot um eine zweite Webseite. Diese richtete sich an Schüler im Alter von sechs bis 17 Jahren und bot online Sprach- und Geografiespiele, Kulturtipps, Brieffreundschaften und die Teilnahme an redaktionellen Wettbewerben im Klassenverband. 

Das Jahr 2006 zeichnete sich insbesondere durch zwei Höhepunkte aus: rencontres.de erhielt den Deutsch-französischen Journalistenpreis und das Europäische Sprachensiegel. Der Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, der damals Bevollmächtigter für die kulturellen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland war, wurde unser Schirmherr. Ich war außerdem mit rencontres.de Finalistin des Wettbewerbs junger Talente der Stiftung Jean-Luc Lagardère in der Kategorie Internet und präsentierte unser Projekt vor einer namhaften Jury in Paris. 

2008 haben wir neue Wege beschritten. rencontres.de verließ die virtuelle Welt und organisierte seine erste Kulturveranstaltung. Das bilinguale Puppentheater für Grundschüler "Karl Toffel & Jeannette la Baguette", für das wir junge Künstler aus beiden Ländern engagierten, wurde unter anderem von der Robert Bosch Stiftung und dem DFJW unterstützt und gab mit großem Erfolg 17 Vorstellungen am Institut Français in Berlin, am Goethe Institut in Paris und in Saarbrücken. 


Warum müssen wir uns heute von rencontres.de trotz dieses großen Erfolgs der vergangenen sieben Jahre verabschieden und was sind deine Zukunftspläne?

Wir stoßen heute an die Grenzen eines Projekts, das auf ehrenamtlicher Vereinsarbeit beruht. Die Ressortleiter befinden sich teilweise schon in der dritten und vierten Generation, da dieses Ehrenamt in leitender Position zeitlich nur schwer mit dem Berufs- und Familienleben vereinbar ist. 

rencontres.de ist ein Projekt von und für Studenten und junge Berufstätige, die Erfahrungen sammeln, Referenzen erlangen und sich beruflich im deutsch-französischen Bereich orientieren möchten. Darin hat sich rencontres.de auch vielfach bewährt. 

Trotz unverändert hoher Autoren- und Übersetzeranzahl in der Redaktion, wird es jedoch immer schwieriger, engagierten Nachwuchs für die Ressortleiterposten zu finden. Die Bachelor-Master-Umstrukturierung verlangt den Studenten ein wesentlich strafferes Programm ab. Dies lässt kaum noch Zeit für einen Nebenjob oder ein Ehrenamt, während unsere früheren Ressortleiter oft beides neben dem Studium bewältigen konnten. Ein weiterer Punkt ist die Entwicklung des Mediums Internet: Anfang 2000 steckte dieses noch in den Kinderschuhen und wir waren mit einem einfachen und übersichtlichen Layout zufrieden. Ohne Web-2.0-Funktionen wird man den Gewohnheiten und Erwartungen der jungen Internet-User jedoch nicht mehr gerecht.

Wir haben uns 2006, gestärkt von unserem Erfolg und an der Schwelle zum Berufsleben, um finanzielle Unterstützung in Hinblick auf die Schaffung einiger fester bezahlter Stellen und die Aktualisierung unseres Layouts bemüht. Dies war jedoch leider vergeblich. Heute haben wir bereits andere berufliche Wege eingeschlagen, die nur schwer mit einem großen ehrenamtlichen Engagement vereinbar sind. Dennoch haben wir alle unheimlich viel von rencontres.de für unseren beruflichen Werdegang gelernt und anhand der Referenzen profitiert. Vermutlich hätte die Kommerzialisierung von rencontres.de auch den Esprit des Projekts und des Teams zerrüttet. 

Die kommenden sechs Monate werde ich mich ganz dem Abschluss meiner deutsch-französischen Promotion widmen und anschließend meine akademische Laufbahn weiterverfolgen. Mein Forschungsthema ist meine zweite Leidenschaft neben dem Kulturmanagement. Ich habe jedoch bereits neue interkulturelle Projekte im Kopf, von denen ich noch nicht allzu viel verraten möchte – nur so viel, dass auch Karl Toffel & Jeannette la Baguette ihr großes Comeback erleben werden. 

Bis Ende 2011 wird den Lesern noch der Schatz an gesammelten Artikeln und Hördateien der vergangenen sieben Jahre von rencontres.de kostenlos auf dieser Seite zur Verfügung stehen. Ich wünsche daher allen viel Spaß beim Schmökern auf rencontres.de und freue mich auf ein baldiges Wiedersehen im Franco-allemand!


Danksagung 

Ich möchte all jenen im Namen der Redaktion danken, die rencontres.de die vergangenen Jahre unterstützt haben oder ein Stück des Weges mit uns gemeinsam gegangen sind. 

An erster Stelle danke ich Céline Moison, die die Redaktion fünf Jahre lang mit mir geleitet und zahlreiche Projekte zum Erfolg geführt hat. Zum Vorstand und Organisationsteam zählten zudem Agathe Kiel-Demartial, Dominik Haile, Anika Bethan, Stephanie Hesse und Jenny Großkopf, die das Amt des Kassenwarts oder des Schriftführers übernahmen, unser Postfach täglich bearbeiteten, Ressortleitertreffen organisierten, unser Netzwerk ausbauten und die Redaktion bei allen wichtigen Angelegenheiten mit Rat und Tat unterstützten. 

Die Ressortleiter bilden das Herzstück der Redaktion. Sie übernahmen die Verantwortung für die fristgerechte Veröffentlichung und inhaltliche Qualität der Artikel und haben dabei wahren deutsch-französischen Teamgeist bewiesen. Tatsächlich ist jede einzelne Ausgabe während dieser sieben Jahre stets pünktlich zum 1. und 15. eines Monats erschienen. Gab es eine Panne, fand sich stets ein Kollege, der freiwillig eine Nachtschicht schob. Viele der Ressortleiter organisierten neben ihrem Posten Messestände, Werbekampagnen, Redaktionstreffen, betreuten Praktikanten und veröffentlichten zahlreiche eigene Artikel. Daher mein voller Respekt und Dank an Sina Tschacher (Politik), Mira Manck (Wirtschaft, Frankophonie, Erlebtes und Veranstaltungstipps Saarbrücken-Nancy), Manuela Wolter (Lebensart), Felicitas Schwarz (Kunst), Christina Felschen (Horizonte/Un Monde), Thomas Körbel (Geschichte und Wirtschaft), Elise Landschek (Musik), Sophie Rudolph, Juliane Seifert und Kerstin Gallmeyer (Gesellschaft), André Glasmacher (Theater und Literatur), Christiane Lötsch (Film), Mélanie Julien, Myriam Louviot und Azyadé Bekhladar (Schülerseite), Mona Hornung (Erlebtes), Stephanie Hesse (Film), Isabelle Hummel (Politik), Sarah Nekola (Kunst), Miriam Schulte (Theater), Juliane Keusch (Literatur), Erika von Bassewitz (Lebensart) und die Koordinatoren der Kulturtipps Lucile Chartain (Paris), Alain le Treut und Katharina Voss (Berlin), Jasmin Welter (Bonn) und Judith Féaux de Lacroix (Saarbrücken-Nancy). 

Ohne die Autoren gäbe es natürlich auch kein Magazin. Leider kann ich an dieser Stelle nicht alle Namen nennen – es waren mehr als 300. Aber ich möchte insbesondere Anne-Solène Rolland, Klaus SpeidelNadja Dumouchel und Bineta Diagne danken. 

Ohne unsere Lektoren und Übersetzer hätten unsere Artikel jedoch nicht die sprachliche Qualität erreicht, auf die wir sehr stolz sind. Auch sie haben nicht selten Artikel in letzter Minute und zu ungewöhnlichen Stunden bearbeitet. Daher ein ebenso großer Dank an die Gründungsmitglieder Pierre Bergeot und Dominik Haile, sowie Helene Greubel, Odile Zeller, Céline Maurice, Andrea Razafintsalama, Magalie Karee, Sylvie Lagnous und ihren ganzen Teams. 

Ich danke zudem meinen ehemaligen Kommilitonen der Frankreichstudien und der FU Berlin, die das Projekt mit mir auf die Beine gestellt haben, vor allem Hilka Dierker und Pierre Bergeot

Besonderer Dank gilt auch Alexander Augsten, der von der ersten bis zur letzten Ausgabe unser Grafikdesigner und Webmaster war, Jakob Jablonski, der uns bei der Vereinsgründung behilflich war, sowie Bytepark und Hendrik Sand für die Programmierung unserer Webseite und Raymond Heinen für seine Hilfe bei der Vereinsverwaltung und die vielen wertvollen Ratschläge.

Dank gilt auch dem Team des bilingualen Puppentheaters Karl Toffel & Jeannette la Baguette: Johann Boehncke, Camille Holweger, Kalma Streun, Elisabeth Jahn, Lucie Fayard und allen Helfern. Wir haben großartige Momente zusammen erlebt. 

Ich danke abschließend im Namen der gesamten Redaktion insbesondere unseren treuen Lesern und unseren Partnern und Förderern, besonders dem Deutsch-französischen Jugendwerk, arte, dem Saarländischen Rundfunk, der Deutsch-französischen Hochschule, der Fondation Entente Franco-allemande, dem Goethe-Institut in Paris und dem Institut Français in Berlin, der Robert-Bosch-Stiftung und der Connexion Française.

 

Fotonachweise:

Foto 1: privat, Johanna Heinen

Foto 2: privat, rencontres.de-Stand auf dem Deutsch-französischen Forum 2005, Straßburg

Foto 3: privat, rencontres.de-Redakteure im Gespräch mit Ulrich Wickert

Foto 4: privat. rencontres.de-Ressortleitertagung 2006, Berlin

 

 

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